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Nr. 302.

Erster Jahrgang.

1. Beilage.

Dienstag, 28. November 1911.

Am Scheideweg der Liebe.

Die „EhescheidungSmühle" von Reno.

(Von unserm Korrespondenten.)

Newyork, im November.

Die Moralisten wettern gegen R e n o in Nevada, die „Ehefcheidungsmühle" der Ver­einigten Staaten, und sagen, daß wegen des bösen Beispiels, das es gibt, wie Sodom und Gomorra vom Erdboden vertilgt werden müß­te. Aber die „Reno Mill", wie man den Ge­richtshof derEhescheidungsstadt getauft hat, setzt unbeirrt ihre Tätigkeit fort und küm­mert sich nicht im geringsten um die scharfen Kritiken ihrer Gegner. Sie macht ausgezeich­nete Geschäfte und bringt auch Wohlstand über die Stadt, in der sie ihren Sitz hat. Männ­lein und Weiblein, die sich durch die ehelichen Bande irgendwie behindert fühlen und sie gern abschütteln möchten, brauchen nur nach Reno zu pilgern. Die Gesetze des Staates Nevadg zeigen sich nämlicb Scheidunaslusti- gen gegenüber sehr liberal: Wer sechs Monate im Lande lebt, kann ohne weiteres und ganz schmerzlos von seinem Gemahl geschieden wer­den. Scheidungsgründe, die von anderen Ge­richten für töricbt und lächerlich erklärt werden würden, gelten für die Richter von Reno als vollwertig. ES herrscht dort sozusagen ein automatisches Scheidungsverfahren. Eine Frau, die mit ihrem Schicksal nicht ganz zufrie­den ist, sagt eines schönen Tages mit ironi­schem Lächeln: „Lieber Mann, ich reise nach Reno!" Der Mann weiß dann sofort, daß dies der Anfang vom Ende ist. Der Aufenthalt in der Scheidungsstadt ist gar nicht unangenehm. Reno liegt in einer malerischen Gebirgsland­schaft, die Gelegenheit zu

zahlreichen, romantischen Bergpartien bietet. Mer oder fünf gutgeleitete Hotels ge­währen den am Scheidewege stehenden Herr­schaften alle erdenklichen Bequemlichkeiten. Die scheidungslustigen Herren und Damen bilden eine Kolonie für sich, die sich von den Ortsbe­wohnern in auffallender Weise abhebt. Die letzteren sind in ihrer Mehrheit Kaufleute, Krä­mer und Handelsagenten; außerdem gibt es unter den Bürgern der Stadt eine beträchtliche Anzahl Gastwirte, in deren nicht immer ganz einwandfreien „Salons" in etwas wilder Weise gejeut wird. Die verrohten Grubenar­beiter und Edelmetallsucher aus den Bergwer­ken der Umgegend kommen nach Reno. um hier den Goldstaub, den sie gefunden haben, oder ihren ganzen, nicht unbeträchtlichen Wochenlohn auf eine Karte zu setzen. Karten und Würfel feiern hier niemals, und manchmal ist bei die­sen „Unierhaltungsspielen" der Revolver Trumpf: Wenn der Whisky die Geister ein wenig erhitzt hat, kommt es fast immer zu Skandalen, die mit einer kleinen Schieße­rei endigen. An Markttagen erscheinen hin und wieder waschechte „Cowbovs" in ihrer ori­ginellen Tracht, die in das Stadtbild eine neue reizvolle Nuance bringen. Eine ganz hervor­ragende Rolle in der Stadt spielen die Herren, die in Juristerei machen: Sie locken das ganze Jahr hindurch, hauptsächlich aber während ter schönen Sommermonate,

Opfer für die Scheidungsmühle herbei. Man läßt sich im Lenze und in den Ta­gen der Rosen viel lieber scheuen, als während der rauhen Winterszeit, die die Gipfel der Sierra mit einem Eis- und Schneemantel bedeckt. Wenn man sich an einem schönen Julimorgen auf dem Bahnhof von Reno umsteht, wird man auf dem Bahnsteig immer eine Serie mehr oder minder hübscher Frauen versammelt finden. Die Ebe- scheidungskandidatinnen finden sich hier ein, um bei der Ankunft der transkontinentalen ■HEBBBBöHRMa

Schnellzüge ein paar Minuten mit guten Be­kannten zu plaudern, oder auch um intereffante Neuigkeiten zu hören. Man schwätzt, man lä­stert, man erzählt sich pikante Geschichten: „Wo­her kommt denn die da? Und fene dort? Wie steht es um den Prozeß der Frau X? Was hal­ten Sie von der Sache der armen Frau Z.? Was sagen Sie nur zu dem neuesten Abenteuer der Frau B.? Alle Skandalgeschichten, alle Ehe­brüche, alle Intimitäten von drei- und mehr- eckigen Verhältnissen werden in Reno erzählt, besprochen, kritisiert. Ja, die Ehescheidungs- iudustrie äußert sich hier noch in ganz anderer Weise: Die Herren Rechtsanwälte von Reno sind immer auf dem Kundenfang und wenden,, um sich eine gute Klientel zu sichern, gar seltsame Mittel an. Ein besonders tüchti­ger, das heißt geschäftstüchtiger, Anwalt liest Tag und Nacht in den

Zeitungen des Westens und Ostens

die Heiratsanzeigen, erkundigt sich eingehend nach der finanziellen Lage der Neuvermählten und sendet ihnen dann ein sehr lehrreiches Büch­lein. Die Liebenden (wenn sie-die Sendung des Anwalts erreicht, sind sie es gewöhnlich noch) erfahren aus dem Büchlein, daß sie, wenn die Gefühle, die sie füreinander hegen, sich eines bösen Tages ändern sollten, in einer leicht zu erlangenden Ehescheidung ein unfehlbares Mit­tel gegen alles Ehcleid finden. Nach dieser freundlichen Einleitung werden in leicht faß­licher Weise die Ehescheidungsgesetze des Staa­tes Nevada und das Verfahren, das man in Ehescheidungsfällen einzuschlagen hat ausein­andergesetzt. Nach Reno kommen Angehörige der'beften Kreise, um an sich die Eheschei- dungsoperationcn vornehmen zu lassen. Man darf daraus nicht schließen, daß der Staat Ne­vada hinsichtlich der Zahl der Ehescheidungen den Rekord hält. An der Spitze marschiert viel­mehr der Staat Washington mit einem Durchschnitt von 513 Ehescheidungen auf 100 000 Einwohner. .Es folgen dann Montana, Ar­kansas und die andern Staaten der Union bis hinunter zu dem freundlichen Virginia, wo man die Ehescheidung kaum dem Namen nach kennt: die Leute sind hier nämlich „noch nicht vollstän­dig zivilisiert". Reno steht auf der ominösen Liste als dreizehnte Ehescheidungsstadt; bezüg­lich der Qualität der Ehescheidungen aber kommt ihm keine andere Stadt des Landes gleich. Um gerecht zu fein, müssen wir hinzu­fügen, daß man sich in Reno ebenso

flott wieder verheiratet,

wie man sich flott scheiden läßt. Geschiedene Männer und Frauen beginnen im Angesicht der herrlichen Berge, die die Stadt umrahmen, neue Liebesromane. Von hundert Damen, die hier die gesetzlich vorgeschriebenen sechs Monate verbringen, um sich von einem zur Qual ge­wordenen Mann zu befreien, sind mindestens sechzig von einem „cavalier servente", von dem neuen Erwählten, begleitet. Die „Mühle" von Reno spielt also im amerikanischen Leben nick>t bloß eine negative Nolle. Sie hat zwei Aus­gänge. lieber der einen Tür liest man „E h t - schetdungen", über der andern „Wieder­verheiratungen". Die „Reno Mill" ge­horcht also dem in neuerer Zeit so beliebt ge­wordenen Gesetz der Kompensationen. Und das ist gut so. Man muß bedenken, daß in den Vereinigten Staaten von 1896 bis 1906 nicht weniger als 945 625 Ehescheidungen ausge­sprochen worden sind, und die nächsten Statisti­ken dürften mit noch bedrohlicheren Zahlen auf­warten können. Von den Männern, die nach Reno kommen, sind, wie gleichfalls statistisch nachgewiesen wurde, am scheidungslustigsten die Schauspieler und Dramatiker; es folgen dann die Geschäftsreisenden, daraus die Musiker und die Künstler, weiter die Berzte und die Chirurgen, nach ihnen die Bankiers, die

OK

Ingenieure und die Geschäftsleute, die be­kanntlich am kühlsten und besonnensten sind. Dr, M. Se

Aus aller Welt.

Sie LSberitzer Flieger-Katastrophe.

Der Absturz des zur Militärfliegerabtei­lung in Döberitz kommandierten Feldartil- lerieleutnants Freiherrn Hans von Frey, tag - Loringhofen, der (wie wir schon kurz berichtet haben) den sofortigen Tod des jungen Offiziers zur Folge hatte, ist lediglich auf einen unglücklichen Zufall zurück- zusühren, wie er unter den gestern herr­schenden Witterungsverhältnissen jedem Flie­ger zustoßen kann. Ein Verschulden des To­ten an dem Unglück oder ein Versagen der Maschine liegen nicht vor. Leutnant Freiherr von Freytag-Loringhoven war einer der besten Ofiziersslieger und zeichnete sich vor allem durch seine kaltblütige Ruhe aus, die eine un­vorsichtige Handhabung des Flugapparates ausschlietzt. In einer Höhe von etwa fünfzig Metern wurde der Flugapparat beim Gleit­flug plötzlich von hinten von einer überaus heftigen Böe gefaßt. Infolgedessen wur­de die Maschine aus der Horizontalen in die Vertikale gedrückt und stürzte zur Erde. Der Apparat wurde vollständig zertrüm­mert und der Pilot getötet. Der schwe­re Motor fiel ihm auf den Rücken und brach ihm das Genick. Die Leiche, die äußerlich keine größeren Verletzungen auswies, wurde von hinzueilenden Kameraden aus den Trüm­mern der Flugmaschine befreit und dann ins Spandauer Garnisonlazarett geschafft. Der Verunglückte ist das dritte Opfer der deutschen Militäraviatik. Im Februar verunglückte der Leutnant Stein in Döberitz und im August der Leutnant Neumann bei Mühlhausen im Elsaß.

*

WestfMsche MuLer-Geschichten.

Man schreibt uns aus M ü n st e r i. W.: Vor einigen Tagen wurde bekanntlich in der Nähe von Borken, ziemlich abseits von jeder menschlichen Wohnung, eine regelrechte Räuberhöhle entdeckt, die vier schweren Verbrechern als Schlupfwinkel diente. Die gan­te Gegend war eine lange Zeit durch fortge­setzte schwere Diebstähle und Raubanfälle fchwer beunruhigt worden, bis es durch einen Zufall gelang, die Höhle zu entdecken. Die Räuberhöhle ist nun ein Gegenstand des leb­haftesten Interesses der ganzen Umgegend ge­worden. Scharenweise ziehen die Leute, selbst aus entfernten Orten, heran und müssen dann stundenlang am Eingang der Höhle warten, bis an ihnen die Reihe ist, das Innere zu be­treten. Es handelt sich Bei der Höhle int we­sentlichen um eine langen Schacht, der von einer Mergelgrube aus in den lehmigen Boden hin­eingetrieben worden ist. Der Raum war recht wohnlich ausgestattet, auch fand man große Vorräte an Eßwaren und Getränken, die alle aus der Nachbarschaft zusammengestohlen wa­ren. Einer der verhafteten Räuber hat be­reits das Geständnis abgelegt, daß er vor einigen Wochen einen Polizeisergeanten er­schossen hat. Einige findige Köpfe sind nun atrf die Idee gekommen, den Zusammenstrom der Menschen bei der Höhle „industriell" zu verwerten. Alle möglichen fliegenden Händ­ler haben sich etabliert. Sie bieten Postkarten, Eßwaren und alle möglichen andern Dinge feil. Ein fliegender Restaurateur machte glän­zende Geschäfte; zur Unterhaltung seiner Kun­den hatte er sogar an einem der letzten Sonn­tage eine Musikkapelle engagiert, die lustige Weisen spielte. Leider hat die Polizei durch ein Verbot der geschäftlichen Hochkonjunktur

ein jähes Ende bereitet. Di« Höhle bleibt vor- läufig noch in ihrer alten Verfassung, bis das gerichtlich« Nachspiel beendet itz und wird dann gesprengt werden. 8.

* ■

Um Madame ßuries Liebe.

Wie wir schon kurz berichtet haben, hat am Sonnabend in Paris das Duell zwischen Pro. fessor Langevin und dem Journali­sten Terry stattgefunden, das wegen der be­kannten Liebesaffäre der Radiumforscherin Madame Curie notwendig geworden war. Der Zweikampf ist jedenfalls das merkwür­digste Duell gewesen, das es jemals gegeben hat. Man hatte gemeldet, daß dieser Zwei­kampf unter sehr schweren Bedingungen aus­gefochten werden sollte, und so war ganz Pa­ris in Aufregung, und man zitterte um das Wohlbefinden der erbitterten Gegner. Um elf Uhr vormittags kamen die beiden Feinde auf dem Kampfplatz im Parc des Princes an und wurden von den Zeugen in einer Distanz von 25 Metern voneinander aufgestellt. Dann zählte der Leiter des Kampfes „E i n s , z w e i, drei!" und nun hätte eigentlich jener Knall erfolgen sollen, der nervöse Leute immer so heftig zu erschrecken pflegt. Aber es knallte nicht. Herr Terry stand ruhig da und . . . schoß nicht. Professor Langevin wartete eine Weile, dann . . . schoß auch er nicht. So standen die Kämpen und die Zeugen einige Se­kunden in einer feierlichen Gruppe da. Dann begaben sich die Zeugen zu Herrn Terry und fragten ihn, was denn eigentlich los sei. Herr Terry erklärte, er könne nicht aus den Pro­fessor schießen, weil er für diesen Herrn eine viel zu aufrichtige Hochachtung empfinde. Darauf erklärte Professor Langevin, daß auch er seinerseits nicht schießen wolle. Die Gegner gaben sich die Hand; es wurde ein Protokoll aufgesetzt, und dann fuhr man in den Taxame­tern wieder nach Hause. Die neue Art von Duell wird in Paris verständnisvoll belächelt

*

Die schönste Frau von Paris.

Ein kurzes Telegramm berichtete vorgestern, Frau AnthonyDrexel, die Gattin des be­kannten Milliardärs Drexel in Philadelphia, habe ihren Freunden erklärt, sie erwarte in eini- gen Wochen die Scheidung von ihrem Gat­ten und werde sich fodann zu dauerndem Auf­enthalt zu ihrer Tochter Lady Maidstone in England begeben. Wohl nur die wenigsten ahnen, daß diese kurze Meldung die letzte Phasen einer der interessantesten Ehebruchsaffären an­deutete, die Paris zum Schauplatz hat. Vor einigen Jahren hatte Paris seine „schön st e Frau" in der jungen, goldblonden Gemahlin des Millionärs und Zeitungsverlegers Henry Letellier, deren zauberische Erscheinung der Stift des Meisters Hellen in allen Posen verewigt hat. Damals gab es nur eine schönste Frau in Paris und die war die aller- reizendste Frau Letellier. Sie war der Lieb­ling der Pariser Gesellschaft, und man erinnert sich noch, daß auch weiland Eduard der Siebente, dem die schöne Frau durch Ba­ronin Henry de Rothschild in Marienbad vor. gestellt wurde, sie mit den feinsten Komplimew fett und mit Einladungen zu Diners und Ten- nisspielen auszeichnete. Dort in Marienbad spannen sich nun zwischen dem nicht mehr jun», gen Multimillionär Drexel und der seither von threm Gatten geschiedenen Frau Letellier di» ersten Fäden eines Idylls, das sich in der Folge zu einem dauernden Verhältnis entwickelte. Di« Gattin Drexels klagte nun in Philadelphia auf Scheidung, die zweifellos auch bald ausgespro­chen werden wird. Nichts dürfte dann einer Vermählung des Herrn Drexel mit der schönen Pariserin im Wege stehen, und so wird Frau Letellier in der Welt der Millionäre bleiben.

Ser Unmensch.

Humoreske, von Bob Dieters.

Tante Mieke hatte immer so drollige Ein­fälle. Als am Sonntag die Seletta der höhe­ren Töchterschule wieder einmal bei ihr zu Be­such war, veranstaltete sie eine Umfrage: Wer der hübscheste junge Mensch int Orte sei. Die unter Lachen und Kichern sofort vorgenom­mene geheime Zettelabstimmung ergab eine erdrückenden Majorität für den neuen Forstge­hilfen.

Als Tante Mieke eine weitere Umfrage nach dem liebenswürdigsten Mädel vorschlug, war man zuerst ein bißchen verdutzt. Dann aber entschied eine laute, einstimmige Akklamation für Lisbeth Moderow ... für die kluge, und doch so rührend bescheidene Lisbeth, die „so süß" war mit ihren zwei langen, kornblonden Zöpfen und den tiefblauen Madonnenaugen; die alles abschmieren ließ, was man nur woll­te, und niemals petzte, wenn sie Klassen-du jour hatte. Außerdem war sie die einzige, die bei der Abstimmung fehlte.

Tante Mieke wohnte ganz weit draußen, wo die Vorstadt zu Ende war und der Wald anfing. Ob das verhutzelte, stets muntere alte Fräulein wirklich Mieke hieß, oder ob das nur ein Spitzname war, den die gottlose Jugend ihr anqehängt. das wußte niemand. Jeden­falls hieß sie schon immer so ... schon als die Mütter der Backfische noch selbst Backfische wa­ren und bei Tante Mieke Handarbeitsunter­richt batten. Jetzt war sie hoch in den Sechzig und längst pensioniert. Aber alle geheimen Stickereien und Nähereien zu Geburtstagen wurden immer noch bei Tante Mieke ferfigge- stellt. Deshalb hatte sie viel Besuch; seit das Obst reif war und int Wald drüben der junge Forstgehilfe seine Reviergänge machte, sogar täglich.

Auch Lisbeth Moderow kam . . . natürlich nur, um sich für das Körbchen Goldparmänen zu bedanken, das Tante Mieke ihr sozusagen als Prämie übersandt. Da das alte Fräulein »och beim Nachmittagsschlummer war. erging die blondzöpsige schlanke Lisbeth sich im Gar­ten.

Lisbeth Moderow zog den feinen, aromati­

schen Duft, den daS Obst ausströmte, wohlig ein und naschte hier und dort von der liebet» fülle. Aber man kann nicht immerzu Obst essen . . . Ein Flintenschuß, der durch den stil­len. sonnigen Herbstnachmittag dröhnte, brach­te sie aus den Gedanken, nach den Haselnüssen zu schauen, die gleich hinter dem Garten am Waldrand reifen sollten. Erna Kuhlmey, Hede Scharff und andere hatten schon ganze Büsche heimgebracht, die mit dem lichtbunten Laub und den sich bräunenden Nüssen einen wunder­voll dekorativen Zimmerschmuck hergaben.

Sie hatte bereits drei, vier der schönen voll- frücktigen Büsche mit ihrem Federmesser abge- fäbelt. als sie derart heftig zusammenschrak, daß sie sich in den Finger schnitt. Ganz in der Nähe hatte ein Schuß geknallt.. . gleich darauf ein zweiter .. . und ein Hafe, der flüchtig durch das Unterholz gekrochen war, überkugelte sich und blieb wenige Schritte vor ihr liegen.

Lisbeth Moderow richtet« die blauen Augen entsetzt auf das Wild und dann auf den Jäger, der aus dem Walde heraustrat und sich ihr nä­herte.

„Wie konnten Sie . . .!" stieß sie atemlos hervor.

Der junge Weidmann warf das rauchende Gewehr über die Schulter und lüftete fein Hütchen.

„Habe ich Sie erschreckt, Fräulein?" fragte er munter.

„Sehr . . .'" erwiderte sie beinahe heftig.

„Und wie können Sie solch ein armes un­schuldiges Tier totschießen, das Ihnen nichts getan?"

Er hatte den Lampe bei den Löffeln aufge­nommen und die Schußwunde betrachtet. Zur Sicherheit gab er ihm noch einen kurzen Schlag ins Genick und schob ihn dann unter den Ha- selstrauch.

„Das ist nun einmal unsere Ausgabe," lä­chelte er. „Und Sie haben wohl noch nie Ha­senbraten gegessen, Fräulein... ?"

„Doch . . ."

„Nun also! Jeder Hase, der gebraten wird, muß natürlich zuerst geschossen werden. Darf iS mich Ihnen bekannt machen . .. Forstgehilfe Wiggers." Unter einer leichten Verbeugung lüftete er abermals den Hut.

Schon die ironische Zurechtweisung hatte sie verwirrt; jetzt schoß ihr das Blut jäh in die Wangen. Das also war „er"! Sie hatte ihn noch nie gesehn, umsomehr aber von ihm ge­hört. Und in der Tat, er war hübsch . . . sehr hübsch sogar.

„Darf ich den Vorzug haben, auch Ihren Namen zu erfahren, Fräulein?"

„Elisabeth Moderow," warf sie kttrz hin und betrachtete attgelegentlichst ihren Daumen.

„Haben Sie sich verletzt?"

„Ein bißchen . . . beim Schneiden von Ha­selbüschen."

„Ei. ei! Wissen Sie auch, daß das verbo­ten ist?"

Die Madonnenaugen sahen halb bestürzt, halb ungläubig zu ihm auf.

„Verböten. . .?"

„Allerdings. Und zwar sehr. Ein regelrech­ter Forstfrevel..."

In seinen Mundwinkeln spielte ein versteck­ter Schalk; int übrigen sah er so ernst drein, daß das junge Mädchen erregt aufbegehrte.

„Aber ich bitte Sie . . . das ist doch Unsinn! Wie kann das Abschneiden von so eih paar kleinen Zweigen verboten sein! Außerdem machen das doch alle!"

„Alle ... .?" fragte er unter drolligem Staunen.

„Jawohl ... in unserer ganzen Selekta ist keine einzig;, die nicht bei den Haseln gewesen wäre. Hede Scharff, Agathe Scknckdanz und Etna Kuhlmey holen sich fast jeden Tag was. Und gestern brachte Irmgard Rothfeld, die als Tochter des Amtsgerichtsrats Rothfeld doch sicher weiß, was erlaubt oder verboten ist, ei­nen ganzen Arm voll nach Hause."

Der junge Forstmann wiegte den Kopf und zupfte an feinem Schnurrbärichen.

-Je nun." fugte er dann beschwichtigend, „es gibt Schlimmeres. Zum Beispiel, wenn man sich in den Finger schneidet. Darf ich mal die Wunde sehen, Fräulein?"

Lisbeth atmete erleichtert auf und hielt ihm zögernd das Händchen hin.

„Es ist nicht schlimm . . . bloß es blutet ziemlich stark," stotterte sie verlegen und aufs neue errötend.

„Das werden wir gleich haben. Ein Forst­mann ist in der Richtung mit allem verleben."

Dabei kramte er geschäftig ein Fläschchen und Heftpflaster aus der Jagdtasche. Wäh­rend er die kleine Wunde mit Arnika betupfte und dann ein Pflaster darauf pappte, plauderte er fo nett und fpaßig, daß ihr ordentlich warm ums Herz wurde. Und noch wärmer, ja bren­nend heiß wurde es ihr, als feine schelmischen Augen (nachdem er das winzige Messer auf­gehoben) sich bittend aus sie richteten.

„Darf ich's behalten . . .?"

Da ihr das Herz bis in den Hals schlug, nickte sie nur . . . und lief davon . . . lief, daß sie Tante Mieke beinahe über den Hausen ge­rannt hätte.

„Was hast du denn, Kind?"

„Nichts

Aber dieses „nichts" war ein Jauchzen . . . und Tante Mieke kannte sich auf fowas aus, wie keine andere. Sie tätschelte der Kleinen die beiße Wange.

„Nun ja. er ist ein bildhübscher Bursch, der Monsieur Wiggers. Aber trau ihm nicht, Kind­chen. Er ist ein Unmensch, der mir schon zwei Kätzchen weggeschossen . . . bloß weil sie mal ein bißchen im Walde spazieren gegangen sind."

Lisbeth Moderow äußerte sich darauf nicht . . . aber im tiefsten Innern, wo es fo feltfom selig pochte, sagte sie sich, daß jemand, der solch herrliche Augen hatte, jemand, der ihr den Dau­men bepflastert und sich fogar ein Andenken ausgebeten hatte, nie und nimmer ein Un­mensch fein konnte. Und auf diesem Stand­punkt verharrte sie felsenfest... solange, bis der Altar, den sie in ihrem Herzen errichtet, zusam­menbrach . . . angesichts eines Strafmandates: Wegen Vergebens gegen Paragraph so und so des Feld- und Forstpolizeigesetzes eine Mark Geldstrafe, an deren Stelle im Nichtbeitrei­bungsfalle ein Tag Haft tritt. Auch wird die Einziehung des beschlagnahmten Messers ver- fügt

Als am nächsten Sonntag die Selekta der höheren Töchterschule wieder bei Tante Mieke zu Besuch war. wurde ohne besondere Umfrage entschieden, daß der Forstgehilfe ein Scheusal, und Lisbeth Moderow die größte Petze der Welt sei.

Sie hatten nämlich alle Strafmandate be­kommen . .

— Ende.—-