WelerReueste Nachrichten
Nr. 301.
Erster Jahrgang.
2. Beilage.
Sonntag, 26. November 1911.
Die Tochter des Wons.
Roman, von O. von Brunneck.
28) (Nachdruck verboten)
Schloß Malmaison lag in der finstersten Gebend des Gebirges, welches die Verbindung zwischen den Vogesen und den Argonner Waldbergen bildet. Tief eingeschnittene Täler und Schluchten zerrissen hier die mit dichtem Wald bedeckten Berge und gaben der ganzen Gegend ein düsteres Gepräge. Am Ende einer dieser Schluchten, die sich allmählich nur zu einem erweiterten Tale mit Feldern und Wiesen ausbreitete, lag das altertümliche Schloß Malmaison, zu dessen Füßen sich ein langgestrecktes ärmliches Dörfchen anschmiegte, von Waldarbeitern und den Leuten bewohnt, welche in den Sagemühlen und den Dampfhämmern des Herrn de Malmaison beschäftigt waren.
Herr de Malmaison war zur napoleonischen Zeit Offizier in der Kaisergarde gewesen. Er hatte in den Schlachten bei Me? mitgekämpft, hatte die berühmte Retterattacke des Generals Gallifet bei Sedan mitgeritten und war dann in deutsche Gefangenschaft geraten. Von dieser Zeit her bewahrte er sich einen glühenden Deutschenhaß; seine Besitzungen in dem deutsch gewordenen Lothringen verkaufte er und zog sich auf das alte düstere Schloß seiner Ahnen zurück, wo er sich eifrig mit industriellen Unternehmungen und der Jagd in seinen Wäldern beschäftigte.
Aber das waren nur Beschäftigungen, die vor aller Augen lagen. Im geheimen lag er gleichsam auf der Lauer gegen die deutschen Feinde seines Vaterlandes, und sein glühender Haß hatte ihn auch dazu bewogen, ein Spioniersystem einzurichten, das sich nicht nur auf die Grenzlande bezog, sondern sich über einen großen Teil Deutschlands erstreckte.
Er vergaß darüber ganz seine Stellung und seine Pflichten als französischer Edelmann und Offizier; er ließ sich nur von seinem Haß leiten und hatte auch durch seine Leidenschaft den Grafen Bretteville in seine Pläne zu verwickeln verstanden. Aergerlich und mißgestimmt ging Alfred de Malmaison in seinem Zimmer auf und ab, von dessen Fenstern man einen weiten Ausblick auf das Tal genoß, an dessen Endpunkt das Schloß lag. Er dachte an die Schreckensszene im Walde, er sah Germaine wieder blutüberströmt zusammensinken und in den Aerger über seinen mißglückten Plan mischte sich die Reue über seine rasche Tat.
Was war aus Germaine geworden? War sie tot? Würde sie der Verwundung erliegen? Würde er selbst wegen der raschen Tat seine.s Jähzorns zur Rechenschaft gezogen werden? Waren seine geheimen Pläne von den deutschen Behörden entdeckt worden?
Er hatte einen vertrauten Boten nach der Stadt geschickt, um sich über diesen Punkt Sicherheit zu verschaffen. Wenn seine Pläne noch nicht entdeckt waren, dann wollte er selbst gehen, um sich bei dem Grafen Bretteville nach dem Befinden Germaines zu erkundigen. Der Graf würde ihn der Polizei nicht überliefern, geriet er doch dabei selbst in die größte Gefahr.
Aber der deutsche Offizier?
Auch der mußte wohl schweigen, stand er doch in zu naher Verbindung mit dem Grafen Bretteville, um eine Anzeige erstatten zu können, die auf sein eigenes Verhalten ein sehr zweifelhaftes Licht warf.
So düntte er sich ziemlich sicher. Wenn nur der Gedanke an Germaine nicht gewesen wäre! Dieser Gedanke schmerzte ihn und rief sein Gewissen wach. Den deutschen Offizier nie- derzuschießen, darüber hätte er sich keine Ge- wissensbisse gemacht, aber daß er vielleicht der Urheber des Todes Germaines werden sollte.
das rief in ihm die btttersten und schmerzlichsten Empfindungen wach.
Er kannte Germaine und . . . liebte sie, seit er sie vor einem Jahre etwa in Baden-Baden kennen gelernt hatte.
Er hätte, ihr damals schon seine Hand angeboten, wenn er nicht zu sehr mit seinen poli- ttschen Plänen beschäftigt gewesen wäre. Wenn aber diese ausgeführt waren, und die Familie des Grafen nach Frankreich zurückgekehrt sein würde, dann, hatte er die Absicht, Germaine zu seiner Gattin zu machen.
Und nun diese entsetzliche Katastrophe, die alle seine Hoffnungen zu vernichten schien!
Die Rivalität des jungen deutschen Offiziers fürchtete er nicht. Diese Laune Germaines würde vorübergehen . . . junge Mädchen haben ja stets eine kleine Liebelei, ehe der Mann kommt, dem sie die Hand zum Ehebunde reichen.
An dieser Laune würde sich Alfred de Malmaison daher nicht stoßen, das war kein Hindernis für ihn, er hatte schon größere Hindernisse überwunden. Aber jetzt drohte dieser verhängnisvolle Schutz alle seine Pläne über den Haufen zu werfen.
Während er noch mit solchen schmerzlichen und bitteren Gedanken beschäftigt war, trat ein Diener ein.
„Verzeihen Herr Baron die Störung/ sagte er, „aber da ist der Kammerdiener des Herrn Grasen Bretteville ... er will den Herrn Baron sprechen, er befindet sich in einem schrecklichen Zustande . . ."
Herr de Malmaison eilte zur Tür, die er rasch öffnete. Da saß zusammengesunken aus einem der alten Stühle, welche auf dem Korridor standen, Louis, der Kammerdiener des Grafen, in zerrissenen Kleidern, beschmutzt, blutend an den Händen und im Gesicht.
„Was ist geschehen, Louis? . . . Woher kommen Sie in diesem Zustand?" fragte der Baron erschreckt und erstaunt.
Der Diener erhob sich wankend.
„Retten Sie meinen Herrn, Herr Baron," bat er mit heiserer Stimme, seine blutbefleckten Hände ausstteckend.
Der Baron ergriff ihn sanft beim Arm und führte ihn in sein Zimmer.
„Da . . . setzen Sie sich in den Sessel . . . trinken Sie ein Glas Wein ... Sie sind ja ganz erschöpft. . . und erzählen Sie!"
Louis sank in einen Sessel, während Herr de Malmaison ein Glas Wein einschenkte, das jener durstig austrank.
Dann atmete er tief auf u. strich sich die wirren, schwarzen Haare aus der bleichen, schweißbedeckten Stirn.
„Erzählen Sie!"
„Ja, Herr Baron, . . . lassen Sie mich nur erst einmal zu Atem kommen. Mit einem Wort ... es ist alles entdeckt . . . unser Haus in Longeville ist von der Polizei besetzt . . . mit knapper Mühe konnte ich mich durch die Weinberge retten, um den Herrn Grafen zu benachrichtigen . . /
„So ist der Graf nicht verhaftet?!" fragte Herr de Malmaison erregt, während fein Gesicht eine dunkle Glut Überflammte.
„Gott fei Daick . . . nein . . . aber ob er davonkomntt, ist sehr die Frage."
„Wieso? ... Wo war der Graf, als die Polizei sein Haus besetzte?"
„Im Forsthaus „Unter den Eichen" bei feiner kranken Tochter . . /
„So lebt Komtesse Germaine?!"
Ja«
^Sie ist außer Gefahr?"
„Der alte Förster Morrice behauptete es wenigstens."
„Gott sei Dank! ... Aber was ift's mit dem Herrn Grafen?" ______
■ „Wir hatten das Forsthans kaum verlassen, als die Gendarmen dort anlangten. Wir hatten nur einen kleinen Vorsprung; als wir in der Schlucht von Malmaison ankamen, holten die Gendarmen uns ein. Wir flüchteten in den Wald, wohin uns die Gendarmen mit ihren Pferden nicht folgen konnten, da schossen sie und verwundeten den Herrn Grasen! Er konnte nicht weiter; ich zog und schleppte ihn durch Gebüsch und Gestrüpp, immer verfolgt von den Gendarmen, die ihre Pferde in der Schlucht gelassen hatten — und so erreichten wir glück- ttch die Grenze. Aber da konnte der Herr Graf nicht weiter, auch meine Kräfte waren erschöpft — dort oben im Walde liegt mein $err — ich schleppte mich hierher, um Sie um Hilfe zu bitten . . ." (Fortsetzung folgt)
Gericht mtS Recht.
Am dem Leben eines Gestrauchelten.
Man schreibt uns aus Leipzig: Vor dem Reichsgericht kam gestern der Prozeß des früheren Rechtsanwalts Uckermann in Berlin in der Revisionsinstanz zur Verhandlung, der sich fast wie ein Roman lieft. Uckermann ist ein „Opfer der Großstadt", deren Vergnügen er bis zur Hefe ausgekostet hat. Von 1Ä90 bis 1906 war er in Berlin als Rechtsanwalt tätig, dann floh er mit Hinterlassung einer Schuldenlast von ungefähr 350 000 Mark nach London. Er wurde dann ausgeliefert und wegen Untreue und Unterschlagung in drei Fällen zu drei Jahren Gefängnis verurteilt.
Nach Verbüßung der Strafe blieb er in Deutschland. Nunmehr wurde weitere Anklage gegen ihn erhoben wegen einiger Straffälle, wegen deren er nicht ausgeliefert worden war. Das Landgericht I in Berlin hat ihn sodann im Juni dieses Jahres wegen Untreue und Unterschlagung, sowie wegen Konkursvergehens zu einer weiteren Gefängnisstrafe von einem Jahre und einem Monat verurteilt. Sein Unglück hat Uckermann der Liebe zu verdanken, fowie feinen geschäftlichen Beziehungen zu dem Assessor Kohn. Die Liebe zu einer Halbweltdame veranlaßte ihn zu ganz enormen Ausgaben. Er mietete der Dame eine Wohnung für 2000 Mark schenkte ihr teure Schmucksachen, gab, wenn er mit ihr das Theater besuchte, fünfzig bis hundert Mark aus und machte mit ihr Reisen nach Kopenhagen und Monte Carlo, die große Summen verschlangen. In einem Jahre hat er für diese „Liebe" zwanzigtaufend Mark ausgegeben. Um nicht in Wechselklagen verwickelt zu werden, die ihn als Rechtsanwalt und Notar unmöglich ge- mackft hätten, mußte er seinen „Geschäftsfreunden" besondere Vorteile versprechen, sodaß seine Schulden lawinenartig anwuchsen. Wegen Konkursvergehens ist er jetzt verurteilt, weil er als Schuldner, der seine Zahlungen eingestellt hat, durch übermäßigen Aufwand große Summen verbraucht hat. Außerdem ist er wegen Untreue und Unterschlagung zum Nachteile mehrerer Auftraggeber durch das letzte Urteil bestraft worden. Unter anberm hat Utfermann einen Betrag von 40 000 Mark, der eine Erbschaft w ar, und an einen Klienten aus gezahlt werden sollte, auf fein eigenes B ankkon- t o einzahlen lassen. Auf feine Revision brachte gestern das Reichsgericht die Verurteilung wegen Unterschlagung in diesem Fall in Wegfall und ließ eS bei der Verurteilung wegen Untreue bewenden, wodurch am Strafmaß natürlich nichts geändert wird. -ce-
cS Eine der „tollsten Gründungen" Ohms. Nach Erledigung des ersten Prozesses gegen den früheren Direktor der Niederdeutschen Bank, Julius Ohm in Dortmund, folgen nun die weiteren Ohm-Prozesse vor der hier
für eigens gebildeten Hilfsstrafkammer des Dortmunder Landgerichts schnell hintereinander. So nahm gestern der Prozeß seinen Anfang, der sich mit der Gründung der Alemannia-Brauerei in Hemmingen (Kr. Bochum) beschäftigt. Es soll sich bei dieser Tochtergesellschaft der Niederdeutschen Bank um eine Uebergrünbung handeln, und die Anklage richtet sich außer gegen Obm noch gegen den Bücherrevisor Hartwig und die Direttoren Quantz und Kohleppel. Nach Ansicht der Anklage bandelt es sich hier um „eine der toll« st en Gründungen", die Ohm mit seinen Helfershelfern vorgenommen haben soll.
s Die Lichtenrader Bombenaffäre vor Gericht. Vor der Strafkammer des Landgerichts 2 Berlin sand gestern eine Verhandlung statt, die die Erinnerung an eine Bomben- und Erpresseraffäre wachrief, die im Juli vorigen Jahres weit über Berlin hinaus großes Aufsehen erregte. Der Gutsbe- sitzer Kraatz in Lichtenrade hatte bereits Ende Juni 1910 und am 6. Juli mehrere Briefe erhalten, in denen in offenbar verstellter Handschrift um die UÜberlassung von drei- tausend Mark auf ein Jahr ersucht wurde. In den beiden Briefen war erwähnt, daß der Schreiber nur durch dringende N o t zu dem Bittgesuch gezwungen fei und daß er gern mehrere hundert Mark Zinsen bezahlen wolle. Dem Brief lag eine genaue Schilderung bei, wo der Behälter vergraben sei, in dem die dreitausend Mark von Kraatz hinterlegt werden sollten. Gutsbesitzer Kraatz ging nun zwar auf die Aufforderung, das Geld an dem angegebenen Orte zu hinterlegen, nicht ein, immerhin aber wollte er sich wenigstens von dem Vorhandensein des Behälters selbst überzeugen. Er fand an dem angegebenen Orte tatsächlich eine fast ganz in die Erde gegrabene Büchse, die bei dem Versuch, sie zu öffnen, explodierte. Kraatz trug dabei schwere Brandwunden am Kopf und im Gesicht, sowie auch sonstige Verletzungen davon und befand sich längere Zeit in ärztlicher Behandlung. Wegen der Affäre hatten fick jetzt die Schuhmacher-Eheleute Kemper aus Lichtenrade vor der Strafkammer zu verantworten. Beide bestritten allerdings entschieden ihre Schuld. Das Gericht verurteilte indessen den Ehemann Kemper zu sechs Monaten Gefängnis, während die Ehefrau Kemper freigesprochen wurde. Der Staatsanwalt hatte gegen Kemper zwei Jahre Zuchthaus beantragt.
eS3 Tragödien der Eifersucht. Wie rasch heutzutage junge Leute in Liebessachen zum Revolver greifen, ging aus einer Verhandlung hervor, die vor dem Schwurgericht in Dessau stattfand. Auf der Anklagebank saß der wegen Mordversuchs an seiner Geliebten angellagte, erst einundzwanzig Jahre alte Arbeiter Max Woche. Woche, der schon verschiedentlich vorbestraft ist, unterhielt seit einiger Zeit ein Liebesverhältnis mit dem sechzehnjährigen Dienstmädchen Kettmann. Das Verhältnis erfuhr eine Trübung, da Woche sehr eifersüchtig war und auch Grund dazu zu haben glaubte. Als er eine anonyme Postkarte erhielt, in der ihm mitgeteilt wurde, daß es die Kettmann auch mit anderen halte, beschloß er, siezutöten und dann sich selbst zu erschießen. Er kaufte sich einen Revolver und lauerte dem Mädchen abends auf. Als die Kettmann berauStrat, kam es zwischen den Beiden zu einer Auseinandersetzung, in deren Verlauf Woche den Revolver zog und drei Schüsse auf das Mädchen abfeuerte. Die Schüsse trafen, fügten dem Mädchen aber nur geringe Verletzungen bei. Später unternahm Woche einen Selbstmordversuch, der aber nicht glückte, da der Revolver infolge seiner Geringwerttg- keit versagte. Darauf stellte er sich selbst der Polizei. Die Geschworenen bejahten aber die Frage auf Mordversuch, worauf der Gerichtshof den Angeklagten zu drei Jahren Zuchthaus verurteilte.
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