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Casseler Abendzeitung
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Hessische Abendzeitung
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Nummer 301
Fernsprecher 951 und 952.
SormLag, 26. November 1911.
Fernsprecher 951 und 952.
1. Jahrgang.
Fruova am Bbgrmd.
Ein Nachwort zu bett Unheiltagen btt deutsch-englischen Völker-Krise.
Am Montag beginnen im englischesi Unterhaus bie Debatten über bie auswärtige Politik Englands, und im Borbergrund der Erörterungen wird bei dieser Gelegenheit die deutsch-englische Krise im letzten Herbst stehen. Man erwartet seitens der englischen Regierung in der Debatte Erklärungen von weittragendster politischer Bedeutung.
Wir wissen nun, daß im sorgenbangen Herbst des Jahres neunzehnhundertelf das Kriegsgespenst viermal näher an Deutschlands Grenzen stand, als die sechzig Millionen Seelen, die das Reich beherbergt, es ahnen konnten. Wir können heut auch die Gefahr ermessen, die das Spiel der Diplomaten für die Völker dreier großer Länder in sich barg, als das Schicksal auf des Schwertes Schneide balanzierte. Es ist vielleicht gut, daß das alles erst offenbar geworden, nachdem der Zankapfel (wenigstens vorläufig) aus dem Weg geräumt und die Erregung hüben und drüben ruhigerer Stimmung gewichen ist. Vielleicht aber auch wird die Geschichte einst grade diese düstren Sorgentage, diese Stunden peinlichen Unbehagens und quälender Ungewißheit als Tage deutscher Verblendung, Stunden schwächlicher Unentschlossenheit buchen, in der Erkenntnis, daß,ein Voll, das mit der gewaltigsten Wehrmacht der Wett gerüstet ist, nicht viermal des Kriegs Gefahr an sich herankommen lassen durfte, ohne dieser Gefahr mit dem Schwert in der Faust schon nach der ersten Komplikation mannhaft entgegenzutreten. Herr von Kider- len-Waechter, der sich mit, wundernlwerier Eleganz in die Rolle des „Selben von Agadir" einzuleben beginnt, hat uns in diesen Tagen allerlei Erfreuliches aus der verschwiegnen Werkstatt der Berliner Wilhelmstraße erzählt, und nach Allem, das er uns in der kleidsamen Pose des starken Mannes enthüllt, bleibt nur Eins noch rätselhaft: Mußte die Alternative „Krieg oder Friede?" viermal drohend ins Ohr unsrer leitenden Männer hallen, ehe man in der Wilhelmstraße sich entschloß, dem Märchen vom „Platz an der Sonne" voll Wehmut ru entsagen?
Nun, da die Gefahr gebannt, läßt sich ruhiger darüber plaudern, und Herr von Ki- derlen, der selbst den Sonnenschein bessrer Zeit wärmend aus dem Scheitel spürt, wird nicht grollen dürfen, wenn sich jetzt auch in der O e f- fentlichkeit das Verlangen regt, das breit vorm Auge der Kritik liegende Werk mit seinem Lianengewirr von Listen und Kabalen nach seinem tatsächlichen Wertgehalt zu schätzen. Uebernt Kanal ist man (soweit die englische Oefsentlichkeit infrage kommt) von den Enthüllungen über die drohende Kriegsgefahr des Krisenherbstes nicht minder bänglich überrascht worden, als bei uns: Auch dort hat, während das Kriegsgespenst auf der Schwelle lauerte, das Volk in seiner Masse die Gefahr des Augenblicks nickt geahnt, und erst jetzt wird der öffentlichen Meinung Englands offenbar, über welche verhängnisvollen Schicksalabgründe Britannien in den unruhvollen Lagen des marokkanischen Diplomatenhandels hinweggeschritten. Bei uns äußert sich die späte Erkenntnis überwundner Gefahr in der Milderung des Urteils über die den Sorgenmonden entsprossne magre Frucht Ktderlen- scher Strategie (hier und da Wohl auch im zornigen Aufwallen des furor teutonicus, der das instinktive Empfinden widerspiegelt, daß ein schwächlich erhandelter Friede unter Umständen verhängnisvoller fein kann, als der hitzigste Krieg); in England wächst aus der Gewißheit verheimlichten Unheils die völkische Entrüstung wider eine Politll empor, die Reich und Volk das Risiko eines zweifelhaften Waf- sengangs mit einem starken Gegner auslud, ohne der Stimmung der Stunde Rechnung zu tragen: Bei uns Romantik; bei den Vettern kühle und konsequente Logik!
Sir John Simons, Generalstaatsanwalt der Krone Englands, hat am letzten Donnerstag in öffentlicher Volksversammlung eine Rede gehalten, die es verdiente, dem deutschen und englischen Vollsgewissen als ernste und zeitgemäße Mahnung innig vertraut zu werden. Der greise Sir wies daraus hin, daß es der Weltgeschichte spotten hieße, wenn die Geschicke der Völker vom Familienzank der Dynastien, vom Hader religiöser Eiferer oder von der Konjunktur verwegner (grobe» rerpolitik abhängig fein follten: Der Friede der Völker und Staaten und die kulturelle Entwicklung der Nationen müsse bestimmt werde» von der Stimmung und Sym
pathie, die die Volksgesamtheit des einen Staates für die des andren hege. Sir John hat mit diesen beherzigenswerten Worten die Herrschaft des Volkswillens über die Weltgeschicke proklamiert, die edelste und idealste Herrschasissorm, die die Geschichte
kennt: Könnte es eine stärkere Garantie des Friedens, eine gerechtere Wahrung völkischer und kultureller Interessen geben, als wenn die Stimmung der Volksgesamtheit übet die Haltung gegenüber dem Nackbm, über Krieg oder Frieden entscheiden würde? Und würde der Ausdruck des Volkswillens, das Gericht des Nationalempsindens nicht würdiger, gerechter und wuchtiger sein, als die Fürstendepeschen, die Diplomaten-Noten und die konventionellen Bankettreden, die immer nur dem einen Zweck dienen: Die brutale Wirklichkeit zu übertünchen?
Der Generalstaatsanwalt der britischen Krone scheint erkannt zu hüben, daß auch in England die breite Strömung des Volksempfindens mit der offiziellen Politik der Regierung nicht svmpathisiert, daß vielmebr im Volk das Verantwortlichkeitsgefühl sich weit stärker merkbar macht, als in den Kanzleien der Diplomaten. Aehnlick ist's ja auch bei uns: Nur braucht hier die Volksstimmung nicht als Hemmung tollkühner Verwegenheit wirksam zu werden, sondern sie muß als Mahner zu Energie und Entschlossenheit sich nützlich erweisen. Ter Unterschied ist indessen nur durch die Eigenart der Verhältnisse bedingt, denn im Prinzip ist die treibende Kraft die gleiche. Es ist kürzlich an dieser Stelle gesagt worden: England ist unser Feind, und muß es sein, weil in der deutschen Macht der Briteuherr- schast der gefährlichste Konkurrent erstand. Hier handett's sich um ein natürliches Entwicklungsgesetz, das auch durch die ideale Theorie des klugen Sir John nicht zum Gegenteil gewandelt werden kann. Zwei große Völker, die in die besten Errungenschaften menschlicher Kultur sich teilen, können indessen auch in angestrengtem Wettbewerb friedlich nebeneinderwohnen und den Kampf um Herrschaft und Vormacht auStraaen. o b n e daS Schwert aus der Scheide
zu reißen. Die düstren Unheittage des eben überwundnen Krisen-Herbstes haben den Völkern ostwärts und westwärts des Kanals die Gefahr kriegsspielender Politik eindringlich vor Augen geführt, und wenn der Friede wirklich ein so wertvolles Gut ist, wie's uns täglich
versichert wird, dann wäre jetzt Anlaß gegeben, im Sinne John Simons dieses Juwel des Menschheitglücks dauerhafter als bisher gegen frevelnde Antastung zu sichern! F. H.
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Der Kanzler und sein Meister.
Ein Privat-Telegramm meldet uns aus London: Recht zukunft-freudige Worte ertönten gestern in einer großen Versammlung der „Nationalliberalen Federatton" zu Bath, die Sir I o h n B r u n n e r zu ihrem Vorsitzenden wählte. Auf die im Vordergründe der Politik stehende M-rrokkosrage kommend, sagte Sir John: Tie Haltung des deutschen Kanzlers verdient den Dank der britischen Nation. Aber (fuhr er fort) ich suhle, daß hinter dem KanzletseinmächtigerMeistet steht, dessen Gedanken er Ausdruck gegeben hat. Ich danke dem Deutschen Kaiser, daß er seinen Einfluß für den Frieden in die Wag- sckale geworfen hat. Ein zorniges Wort von feinem Munde würde die Pforten der Hölle geöffnet haben. Ich entbiete Seiner Majestät meinen wannen und herzlichen Dank! Die Rede Brunners wurde von der Versammlung mit lautem Beifall aufgenommen. Auch die übrigen Redner sprachen sich über die Annäherung an Deutschland sehr beifällig aus.
Politische Sensatisneu in Sicht?
Wie die Londoner „Pall Mall Gazette" aus zuverlässigster Quelle erfahren haben will, befindet sich die englische Regierung in einer sehr kritischen Lage. Das Parlament soll jedenfalls in zwei Wochen aufgelöst werden und McKenna, Haldane und Sir Edward Grey werden in Kürze demissionieren. Die „Birmingham Daily-Post" teilt mit, daß unter Zustimmung der höchsten Stelle Vorschläge zum Abschluß eines deutsch-englischen Abkommens gemacht worden feien und daß Grund zur Annahme vorhanden sei. daß die bestehende Spannung bald Nach
lassen werde. Man dürfe auch überzeugt sein, daß das Abkommen sich in naher Zeit verwirklichen lassen werde. Der Unterstaatssekretär im Kotonialamt, Seely, erklärte gestern in einer Rede in Newcastle, die Erklärungen Greys am Montag würden dem Frieden förderlich sein. Es sei von wesentlicher Bedeutung, daß England zu Deutschland in friedlichen und freundlichen Beziehungen lebe.
WbsvoK mr Tripolis.
Ueberfchwemmung, Cholera und Typhus.
(Privat-Telegram m.)
London, 25. November.
Depeschen aus Tripolis, die heute früh über Malta hier eingingen, berichten, daß heftige Unwetter großenSchadenin Tripolis und Umgegend angerichtet haben. Die Schießgräben bei Bumiliana stehen unter Wasser und die Flut schwemmt zahlreiche Leichen bis an die Stadt heran. Sämtliche Wege nach den Toren von Tripolis sind in Bäche und Sümpfe umgetoanbet und können infolgedessen nicht benutzt werden. Es finden fortgesetzt kleinere Gefechte zwischen Türken und Italienern statt, doch scheinen die ersteren zu einem entscheidenden Schlag noch nicht gewillt zu fein. Gerüchtweise verlautet, daß zwanzigtausend Tuaregs angeworben worden sind, um die türkischen Streitkräfte zu verstärken. Die Italiener haben ein'neues Korps gelandet. Die Verluste der Italiener werden zuständigerseits bis zum heutigen Tage für Tripolis und Umgegend auf viertausend Tote geschätzt. Anderen Meldungen aus derselben Quelle zufolge ist die Sterblichkeit an C h o l e r a und T y p h u s in der Stadt außerordentlich groß. Am vergangenen Mittwock wurden sünfundneunzig Eingeborene in' den Straften von Tripolis als Leichen aufgefunden. Die Mehrzahl ist der Cholera erlegen, viele stnd aber auch Hungers gestorben. Die Zensur wird von den italienischen Behörden außerordentlich streng gehandhabt. Der englische Kriegskorrespondent des Blattes Daily Mirror wurde ausgewiesen und es heißt, daß weitere Ausweisungen folgen werden, da die italienische Militärbehörde unter allen Umständen verhüten will, daß in die europäische Presse ungünstige Nachrichten über den tatsächlichen Stand der Dinge gelangen.
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Depeschen aus Saloniki berichten: Bei der Insel Thasos kamen in der vergangenen Nacht feindliche Kriegsschiffe bis an die Küste heran, manöverierten längs derselben und fuhren dann nach LemnoS weiter. Wie dach armenische Patriarchat meldet, kam es in D i - arbeit gestern zu einer Kundgebung gegen die Armenier. Ein Armenier wurde e r s ch o s. fett. Der französische Konsul in Diarbekr hat sich nach Mardin begeben, um übet die Sicherheit der katholischen Mission zu wachen.
$08 Rsnmgna-Imma.
Sechzig Menschen bei einem Schiffsunfall ertrunken, der Dampfer gesunken!
(Telegraphische Meldungen.)
Wie wir bereits gestern nachmittag durch Extrablatt gemeldet haben, ist in der Nacht zum Freitag der italienische Dampfer „Romagna" bei Raviger infolge eines Sirokko- sturms gesunken. Von den siebzig Insassen sind sechzig ertrunken. Der Rest wurde von dem Dampfer „Tirol" vom Qester- reichischen Lloyd gerettet. Daß bei der Katastrophe so viele Menschen umgekommen sind, ist darauf zuruckzusühren, daß die Besatzung des Schiffes bei der Rettungsaktion sich sehr egoistisch benommen und die Passagiere einfach ihrem Schicksal überlassen hat. lieber das Um glück werden folgende Einzelheiten bekannt:
Wien, 25. November.
(Privat-Telegram m.)
Die „Romagna", die zwischen Ravenna, Triest und Fiume allwöchentlich eine Fahrt absolviert, war am Donnerstag abend von Ravenna abgegangen mit dem Kurs nach Triest. An Sott) befanden sich neunzehn Personen Bemannung unter Kommando des Leutnants Rambeli und d r e i u n b * fünfzig Passagiere, darunter fünf Kinder, zusammen zweiundsiebzig Personen. Als der Dampfer die offene See erreicht hatte, wurde er von den ausgcpeitschten Wogen hi» und her geworfen. Haushohe Wogen stürzten gegen das Schiff. Infolgedessen verschob sich die aus Reis bestehende Schiffsladung, sodaß das Schiff nicht mehr das Gleichgewicht halten konnte. Angesichts der tirchtbaren Kraft des Sturms waren die Ma- chinen machtlos. Die Passagiere durchlebten furchtbare SchreckenSstunde« und alles drSnate sich an das Rettungsboot, daß
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ijm Herbstdust liegt die braune Heide, Waldwipfel ragen kahl ins Land: Ls trotzt allein des Winters Leide Um ßrrg die dunkle Lannrnwanü. Ser Amsel Strophensang verstummte, Der hold im Len? um Liebe warb; And die kein Sienchen noch umsummte, Die letzte Kosrnimospe starb...!
Der König Lod durchzieht die fiurrit. Vor seinem hohlen Slick erstarrt Das warme Blut der Kreaturen;
Sang' spürt es seine Gegenwart, Dir flieht das Lächeln jäh vom Munde, Srkiommen wird des Herzens Schlag: Senn Glocken tragen dumpf die Kunde Von seiner Herrschaft durch den Lag...
Sald lenden dich geheime Lrirb? ssn eines Gartens düstren Sann; hm Lärm der Welt orrgess'nr Liede Sieht dich mit stillen Augen an. Manch' sähe Lust orrscholl'nrr Leiten Grüßt dich im Lraumgrsicht wir einst; Dir Schatten nahen und entgleiten, Sichts blieb drin eigen! And du weinst
Loh lindernd nur die Lränen rinnen Wenn dich des Ledens Anwrrt schreckt: Ls ruht im herien dir tirfinnrn Lin treues Sehnen, bald gewrckt. Das wachst, genetzt von solchem Leide, ssn all dem Sterben und Vergehn, And fern im Duft der braunen Heide Siehst du den Himmel offen stehn...!
HM