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Casseler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

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Nummer 295.

Fernsprecher 951 und 952.

Sonnabend, 18. November 1911.

Fernsprecher 951 und 952.

1. Jahrgang.

Die gestrigen Erdbeben in Süddeutschland.

Ier kritische sechzehnte November: Zwei Erdstöße in Kassel; ganz Mddeutschland im Erdbeben; die Schweiz als Erdbebenherd!

Der nebelgraue sechzehnte November­tag bot schon rein äußerlich ein düster-finstres Bild: Der Morgen ging fast unter in den dicken Nebelschwaden des Spätherbsts, und der Him­mel sah in seiner grau-gelblichen Färbung, de­ren Düster die Sonne vergeblich zu mildern suchte, förmlich gespenstisch aus. Das Licht des Tags ist gestern überhaupt nicht zur unbestritt- nen Herrschaft gelangt: Die Nebelmassen lager­ten während des ganzen Tages dumpf und schwer über der Erde, und man empfand den Druck der Atmosphäre auch seelisch außer­ordentlich deutlich. Der gestrige Donnerstag war also schon in seiner äußern Gestaltung ein kritischer Tag erster Ordnung", obwohl ihn Falb nicht in seinem Verzeichnis der Krisenlage aufgeführt hat. lind das Ereignis, das Unheil des Tags ist denn auch nicht ausgeblieben: Aus Mittel- und Südeuropa werden heftige Erdstöße gemeldet, die besonders das südliche Deutschland stark betroffen und an einigen Stellen auch Schäden angerich­tet haben. Die Erdstöße setzten gestern abend nach zehn Uhr ein und dauerten bis gegen elf. In C as s el merkte man (wie aus verschiedenen an uns gerichteten Zuschriften hervorgeht) deut­lich zwei stärkere Erschütterungen von sekunden­langer Dauer, von denen die erstere die erheb­lichste war. Während der Erdstöße und auch vorher herrschte starker Sturm, und in der Lust machten sich starke Geräusche bemerkbar, wie sie gewöhnlich vor einem schweren Hagel­wetter eingutreten Pflegen,

Die bisher vorliegenden Meldungen berich­ten von besonders starken Wirkungen aus der nördlichen Schweiz, dem schwäbi- schen Jura, dem Schwarzwald und der Rauhen Alb. In Luzern schwankten Häu­ser, in Freiburg blieben die Bahnuhren stehen, die Glocken schlugen an, in den Theatern von Karlsruhe, Pforzheim und Heidelberg konnten die Vorstellungen nicht zu Ende geführt werden, in Konstanz stürzten Kamine ein und Neubau­ten erhiellen Risse. Auch aus G e l n h a u s e n und Mannheim werden noch starke Erschütterun­gen berichtet, wie wir sie ja auch in Cassel selbst verspürt haben. In geringerm Maße sind auch nördlichere Gegenden Deutschlands (Gotha, Meiningen und Nordhausen) in Mit­leidenschaft gezogen worden. Aus Zürich (wo Beben, wie in jedem gebirgigen Gelände, nicht zu den Seltenheiten gehören) wird be­richtet, daß seit Jahrzehnten ähnliche Beobach­tungen nicht gemacht worden sind. Auch noch weiter nach Süden hin bis über die Alpen hin­aus scheint sich der Wirkungskreis dieser abnor­men Erscheinung zu erstrecken, denn auch in Italien sollen Stöße verspürt worden sein. Genauere Berichte fehlen indessen noch, da we­gen des Kriegs die telegraphischen und tele­phonischen Berichte Verzögerungen erleiden. Das sogenannte Epizentrum, der Hauptherd des Bebens, scheint jedenfalls direkt nördlich von der Schweiz oder in der Schweiz selbst zu liegen. Zu genaueren Bestimmungen wird man weitere Einzelheiten abwarten müssen.

Es läßt sich auch noch nicht sagen, wie lange das Beben selbst angedauert hat; denn überall, wo so immense Wirkungen erzielt wor­den stnd, haben natürlich die empfindlich:« seismischen Apparate in erster Linie darunter leiden müssen. Denn wenn ein Apparat im­stande sein soll, schwache und weit entfernte Erdbeben zu registrieren, wenn die Beben un­serer Antipoden hier beobachtet werden sollen, so muß eine Empfindlichkeit vorhanden sein, die bei lokalen starken Beben den Apparat zum Umschlagen bringt. Daß dies auch gestern ge­schah, wird uns auf Anfrage von der Göt­tinger Sternwarte bestätigt: Der dor­tige seismographische Registrierapparat wurde gestern abend von den heftigen Erderschütte­rungen schon beim er st en Stoß so stark in Mitleidenschaft gezogen, daß die Magnetnadel aus dem Rahmen geschlagen wurde. Auch die Seismographen des Geophvsikalisch- Meteorologischen Instituts am Phpstkalischcn Verein in Frankfurt am Main schlugen so stark an, daß die feinen Federübertragungen auseinandergerissen wurden. Etwa eine halbe Minute vorher halten die Schwan­kungen begonnen, wuchsen dann schnell an, und es läßt sich gar nicht sagen, ob die vorhandenen Registrierungen überhaupt schon den letzten Hauptswß enthalten. Die Erschütterungen ha­ben insgesamt etwa eine Viertelstunde lang an­gedauert, haben sich dann aber (soweit bis heute mtttag telegraphische Berichte ans dem Erdbe­bengebiet vorliegen) nicht mehr wiederholt, woraus mit einiger Sicherheit zu schließen ist, daß weitere Erschütterungen fürs Erste nicht mehr zu erwarten sind. Denn eine Wie­derholung pflegt im allgemeinen (wenn über­haupt) mit Unterbrechungen von wenigen Mi­nuten aufzutreten.

Aehnlich wie den deutschen Erdbe- b en wart en wird es auch den andern stark beeinflußten ergangen sein, sodaß eben erst «uchrichtr» von fernere« Station«» abaewartei

werden müssen, ehe man einigermaßen feststel­len kann, w i e l a n g e die Bewegung selbst ge­dauert hat. Wenigstens berichtet auch die Erd­bebenwarte Jugenheim, daß die Federn ihrer Apparate abgeworfen wurden. Allerdings wur­den dort (nach der Rekonstruktion) noch um zehndreiviertel Uhr, also etwa zwanzig Minu­ten nach Beginn des eigentlichen Bebens, hef­tige Bewegungen an den Instrumenten beob­achtet. Der Herd des gestrigen November- Erdbebens dürfte (wie schon ausgefübrt) die nördliche Nachbarschaft der Schweiz oder die Schweiz selbst sein. Vom Hauptherd des Be­bens pflanzen sich die Wellen auf verschiedenen Wegen teils durch die Erde, teils an ihrer Oberfläche fort. Sie kommen darum an entfernten Punkten nicht gleichzeitig an, wenn sie auch an Ort und Stelle gleichzeitig ausgehen. Aus diesen Umständen erklärt sich auch die Ver­schiedenartigkeit im Zeitpunkt der Wahrneh­mung der Erschütterungen. Soweit bisher aus den vorliegenden Berichten ersichtlich, ist das gestrige Erdbeben ohne ernstere Folgen geblie­ben und Menschenleben sind nicht zu Schaden gekommen. Die Erschütterungen haben uns in­dessen daran erinnert, daß das alte Europa auch in seinem mittleren und nördlichen Teile vulkanische Herde beherbergt, deren Tätigkeit noch nicht erloschen ist. Der graue sechzehnte Novembertag hat also gehalten, was er gestern in der Morgenfrühe mit finster-düstrer Miene versprach... -an.

Die Erdstöße In WL

In Cassel hat man das gestrige Erd­beben ebenfalls, und zwar in erheb­licher Stärke, verspürt. Rach unser« Feststellungen bewegte eS sich > in der Rich­tung von Süden nach Norden. In den Häusern wackelten die Möbel, Bilder fie­len von den Wänden und Tische und Stühle schwankten. Hauptsächlich verspürte man den Erdstoss im Frankfurter Viertel, in der Altstadt und zwi­schen Weser- und Holländischer Straße. Wir erhalten folgende Zu­schriften:

Ich saß allein im Zimmer, da mein Mann ausgegangen war, und las in einem Buck. Plötzlich ertönt ein Brausen, als ob ein Orkan losbreche. Ein dicht neben mir stehen­der schwerer Bücherschrank beginnt erheblich zu schwanken, so daß ich vermeine, ihn stützen zu müssen. Der eiserne Ofen wackelt und der an seiner Tür aufgehängte eiserne Kohlenhaken schlägt mit Wucht dagegen. Der Tisch vor mir hebt sich und der Stuhl, aus dem ich sitze, schwankt. Ich habe das Gefühl, als säße ich in einem Kahn, der auf den leicht bewegten Wassern eines Sees schaukelt. Ich gerate in eine furchtbare Aufregung. Mein Herz klopft so stürmisch, daß ich mit der Hand da­nach greife. Dann springe ich auf und stürze ans Fenster. Draußen ist es still: nur der Sturm heult und das flackernde Straßen­licht wirst seine blassen Strahlen zu mir hinauf. Habe ich geträumt? Ich setze mich wieder hin. In demselben Augenblick geht das Spiel von neuem los; wieder schwankt der Schrank und wackelt der Ofen, hebt sich der Tisch und bewegen sich Lampe und Stuhl. Ich sehe sofort auf die Uhr: Zwei Minuten nach einhalb elf Uhr abends! Nun war es mir klar: Ick hatte einen Erdstoß ver­spürt, der zweimal kurz hintereinander einige Sekunden Dauer hatte. Mein Mann wollte, als er nach Hause kam, nicht an einen Erdstoß glauben, denn er sagte, er müsse in die­sem Falle doch auch etwas versvürt haben, da er sich nur wenige Meter westlich der Kö­nig sstraße befand. Ich sage Ihnen aber, die Augenblicke waren für mich gräßlich, und ich habe während der ganzen Nacht kein Auge zugemacht.

Ein andrer Leser schreibt uns: Wer denkt in unsrer Zone und in unsren Breiten noch an Erdbeben? Man hält sie fast für unmög­lich. Gestern abend sind wir indessen eines bes­sern belehrt worden. Ich saß am Donnerstag abend gegen halb elf Uhr an meinem Sckreib- tisch und las FrenssensHilligenlei", als ich mit einemmale fühlte, wie der Sessel sich hob und wieder senkte, wie der Fußboden des Zim- mers deutlich eine wellenförmige Bewegung machte, der schwere Kachelofen sekundenlang schwankte und zwei Bronzebüsten auf meinem Schreibtischaufsatz hin- und herbewegt wurden. Ich dachte im ersten Moment an ein schweres Fuhrwerk, das zu so später Stunde noch die Straße vorm Hause passiere und durch die schwere, stolpernde Belastung des Pflasters die Erschütterung verursache. Aber kein Fuhrwerk war zu sehen. Dagegen heulte draußen ein Ät Orkan und in der Lust vernahm man sche, wie wen« Blechaelchirre heftig an­einandergeschlagen werden. Ich war bestürzt und wollte grade da» Fenster schließe«, als io

dieselbe Erscheinung zum zweiten Mal ver­nahm; diesmal indessen weniger. heftig und auch von kürzerer Dauer. Ein vor meinem Hause dicht an der Mauer in geschützter Lage stehender Baum bewegte sich bis hinab zu den Wurzeln, wie unter der Gewalt eines schwe­ren Sturmes, und der Stoß war so stark, daß ich für einen Moment heftig an den Fen­sterflügel gedrückt wurde, den ich eben hatte schließen wollen. Das alles dauerte aber nur Sekunden; im nächsten Moment war alles still, und ich muß gestehen, daß diese Stille so plötz­lich nach der voraufgeganqenen Revolution in den Lüften und in der Erde etwas furchtbar Erschreckendes hatte. Der Himmel draußen sah aus wie vor dem Niedergang eines schweren Hagelwetters, und das nächtliche Dunkel war unterbochen durch viele hell-gelbe Streifen, die durch die Wolkenballen deutlich sichtbar waren. Es war ein grausig-schönes, aber surchterwek- kendes Bild, das ich so bald nicht vergessen werde.

*

In ähnlichem Sinne äußern sich auch zahl­reiche andere Zuschriften, die uns heute früh aus dem Leserkreis zugingen. Charakteristisch ist dabei, daß die Wahrnehmungen über das Erdbeben fast ausschließlich im Altstadtbezirk, in der Gegend der Frankfurterstraße und in der näheren Umgebung der KarlSaue gemacht wor­den sind, während die übrigen Stadtteile von den Erdstößen augenscheinlich gänzlich un­berührt geblieben sind. Es läßt dies darauf schließen, daß die Wellenbewegungen des Erd­bebens in unserer Gegend fast zum Stillstand gekommen waren und daher nur noch schwache Wirkungen übten, während weiter südlich die Erschütterungen erheblich stärker gewesen find, lieber die Wahrnehmungen in Göttingen geht uns folgende Meldung w»- ,

Göttingen, 18. November.

(Telegramm unsers Korrespondenten.)

Der Seismograph der Göttinger Universität verzeichnete den Erdstoss zwischen zehn und elf Uhr. Die Schwankungen der Nadel waren am Anfang gross und bewirkten ihr Ausspringen, sodass der Schluss des Bebens gar nicht regi­striert werden konnte. Die Dauer des Bebens wird bis auf zwei Minuten berechnet. Der Herd scheint in Italien zu liegen. In Göttin­gen selbst wurde das Erdbeben nur als leich­te Erschütterung wahrgenommen, die in zwei kurz aufeinanderfolgenden, nördlich ver­laufenden Bewegungen sich äusserte und im übrigen auch nur in einem Teil der Stadt verspürt wurde, während andere Stadtgegen­den von den Erschütterungen gänzlich unbe­rührt blieben.

Sn der Nachbarschaft Kassel«

hat man (wie aus den Berichtenunserer Korrespondenten hervorgeht) die gestri­gen Erdersckütterungen nur vereinzelt wahrge­nommen: In Hannoversch - Münden wurde der erste Erdstoß gegen Halbelf Uhr abends verspürt; ein zweiter erfolgte etwa drei Minuten später, dock machten sich die Erschütte­rungen nur schwach bemerkbar, und manche ha­ben von dem Erdbeben überhaupt nichts be- merst. Aehnlich lauten auch die unS zugehen­den Berichte aus Carlshafen und aus den Dörfern aus der nördlichen Nachbarschaft Cas­sels. Stärker wurden die Erdstöße süd- lich von Cassel, in Melsungen, in Hom­berg und den Dörfern der Umgebung ver­spürt. In Melsungen gewahrte man starke Erschütterungen, die sich auch in den Häusern bemerkbar machten und die Möbel zum Schwanken brachten. Die Tatsache, daß die Erdstöße weiter südlich sich stärker bemerkbar machten, während sie nördlich von Cassel nur noch als schwache Erschütterungen wahrge­nommen wurden, beweist, daß die Erdbewe­gung von Süden nach Norden verlief und in Mitteldeutschland, nicht weit nördlich von Cassel, ihr Ende erreicht hat.

Das Erdbeben in Hessen-Nassau.

Depeschen der Casseler Neuesten Nachrichten.

Frankfurt am Main, 17. November. Ein ziemlich heftiger Erdstoß wurde hier etwa um 10 Uhr 26 Minuten gestern abend verspürt. Aus allen Stadtgegenden liefen Nachrichten ein, daß in den Häusern eine starke Er­schütterung sich bemerkbar machte. Viele Beobachter melden ein Sichheben und Sichsen- ken der Tische; Knistern in Wänden und Mö­beln wurde vernommen, und in manchen Häu­sern Hieben sogar die Uhren stehen. Die Dauer de» Stoße» wird verschieden angegeben, da» Bebe» mag sechs bi» sieben Sekunde« ge­

währt haben. Das Erdbeben hat in einigen Häusern im Mauerwerk starke Risse verursacht. Sonstige Schäden sind nicht bekannt geworden.

Hanau, 17. November. Das gestrige Erd­beben wurde hier kurz nach halb elf Uhe abends wahrgenommen, jedoch machten sich die Erschütterungen nur schwach bemerkbar. Der Himmel sah bleigrau und gelblich-fahl aus, eine Erscheinung, die man hier noch nicht be­obachtet hatte. Man nahm auch eigenarttge Lichtreflere wahr, wie sie manchmal bei abend­lichen Gewittern einzutreten pflegen. Seltsam ist, daß nur der westliche Stadtteil von der Erdbewegung berührt wurde, während auf der andern Stadtseite.von den Erderschütterungen nichts bemerkt wurde.

Fulda, 17. November. Auch hier wurden gestern abend gegen halb elf Uhr sehr hesti- ge Erderschütterungen verspürt. Ir­gendwelcher Schaden wurde jedoch nicht an- gerichtet. Schon von acht Uhr gestern abend an zeigte der Himmel seltsame Veränderungen: Er hatte eine blei-graue Farbe angenommen und man sah in der Luft zeitweilig ein Leuch­ten wie von sogenanntenWetterblitzen". Ge­gen einviertel elf Uhr setzte ein schwerer Sturm ein, der bis gegen dreiviertel elf Ubr andauernte und dann plötzlich aufhörte, um ei­ner gänzlichen Luststille Platz zu machen.

Bebra, 17. November. Hier verspürte man beit' ersten Erdstoß kurz vor halb elf Ubr abends. Die meisten Menschen konnten fick die eigentümliche Erscheinung ziniächst gar nicht er­klären. Die Erschütterung dauerte mehrere Sekunden und war von großer Hef­tigkeit, so daß Häuser unb Mauern in starke Schwankungen gerieten. Nack dem ersten Erdstoß setzte ein Orkan von außerordent­licher Stärke ein, der indessen nur wenige Se­kunden andauerte, um dann einer gänzlichen Luftstille zu weichen.

Kirchhain, 17. November. Als gestern abend drei Minuten nach halb elf Uhr der e r- st e E r d st o ß wahrgenommen wurde, eilten die meisten Bewohner erschrocken auf die Straße. Die ganze Luft schien mit Elektrizi­tät gestillt zu sein und man sah überall ein Flimmern wie von den Lichtwirkungen phos- phorischer Stoffe. Kurz darauf setzte ein zw' eijer Erdstoß von geringerer Hefttg- keit ein, worauf völlige Ruhe eintrat. Die Erd­erschütterungen waren von einem orkanartigen Sturm begleitet, der aber ebenfalls nur etwa zehn Minuten anhielt und nach den Erdstößen vollständig aussetzte.

HerSfeld. 17. November. Gestern abend ge­gen einhalb elf Uhr wurden hier zwei kurz aufeinander folgende Erdstöße wahrgenom­men. Auch in den Nachbarorten wurde das Erdbeben verspürt. In Wehrda (Kreis Hün­felds schlugen die K i r ch e n g l o ck e n an. Der Bevölkerung bemächttgte sich eine große Beun­ruhigung, und manche Leute verbrachten die Nacht im Freien, da man eine schwere Ka­tastrophe befürchtete, zumal auch am Himmel eigenartige Erscheinungen wahrgenommen wur- den. Nach den beiden Erdstößen trat völlige Ruhe ein.

Ziegenhain, 17. November. Gegen halb elf Uhr gestern abend wurden hier zwei in nördlicher Ricktung verlausende heftige Erdstöße wahrgenommen, die in Zwischen­räumen von etwa zwei Minuten aufeinander folgten. In den Wohnungen wurden die Mö­belstücke auf- und niedergehoben und die Häu­ser selbst kamen ins Schwanken. Nach dem Beben trat eine tiefe Stille ein, und wäh­rend vorher draußen ein starker Sturm gewü­tet hatte, war nach den Erschütterungen auch draußen in der Natur alles totenstill.

Gelnhausen, 17. November. Infolge eines Erdstoßes, der gegen halb elf Uhr gestern abend einsetzte, erbebten alle Häuser. Gegenstände fie­len um und die Einwohner flüchteten auf die Straße. Es herrschte eine förmliche Panik und dir meisten Einwohner verbrackten dis Nacht wachend, da man weitere Erdstöße befürchtete. Die Erschütterungen dauerten je etwa drei Sekunden. In der Lust machten sich klirrende Geräusche bemerkbar und der Himmel sah fahlgelb aus.

Wiesbaden, 17. November. Als hier gestern abend die Erderschütterung verspürt wurde, liefen viele Leute aus den Häusern auf die Straße. Polizei und Feuerwehr wurden mit telephonischen Anfragen bestürmt. Uebenn Rhein wurden eigenartige Lichter­scheinungen wahrgenommen, die soge­nanntenFlächenblitzen" ähnelten. Die Luft war von einem Flimmern erfüllt, woraus man den Schluß zieht, daß sich die Erschütte­rungen auch der Luft mitgeteilt haben. Gleiche Lichterscheimrngen hat man im ganze» Rbeinga» beobachtet.