Nr. 292.
Erster Zahrga««.
COler Neueste Nachrichten
2. Beilage.
Mittwoch, 15. November 1911.
Sie Tochter des Spions.
Roman, von O. von Brunneck.
19) (Nachdruck verboten )
Vscleaen und ängstlich fragte Heinrich, was geschehen sei. Heino fuhr empor.
.Ein Diebstahl, Heinrich! ... Du weißt, daß ich wichtige Schriftstücke in Besitz halte ... sie sind gestohlen! Weshalb hast du nicht bester aufgepaßt? WeShalb hast du die Wohnung verlassen? Du hast dich eigenmächtig entfernt, denn ich hatte dir keinen Urlaub erteilt. Du wirst ebenfalls bestraft werden."
Erregt ging er im Zimmer auf und ab.
.Aus der Strafe würde ich mir nicht viel machen, Herr Leutnant," sagte Heinrich, „wenn wir nur die Papiere wiederkriegen könnten. Ach, Herr Leutnant, eS war ja nicht recht von mir, daß ich so lange ausblieb ... aber der Herr Graf hatte mir ein gutes Trinkgeld gegeben und meinte, ich sollte mir auch einen vergnügten Abend machen, da Herr Leiftnant erst spät nach Haus kommen würden ..."
Erschreckt von dem Ausdruck des Gesichtes seines Herrn schwieg der Bursche.
Als ob ein Blitzstrahl vor ihm niedergefahren wäre, so sah Heino den Burschen an.
„Von wem sprichst du?" fragte er mit heiserer Stimme. „Wer hat dir Geld gegeben, damit du dir einen vergnügten Abend machen solltest?"
„Der Herr Graf Bretteville ..."
Heino ergriff den Arm des Burschen, daß es diesen schmerzte.
„Wann war das?"
„Gestern nachmittag, alS ich den Herrn Grafen bis zur Haustür begleitete."
„Was sagte er?"
„Der Herr Graf war sehr fteundlick. Er sagte, er wollte einmal das Weinbaus der Eltern meiner Braut besuchen, dann gab er mir ein Goldstück ..."
Heino lachte schrill auf und stieß den Burschen hart von sich.
„Weiter weißt du nichts?"
„Nein, Herr Leutnant."
Heino nabm von neuem seinen hastigen Gang durch das Zimmer wieder auf. Er suchte sich mit Gewalt zur Ruhe zu zwingen und seine Gedanken zu ordnen. Er rief sich das Gespräch in das Gedächtnis zurück, welches er gestern nachmittag mit dem Grasen über die geheimen Schriftstücke gehabt: er entsann sich, daß der Graf ein besonderes Interesse an diesen Schriftstücken gezeigt und gemeint hatte, daß gewisse Leute ein kleines Vermögen für sie geben würden.
Mit niemandem sonst batte Heino überfeine Arbeit, über die geheimen Schriftstücke, gesprochen. niemand sonst hatte sie gesehen, niemand sonst wußte, daß sie in seinem Besitz waren.
Und doch ... der Graf batte ja den Abend und die Nacht se,n Haus nicht verlassen! Heino war ia selbst bis nach Mitternacht in seiner Gesellschaft gewesen. Er konnte also unmöglich die Papiere entwendet haben.
Tas mußte der fremde Mensch gewesen sein, der Heino im Hausflur begegnete!
Heino erhob sich. Ein plötzlicher Entschluß gab »Jim- feine Rübe zurück.
„Suche zu erfahren, wer der Mann gewesen ist, der mich gestern abend im Hausflur nach dir fragte," befahl er seinem Burschen. „Irgend jemand im Hause wird ibn doch wohl bemerkt haben. Es muß ein Einheimischer gewesen sein ... großer Mann, in der Kleidung eines Handwerkers, dunklen Vollbart, gebrochen deutsch sprechend. Erwarte mich dann hier, ich bin in einer Stunde zurück. Aber niemand soll meine Wohnung betreten."
„Zu Befehl. Herr Leutnant."
„Gib mir Mütze und Säbel ... sag' niemandem von dem Vorfall."
„Nein, Herr Leutnant ..."
Heino eilte fort. An der Ecke der Straße standen einige Droschken. Er rief eine herbei; sie war mit zwei recht guten Pferden bespannt, die ftisch aus dem Stalle kamen.
„Rach Longeville, zum Landhaus des Grafen Bretteville!" rief Heino und sprang in den Wagen „Und fahren Sie rasch!"
Der Kutscher nickte und rasch rollte der Wagen davon.
Elftes Kapitel.
Germaine schien Heino erwartet zu haben. Als er vor dem Gartentor des Landhauses aus dem Wagen sprang und auf das Tor zueilte, öffnete sich dieses und Germaine trat heraus. Sie trug ein einfaches graues Promenadenkostüm; ein kleiner weißer Strohhut bedeckte ihr dunkles Haar, das in weichen Wellen ihr blasses Gesicht umgab und am Hinterhaupt zu einem Knoten zusammengeschürzt war. Sie sah aus, als wollte sie
einen Morgenspaziergang durch die Weinberge machen.
„Ich habe dich halb und halb erwartet, Heino," sagte sie mit einem seltsamen Ausdruck in ihrem blassen Gesicht. „Was ist geschehen?"
„Wo ist dein Vater?" fragte Heino hastig. „Ich mutz ihn sprechen."
„Mein Vater ist in aller Frühe fortgegangen ..."
„Wohin? ... Ich mutz ihn sprechen! ... Oh, Germaine, unser Glück, mein Leben, meine Ehre hängt davon ab!"
„Ich ahnte es," sprach sie und ihr Gesicht nahm einen barten finsteren Ausdruck an. „Erzähle mir, was geschehen ist."
„Mir waren wichtige geheime Papiere zur Aufbewahrung anvertraut," fuhr er bastig fort. „Dein Vater sah sie gestern nachmittag bei mir ... wir sprachen darüber . -. nur er allein batte Kenntnis davon, daß die Schriftstücke in meinem Besitz waren ... in der letzten Nacht sind sie m.'r aus dem verschlossenen Schreibtisch gestohlen worden ... wenn ich sie nicht wieder erhalte, bin ich verloren ... entehrt ... und wenn dein Vater ... ich kann den Gedanken nickt ausdenken!"
„Beruhige dick." sagte Germaine mit düsterer Entschlossenheit, „du sollst die Papiere wieder erhalten ..."
„Germaine?! Du weißt um diese Schriftstücke?!"
„Ick weiß, wo sie sich jetzt befinden. Komme."
„Tu weißt...? ... So ist dein Vater....?"
„Frage m?ch nickt weiter. Es ist keine Zett zu verlieren: wenn die Schriftstücke erst (en* Feits der Grenze sind, werden sie für dick verloren sein. Du hast einen Wagen da .. laß uns einsteigen , ich werde dem Kutscher sagen, wohin er fahren soll."
„Aber sage mir ..."
. Hast du Vertrauen zu mir?"
„Ja" ...
„So komme. Wir dürfen keine Minute versäumen."
Sie ging zu dem Wägen und stieg ein Betäubt und willenlos fast folgte ihr Heino.
„Kennen Sie den Weg nach Cbateau Mal- maison?" fragte Germaine den Kutscher.
„Ja, Mademoiselle," entgegnete der Mann. „Aber das Schloß liegt jenseits der Grenze."
„Ich weiß. Fahren Sie zu ... aber so rasch Sie können."
Der Kutscher sah erstaunt auf die junge Dame, die in so energischem Tone sprach. Dann trieb er die Pferde an und fuhr durch das langgestreckte Dorf, nach einer Viertelstunde etwa in einen Seitenweg einbiegend, der in einem von beiden Seiten durch dickten Wald eingesäumten Tale entlang führte
„Germaine, willst du mir nicht erklären," bub Heino an. doch Germaine unterbrach ihn mit einer Schweigen gebietenden Handbewegung.
„Du wirst bald klar genug sehen," sagte sie. „Laß uns vor dem Kutscher schweigen ..."
Sie blickte finster vor sich bin. Heino versuchte, ihre Hand zu ergreifen, mit einer schroffen Bewegung wehrte sie ihn ab.
„Fahren Sie schneller, Kutscher!" rief sie biefem zu.
Der Kutscher brummte einige unverständliche Worte, aber Germaine schien ihm zu imponieren: er wagte keinen Widerspruch, sondern trieb die Pferde zu rascherem Lauf an.
Germaine schwieg, und Heino wagte ihr Schweigen nicht zu unterbrechen. Er sah, wie furchtbar sie litt; er glaubte, jetzt das Geheimnis ihres Lebens zu kennen und schmerzhaft krampfte sich sein Herz zusammen, wenn er daran dachte, daß dieses Ereignis, diese Ent
deckung des Geheimnisses ihres Vaters ihr ganzes Lebensglück, ihre ganze Glückshoffnung vernichten mutzte. Aber immer noch hoffte er, daß er und Germaine sich geirrt batten — Graf Bretteville konnte ja nicht der Dieb der Schriftstücke fein! Er hatte ja die ganze Nacht hindurch fein Haus nickt verlassen! Heino selbst war mit ihm ja bis nach Mitternacht zusammengewesen und die Schriftstücke mutzten schon vor Mitternacht entwendet fein.
An diese Tatsachen klammerte sich seine Hossnung an; aber wenn er in das finstere, blasse Gesicht Germaines sah, bann sank seine Hoffnung in nichts zusammen. Und der eine Gedanke quälte ihn aus das Entsetzlichste: war Germaine Mitwisserin des Geheimnisses gewesen — war sie vielleicht gar die Mitschuldige ihres Vaters?! Hatte sie aus diesem Grunde seine Liebe bis zu dem gestrigen Abend zurückgewiesen? Und weshalb batte sie gerade am gestrigen Abend feine Werbung angenommen? Weshalb ihn durch ihre Liebe zurückgehalten, daß er fast die ganze Nackt entfernt "aus feiner Wohnung blieb, so daß der Diebstahl ohne Gefahr ausgeführt werden konnte?
Sag all dem ein bestimmter Plan zu Grunde? War er absichtlich von feiner Wohnung fortgelockt worden und hatte Germaine zu diesem betrügerischen Spiel die Hand geboten ?
„Nein — nein!" schrie es in ihm auf. Wenn auch ihr Vater der Urheber des Diebstahls war, wenn er Heino belogen und betrogen batte, Germaine batte keinen Anteil an dem Betrüge, Germaine war rein und unschuldig.
(Fortsetzung folgt.)
Amte» Allerlei.
Ter Krieg und feine Grausamkeiten.
Man schreibt uns: Die Presse der ganzen Welt, nicht nur die deutsche, wie man in Italien meint, beklagt sich über die Grausam- keiten der italienischen Kriegsfüh- r u n g. Aber man vergißt dabei zu leicht, daß noch in jedem Kriege von der einen ober ber anderen Seite behauptet wurde, daß ber Gegner die Grenzen des Völkerrechts überschreite. Nur hielt man in früheren Zeiten derartige Ueberschreitungen für ganz selbstverständlich, und kein Mensch stieß sich daran, daß die Soldateska in Feindes Land schaltete und waltete, wie es ihr gut dünkte. Weder Gut noch Blut noch Ehre der Einwohner des okkupierten Landes wurden geschont. Aber das war nicht alles, denn meistens schlachteten die Sieger die Besiegten unbarmherzig hin und m a ssa - feierten bte Gefangenen, nachdem sie sie in barbarischster Weise gefoltert batten. Die Verwundeten ließ man hilflos auf dem Schlachtfelde liegen, bis der Tod ibren Qualen ein Ende machte. Im Jahre 1415, in der Schlacht von A z i n c o u r t, hatten die englischen Bogenschützen nichts Eiligeres zu tun, als die Toten um ihre Habe zu berauben. Viele französische Reiter batten sich den Engländern ergeben; als aber König Eduard wahrnahm, daß soviele Gefangene seinen Soldaten behin- derlich waren, gab er den Befehl, daß ,cin jeder den feinigen töten solle". Es war ein ent
setzliches Schaufbiel.(schreibt ein Historiker aus jenen Tagen) zuzusehen, wie diese armen, wehrlosen Menschen, denen man soeben Pardon gegeben hatte, kaltblütig erwürgt, enthauptet und in Stücke geschnitten wurden. Auch in ber berühmten Sporenschlacht ging es nicht menschlicher zu, die im Jahre 1302 geschlagen wurde. Als einer ber flämischen Krieger bei Courtrai, Robert d'Ar- tois, der die französische Reiterei befehligte, erkannte, ber seufzend und tödlich verwundet neben Jakob von Cbatillon und Raoul von Pres- le lag, stürzte er sich wild auf ihn und riß ihm mit feiner gepanzerten Hand dieZungeher- a u s. Ezzelino, der Tyrann von Padua, ber die Truppen bes Papstes Alexander des Zweiten besiegt hatte, ließ die Gefangenen in eine Höhle sperren, an deren Eingang er ein großes Feuer anzünden ließ, sodaß die Einge- sperrtcn jämmerlich erstickten. Die eroberten Städte wurden fast immer dem Wüten der vertierten Soldateska preisgegeben. Die Plünderung von Magdeburg durch Tillys Truppen während des Dreißigjährigen Krieges ist eins der traurigsten Beispiele dieser grausamen Kriegsfülirung. Die modernen Kriege sind an grauenhaften Episoden nicht weniger fruchtbar. Es genügt, wenn man an das Vorgehen ber Engländer gegen die französischen Gefangenen während der Feldzüge des ersten Kaiserreichs denkt. Diese Unglücklichen, von denen viele verwundet waren, wurden in alten Kriegsschiffen zu Portsmouth, Plymouth und Chatham eingepfercht, wo sie ohne Licht und Luft und meistens ohne Nahrung ihre Tage unter beständiger Abwehr furchtbaren Ungeziefers verbrachten.
*
Eine „Konkurrenz" für die Bienen.
Auch für die Bienen febeint eine schwere Zeit auzubrccheu: es soll ihnen in Meriko eine nicht zu unterschätzende, gefährliche Konkurrenz erstanden feilt. Bis jetzt waren diese fleißigen Tierchen die einzigen Honiglieferantinnen der Welt; matt hatte wenigstens nicht gehört, daß auch andere Tiere.imstande waren, den süßen Seim zu produzieren. Nun erscheint aber eine „Myrmecocistas mexicanus“ genannte Ameise mit einem gleichfalls ganz vorzüglichen Honig „auf den Markt". Man darf jedoch nicht glauben, daß alle Vertreter dieser Ameisenart sich der Honigfabrikation widmen; es verhält sich vielmehr bei ihnen genau so wie bei den Bienen, von denen ja bekanntlich auch nur gewisse Exemplare sich produktiv betätigen. Eine Myrmccocistasart, die ganz schwarzen Arbeitsameisen, besaßt sich ausschließlich mit dem Bau des Nestes; die zweite Art bilden Ameisen, die für die dritte Art, die die eigentlichen Honigprobuzenten umsaßt, bas notwendige Rohmaterial herbei- sckassen. Die Honigarbeiterinnen sitzen 60 bis 80 Zentimeter unter der Erde im Nest; sie unterscheiden sich von den beiden anderen Arten durch die Farbe, hauptsächlich aber durch die Körverform. Der Unterleib ist zwanzigmal dicker, als der ganze übrige Körper, so daß das ganze Tier ein bißchen komisch aussteht, etwa so wie. eine große Bombe mit einer Reinen Zündschnur. Der starke Unterleib ist aber das Unglück ber armen Tierchen; sie können sich nämlich, weil er sie überall behindert, nickt fortbetoegen und müssen fick, da sie ganz unbe- bolsen sind, in allem von ihren Artgenossinnen bedienen lassen: so bereiten ihnen zum Beispiel die Arbeiisameisen eine Art Bett, in dem sie allerlei Pflanzenfasern zu einem weichen Teppich verflechten. In dem dicken Leib der Ameisen, der sich allmählich auswächst, ist ber reine köstliche Honig aufgespeichert. In Amerika ist dieser Honig gesucht und geschätzt, und wenn es gelingen sollte, die mexikanische Ameise auch bei uns zu akklimatisieren, werden die Bienen einen harten Kampf zu kämpfen haben, um sich ber Menschen Gunst zu erhalten
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Ser Graphologische Briefkasten der Kasseler Neuesten Nachrichten.
(Bearbeitet von Elsbeth Eberttn).
Wie wir bereits mitteilten, haben wir für unsere Abonnenten einen Graphologischen Briefkasten eingerichtet, dessen Bearbeitung, in, den Händen einer bewährten und anerkannten Spezialistin liegt Jeder unserer Abonnenten ist berechtigt, die neue Einrichtung (Charakter-Ermittlung auö der Handschrift auf wissenschaftlicher Grundlage) in Anspruch zu nehmen. Zu einer Beurteilung sind mindestens zwanzig Zer len flüssig zu Papier gebrachter Schrift (keine „Schön- schrrft !). erforderlich. Anftagen an den Graphologischen Brief- kasten wolle man fünfzig Pfennige in Briefmarken beifügen und die Sendung adressieren: An den Graphologischen Briefkasten der „Casseler Neuesten Nachrichten". Die Antworten werden, regelmäßig in unserem .Familienblatt" (Sonnabends) mitgeteiü.
Eine interessante Tageszeitung
„Casseler Neuesten Nachrichten“
erfüllen diese Bedingungen durchaus: Jede Nummer enthält eine reiche Fülle interessanten und fesselnden Lesestoffes uni der .„:: Nachrichten- und Depeschendienst ist derart organisiert, daß er höchsten Anforderungen gerecht wird.
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