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CMer Neueste Nachrichten

Hessische Abendzeitung

Casseler Aben-zettnng

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Nummer 290.

Fernsprecher 951 und 952.

Sonntag, 12. November 1911.

Fernsprecher 951 und 952.

! Jahrgang.

November gntermem.

Komplikationen in der Reichspolitil?

Jugendmut und Altersschwäche vertragen sich zusammen wie quellkühles Waffer und lo­hendes Feuer: Der Kronprinz von Preußen, der als solcher auch als Erbe der deutschen Kaiserkrone vorm Volke steht, hat gegen den angeblich leitenden und tatsächlich verantwortlichen ersten Beamten im Reich und die von ihm betriebne Politik illusionärer 28 eit« und Volksfremdheit demonstriert; in einer Form Protest erhoben, die weit über den drei- farbnen Grenzstrich hinaus Staunen und Er­regung weckte, und damit offenbar werden lassen, daß der nun bald Dreißigjährige (der in den Flaumbartjahren derMusterknabe" hieß) über Welt, Reich und Volk sich unterdes­sen ein eignes Urteil gebildet hat. Kaum, daß ehegestern der Hofmarschall des Danziger Husaren-Komandeurs das Preßgeslüster über die angeblich vom Erben der Krone gemeinsam mit den übrigen Sprosien des Kaiserhauses ge­planteAktion" gegen den fünften Kanzler un­gelenk und wenig überzeugend dementiert hatte, erhitzte eine neue Ueberraschung die Ge­müter: Kronprinz Wilhelm habe (so ward verläßlich berichtet) an den Kanzler einen Brief gerichtet, der in feiner Gesamtheit eine scharfe Kritik der Bethmann-Kiderlen-Politik im Marokkohandel darstelle, und habe auch in einem Telegramm, das sich auf Linde- quist's üble Exilierung bezog, herbe Worte über das zurzeit im Reich und in der Berliner Wil- Helmstraße herrschende System staats-philoso- phischer Kummerkunst gefunden. Und damit aller guten Dinge Dreizahl auch hier trium­phiere, durfte andern Tags das Parlament am Berliner Königsplatz das seltne Schauspiel ge­nießen, wie der dem Thron am nächsten Ste­hende von der Höhe der Hosloge aus deutliche Mißbilligung über den drunten im Saal verzweifelnd um sein und seiner Aera Schicksal ringenden Kanzler offenbarte.

Wir haben schon darüber berichtet, wie der Thronfolger im Reich (halb gelangweilt und halb demonstrativ-kühl) die lange Rede des verantwortlichenReichslenkers" anhörte, und wie er dann aus sich herausging, als der Kanzler den Fall Lindequist besprach. Nicht nur der Ansicht des Kanzlers entgegen stimmte der Kronprinz dem Standpunkt Lindequists zu (der es bekanntlich abgelehnt hat, für die Ma­rokko-Kompensationen auch nur in irgendeiner Weife die Verantwortung mit tragen zu hel­fen), sondern er äußerte auch von der Hofloge herunter demonstrativ Beifall und fteigertr diese deutliche Kundgebung gegen den Kanzler noch, als Herr von Heydebrand mit ätzenden Worten die zaghafte Politik der Regierung England gegenüber kritisierte und den handgreiflichen Patriotismus empfahl, der mit dem Schwert auf den Boden stößt ,datz es dröhnt und klirrt und die Welt gewahr wird, daß die Wacht am Rhein noch immer treu und sicher. Es wird wenige geben, die nicht Freude darüber emp­finden, daß der künftige Deutsche Kaiser für eine Politik von der Tatenärmlichkeit des fünf­ten Kanzlers allenftills nur ein Kopfschütteln übrig hat; aber in dem Augenblick, wo unsre Beziehungen zum Ausland inftage kommen, wo auf jedes Wort, ja auf den Ton jedes Worts aus dem Mund des verantwortlichen Staatsmanns peinlich geachtet wird, war diese Demonstration des Jugendmuts gegen des Al­ters greise Schwäche nicht nützlich, und es wäre bester gewesen, die Welt hätte in die­sem Moment nervöscher Hochspannung nicht erfahren, wie das Bild der Hoheitstimmuny h i n t e r der eckig-korrekten Kulisse der Berliner Wilhelmstraßr ausschaut. Bei aller aufrichti­gen Sympathie für den frischen und kerndeut­schen Erben der Krone also: Es wäre besser gewesen, uns und der Welt das November- Intermezzo zu e sparen! F. H.

Sie Kronprinzen-Devronstration.

(Telegramm unseres Korrespondenten.)

Eine gelegentlich aus der Berliner Wil- Helmstraße gespeiste Korrespondenz bringt heute unter der UeberschriftKronvrinz und Kanzler" eine Erklärung zu derKron- orinzen-Temonstration" im Reichstag, die in mehr als einer Beziehung intereffant und für die Stimmung in der Wilhelm- straße charakteristisch ist. Es heißt darin: Die Anwesenheit des Kronprinzen bei der Marokkodebatte im Reichstag und seine etwas temperamentvolle Teilnahme an den Vorgän­gen im Haufe hat zu lebhaften Erörterungen in der Presse Veranlassung gegeben, in denen ziemlich einstimmig festgestellt wird, daß, gleich­gültig, wie man zu der Politik des Reichskanz­lers Lehm Möge, «S Nickt pH ne Seien»

k e n sei, wenn sich der Erbe der Krone in einen so offensichtlichen Gegensatz zu der Politik des verantwortlichen Ratgebers seines kaiserlichen Vaters stelle. Man hat auch gesagt, daß der Kronprinz eine bewußte Kund­gebung gegen den Kanzler beabsichtigt habe, aber diese Unterstellung ist so ungeheuer­lich, daß sie nicht ernst genommen zu werden verdient. Zu einer so tief einschneidenden Durchkreuzung der Regierungspolitik dürfte sich Kronprinz Wilhelm umso weniger haben be­reit finden lassen, als es nicht an Vorgängen fehlt, die über die Beurteilung eines solchen Verhaltens durch den Kaiser keinen Zweifel lassen. In diesem Zusammenhänge sei hier an die vielbesprochne Kronprinzenreise nach Indien erinnert, die keineswegs mit jener schönen Harmonie verlaufen ist, wie allzu beflistne Reisebegleiter dies dem deutschen Pu­blikum haben glauben machen wollen. Die Gegensätzlichkeiten zwischen dem Kai­sersohn und seinen jungen Freunden auf der einen Seite und den oflizillen und verantwort­lichen Arrangeuren der Reise auf der andern Seite nahmen bisweilen eine solche Schärfe an, daß weitgehende Interessen, deren Wahrung mit zu den Zielen der Reise gehörte, gefährdet wurden.

Auch die plötzliche Abkürzung der Ost- asiensahrt war letzten Endes weniger auf die mehr und mehr um sich greifende Pestgefahr zurückzuführen, als auf die Unmöglichkeit, die speziellen Wünsche des Kronprinzen mit dem offiziellen Reiseprogramm in Ein­klang zu bringen. Auch damals hat nie­mand im Ernste daran gedacht, daß es der Kronprinz daraus abgesehen habe, irgend je­mandem (sei es den deutschen Kolonien in den von ihm berührten Orten, sei es den ihn mit allem Pomp erwartenden englischen Funktio­nären) eine Kränkung zuzufügen. Aber Ju­gend und ungeeignete Ratgeber dürften die Schuld daran tragen, daß der Kronprinz, besten offener Charakter und dessen Ungezwungenheit viel zu seiner Popularität beigetragen haben, bisweilen die Zurück­haltung vergißt, die ihm seine besondere Stellung zur Pflicht macht. An eine be­wußte Kundgebung des Kronprinzen im Reichstage können wir deshalb nicht glauben. Diejenigen, die den Vorgang aber in diesem Sinne aufgefaßt haben, und beifällig aufnah­men, dürften sich in ihrer Berechnung getäuscht sehen, da die Stellung des Reichskanz­lers durch den Vorfall alles andere als ge­litten hat. Daß der Kanzler nach den Wahlen seine politische Mission als been­det ansehen wird, darauf ist schon wiederholt und wahrscheinlich mit gutem Recht hin­gewiesen worden. Für den Augenblick aber hat der Kanzler nur gewonnen, indem die Aufmerksamkeit von einer wenig erquicklichen Debatte auf einen an sich unbedeutenden Vor­gang abgelenkt worden ist und in dem Kon­flikt Kanzler-Kronprinz (soweit von einem sol­chen die Rede sein kann) die Sympathien aller verfassungsrechtlich gesinnten Elemente des Volkes dem Reichskanzler gehören.

Die Hundepeitsche im Parlament.

Ein Tag imWeaner Parlamentl".

Das österreichische Abgeordnetenhaus be­endete gestern die erste Lesung des Budgets. Zum Schluß der Sitzung stellte der deutsch­radikale Abgeordnete Hummer fest, daß ein in der Alldeutschen Korrespondenz erschienener, vom Abgeordneten Malik herrührender Be­richt über eine angeblich scharfe Kontroverse zwischen dem Redner und dem Abgeordneten Seidl vollständig unrichtig sei. Redner könne jedoch vom Abgeordneten Malik, dem durch den Ehrenrat die Satisfaktionsfähig­keit abgesprochen worden sei, keine wirk­liche Genugtuung wegen diess lügenhaften Be­richts verlangen. Abgeordneter Malik erbat das Wort und erkläre, der Abgeordnete ^ro habe in den Couloirs erzählt, daß der Abge­ordnete Seidl den Inhalt eines im Deutschen Volksblatt erschienenen Artikels des Abgeord­neten Hummer als l a u s b ü b i s ch bezeichnet babe. Der in der Nähe stehende Abgeordnete Hummer erwiderte, daß der Abgeordnete Seidl dies entschieden bestreite. Der Abgeordnete Malik bezeichnete fortsahrend den Abgeordne­ten Hummer als Komödianten und Lumpen, zog. als der Abgeordnete Hummer an ihn herantrat, eine Hundepeitsche hervor, und schluo. ehe er daran gehindert wer­den konnte, zweimal aus Hummer las. Die Abgeordneten bemühten sich, weitere Tätlich­keiten Verbindern. Malik und Hummer wur­den schließlich durch dazwischentretende Abge­ordnete aetrennt. wobei dem Zweitgenannten der Rock förmlich vom Leibe geris­sen wurde: Hummer schrie, er werdeden Hund erschießen^. Mitten in dem allge­meinen Lärm schloß der Präsident die Sitzuna.

Der Abgeordnete Malik erklärte, er habe die Hundepeitsche mitgebracht, da er erfahren habe, daß der Abgeordnete Hummer einen tätli­ch e n A n g r i f f auf ihn plane.

Das Echo des Kriegsrufs.

Rach der gestrigen Reichskanzler-Rede.

Auch die gestrige Reichstagsrede des Kanz­lers wird in der Presse fast übereinstimmend als schwächliche Leistung bezeichnet, deren einziger Effekt der völlige Bruch zwischen der Regierung und den Konservativen sei. Nach den gestrigen Bemerkungen des Kanzlers gegen Herrn von Heydebrand kann es keinem Zwei­fel mehr unterliegen, daß Herr von Bethmann Hollweg entschlossen sei, sich mit aller Kraft gegen Angriffe von allen Seiten zu verteidigen, um seine Position wenigstens bis nach den Wahlen halten zu können. Wir verzeichnen folgende Pretzstimmen:

Berlin, 11. November.

(Eigene Drahtmeldung.)

Die Deutsche Tageszeitung bemerkt zu der gestrigen Kanzlerrede: Auf alle Fragen finden wir keine andre Antwort, als die ernstlichen Befürchtungen, daß der gestrige Tag schwere Folgen für unser nationales Leben haben wird.

Die freikonservative Post schreibt: Die Wir­kung der Kanzlerrede war furchtbar. Die Nachricht, daß eins Hauptschlacht verloren fei, konnte nicht niederschmetternder wir­ken als diese Rede die die Gemüter in ihren tiefsten Tiefen aufgewühlt hat.

In der klerikalen Germania heißt es: Sol­che Worte sind vom Regierungstisch noch nie gegen einen konservativen Führer gefallen; sie weisen auf einen tiefen Gegensatz hin, der selbst- verständlich nicht ohne ernste und schwerwiegen­de Nachwirkungen bleiben kann.

.Die Freisinnige Zeitung sagt: Welche poli­tischen Konsequenzen die Rede des Reichskanz­lers gegen die geächtete konservative Partei ha­ben wird, muß abgewartet werden. Die Fra­ge ist jetzt die, ob der Reichskanzler nach seinem Beisammensein am Donnerstag abend beim Kaiser fester als je fitzt, oder ob er die Ver- antwortunss für den gegenwärtigen Kurs des Staatsschisses ablehnen wird.

Die liberale Nationalzeitung sagt: Die Rechtfertigung Herrn von Heydebrands hat je­denfalls di'e Situation nicht weiter geklärt. Der B in ch> zwischen den Konservativen und dem Kanzler bleibt bestehen, und man muß nun in banger Sorge abwarten, welche Folgen sich daraus ergeben.

Die freisinnige Boffische Zeitung schreibt: Die Rede des Reichskanzlers ist ein unverkenn­bares Argument für die politischen Verhältnisse im Innern. WaS aber wird jetzt werden? Was insbesondere aus der Sammlungs­parole, deren Möglichkeit jetzt undenkbar er­scheint?

Das Berliner Tageblatt sagt: Der erste Ge­danke ist, daß ein Kanzler zu den Konservati­ven n u r d a n n s o zu sprechen pflegt, wenn er zu gehen bereit ist und künftiger Partei- dienste nicht mehr bedarf. Steht Herr von Bethmann Hollweg schon auf diesem Punkt?

Der sozialdemokratische Vorwärts bemerkt: Es mag dem agrarischen Reichskanzler nicht leicht geworden fein, die agrarische De­magogie zu entlarven und sich die Regie­rungspartei zum Totfeind zu machen. Daß er dies tun mußte gegen die konservative Par­tei, gegen die wahrenPatrioten", das sagt mehr als alles andere, wie volksverwüstend und volksverderbend die Junkerwirtschaft auf Deutschland lastet.

Kaiser und Kronprinz.

(Eigene Drahtmeldung.)

Aus Berlin wird uns depeschiert: lieber die gestrige Rede des Reichskanzlers gegen Herrn von Heydebrand ist dem Kaiser sogleich Bericht erstattet worden. Es unterliegt in­folgedessen keinem Zweifel, daß sich der Kaiser mit der Rede vorher schon einverstanden er­klärt. Der Kronprinz wohnte gestern abend im Zirkus Schumann der Aufführung der Creftie bei. Er wurde bei seinem Erscheinen im Zirkus von einem großen Teil der Besucher mit stürmischem demonstrativen Beisall begrüßt und dankte erfreut für die Kundgebungen.

Die Mandschus auf der Flucht?

Kaiserflucht im einfachen Karren.

Die chinesischen Rebellen befinden sich auf dem Marsch gegen Peking. Sie mar­schieren offenbar die große Nord-Süd-Bahn entlang, die von Kaifönq am Hwang-bo über Paottngfu zur Hauptstadt sübrt. Nach Pao- tingfu hat die Regierung in Eile alle verfüg­baren Truppen aetooiieiu um die Rebellen auf­

zuhalten. Indessen rechnet man sicher barmt, daß die Kaiserlichen in kurzem zum Feind übergehen werden. Bei dieser Situation wäre es begreiflich, daß der Regent zunächst die Person des jungen Kaisers in Sicherheit gebracht hätte. Es liegt darüber folgende Mel­dung vor:

Peking, 11. November.

(Privat-Telegram m.)

Hier geht das Gerücht, daß der Kaiser von China und die Kaiserin-Witwe be­reits am Donnerstag früh um zwei Uhr aus Peking geflohen seien und zwar aus ein­fachen Karren, was auf Befehl des Prinz­regenten geschah. Die Meldung von der Flucht des Kaisers wird zwar von der chinesischen Regierung dementiert, allein in den diplo­matischen Kreisen Pekings zweifelt man nicht daran» daß sie der Wahrheit entspricht.

Schreckensverichte aus Nanking.

Depeschen aus London berichten: In letzter Stunde wird hier bekannt, daß Tau­sende der Revolutionäre bei den Kämpfen in Nanking niedergemacht worden sind. In den Straßen Nankings haben sich ent­setzliche Grausamkeiten zugetragen. Verschiedenen Chinesen wurden die Köpfe ab­geschnitten, Kinder wurden auf die Fahnen­stangen aufgespießt und so durch die Stra­ßen der Stadt geschleppt. Viele Chinesen, die vor den Kaiserlichen geflüchtet sind, stnd längs der Bahn nach Schanghai gekommen. Man befürchtet, daß die Revolutionäre jetzt mit glei­cher Schärfe gegen ihre Gegner, die Kaiser­lichen, vorgehen werden.

*

Ein Telegramm aus F u t s ch o u besagt: Die Mandschus machten während der Nacht mehrere Versuche, die fremden Niederlassungen in Brand zu stecken. Siebenundzwanzig Mandschus sollen deswegen von den Revo- luticnären hingerichtet worden sein. Die Regierungstruppen in Nanking brand­schatzen die Stadt, plündern die Privat- häuser und machen alle Chinesen, die keinen Zopf tragen, nieder. Die Zahl der Ermor­deten in den letzten vierundzwanzig Stunden wird auf mindestens tausend geschätzt.

ötmm im Reichstag.

Bethmann Hollweg gegen Heydebrand! (Von unferm parlamentarischen Mitarbeiter.)

Berlin, 11. November.

Der Reichskanzler saß auch am gestrigen zweiten Gerichtstag über Marokko und Kongo an seinem Eckplatz am Bundesrats- tisch, aber der lebhafte Kritiker der deutschen Weltpolitik, der am ersten Tage durch seinen Beifall und fein Mißfallen starke Wellenbewe­gungen auf dem europäischen Kontinent und in dem britischen Jnselreich erzeugt hat, war nicht mehr in der Hosloge zu schauen. Mit dem Luftschiff Schwaben hatte sich der Kron­vrinz inhöhere Regionen" begeben, und in stark ernüchterter Stimmung wird er auf die goldne Kuppel am Königsplatz herabgefchaut haben, unter deren Dach sich der Verantwort­liche Leiter des Reichsgefchäfts gegen den Vor­wurf verteidigte, daß Tripolis eine Fol­ge von Agadir fei. Die Begegnung an der kaiserlichen Tafel zwischen Kronprinz und Reichskanzler hat offenbar zu einem gewissen Ausgleich" in der Auflassung der vorliegenden großen politischen Fragen geführt, wenn auch damit eine dauernde Uebereinstimmung nicht erzielt worden ist. Nach dem Wiederhall, den die Kundgebungen des Kronprinzen innerhalb und außerhalb der Reichsgrenzen gefunden haben, soll der Kaiser die Ansicht geäußert haben, daßder Herr Oberst aus Langfuhr" der Reichstagssitzung am Freitag am besten fern­bleibe, und der Wunsch des kaiserlichen Vaters war für den prinzlichen Sohn Befehl. Tie Hochspannung war auch im Reichstag vorüber, und die allgemeinen Gesichtspunkte verschoben stch mehr und mehr zum P a r t e i g e f e ch t. Der Führer der freisinnigen Volkspartei, Herr Wiemer. griff alsbald auf das Gebiet der innern Politik über und erinnerte Herrn von Hevdebrand (der vonvaterländischem Opfer­mut" gesprochen hatte) an Erbschaftssteuer und Reichsvermögenssteuer. Scharf polemisierte auch dieser Parteifiihrer gegen die Handhabung der auswärtigen Politik durch den Kanzler und sprach unter großer, allseitiger Heiterkeit den Wunsch aus, daß wirmehr Staatsmän­ner haben sollten, die.zur rechten Zeit zu gehen wüßten." Man frage im deutschen Lande, ob denn die deutsche Politik auf der Höhe fei? Ein einstimmigesNein" erscholl von allen Seiten des Hauses. Unter diesem Verdammungsurteil hatte der Kanzler, der stch zur Rechtfertigung erhob, einen schweren Stand, und nur matt klanaen feine Worte, als er bestritt, daß die beutfebe Orientvolitik durch die Marokkopolitik zunichte gemacht worden fei. Der dann fol­gende Hieb gegen den konservativen Führer von Hevdebrand erregte im Hanfe allgemeine Sen­sation und in den Wandelgängen sprachen fast alle Zunaen von demnun unvermeidlich