Einzelbild herunterladen
 

Nr. 289. — 1. Jahrgang.

Casseler Neueste Nachrichten

Nie Politik des Tages.

Die Großindustrie für den Kanzler?

Aus Berlin wird uns berichtet: In einem Aufruf, der unter andern von dem Direk­torium der Hamburg-Amerika-Linie, des Norddeutschen Lloyds, ferner von bevor­ragenden Industriellen und Bankfirmen unter­zeichnet ist, wird gegen die anläßlich des Ab­schlusses des deutsch-französischen Abkommens emgeleitete Agitation Front gemacht, die „geeignet sei, das Ansehen und die Machtstel­lung des Deutschen Reiches im Ausland zu schädigen". Alle deutschen Männer werden „zu gemeinschaftlicher Weiterarbeit an Deutsch­lands kolonialwirtschaftlicher Zukunft" aufge- fordert.

Anarchie in Frankreichs Marine.

Ein Prtvattelegramm meldet uns aus Paris: Der Brester Arsenalschreiber ® ° u s.rn elon, der wegen verbrecherischer Anschläge auf die Bahnstrecke Brest-Paris ver- urteilt worden ist, hat unter den Arsenalarbei-

jungtürkische Komitee und dessen Freunde als U rhe b e r der türkischen Verluste bezeichnen und die Anlehnung an Eng­land undFrankreich empfehlen. In Ko­miteekreisen herrscht große Erbitterung.

vidualität heraus recht; der eine als Herrscher der andere als Genie." „Nein," sagte er ent­schieden, „der König hat recht, Kolumbus hat unrecht. Das Genie, auch das größte, bat sich immer dem Herrscher unterzuordnen." Der Prinz erging sich dann in einer Rekapitulation der großen Schlußszene des Werderschen Dra- mas. Ter König tritt in das einsame Zimmer des Kolumbus, in der Absicht, sich mit ihm zu versöhnen, und dabei erfolgt eine rückhaltlose scharfe Auseinandersetzung zwischen Genie und Krone. „Weder Prinz Wilbelm selbst, der da­mals noch ganz unter Bismarcks Einfluß stand noch ich hatten wohl eine Ahnung davon ge­habt, daß sich die Werderschen Jamben so ge­ringe Zeit darauf in Taten, in so ernsthafte Taten umsetzen würden!"

Das Neueste aus Assel.

Sie BeMmpfKnZ des Blmschwmdels.

Ob der zweite Teil des Reichsgesetzes über die Sicherung der Bauforderungen Geltung erlangen soll oder nicht, darüber gehen die Meinungen sehr auseinander. Vor kurzem sind die Regierungspräsidenten angewiesen wor­den, neue Erhebungen über die Schädigungen der Bauhandwerker durch den sogenannten Bckuschwindel anzustellen. Jedenfalls hat da­nach die Einführung noch gute Wege. Und wenn sie kommt, ist es fraglich genug, ob den Bauhandwerkern damit geholfen "wird, ob nicht vielmehr die einzige Folge die ist, daß nur noch größere Gesellschaften bauen und daß das Bauen an sich abnimmt. Inzwischen ge­winnt die Selbsthilfe auch im Bauhandwerk immer mehr Beachtung. In Bremerhaven hat der Arbeitgeberverband für das Baugewerbe auck zur Selbsthilfe gegriffen und die Han­delskammer Geestemünde veranlaßt, den Ge­schäftsführer des Verbandes als Revisor für Baubücher anzustellen und zu beeitzigen. Die Handelskammer in Geestemünde liefert damit ein Beispiel, das von großer Bedeutung wer­den kann. Das Gesetz zur Sicherung der Bau­forderungen verpflichtet bekanntlich den Emp­fänger von Baugeld, die Baugelder nur für Arbeiten und Lieferungen des Baues zu ver­wenden. für den sie bestimmt sind, und ein Baubuch über die Baugelder zu führen.

Dies Baubuch aber bekommt niemand zu sehen, denn das Gesetz hat den Baugewerbe- treihenden nicht verpflichtet, einer Behörde oder einem Revisor während der Bauzeit Ein­sicht in das Baubuch zu gestatten. Verwendet er die Baugelder anderweit, so wird das im­mer erst bekannt, wenn die Lieferanten und Bauhandwerker keine Zahlung erhalten und sich nur noch retten können dadurch, daß sie den Konkurs beantragen. Durch das Voraehen der Handelskammer Geestemünde ist dieser Ucbelstand dadurch beseitigt, daß der Bauherr zunächst vor dem Revisor den Nachweis zu liefern hat, daß die Baugelder vorhanden sind. Erst wenn b«8 geschehen ist. dürfen die Mit- alieder des Arbeitgeberverbandes Lieferunaen kür den Ban ousführen Außerdem müst-n bis zur Freigabe des Baues sämtliche Zah­lungsanweisungen die Gegenzeichnung einer Vertrauensverson des Verbandes führen M» dadurch stets unterrichtet ist, in welcher Weift die Gelder verwendet werden. Der Bauunter-

Stiles tz0M TlM.

(Depeschen der Casseler Neuesten Nachrichten.) _____~ Ei» Kampf mit Schutzleuten. In der Elsasserstraße in Berlin spielte sich gestern früh zwischen einem wohmmgslosen Schläch- itr und zwei Schutzleuten ein schwerer Kampf ab, die den Schlächter wegen Sachbeschädigung festnehmen wollten. Der Schlächter leistete hart­näckigen Widerstand und schlug auf die Beam­ten ein, so daß einer von diesen zwei Nevol- verschüffe abgab. Der Bursche hmrbe durch einen Schuß in den linken Oberschenkel verletzt und mußte nach der Charitä gebracht werden.

nr Der Abschluß der Fetter-AMre. Das kriegsgerichtliche Verfahren, das gegen den Oberleutnant von Fetter aus Anlaß des urzlrch zu Ende geführten Metternich-Prozes- ef wegen Verletzung der Eidespslicht 'eingelei­tet worden war, ist gestern vom Kriegsgericht in Hanau eingestellt worden.

22 Immer neue Opfer. Die Typhus- epidemie in Rheinland und Westfa­len fordert fortwährend neue Opfer. In bei­den Krankenhäusern in Hamborn erkrankten wer Krankenschwestern schwer. Auch in dem Dorfe Wachstedt im Eichsfeld ist eine Typhusepidemie ausgebrochen. Bisher sind vierzig Erkrankungen vorgekommen, von denen bereits einige tödlich verlau.feu sind.

„ N Der Fürsorqczögling als Mörder. Der rebzehnjährige Mörder Cabalini, der (wie berichtet) in der Hagenauer Zwanhserziehungs- anstalt einen Mitzögling mit einer Hacke er­mordete, ist jetzt verhaftet worden. Der Hunger hatte ihn in das Hans des General­wärters getrieben, der ihn erkannte und fest­nahm.

rä Anatolische Räuber-Geschichten. Der Ingenieur Dublewski, ein österreichischer

italienisch-türkischen Konflikts habe England feine Neutralität erklärt, es sei aber sehr geneigt, mit Hilfe anderer Mächte seine Vermittlung zu versuchen. Es ist eine Genugtuung (fuhr der Minister fort), sich von diesem traurigen Schauspiel zu dem glück­lichen Abschluß der Marokko-Verhand- lungen zwischen Frankreich und Deutschland zu wenden, der so ehrenvoll für die Staatskunst der beiden großen L ä n d e r ist. Man hat uns gegenüber den Argwohn gehegt, daß wir auf die Verhand­lungen mit Kälte blickten und sogar geneigt waren, ihren Erfolg zu hemmen. Nichts kann von der Wahrheit weiter entfernt sein. Der erste der Lords der Admiralität. Chur­chill, sagte, es würde eine falsche Vorstellung sein, zu behaupten, daß das plötzliche schnelle Anwachsen der deutschen Flotte nicht der Hauptfaktor bei unfern Entscheidun­gen ist bezüglich der Neubauten. Aber ich freue mich, daß die Erklärungen des Deut- sch en Kaisers über den Bauplan durch die Ereignisse neu bestätigt werden. Bei der Auf­rechterhaltung dieses Flottenbauplans ohne irgendwelche Erweiterung würden alle Vötter gleich uns zu einer vertrauensvollen und freundlichen Auffassung gelangen.

trocknen pflegte. Wenn er nun mit leidenschaft­lichen Bewegungen sich auf- und nieder- Ichwang, so machte das rote Tuch wie ein Kuh­schwanz diese Bewegungen mit, indem es sich bald in die Luft schwang, bald über den Boden hinwegfegte." Als Wagner einer Mannheimer Aufführung der „Antigone" mit der Mendels- sohn'schen Musik beigewohnt hatte, kam er ganz wild auf Weither zu und ries: „Nu, jetzt haben Sie aber Ihre ganze schöne Arbeit zunichte ge­macht! Diese scheußliche Liedertafelmusik dazu machen zu lassen! Wie geschmacklos!" Als der Direktor sich damit entschuldigte, daß diese Musik in Mannheim herkömmlich und sehr be­liebt sei. erfolgte ein neuer stürmischer Zornes- ausbruch: „Das ist es ja eben!" rief Wagner „daß die Tbeaterdirektoren nicht bloß rein künstlerisch-ästbetischen Motiven folgen, sondern praktischen! Das ist ja gerade der Fluch des deutschen Theaters!" Aus seiner Stuttgarter Zeit ist die spannendste Episode, die Werther erzählt, der Besuch des alten Kaiser Wilhelm zu den großen Kaisermanövern von achtzehn­hundertfünfundachtzig. Die Festvorstellungen stehen unter der spannenden Aufregung drohen­der Attentate, die nur durch größte Wachsam­keit abgewendet werden.

Damals hatte der Generalintendant auch eine sehr interessante Unterredung mit dem damaligen Prinzen, dem jetzigen Kaiser Wilhelm. Der Prinz kam auf ihn zu, gab ihm die Hand und sagte: „Ich habe Ihnen noch zu danken." „Wofür. Königliche Hoheit? Doch nicht für „Zehn Mädchen und kein Mann?" (Tie Posse, die aufgefübrt wurde.) „O nein," erwiderte der Vrinz lachend, „sondern für et­was ganz Ernsthaftes. Sie haben in Mann­heim meines Lehrers in Aestbetik, des alten Geheimrats Werder Drama „Kolumbus", das niemand für bühnenfähig hielt, mit großem Er­folg aufgeführt. Dafür danke ich Ihnen herz­lich!!" Prinz Wilhelm begann nun einzelnes aus dem Werk zu zitieren; er kannte ganze Perioden auswendig. Bedeutsam war es da­bei, wie er den Konflikt zwischen König Fer­dinand und Kolumbus erörterte. „Als Prinz Wilhelm fünf Jahre später als Kaiser den Konflikt mit Bismarck hatte, mußte ich . an seine damalige Aeußerung denken. Er frug mich plötzlich rasch und scharf: „Geben Sie dem König oder Kolumbus recht?" „Ein jeder hat von seinem Standpunkt und aus seiner Jidi-

BodeNhausen-Mend.

Die von Bodcnhausenssche Schauspielschule.

Ungezählte Scharen von Zuhörern hatte der gestrige von Bodenhausen'sche Vor­trags- und Theaterabend wieder herbeizulocken vermocht: kaum konnte der Saal im Restaurant Stadt Stockholm all die Gäste fassen. Dem Andenken Schillers, dessen Ge­burtstag sich heute zum hundertzweiundfünf- zigsten Male iährt, war die erste Stunde des Abends geweiht. Aus grünem Lorbeer und Palmen schaute sein Bild von der schlichten, kleinen Bühne auf die Menge derer, die ge­kommen waren, ihn wieder einmal zu sich reden zu lassen, von ihm reden zu hören. Und daß ihrer so viele waren, das ist ein schönes Zeichen dafür, daß sein hohes Streben, sein idealer Sinn noch Verständnis findet in den Herzen der Menschen unserer Tage. Er war hier in dem nüchternen Raum, wo dem Auge fast gar nichts geboten werden kann, wo es nicht geblendet zu werden vermag von der Pracht der Szenerie, dem Herzen jedes Einzel­nen ganz besonders nahe gerückt, ganz beson­ders noch' auch Wohl deshalb, weil die, deren Mund seine hohen Worte redete, selber noch voller Ideale, voller Glauben an alles Gute, .Wahre und Schöne zu sein schienen. Der hohe Flug seiner Gedanken, sein Genius hatte die Jünger seiner Kunst gestreift, und man fühlte heraus, mit welcher Freude und welcher Be­geisterung hier gearbeitet worden toar.

Ein Hauch von Frische und Jugendlichkeit lag über dem Ganzen und verlieh den jugend­lichen Darstellern jenen Zauber, der auf den Brettern meistens nur zu bald verloren oeht. Aus Schillers Dichtungen hatte man den Mo­nolog der Beatrice aus der „Braut von Mes­sina" sowie zwei Gedichte zum Vortrag be­stimmt. Die Gedichte wurden ausdrucksvoll und mit viel feinem Verständnis vorgetragen von Hermann Homs und Gerd W a llb er a Beide angehenden Mimen zeigten ein sehr nettes Talent und viel Temperament; bis sie fertige Künstler geworden sind, wird natürlich noch eine geraume Svanne Zeit vergeben, ab-r ein guter Anfang ist da. Während Herrn Homs verschiedenen Vorträgen fiel auf. daß er beim schnellen Svrechen zu undeutlich und hastig wurde, ... vielleicht ein klein wenig Lampenfieber. Fräulein Rosa Raymond als Beatrice wollte weniger gefallen; hier ist noch alles zu unfertig und unvollendet: ein sentimentaler Zug ging durch ibr aanzes Spiel, und den Beifall, den sie zum Schluß einb'im- sen durfte, verdankte sie wobl hauptsächlich ih-er jugendlichen Anmut. Eine von den Herren Hein, Saarau (Goethe) und Gerd Wallberg (Schiller» slottqespielte Szene aus Henzens bekanntem Lustspiel „Schiller und Lotte" (Schillers und Goethes Zusammentref­fen ,m Hause der Frau von Lengefeld) fand eine sehr freundliche Aufnahme.

Der zweite Teil des Programms zeigte ein recht buntes Gesicht. Da wirkte besonders niedlich die reizende Szene aus dem ersten Bild der Köniaskinder „Königssohn und Ganzemaqd am Brunnen", lind stürmischen Beifall rief das einaktige Lustspiel „Eine voll­kommene Frau" hervor. Die „vollkommene"

Frau mit dem einen großen Fehler gab »rraulein Käthe Valck mit viel reizend-r schelmischer Anmut und natürlicher Munterkeit. Die junge Dame zeigte auch in verschie­denen Gedichtvorträgen ihre liebenswürdige Kunst. Etwas derberen Humor und ein kräf­tigeres Lachen weckte Herr von Bodenhau­sen durch den Vortrag einiger mundartlicher Dichtungen. Auch ihm ward reichster Beifall, sodaß er sich zu verschiedenen Zugaben ver­stehen mußte. Im Ganzen genommen dürfen die Veranstalter des Abends mit dem schönen wohlverdienten Erfolg recht zufrieden sein. <•»

.Em Privat-Telegramm meldet uns aus Bielefeld: Es steht nunmehr fest, daß der ehemalige Staatssekretär Graf P o s a d o w s - ky im hiesigen Reichstagswablkreis als Kan­didat aufgestellt werden wird. Graf Posa- dowsky hat sich gestern endgiltig zur An­nahme der Kandidatur bereit erklärt, die von allen bürgerlichen Parteien unterstützt wird.

Nach einer Depesche aus Havana haben die Gesandten von Großbritannien, Frankreich und Deutschland der Regierung eine ge­meinsame Rote überreicht, die die sich aus der Zerstörung des Eigentums ihrer Landsleute während des Unabhängigkeitskrieges ergeben­den Forderungen betrifft.

tern Kameraden, die ihn rächen wollen. An Bord des Panzers „Jean Bart", dessen Aus- rüstung zurzeit im Brester Arsenal beendet wird, sind in den letzten Tagen dreimal fast sämtliche elektrischen Lampen zerschlagen und die Leitungen z e r st ö r t worden. Jedes­mal hatte dies eine vielstündige Unterbrechung der Arbeiten zur Folge. Die Entdeckung des Täters ist bishser nicht gelungen. Die Vor­fälle haben in Marine-Kreisen große Auf­regung verursacht und werden wohl auch in der Kammer erörtert werden.

Reue Kämpfe in Mexiko.

Telegramme aus San Geronimo in Mexiko besagen, daß es den Bundestruppen, dre noch Juchetau gesandt wurden, gestern ge­lungen ist, die Rebellen, die in einer Stärke von fünftausend Mann die Stadt belagerten, nach erbitetrtem Kampfe in die Flucht zu schlagen. Die Aufständischen ließen drei­hundert Tote auf dem Platze. Bei dem Gefecht wurde die Wahrnehmung gemacht, daß über die Hälfte der Insurgenten mit Feuerwaf­fen, der Rest dagegen nur mit Messern und Aexten ausgerüstet war. Der Sieg der Regie­rungstruppen wird im ganzen Lande in begei­sterten Kundgebungen gefeiert. Für die näch­sten Tage werden neue entscheidende Kämpfe erwartet.

*

Theater Reminiszenzen.

Aus dem Nachlaß I. von Werthers.

Die „Erinnerungen und Erfahrungen eines alten Hoftheater-Jntendanten", die aus dem Rachlaß J von Werth ers von seinem Sohn veröffentlicht werden, sind ein ebenso inter- "effanteS tote amüsantes Buch, aus dem man viel lernen und bei dem man viel lachen kann Der Verfasser, der unter Laubes Auaen seine schauipielerische Laufbahn begann, der sich dann in Weimar die künstlerischen Sporen verdiente, in Mannheim, Darmstadt und zuletzt in Stutt­gart als Intendant ein reiches Wirken entfal­tete, hat viel erlebt und viel erfahren, und so wird sein Buch zu einer nicht unwichtigen thea­tergeschichtlichen Quelle für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Schon seit seiner Schul­zeit war Werther ein Anhänger Wagners und setzte dann in Mannheim gegen Vin­cenz Lachner, seinen Kapellmeister, der der grimmigste Feind der Zukunftsmusik war, die Ausführung der „Meistersinger" durch. Bei sei­nem ersten Besuch bei Wagner wollte er sich dos Aufführungsrecht für dieses Werk sichern. „Des großen Richards kleine Gestalt, in grün atlasnen Schlafrock und grün atlasne weite Pantalons gehüllt", im unverfälschtesten Leip­ziger Dialekt redend, zerstörte die Idealfigur, die sich Werther von dem Meister gemacht hatte. Die „Meistersinger" stießen in Mannheim auf große Schwierigkeiten: So waren Eduard De- vricnt und Lübke entrüstet über die „Unmora­lität" des Werkes. „Ein Mädchen aus einem hochanständigen Bürgerhause wird sich doch nicht nachts mit einem Ritter unter eine Linde setzen," sprach Devrient indigniert in seinem nasalen Ton und Lübke, der bedeutende Kunst­historiker, sekundierte: „Das Opus wimmelt oon^Unanständigkeiten."

Später erschien der Meister selbst in Mann­heim, um ein Konzert zu dirigieren. „Bis dahin war man gewohnt, den Kapellmeister in einem Konzert zum Publikum gewendet diri­gieren zu sehen. Wagner brack zuerst mit die­ser Anstandspose und drehte sein Gesicht dem Orchester zu, heute für jedermann begreiflich, damals unbegreiflich. Um dem Ernste der Si­tuation auch etwas Komisches beizumischen, will ich erwähnen, daß aus der hinteren Frack­tasche des großen Richard ein langes rotes Tuch beraushing, mit dem «r sich häufig aLzu-

Zer Krieg im Mittelmeer.

Die neuesten Kriegsdepeschen.

(Telegraphische Meldungen.)

Amtlich wird aus Tripolis gemel­det: Die bei Tadjurn konzentrierten Trup­pen wurden am Mittwoch von Italienern angegriffen, letztere aber unter großen Verlusten zurückgeworfen. Die Türken machten stebenundfünfzig Gefangene und erbeuteten viele Vorräte und Munition; sie hatten zweiundvierzig Tote und fünfzig Verwundete.

Depeschen aus K o n st a n t i n o p e l zufolge wurde in der mit Spannung erwarteten gestri­gen Sitzung der Kammer dem Kriegsminister Mahmud Schefket Pascha das Ver­trauensvotum ausgesprochen. Die krie­gerischen Vorbereitungen der Türken in Mh- t i l e n e werden mit fieberhafter Tätigkeit fort­gesetzt. Die türkische Bevölkerung, die nicht imstande ist, Waffen zu tragen, hat sich in das Innere zurückgezogen. Die übrige Bevölkerung wird mit aller Energie militärisch ausgebildet. Die türkische Garnison von Chios wurde in Voraussicht eines italienischen Angriffes auf viertausend Mann verstärkt. Der Golf von Saloniki wurde mit schw^rkalibrigen Geschützen besetzt und die dortigen Munittonsvorräte er­gänzt. Italienische Kriegsschiffe haben vor- gestern Tadschura, östlich von Tripolis, bom­bardiert. Nachrichten aus Malta zufolge be­reiten die Türken und Araber für Sonnabend einen G e n e r a l a n g r i f f auf die italienischen Stellungen in Tripolis vor.

Die gimgtürken am Ende?

(Privat-Telegram m.)

DaS revoluftonäre mazedonisch-bulgarische Komitee in Saloniki hat an die fremden Kon­suln Zirkulare gesandt, in Lenen es heißt: An­gesichts des Zusammenbruches des jungtürkischen Komitees und der Aenderung der Gesamtlage im Innern des Landes, habe das mazedonisch-bulgarische Ko­mitee seine alte Organisation ausgenommen und werde alles daran setzen, seine Pläne der Erreichung der Autonomie für Maze- donien durchzuführen. Daraus erklärt sich auch die erhöhte Bandentätigkeit. In Uesküb sind Druckschriften verteilt worden, die das

Neue blutige Rassen-Kämpfe.

In Italien haben die Nachrichten von den Unruhen in Tunis tiefe Bestürzung her­vorgerufen, weil sie ein Symptom zu sein schei­nen von dem Haß, der unter der muslamiti- schen Bevölkerung gegen Italien sich gesam­melt hat. Man hofft aber auch, daß diese Vor­kommnisse England und Frankreich veranlassen werden, einen schärfere Bewachung der Gren­ze gegen das Uebertreten türkischer Agenten und Hilfstruppcn in Tunis und Aegvvtcn, durckzuführen und ein schärferes Auge auf alle fremdenfeindliche Bewegungen zu richten. In­zwischen ist es zu neuen blutigen Zusammen­stößen gekommen:

Tunis, 10. November.

(Privat-Telegram m.)

Die Unruhen haben einen weit größer« Umfang angenommen, als man anfangs ge­glaubt hatte. Im Lauf des gestrigen Tags wiederholten sich die Zusammenstöße, die einen sehr blutigen Verlauf nahmen. Vier Ma­trosen der Schifssdivision von Tunis, die im Wagen aus der Umgegend kamen, wurden von der eingeborenen Bevölkerung angegriffen und schwer verletzt. Einer von ihnen ist bereits gestorben, die andern wurden in hoff­nungslosem Zustand ins Militärlazarett ge­bracht. Zwei englische Matrosen, die eine Aus­fahrt in die Umgegend unternommen hatten, wurden von der erregten Menge ermordet. Die Garnison von Tunis ist um dreitausend Mann verstärtt worden.

Sie Spfer der Raffenkämpfe.

Wie aus Tunis berichtet wird, sind die Seeleute, die gestern von den Eingeborenen überfallen wurden, keine Franzosen, sondern drei norwegische Matrosen. Während sie in einem Mietswagen nach der Ankerstelle ihres Schiffes fuhren, erfolgte auf halbem Weg der Ueberfall. Ein Matrose wurde durch einen Schuß in den Kopf schwer verletzt. Die beiden andern kamen mit leichtern Verletzungen da­von. .Auch der Kutscher wurde schwer ver­letzt. Wie es heißt, sollen sich auch die eingebo­renen Beamten, die im Verwaltungsdienst an- gestellt sind, an den Unruhen beteiligt haben. Sie sollen ihre französischen Kollegen unter­stützt und sie in Sicherheit gebracht haben.

____________Somiaoend, 11. November 1911.

Pole, wurde gestern bei Samsun in Ana­tolien von Räubern entführt. Sie ver­langen für seine Freilassung hohes Lösegeld Auch in Brussa wurden zwei weitere In­genieure von Banditen total ausgeplündert.

L- Katastrophe auf See? Der mit einer Holzladung von Petersburg nach Lübeck abgc- gangene Hamburger Dampfer „Horn" wird vermißt. Es wird mit der Wahrscheinlich­keit gerechnet, daß der Dampfer bei dem letz- ten großen Sturm unt e r g e g a n g en ist. Seine Besatzung bestand aus zwölf Mann.

iS! Rewyorks Kutscher streiken. Wegen Einführung des Nachlabfuhrwesens in N e w - York streiken die Kutscher des städtischen Abfubrwesens. Auf den Straßen häufen sich die Mülltonnen. Der Bürgermeister verfügte die Entlassung der Streikenden, doch ist diese wirkungslos, da ein Ersatz schwer zu beschaf- fen ist.

Große Goldfunde in Alaska. Aus Alaska wird berichtet, daß nach dem Nie­dergehen eines Gletschers eine Goldquarz- aber von großem Reichtum im Südwesten von Alaska entdeckt worden ist. Infolge die­ses neuen Fundes, der als der reichste der West bezeichnet wird, sind zahlreiche Schürfer aus Valtez, Cordoba und anderen südlichen Städten Alaskas nach Ost Wells, das in un­mittelbarer Nähe der kostbaren Fundstätte lieat geeilt. ”