Einzelbild herunterladen
 

bOln NM HlWW

Dt» «afleto Neu-gcu »achrtchtru «rschrtnm wöcheullich sechsmal xm2> jroar abends. Der «bomrementSprelS betrügt m-n-tltch 50 Pfg. bei freier Zustellung ins HauS. Bestellungen werden jederzeit von der »eschüstSstelle oder den Boten entgegengenommen. Druckerei, Verlag und StedaWo«: Echlachlhofftrabe 28/30. Sprechstunden der Redaktion von 13 Uhr nach, mittags, juristisch« Sprechstunden für unfere Abonnenten Mittwochs und Sonnabends von »-« Uhr abendS. Berliner Vertretung: SW, Friedrichstraße 16, Telephon: Amt IV 676.

Casseler Abendzeitung

Hessische Abendzeitung

SnserttonSpreise: Die sechSgespaltene Zeil« fite einheimisch, «eschüft» 11 Pfg., für au*, württg« Inserat« 25 Pf Reklamezeile für etuhetmtsch« »-schüft« 10 Pf, für -nSwLrttg« Seschäft« 60 Pf. Beilagen für die «esamtauflage werden mit 5 Mark pro Tausend be­rechnet. Wegen ihrer dichten Verbreitung in der Restden, und der Umgebung sind die Lasseler Neuesten Nachrichten ein vorzügliches Jns-rttonS-rgau. »«schüftSstell«: »ülntsche Straß« 5. Berliner Vertretung: SW, Friedrichstraße 16, Telephon: Amt IV «76.

Nummer 289. Fernsprecher 951 und 952. Sonnabend, 11. November 1911.

Fernsprecher 951 und 952.

1. Jahrgang.

Jer Lag der Gericht».

Randbemerkungen zur gestrigen Marokkodebatte.

Am neunten Novembertag hat Herr Theo­bald von Bethmann Hollweg, der Kanzler im Reich, vor'm Parlament des Volks über M a - rokko gesprochen. Gesprochen wie einer, der weiß, daß es gilt, einen Sturm zu schwichti- gen. Wenn Herr von Bethmann indessen die Hoffnung gehegt hat, daß es ihm gelingen werde, die Stimmung im Land durch eine an- derthalbftündige, inhaltlich über den bescheid­nen Durchschnitt nicht hinausragende Reichs­tagrede zu sänftigen, so sieht er sich ent­täuscht: Im Parlament hat man seinen Wor­ten zwar aufmerksam gelauscht, aber man hat auch die Ueberzeugung gewonnen, daß Das, was der Kanzler zur Rechtfertigung der Poli­tikunbegrenzter Möglichkeiten" vorgebracht hat, die schweren Bedenken nicht beseiti­gen kann, die dieser Politik vom Tag der Panther"-Fahrt nach Agadir an entgegenstan­den. Herr von Bethmann hat dem Reichstag erzählt: Alles, was in der Oeffentlichkeit über die schwächliche Taktik deutscher Marokkopolitik, über das scheue Zurückweichen der Berliner Wilhelmstraße vor dem Stirnrunzeln englischer Minister lnw über die üble Bilanz des Ma- rokko-Geschäfiß erzählt, geplaudert, geschrieben und gedruckt worden sei, erscheine vor der Kri­tik als MW^rug; Deutschland sei während all der MoWß, die die Geduld des Volkes fol­terten, jeden Augenblick bereit gewesen,seine Ehre mit dem Schwert in der Hand zu verteidigen". So sprach der Kanzler, und das Parlament des deutschen Volks ver­harrte in eisigem Schweigen...! Kein Beifallsturm, kein zustimmendes Gemurmel rechts und in des Zentrums dichten Reiben er­munterte den Mann im grauen Rock politischer Nüchternheit: War dies Schweigen, diese er­tötende Stille nicht beredter, als die Tau­sende von Worten, die nach der Kanzlerrede überquellend von den Lippen flössen; sprach aus der bedrückenden Stimmung tiefsten Unbe­hagens nicht schärfere Kritik, als aus Streitruf und Kampfgeschrei?

Der Herbsttag, der dem Kanzler den Ver­zweiflungskampf wider das Gespenst der Volkserbitterung aufzwang, wird in der Ge­schichte der Aera Bethmann als Mene Tekel vermerkt werden müssen: So lang Theobald von Bethmann Hollweg auf dem Stuhl des Kanzlers sitzt, gab'S keine Stunde noch im deutschen Parlament, in der derVerantwort­liche und leitende Staatsmann" so gänzlich bar aller Sympathien und fo offensichtlich ver­lassen von jeglicher Hilfsfreudigkeit rechts and links im Lager der Parteien vorm Lande stand, um eine Sache zu verteidigen, von der er selbst im tiefften Herzensinnern sich sagen muß:Hier wäre Rettung töricht!" Was Herr von Bethmann Hollweg gestem zur Rechtferti­gung der von ihm betriebnen Marokkopolitik vorgebracht hat, war schwächliche Argumenta­tion, die ernsthafter und gerechter Kritik in keinem einzigen Punkt standzuhalten vermag. Er hat erzählt, daß das Märchenland Groß-Kamerun" zwar Sumpf und Wüste berge, aber auch stellenweise mit der Fruchtbar­keit jungfräulichen Bodens gesegnet sei: Und wir haben von Fachmännern (die an des Kongo Ufern weilten und nicht vom grünen Tisch allein den Handel wogen) beteuern hören, daß Herr von Kiderlen im Auftrag seines Chefs das Vaterland um zweihundertfünfundstebzig- täusend Quadratkilometer schlafkrankheit-behaf­teten Sumpflands bereichert habe. Herr von Bethmann Hollweg hat im Reichstag feier­lich versichert, daß das teutonische Heldentum der Berliner Wilhelmstraßevor Niemand zu­rückgewichen sei, auch vor England nicht": Und es ist noch vor wenig Tagen vorm Ohr der ganzen Welt über die Recken gespottet worden, denen der Lärm eines englischen Wichtigtuers beachtlich genug schien, um das blitzende Schwert in der friedlichen Scheide verschwin­den zu lassen. Ist das Volk unmündig, dem solch Schlummerlied in wildbewegter Zeit vorgesummt werden darf?

Und Lindequist? Mit sorglich tastendem Wortspiel ist der Kanzler über ein Geschehnis hinweggegangen, das (wenn man von der Bis­marck-Tragödie im Abenddämmern des neun­zehnten Jahrhunderts absieht) in der Geschich­te des Reichs fast ohne Beispiel dasteht; hat von dem im Tintenmeer offiziöser Stim­mungsmache ertränkten Staatssekretär des Kolonialamts gesprochen wie von einer Dut­zend-Exzellenz, der der eigendünkeinde Starr­sinn ungesunder Selbstschätzung den Weg zum Ziele sperrte. Kein Wort über das Haberfeld­treiben offiziöser Preßdrenstleute, kein Laut über den Eseltritt, den dem Scheidenden noch «u| des Amtes Abschieds-Schwelle blinder

Groll versetzte: Hat der Reichstag kein Recht, vom verantwortlichen Staatsmann erschöp­fende Auskunft darüber zu verlangen, wie es kam, daß ein Mann, den der Sprecher der Konservativen gestern den Einzigen nann­te, derwirklich koloniale Kenntnis besaß", in einer Stunde aus dem Amte schied, die nach des Kanzlers Beteuerung und nach dem feierli­chen Schwur offiziöser Schriftgelehrter einen über's Erdrund hallenden Tiiumph deutscher Politik gebar; und welcher Zwang die Zions- wächter deuffcher Rechtschaffenheit bewog, den Scheidenden mit dem Zeugnis bureaukratischer Engherzigkeit und der Anklage amtlicher Läs­sigkeit zu bemakeln? Wenn der Kanzler schweigt, wird das dem Volksgewisscn und dem nahen Volksgericht verantwortliche Parlament umso lauter sprechen müssen, denn Schwei­gen hieße hier Billigen, und Billigen hieße mitschuldig sein an dem Ueblen, das uns der letzten Wochen graues Düster in so erdrük- kend-reicher Fülle gebracht hat.

Der Kanzler wird am Donnerstag in der Abenddämmerung das goldgedeckte Kuppel- Haus Wallots mit dem Empfinden des Man­nes verlassen haben, der den Berg des Aerger- nisses immer riesenhafter sich auftürmen sieht, obne die Möglichkeit zu schauen, das Verhäng­nis zu bannen. Er hat gestern von den Ban­ken rechts und links im Hause Worte vernom­men. die ibm wie unerbittliche Anklä­gern den Ohren gellen müssen, und von denen er weiß, daß sie im ganzen Reich ein brausend Echo finden werden. Hertling, Heydebrand, Ballermann und Bebel: Kein einziger der Tribunen hat nur e i n Wort der Rechffertigung für eine Politik gefunden, über die längst das Urteil gefällt ist. und deren grimmigste Kritik ans der Kümmerlichkeit ihrer eignen Bi­lanz den für ihr zwergenhaft Werden Verant­wortlichen entgegengrinst. Herr Alfred von. Kiderlen (dessen Hand dir Fäden gewoben, di« des fünften Kanzlers Sein umschnüren) hat sich gestern darauf beschränkt, dem Reichstag zu er­zählen, daß Asauith's Fntriganten-Kabinett die Wilhelmstraße habe willen lallen. Str Fairfax Cartwright's Kabalistenseele habe (trotz des Siegmund Münz-Interviews der Wiener Neu­en Freien Presse'» niemals finstre Pläne wider den deutschen Vetter erbrütet, während ein Redner von. der maßvollen Ruhe Ernst von Heydebrand's ein paar Minuten vorher vorm Reichstag ausrief, die Frechheit angelsächsischer Diplomatie habe der deuffchen Nationd i e Schamröte in's Gesicht getrieben." Was soll man sagen zu diesem wüsten Chaos unentwirrbarer Rätsel, Kabalen und Wider- svrüche; zu dieser Tragödie einer verzweifelnd «egen die Nemesis ringenden Politik volks- uitb weltfremder Illusionen, deren ganze Aerm- lichkeit der Welt nie f o deutlich offenbar ward, wie just in dieser Stunde, in der ihr Schicksal sich erfüllen soll ...? F. H.

*

Der Kronprinz in der Hofloge.

(P r i v a t - T e l e g r a m m e.)

Berlin, 10. November.

DaS sensationelle Ereignis des gestrigen Tags war weniger das afrikanisch gestimmte Plaidoyer des Reichskanzlers für eine aus­sichtslose Sache, als vielmehr das offene Eingreifen des Kronprinzen in den Gang der Politik, das sich durch seine Anwesen­heit in der gestrigen Reichstagssitzung kundgab. Der Kronprinz war während der Rede des Kanzlers in der Hofloge erschienen, grade als Herr von Bethmann über den Rücktritt des Ko­lonialstaatssekretärs von Lindequist sprach. Er begleitete die Ausführungen des Kanzlers mit deutlichen Zeichen der Mißstimmung. Als Herr von Bethmann die Vorteile des Ab- kommens erörterte und die Hoffnungen für den FriÄien, die sich an das Abkommen knüpfen sollen, da schüttelte der Kronprinz wiederholt energisch den Kopf; er wandte sich häufig zu seinem neben !hm sitzen­den Bruder oder nach der andern Seite zu einer Dame aus der Hofgesellschaft und man konnte aus seinen Gesten leicht erraten, daß er mit dem Leiter der deutschen Politik nicht überein stimmte. Das größte Auffehen aber machte es, als der Kronprinz demon­strativ die Politik des Herrn von Heydebrand mit beifälligem Nik- kendesKopfes und zustimmende» Handbewegungen begleitete. Fast hätte er Herrn von Heydebrand Beifall ge­klatscht. Diese Szenen in der Hofloge wur­den auch im Saal unten bemertt und schnell knüpften sich Gerüchte daran, daß die Stel­lung des Kanzlers erschüttert sei. Man kann sich nicht vorstellen, daß der Kron­prinz derart öffentlich gegen Herrn von Beth­

mann auftreten würde, wenn Herrn von Beth- mann's Tage nicht gezählt wären. In den Wandelgängen sprach man von nichts anderm als von diesem in der Geschichte des Deutschen Reichs noch nicht dagewesenen Her­vortreten des Kronprinzen, das zweifellos auf vielen Seiten Beifall, auf man­chen Seiten aber auch ernste Bedenken erwecke» wird.

*

Man muß damit rechnen, daß der sensa­tionelle Protest des Thronfolgers gegen den Verantwortlichen Leiter der von dem Kai­ser gebilligten Reichspolitik nicht nur die öffentliche Diskussion in der nächsten Zeit beschäftigen, sondern auch tatsächliche Folgen haben wird. Vielleicht geht Herr von Beth­mann noch früher als der Reichstag? Man kann es kaum glauben, da der Kaiser ihmdie Stange hält". Nach der gestrigen Reichstags­sitzung wurde bekannt, daß der Kaiser den Reichskanzler nebst Gemahlin während der ge­strigen Sitzung zum Abendessen laden ließ. Soll es dasAbschiedsdiner" sein, oder bedeu­tet die Einladung eine Demonstration gegen die Opvosition wohl sämtlicher Parteien? All Das, was sich gestern vor und hinter den Kulissen ereignet hat, birgt jedenfalls eine Menge von Rätseln, auf deren schließliche Ent- wirrnng man nach Lage der Sache gespannt sein darf.

Ja» Scho der Kanzler-Rede.

Ein Kronprinzenbrief an den Kanzler.

Wie uns aus Berlin'berichtet wird, hat nach Informationen von verläßlicher Seite der Kronprinz einen Brief an den Reichs­kanzler gerichtet, in dem er seinen Stand­punkt zur M a r o k k o s r a g e darlegt und der veröffentlicht werden soll. Im übrigen weisen sämtliche Morgenblätter auf das Verhalten deS Thronfolgers in der gestrigen Reichstagssitzung als auf ein sehr bemerkenswertes Symptom bk«. Ferner h'f in diesem Zu­sammenhang zu erwähnen, daß die von der Nationalzeitung gebrachte Nottz, nach der der Kronprinz gemeinsam mit seinen Brüdern eine Aktion gegen den Reichskanzler plane, vom kronprinzlichen Hofmarschallamt alsnicht den Tatsachen entsprechend" bezeichnet wird. Das Dementi ist in dieser Form sicherlich nicht son­derlich überzeugend und das Verhalten deS Kronprinzen in der gestrigen Reichstagssitzung kann eher als eine Bestätigung der Mel­dung angesehen werden.

Berlin, 10. November.

(Privat-Telegramm.)

DaS von dem offiziösen Berliner Lokalanzei­ger zuerst angekündigte Disziplinarver­fahren gegen die Beamten des Reichskolo- nialamteg ist, entgegen dem Versuche eineS De­mentis durch eine gänzlich uninsormierle Stelle, bereits am Sonnabend mittag einge­leitet worden, und zwar auf Grund einer Ver­fügung (nicht Erlasses) des Reichskanzlers. Mehrere Beamte des Reichskolonialamts sind bereits am Montag eingehend vernommen wor­den. Mit der Führung der Geschäfte für den aus dem Dienst auSgeschiedenen Geheimrat von Danckelmann ist Hauptmann a. D. Mar- quardsen betraut worden, der auch bei frü­heren Gelegenheiten schon die Vertretung Dau- ckelmanns übernommen hatte. Der Vertrag des Herrn von Danckelmann mit dem Reichskoko- nialamt endet mit dem Schluffe dieses Jahres.

Stimmen des Auslandes.

(Eigene Drahtmeldungen.)

Aus Paris wird uns gemeldet: I» sei­ner heutigen Frübnummer veröffentlicht der Figaro" die gestrige Kanzler re de da­hin, daß diese wichtige Kundgebung des ver­antwortlichen Leiters der deutschen Polittk dem Inhalt und der Form nach so klar und unmit­telbar zum Verhältnis zu Frankreich und den Gegnern spreche, daß sie kaum einer Erläute­rung bedürfe. Umfo weiteren Raum widmen derFigaro" und die anderen Morgenblätter der Ausnahme, die die Kanzlerrede bei den Reichstagsfraktionen und in der Kron­prinzenloge gefunden hat. Die Blätter konstatieren nicht ohne Besorgnis, daß die p o - littschen Leidenschaften in Deutsch­land jetzt, wo die Krise überwunden schien, noch weit stärker entflammt seien, als in Frankreich während der kritischen September­tage dieses Jahres.

Stand Europa au AbgrSuveu?

Ein Privattelegramm berichtet uns aus Wien: In einer Besprechung der gestri­gen Marokko-Debatte im Deutschen Reichstage schreibt beute dieNeue Freie Presse": Die gestrige Debatte im Deutschen Reichstage hat mit großer Deutlichkeit gezeigt, an welchen Ab grün den die europäischen Völker in den letzten Monaten vorübergegan­gen sind. Man hat das Abkommen zwar ver­urteilt, und der Reichskanzler hatte gestern einen schlechten Tag, aber ist nicht doch der unschätzbare Vorteil dieses Ueber- einkommeuS der, daß der Frieden erbalten

und daß wegen einiger Fetzen afrikanischen Landes nicht wieder namenloses Unglück über die Menschheit gebracht wurde. In ähnlichem Sinne äußern sich auch die meisten übrigen Wiener Morgenblätter, die die gestrige Kanz­lerrede zwar als schwach und wenig glücklich verurteilen, das Marokko-Abkommen dagegen alseuropäische Friedensgarantie" vereidi­gen.

Die Friedensslocke« läuten!

Depeschen aus London melden: In po­litischen Kreisen wird es als ein Anzeichen der wachsenden Stimmung für eine V e r st ä n- digung mit Deutschland betrachtet, daß gestern dem Premierminister von Mitglie­dern des Unterhauses eine Denkschrift überreicht worden ist, die von zahlreichen Ab­geordneten aller Parteien unterzeichnet ist. Herr Asquith wird darin ersucht, angesichts der in England vor kurzer Zeit verbreiteten Be­sorgnis, daß ein Krieg bevorstehe, nach Ab­schluß der Marokko-Verhandlungen, die jetzt in Deutschlandherrschende ü b e l - drohende Meinung über Englands Haltung ihm gegenüber" zu beseittgen. Die Denkschrift verlangt, daß die deutsche Regie­rung und das deutsche Volk die Versicherung erhalten, keine verantwortliche Stel­lt in England wolle Deutschlands berechtigten Wünschen als Großmacht entgegentreten. Sie drückt ferner die Hoffnung aus, daß jede Ge­legenheit zu einem Zusammenwirken mit Deutschland ergriffen werde und daß die Entente mit Frankreich einer herzlichen An­näherung an Deutschland nicht entgegenwirle.

Revolution und Panik.

Bizekönig und Oberbefehlshaber geflüchtet!

Wie aus Schanghai vorliegende Mel­dungen besagen, ist das Gerücht, wonach die Kaiserin-Witwe, der Kaiser und die Gemahlin des Regenten Peking verlassen haben, un­begründet. Der Thron genehmigte von den Forderungen der Notabeln von Schantung nicht den Punkt, der den sofortigen Frie- densschtub mit den Reb.-llm und die Pro­klamierung der Vereinigten Staaten von China verlangt. Die Lage im Jangtse­tal ist fehr kritisch, da General Li, der Kommandant der revotuttonären Truppen, sich bis jetzt ständig geweigert hat, mit Manschi- kai betreff des Abschlusses eines Waffenstill­standes auf Grund des Pekinger Edikts in Un­terhandlungen zu treten, vielmehr haben die Revolutionäre den Vormarsch auf Pe­king beschlossen. In der Umgebung von Han- kau fanden verschiedentlich kleinere Gefechte statt. Wettere Depeschen melden:

Hongkong, 10. November.

(Privat-Telegramm.)

Als gestem nach einem Austrage der Pro- vinzialversammlung von Kuangtung dem Bizekönig die Prästdenffchast angeboten werden sollte, stellte sich heraus, daß der Bize­könig mit dem Schatzmeister und dem Oberbefehlshaber der Truppen ge- flohen war. Bon Hongkong sind britische Landtruppen in Kanton eingetroffen. Fnffchau fiel gestern nach kurzem Kampf in die Hände der Aufständischen. Der Oberbefehls­haber der Tmppen, Sungstchingfan, und die meiste» Beamtm find entkommen. Die westlichen Provinzen find völlig sicher.

Das Bombardement tum Nanking.

(Privat-Telegramm.)

lieber das Bombardement von Nanking liegt jetzt folgender eingehender Bericht vor: Mitglieder der Nankinger Provinzialverfamm- lung verlangten von dem Tartarengeneral die Auslösung der nach altem Muster instruierten Truppen, da diese vollständig undiszipli­niert seien. Der Tartarengeneral weigerte sich und begann an der Spitze von neunhundert Mandschus, zu denen sich noch alte Soldaten gesellten, das Bombardement der Chinefenstadl. Diese ist für Ausländer geschlossen, die sich in die Legationen und Mis­sionen geflüchtet haben. Die Chinesenstadt be­findet sich in den Händen der Mandschutmppe», die sich der Brandschatzung und Plün­derung hingeben. Der größte Teil der Re- volutionäre hat sich vor Beginn der Feindselig­keiten aus der Stadt geflüchtet. Der Vi­zekönig von Nanking, der mit seiner- milie in Nanking zurückbleiben will, erklärte seinen Beamten, die sich nach Hankau flüchteten, er werde Selbstmord begehen, wenn die Stadt zerstört werde.

8et 8l«b der Harmlosen.

Friedensvänge vom Lordmayor-Bankett.

(Telegraphischer Bericht.)

London. 10. November.

In einer Rede beim gestrigen Lordmayors­bankett in der Guildhall erflärte Premier­minister Asquith bei Besprechung der gegenwärttgen Lage in China. England zeige keine Neigung, sich in die inneren Ange- leaenüeiten Cbiuas einzumischen. Bezüglich des