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Witt Neueste Nachrichten

Caffeler Abendzeitung

Hessische Abendzeitung

Nummer 288

Fernsprecher 951 und 952.

Freitag, 10. November 1911

1» Jahrgang

Fernsprecher 951 und 952.

Kennzeichnung erfahren haben.

F. H.

Srte Casseler Neuesten Nachrichten erscheinen wöchentlich sechsmal und zwar abends. Der Wonnementsprets beträgt monatlich 60 Pfg. bet freier Zustellung tnS Haus. Bestellungen werden jederzeU von der Geschäftsstelle oder den Boten entgegengenommen. Druckerei, Verlag und Redaktion: Schlachthofstrabe 28/30. Sprechstunden der Redaktion von l3 Uhr nach, mittag«, juristische Sprechstunden für unser- Abonnenten Mittwoch« und Sonnabends von s3 Uhr -bendS. Berliner Vertretung: SW Friedrichstraße 16, Telephon: Amt IV 676

Jer KroRprirrz ist bestürzt!

Nachwchcn zur Kolonial-Krife.

Der' unter so aufsehenerregenden Umstän­den erfolgte Rücktritt ' des Kolonial-Siaats- sekretärs von Lindequist scheint auch in anderer als politisch-parlamentarischer Be­ziehung noch Nachwirkungen haben zu sollen, deren Tragweite sich zurzeit allerdings noch nicht absehen läßt. Es handelt sich um eine angebliche Stellungnahme des Kronprin­zen und andrer Mitglieder des Kaiserhauses zumFall Lindequist", Nachrichten, deren Tat­sächlichkeitsgehalt sich im Augenblick nicht nach­prüfen läßt. Wir verzeichnen folgende Mel­dung:

JnsertionSpreise: Tis sechSgespaltene Zeile für einheimische Geschäfte 16 Pfg., für aus. wärtige Inserate 25 Pf., Reklamezeile für einheimische Geschäft« 40 Pf., für auswärtig« Geschäfts 60 Pf. Beilagen für die Gesamtaustags werden niit 5 Mark pro Tausend be­rechnet. Wegen ihrer dichten Verbreitung in der Residenz und der Umgebung sind die Casseler Neuesten Nachrichten ein vorzüglicher Jnsertionsorgan. Geschäftsstelle: Kölnische Straße 6. Berliner Vertretung: SW., Friedrichstraße 16, Telephon: Amt IV 676.

politischer und wirtschaftlicher Beziehung nicht förderlich sein kann, sondern eher eine Störung und Hemmung bedeutet, deren Gefahr nicht un­terschätzt werden darf. Auf der ander» Seite indessen erwächst aus der politischen U n w i s» s e n h e i t der Masse des Volks eine viel grö­ßere Gefahr: Man stelle sich die Hundertvier- undstebzig aus der militärischen JnstruktionS- stunde als Objekte parteipolitischer Be­einflussung vor, und man kann sich ungefähr ein Bild von den möglichen Folgen mangeln­der politischer Aufklärung machen!

Wenn Unwissenheit in politischen Dingen kein Vorzug, sondern eine Schwäche unsrer Volkskultur ist, dann sündigt schon die Schule schwer an der Heranbildung der Jugend: Die Volksschule (die einzige Bildungsstätte, die der überwiegenden Mehrheit der nachwach- scnden Generation zur Verfügung steht) ver­pönt die politische Aufklärung schon aus er­zieherischen und psychologischen Gründen, und die Jugend, die die Elementarklasse verläßt, um ohne weitere Bildungsmöglichkeit den Kampf ums Dasein aufzunehmen, ist politisch völlig unwissend und naturgemäß ein leicht erreich­bares Opfer parteipolitischer Beeinflussung, dem cs an eigner Urteilsfähigkeit und Er- keuntnismöglichkeit meist gänzlich mangelt. Die Fortbildungsschule vermag diese Lücke eben­falls nicht auszufüllen, denn ihr Lehrplan be­schränkt sich in der Hauptsache auf den eng-um- grenztcn Zweck wirtschaftlicher Ausbildung, abgesehen davon, daß auf dem platten Lande die Fortbildungsschule bisher noch nicht Allge­meingut der volksschulentlassencn Jugend ge­worden ist. Sollte es nicht möglich fein, schon in den Jdcenbcrcich der VolksschulauS- b i l d u n g die einfache Aufklärung über das Wesen des Staats, seine Verwaltung und or­ganisatorische Einteilung einzubeziehen, und auf diese Weise der Jugend wenigstens die Er- langung der c i n f a ch st e n Kenntnis des na­tionalen Staatswesens zu vermitteln? Es mag Gründe geben, di« gegen diese FoldorUnq sprechen, Gründe erzieherischer und schultechni­scher Art; aber diese Bedenken besagen doch nichts gegenüber der beschämenden Erkenntnis tiefgründiger Mängel unsrer politischen Volks­bildung, die jetzt in derJnielligenzprobe" bei der Rekruten-Jnstruktion eine so drastische

Türkische TripMs-KntWlmgen.

Der Kriegsminister vor der Kammer.

Wie uns aus Konstantinopel berichtet wird, entrollte sich gestern vor der türkischen Kam­mer bei stark überfüllten Tribünen ein sehr aufregendes Schauspiel, ein wahres Kessel­treiben gegen den Kriegsminister Mahmud Schewket Pascha, der sich in längerer Rede ver­teidigte. Auf die Verteidigungsrede des Kriegsministers antwortete eine endlose Reihe von Rednern, unter denen ihn nur der ehema­lige Unterrichtsminister Emrullah Schewket verteidigte. Eine glänzende Rede hielt Lutfi Fikri, der zunächst die Art seiner Vorladung erörterte und dann einen Vorstoß gegen das Kriegsgericht machte, das ein willenloses Werkzeug des K r i e g s m i n i st e r s fei* Im Verlauf der Debatte machte der liberale Parteiführer General Ismail Hakki, durch einen Zwischenruf des Kriegsministers provo- -ziert, folgende sensationelle Mitteilung:

Eitzen Tag vor der Kriegserklärung frag­te ich den Kriegsminister, ob es wahr sei/ daß er a!s Mitglied des jungtürkische» Komi­tees eine deutsch-freundliche Poli­tik mache, worauf Mahmud Schewket Pa­scha erwiderte: Ich habe und werde im In­teresse der Türkei immer eine england- freundliche Politik befürworten. Die­se Enthüllung erregte einen allgemeinen, m i- nutenlangcn Tumult. Die anglophile Partei umtoste das Rednerpult und der Mi­nister des Aeußern, Affipr, stürzte auf die Rednertribüne und hinderte Ismail Hakki am Weitersprechen.

Der Minister des Acußeren intervenierte schließlich mit der Erklärung, eine Fortsetzung der Rede würde für das politische Leben der Türkei von großem Schaden sein. Hier­auf erklärte der Groß Wesir, wenn festge­stellt würde, daß das Komitee für Einheit und Fortschritt, auf dem das Kabinett beruhe, un­gesetzlich verfahre, würde er der Erste sein, der bereit wäre, feine Entlassung zu geben. Der Großwestr verteidigte das Vorgehen des Krieqsminister in Sachen Lutfi Fikri und be­züglich des Belagerungszustandes. Er sei überzeugt, daß das ganze Kabinett der Kon­stitution folge. Die Fortsetzung der Verhand­lungen wurde darauf auf Donnerstag vertagt.

Sepeschen vom KrieMchrmplatz.

Depefchcn aus Malta berichten: Am Sonntag nachmittag kam es bei Scharschat auf dem linken Flügel der italienischen Stel­lung zu einem Gefecht, in dem die Italie­ner abermals zurückgedrängt wurden. Bei Sokra und Mieri hat sich in einer Entfer­nung von zweihundert Metern türkische Artil­lerie eingegraben, die aus der durch Palmen gedeckten Stellung die italienischen Kriegs­schiffe beschießt. Zahlreiche Geschosse flogen auch in die Stadt und richteten erheblichen Schaden an. Schrecklich ist der Verwe­sungsgeruch, der von den noch in den Oasen liegenden Menschen- und Tierleichen ausgeht. Die Cholera breitet sich immer mehr aus. Die Menschen brechen häufig mit­ten auf der Straße zusammen. Auch der Typhus herrscht stark. Die Kriegslage ist im allgemeinen unverändert. Nach Meldungen, die gestern in Konstantinopel eingingen, sollen im Laufe des gestrigen Tages die Inseln Chios und Mhtilene von den Italienern b e s e tzt worden sein.

MMer Boykott in Bayern.

v. crmczzo im bayrischen Landtag.

Im bayrische» Landtag ist es gestern zu einem peinlichen Intermezzo gekommen, das auf die Gegnerschaft des Zentrums gegen den Verkehrsminister von Fraundorffer zurückzuführen ist. Das Zentrum hat nämlich seine bei Gelegenheit des im Sommer gegen Fraundorffer veranstalteten Pressefeldzuges weaen der Haltung des Ministers dem Süd­

deutschen Eisenbahnerverbande gegen­über ausgesprochenen Drohungen, Herrn von Fraundorffer zu Fall zu bringen, jetzt wahr gemacht:

München, 9. November.

(Privat-Telegramm.)

Nachdem der Landtag in achttägiger De- batte über den Eisenbahnererlaß sein Ziel nicht hat erreichen können, gab in der gestrigen Abendsitzung des Finanz-Ausschusses der Re­ferent, Zentrumsabgeordneter Dr. Pichler, folgende Erklärung ab: Das Vorgehen des Herrn Verkehrsministers in der heutigen und gestrigen Plenarsitzung gegen einige meiner Freunde, lassen es mir und meinen Freunden nicht zu, in eine sachliche Behandlung des Etats der Verkehrsverwaltung weiter einzu­treten, weil wirnichtmehrmitihmver- handeln können. Hierauf erklärte der Verkehrsminister von Fraundorffer, daß er im Augenblick auf diese Erklärung des Herrn Referenten keine Antwort geben könne, er be­halte sich seine Stellungnahme vor. Die Sit­zung wurde sodann aufgehoben.

Minister-Krise in Sicht?

Es gibt jetzt nur zwei Möglichkeiten: Ent­weder das Gesamtstaatsministerium erklärt sich mit dem Verkehrsminister, der in den De­batten dem Zentrum gegenüber entschieden die Autorität der Regierung vertei­digte, solidarisch, oder Herr von Fraun­dorffer nimmt seine Entlassung. Nach Lage der Dinge müßte man unbedingt das erstere erwarten, es gibt aber nur wenige im Lande, die der Regierung so viel Einmütig­keit gegen die regierende Partei in Bayern zutrauen, und es erscheint daher wahrschein­lich, daß Herr von Fraundorffer dem Zentrum Weichen und zurücktreten wird.

Aus R o t t c r da m wird uns telegraphisch gemeldet: Der britische DampferLord Byron" hat im Aermclkanal von dem hollän­dischen DampferRotins", der auch unterge­gangen ist, drei Manu gerettet. Man nahm biet bereits an, daß der Rest der Besatzung in den Wellen ihren Tod gefunden habe. Gestern spät abends ist nun hier der DampferAddingion" aus Santander eingekommen und hatte noch sieben Schiffbrüchige des DampfersLord Byron" an Bord. Es sind dies der erste und der zweite Offizier, der zweite Maschinist, ein Bootsmann, der Donkeymann und zwei Ma­trosen. Sie hatten sich zu neun in ein Boot eingeschifst und waren achtzehn Stunden im Acrmelkanal gekreuzt, bis sie ein Schiff sanden, das sie ausgenommen hat. Zwei Mann waren im Boot gestorben, und der Don- kcymann war so krank, daß er sofort in ein Hospital gebracht werden mutzte.

darüber erschienen sind, ganz verschieden aus­fallen mußten. Nach dem Ausscheiden der Her­ren von Lindequist und von Danckelmann ist es dem Reichskanzler und seinem Staatssekretär des Auswärtigen möglich gewesen, im Reichs- kolonialami günstiges Material über den deutsch-französischen Gebietsaustausch in Kamerun und im Kongo zu bekommen. Be­reits noch nicht vierundzwanzig Stunden nach der Unwillenserklärung des Reichstages ist die­sem eine Denkschrift des Reichs­kolonialamts über die Bewertung der neuen deutschen Kolonialerwerbmigen im Ver­hältnis zu dem abgetretenen Gebiet vorgelegt worden. Wie nicht anders möglich, enthält diese Denkschrift allerlei Erfreuliches und Mär­chenhaftes. So ist sie recht befriedigt, daß die Kamerun-Ente durch die Wegnahme des En- tenschnabels eineerfreuliche Abrundung" er­fahren hat, derEntenhals dagegen bedeutend erweitert" worden ist. Umso gespannter darf man darauf sein, tote sich der Reichs­tag zum Erwerbe des neuenMärchenlandes" stellen wird. «rs=

Berlin, 9. November.

(Privat-Telegramm.)

Ein hiesiges Abendblatt veröffentlichte gestern folgende aufsehenerregende Nachricht: Wie wir aus Hoflreisen erfahren, ist der Kronprinz über die nach seiner Ansicht klägliche Marokkopolitik des Reichskanz­lers und über den Rücktritt des Herrn von Lindequist s e h r b e st ü r z t. Er hat sich (wie uns zuverlässig mitgeteilt wird) von Danzig aus über diese Frage mit seinen Brü­dern verständigt, um beim Kaiser darauf hinzuwirken, daß die Situation nicht noch weiter verfahren werde. Auch die Kai­serin soll für dieses gemeinsame Vorgehen interessiert werden. Selbst ein in solchen Fäl­len stets parates Dementi wird die Richtigkeit dieser Nachricht nicht beeinträchtigen. (Was an der Meldung Tatsächliches ist, wird fieb wohl bald Herausstellen: daß ein offiziöses De­menti erfolgen wird, darf allerdings schon jetzt als sicher gelten.)

Tie Mgrokko-reAkschrlst der Regierung.

Der Unwille, der sich zum Schluß der Dienstag-Sitzung des Reichstags auf allen Bänken von rechts bis links kund tat, scheint die Reichsregiernng doch noch bedenklich ge­macht zu haben. Die Herren von der Regie­rung hatten es sich ja auch recht leicht gemacht, indem sie das Marokko-Kongo-Ab- kommen ohne jeden rveiteren Kommentar, ja selbst ohne Aartemnaterial, dem Reichstag vorlegten. Und doch sind die Bestimmungen über die beiden Fühlhörner, die unsere Kame­runkolonie in Zukunft in unstillbarer Sehn­sucht nach Mittelafrika ausstreckcn soll (ober die beidenKommodenbeine", wie man es auch genannt hat, auf denen der viereckige Kame­runschrank in so leichtfüßiger Weise künftig ruhen soll), so unklar, daß auch die Karten, die

Ire Stmm-KatMovhe-

Die Opfer der letzten Stürme.

Ein P r i v a t - T e,l - gram n; meldet uns aus Emden: Die Mannschaft des gestern von Hamburg hier eingetrosfenen DampfersEms" berichtet, daß sie in der Nordsee außer ver­schiedenen einzelnen Leichen sieben Lei­chen zu einem Knäuel verwickelt gesehen habe, die jedenfalls zu der Besatzung des bei Scharhörn uütergegangenen Dampfers gehöre ten. Auch von aiiderer Seite liegen Meldungen über zahlreiche Opfer der Sturmkatastrophe vor:

Hamburg, 9. November.

(Privat-Telegramm.)

Der DampferHalmstad", von Schweden kommend, hatte drei Mann der Besatzung des deutschen SchonersMarianne" an Bord, der in der Ostsee untergegangen ist. Ein ge­stern abend hier angekommener Dampfer mel­det, daß er außerdem einen großen unter- gegangenen Dampfer gesehen habe, von dem nur noch die Masten und die Schorn­steinspitzen aus dem Wasser ragten. Es han­delt sich hierbei aber nicht um den bei Schar­hörn untergegangenen deutschen Damp­fer. Fortlaufend kommen hier schwer beschä­digte Schiffe ein, die noch im letzten Augenblick Hilfe gefunden haben, sodaß Hafen und Reede wie ein H a v a r i e l a g e r aussieht. Mau ist sich hier darüber einig, daß die Stürme der letzten Tage die heftigsten seit Men­schen gedenken waren. Mehrere Dampfer, auf der Fahrt von der Elbe nach England und Holland, sind überfällig und mau befürchtet, datz auch sie untergegangen sind.

Schiffbrüchig im Aermel-Kanal.

Dichter und Denker.

Momentbilder aus der Jnftruktionsstunde.

Es ist etwas Köstliches um den Humor, und es ist ein Wunderbares um die heilige E i n f a l t, die zu allen Zeiten der nie versie­gende Born unfreiwilliger Menschenerheiterung war. Sie versonnt auch das herbstlich-öde Blachfeld theorie-grauer Politk und säumt des Alltags triste Mühsal mit dem flüchtigen Strahl fröhlicher Laune. Ein Militärarzt, der offenbar auch ein kluger Psychologe ist und nebenbei noch ein ansehnliches Verständnis für den Humor des Lebens offenbart, hat die im neuen Deutschen Reich zum großen Rätsel ge- wordne Frage:Was ist der Reichs- i- kanzler?" zum Prüfstein kavalleristischer Re- kruten-Jntelligenz gemacht und ist dabei zu Resultaten gelangt, die unser Renommee als Volk der Denker und Dichter fast zum Wanken bringen könnten, wenn der kritische Maßstab des militärischen Doktors als tatsächlicher Wertmesser deutscher Intelligenz angesprochen werden dürfte. Der Psychologe im bunten Rock hat die moderne Doktorfrage:Was ist der Reichskanzler?" hundertvierundsiebzig Re­kruten aus dem Sprengel seiner ärztlichen Ob­hut vorgelegt, und unter neunundsechzig Vater­landsverteidigern, die den Mut zur Enträtse­lung des Geheimnisses fanden (hundertfünf be­wiesen durch beharrliches Stillschweigen, daß ihre Vorstellungswelt durch keinerlei dunkle Ahnung über das Wesen der deutschen Reichs­verfassung beschwert war) befand sich kein einziger, der Herrn von Bethmanns reichbeschattende Bedeutung auch nur an­nähernd erfaßt hatte. Der Salomo unter den Neunundsechzig nannte den Herrn Kanzler den R e i ch s p r e d i g e r" und man darf finden, datz dieser Erleuchtete der Wirklichkeit noch am nächsten gekommen ist.

Das Intermezzo ist erheiternd, darf als fröhliches Pendant zu mancher andern .Ejnfalt- probe verständnisvoll belächelt werden und wird sicher nicht verfehlen, den einen oder an­dern der elfhundert Kandidaten, die -in den Spätherbst- und Wintertagen verzweifelt um ein Stühlchen im Hause Wallots ringen, zu mehr oder weniger geistsprühenden Randbe­merkungen zu begeistern. Die Geschichte hat in­dessen auch eine Kehrseite, und ihr Bild zeigt uns leider nicht den fröhlichen Kavalleriedoktor und das muntre Idyll seiner unterhaltsamen Rekruten-Jnstruktionsstunde, sondern sie offen­bart uns (deutlicher als Dutzende von Bänden wissenschaftlich-psychologischer Untersuchungen) einen krassen Mangel politischer Volksbildung, einen besorgnisweckenden Tiefstand völkischer Anteilnahme an den Geschicken vaterländischer Entwicklung unb eine | schwerwiegende Unterlassungssünde der moder­nen Schule. Die jungen Leute, die vor der Autorität des militärischen Vorgesetzten den i Kanzler des Reichs alsObersten im Reich", alsBischof", alsUntertan des Kaisers", als Weltregenten" und alsBücherverwalter des i Kaisers" ansprachen, stehen nah an der i Schwelle des wahlberechtigten Alters und werden, nach abgeleisteter Dienstzeit zum Pflug oder zur Werkstatt zurückgekehrt, als t Reichstagswähler über die Geschicke der Nation l mitzubestimmen haben. Diejenigen, die durch die Schule militärischer Erziehung gingen, 1 werden vermutlich nicht heimkehren, ohne über l die Frage:Was ist der Reichskanzler?" auf- geklärt worden zu sein; wie aber steht's mit | Jenen, diedaheim bleiben und in ihrer Vor­stellungswelt nicht vom Wahn desReichs- s Predigers" bekehrt werden?

Ein Mann von der unantastbaren Autori- b lät Karl Lamprechts hat vor nicht langer Zeit I diePolitisierung der Volksge- F Meinschaft" (die Erziehung der Massen zu | politischem Verständnis und eigner Urteils- k fähigkeit) als dringendste Forderung des Tags e proklamiert und hat damit bei manchen Kultur« Pharisäern ein mitleidig Lächeln geweckt. Man | hat dem Leipziger Staatsrechtslehre! entgegen« F gehalten, datz die politische Bewegung mit F ihrem endlosen Zank und Streit die Masse des l Volks weit stärker aufgewühlt habe, als dem t Frieden und der ruhigen Entwicklung im | Dienst rechtschaffner Arbeit nützlich sein könne, 1 und man hat auf die Gefahren hingewiesrn, X die der politische Kampf in seiner s u g g e st i - fc den Einwirkung auf die Masse in sich |: berge: Die Arbeiterbewegung mit I ihren scharf hervortretenden staats- und gesell- U schastsfeindlichen Tendenzen sei dasür der über« U zeugendste Beweis. Es braucht nicht darüber L gestritten zu werden, datz diesen Bedenken tat- L sächlich eine gewisse Berechtigung innewotmt; | insoweit wenigstens, als die Erfahrung i gelehrt hat, datz Die Hineinziehung der grotzen M Volismasse in den Strudel des Parteienkampfs F frtLtu.fjigen Entwicklung nationaler Arbeit in

Auf Lkdrn und Tod?

Die Situation in China.

Rach Meldungen, die heute aus Peking vorliegen, ist die Ermordung des Generals Wu, die vorgestern begangen worden ist, das Vorzeichen zu einem Kampf auf Loben und Tod zwischen den Mandjchus und den