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Casseler Abendzeitung

1. Jahrgang.

Sonntag, 5. November 1911

Fernsprecher 951 und 952.

Fernsprecher 951 und 952.

Nummer 284

träges gaben.

F. H.

bemühen!

Triumph der Revolution?

«an.

Regierung errichtet haben. Die Chi- nesenftadt und das Arsenal sielen gestern abend fast ohne Widerstand in die Hände der Aufständischen. Die Eingeborenen und

Die Casseler Neuesten Nachrichten erscheinen wöcherUlich sechsmal und zwar ab end!. Ter WonnementSpreiS beträgt nu-naütch 60 Pfg. bei freier Zustellung ins Haus. Bestellungen werden jederzeit von der SeschästSstelle oder den Boten entgegeugenornmen. Druckerei, Berlag und Reduktion: Schlachthofstraß- 28/30. Sprechstunden der Redaktion von 1-3 Uhr nach­mittags, juristisch- Sprechstunden für unsere Abonnenten Mittwoch; und Sonnabends von 68 Uhr abends. Berliner Vertretung: SW, Friedrichstraße 16, Telephon: Amt rv 876.

Meinungsverschiedenheiten zwnchen dem Reichskanzler und dem Staatssekretär des Kolonialamts über den Wert des Kongo-Ver-

-rnserttonspretsi: Die sechsgespalt-ne Zeile für einheimische Geschäft, 15 Pfg., für -US. wärtige Inserats 25 spf Reklamezeile für einheimische Geschäfte 40 Pf, für auswärtige Geschäfts 60 Pf. Beilagen für die Gesamtauflage werden mit 5 Mark pro Taufend be. rechnet. Wegen ihrer dichten Serbreitung in der Residenz und der Umgebung sind die Caffeler Neuesten Nachrichten ein vorzügliches Jnsertionsorgan. Geschäftsstelle: «Slnische Straße 5. Berliner Vertretung: SW, Friedrichstraße 16, Telephon: Amt IV 676.

Aermlichkeit unsrer Diplomatie und die Unbe­ständigkeit des Kurses unsrer Rcichspolitik ha­ben diese freundnachbarlichen Bemühungen lei­der indirekt begünstigt, und es gab eine Zeit, da es wirklich schien, als drohe das raffiniert­erklügelte System desgrollenden Onkels" das Reich des Neffen im Rat der Völker zu isolie­ren. Eduards rascher Tod nah der Höhe des Erfolgs riß eine Lücke ins kunstvoll gefügte Netz der Kabalen, und wir danken es dieser Zusallfügung, daß unsre weltpolitische Situa­tion sich in n e u e r n Tagen wieder freund­licher gestaltet hat. Aber Eduard der Sie­bente hat nicht umsonst der Zwietracht Saat gestreut: England erblickt heut in Deutschland seinen Gegner und Konkurrenten zu Wasser und zu Lande, auf dem Weltmarkt und in der Arena der Völkcrpoßltik, und es ist des­halb ein scherzhafter Gedanke, daß wir (die wir hinreichend Proben dieser Grundstimmung englischen Empfindens erfahren) für den argen Vetter nun in zärtlicher Verwandtenliebe er­glühen sollten.

Nein, es wäre wirklich schade um diese Liebe, und die Enttäuschung würde sicher nicht auf sich warten lassen. Noch beim letzten Schachspiel europäischer Diplomatie: Beim Marokko-Turnier, hat uns England seine freundschaftlichen Gesinnungen in umgekehrter Form bewiesen, indem es mit allen Mitteln versuchte, di- deutsche Taktik zu durchkreuzen. Es ist uns erzählt worden, der derbe Schwabe Kiderlen habe die unerbetne Einmischung bri-

heit unsrer weltpolitischen Ar­beit, ohne den Chor der Friedcnscngel zu

Was den Rücktritt des KolonialstaatSsekre- tärs anbetrifst, so wird er offensichtlich damit begründet, daß Herr von Lindequist den Er­werb des Kongogebiets als einen für Deutschland geringwertigen Gebietszuwachs ansteht und andererseits über die deutsche Gebietsabtretung (so unbedeutend sie auch M anderer Meinung als der ReickSkanr

keiien trägt . . .?

aus dem Bannkreis schwächlicher Alltagwerke­lei als düster-drohendes Omen für das Schick-1 sal des eignen Seins auf der Seele lasten. Wenn schon die höchsten Holonicsibeamten plötz­lich aus ihrer Stellung scheiden, weil sie die! Verantwortung für bic Kompensations­geschäfte der deutschen Regierung mit Frankreich nicht teilen wollen: Was soll man denn eigentlich erst im Volk über den afri­kanischen Landaustausch denken? Staatssekre­tär von Lindequist, der die Leitung des Ko­lonialamts nach Dernburgs Sturz unter schwie­rigen Verhältnissen übernahm, gilt als ein vornehmer, offener Charakter. Schon im Som­mer, als dieser tüchtige Offizier und vorzüg­liche Afrikakenner von denAusgleichsabsich­ten" des Auswärtigen Amts hörte, reichte er ein Abschiedsgesuch ein, und der Kanzler hätte gut daran getan, wenn er sich den Schritt des Staatssekretärs hätte zur Warnung dienen lassen. Man bewog indessen Lindequist, im Amte zu bleiben, indem man ihm dieBerück­sichtigung seiner Ansichten" zusagte. Da das Versprechen nicht gehalten und wertvolles deut­sches Kolonialland gegen wertlose Kongo­gebiete eingehandelt wurde, so warf der Staatssekretär seine Bürde von sich und ging. Tas Volk ist Lindequist zu Tank verpflichtet, denn es mutz Klarheit herrschen, und end­lich muß auch einmal mit dem ganzen System unsrer auswärtigen Politik gebrochen werden, das dem Reich tagtäglich neue Schäden zufügt. | Es hilft uns nichts mehr, mit offiziösem Ge­wisper die Katastrophe schwichtigend zu ver­brämen; die Ereignisse der beiden letzten Tage haben aller Welt offenbart, daß über die Reichsregierung eine schwere Krise her­aufgezogen ist, und man fragt sich nur noch zweifelnd: Wer wird sich am achten Rovember- tag stärker erweisen: der Reichstag, dem Linde- quists Flucht aus dem Kolonialamt ein deut­licher Fingerzeig ist, oder der Kanzler, der die Verantwortung für die (seit Jahren uns heimsuchende) Politik unmöglicher Kümmerlich-

ziplinar-Untersuchunggegen Unbe­kannt" eingeleitrt werden, um festzustellen, welchem Beamten die im Reichskolonialamt vorgekommenen Indiskretionen zur Last fallen. Rach der offiziösen Darstellung gewinnt es den Anschein, als solle Geheimrat Dr. Tanckelmann für die angeblichen Indis­kretionen verantwortlich aemacht werden.

eine provisorische republikanische

Fünf Tage vor der Marokko-Abrechnung I ler ist. Immerhin ist es verständlich, wenn der im Reichstag ist über Herrn von Bethmann Leiter unseres Kolonialamtes solche Fragen Hollweg und sein System die Katastrophe einzig und allein von seinem R ess ort- hereingebrochen: Das Kolonialamt (dem seit st and punkt beurteilt und diese seine abwei- Dernburgs Ausschiffung ein im Dienst der Ko- chende Auffassung den verantwortlichen Stcl- lonien bewährter Fachmann Vorstand) r e - len zu erkennen gegeben hat. Bei einem so be- belliert gegen die Wilhelmstraße, Staats- deutenden Abkommen, wie dem soeben perfekt sekretär von Lindequist und sein Adlatus, gewordenen deutsch-französischen, ist es aber der Geheimrat Tanckelmann, enteilen dem nicht gut angängig, seine Bewertung ledig- sinkenden Schiff und dqs Volk, das mählig lich vom kolonialen Gesichtspunkt allein vor- zum Vertrauen auf die Entwicklungsfähigkeit zunehmen, ohne sich dabei Rechenschaft über die unsrer jungen Kolonialwirtschaft erzogen wor- große politische Tragweite des den War, erlebt das Schauspiel offner Palast- ganzen Aktes abzulegen. Deshalb mutz Revolution im Reich der Philosophenpolitik die so stark hervortretendc Betonung seiner ab- des fünften Kanzlers. Das Katastrophale des weichenden Meinung seitens des Herrn von jäh hereingebrochnen Verhängnisses wirkt Lindequist in einem Moment ganz beson- niederschmetternd auf alle Hoffnungen, drrs überraschen, wo der Vertrag vor und wenn der Kanzler des Reichs für Ahnun- den Auge« Europas als abgeschlossen gen empfänglich ist, muß ihm der Abschieds-gilt, und der deutsche R e i ch s k a n z le r c in- brief Lindequists und Danckelmanns Flucht

Soldaten schloffen sich den Aufstän­dischen an.

Indiskretionen im Kolonialamt?

Die der Berliner Wilbelmstraße nahe-! stehende KölnischeZeitung bringt zu der Krise im Kolonialamt folgende h o ch o f f i - ziöse Auslassungen in besonders aus­fallender Schriftform: Was gestern und beute geschehen ist, dürfte in der Geschichte der deut­schen Verwaltung kaum ein Beispiel fin­den. Während die Reichsregierung durch den Reichskanzler mit Frankreich über ein Abkom­men verhandelt, das die Abtretung französi­schen Kongogebietes anstrebt, lehnt si<b die Kolonialverwaltung in ostenta­tiver Weise gegen diese Politik auf. Dieser Widerspruch wird dadurch noch in ganz besonderer Weise betont, daß ein Be­amter des Kolonialamtes seinen Abschied ein-

Kauinchenpaarung zwischen deutschen und eng­lischen Friedensidealen fast m eh r getan, als zu tun ziemend war, und wenn wir von uns Deutschen leider sagen müssen, daß wir in der Zrstrebung angelsächsischer Freundschaft viel, viel mehr getan haben, als mit der Ehre und der Mannhaftigkeit deutschen Nationalempfin­dens vereinbar war, so darf damit der Beweis als erbracht gelten, daß die Herren, die jetzt in London fo eindringlich nach des deutschen Vetters Seele rufen, eigentlich nur eine tief ausgetretnc Spur wieder ausgenommen haben; eine Spur zudem, deren Endziel s längst als schemenhaftes Truggebild erkannt ist.

Es gibt Dinge, die sich weder ideell noch ma­teriell einen lassen, und zu diesen Dingen ge­hört seit Jahrzehnten die Politik der Berliner Wilhelmstraße und der Londoner Dowmng- Street. Bismarcks meisterliche Staatskunst hat freilich die Sympathie Englands stets hoch ein­geschätzt und ihr manches Opfer gebracht, aller­dings nie, ohne die Sicherheit praktischen Nutzen? in erreichbarer Nähe zu sehen. Seit achtzehnhundertneunzig ist darin eine Wand­lung merkbar gewesen, und zwar weniger^ au deutscher, als grade auf englischer Seite. Deutschland befindet sich seit Bismarcks Ab- halfterung England gegenüber in permanenter diplomatischer Verteidigungsstellung: Die Mi­nister der Queen und des toten und lebenden King haben eine ihrer vornehmste» Aufgaben stets in der fvstematischen Schwächung des

^weltpolitischen Einflusses Deutsch­lands gesehen, Eduard der Siebente hat bis zum Ende mit ungeminderter Energie an der Einkreisung" des Deutschen Reichs gearbeitet und die Elite angelsächsischer Staatskunst ist noch heut bemüht, das Erstarken deutscher Nacht mit Kniff und Trick m bindern. Tie

Bor und hinter den Kulissen.

Zum Rücktritt des Kolonialstaatssekretärs von Lindequist und der Geheimrats Tanckelmann wird offiziös folgendes bekanntgegeben: In der letzten Zeit sind über die mit Frankreich schwebenden Verhandlun­gen und über die Stellung des Reichskolonial- amrs zu den in Aussicht genommenen Kompen­sationen Mitteilungen in die Oesfentlichkeit ge­langt, die geeignet waren, den Abschluß der Verhandlungen zu stören und nur auf einem Bruch der Amtsverschwiegenheit Nachgeordneter Stellen beruhen konn­ten. Tann heißt es in der offiziösen Erklä­rung weiter:

Schanghai von den Rebellen erobert.

(Telegraphische Meldungen.)

Depeschen aus Peking melden: Die Revolutionäre sind in Schanghai im Besitz der Chinesenstadt. Sie haben dem Konsular-Corps formell angczeigt, datz sie

reicht und datz gleichzeitig hierüber und über andere grheimzuhaltende Vorgänge I «- diskretionen in der Presse erschienen, die ihre oftenbare Spitze gegen die Politik des Reichskanzlers richten. Bereits seit einiger Zeit wurden derartige Versuche in der Presse unternommen, die allem Anscheine nach auf Kreise des Kolonialamtes zurückzuführen waren. Tas Ganze jedenfalls zeugt von einer Die Revolution in China schreitet onen- unglaublichen Verkennung der Pflichten sichtlich von Erfolg zu Erfolg. Gestern hat die Nachgeordneter Beamten gegen den Reichskanz- National-Versammlung in Peking dem Thron ler. Wir möchten ausdrücklich betonen, daß die Bedingungen unterbreitet, die sie als die Herr von Lindequist unseres Wissens an In- notwendigen Grundlagen der Konstitution an- diskretionen in der Presse keine persön- sieht. Der Thron hat die Bedingungen sofort liche Schuld trägt, was aber nicht aus- angenommen. Sie lauten: Die Tsching- schließt, datz die Verantwortung für das, hynastie regiert für immer. Die Person des was in seinem Amt geschehen ist, auf ihm isers foll unverletzlich sein. Tie j lastet. Macht des Kaisers ist beschränkt durch die Kon-

* stiturion. Die Ordnung der Thronfolge wird

Schlirtzlich meldet uns noch ein Privat- in der Konstitution vorgeschrieben. Tas Recht. Telegramm aus Berlin: Wie in unter- die Verfassung zu ändern, steht dem Pa r la - richteten Kreisen verlautet, soll eine Tis- ment zu. Tic Mltgl'edcr d-s Owerhaus s ! 'sollen aus dem Volk gewählt werden. Aus

denjeniaen. die für dieses Amt besonders ge­eignet sind, soll das Parlament den Ml ni­st erpräsidenten wählen und der Stauer ihn ernennen. Wenn der Ministerpräsident durch das Parlament, in der Regierung . ge­hemmt wird und dieses nicht auflöst, muß er demissionieren, aber ein Kabinett soll , Z.?t mehr als einmal das Parlament auftö»

tischcr Kibitzerei in das harmonische Geplauder D,--------------- . r I mit Herrn Jules Cambon mit einem veritablen

zig und allein mit der ganzen Kraft sei I A^wabenstreich" zurückgewiesen und Sir Eb­nes Amtes und seiner Person die ganze Vcr lüarb $ret)( benPräzeptor Europens" wissen antwortung für alle sich aus dem Abkommen sgsien, daß man sich in Berlin des britischen ergebenden Konsequenzen übernommen hat. (-^ngxibands mählich entwöhnt habe. Jst's Eine derartige Stellungnahme Nachgeordneter ni($t Dichtung, sondern Wahrheit (die hier Instanzen dürste auch in Deutschland eine fe H e n künden würde), so mutz

tvne Erscheinung bleiben, und es .^n Herrn Alfred von Kiderlen Dank wissen, nahe, wenn allein schon aus Gründen bet hg^ er ein harsches Wort zur rechten Zeit mit staatlichen Disziplin, auf cm ferneresI fle^hren^em Nachdruck zu sprechen wußte. Die Wirken des Herrn von Lindequist im Kolonial- }toeibeutifle Rolle britischer Diplomatie im amt verzichtet werden mutz. ! Trrpolis-Abenteuer und Albions li-

* füge Ränke zur Beseitigung des deutschen Ein-

Und zum Schluß wird miiqeteilt: Tie zwi- slusses am Goldnen Horn sind ebenfalls schen den Regierungen von Deutschland und be)n qonto englischer Vetternlicbe zuzurechnen, Frankreich geführten Marokko-Verhandlungen nid,t ,u reden von den finstern Kabalen, SffiÄÄX P W B-U-Nhi.n --b-m« Uum M, hie ein Einbringen der Oeffeniiichleii in bie I lanbs aiMrebenbe Macht znr See tngiiicher diplomatischen Pourparlers fast völlig aus-1 Vormundschaft dienstbar zu machen: Alle schloß. Ueberraschen muß es daher, daß öfters diese spätherbstlich-düstren Erinnerungen, um- Jndiskretionen von einer Seite, die dem woben von mannigfachen Einfaltproben beut» .Kolonialamt offenbar nahesteht, zu verspüren scherVertrauensseligkeit, tauchen beim Lesen der | waren und Anlaß _ ^u Allerlei Früchten, uv er | Londoner Friedensengel-Kunde wie Gespenster " " * * ** * * ' * aus der Vergangenheit empor, und die deutsche

Seele empfindet deutlicher als je die Unna­türlichkeit einer Freundschaft, die einen klaffenden Abgrund von Mißgunst, Neid und Haß überbrücken soll. Wir brauchen keine Freundschaft, aber wir benötigen der Ach­tung, und diese Achtung erzwingen wir uns durch die mannhafte Entschlossen-

COler Neueste Nachrichten

Hessische Abendzeitung

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Staatssekretür von Lindequist tritt zurück; Indiskretionen im Kolonialamt.

Der Kaiser hat nach dem Vortrag des Reichskanzlers gestern das Abschiedsgesuch des Staatssekretärs des Reichskolonialamts, von Lindequist,genehmigt. Mit der vorläufigen Verwaltung des Kolonialamts wurde der Gouverneur von Samoa, Dr. Sols, betraut. Als wahrscheinlicher Nachfolger Lindequists wird der Gouverneur von Deutsch»Ostafrika, Freiherr von Rechenberg, genannt.

Irr Wor der Friedensengel.

Bessere Beziehungen zu Deutschland": Das Ziel englischer Sehnsucht?

Die Weltgeschichte liebt nun einmal den Witz: Am Vorabend des Tags, da man in Berlin das Postskriptum des Marokko- Vertrags zwischen Deutschland und Frank­reichparaphierte", traten jenseits des Kanal-Gechässers ein Dutzend und einige hoch­gemute Männer zusammen um nach langem, und teilweise recht allgemein gehaltnem Ge­plauder als Englands neueste und aufrichtigste Sehnsucht dieN o t w e n d i g k e i t besserer Beziehungen" zum deutschen Vet­ter zu proklamieren. Schriebe man statt neunzehnhundertelf achtzehnhundert­zweiundneunzig: Ein Beisallsturm würde durch den Blätterwald Germaniens brausen, und die Wallfahrten der staatlichen, kommunalen, richterlichen, theologischen, päda­gogischen und kommerziellen Friedensengel zum Strand der Themse würben das finstre Abendgewölk des scheidenden Jahrhunderts mit dem goldigen Schimmer naher Versöhnung verklären. Run aber, da wir neunzehn- hundertelf fast überwunden und vom ersten Tag des alten Jahrs bis zur jüngsten Stunde der Gegenwart unaufhörlich daran er­innert wurden, daß weder im Westen noch im Osten, sondern überm grauen Wasser des Ka­nals Deutschlands Feind und Neider wohnt: Nun weckt das Intermezzo kaum noch Anteil­nahme, wirkt höchstens aufs Zwerchfell und er­innert uns (nach langer Zweifelzeit) wieder einmal daran, daß unsre Freundschaft doch noch (trotz allem) Kurswert hat. Und es ist eine kleine Genugtuung für unser Vetternbewußt- sein, daß grade demstammverwandten" Volk der Briten das schwälende Lichtchen dieser späten Erkenntnis aufgegangen ist.

Die Legion der Friedensengel, die zum Novemberbeginn in Londons Rebelmeer zur Heerschau versammelt war, hat den Beschluß gefaßt, die zur Erstrebung des idealen Ziels erforderlichen Schritte unverzüglich in die Wege zu leiten". Datz Wunsch und Wille plötzlich so nahe beieinander wohnen, ist un­gemein erfreulich, und da an der Themse ge­wispert wird, hinter dem Friedenswerk ver­berge sich eine starke Fraktion libera­ler Parlamentarier (die die Notwen­digkeit erkannt hätten, die Gefahr deutsch-eng­lischer Machtkonkurrenz der verhängnisvollen Spitze zu entkleiden), so darf man gespannt darauf sein, was schließlich alsStein der Weisen" denstammverwandten" Völkern an nützlichen und dringlichen Taten empfohlen werden wird. Viel wird's kaum sein, wird jedenfalls den bisher fchon von überspann­ten Idealisten beträchtlich erweiterten Rahmen märchenhafter Möglichkeiten nicht überschreiten und uns vermutlich also nicht mit Ueberrasch- ungen plagen. Herr William Stead und seine Trabanten haben mit vielen Worten und wenig Werken für die unnatürliche Perlhuhn- und