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Hessische Abendzeitung

Casseler Abendzeitung

1. Jahrgang

Freitag, 3. November 1911

Fernsprecher 951 und 952.

Nummer 282

Fernsprecher 951 und 952.

$te Taffeier Neuesten Nachrichten erscheinen wöchentlich sechsmal und Mar abends. Der «donnementSpreiS beträgt monatlich 60 Pfg. bet freier Zustellung inS HauS. Bestellungen werden jederzeit von der Geschäftsstelle oder den Boten entgegengenommen. Druckerei, Verlag und Redaktion: Schlachthofstraße 28/30. Sprechstunden der Redaktion von 13 Uhr nach- mittags, juristische Sprechstunden für unser« Abonnenten Mitwochs und Sonnabends von 68 Uhr abends. Berliner Bertretung: SW Friedrichstraße 16, Telephon: Amt IV 676.

Korrespondent des Echo de Paris von einer neuen längeren Verzögerung der Unterzeichnung zu berichten. Aus angeblich guter Quelle will er erfahren haben, daß neue Schwierigkeiten in letzter Stunde aufgetauckt sind. Informierte deutsche Persön­lichkeiten hätten jedoch versichert, daß der Ver­trag innerhalb von acht Tagen auf alle Fälle unterzeichnet werden würde. Der Grund dieser neuen Verzögerung soll angeblich darin liegen, daß die deutsche Regierung den Vertrag jetzt nicht bekannt geben will, da­mit sich der Reichstag nicht allzufrüh mit der Angelegenheit befasie.

Die Cholera in Tripolis.

(Telegraphische Meldung.)

Wie aus Tripolis gemeldet wird, brei­tet sich die, wahrscheinlich von den Italienern eingeschleppte Cholera in besorgniserre­gender Weise aus. Rach Aussage eines Mili­tärarztes erkrankten am Samstag allein fünf­unddreißig Soldaien. Aus sicherster, halbamt­licher, Quelle wird mir mitgeteilt, daß Sonn­tag nacht an Cholera siebemmdacktzig Solda­ten darniederlagen, von denen neun starben. 3n der Nackt rum Mittwoch starben im La-

JnserttonSpretse: Die sechSgespaüen« Zelle für einheimische Geschäft« 15 Pfg., für aus­wärtige Inserats 25 Pf., Reklame,eile für einheimische Geschäfte 40 Pf., für auswärtige Geschäfte 60 Pf. Beilagen für die Sesamtaustage werden mir 5 Mark pro Tausend be­rechnet. Wegen ihrer dichten Verbreitung in der Restden, und der Umgebung find die Taffeler Neuesten Nachrichten ein vorzügliches JnfertionSorgan. Geschäftsstelle: Kölnische Straße 5. Berliner Vertretung: SW., Friedrichstraße 16, Telephon: Amt IV 676.

zu sehr bedenklichen Aushilfsmitteln gegriffen hat, befindet sich die italienische Armee nicht in einem Zustande, um an sie hohe Ansprüche stel­len zu können, und es erscheint in mehr als einer Beziehung bedenklich, mit diesem unfer­tigen Instrument eine Politik zu verfolgen, wie Italien sie augenblicklich vor dem erstaunten Europa entrollt. Aber grade so, wie der alte Haß gegen Oesterreich bisher die Militärpolitik geleitet hat, so ist es ein anderer, nicht weniger chmcrzlrcher Stachel, der das Abenteuer von

Tripolis unternehmen ließ.

Die junge Armee har noch wenig Glück gehabt. Die nördlichen Provinzen verdankt der Staat nicht ihren ruhmgekrönten Unter­nehmungen, sondern teils Napoleon, teils Preußen, und den endlichen Gewinn von Rom den deutschen Siegen von achtzehnhundertsieb­zig. Und so wie die italienischen Truppen auf vaterländischem Boden keine Lorbeeren pflücken durften, wie die italienische Flotte sich vor echsundvierzig Jahren den Niederlagen der Armee anschlotz, so brachte auch der Boden Afrikas ihnen noch wenig Ruhm. (Man denke an Adual) Da ist es wohl erklärlich, daß diese Armee, kaum, daß sie sich einigermaßen größerer Leistungsfähigkeit dank der Reorga­nisation bewußt wird, keinen sehnlicher» Wunsch hat, als dje alten Niederlagen durch neue glorreiche Taten in Vergessenheit zu bringen. Und wenn man sich nach einem Objekt umsah, war freilich nichts anderes und besseres zu finden, als ... Tripolis. Schmerzlich, tief schmerzlich, daß Tunis (wor­auf die geographische Lage Italien das erste Anrecht gab) vor drei Jahrzehnten Frankreich überlassen werden mußte, weil das Königreich noch nicht so weit gefestigt war, um dem mit Erfolg entgegenzutreten. So blieb als letztes noch ergreifbares Objekt an der afrikanischen Rordküste nur Tripolis, dieser schmale Küsten­strich ohne nutzbares Hinterland, übrig, und als nun Frankreich auch auf Marokko seine Hand legte, als auch Deutschland in monätelan^em Ringen ihm nicht ein Fetzchen davon entreißen konnte, da glaubte Italiens Regierung, dem immer heftigeren Drängen nachgeben zu müs­sen; da richtete sich die Militärpolitik Italiens aus die Beraubung der Türkei. Unfertig, selbst ohne zweckmäßige Ausrüstung, betraten die Truppen den Wüstensand, der vorauchichtlich (wenn nicht bald ein Friede zustande kommt) manchen lorbeergierigen Krieger als Opfer die­ser Politik begraben wird!

Allenstein in Frankreich?

Die Tragödie einer Hauptmannsliebe.

Das Schwurgericht in Paris hat( wie wir schon berichteten), in den letzten Ta­gen gegen den HauptmannMeynier verhandelt, der angcklagt war, seine Braut, Frau d'Ambricourt, ermordet zu haben. Der Angeklagte erzählte, daß er die furchtbare Tat in unsinniger Ei­fersucht vollführt habe und erkannte an, daß er dafür die Strafe tragen muffe. Er wurde zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt.

Die Sensation dieser Liebes-Tra­gödie ist nun beendet. Eine Sensation war i nämlich wirklich, wenn auch der Fall des Hauptmanns Mevnier vielleicht glicht so düster-geheimnisvoll ist, wie das Steinheil- Drama oder die erschütternde Tragödie von Alienstein. Meynier hat seine Geliebte ermordet, er wurde verhaftet und gestand. Er war ein Hauptmann außer Diensten und sie einezweifelhafte Dame". Das alles liegt so klar, und cs bleibt nichts, als die Frage, war­um er seine Tat beaanacn. Damit bcaibt man

Zst das nun alles?

Die Früchte des Kiderlen Cambon-Turniers.

Die Unterzeichnung und Veröffentlichung des Marokko-Vertrags mit Frankreich teht nun unmittelbar bevor. Ein Aufschub dH nur dadurch bedingt sein, daß die deutschen und französischen Karten über den Kongo kleine Verschiedenheiten in der Ortsbezeichnung ausweisen. Spätestens Freitag oder Sonnabend werde auch dieser letzte verzögernde Um­land beseitigt fei«. Man könnte inzwischen ruhig mit der Veröffentlichung des Vertrages beginnen, da der Text doch nicht mehr ver­ändert wird. Gedruckt ist er ja bereits, und es gibt genug Leute, die ihn schon im Wortlaut kennen. Wir sehen auch nicht rin. warum wir unseren Lesern die Grundzüge des Vertrags nicht mitteilen sollten. Viel Neues vermag man allerdings nicht mehr zu bieten.

Der Marokko Vertrag

pricht in seinem ersten Teil Frankreich offiziell das politische Mandat über Ma­rokko zu, und zwar übernimmt die Republik die diplomatische und staatsrechtliche Ver­tretung Marokkos samt den Rechten und Pflichten. Frankreich erhält völlige Frei­heit in politischen Beschließungsmaßregeln und in der Ausdehnung militärischer Expeditionen und darf Häfen öffnen und schließen. Marokko wird also aus einem souve­ränen Staat ein souzeräner Staat. Deutsch­land spricht sein politisches Desinteresiement aus und erhält dafür zum dritten Male seit Algeciras dieoffene Tür" garantiert: Die Gleichberechtigung in der Zoll- und Abgaben­behandlung für alle Mächte. Konzeflions- und Umernchmungsfreiheit im industriellen und Bergbaubetrieb, Zollfteiheit für Eisenerze, freie Fischerei, internationale Kontrolle der Submis­sionen, Schlichtung von Streitigkeiten durch ein ständiges Schiedsgericht. Also alles so, wie man es sich dachte und wie es die franzö­sischen Blätter schilderten.

Das Kongo-Geschenk

ist, bei Licht besehen, nicht viel mehr als eine größere Grenzberichtigung. Wir treten ein allerdings kleines Stückchen Togo und vom Rordwestzipfel Kameruns, vom soge­nanntenEntenzipsel" oder vielmehr den Schnabel des Entenkopfs" ab und erhalten dafür eine Erweiterung Kameruns nach Süden und Osten. Die Südostecke wird zu einer schmalen Landzunge verlängert, bis fre mit dem Unterlauf des Sanga den Kongo in einer feinen Spitze erreicht. Die Grenze von der See aus beginnt bei der Co- risco-Bucht (im künftigen größeren Kamerun liegt also das spanische Rio Muni eingekeilt) und geht von dort direkt östlich in der Richtung auf Wesso. Die Verlegung der Ostgrenze be­deutet eine Linie vom Logonefluß im Nord­westen bis zum vierten Grad nördlicher Breite bis an den Obangi heran. Nichts mehr und nichts weniger. Daß es grade viel ist, das uns da als Lohn Kiderlen'scher Mühen in den Schoß fällt, läßt sich wirklich nicht behaupten.

Immer wieder: Der Reichstag!

(Eigene Drahtmeldung.)

R Paris, 2. November.

Der Petit Parisien meldet heute, daß die Unterzeichnung des deutsch-französischen Marokkovertrags morgen erfolgen wird. Demacaenübcr wein nllerdinas der Londoner

HandelMg und Zeaenmt. Der Deutsche Handelstag an den Bundesrat.

Ein Privattelegramm meldet uns: Der Deutsche Handelstag, der sich kürzlich in zwei Sitzungen mit der gegenwär­tigen Teuerung beschäftigte, hat gestern, ent- prechend den gefaßten Beschlüssen, an den Bundesrat und den Reichstag eine Eingabe gerichtet. In dieser Eingabe wird be­tont, daß der gegenwärtige Stand der Lebens­mittelpreise zu ernsten Besorgnissen Anlaß gebe, weil er namentlich den minder­bemittelten Klassen der Bevölkerung die Beschaffung des Unterhaltes erschwere und weil deren Notlage nicht ohne Rückwirkung auf das gesamte wirtschaftliche Leben bleiben könne. Eine Fortdauer der gegenwärtigen Teuerung bedeute eine schwere Gefahr ur unser gesamtes Wirtschaftsleben, der im nationalen Interesse mit allen Mitteln ent­gegengearbeitet werden müsse.

zur Milderung der Teuerung

ordert der Handelstag dringend eine Reihe verschiedener Maßregeln und zwar zu­nächst gegen die bedrohliche Entwicklung der F l e i s ch p r e i s e. Eine Erhöhung der ein­heimischen Fleischerzeugung und (bis diese er­zielt sei) eine Vermehrung der Ein­fuhr von Vieh und Fleisch werden als notwendig bezeichnet. Um die letztere zu er­reichen, werden unter anderm gefordert: Herabsetzung der Zölle auf Vieh und Fleisch, Zulassung möglichst ungehinder­ter Einfuhr lebenden Viehs, Zulassung der Einfuhr von ausgeschlachtetem, auch ge­kühltem und gefrorenem Fleisch, von Büchsen­fleisch und von sonstigen Fleischdauerwaren. Ferner wird zur Herabsetzung der Futter- mittelpreise eine Ermäßigung der Zölle auf Futtergerste, Hafer, Mais, Futterbohnen, Lupinen und Wicken verlangt. Alsdann wird bemerkt, daß namentlich Kartoffeln und Gemüse von der Teuerung betroffen worden sind, und der dringende Wunsch ausgesprochen, daß die Zölle auf diejenigen Arten von Gemüsen und Hülsensrüchten, die mit Zöllen belastet sind, insbesondere auch auf die ver­schiedenen Kohlarten, aufgehoben oder mindestens herabgesetzt werden möchten.

*

Zum Schluß wendet sich der Handclstag mit Nachdruck gegen die Versuche, dem Han­del die Schuld an der Teuerung zuzuschieben und ihn als vermeintlich preissteigerndes Zwi­schenglied auszuschalten. Der Handel sei ein wesentlicher Bestandteil des Wirtschaftslebens und der Produzent würde kaum in der Lage sein, seine Erzeugnisse zu niedrigeren Preisen unmittelbar an die Verbraucher abzusetzen. Auch habe das Vorgehen einiger Städte, unter Umgehung des Handels ihre Bewohner mit einzelnen Nahrungsmitteln zu versehen, mehrfach zu recht ungünstigen Ergebnissen geführt wegen des Mangels an Organisation für derartige Zwecke. Außerdem aber müsse doch auch der Schaden in Anrechnung gebracht werden, den die Städte durch eine Verminderung der Steuerkraft der Händler erlitten.

Sie Türken Herren der Lage.

Alle Forts dem Feinde abgenommen!" (Eigene Drahtmeldungen.) Depeschen aus Konstantinopel zufolge ging beim Kricgsminister folgendes Tele­gramm des türkischen Oberkommandieren­den in Tripolis ein: Alle Forts von Tripolis sind dem Feinde abgenommen. Die Feinde find in die eigentliche Stadt geflüchtet; fie find voll­kommen demoralisiert und wagen es nicht, ihren Zufluchtsort zu verlassen.

lieber die mörderische Schlacht am letzten Donnerstag liegt aus Tripolis folgender Bericht vor: Die siebenstündige Schlacht en­digte ohne unmittelbares Ergebnis. Die Italiener wiesen überall den Angriff ab, er­rangen aber keinen Vorteil. Es wurden keine türkischen Batterien er­stürmt und nur zwei belanglose arabische Feldzeichen genommen. Die türkische Artillerie griff anscheinend nur Bumeliana an. An­derswo handelte es sich ausschließlich um Ara­berangriffe. Man sah keinen türkischen Toten Die amtlichen Verlustziffern sind sicherlich sehr abgeschwächt. Die Italiener dürften Hunderte verloren haben, dar­unter viele Offiziere, die seither auf Vorposten Uniformen ohne Abzeichen tragen. Bisher wer­den dreihundertfünfundsechzig Schwerverletzte zugegeben. Die Zahl der Toten ist der der überraschenden Treffsicherheit der Araber gewiß sehr hoch. Die arabischen Verluste sind wahrscheinlich größer. Am Freitag begannen die Italiener den Rückzug von der Vor-- p o st e n 1 i n i e. Seither erfolgten täglich Hei­nere Angriffe, die für die Italiener meist un­günstig verlaufen. Es herrscht allgemein der Eindruck vor, daß die italienische Ar­meeleitung ihrer Aufgabe nicht ge­wachsen ist.

heuerlrcher Größe ausgebaut.

Die A r m e e Italiens ist noch außerordent­lich jung; fie wurde durch die Armeereform von achtzehnhundertzweiundsiebzig aus den ver­schiedenartigsten Elementen der frühem kleinen Staaten zusammengesetzt. Der junge Staat hatte viele Jahre lang mit der Abwälzung der übernommenen, sehr beträchtlichen Schul­denlast schwer zu kämpfen, und deshalb fehlte es lange Zeit an den nötigsten Mitteln, um, bie Armee zweckentsprechend auszugestalten. Seit­dem die Finanzen sich gebessert haben, konnte man langsam an Beschaffung zeitgemäßer Waffen und Kriegsbedarfs denken, ja, man ging int vorigen Jahr sogar zur zweijährigen Dienstpflicht über und begann die Armee gründlich zu reorganisieren. In dem Stadium der Umformung steckt sie jetzt noch: Noch konn­ten die Gelder nicht verfügbar gemacht werden, um die erhöhte Zahl der Neueingestellten hin­reichend zu verpflegen, noch war es nicht mög­lich/ die Offizier- und Unteroffizierkorps au die erforderliche Höhe zu ergänzen, noch fehlt es vor allen Dingen an einer ernsthaften und durchgreffenden Vorbildung der Ju­gend, auf der sich die kürzere Dienstzeit ohne Nachteil aufbauen licke. Kurt: Obgleich man

zarett fünfundzwanzig Soldaten, meist von den Vorpostentruppen. Ter gefährlichste Herd ist bei Sokra. Die Anhäufung der aus der Oase vertriebenen Araber in der Stadt be­günstigt die Ausbreitung der Epidemie auch innerhalb der Bevölkemng. Zahlen darüber ind nickt zu erhalten, weil die Araber und Ju- ,en die Erkrankungen geheim halten. Die Be­lattung der auf dem Schlachtfeld und in der Oase liegenden Leichen ist eingestellt worden, weil der Gestank die Arbeit der überwachenden Soldaten unerträglich macht. Das Umsichgrei- 'en der Cholera erhöht die Schwierigkei­ten der Lage, da die Seuche sich unter den Eingeborenen sowohl, wie unter den italieni- chen Truppen rapid ausbreitct. Die Cholera­gefahr wird noch dadurch erhöht, daß in der Umgegend von Tripolis mindestens drei­tausend Leichen unbestattet liegen.

*

In der Türkei wird die Stimmung immer zuversichtlicher. Einem Telegramm auö Konstantiopel zufolge schreibt der der Regie­rung nahestehendeTanin" zu etwaigen Ver­handlungen der Großmächte mit der Pforte wegen Herbeiführung des Friedens: Italien hat diesen Krieg heraufbeschworen. Wünscht es ihn nicht mehr, so mutz es sich aus Tripolis entfernen. Falls wir dann Lust haben, in Verhandlungen über die Wiederherstellung der diplomatischen Be­ziehungen einzutreten, können wir es ja ruhig tun.

Sie ffukrl der Waren.

Verkannter Ehrgeiz als Ursache des Tripolis- Abenteuers?

| Von Oberstleutnant Frobenius.

Die Militärpolitik eines Staates wird hauptsächlich durch die militärgcographische Lage und Beschaffenheit des Landes, sowie durch die Ziele seiner äußern Politik bestimmt. Bezüglich seiner Grenzen scheint das König- ieich Italien besser als irgend ein anderer europäischer Staat gestellt zu sein. Die einzige Landgrenze, gebildet durch den höchsten und c. mächtigsten Gebirgszug des Erdteils, scheint einen unvergleichlich starken Schutz gegen jeden Angriff zu bieten; die breiten Wasserflächen des Adriatischen, Jonischen, Sizilischen, Thvr- renischen, Sardischen und Ligurischen Meeres, | die die Gestade des Festlands und der Inseln - Sardinien und Sizilien bespülen, beschränken nicht nur feindliche Unternehmungen auf den Seeweg, sondern gewähren ohne weiteres die gangbaren Straßen zur Ausbreitung wirt­schaftlicher und politischer Macht über das ganze westliche und östliche Becken des Mittelländi­schen Meers. Ja, die natürliche Brücke, die von Kalabrien über Sizilien zu der von Tunis aus entgegengestreckten Halbinsel und damit zur Rordküste Afrikas hinüberleitet, legt den Ge­danken und die Möglichkeit nahe, den Machtbe­reich hier zu erweitern und damit eine be­herrschende Stellung auf beiden Seiten der Meerenge zu gewinnen, die beide Becken des Mittelmeers verbindet. Das alte Rom hat diesen Gedanken verwirklicht, und die italienischen Republiken, wie Venedig und Genua, haben die günstigen geographischen Verhältnisse zur Entwicklung ihrer Seeherr­schaft zu verwerten gewußt. Die Kehrseite i der vorteilhaften Grenzverhältnisse ergibt sich aus dem schließlichen Zusammenbruch dieser drei Staatswesen: Es bedarf der genügenden Kraftentwicklung, um die Vorteile sich zu sichern; gebricht es an dieser, so fallen alle Vorteile dem Gegner zu.

Die Alpen bieten zwar großen Heeresmassen schwer zu überwindende Hindernisse, und Ent­scheidungsschlachten können nur im diesseitigen oder jenseitigen flacheren Gelände geschlagen werden. Deshalb ist aber das Hochgebirge einer Festungsmauer vergleichbar, dessen Zu- unb Ausgänge sorgfältiger Ueberwachung und Verteidigung bedürfen, um sie der eignen Of­fensive zu sichern und den Gegner zu hindern, den Krieg mit seinen Schrecken und Verwü­stungen in die diesseitigen fruchtbaren Gefilde (die Venetianisch-Lombardische Ebene) zu tra­gen. Run ist ja augenblicklich Italien durch die Hand Deutschlands mit seinem Nachbar, I Oesterreich-Ungarn, verbündet, aber das hat herzlich wenig zu sagen. Im tiefsten Herzen sitzt der a 1 t e ® r o 11, den die frühere Herrschaft des jetzigen Bundesgenossen über das nördliche Italien erzeugt hat, und frißt noch der Gram, daß es achtzehnhundertsechs- undsechzig nicht gelungen ist, mit Venetien auch das Trentino einzuverleiben. Deshalb faßte die Militärpolitik Italiens bisher (und ganz besonders in den letzten Jähren, seitdem die Einverleibung Bosniens durch Oesterreich einen Krieg mit den Balkanstaaten in Aussicht stellte) den Schutz der Alpengrenze in ihrem österreichffchen Teil ins Auge. Deshalb wur­den die mit der Ueberwachung der Gebirgs- grenze im besonderen beauftragten Truppen, Alpini und Gebirgsartillerie, ständig vermehrt, die Befestigungen erneut, erweitert und neu bewaffnet, deshalb ward die alte Festung Ve­rona zu einem Waffenplatz von beinahe unge-