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Hessische Abendzeitung
Casseler Abendzeitung
1. Jahrgang
Freitag, 3. November 1911
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Nummer 282
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Korrespondent des Echo de Paris von einer neuen längeren Verzögerung der Unterzeichnung zu berichten. Aus angeblich guter Quelle will er erfahren haben, daß neue Schwierigkeiten in letzter Stunde aufgetauckt sind. Informierte deutsche Persönlichkeiten hätten jedoch versichert, daß der Vertrag innerhalb von acht Tagen auf alle Fälle unterzeichnet werden würde. Der Grund dieser neuen Verzögerung soll angeblich darin liegen, daß die deutsche Regierung den Vertrag jetzt nicht bekannt geben will, damit sich der Reichstag nicht allzufrüh mit der Angelegenheit befasie.
Die Cholera in Tripolis.
(Telegraphische Meldung.)
Wie aus Tripolis gemeldet wird, breitet sich die, wahrscheinlich von den Italienern eingeschleppte Cholera in besorgniserregender Weise aus. Rach Aussage eines Militärarztes erkrankten am Samstag allein fünfunddreißig Soldaien. Aus sicherster, halbamtlicher, Quelle wird mir mitgeteilt, daß Sonntag nacht an Cholera siebemmdacktzig Soldaten darniederlagen, von denen neun starben. 3n der Nackt rum Mittwoch starben im La-
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zu sehr bedenklichen Aushilfsmitteln gegriffen hat, befindet sich die italienische Armee nicht in einem Zustande, um an sie hohe Ansprüche stellen zu können, und es erscheint in mehr als einer Beziehung bedenklich, mit diesem unfertigen Instrument eine Politik zu verfolgen, wie Italien sie augenblicklich vor dem erstaunten Europa entrollt. Aber grade so, wie der alte Haß gegen Oesterreich bisher die Militärpolitik geleitet hat, so ist es ein anderer, nicht weniger chmcrzlrcher Stachel, der das Abenteuer von
Tripolis unternehmen ließ.
Die junge Armee har noch wenig Glück gehabt. Die nördlichen Provinzen verdankt der Staat nicht ihren ruhmgekrönten Unternehmungen, sondern teils Napoleon, teils Preußen, und den endlichen Gewinn von Rom den deutschen Siegen von achtzehnhundertsiebzig. Und so wie die italienischen Truppen auf vaterländischem Boden keine Lorbeeren pflücken durften, wie die italienische Flotte sich vor echsundvierzig Jahren den Niederlagen der Armee anschlotz, so brachte auch der Boden Afrikas ihnen noch wenig Ruhm. (Man denke an Adual) Da ist es wohl erklärlich, daß diese Armee, kaum, daß sie sich einigermaßen größerer Leistungsfähigkeit dank der Reorganisation bewußt wird, keinen sehnlicher» Wunsch hat, als dje alten Niederlagen durch neue glorreiche Taten in Vergessenheit zu bringen. Und wenn man sich nach einem Objekt umsah, war freilich nichts anderes und besseres zu finden, als ... Tripolis. Schmerzlich, tief schmerzlich, daß Tunis (worauf die geographische Lage Italien das erste Anrecht gab) vor drei Jahrzehnten Frankreich überlassen werden mußte, weil das Königreich noch nicht so weit gefestigt war, um dem mit Erfolg entgegenzutreten. So blieb als letztes noch ergreifbares Objekt an der afrikanischen Rordküste nur Tripolis, dieser schmale Küstenstrich ohne nutzbares Hinterland, übrig, und als nun Frankreich auch auf Marokko seine Hand legte, als auch Deutschland in monätelan^em Ringen ihm nicht ein Fetzchen davon entreißen konnte, da glaubte Italiens Regierung, dem immer heftigeren Drängen nachgeben zu müssen; da richtete sich die Militärpolitik Italiens aus die Beraubung der Türkei. Unfertig, selbst ohne zweckmäßige Ausrüstung, betraten die Truppen den Wüstensand, der vorauchichtlich (wenn nicht bald ein Friede zustande kommt) manchen lorbeergierigen Krieger als Opfer dieser Politik begraben wird!
Allenstein in Frankreich?
Die Tragödie einer Hauptmannsliebe.
Das Schwurgericht in Paris hat( wie wir schon berichteten), in den letzten Tagen gegen den HauptmannMeynier verhandelt, der angcklagt war, seine Braut, Frau d'Ambricourt, ermordet zu haben. Der Angeklagte erzählte, daß er die furchtbare Tat in unsinniger Eifersucht vollführt habe und erkannte an, daß er dafür die Strafe tragen muffe. Er wurde zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt.
Die Sensation dieser Liebes-Tragödie ist nun beendet. Eine Sensation war i nämlich wirklich, wenn auch der Fall des Hauptmanns Mevnier vielleicht glicht so düster-geheimnisvoll ist, wie das Steinheil- Drama oder die erschütternde Tragödie von Alienstein. Meynier hat seine Geliebte ermordet, er wurde verhaftet und gestand. Er war ein Hauptmann außer Diensten und sie eine „zweifelhafte Dame". Das alles liegt so klar, und cs bleibt nichts, als die Frage, warum er seine Tat beaanacn. Damit bcaibt man
Zst das nun alles?
Die Früchte des Kiderlen Cambon-Turniers.
Die Unterzeichnung und Veröffentlichung des Marokko-Vertrags mit Frankreich teht nun unmittelbar bevor. Ein Aufschub dH nur dadurch bedingt sein, daß die deutschen und französischen Karten über den Kongo kleine Verschiedenheiten in der Ortsbezeichnung ausweisen. Spätestens Freitag oder Sonnabend werde auch dieser letzte verzögernde Umland beseitigt fei«. Man könnte inzwischen ruhig mit der Veröffentlichung des Vertrages beginnen, da der Text doch nicht mehr verändert wird. Gedruckt ist er ja bereits, und es gibt genug Leute, die ihn schon im Wortlaut kennen. Wir sehen auch nicht rin. warum wir unseren Lesern die Grundzüge des Vertrags nicht mitteilen sollten. Viel Neues vermag man allerdings nicht mehr zu bieten.
Der Marokko Vertrag
pricht in seinem ersten Teil Frankreich offiziell das politische Mandat über Marokko zu, und zwar übernimmt die Republik die diplomatische und staatsrechtliche Vertretung Marokkos samt den Rechten und Pflichten. Frankreich erhält völlige Freiheit in politischen Beschließungsmaßregeln und in der Ausdehnung militärischer Expeditionen und darf Häfen öffnen und schließen. Marokko wird also aus einem souveränen Staat ein souzeräner Staat. Deutschland spricht sein politisches Desinteresiement aus und erhält dafür zum dritten Male seit Algeciras die „offene Tür" garantiert: Die Gleichberechtigung in der Zoll- und Abgabenbehandlung für alle Mächte. Konzeflions- und Umernchmungsfreiheit im industriellen und Bergbaubetrieb, Zollfteiheit für Eisenerze, freie Fischerei, internationale Kontrolle der Submissionen, Schlichtung von Streitigkeiten durch ein ständiges Schiedsgericht. Also alles so, wie man es sich dachte und wie es die französischen Blätter schilderten.
Das Kongo-Geschenk
ist, bei Licht besehen, nicht viel mehr als eine größere Grenzberichtigung. Wir treten ein allerdings kleines Stückchen Togo und vom Rordwestzipfel Kameruns, vom sogenannten „Entenzipsel" oder vielmehr den „Schnabel des Entenkopfs" ab und erhalten dafür eine Erweiterung Kameruns nach Süden und Osten. Die Südostecke wird zu einer schmalen Landzunge verlängert, bis fre mit dem Unterlauf des Sanga den Kongo in einer feinen Spitze erreicht. Die Grenze von der See aus beginnt bei der Co- risco-Bucht (im künftigen größeren Kamerun liegt also das spanische Rio Muni eingekeilt) und geht von dort direkt östlich in der Richtung auf Wesso. Die Verlegung der Ostgrenze bedeutet eine Linie vom Logonefluß im Nordwesten bis zum vierten Grad nördlicher Breite bis an den Obangi heran. Nichts mehr und nichts weniger. Daß es grade viel ist, das uns da als Lohn Kiderlen'scher Mühen in den Schoß fällt, läßt sich wirklich nicht behaupten.
Immer wieder: Der Reichstag!
(Eigene Drahtmeldung.)
R Paris, 2. November.
Der Petit Parisien meldet heute, daß die Unterzeichnung des deutsch-französischen Marokkovertrags morgen erfolgen wird. Demacaenübcr wein nllerdinas der Londoner
HandelMg und Zeaenmt. Der Deutsche Handelstag an den Bundesrat.
Ein Privattelegramm meldet uns: Der Deutsche Handelstag, der sich kürzlich in zwei Sitzungen mit der gegenwärtigen Teuerung beschäftigte, hat gestern, ent- prechend den gefaßten Beschlüssen, an den Bundesrat und den Reichstag eine Eingabe gerichtet. In dieser Eingabe wird betont, daß der gegenwärtige Stand der Lebensmittelpreise zu ernsten Besorgnissen Anlaß gebe, weil er namentlich den minderbemittelten Klassen der Bevölkerung die Beschaffung des Unterhaltes erschwere und weil deren Notlage nicht ohne Rückwirkung auf das gesamte wirtschaftliche Leben bleiben könne. Eine Fortdauer der gegenwärtigen Teuerung bedeute eine schwere Gefahr ur unser gesamtes Wirtschaftsleben, der im nationalen Interesse mit allen Mitteln entgegengearbeitet werden müsse.
zur Milderung der Teuerung
ordert der Handelstag dringend eine Reihe verschiedener Maßregeln und zwar zunächst gegen die bedrohliche Entwicklung der F l e i s ch p r e i s e. Eine Erhöhung der einheimischen Fleischerzeugung und (bis diese erzielt sei) eine Vermehrung der Einfuhr von Vieh und Fleisch werden als notwendig bezeichnet. Um die letztere zu erreichen, werden unter anderm gefordert: Herabsetzung der Zölle auf Vieh und Fleisch, Zulassung möglichst ungehinderter Einfuhr lebenden Viehs, Zulassung der Einfuhr von ausgeschlachtetem, auch gekühltem und gefrorenem Fleisch, von Büchsenfleisch und von sonstigen Fleischdauerwaren. Ferner wird zur Herabsetzung der Futter- mittelpreise eine Ermäßigung der Zölle auf Futtergerste, Hafer, Mais, Futterbohnen, Lupinen und Wicken verlangt. Alsdann wird bemerkt, daß namentlich Kartoffeln und Gemüse von der Teuerung betroffen worden sind, und der dringende Wunsch ausgesprochen, daß die Zölle auf diejenigen Arten von Gemüsen und Hülsensrüchten, die mit Zöllen belastet sind, insbesondere auch auf die verschiedenen Kohlarten, aufgehoben oder mindestens herabgesetzt werden möchten.
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Zum Schluß wendet sich der Handclstag mit Nachdruck gegen die Versuche, dem Handel die Schuld an der Teuerung zuzuschieben und ihn als vermeintlich preissteigerndes Zwischenglied auszuschalten. Der Handel sei ein wesentlicher Bestandteil des Wirtschaftslebens und der Produzent würde kaum in der Lage sein, seine Erzeugnisse zu niedrigeren Preisen unmittelbar an die Verbraucher abzusetzen. Auch habe das Vorgehen einiger Städte, unter Umgehung des Handels ihre Bewohner mit einzelnen Nahrungsmitteln zu versehen, mehrfach zu recht ungünstigen Ergebnissen geführt wegen des Mangels an Organisation für derartige Zwecke. Außerdem aber müsse doch auch der Schaden in Anrechnung gebracht werden, den die Städte durch eine Verminderung der Steuerkraft der Händler erlitten.
Sie Türken Herren der Lage.
„Alle Forts dem Feinde abgenommen!" (Eigene Drahtmeldungen.) Depeschen aus Konstantinopel zufolge ging beim Kricgsminister folgendes Telegramm des türkischen Oberkommandierenden in Tripolis ein: Alle Forts von Tripolis sind dem Feinde abgenommen. Die Feinde find in die eigentliche Stadt geflüchtet; fie find vollkommen demoralisiert und wagen es nicht, ihren Zufluchtsort zu verlassen.
lieber die mörderische Schlacht am letzten Donnerstag liegt aus Tripolis folgender Bericht vor: Die siebenstündige Schlacht endigte ohne unmittelbares Ergebnis. Die Italiener wiesen überall den Angriff ab, errangen aber keinen Vorteil. Es wurden keine türkischen Batterien erstürmt und nur zwei belanglose arabische Feldzeichen genommen. Die türkische Artillerie griff anscheinend nur Bumeliana an. Anderswo handelte es sich ausschließlich um Araberangriffe. Man sah keinen türkischen Toten Die amtlichen Verlustziffern sind sicherlich sehr abgeschwächt. Die Italiener dürften Hunderte verloren haben, darunter viele Offiziere, die seither auf Vorposten Uniformen ohne Abzeichen tragen. Bisher werden dreihundertfünfundsechzig Schwerverletzte zugegeben. Die Zahl der Toten ist der der überraschenden Treffsicherheit der Araber gewiß sehr hoch. Die arabischen Verluste sind wahrscheinlich größer. Am Freitag begannen die Italiener den Rückzug von der Vor-- p o st e n 1 i n i e. Seither erfolgten täglich Heinere Angriffe, die für die Italiener meist ungünstig verlaufen. Es herrscht allgemein der Eindruck vor, daß die italienische Armeeleitung ihrer Aufgabe nicht gewachsen ist.
heuerlrcher Größe ausgebaut.
Die A r m e e Italiens ist noch außerordentlich jung; fie wurde durch die Armeereform von achtzehnhundertzweiundsiebzig aus den verschiedenartigsten Elementen der frühem kleinen Staaten zusammengesetzt. Der junge Staat hatte viele Jahre lang mit der Abwälzung der übernommenen, sehr beträchtlichen Schuldenlast schwer zu kämpfen, und deshalb fehlte es lange Zeit an den nötigsten Mitteln, um, bie Armee zweckentsprechend auszugestalten. Seitdem die Finanzen sich gebessert haben, konnte man langsam an Beschaffung zeitgemäßer Waffen und Kriegsbedarfs denken, ja, man ging int vorigen Jahr sogar zur zweijährigen Dienstpflicht über und begann die Armee gründlich zu reorganisieren. In dem Stadium der Umformung steckt sie jetzt noch: Noch konnten die Gelder nicht verfügbar gemacht werden, um die erhöhte Zahl der Neueingestellten hinreichend zu verpflegen, noch war es nicht möglich/ die Offizier- und Unteroffizierkorps au die erforderliche Höhe zu ergänzen, noch fehlt es vor allen Dingen an einer ernsthaften und durchgreffenden Vorbildung der Jugend, auf der sich die kürzere Dienstzeit ohne Nachteil aufbauen licke. Kurt: Obgleich man
zarett fünfundzwanzig Soldaten, meist von den Vorpostentruppen. Ter gefährlichste Herd ist bei Sokra. Die Anhäufung der aus der Oase vertriebenen Araber in der Stadt begünstigt die Ausbreitung der Epidemie auch innerhalb der Bevölkemng. Zahlen darüber ind nickt zu erhalten, weil die Araber und Ju- ,en die Erkrankungen geheim halten. Die Belattung der auf dem Schlachtfeld und in der Oase liegenden Leichen ist eingestellt worden, weil der Gestank die Arbeit der überwachenden Soldaten unerträglich macht. Das Umsichgrei- 'en der Cholera erhöht die Schwierigkeiten der Lage, da die Seuche sich unter den Eingeborenen sowohl, wie unter den italieni- chen Truppen rapid ausbreitct. Die Choleragefahr wird noch dadurch erhöht, daß in der Umgegend von Tripolis mindestens dreitausend Leichen unbestattet liegen.
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In der Türkei wird die Stimmung immer zuversichtlicher. Einem Telegramm auö Konstantiopel zufolge schreibt der der Regierung nahestehende „Tanin" zu etwaigen Verhandlungen der Großmächte mit der Pforte wegen Herbeiführung des Friedens: Italien hat diesen Krieg heraufbeschworen. Wünscht es ihn nicht mehr, so mutz es sich aus Tripolis entfernen. Falls wir dann Lust haben, in Verhandlungen über die Wiederherstellung der diplomatischen Beziehungen einzutreten, können wir es ja ruhig tun.
Sie ffukrl der Waren.
Verkannter Ehrgeiz als Ursache des Tripolis- Abenteuers?
| Von Oberstleutnant Frobenius.
Die Militärpolitik eines Staates wird hauptsächlich durch die militärgcographische Lage und Beschaffenheit des Landes, sowie durch die Ziele seiner äußern Politik bestimmt. Bezüglich seiner Grenzen scheint das König- ieich Italien besser als irgend ein anderer europäischer Staat gestellt zu sein. Die einzige Landgrenze, gebildet durch den höchsten und c. mächtigsten Gebirgszug des Erdteils, scheint einen unvergleichlich starken Schutz gegen jeden Angriff zu bieten; die breiten Wasserflächen des Adriatischen, Jonischen, Sizilischen, Thvr- renischen, Sardischen und Ligurischen Meeres, | die die Gestade des Festlands und der Inseln - Sardinien und Sizilien bespülen, beschränken nicht nur feindliche Unternehmungen auf den Seeweg, sondern gewähren ohne weiteres die gangbaren Straßen zur Ausbreitung wirtschaftlicher und politischer Macht über das ganze westliche und östliche Becken des Mittelländischen Meers. Ja, die natürliche Brücke, die von Kalabrien über Sizilien zu der von Tunis aus entgegengestreckten Halbinsel und damit zur Rordküste Afrikas hinüberleitet, legt den Gedanken und die Möglichkeit nahe, den Machtbereich hier zu erweitern und damit eine beherrschende Stellung auf beiden Seiten der Meerenge zu gewinnen, die beide Becken des Mittelmeers verbindet. Das alte Rom hat diesen Gedanken verwirklicht, und die italienischen Republiken, wie Venedig und Genua, haben die günstigen geographischen Verhältnisse zur Entwicklung ihrer Seeherrschaft zu verwerten gewußt. Die Kehrseite i der vorteilhaften Grenzverhältnisse ergibt sich aus dem schließlichen Zusammenbruch dieser drei Staatswesen: Es bedarf der genügenden Kraftentwicklung, um die Vorteile sich zu sichern; gebricht es an dieser, so fallen alle Vorteile dem Gegner zu.
Die Alpen bieten zwar großen Heeresmassen schwer zu überwindende Hindernisse, und Entscheidungsschlachten können nur im diesseitigen oder jenseitigen flacheren Gelände geschlagen werden. Deshalb ist aber das Hochgebirge einer Festungsmauer vergleichbar, dessen Zu- unb Ausgänge sorgfältiger Ueberwachung und Verteidigung bedürfen, um sie der eignen Offensive zu sichern und den Gegner zu hindern, den Krieg mit seinen Schrecken und Verwüstungen in die diesseitigen fruchtbaren Gefilde (die Venetianisch-Lombardische Ebene) zu tragen. Run ist ja augenblicklich Italien durch die Hand Deutschlands mit seinem Nachbar, I Oesterreich-Ungarn, verbündet, aber das hat herzlich wenig zu sagen. Im tiefsten Herzen sitzt der a 1 t e ® r o 11, den die frühere Herrschaft des jetzigen Bundesgenossen über das nördliche Italien erzeugt hat, und frißt noch der Gram, daß es achtzehnhundertsechs- undsechzig nicht gelungen ist, mit Venetien auch das Trentino einzuverleiben. Deshalb faßte die Militärpolitik Italiens bisher (und ganz besonders in den letzten Jähren, seitdem die Einverleibung Bosniens durch Oesterreich einen Krieg mit den Balkanstaaten in Aussicht stellte) den Schutz der Alpengrenze in ihrem österreichffchen Teil ins Auge. Deshalb wurden die mit der Ueberwachung der Gebirgs- grenze im besonderen beauftragten Truppen, Alpini und Gebirgsartillerie, ständig vermehrt, die Befestigungen erneut, erweitert und neu bewaffnet, deshalb ward die alte Festung Verona zu einem Waffenplatz von beinahe unge-