Casseler Neueste Nachrichten
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der Frage der Einberufung des Land- t a-g s beschäftigen. Wie verlautet, besieht die Absicht, den Landtag am neunten Januar einzuberufen. Man nimmt indessen an, daß der Landtag sich am gleichen Tage wieder vertagen wird, nachdem der Finanzminister den Etat in einer geschäftlichen Sitzung eingebracht haben wird. Da die Stichwahlen am neunzehnten Januar stattfinden werden, so ist es wahrscheinlich, daß der Landtag fein« Beratungen am dreiundzwanzigsten Januar wieder au nehmen wird. Die formelle Auflösung de R e i ch s tags wird (wie unser Korrespondent hört) etwa acht Tage nach Beendigung der Herbstsession erfolgen. Es ist indessen nicht beabsichtigt, die Auflösungsorder dem Reichstag noch am letzten Tage seiner Verhandlungen bekannt zu geben.
S> Der Kaiser und Jatho. Wie uns ein Prrvat-Telegramm aus Berlin meldet, sprach sich der Kaiser gestern zu den Vorstandsmitgliedern der Brandenburgischen Generalsynode über den Fall Jatho aus und äußerte sich dazu wie folgt: So bedauerlich an sich die Tatsache sei, daß ein Geistlicher wegen Irrlehre aus seinem Amt entfernt werden müsse, so sei doch die Sache nicht tragisch zu nehmen. Männer wie Jatho habe es zu allen Zeiten gegeben und werde es auch in Zukunst geben. Die Kirche Christi aber werde die Widersacher überwinden. Gegen diese Irrlehre gebe es ein vorzöglickes Mittel: Sich immer tiefer in die heilige Schrift zu versenken und die Person Jesu Christi, des Heilandes, mit gläubiger Liebe zu umfassen. Ein wahrhaft apostolischer Mann fei der von ihm (dem Kaiser) hochgeschätzte Bischof Risten, den er am Hofe seiner Großmutter, der ver- torbencn Königin Viktoria von Enaland, kennen gelernt habe, und zu dem er seitdem in versönlicken Beziehungen stehe. Mit der ihm eigenen Lebhaftigkeit besprach der Kaiser dann einzelne Kapitel aus den Schriften des Bi- chofs, die er auch seinem Hofprediger dediziert fabe. In diesen Schriften behandelt der Bischof hervorragende Gestalten der heiligen Schrift.
cs3 Aus den Parlamenten. Ein Telegramm unseres parlamentarischen Mitarbeiters berichtet uns: Nachdem der, Termin der Reichstagswahlen amtlich bekannt gegeben ist, wird sich das Staatsministerium demnächst mit
Kleiner Fenilleton.
üs Die Goethe-Puppe Frieda. In der Internationalen Puppen-Ans st el- lung in Frankfurt wird als eines der seltensten Objekte die sogenannte Goethepuppe „Frieda" gezeigt werden. Sie stammt aus dem Besitz einer altweimarischen Bürgerfamilie. Dre Puppe trägt noch heute dieselben Kleidungsstücke, die für sie bei ihrer Anfertigung vor 120 Jahren genäht wurden. Auch den Namen .Frieda" führte sie damals schon. Sic war in Weimar zu Goethes Zeiten stadtbekannt. Goethe kannte die für die damalige Zeit außergewöhnliche Puppe ebensogut wie ganz Weimar. Er schaute manch liebes Mal dem Spielen der Kinder mit der Puppe zu. Auch in seiner Eigenschaft als Theaterintendant war ihm „Frieda" keine Fremde. Wenn im Hoftheater in einem Stück ein Täufling „mitsvielte", so war es Tradition, daß diese Rolle der Puppe „Frieda" übertragen wurde. Bis vor dreißig Jahren hat man an dieser Tradition am Weimarer Hoftheater festgehalten. Jetzt ruht die kleine stumme Schauspielerin wohlverdientermaßen auf ihren Lorbeeren aus.
Ernst Anders gestorben. Der Maler Ernst Anders, eine der bekanntesten Künstler
Reichstag nnb Teuerung.
Die gestrigen Reichstags-Debatten.
Won unserm parlamentarischen Mitarbeiter.)
Mehr und mehr flaut tat Reichstag das Interesse für die Teuerungsdebatte ab. DaS Haus war gestern nur schwach besetzt: Viele der Herren Volksvertreter mögen bereits ihr Ränzel geschnürt und sich zu den heimischen Penaten begeben haben, da ja doch am Freitag eine zehntägige Pause eintritt. Freilich, die Kommissionsmitglieder haben es nicht so gut, sie bleiben an Berlin gefesselt und Kommiffionsberatungen sind anstrengender als Plenarsitzungen. Gestern begann ein polnischer Redner, der Graf Mielscynsky, der in ziemlich agrarischem Sinne über die Teuerung sprach und nur einige Erleichterungen forderte, um dann mit einem kühnen Salto mortale auf die Polenpolitik hinüberzuspringen und zu behaupten, daß der polnische Bauer von seiner Scholle verdrängt worden ist. Ohne das geht es nun einmal nicht bei den Herren Schlachtzizen. Lärm auf der Rechten rief es hervor, als der Führer des Bauernbundes, der Nationalliberale Wach horst, die Rednertribüne bestieg und seine Ausführungen wurden gleichfalls von stürmischen Zwischenrufen unterbrochen. Obwohl er im wesentlichen dasselbe sagte, wie Graf Kanitz: „Der Parteien-Haß von draußen verpflanzt sich auch in dieses Haus!" Aehnlich erging es auch Herrn P a ch n i ck e von der Fortschrittspartei, der in scharfer Weise gegen die agrarische Politik polemisierte.
Sitzungs-Bericht.
Am Bundesratstisch: Wermuth und Freiherr don Schorlemer. Das Haus ist sehr schwach besetzt. Die Teuerungsdebatte wird fortgesetzt. Abg. Graf Mielscynsky (Pole): Die Spannung zwischen den Preisen, die der Landwirt erhält und die der Konsument bezahlen muß. ist geradezu wunderbar. Aber auch Imponderabilien verschulden die Teuerung. Wie zoll ihr abgc- holfen werden? Die Gersten- und Maiszölle könnten zeitweise gemildert werden. Die gegen die Einführung argentinischen Gefrierfleisches vorgebrachten Gründe erscheinen uns nicht ausreichend. Die Vieheinsuhr aus Rußland sollte erleichtert werden. Die preußische Verwaltung arbeitet systematisch dahin, den polnischen Bauer von seiner Scholle zu verdrängen, und so das gesunde Prinzip der inneren Kolonisation ins Gegenteil zu verkehren.
Abg. Wachhorst de Wente (natl.) bespricht die Entwickelung der Zerealienpreise. Die Preise werden heute nicht mehr allein durch die Beeinflussung durch die öffentlichen Gewalten bestimmt. Ätan redet von Not, aber wie haben sich
die Sparkaffenguthaben vermehrt!
Mir wäre die Herabsetzung des Mais- und Gerstenzolles ganz sympathisch, wenn sie den Verbrauchern zugute käme, was aber durch die langfristigen Verträge nicht zu erwarten ist. Im Gegensatz zu Dr. Heim muß ich mich gegen die Einfuhr argentinischen Gefrierfleisches aussprechen. Der Viehmäster kann schon heute sein Vieh nicht loswerden. Die Voraussetzung einer Grenzenöffnung muß der Nachweis sein, daß Deutschlands Landwirtschaft Deutschlands Bedarf nicht decken kann. Unter den schweren Seuchenbestimmungen leidet die ganze Landwirtschaft, und da sollen die Grenzen geöffnet werden? ,
Abg. Dr. Pachnicke (fortschr. Vp.): Die günstige wirtschaftliche Entwickelung hat mit der Zollpolitik nichts zu tun. Es handelt sich nicht um das Prinzip, sondern um M a ß und Ziel der Zölle. Freihändler, der jeden Zoll an sich verwirft, ist auch keiner von uns. Die Hauptsache ist für uns, die Zölle so zu gestalten, daß vorteilhafte Handelsver- träge zustande kommmen können. Die ganze
Neues Bem Tage.
Katastrophe im Kieler Hasen.
(Privat-Telegram m.)
Kiel, 27. Oktober.
Als gestern abend gegen halb elf Uhr der in den hiesigen Hafen einlausende kleine Kreuzer „M ü n ch e n" an eine Boje gehen wollte, v e r u n g l ü ck t c n bei der Aussetzung eines Bootes ein Maat und sechs Matrosen, die sämtlich ertranken. Es ist noch nicht festgestellt, auf welche Umstünde der Unglücksfall zurückzuführcn ist, doch wird angenommen, daß bci-den Andrehungsmanövcrn in der herrschenden Dunkelheit Irrtümer unterlaufen sind.
wagten uns da nicht hinab. Aber wo die Treppe begann, führte eine doppelte Lattentür in einen Garten, in dem ein halbzerfallenes Häuschen stand. Oft baben wir mit brennenden Augen da hineingeschaut, denn es stand fest für uns, daß in dem Häuschen einst die Here gewohnt hatte, die den Hänsel gemästet hat, um ihn später zu verspeisen.
Wunderlich, was doch die Erinnerung alles wieder wach ruft: Auch der Gartenarbeiter kommt mir wieder in den Sinn, der die Flasche über alles liebte und den Weinberg als seine ureigenste Domäne betrachtete. Längst heimatlos geworden, hatte er in den Gärten an der Eidechse sein Quartier aufgeschlagen: mitleidige Anwohner gaben ihm hin und wieder für ein paar Handreichungen zu essen, und Sonntags gabs hie und da wohl auch einen Gro- ftben, der dann in Schnaps umaesetzt wurde. Wann der Alte da oben seinen Einzug gehalten hatte, das wußte niemand recht. Er gehörte zum Weinberg, wie er selbst nicht ohne Flasche zu denken war. Eine von den wunderlichen Reden des Alten ist mir im Gedächtnis geblieben: er äußerte einmal: „In der Bibel steht geschrieben, der schmale Weg führt ins Himmelreich; de Eidechse ist au en schmaler Weg, wenn ich den aber nuf gehe, dann lumm ich nit ins Himmelreich, dann kumme ich us de Terrasse ..."
Wir haben den Alten ausgelacht und sind, als er zornig wurde, davongelausen, und bald darauf haben wir ihn nimmer gesehen. An der Eidechse hatte man ibn an einem Herbstmorgen gefunden, wie in friedlichem Schlaf, die Flasche im Arm. Der Tod hatte das verwitterte Gesicht verschönt, batte mit versöhnender Hand über die tiefen Runen gestrichen und stille gemacht, was ungezügelte Leidenschaft mit ehernem Griffel eingezeichnet hatte. Auf der Brust des Toten aber iand man an einem schmutzt-
erscheinungen aus Düsseldorfs alter Zeit, ist tat Alter von 66 Jahren in Mölln in L a u e n b u r g. wo er sich besuchsweise aufhielt, gestorben. Anders, der aus Magdeburg stammte, war als Bildnismaler bis in die letzte Zeit hinein in Düsseldorf tätig. Er war ein langjähriges, wegen seines Humors hochgeschätztes Mitglied des Düsseldorfer Malkastens.
Sie kann nicht warten. Die Witwe Gustav Mahlers, des verstorbenen Direktors der Wiener Hofoper, Frau Alma Mahler, hat sich in Newyork in aller Stille mit dem Industriellen Harding vermählt . . . Mahlet starb im Juni ds. Js. Hat die Dame nicht noch drei Monate warten können?
i=2s Ein Denkmal für Robert Kock. Ein Berliner Privattelegramm meldet uns: Zur Errichtung eines Denkmals für Robert Koch, den verstorbenen berühmten Bakteriologen, hat sich unter dem Vorsitz des Ministerialdirektors Dr. Kirchner ein Komitee gebildet, dem namhafte Persönlichkeiten aus allen Kreisen der Bevölkerung angehören. Es ist beabsichtigt, mit einem Aufruf zur Sammlung von Beiträgen an die Oeffentlichleit zu treten.
Bankett Deutsch-Amerikanischer Bürger in Newyork. Ein Privattelegramm meldet uns: Zu Ebren der Spezialbotschafter Bartholdt und C. B. Wolffram bei der Enthüllung des Steuden - Denkmals in Potsdam veranstaltete am Donnerstag abend im Hotel Astor ein Komitee angesehener New- yorker Deutsch-Amerikanischer Bürger ein Bankett, das den glänzendsten Verlaus nahm.
■£= Er ist da gewesen! Der Kopenhagener „Ehrendottor" Cook ist, wie uns ein P r i - vattelegramm meldet, in Hamburg erngetrofsen. Bezüglich der Entdeckung des Nordpols äußerte er: „Man kann nicht sagen, wenn man eine Reise nach dem Nordpol gemacht hat, es sei dies ein absoluter Beweis. Ich bin dagewesen. Der Nordpol liegt nicht auf festem, sondern auf Treibeis. Wenn der Pol zum dritten Male erreicht wird, dann soll man beide Schriften, meine sowohl wie dis von Pearv, Zusammenlegen, und dann erst kann man sagen, ob Peary oder Cook den Pol erreicht hat."
Entwickelung Deutschlands hängt davon ab, wie der nächste Reichstag zusammengesetzt ist Wir finden uns in diesem Kampfe
mit den Nationalliberalen zusammen
Wir müssen gemeinsam als liberale Par- t e i daran arbeiten, daß eine große selbständige Linke aus der Wahl hervorgeht.
Abg. Dr. Arendt (Rp.): Gewiß haben wir einen Notstand auf vielen Gebieten, aber er ist die selbstverständliche Folge elementarer Ereignisse. Der wirkliche Notstand betrisst gerade die Erzeugnisse, die mit unserer Wirtschaftspolitik gar nichts zu tun haben. Das Ergebnis dieser ganzen Debatte ist: Draußen im Lande ein Block von Bassermann bis Betz e l und hier im Reichstag eine schutz z ö litt e r t s ch e M e h r h e i t von Kanitz bis Basser- mann. (Sehr richtig! rechts.) Das kennzeichnet die ganze Situation.
Preuß. Landwittschaftsminister Frhr. von Schorlemer verwahrt sich gegen Angriffe in Sachen der inneren Kolonisation und Ostmarkenpolitik. In Sachen der inneren Kolonisation sind als Ergebnis einer Anfrage an die Oberpräsidenten bereits eine Reihe von Domänen den Bcsicdlungsgesellschaften zur Verfügung gestellt worden. Aber auch die
innere Kolonisation hat ihre Grenzen.
Abg. Lehmann-Jena (B. d. L.): Die heutigen Schlagworte werden im Wahlkampfe noch eine Rolle spielen und die Erklärungen des Reichskanzlers für den Zoll werden lauten Widerhall im Lande finden. Der Bauernbund trägt Verwirrung in die Reihen, wo der Feind vor der Tür steht.
Abg. Kabelt (bei keiner Fraktion) wendet ich gegen die Ausführungen des preußischen Landwirtschaftsministers und des bayerischen Ministers von Brettreich über die Spannung der Vieh- und Fleiscbpreise. An der schwierigen Situation ist die Steuer- und Wirt- chaftspolitik schuld. Es ist notwendig, eine Erleichterung der Vieheinsutzr. Aufhebung der Futtermittelzölle, weitgehende Förderung der heimischen Viehhaltung und eine mindestens zeitweilige Aufhebung gewisser Lebensmittel- zöllc.
Es wird sodann ein Vertagungsantrag angenommen und beschlossen, als ersten Punkt auf die Tagesordnung der Freitagsttzung die Jntervcllation über die Maul- und Klauenseuche zu setzen.
leicht ein Talisman, den eine sorgende Mutterband dem Kinde beim Abschied mitgegeben hatte, ein Zeichen aber, daß auch an seinem Wege einst Liebe gestanden hatte ...
Was doch die wachgewordene Erinnerung alles wieder hervorzaubert! Wieviel Kindcr- torheiten! In der Eidechse haben wir verliebten Pärchen nachgespürt, haben des Vetters erste Rauchversuche miterlebt ... mancherlei mehr noch, als der Vetter Student war und ich am Anfang meines Frühlings stand. Wie lange ist das her ... Ich bin heimgekehrt an die Stätte meiner Jugend, zum Weinberg. Es ist Herbst, und alles anders geworden. Auch die Eidechse. Die Hecken sind fort und tote Mauern zeugen von der neuen Zeit. Wo einst Blumen blühten, blitzen straffe Drahtgitter, und kahle Lattenzäune sperren Blick und Weg. Es ist alles so fremd hier oben, ich bin fremd geworden in der eigenen Heimat. . .
W. Spangen.
™ Typhus in der Kaserne? Unter den Mannschaften des 161. Infanterie-Regiments in Trier ist eine Epidemie ausgebrochen. Eine Anzahl Soldaten ist an Magen- und Darmkatarrh erkrankt. Bei fünf Soldaten stellten die Aerzte Typhus fest. Die bisher Erkrankten befinden sich sämtlich außer Lebensgefahr.
«r Der Mörder seiner Frau? Unter dem dringenden Verdacht, seine Frau erdrosselt und dann am Bettpfosten ausgehängt zu haben, um Selbstmord vorzutäuschen, wurde der frühere Bremser Ernst Karbe in Breslau ^Untersuchungshaft genommen.
sk Die Trägödie einer Ehe. Bei der Revision des Gemeindehauses in Ausleben fand man in etaem Bett die verwesende Leiche der Arbeiterfrau Kowalski. Die Untersuchung ergab, daß die Frau vor vierzehn Tagen von dem ihr jetzt verfeindeten und flüchtigen Ehemann, der unlängst aus dem Zuchthaus entlassen worden war, ermordet worden ist.
~ Der Roman des Erzherzogs. In Wiener Hoskreisen wird nun auch die großherzige Art bekannt, mit der der Kaiser seine Zustimmung zu der Vermählung des Erzherzogs Franz Carl gab. Der Bruder des Erzherzogs teilte dem Kaiser mit. daß Erzherzog Franz Carl an Fräulein Czuber sein Wort verpflichtet habe, er werde sie heiraten. Daraufhin soll der Kaiser wörtlich geantwortet haben: Ein Offiz ie rsehrenwort muß unter allen
WeinbergSrinnerungeu.
Aus der Kindheit eines Caffelaners.
Es ist Herbst geworden, leise ist er über die Berge gekommen und hat bunte Farbentöne in das dunkle Grün der Hänge gewebt. Streift facht über die Bäume im Tal und kommt dann zu uns herauf . . . zum Weinberg... Hier oben zieht der Frühling früher ein als in der Stadt; hier küßt die Sonne zuerst die Blütenknospen an den Bäumen wach, zu voller Pracht entfalten sich hier oben schneller die Kinder der Flora . . . und spät erst kommt der Herbst und taucht noch einmal all' die Pracht in brennend-- Farben, erst spät im Jahr wirds blüten- und blätterleer. Auf dem Weinberg ist die Stätte meiner Kindheit und Jugend. Hab' dann fort gemußt, bin in fremdem Land gewesen, der Sommer kam und ging, Hoffnungen reiften, mehr noch zerbrachen, und nun ist's Herbst geworden, und ich bin heimgekehrt zur stillen Sehnsucht all der Jahre, zum Weinberg.
Und nun gehen die Gedanken, wandern weit, weit zurück. Die Kindheit wird wieder wach, es ist wieder Frühling und in den Gärten gehen Märchen um. In den Hecken... so täuscht es mir die Erinnerung vor . . . blühen Schlehen. Hartriegel, Heckenrosen, Hollunder und Flieder und in den Rissen der alten Mauer wachsen zwischen den Steinen helle Glockenblumen. die scheinen leise zu läuten. Drossel und Nachtigall singen um die Wette, und auf den Steinen am Weg sonnen sich goldig-grün schimmernde Eidechsen, oder sie schlängeln sich, dem Wege gleich, der auch den Namen Eidechse führt, durchs hohe Gras. Wo zwischen Hecken und Bäumen ein Auslug frei bleibt, da schweift der Blick in die blaue, märchenweite Ferne, da grüßen die Söhre, die langen Berge, der Heiligen-, Brauns- und Braffelsberg herüber, und wo die Eidechse eine scharfe Biegung macht, da ist der Blick frei für Wilhelmshöhe und den Herkules.
So ist das alles gewefen damals, als wir in toller Jugendluft durch die Gärten an der Eidechse streiften und Entdeckungsreisen machten. Wie ost waren die Gärten an der Eidechse nicht in festen Händen, und merkwürdig: Wie schnell doch die Türen morsch werden, die Schlösser rosten und die Lecken Löcher »eigen, durch die
Bei der gestrigen Landtagserfatz- w a h l tat Wahlkreis Schubin-Hohensalza- Strelno erhielt von 549 abgegebenen Stimmen Gerichtsassessor a. D. Dr. Levy (Natlib.) 311 Stimmen. Propst Laubitz (Pole) 238 Stimmen. Dx. Levy ist gewählt.
Generalmajor v o n S p e ck, der am achtzehnten September feinen achtzigsten Geburtstag feierte und einer der Teilnehmer an der Kaiserproklamation in Versailles war, ist gestern in München gestorben.
In dem Beleidigungsprozeß des Landrats von Maltzahn gegen den Rittergutsbesitzer B c ck e r, in dem am zwanzigsten Oktober Bek- ler zu drei Monaten Gefängnis verurteilt worden war, legte die Verteidigung gestern Revision beim Reichsgericht ein.
Nr. 277. — 1. Jahrgang.
mit Truppen und Freiwilligen aus dem Sandschak Fessan sich der Armee angeschlossen haben.
4 848 854 Mark bedeutet das einen Mehrabsatz von 11007 Zentnern im Werte von 187 415 Mark. An dem Mehrabsatz sind vor allem Futtermittel, landwirtschaftliche Produkte, sowie die Lagerhäuser beteiligt. Der nach Abzug der Unkosten, unter denen sich allein 4200 Mark Steuern befinden, zur Verfügung der Gesellschafter verbleibende Reingewinn beträgt 36943,45 Mark. In der Diskussion stellt Pfarrer T e w a a g-Hohenrode fest, daß der Gewinn in günstigem Verhältnis zum Umsatz stehe und vollständig genügend fei. Rittergutsbesitzer Hentze - Großenenglis wünscht un- ter anberm, daß die Kohlen möglichst stets in 200 Zentner-Wagen geliefert werden möchten. Es wird demgegenüber betont, daß nicht nur das Kohlensyndikat sich Vorbehalte, statt 200 Zentner auch 300 Zentner liefern zu dürfen, sondern daß auch seitens der Eifenbahnverwaltung immer mehr 300 Zentner-Wagen einge- tellt würden.
Rittergutsbesitzer Maertens fagt als Mitglied des Eifenbahnrates zu, daß er für Beibehaltung der bei der Landwirtschaft treibenden Bevöllerung mit Recht beliebten 200 Zentner-Wagen eintreten wolle. Die Verteilung des Reingewinns wird wie folgt be-
ein schlanker Kmderkorper hindurchschlüpfen gen Bande ein feines silbernes Kreuz viel- kann, wenn dte Gärten nicht bewohnt sind. Und ~ ’ 1 • —
wie stark doch das Verlangen für uns Kinder war, einen Blick zu tun in die geheimnisvollen Märchengärten! Ein wildverwachsener Seitenweg führte den Berghang hinunter und ganz unten, nach dem Philisophenweg hin, waren Treppen aus alten Balken, dicht überwachsen von wildem Brombeergesträuch und längst nicht mehr gangbar. Auw wir Kinder
_________________Sonnabend, 28. Oktober 1911.
° Umständen eingelöst werden. Ich willige ein ' urtb er soll vierzigtausend Kronen jährliche : Apanage baben.
sx „Venedig in Wien" in Konkurs. Ueber 1 das große Vergnügungsetablissement „Venedig" : in Wien, das mit feinem Riefenrad ein Wahr- : Zeichen Wiens bildet, ist der Konkurs erklärt worden. Die Passiven sollen ganz bedeutend fein.
~ Im Unglückshafen von Toulon. An Bord des Linienschiffes „Diderot" entstand gestern im Hafen von Toulon infolge Kurzschlusses Feuer. Durch sofortige Maßnahmen wurde die Gefahr in wenigen Minuten beseitigt. Auch an Bord des Linienschiffes „Ju- stice" trat Kurzschluß ein. Funken flogen in die Nähe der vorderen Pulverkammer, die sofort unter Wasser gesetzt wurde.
~ Die neueste Eisenbahn-Katastrophe. Durch eine Zugentgleisung auf der Bogato- wer Zweigbahn der Taschkentbahn im Gouvernement Samara, ist ein Schaffner getötet, der Maschinist tödlich verwundet und der Oberschaffner verletzt worden. Zwei Wagen sind zertrümmert, die Lokomotive ist vom Bahndamm herabaestürzt.
Im Kampf« mit Räubern. Zwanzig Räuber überfielen heute das Rentamt in Nal t chik. Sie feuerten auf die Wache, wurden jedoch zurückgefchlagen. Dabei sind drei Soldaten der Wache und ein Beamter verwundet worden. Von den Räubern fehlt jede Spur.
$as Neueste ans Kassel.
Sie Reiffeisen-Genoffenschasteu.
Im großen Saale des Palais-Restaurants sand vorgestern die zweite ordentliche Gefell- schafterversammlung der An- und Verkaussge- nofsenschaft Hessenland statt. Diese Gesellschaft ist von den hessischen Reisfeisen-Genossenfchaf- ten am 23. November 1909 mit einem Stammkapital von 500 000 Mark, das von 333 Gesell- chaftern (Genossenschaftern) aufgebracht ist, mit der Aufgabe gegründet worden, den An- und Verkauf landwirtschaftlicher Bedarfsartikel und Produkte zu betreiben. Das Geschäftsjahr läuft vom 1. Juli bis 30. Juni. Um über das Ergebnis des Jahres 1910/11 sich zu unterrichten, waren die Vertreter von 144 Genossenschaften, die mit 251 000 Mark Stammkapital beteiligt sind, erschienen. Der Vorsitzende des Aus- sichtsrats, Landgerichtsrat Klingenbiel- Marburg, eröffnete die Versammlung. Oeko- nomierat Rexerodt- Cassel erstattete den Geschäftsbericht, aus dem sich ergibt, daß der Warenabsatz im Berichtsjahr 1253 486 Zentner im Werte von 5 036 269 Mark betrug.
Gegenüber dem Vorjahr mit einem Warenabsatz von 1242 479 Zentner im Werte von