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Nummer 275

L Jahrgang

Hessische Abendzeitung

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Kasseler Abendzeitung

Fernsprecher 951 und 952.

Donnerstag, den 26. Oktober 1911.

Fernsprecher 951 und 952.

Franz Karl Burg.

Ein Momentbild aus dem Theater des Lebens.

Auf der .steilen Höh, wo Fürsten stehn", weht eine kalte Luft, und der Sonnen­schein des Glücks bestrahlt nur selten die Gip­fel, deren Haupt die Last des Eises deckt. So wenigstens erzählt uns fromme Legende, die in ehrfürchtiger Scheu vor der ragenden Hoheit irdischer Größe erschauert uttd unterm Herme­lin und Purpur immer nur das .Instrument des Herrn" ahnt, dessen gewaltige Verant­wortungslast einen Sterblichen aus unbegna­detem Gebein niederschmettern würde. Er­freulicherweise sind die Weltgeschichte und die Chronik der Könige weniger von der Tendenz des .In Demut-Ersterbens" beseelt, und aus den Blättern der Historie dürfen wir den Trost schöpfen, daß es den Auserwählten auf der Menschheit Höhen, den Trägern prunkender Kronen und glitzernder Diademe im allgemei­nen doch recht leidlich ergeht und daß die Bür­de, die auf ihren Schultern ruht, meist be­trächtlich leichter ist. als die Last, die im Tal des Lebens den nicht von Gottes Gnaden zum Fürstenamt Berufnen von des Schicksals bru­taler Hand aufgeladen wird. Indessen, wo viel Licht, ist auch viel Schatten, und grade die Fürstengeschichte der neuern Zeit hat man­cherlei Beispiele aufzuweisen, die Zeugnis dafür ablegen, daß das Dasein der Fürsten von den Bevorzugten des Lebens mancherlei Opferung des eignen Ich verlangt, der die Re­gungen des Herzens und. das Verlangen der .Seele widerstreben. Das alles hängt zwar nicht direkt mit dem Beruf der Fürsten zusam­men bildet aber unter der ehernen Herrschaft der Tradition einen Zwang und eine Fes­sel, deren Härte umso schmerzlicher empfunden wird, als den gekrönten Kindern des Glücks sonst jedes Sehnen und Verlangen erreichbar scheint.

Eben erst ist wieder einer von den Höhen hinabgestiegen ins Tal: Erzherzog Franz Carl von Oesterreich, ein Neffe des greisen Franz Joseph, hat auf alle seine Titel, Würden und Geburtsvorrechte verzichtet, um sich fortan Franz Carl Burg nennen und des Wiener Hofrats und Professors C z u b e r liebreizend Töchterlein als Ehegemahl heim- sühren zu dürfen. Bereits beim Schwarzauer Hochzeitsfest, das Oesterreichs einstigen Kaiser mit Zita von Parma verband, erregte das Fehlen des Onkels des Bräutigams Befrem­den, und die offiziöse Entschuldigung, der Erzherzog feidurch sein Beinleiden am Er­scheinen gehindert" gewesen, fand nur zwei­felnde Hörer. Inzwischen ist denn auch der wirkliche Grund des Fernbleibens bekannt ge­worden: Franz Carl von Oesterreich gehört nicht mehr zu dem Kreis, in den ihn Schick? sal und Geburt hineingestellt hatten; er hat auf alle seine Rechte als Prinz des Kaiserhauses verzichtet, um der Stimme des Herzens folgen und als schlichter Bürger Burg seiner Sehn­sucht Ziel erreichen zu können. Es wird für Franz Joseph achtzigjährig Greisentum eine Stunde tiefempfundner Bitternis gewesen sein-, da er (zum vierten Mal am Abend seines Lebens) mit zitternder Hand seinen Namen un­ter das Dokument setzte, das ein Glied seines Hauses, ein Leben seines Bluts aus der Für- stengemeinschaft der Habsburg-Lothringer Fa­miliensippe strich: Johann Orth entfloh dem Bannkreis Kaiserlicher Hoheit, um als freier Mensch um sein Ideal und seine Liebe ringen zu können Leopold Wölffling schied aus der Reihe der Toskaner, als des Herzens Stimme nach Abenteuern lief; Luise von Montignoso, jetzige Ehefrau Enrico Toselli. löste die Bande des Bluts und der Ge­burt in der Stunde, da sie nach langer Irrung zum ersten Male Reue fühlte, und nun hat auch Franz Carl von Oesterreich den Schritt getan, von dem er Freiheit. Licht und Glück erhofft.

Die Liebe, von der schon der Apostel ge­sagt hat, daß sie alle andren Regungen der Menschenseele an Gewalt und innrer Kraft überrage, ist stärker als die Tradition, und noch stets, wenn beide miteinander rangen, war die Liebe im Herzen eines stolzen Menschen sieg­haft. Die Geschichte des österreichischen Kaiser­hauses ist reich an Beispielen, die dafür als Zeugnis gelten dürfen, und die Häufung der Erscheinung könnte fast zu der Annahme verleiten, daß grade in dieser Fürsten­familie sich der Drang nach freiem Menschen­tum besonders stark offenbare, trotzdem im übrigen das HauS Oesterreich doch sicher nicht arm an Merkmalen der Schwächung ist. Viel­leicht ist sogar in diesem schroffen Gegen- jatz deS RätkelS Lösung zu suchen, denn

äußere Umstände können für. die Häufung der .Irrungen" doch wohl kaum verantwortlich gemacht werden, wenn man nicht die Auffas­sung jenes vortrefflichen Mannes gelten lassen will, der in derFlucht von den Höhen" ohne weiteres das sichere Kennzeichen psychischer Entartung erblickt und in den um Frei­heit Ringenden Kranke sieht, deren Vorstel­lungswelt der natürlichen Hemmungen erman­gelt. Rein menschlich betrachtet, erscheinen uns die Orth, Wölffling, Toselli und Burg als Märtyrer, die das Bißchen Erdenglück mit der Opferung ihrer Wiegenrechte erkaufen mußten und Das, das dem Aermsten der Armen er­reichbar, erst erlangen kannten, nachdem sie der Tradition" ziemenden Tribut entrichtet. Der einstige Erzherzog des Hauses Oesterreich ver­dient als Franz Carl Burg sicher nicht weniger Sympathie, wie vor dem Tag, da er auf die Hoheit verzichtete und seine Fürstenrechte der Liebe des Herzens opferte; dem Empfinden seiner Standesgenossen indessen erscheint er als ein Irrender, der der Pflicht vergaß, die auf den Höhen die Sterblichen einsam an die Gip­fel kettet.

Franz Carl Burg ist das jüngste Opfer des Ebenbürtigkeitsprinzips, und das ist's auch, das dem Fall seinen tragischen (oder wenn man will: tragikomischen) Anstrich gibt. Es würde das Bestehen des Hauses Habsburg- Lothringen vermutlich nicht gefährdet haben, wenn Etelka Czuber, des Hofrats Tochter, an Franz Carls Seite Erzherzogin von Oester­reich geworden wäre und auf diese Weise das der Verjüngung dringend bedürftige Blut der Familie eine kräftige Auffrischung erfahren hätte. DasEbenbürtigkeitsprinzip" hat in unfern Fürstenfamilien mehr Unheil angerich­tet, als durch die verständigere Kultur kommen­der Generationen in Menschenaltern gutge­macht werden kann; noch niemals aber ver­nahm man, daß eineMesalliance" in einem durch Inzucht geschwächten Hause die Gefahr der Degeneration erhöht habe; im Gegenteil: Die Blutkräftigung zauberte selbst auf dem ab­sterbenden Stamm noch prangende Blüten ans Licht. Franz Carl von Oesterreich ist vom Schicksal weniger begünstigt, wie sein Vetter Miguel Bon Braganza (den der Met­ternich-Verteidiger Dr. Alsberg im letzten Ber­liner Sensationsprozeß dengrößten Hochstap­ler der Welt" nannte), der vor nicht langer Zeit die amerikanische Dollarprinzessin Anita Ste­wart als Ehegemahl heimführte und der Freude teilhaft ward, am Hochzeitsmorgen die Erhebung" der Braut zur Kaiserlichen Hoheit direkt aus dem Zivilkabinett Franz Josefs von Oesterreich zu erhalten. Vielleicht besitzt Fräu­lein Etelka Czuber nicht in so ausgedehntem Maße wie Anita Stewart die Eigenschaften, die zur Kaiserlichen Hoheit qualifizieren könnten, aber man wird 1 r o tz d e nr den auf­richtigen Wunsch hegen dürfen, daß Herrn Franz Carl Burg und seiner jugendschönen Braut Etelka, gebornen Czuber, nicht minde­res Glück beschieden sein möge, wie Vetter Miguel im Ehebund mit der zur Hoheit der Fürstenwelt emporgestiegnen Prinzessin aus Dollarika! p q

Der Scherz von Agadir.

Die deutsche Rolle im Sus ausgespielt!

.Man wird sich noch des seltsamen Demen­ti s unsrer offiziösen Meinunqmacher erinnern, das vor einigen Wochen die Oeffentlichkeit er- fteute, als bekannt geworden war, daß in Agadir die französisch« Flagge ge­hißt worden und an die dort wohnenden Deut­schen die Aufforderung ergangen sei, die- stenstadt zu verlassen. Nach der Darstellung der Berliner Wilhelmstraße handelte es sich bei der beunruhigenden Geschichte lediglich um den Dummen,ungenstreich einiger gallischer Flaum­barte der nicht ernst zu nehmen sei. Wir wie­sen schon damals daraus hin, daß das Dementi nicht sonderlich überzeugend wirke, da ihm be­stimmte Mitteilungen kompetenter Persönlich­keiten entgegenstanden. Wie berechtigt diese Befürchtung war. beweist jetzt eine Mel­dung der in Tanger erscheinendenDeut­schen M a r o kky- Z.e it u n g", in der es bezüglich der Hiffung der französischen Flagge in Agadir heißt:

Die französische Flagge in Agadir ist am achten Oktober eingezogen worden, nachdem sie fast vierzehn Tage lang geweht hatte. Der beabsichtigte Zweck ist voll­kommen erreicht, da die deutsche Kolo­nie zum Zeichen des Protestes und weil die Vertretung ihrer Interessen gegenüber dem an­maßenden und hetzerischen Auftreten der Fran­zosen mangelhaft war, Agadir be­reits vorher verlassen hatte. Damit dürste die deutsche Rolle im SuS end - ailtig ausgesvtelt und die wirtschaft­

lichen deutschen Interessen daselbst, zu deren Schutz der Kreuzer entsandt wurde, geopfert sein. Die immer zahlreicher nach Agadir strö­menden Franzosen ernten die Früch­te der deutschen Vorarbeit.

Man darf nun gespannt sein, wie unsre Dementier-Offiziösen sich zu dieser zweifels­freien Mitteilung eines in Marokko selbst er­scheinenden deutschen Blattes stellen werden. DerScherz von Agadir" ist in seinen Nach­wirkungen zum Bittern Ernst geworden, und man muß sich erstaunt fragen, ob unser amtlicher Nachrichtendienst denn wirklich so mangelhaft ist, daß ihm die w i ch t i g st e n Ereinisse einfach entgehen. **

Hiobspost aus Tripolis.

Viertausend Tote in Benghasi?

Nach Meldungen, die in Malta aus Benghasi eingegangen sind, hat das B o m - bardemenr der Stadt durch die Italiener große Verheerungen angerichtet und eine große Panik hervorgerufen. Zahlreiche Wohnhäuser und andere Gebäude wurden zer­stört. Die Malteserkirche ist zum Teil einge­stürzt, wobei acht Personen getötet und zehn verwundet wurden. Das britische Konsu­lat wurde schwer beschädigt und der englische Konsul wurde verletzt. Mehrere eng­lische Staatsangehörige, die in das Konsulat flüchteten, wurden getötet oder verwundet. Briefe schätzen die Zahl der Getöteten unter den Eingeborenen auf viertausend Perso­nen. Weitere Depeschen melden:

Konstantinopel, 25. Oktober.

Hier eingegangene Meldungen aus Tri­polis besagen: Krieger des Araberstammes Evclade haben in Tatra in Ostbenghasien eine italienische Abteilung überfallen und nach gro­ßen Verlusten zum Rückzug an die Küste gezwungen. Wie es heißt, gestaltete sich der Rückzug der Italiener zur wilden Flucht. Ein eingeborener Diener des deutsche« Konsuls in Tripolis ist erschossen wor­den, weil er gestern einen italienischen Sol­daten durch einen Dolchstich verletzt hatte. Nach­richten, die im Kriegsministerium eingelaufen sind, besagen, daß bisher die Gesamtver­luste bei den Kämpfen in Tripolis und Cyre- naika auf italienischer Seite zweitau­send Tote und Verwundete (darunter hundert Oftiziere) betragen. Die Türken ver­loren zusammen mit Arabern zweihun­dertfünfzig Mann, darunter zwei tür­kische Offiziere.

Weitere Meldungen aus Tripolis be­richten, daß während des letzten Angriffs ge­gen die Stadt die Italiener von denTür- fen überrascht wurden. Diese wurden durch die arabische Bevölkerung unterstützt und brachten den Italienern ernste Verluste bei. Unter der Bevölkerung herrschte leb­hafte Panik. Nach einigen Stunden ge­lang es jedoch den Italienern, die Araber zu vertreiben. Zweihundert Verhaftungen wur­den vorgenommen. Infolgedessen hat der Gou­verneur die Entwaffnung der Eingeborenen ohne Ausnahme angeordnet.

Wetterleuchte« aus dem Balkan?

(Eigene Drahtmeldung.)

Aus Konstantinopel wird uns depe­schiert: Dem Anschein nach stehen unmittelbar ausgedehnte weitere türkische Mobi­lisationen bevor, da nach sicheren Infor­mationen auch die Gefahr besteht, daß in B «l- garten die Kriegspartei die Oberhand gewinnen kann und demgemäß ernste Kompli­kationen auf dem Balkan z« befürchten sind. Die Stimmung in Bulgarien ist außerordent­lich kriegerisch, und seitens der Kriegspar­tei hält man den Zeitpunkt für gekommen, die bedrängte Lage der Türkei für Bulgarien aus­zunutzen.

Auf dem Marsch nach Peking?

Neue Erfolge der Revolutionäre.

Ein Privat Telegramm meldet uns aus Varis: Im nächsten Ministerrat soll über die Eventualität eines Einverneh­mens dereuropäischen Mächte wegen der in der Zentral-Regierung Chinas sich vor­bereitenden wichtigen Veränderungen ver­bandelt werden. Man wartet zunächst noch die Berichte der Botschafter aus London und Pe­tersburg ab. Nach verläßlichen Privatmeldun­gen hoffen die Revolutionäre mit großer Sicherheit auf das volle Gelingen des von ihnen mit großen Mitteln ins Werk ge­setzten Marsches gegen Peking, da ihr Anhang unter der dortigen Garnison fortgesetzt im Wachsen begriffe« ist.

Peking, 25. Oktober.

(Privat-Telegramm.)

Nach einer Meldung aus H a «k a u sind vier vom Admiral Sah-Tscheng-Pink befehligte Flußkanonenboole zu den Rebel«

l e n übergegangen, lieber den Fall von K i u« Hang liegen Konsularberichte vor, in denen die Einäscherung des dortigen Na­mens bestätigt wird. Die kaiserlichen Trup­pen hätten den Aufständischen keinen ernsten Widerstand entgegengesetzt. Aus Itschang sei ein Dampfer mit chinesischen Truppen, die un­ter weißer Flagge fuhren, in Wutschang an- gekommen. Nach einer Meldung aus Sianfu hätten ble dortigen Aufständischen den Mo- bammedanern in Kansu, die sich seit August im Aufruhr befinden, Vorschläge unterbreitet, die dahin gingen, daß beide Teile sich den Streit­kräften der Rebellen anschließen sollten.

Ein Gerücht, das mit der größten Vor­sicht aufzunehmen ist, erhält sich in Pe­king hartnäckig trotz der Dementis: Danach soll der kaiserliche Hof mit sämtlichen Beamten und Funktionären vor dem zu erwartenden Sturm der Revolutionäre auf Peking die Flucht ergriffen haben,

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m« Sturm aus die Hauptstadt?

(Privat-Telegramm.)

Weiteren Depeschen aus Peking zufolge hat der General Chang-Piao Selbst­mord begangen. Die Stadt Kiukiang ist in die Hände der Rebellen gefallen. Die Re­volutionäre befinden sich auf dem Marsche nach Peking, und es gelang ihnen, die Städte, die sie auf ihrem Wege passierten, für sich zu gewinnen. Selbst offiziell wird be­stätigt, daß ein großer Teil der Bevölkerung von Peking mit den Aufständischen sympathi­siere. Man erwartet in den nächsten Tagen einen Sturm auf die Haupt st ad t. Die Städte Nantschang und T s i n a n f u sind eben­falls in die Hände der Revolutionäre gefalley. Die Rebellen wurden von der Bevölkerung mtt großem Jubel begrüßt, ein Teil der Regie- ruuzstruppen schloß sich ihnen an. Die Ab­sage N u a n s ch i k a i s hat den chinesischen regierungstreuen Kreisen den letzten Rest von Mut geraubt, sie sehen ein, daß die Revolution nicht mehr niederzuhalten ist.

Der Typhus au der Ruhr.

Ueber hundert Opfer der Epidemie!

Wie wir schon mitgeteilt haben, hat die Typhusepidemie im Ruhrbezirk eine verhängnisvolle Ausbreitung genommen, und in einigen der am meisten heimgesuchten Orte sind die Krankenhäuser derart mit Typhus- Erkrankten überfüllt, daß schon seit einigen Tagen weitere Aufnahmen abgelehnt werden mußten. Trotz umfassender sanitätspolizeilicher Verhütungsmaßregeln breitet sich die Seuche immer weiter aus und es ist deshalb beabsich­tigt, die Maßregeln zur Verhütung der wei- teren Ausdehnung der Epidemie noch zu ver­schärfen.

xs Duisburg, 25. Oktober.

(Telegramm unseres Korrespondenten.)

Die TyphuSepidemie im Ruhrrevier gewinnt immer mehr an Ausdehnung. Ins­besondere tritt die Krankheit in Duisburg, Hamborn und Mülheim auf, wo gegen tausend Krankheitsfälle festgestellt worden find. Weiter herrscht die Seuche in Borbcck, Bottrop und Gladbeck, so­wie in einigen anderen Gemeinden. Auch hier sind von der Seuche mehrere hundert Personen ergriffen. Tödlich verlausen sind bisher hundertdrei Fälle. Ei« weiterer erheblicher Teil der Erkrankungen ist nicht als eigentlicher Typhus, sondern als leichte Darm­entzündung erkannt worden. Die Epidemie wird allgemein auf die schlechte Beschaf­fenheit des Ruhrwasfers zurückge- führt.

In verschiedenen Stadtverordnetenversamm­lungen sind bereits Interpellationen einge- bracht worden, um die Stadtverwaltungen zu Maßnahmen gegen die Trinkwasserge- sa h r zu veranlassen. Die Gesahr ist umso größer, als fast alle Städte und Gemeinden im Ruhrrevier mit ihrer Trinkwasserversorgung auf das Ruhrwasser angewiesen sind, das in­folge der vielen Ab Wässer-Einflüsse ans anliegenden industriellen Gebieten sehr ge­sundheitsschädlich ist. Neuerdings wird der Plan erörtert, für die Ruhrbezirksgemeinden eine gemeinsame Wasserversorgung ans dem Q u e l l g e b i e t einzurichten.

Nach BethnmuruFuhrumM!

Kriegsansage der Rationalliberalen?

(Von unferm parlamentarischen Mitarbeiter.)

Vom hohen Kanzleisessel ist nun ein locken­der Zankapfel unter die Parteien gerollt: Das weitere parlamentattsche Schauspiel zu er­warten saß gestern drum säst pünktlich zur Se­kunde Herr von Selb mann Lollweg