Drummer 274
1. Jahrgang
WckMukstMchMeil
Hessische Abendzeitung
Kasseler Abendzeitung
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Fernsprecher 951 und 952.
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Mittwoch, de» 25. Oktober 1911
Schlarassen-Land?
Reichskanzler von Bethmann Hollweg und die Teuerung im Land.
Der Kanzler des Reichs war aestern nach langer Abwesenheit wieder einmal im Parlament am Berliner Königsplatz zu Gast, und er hat gleich die Gelegenheit benützt, dem auf- horchenden Volk zu erzählen, daß die sechzig und einige Millionen Deutscher, die seit Jahr und Tag unterm Druck einer empfindlichen Teuerung seufzen, sich glücklich schätzen dürfen. in einem Land zu leben, darinnen Milch und Honig fließt, und das weder Not noch Teuerung kennt. Imgrunde also hat Herr von Bethmann Hollweg (vom lauten Beifall der Rechten und vom intensiven Zischen der Leute auf den Bänken links umbraust) nur Das erzählt, das verständige Leute von ihm erwarteten, und das im übrigen auch seiner ganzen Wesensart entspricht. Der Kanzellar erklärte in schöner Uebereinstimmung mit dem Oberbürgermeister der Residenzstadt Cassel, daß eine Teuerung nicht eristiere und das Gespenst der Not nur in der Vorstellung hysterischer Zeitungsschreiber und Agitatoren spuke. Da der „leitende Staatsmann" im Deutschen Reich im Nebenamt auch Gutsherr auf Hohenfinow ist und den Sandboden der Mark mit der Pflugschar beackern läßt, so sollte man annehmen dürfen, daß die aus den Tabellen der Statistik ergrübeltc Erkenntnis auch praktisch der Kritik standzuhalten vermöchte. Daß das nich t der Fall ist, hat Herr von Bethmann Hollweg in seiner gestrigen Stundcnrede überzeugend dargetan, und es befremdet deshalb einigermaßen, daß der Kanzler von allen diesen seltsamen Dingen als vom Fundament unsrer „bewährten Wirtschaftspolitik" mit jener schönen Selbstverständlichkeit gesprochen hat. die nur aus der Tiefe innerster Ueberzeugung em- porzuwachsen pflegt.
Der Kanzler hat das Bestehen eines Notstands mit dem (durch statistische Ziffern nicht erhärteten) Hiniveis auf den Stand der Preise für Brotgetreide und Fleisch bestritten: Nach der Behauptung des leitenden Staatsmanns sind „die Preise für Brotgetreide und Fleisch gegenwärtig nicht übermäßia hoch." Herr von Bethmann Hollweg ha- sich mit dieser Feststellung in einen scharfen Gegensatz zum preußischen Spezialminister für Landwirtschaft. Domänen und Forsten gestellt, der vor einigen Wochen erst in der Erläuterung seiner Hilfsvorschläge an die städtischen Kommunen ausdrücklich darauf hinwies, daß zwischen den Fleischpreisen und den durchschnittlichen Schlaähtviehpreisen eine außerordentlich starke Differenz bestehe, die sich nicht lediglich aus dem allgemein üblichen Zwischenhandel-Zuschlag erflären lasse. Es berührt seltsam, daß der Ministerpräsident bestreitet, was der Landwirtschastsminister als feststehende Tatsache erachtet und zum Ausgangspunkt einer ministeriellen Aktion gemacht hat. Der Reichskanzler hat sich übrigenH,gestern selbst korrigiert: Während er im EiWang seiner Rede das Bestehen einer Teuerung überhaupt bestritt, erflärte er später (in der Bekämpfung des Vorwurfs, daß der Regierung die Schuld an dem herrschenden Notstand beizumeffen sei), die Regierung habe „der Teuerung durch die Unterstützung kommunaler Einrichtungen zur Bekämpfung der Preis st eige- rung entgegenzuwirken versucht." Wie erklärt sich dieser Widerspruch? Eine Regierung, die in ihren Entschlüssen und Maßnahmen von der weltweisen Logik des Herrn von Bethmann Hollweg befruchtet wird, kämpft doch vermuflich nicht scherzhafterweise gegen Windmühlenflügel, fondern wenn sie die Pflicht erkennt, „der Teuerung entgegenzuwirken", muß sie dock füglich auch von der Notwendigkeit überzeugt gewesen sein. Schäden im nationalen Wirtschaftsleben zu beseitigen.
Man weiß nun allerdings, wie dieses „Ent- gegenwirken der Regierung" in der Praxis aussah: Herr von Schorlemer-Lieser, der Mann des Ackerbaus, hat den Städten empfohlen, die Versorgung der Bevölkerung mit den wichtigsten Nahrungsmitteln in eigne Regie zu übernehmen, gewissermaßen also den Lebensmittelverkauf auf kommunistischer Grundlage zu etablieren. Daß dieser freundliche Rat nickt unbedenklich war, haben wir kürzlich erst an dieser Stelle nachgewiesen, und es nimmt sich angesichts dieser Tatsache etwas seltsam aus, wenn Herr von Bethmann Hollweg nun von der Frühherbstidee seines Landwirtschaftsministers als von einer „Unterstützung kommunaler Einrichtungen" spricht. Ter Kanzler hat dann gestern, auf die verlangte Umformung unsres Wirtschafts-Systems ein- aebend, erttärt: „Wir müssen uns darauf be
schränken, Mittel anzuwenden, die praktisch geeignet sind, über die bestehenden Schwierigkeiten hinwegzuhelfen!" Man möchte wünschen, daß die Regierung sich nicht (wie der Kanzler meinte) darauf beschränken, sondern sich erst einmal dazu aufschwingen würde, Mittel zu ergreifen, von deren planmäßiger Anwendung man eine Besserung der gegenwärtigen Notlage crhoflen könnte. Bisher ist nämlich außer Herrn von Schorlemers hübscher Statistik-Aufmachung noch gar nichts geschehen, das irgendwie Anspruch darauf erheben könnte, als „praktisch geeignetes Mittel gegen die Teuerung" angesprochen zu werden. Es ist schließlich gleichgültig, ob eine Milderung des Notstands durch die Oeffnung der Grenzen durch die Aufhebung oder Herabsetzung der Futtermittel- und Getreidezöllc, oder auf anderm Wege erzielt wird: Die Hauptsache ist. überhaupt etwas zu tun. Die längsten Kanzlerreden im Parlament verschaffen dem Volk noch keine billige Nahrung, und man darf doch wohl sagen, daß die Lösung dieses drängenden sozialen Problems bei weitem wichtiger ist, als die anschaulichste Erläuterung der Grundlagen unsrer „bewährten Wirtschaftspolitik."
Herr Theobald von Bethmann Hollweg. den man den Philosophen nennt, hat gestern auch der Presse einige freundliche Worte gewidmet: Er hat behauptet, daß gerade die Presse dazu beigetragcn habe, das Geschrei über die Teuerung von der Maß bis an die Memel und von der Etsch bis zum Belt widerhallen zu lassen; und grade die Presse habe sich gemüht, den Notstand zur Stimmungsmache gegen die Regierung auszunutzen. Man hat vom fünften Kanzler des Reichs gesagt, daß er dem großen „Markt des Lebens" als ein Fremder gegcnübcrstehe und von der Höhe' weltweiser Erkenntnis aus seinen Blick nur ungern in jene Niederungen schweifen lasse, in denen der Kampf ums Dasein in seiner ganzen Grausamkeit tobt. Herr von Bethmann Hollweg hat gestern bewiesen, daß ihm diesen Ruhm niemand streitig machen kann: Tas, was er als „Stimmungsmache der Presse" empflinden hat. ist in Wirklichkeit der Ausdruck der V o lksstimmung, und wenn man einem Kanzler und leitenden Staatsmann es verargen dürfte, daß er seine Orientierung über die Vorgänge im Reich und die Regungen, die die Massen des Volks beherrschen, vertrauensvoll dem Reichs- und Staatsanzeiger, der Norddeutschen Allgemeinen und der Kreuzzei- tung überläßt, dann müßte man dem Mann, der gestern im Reichshaus über die Teuerung wie über einen Scherz Bebels oder Ledebours gesprochen hat, ernstlich gram sein. Nach Herrn von Bethmann Hollweg ist das unter der Teuerung zuckende Reich ein Schlaraffenland. in dem die gebratnen Tauben mit den Händen zu greifen sind, und es will demgegenüber nichts besagen, daß die Fleischpreise zu fast unerschwinglicher Höhe gestiegen und alle Lebensmittel in unerhörter Weise verteuert worden sind. Der Kanzler klammert sich an den Pfeiler unsres „bewährten Wirtschafts- Systems", und nun brause, o Sturm...!
F. H.
Dar Liberte Drama vor Gericht.
„Seine Spur eines Attentats gefunden!"
Wie uns aus Paris gemeldet wird, soll nunmehr das Kriegsgericht zusammentreten. vor dem der Kommandant der „Liberte" erscheinen wird. Es wird sich mit den von ihm vor dem Antritt des Urlaubs des Kommandanten erteilten Befehlen, sowie mit den Gründen befassen, aus denen der Stellvertreter des Kommandanten zur Zeit der Katastrophe gleichzeitig abwesend war. Minister Delcassee hat den Befehlshabern der Geschwader aufgetragen, gegen verbrecherische Elemente unter der Mannschaft b e- sondere Strenge walten zu lassen. Jn- zwft'chen ist die französische Unglücksmarine abermals vom Unheil gestreift worden:
V Toulon, 24. Oktober.
(Privat - Telegramm.)
Als das Linienschiff „Suffreu" gestern die Anker lichten wollte, wurden die Wände zweier Kammern durch ausströmenden Dampf erhitzt. Der Kommandant liest schnell die »ordern Pulverkammern und die Kohlenkammern, wo sich der Ausbruch eines Feuers bemerkbar machte, unter Wasser setzen und die Pulvervorräte an Land schaffen. Es ist noch nicht ermittelt, auf welche Ursache der Vorfall, der leicht eine neue Katastr ovhe hätte herbeiführen kömien, zurückzuführen ist.
Einem weitern Telegramm aus Paris zufolge, wird das Amtsblatt heute den Bericht der Untersuchungskommission über den Verlust des Panzerschiffes „Liberte" veröffentlichen.
Es wurde keine Spur eines Attentats gesunden. Wahrscheinlich hat die Katastrophe durch die Entzündung einer Kartätsche stattgefunden. Der Kommissionsbericht erkennt an. daß alle Vorschriften über die Aufbewahrung des Pulvers an Bord beobachtet wurden und daß der Innendienst und die Ueberwachung des Schiffes g u t waren. Trotzdem erachtet die Kommission gewisse Verbesserungen an den gegenwärtigen Einrichtungen für wünschenswert.
Der Dreibund boykottiert?
Die Triple-Entente als Türken-Hort.
In der Presse waren in den letzten Tagen Meldungen verbreitet, die von einem geplanten Anschluß der Türkei an den Dreibund wissen wollten, und die auch in den aus Konstantinopel kommenden Stimmen eine gewisse Bestätigung erfuhren. Neuerdings werden indessen die Bündnisabstchten der Türkei in andrer Form gedeutet und zwar in einem Sinne, der wenig deutsch en - freundlich scheint! Es soll nämlich in Konstantinopel der Plan bestehen, einen A n - schluß an die Triple-Entente England -Frankreich -Rußland zu suchen, um auf diese Weise die Stellung der Türkei namentlich auch hinsichtlich der schwebenden Balkanfragen zu stärken. Daß diese Pläne in diplomatischen Kreisen bereits eifrig erörtert werden, beweist folgende Meldung:
Läi Berlin, 24. Oktober.
(Telegramm unsers Korrespondenten.)
Zu den Meldungen von einer Neuorientierung der auswärtigen Politik der Türkei verlautet an unterrichteter diploma- tifcher Stelle folgendes: Die Erklärungen, die der türkische Großwesir im Ministerrat abgegeben hat. und die den Wunsch der Pforte erkennen lassen, Anschluß an eine der beiden Großmächte-Gruppieruntz^n zu suchen, haben in Berlin nicht überrascht. Man wußte hier bereits, daß die Türkei ihrer Isolierung müde ist und sich gegen neue Angrisse aus den osmanischen Besitzstand durch ein Bündnis zu schützen sucht. Daß die Türkei diesen Anschluß nickt bei dem Dreibund sucht, war schon deshalb zu erwarten, weil die gegenwärtige politische Lage eine Annäherung der Pforte an die Dreibundmächte unlogisch erscheinen lassen würde. Wie sollte die Türkei, die sich im Kriege mit Italien befindet, dasselbe Italien als ihren Sun« desfrcund ansprechen? Die neuesten in Berlin vorliegenden Nachrichten lassen es denn auch als fast gewiß erscheinen, daß sich die Türkei der Mächtekombination England- Frankreich-Rußland anschließen wird. In welcher Form sich dieser Anschluß vollziehen wird,steht allerdings noch nicht fest. Bestätigt sich diese Auffassung, dann werde damit für Deutschland eine große Zukunftschance und ein starker Schachzug gegen England ausfallen, um den sich der deutsche Botschafter am Goldnen Horn, Freiherr von Marschall, Jahre hindurch emsig bemüht hat.
Die neueste« Kriegs-Depeschen.
Bei der Beurteilung der Lage in Tripolis ist man in der Hauptsache nach wie vor auf die naturgemäß gefärbten italienischen Darstellungen angewiesen. Die Agenzia Stefani, das hochoffiziöse italienische De- Peschen-Bureau, schildert einfach alles so, wie es die Regierung gern haben möchte. Man ist also gezwungen, die optimistischen Berichte mit einer Dosis Skepsis zu genießen, und ist dann immer noch nicht sicher, ob man auch nur einigermaßen Bescheid weiß. Die neuesten Meldungen besagen:
§ Rom, 24. Oktober.
(Eigene Drahtmeldung.)
Aus Tripolis wird über Malta berichtet, daß in Tripolis bereits sechzigtausend Mann ausgeschifft worden sind, außerdem siebentausend Pferde und dreitausend Maulesel. Die vierte Abteilung des Expeditionskorps ist nach einer Meldung aus Resto do Carlino von Neapel ebenfalls nach Tripolis abgegangen. Eine Flieger - Patrouille meldet gestern früh den Vormarsch feindlicher Kavallerie. In der Tat machten gegen acht Uhr etwa hundert arabische Reiter und einige türkische Soldaten einen Front- ang riff. Sie wurden jedoch zurückgeschlagen, wobei die Araber drei Tote und neun Verwundete auf dem Platze ließen.
*
In Turin sind Nachrichten eingetroffen, wonach die italiensche Besatzung in Homs in ein mörderisches Gefecht mit dem Feinde verwickelt worden ist. Die Türken hätten von dem Senusststamm namhafte Verstärkungen erhalten. Das achte Bersaglieri-Regi- ment habe zahlreiche Verluste zu beklagen. Es hat den Anschein, als ob die Italiener hier ihre vor drei Tagen eingenom
mene Positionnichthalten könnten und Verstärkungen erwarteten, bevor sie den Feind angreifen könnten.
Ilm den Mmdschu-Thron.
Die Regierungstruppen auf dem Rückzug.
Depeschen aus Schanghai berichten, daß die Regierungstruppen sich von H an- kau zurückgezogen haben. Offenbar beabsichtigen sie, sich mit Ijintschang bei Heiankan zu vereinigen. Die finanzielle Lage bessert sich sichtlich. Die chinesische Nationalversammlung hat gestern nachmittag ihre Sitzungen wieder ausgenommen und sich zur Wahl der Kommissionen vertagt. Ein Mitglied des Geheimen Rats hat an den Thron eine Denkschrift gerichtet, in der diesem nahegelegt wird, da die Fremden die Revolutionäre anerkennen, sollte die Regierung mit diesen in Verhandlung treten und sie nicht als Geächtete behandeln. Weitere Depeschen melden:
$-»- Hankau, 24. Oktober.
(Privat-Telegramm.)
General L i Y u a n ch u n g, der Oberkommandant der Rebellen, hat dem Korrespondenten des „Daily Mail" auf dem Schlachtfeld von Hankau ein Interview gewährt, in dem er sagte, daß er über zehntausend Mann der be st ausgebildeten Truppen verfüge, die den Truppen der Regierung weit überlegen seien, und mit denen er hofie, die Widerstandskrast der Regierung zu brechen. C h u n g p i a o, der Oberkommandant der Re-, gierungstmppen, fei von allen Hilfs-- auellen abgescknitten und befinde sick in einer verzweifelten Lage. Er will anscheinend noch einen letzten Versuch machen, um sich bis zur Eisenbahn durchzuschlagen, was ihm aber auch nicht gelingen dürste. Admiral Ruicheng hat geäußert, daß die Lage für die Regierungstruppen unhaltbar sei und daß ihnen, da sie keine Lebensmittel mehr auf den Schiffen hätten, nichts anderes übrig bliebe, als dem Tode ent- gegenzu gehen. *
Ein Telegramm von heute mittag berichtet uns aus Peking: Die Stimmung ist heute hier eine ruhigere, und die leitenden Kreise haben sich bereits mit dem Gedanken vertraut gemacht, auf der Grundlage friedlicher Verhandlungen mit den Revolutionären den Aufstand im Süden zu beenden. Es ist wahrscheinlich, daß die „Republik der Mitte" von China als staatliche Organisation anerkannt werden wird. Seit gestern mittag haben im Aufstandsgebiet neue Kämpfe nicht stattgefundcn.
Sie TemmW im Reichstag.
Also sprach Herr von Bethmann . . .!
(Von unserm parlamentarischen Mitarbeiter.)'
Im Reichstag sah man gestern ein ungewohntes Bild: Eine Fülle von schwarzen Rök- ken am Bundesratstische, dicht besetzte Tribünen und ein stark gelichtetes Haus, obwohl die Tagesordnung interessant genug war. Mit Spannung sah man den Erklärungen des schon vor Beginn der Verhandlung anwesenden Kanzlers entgegen, aber die Neugierde wurde nicht so schnell gestillt: Mehrere Stunden mußte man warten, ehe Herr von Bethmann Hollweg das Wort ergriff, denn erst mußten die drei anstehenden Teuerungs-Interpellationen begründet werden, was bei manchen Rednern identisch ist mit Gründlichkeit. Eingeleitet wurde die Verhandlung durch den Redner der größten Partei, Herrn Spahn, der leider über ein sehr leises Organ verfügt, und dessen Reden daher meist auf den Tribünen völlig ungehört verhallen. Der Redner, der überaus ruhig und sachlich sprach, gab die Möglichkeit einer Einschränkung des Einfuhrscheins - systems für einige Zeit zu, wobei er aber Abhilfe ohne Schädigung der heimischen Produktion verlangte. Mit stärkerem Temperament begründeten die beiden folgenden Interpellanten ihre Anfragen: Genosse Scheide mann führte ein umfangreiches Bild von der herrschenden Not den Regierungsvertretern vor, er sprach ihnen das Mißtrauen seiner Partei aus und verlangte Aushebung der Einfuhrzölle. Auch Herr O e s e r von der Fortschrittspartei übte an der jetzigen Wirtschaftspolitik scharfe Kritik. In diese Kerbe hieb dann auch der Reichskanzler ein, indem er als das A und O der Wirtschaftspolitik das Festhalten an den jetzigen bewährten Grundsätzen proklamierte. Herr von Bethmann Hollweg sprach ruhig und leidenschaftslos; sprach eine volle Stunde und hatte die Freude, zum Schluß auf der Rechten und sogar in der Mitte der Hauses langanhaltenden Beifall zu hören.
SitzunZs Bericht.
Am Bundesratstisch: von Bethmann Hollweg. Delbrück, Wermuth, Lisco, Kraetke. do« Breitenbach, von Sckorlemer und Kommissare. Teuerungs-Interpellationen sind