. 9tr. SW. — 1. Jahrgang.
Casseler Neueste Nachrichten
giistent von Hinderst». Preismarsch der Woche von Paul; 2. Ouvertüre zur Oper „Mianon" von Thomas: 3. Tonbild aus dem Musikdrama „Die Walküre" von Wagner: 4. Anemone-Idyll (neu) von Vogt: 5. Themidore, Walzer aus der Operette „Themidore" (neu) von La Pouche.
A Aus den Kinos. Im Zentraltbea- t e r, Marktgaffe 19. ist jetzt ein besonderes Kinderprogramm sestgelegt worden. Eine Glanznummer dieses Vroaramms bildet ein Film „W i l h e l m Teil" Aus dem reichhaltigen Programm des „Reformtheaters ist das Jndianerdrama „Das Geheimnis von Emdon" hervorzuheben. Auch in F e r d. Beckers Lichtspieltheater ist ein Pro- grammwechsel eingetreten; einige spannende Bilder werden gezeigt.
△ Das Wetter am Sonntag. Der amtliche Wetterbericht sagt für den Sonntag folgende Witterung voraus: Veränderliche Bewölkung, Regenfälle, milde, zeitweise lebhafte Tüdwest- winde. .
Letzte Telegramme.
(Nach Schluß der Redaktion ringegange«.)
Connabend tat Reichstag.
(Telegramm unseres Korrespondenten.)
Berlin, 21. Oktober.
Auf der Tagesordnung der heutigen Reichstagssitzung steht die zweite Lesung des Gesetzes über die Errichtung eines Kolonial-Ge- r i ch t s h o f e S. Abg. Müller-Meiningen übt scharfe Kritik an dem Punkte der Vor- laae. Wonach auch ein Verrvaltunasbeamter
junge GanS selbst der größte GourmetS nichts einzuwenden Haden. ES ist nicht gar so leicht, ein« GanS zu kaufen, um sich nicht zu belaufen, sofern man sich nämlich auf die Ehrlichkeit deS Verkäufers nicht derlaflen kann. Niemals darf das Fleisch der GanS bläulich sein, denn dann ist die GanS mindestens zweijährig. Die MasttinSganS, die auch jetzt schon in den Handel kommt, darf ja, wie man weiß, nicht mehr als ein halbes Jahr zählen. Das erkennt man daran, wenn die Gurgel von der Gans weich ist, der Schnabel blaßgelb und der Kopf auf den leisesten Druck reagiert. Dies« junge GanS ist zwar mehr wohlschmeckend als ausgiebig, dennoch aber Wird die Hausfrau, die den ihrigen einmal etwas besonderes vorsetzen will, sie auch auf den Tisch bringen. Ten Gänsebraten kann man immer getrennt von dem Gänseklein geben, und zwar schmeckt das Gänseklein so durchaus anders, daß sich wohl kaum jemand daran stoßen wird, an zwei Tagen hintereinander das Fleisch desselben Tieres auf den Tisch zu bringen. Von Herz, Magen, Kopf, Flügeln und Füßen macht man eine kräftige Suppe. Auch Gänseweißsauer gehört zu den Leckerbissen, die man nicht verachtet.
Von dem Gänsebraten kann man meistens eine ganze Menge Fett abfüllen, das, auf Brot gestrichen, einen Leckerbissen ganz besonderer Art darstellt. Ist das Gänslein sehr fett, dann löst man das Darmfett und wässert es 24 Stunden. Das Gänsefett wird in kleine Stücke geschnitten und mit etwas Schweinefett ausgebraten. Aepfel und Zwiebeln dürfen dabei nicht vergessen werden. So zube- reitetes Gänseschmalz schmeckt sehr gut, und auf Brot gestrichen, mit Schweizer Käse belegt, soll es für den Feinschmecker etwas Hervorragendes fein. Tie Leber der Gans ist um diese Jahreszeit noch zu klein, um für sich genossen zu werden. Die Hausfrau bereitet eine Füllung aus feingewiegter Gänse- leber, Rind- und etwas Kalbfleifch, natürlich in geschabtem Zustande, und füllt nun das Ganze in den Gänsehals. Er wird entweder gekocht oder auf. kleiner Flamme langsam geschmort, und gibt ein ebenso gutes wie seltenes Abendessen. Will man aus der Gänseleber etwas ganz besonders Feines machen, so bereitet man eine Gänseleberbutter daraus. Dazu dämpft man sie in einem Eßlöffel voll Butter und zerstampft sie alsdann: eine halbe weiße Semmel wird in einem Glase Madeira geweicht und trocken ausgedruckt. Zwei Eßlöffel Gewürzkräuter überwellt man und streicht sie durch ein Sieb.
Nun rührt man noch ein großes Stück Butter, etwa zwei Eßlöffel voll, zu Sahne, gibt nach und nach einen halben Teelöffel geriebenen Parmesankäfe dazu, etwas Salz, Pfeffer, die Leber, die Kräuter und Semmel, rührt alles zusammen und streicht es durch ein Haarsieb. Diese Gänseleberbutter. die ganz ausgezeichnet schmeckt, ist vor Tisch vor einer besonders feinen Mahlzeit auf geröstete Brotschnitten zu streichen, und an dem lebhaften Absatz, den sie meistens findet, kann man erkennen, daß sie vortrefflich mundet. In Brandenburg und Mecklenburg ißt man als Beigabe zur Gans gewöhnlich Rotkohl oder Sauerkohl. Weniger bekannt ist dazu das Maronenpüree, und derjenige, der überhaupt ein Freund von diesem etwas süßlichen Gemüse ist. der wird konstafteren müssen, daß Maronenpüree ausgezeichnet zum Gänsebraten schmeckt. Eigenartig, allerdings schon etwas kostspieliger, ist Chieors, das sich bei uns als Gemüse immer mehr und mehr einbürgert. Jedenfalls sollten die Hausfrauen etwas Abwechslung auch beim Gänsebraten versuchen. Sie werden es ganz gewiß nicht bereuen. Auf dem Lande räuchert man vielfach die Brust selbst, und zwar so. daß man sie meistens am Knochen läßt. Entschieden erhöht sich dadurch der Wohlgeschmack und bleibt der Gänsebrust länger erhalten. Was in den Großstädten unter dem Namen „Spickgans" in den Handel kommt, ist bäufig nur eine eingebildete Delikatesse, da die Spickgans meistens nicht im entferntesten nach Gänsefleisch oder gar nach gepökeltem Fleisch schmeckt. Lily Forst.
A Ein neuer höchst spannender Roman beginnt in der am Dienstag erscheinenden Ausgabe der Casseler Neuesten Nachrichten. Bestellungen für den Monat November werden von allen Boten, Briefträgern, Postanstalten und von unserer Geschäftsstelle zum Presse von 50 Pfg. entgegengenommen. Jetzt schon für bett Monat November hinzutretenden Abonnenten liefern wir die Zeitung bis zum Schlüsse des Oktober kostenlos.
△ „Alte Leute" beim Militär. Vor dem Oberkriegsgericht als Berufungsinstanz standen gestern die Musketiere Friedrich I., Karl Th. und der Hornist Sch., sämtlich von der elften Kompagnie des Infanterieregiments Nr. 83, unter der Anklage der Körperverletzung. Die Angeklagten fallen in der Nacht zum 12. Juni mehrere Rekruten vorsätzlich mißhandelt haben und zwar mittels gefährlichen Werkzeugs, indem sie Koppelriemen und Spaten benutzten. Während die beiden ersten sinnlos betrunken gewesen fein wollen, sodaß sie von den ganzen Vorgängen nichts mehr wissen, will sich Sch. überhaupt nicht beteiligt haben. In der Kriegsgerichtsverhandlung wurden die Angeklagten zujedreiMouatenGefängnis verurteilt. Die gestrige Berufung gegen bas erstinstanzliche Urteil wurde verworfen.
A Gartendiebe bei der Arbeit Im Stadtteil Rothenditmold machte heute morgen ein Gartenbesitzer die Entdeckung, daß ihm in der vergangenen Nacht aus feinem Gemüsegarten zirka zwanzig bis dreißig der schönsten Köpfe Rot- und Weißkraut gestohlen wurden. Von dem Täter sehlt jede Spur.
A Im Reiche Hermann Jobs. Seit Hermann Jobs „Lustig« Buhne' in Cassel ihren Einzug gehalten, herrscht in den „K a V ferfölen" der Humor, und Hermann Job fchwingt das Szepter seiner lustigen Kunst in unbeschränkter Herrschaft. Seit Donnerstag weist das Repertoire zwei neue Schlager auf, beide der Werkstatt Jobs entstammend: „Sein Geheimnis", ein toller Schwank von ausgezeichneter Bühnenwirkung und „Eine nette Verwandtschaft', eine köstlich-
DerKampf gegen die Teuerung!
Wo bleibt die Refidenzstadt Gaffel?
Während man in fast allen andern Städten des Reiches umfangreiche Maßnahmen zur Sinberuttfl der gegenwärtigen Teuerung getroffen hat, ist man in Cassel erst mit den V o r- bereitungen beschäftigt. Allzu optimistisch darf man dem Ausfall der Kommiffions- berakungen im Hinblick auf die Tendenz der Teuerungsdebatte im Stadtverordneten-Kolle- aium nicht entgegensetzen. Der Oberbürgermeister der Residenz erklärte bekanntlich: Ter Magistrat ist zu dem Resultat gekommen. daß der Notstand nicht so ist, daß mit städtischen Mitteln einzugreifen wäre! (Trotzdem wird er sich an den Kommissionsbeiatun- flen beteiligen.) Ten Worten des Oberbürgermeisters steht der Inhalt des mini st erteilen Runderlasses vom 26. September gegenüber, in dem es mit Bezug auf die Bekämpfung der Teuerung heißt:
Eine wirksame Betätigung der städtischen Verwaltungen auf diesem Gebiete erscheint um so dringender, als die lange Dürre dieses Jahres eine Anzahl anderer notwendiger Nahrungsmittel, darunter das wichtigste Nahrungsmittel der unbemittelteren Bevölkerungsklassen, die Kartoffel, teils schon in bedauerlichem Matze verteuert hat, teils zu verteuern droht. Daher wird in denjenigen Städten, in denen ein Bedürfnis hierzu besteht, auf die Gemeindeverwaltungen, foweit fie nicht von selbst schon Schritte getan haben, dahin einzn wirken sein, datz Maßnah - metr zur Verbilligung von Lebensrnitteln, insbesondere aber der Fleischversorgung, getroffen werden.
In jener Stadtverordnetensitzung ist auch daraus hingewiesen worden, daß durch die umfangreichen Nachfragen nach Kartoffeln, Seefischen und so weiter, der Preis für diese Waren in die Höhe gegangen sei. Demgegenüber muß beute darauf hingewiesen werden, daß durch die Nachfrage der Städte nach Lebensmitteln eine Preisregulierung stattgefunden hat. Ta die Städte und Genossenschaften die Ware billiger verkaufen, haben sich auch die Händler zu einer Herabsetzung des Preises bereit gefunden. So wird aus dem Westen des Reiches gemeldet. In Ibbenbüren im Münsterlande kündigte ein Metzgermeister an, daß er bis auf weiteres bestes Rind- und Schweinefleisch zu 65 Pfennig das Pfund verkaufe. Daraufhin setzten seine acht Konkurrenten den Preis auf 60 Pfennig herunter.
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Die Maßnahmen der Städte gegen die Teuerung sind ganz verschieden, wie aus nachfolgenden Berichten ersichtlich ist:
Halle an der Saale.
Der städtische Teuerungsausschuß beschloß die Einsetzung einer aus Stadtverordneten, Magistratsmitgliedern und Bürgern bestehenden Kommission zwecks dauernder Ueberwachung des Nahrunasmittelmarktes und Einkaufs von Nahrungsmitteln aus der städti- fchen Kasse. Der Kommission soll ein Kredit von vorläufig 50 000 Mark eingeräumt werden.
Hannover.
Die Stadtverordneten-Versammlung nahm einen Antrag der Verwaltung an, 20 000 Mark für die Errichtung von drei Schulküchen und fonstige von der Markthallenkommission für zweckdienlich erachteten Maßnahmen bereit zu stellen.
Hanau.
In Anbetracht der hohen Lebensmittel- vreise beschloß das St adtver ordnete n- kolkegium zur Linderung der Rot der Minderbemittelten die B es ch a-f fung von Kartoffeln. Kraut. Hülfensrüch- t e n und kqndenfierter Milch zur Abgabe zu möglichst billigen Preisen in Keinen Posten und auch größern Quantitäten an Bedürs- tige. Das Kollegium erkannte ferner durch einstimmigen Befckluß die Notwendigkeit einer Teuerungszulage für die städ
tischen Arbeiter im Prinzip an und richtete an den Magistrat das Erfuchen, baldmöglichst eine Vorlage behufs Gewährung einer sol- chen Teuerungszulage einzubringen, die vorerst Wirkfamkeit haben soll bis 1. Juli 1912.
Mühlhaufen in Thüringen.
In der letzten Magistratssttzung ist eine Entschließung in der Frage der Lebens- mittelteuerung gefaßt worden. Es ist befchlossen worden, daß der Magistrat größere Mengen Kartoffeln preiswert befchafft und sie in etwa acht Tagen zum Selbstkostenpreife an die bedürftige Bevölkerung abgibt. Ein Teil wird als Vorrat bis zum nächsten Frühjahr zurückbehalten werden.
Solingen.
Die Notstandskommission des Stadtver- ordneten-Kollegiums hat beschlossen, „um den systematischen Preistreibereien entgegen- zuarbeiten", Kartoffeln in großen Mengen e i n z uk a u s e n und an die Bürgerschaft zum Selbstkostenpreife abzugeben. Man hofft dadurch wenigstens etwas die hohen Kartosfelpreise herabzudrücken, da zurzeit hier für den Zentner 4,40 bis 5 Mark verlangt werden.
Eisenach.
Die vom Gemeinderat eingesetzte Kommission hat zunächst probeweise 200 Zentner runde weiße Speisekartoffeln bestellt, die sie zum Preise von 3,45 Mk. pro Zentner in Mengen bis zu drei Zentnern abgeben wird. Die Abgabe soll direkt auf dem Güterbahnhof vom Waggon aus erfolgen. Tie Anfuhr wird mit 15 Pfennig pro Zentner berechnet. Wegen Beschaffung von billigem Fleisch und Gem«f- schweben die Verhandlungen noch.
Rheine.
In der letzten Stadtverordnetensitzung stand die Einrichtung eines Seefisch- marktes zur Verhandlung. Es wurde beschlossen. vorläufig davon Abstand zu nehmen und zunächst durch Notierung der hiesigen Wochenmarktpreise festzustellen, ob die Preise angemessen sind, widrigenfalls die Händler ersucht werden sollen, sie normal zu stellen. Ist dies erfolglos, wird die Stadt die wichtigsten Lebensmittel selbst beschossen und verkaufen. Die Schlachthauskommission soll sich aber schon jetzt mit den Gewerbetreibenden in Verbindung setzen.
Augsburg.
Das Gemeindekollegium bewilligte 10 000 Mark zum Ankauf von Kartoffeln, die an die Bevölkerung zum Selbstkostenpreis . abgegeben werden sollen.
Ulm.
Um einen Einfluß auf die Bildung der Schweineflelfchpreise ausüben zu können und einigermaßen stabile Preise in dieser Fleischgattung zu erhalten, haben die bürgerlichen Kollegien beschlossen. gemeinsam mit der Stadt Neu-Ulm einen Vertrag mit der Schweinezuchtanstalt Weißenhorn auf Lieferung von vorerst jährlich 3600 Mastschweinen zu einem auf drei Jahre festgesetzten niedern Preis einzugehen und wegen Verwertung dieser Schweine mit der Fleischerinnung zu verhandeln.
Ludwigshafen.
'In der letzten Sitzung des Stadtrats beschäftigte sich das Kollegium mit den Maßnahmen gegen die Lebensmittelteuerung. Es wurden folgende Anträge genehmigt: 1. Sofortige Eröffnung der städtischen Volksküche: 2. der Eingabe des Deutschen Städtetages an den Reichskanzler behufs zeitweiliger Aufhebung der Einfuhrzölle auf Fleisch, lebendes Vieh und Futtermittel schließt sich der Stadtrat an. Der A n- kauf von Kartoffeln durch die Stadtverwaltung ist bereits e r f o l g t s sie werde» zum Selbstkostenpreis von 3,60 Mk. pro Zentner ausnahmslos an jeden Bewohner der Stadt abgegeben, je- dock nicht mehr als zehn Zentner für die Person" oder Haushaltung.
komische Pariser Burleske, die das Zwerchfell in seinen tiefsten Tiefen erschüttert. Jobs lustiges Ensemble (im Mittelpunkt Hermann Job in eigener Person) stellt, die charakteristi- schenSchwankfiguren in prächtig ausgearbeiteter Darstellung auf die Bühne, und man muß schon ein unheilbarer Hvpochonder oder ein im Harm des Erdenleids werbohrter Griesgram sein, wenn matt sich an Jobs „Geheimnis" und „Verwandtschaft" nicht aufrichtig ergötzt. Tas ist Leben. Lust und Lachen, und man merkt auf einmal, daß der Humor auf diefer Kummererde doch noch. nicht gänzlich ausgestorben ist. - Solange Hermann Job Schwänke dichtet und lustige Komödien spielt, wird sicher auch der Humor noch leben...
△ Steine Tageschronik. Vom 30. Oktober bis 6. November (mit Ausnahme des 1. und 5. November) wird das erste Bataillon des Infanterie-Regiments 167 auf dem Dörnberg ein gefechtsmäßiges Schießen vornehmen. — Dem Korpsintendanten. Wirklichen Geheimen Kriegsrat Brüning ist das Fürstlich Schwarz- burgische Ehrenkreuz erster Klaffe verliehen worden.
△ Aus unferm Hoftheater. Arn Sonntag abend gelangt „Der fliegende Holländer" von Richard Wagner zur Aufführung, in. der Frau Schröder-Kaminski vom Hoftheater Wiesbaden als Mary gastieren wird. Am Montag abend wird „Der Troubadour" von Verdi gegeben. Tie Rolle des Manrico singt Herr Windgassen vom Stadttheater in Hamburg als Gast.
A DaS Promenadenkonzert auf dem Frie- drichsplatz. Morgen mittag von zwölf bis ein Uhr konzertiert die Kapelle des Infanterie-Regiments Nr 83 auf dem Friedrichsplatz. Folgende Stücke aelanaen zum Vortraa: 1. .Re-
Sonntag, 22. Oktober 1911.
Mitglied des obersten Kolonial-GerichtshofeS fein soll. Das fei ein schwerer Mangel des sonst anzuerkennenden Gesetzes. Wir haben (bemerkt der Redner) schon genug Richter, die in kolonialen Fragen sachkundig find, und brauchen keine Verwaltungsbeamten im Gericht. An der eventuellen Ablehnung des Kolonial-Sachverständigen im Gerichtshöfe müsse die Reichsregierung das Gesetz fcheitern lassen. Staatssekretär von Kiderlen-Waechter: Wir müssen besonder» Wert darauf legen, daß dem Kolonial-Gerichtshof auch die Kolonial-Ge- richtsbarkett in oberster Instanz angegliederl werde, und zwar im Interesse der Einheitlichkeit. Nach Ansicht des ReichS-Justizamtes ist es ausgeschlossen, daß das Reichsgericht die Konsular-Gerichtsbarkeit noch ausüben könnte. Abg. Gröber polemisiert scharf gegen die Darlegungen Lindequists.
Marotta tat Bayernparlament.
(Eigene Drahtmeldung.)
München, 21. Oktober.
I« der heutigen Landiagssttzung erklärte der Ministerpräsident Graf Podewils auf die sozialdemokratische Marokko-Interpellation, er sei an sich bereit, die Interpellation zu beantworten. Zurzeit müsse er jedoch mit Rücksicht auf die noch schwebenden Verhandlungen die Beantwortung vertagen. Wenn sich auch die gestellte Anfrage zunächst auf den Bimdesratsausschutz für auswärtige Angelegenheiten beschränke, so fei doch eine Beantwortung jetzt nicht möglich, wenn man eingehend auf die diesjährige Marokkoangelegen- heit kommen wolle. Bei einer Befprechung der Interpellation sei ein ©inübergreife« auf dieses Gebiet nicht zu vermeiden Der Ministerpräsident erklärte weiter, daß für die bayerische Regierung und den Landtag aller Anlaß bestehe, die gleiche Zurückhaltung zu üben, wie sie sich die Reichsleitung bei der parlamentarischen Behandlung des Gegenstandes auferlegt habe. Er bitte daher, sich die Bestimmung des Zeitpunttes für die Beantwortung der Interpellanten vorbehalten zu dürfen. Die Interpellanten erklärten sich mit der Verschiebung des Termins einverstanden.
Die Italiener in Benghast!
(Eigene Drahtmeldung.)
<f> Rom, 21. Oktober.
Nach Depeschen, die heute mittag au8 Tripolis hier eingegangen sind, haben die Italiener heute früh Benghasi eingenommen und vollständig besetzt. Die Verluste der Türken werden auf zweihundert Tote und dreihundert Verwendete geschätzt. Die Verluste der Italiener solle« nur gering sein. Eine offizielle Bestätigung dieser Nachricht steht allerdings noch aus; es handelt sich vielmehr um eine Privatmeldung, die heute mittag in den Straßen durch Extrablätter der großen Zeitungen verbreitet wurde. Weitere Nachrichten vom Kriegsschauplatz fehlen vollständig.
Verschmähte Liebe . . .
Halle, 21. Oktober. (Priöättele« gramm.) Heute früh verübte in der Göben- stratze der Lithograph Panoca aus die zweiundzwanzigjährige Helene Schwartze ein Mefferattentat. Das Mädchen erhielt mehrere Stiche ins Gesicht und in die Arme. Der Attentäter stürzte bei der Flucht aus dem Fenster zur Erde nieder und brach die Wirbelsäule. Er war auf der Stelle tot. Verschmähte Siebe soll das Motiv zur Tat fein.
Feuer-Katastrophe in einer Villa.
Itzehoe, 21. Oktober. (Privatteke« g r a m m. Bei einem Brande IN einer Villa in Sude fanden in der letzten Nacht die Witwe Rohlfs und die dreijährige Tochter des Stadtmifsionars Weidmann den Tod in den Flammen. Die Bewohner der Villa wurden im Schlaf vom Feuer überrascht. Weidmann vermochte nur seinen fünfjährigen Sohn zu retten. Die Frau sprang mit ihrem drei Wochen alten Säugling und einem anderen Kind aus dem Fenster fünf Meter tief hinab. Das Dienstmädchen erlitt beim Sprung aus dem Fenster einen Knöchelbruch.
Explosion im Caföhaus.
Paris, 21. Oktober. (Privaf-Tele- gramm.) In der vergangenen Nacht explodierte in einem Cafshaus in der Rue Montmartre, während zahlreiche Gäste im Lokal waren, unter heftigen Detonationen eine Kaffeemaschine. Ein Hagel zersplitterten Glafes ergoß sich auf die erschrockenen Gäste und einige Holzsplitter flogen umher. In w ilde r P a n i k stürzte alle» auf die Straße. Fünf Personen wurden zum Teil schwer verletzt; ein Schutzmann erlitt erhebliche Brandwunden.
Tas Geheimnis eines Mordes.
Rotterdam. 21. Oktober. (Privak« Telegramm.) Unweit Elfi, einem Dorfe bei Rvmwegen, wurde heute früh der August Kamen aus Wittstock bei Brandenburg ermordet aufgefunden. Man fand die Leiche mit Stroh zugedeckt. Dem Manne war mit einem harten Gegenstand der Schädel zertrümmert worden. Vor einigen Tagen hatte man den Ermordeten in Begleitung eines unbekannten Individuums, das vermutlich der Täter ist, in der Nähe des Ortes gesehen.
Intermezzo bei der Schießübung.
London, 21 Oktober. (Privat-Telegramm.) Das Schlachtschiff,„Hindostan", auf dem sich der Prinz von Wales als Midship- man befindet, wurde bei einer Schießübung auf der Höhe von Portland von einer ungeladenen Granate eines Sechspsünders vom Dreadnought „Colossus" getroffen. Es wurde niemand verletzt. Ter Prinz war zurzeit gerade unter Deck. Tie „Hindostan" schleppte eine Schießscheibe in einer Entfernung von einer Viertelnieile, wo der „Colossus" feuerte. Tie Granate beschädigte beim Auf- prallen das Vorderdeck.