1. Jahrgang
Fernsprecher 951 und 952.
Sonnabend, bett 21. Oktober 1911
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COlerRmesteMchrichteil
1 Befielet Bbendzeituns Hessische Abendzeitung
Alte und neue Welt.
Der Kaiser und die Kaiserkrone.
In der alten Kaiserstadt Aachen ward am letzten Mittwoch unter feierlichem Gepränge ein Reiterstandbild enthüllt, das Hugo Lederers Meisterhand zu Friedrichs des Dritten Angedenken geschaffen, und beim spätern Festmahl im goldblinkenden Fürstensaal des Aachener Rathauses sprach dann der regierende Deutschs Kaiser über Kaisertum und Kaiserkrone poetisch verklärte Worte; Worte, die förmlich geprägt scheinen für unsre Zeit der .Finsternis im Land', weil sie die Erkenntnis in uns lebendig werden lasten, was sein k ö n n t e im Reich der Deutschen, und was leider nicht ist in dem Land, das einst von der Riesenkraft des großen Karl zur Höhe der Macht emporgetragen ward. Carolus magnus hat auch Wilhelm dem Zweiten vorm Auge geschwebt, als er inmitten einer nach Zehntausenden zählenden Menge in ernstem Gedenken vorm Standbild des Vaters stand, das die Stadt des ersten Karolingers dem „Liebling des Volks' aus dem Haus der Zollern errichtU hat. W i e tief das Heldentum der alten Kaiser deutscher Nation in der Vorstellungswelt des kronentragenden Geschlechts der Zollern wurzelt, hat der Kaiser in seiner Festmahlsrede den Tischgenossen selbst an einer Reminiszenz aus den Kindheittagen im Vaterhaus erläutert: Kaiser Friedrich widmete sich als Kronprinz mit ernstem Interesse dem Studium der altdeutschen Kaisergeschichte, und in Stunden warmer Herzensbegeisterung, wenn angesichts des Gigantenwerks der Vergangenheit der Werktagszank der kleinen Gegenwart verblich, offenbarte des ersten Wilhelm Sohn seiner Seele Sehnen dem Erstgebornen: „Der Glanz der Kaiserkrone muß vonneuem auflnichten und Rothbarts Erlösung aus dem Kyffhäuser- 6amt ist deutsche Ehrenpflicht!'
Barbarossa ward längst erlöst; der Glanz der deutschen Kaiserkrone erstrahlt in neuer Pracht, und der dritte Kaiser des spät geeinten Reichs hat am Mittwoch im Aachener Rathaussaal die Krone deutschen Kaisertums das „hehre Kleinod' genannt, „von dem unter Gottes Schutz viel Segen für das Vaterland ausgegangen sei, und das sich als ein Hort deutscher Ehre bewährt habe, zu dem alle Deutschen vertrauensvoll aufblicken dürften'. Diese Kaiierworte wurden gesprochen in einer Zeit, die an allen Weltenden Unheil birgt, die wie kaum eine Epoche vor ihr im Zeichen drohender Katastrophen steht und die in ihrem Schoße Ereignisse sich vorbereiten sieht, wie sie schwerwiegender, verhängnisvoller und friedenbedrohender seit einem Jahhundert fast das Gefüge der Erdgewalten nicht mehr erzittem ließen. Der Ernst der Stunde rechtfertigt also die Mahnung zum Vertrauen und zur treuen Liebe und ernsten Mitarbeit im Dienst des Vaterlandgedankens, denn das.Vand der Liebe und des Vertrauens", daß (nach des Kaisers Wort) „Fürst und Volk umschlingt und zusammenhält", hat selten eine Belastungsprobe überdauern müssen, die den Druck der Ereigniffe so s.chw er aus alle Begeisterung niederzwang, wie in dieser Zeit der Welt-Erregung, deren Wellenschlag in allen Winkeln der Erde zu spüren ist. Ter Ernst der Zeit leiht auch der Aachener Festmahlrede den stimmungsvollen Rahmen, denn er läßt uns, vom Blitzlicht eines flüchtigen Erkenntnismoments grell beleuchtet, die schroffen Gegensätze sichtbar werden, die das in Aachen verklärte Einst vom düster-tragischen Jetzt unüberbrückbar trennen.
Was Friedrich der Dritte in frommer Begeisterung jugendstarken Heldentums ersehnt, ist seit vier Dezennien schillernde Wirklichkeit: Die Macht des Reichs i st wiedererstanden, aus Schutt und Trümmern von Gigantenarmen emporgerungen zu neuem Licht. Das Germanenreich bismarck'scher Schöpfung gebietet über die gewaltigste Armee der Welt, reckt durch seine Macht zur See die „gepanzerte Faust" von Meer zu Meer und hat eine wirtschaftliche Entwicklung durchlaufen, die in der Geschichte der Völker und Nationen kaum ein Beispiel findet. Der Vergleich zwischen dem Reich der Karolinger und dem Kaisertum der Zollern braucht also nicht zu betrüben, denn das Deutschland, das im Abendsonnenschein des neunzehnten Jahrhunderts erstand, ist ein Riese an Kraft gegenüber dem Machtbereich, den Karls des Großen Erobererschwert unter seine Herrschaft zwang. Und doch klingt's wie Resignation, wie stille Wehmut und verborgne Sehnsucht durch die Worte, die des dritten Deutschen Kaisers Mund zu Aachen im Fürstensaal sprach: Fühlt der Kaiser, w i e w e i t das Land des .Sehnens ist. das den, selbst untenn
Staub der Jahrtausende noch hell funkelnden Glanz alt-deutschen Kaisertums und die gewaltige Rüstung des modernen Deutschlands im Jdeenkreis weltgeschichtlicher Reflexionen voneinander trennt? Erkennt Wilhelms des Zweiten prüfend Auge die Neigung des Wegs, den Deutschland in den zwei Jahrzehnten jüngster Geschichte zurückgelegt, und leiht ihm vorurteilsfreie Würdigung unsrer Wellbtlan, den sichern Maßstab, unser Defizit an Ta- t e n nach seiner ganzen Bedeutung zu werten? Seit Bismarcks Abhalsterung sah das Reich keinen Tag lichter Freude und das Kyffhäuser- Märchen ist fast vergessen.
Im Strahlenglang des Frühmittags seines Kaisertums sprach desselben Kaisers Mund, der im Bannkreis Karolinger Heldentums am letzten Mittwoch die Kraftepoche deutscher Macht in begeisternder Rede feierte, das vielbesungne Wort von der Zeiten Herrlichkeit, deren prunkender Pforte uns Wilhelms des Zweiten unerschütterlicher Herrscherwille entgegenführen werj>e. Noch harrt ein unverzagt vertrauendes, vom Schicksal allzuoft enttäuschtes Volk der endlichen Erfüllung dieser Verheißung, deren Wirklichkeitwerdung durch des Geschickes Tücke bisher gehindert ward. Ein Blick übers Erdrund zeigt uns, w i e weit wir noch am Ziel entfernt sind: Die fchwächliche Unbeständigkeit deutschen Diplomatcnwerks hat in zwei Jahrzehnten mit stümpernder Hand das Ansehen des Reichs stärker gemindert, als durch die Arbeit eines Menschenalters wieder gut gemacht werden kann; der Zickzack-Kurs unsrer Regierenden hat die Stoßkraft deutscher Macht geschwächt, unser Prestige in der Welt gedunkelt und uns den Ruhm schwankender Planlosigkeit eingetragen, die jeder Tatsorderung vorsichtig aus dem Weg geht. Die Zeiten, da von B er- lin aus die Welt regiert wurde, leben in der Enkel Erinnerung wie ein Märchen aus dem Zauberbuch deutscher Heldensage, und wir haben uns längst daran gewöhnen müssen, Andre am Steuer des Schicksalschiffs zu sehen. In Wilhelms des Zweiten Seele lebt heut wie ehedem das hehre Ideal deutscher Kaisermacht, und Wille und Begeisterung erscheinen int Charakterbild des Zweiundfünfzigjährigen in derselben reinen Lauterkeit, wie einst, als der Jugend des Neunundzwanzigjährigcn die Last und Verantwortung einer Kaiserkrone aufgebürdet ward. Aber der Idealismus erobert keine Welten, und an der Höhe des Adlerflugs kaiserlichen Wollens gemessen erscheint das Kummerwerk unsrer Diplomatie wie die mitleiderweckende Acrmlichkeit humpelnder Unbeholfenheit. Dürfen wir noch hoffen, daß auch für uns einst ein Morgen heraufdämmern wird, der des alten Bismarck-Reichs eherne Macht und Herrlichkeit neu erstehen läßt...? F. H.
Aachener Kaffer Anekdoten?
Der Kaiser und das nervöse Belgien.
Ein Privat-Telegramm meldet uns aus Bonn: Der Kaiser trat gestern mittag die Fahrt in die E i f f e l und an die A h r an, vom Landwirtschastsminister und vom Oberpräsidenten der Rhcinprovinz begleitet. Die Fahrt ging über Brühl nach Lechenich, wo ein kurzer Aufenthalt vorgesehen ist. Dann ging es weiter nach Zülpich, wo der Kaiser die Kirche besichtigte. Später fuhr der Kaiser über Euskirchen nach Altena, und von da über Adenau nach Matzen, wo er die Reste der Genovevaburg besichtigte, um später nach Dneroshain zu einem kurzen Aufenthalt beim Grafen Renesse zu fahren. Die Rückfahrt erfolgte am Abend über Andernachs nach Bonn. Der Kaiser reist von Lieser-Mülheim über Koblenz nach Potsdam zurück, wo et, am Sonnabend früh eintreffen wird. Belgische Blätter berichten über eine aufsehenerregende Aeutzerung, die der Kaiser gele- gentiieb seines Besuchs^in Aachen getan haben soll. Es wird uns darüber gemeldet:
nr Brüssel, 20. Oktober.
(Privat-Telegramm.)
Wie hiesigen Blättern aus Aachen gemeldet wird, dankte der Deutsche Kaiser in französischer Sprache auf die Ansprache des belgischen Generals Heimburger, der den Kaiser namens des Königs Albert begrüßte. Der Kaiser soll sich zunächst nach dem Befinden der Königin erkundigt und an den guten Ein. druck erinnert haben, den er von seinem jüngsten Besuche in Brüssel erhalten habe. Hierauf soll der Kaiser zu dem General Heimburger gewandt gesagt haben: „Sie sind Militärkommandant einer Provinz, mit der wir immer in guter Freundschaft gelebt haben. Sie haben in letzter Zeit, wie ich glaube, in Ihrem Lande Befürchtungen gehabt, Glauben Sie mir. diese Befürch
tungen waren grundlos." Während des Festessens im Rathaus, dem die belgischen Gäste ebenfalls beiwohnten, zeigte sich der Kaiser den belgischen Gästen gegenüber sehr zuvorkommend. Den General Heimburger soll er wiederholt ins Gespräch gezogen und zu ihm geäußert haben: „Belgien hat in letzter Zeit st a r k g e r ü st e t." Der General antwortete: „Jawohl Majestät. Obgleich wir Vertrauen hatten!', worauf der Kaiser zur Antwort gab: „Sie hatten Vertrauen zu haben!" Der Kaiser soll sich dann des Längeren über die belgische Armierung der Festungen unterhalten und bei dieser Gelegenheit sich sehr genau über die militärischen Maßnahmen Belgiens orientiert gezeigt haben..
Brüssel, 20. Oktober. (Privat-Telegramm.) Wie die hiesigen Blätter melden, hat der Kaiser anläßlich der Enthüllung des Kaiser Friedrich-Denkmals dem Genera! Heimburger den Stern zum Roten Adlerorden und dem belgischen Gouverneur Del- v o u x den Roten Adlerorden Erster Klasse verliehen.
Am Vorabend der Versöhnung?
Konservativ-liberales Friedens- Sehnen.
(Telegramm unfers Korrespondenten.)
Wie in parlamentarischen Kreisen verlautet, besteht sowohl in der national» libcralen als auch in der konservativen Fraktion des Reichstags die Absicht, die in den letzten Monaten zwischen beiden Parteien zutage getretenen G e - gensätze zu überbrücken, um bei den Wahlen Hand in Hand arbeiten zu können.
Daß es sich bei diesen Bestrebungen um mehr als bloße Wünsche handelt, beweist die Tatsache, daß Mitglieder beider Fraktionen im Sinne der „Friedensidee' tätig sind. Die Ausgabe wird allerdings nicht leicht zu lösen sein, da die extremen Elemente beider Richtungen dieser Absicht vorläufig noch abgeneigt und zudem auch die Aussichten für eine Annäherung infolge der Plänkeleien in den letzten Monaten und der Agitation einiger Heißsporne auf beiden Seiten keine guten sind. Die größte Schwierigkeit liegt übrigens in der offenen Gegnerschaft der Führer beider Parteien. Man hofft jedoch, die gemäßigten Elemente beider Parteien zu einer Aussöhnung fübren zu können, von dem Gedanken ausgehend, daß „die gemeinsamen Berührungspunkte beider Parteien trotz aller Gegnerschaft sehr stark sind". Zunächst soll versucht werden, in den Fragen der auswärtigen Politik und bei den Arbeiten am Privatbeamtenverstche- rungsgesetz Hand in Hand zu gehen. Ob diese Annäherung festere Gestalt annehmen wird, steht noch dahin. Es wird auch nicht dahin gestrebt, strikte Wahlabkommen zu treffen, sondern der Wille der einsichtigen Politiker beider Richtungen geht dahin, angesichts der Wahlen, die unter recht ungünstigen Bedingungen sür die bürgerlichen Parteien statt- finden werden, zwei sich befehdende nationale Parteien versöhnlicher in ihren Gegensätzen zueinander zu stimmen. Man ist der Ansicht, daß unsere Zeit zu ernst sei, um Verstimmungen zwischen zwei sich berührenden Partei- anschauungen zu offener Feindschaft aufflammen zu lassen.
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Die Marotta Konferenz beim Kanzler.
(Telegramm unfers Korrespondenten.)
Zu den Besprechungen, die der Reichskanzler am Dienstag mit mehreren Führern der Parteien des Reichstages wegen der Marokkodebatte gehabt hat, erfährt unser Korrespondent aus parlamentarischen Kreisen folgendes: Die Besprechungen fanden einzeln im Reichstage statt. Es waren an ihnen unter anderen beteiligt die Herren von Hey- debrand, von Normann, von Hert- ling, Bassermann, Wiemer und von Gamp. Zum Teil währten die Unterredun- gen ziemlich lange, so mit dem Abgeordneten Bassermann etwa zwei Stunden. Die Besprechungen erstreckten sich sowohl auf die deutschen Forderungen wie aus die französischen Angebote. Der Kanzler gab den Abgeordneten eine weitreichende Darstellung des Verhand- lungsgegenstandes. Das Ergebnis der Rücksprache war der Verzicht auf Stellung eines Initiativantrages bezüglich der Marokkofrage.
Neue Verluste der Italiener.
Depeschen vom Tripolis-Kriegsschauplatz.
Depeschen aus London zufolge, ist man in dortigen unterrichteten Kreisen überzeugt, da» die Friedensverhandlungen, die m den letzten Tagen in Rom gepflogen worden sind, einem sichern Scheitern entgegensehen. Italien ist zwar nach wie vor bereit, der Vkorte der Türkei eine Entschädigung von
etwa fünfzig Millionen Lire zu zahlen, will aber keinesfalls irgend welche Oberhoheit des Sultans über Tripolis anerkennen. Das italienische Kriegsministerium teilt, mit, daß da? italienische Geschwader vor Rho- d u s kreuzt. Die oVrhut dieser Flotte steht bei Mvtilini, wo sechs italienische Kriegsschiffe gesichtet wurden. Der maritime Stützpunkt der Italiener ist Tobruk. Weitere Depeschen berichten über neue Verluste der Italiener. Wir registrieren folgende Meldungen:
Konstantinopel, 20. Oktober.
(Eigene Drahtmeldung.)
Der Korrespondent des „Ildarn" in Tripolis telegraphiert, dost dir türkischen Truppen zwei Angriffe auf die Italiener unternommen haben, wobei letztere sieben- hundert Mann verloren hätten. Die^ Verluste der Türken seien gering. Nach Mittei- lungen des Kriegsministers hat am sechzehnten Oktober in Tripolis ein dritter Racht- kampf gegen die Italiener stattgcftmden, in dem diese sechzig Tote hatten. Der türkische Transportdampfer „Derim", den die Italiener mit einer Ladung von Waffen und Munition zuerst passieren ließen und dann o e r - senkten, ist wieder gehoben worden. Das Schiff soll nach Aden gebracht werden, nachdem es in seettichtigen Zustand versetzt worden ist.
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Em BerLrimsmvMm für Caw Pascha.
(Privat-Telegramm.)
Einem Telegramm aus Konstantinopel zufolge erhielt Großwesir Said Pa- scha in der gestrigen geheimen Sitzung der türkischen Kammer mit hundertfünsundzwanzig gegen sechzig Stimmen ein Vertrauensvotum. Said Pascha erflärte, daß et die Re- gelung . er Tripolisfrage weder durch eine Geldentschäistgung noch durch Verzicht der Rechte der Türkei in Tripolis gntheitzen werde. Die Mehrheit der Kammer beschloß. Said Pascha ihr Vertrauen zu votieren mit der Bedingung, daß nach sechs Wochen die vom vorigen Kabinett übernommenen Minister ausscheiden. Die Opposition dagegen zeigte sich intransigent. Die Sitzung war s e h r b e - w e g t. Die Kabinettskrise ist durch das gestrige Verttanensvotum für den Grotzwesir vorerst behoben.
Sie Republik der Mitte.
„Die Lösung der chinesischen Frage."
Von Sun Dat-Sen.
$er eine bet Führer der jetzige« chinesischen Revolution, Dr. Sun-Dat-Sen, hat lange in Europa gelebt, nachbem er in seiner Heimat wegen seiner Beteiligung am Kantoner Komplott zum Tobe verurteilt war. In Englanb erwarb er mehrere akabemische Grabe unb versatzte verschiebene Schristen, bis zum Teil wissenschaftlichen »um Teil politischen Charakter« sind. Ein Werk der letzteren Art betitelt sich „Die Lösung ber chinesischen Frage" unb erschien vor sieben Jahren, ohne ba- mal« befonberer Aufmerksamkeit gewürdigt zu werben, obgleich Sun-Uat-Sen darin bereits sein ganzes, jetzt in der Durchführung begriffenes Revolittton«- programm entwickelte. Wir zitieren au« dem Werk folgende Stellen:
Das Volk muß sich selbst regieren dürfen, und die bezahlten Verteidiger der Maudschu-Dynastie haben gemeint, sie könnten dem Volke einreden, es würde eines Tages eine Verfassung erhalten. Sie haben damit allerdings gegen ihren Willen nichts Falsches Öt, da es in der Tat nicht länger in ihrer t stehen wird, den Augenblick hinauszu- schieben, wo sich das Volk selbst eine Konstitution gibt, wenn man ihm keine geben will. Es ist eben ein Verhängnis, daß die Mandschudynastie den unglücklichen Chinesen immer nur Scheinkonzessionen gemacht hat. Davon beginnt man sich bereits in den gebildeten Kreisen des Reiches Rechenschaft zu geben, und die aufgeklärten Elemente sehen das f>eil nur in der Vertreibung der Mandschus, in der Abschaffung des Kaisertums und in der Organisation der Republik. Der Weg zur Republik führt übet die Revolution. Daß diese Revolution äußerst heftig sein wird, ist von untergeordneter Bedeutung. Sie ist heil- s a m und deshalb notwendig. Die Mandschus, die den Thron an sich gerissen haben, haben die Chinesen absichtlich in voller Unwissenheit gehalten. Sie haben die Güter der Chinesen geraubt und aus ihnen ihre Sklaven, ihre Lasttiere gemacht. Sie haben die Männer gezwungen, hinter dem Kopfe einen Schwanz zu tragen, und die Frauen, ihre Füße zu Zie- genfüßen zu verstümmeln, damit sie eben von Tieren nicht mehr zu unterscheiden sind. Während alle fremden Staaten fortschreiten
auf dem Wege der Zivilisation, werden wir zusehends schwächer, und wenn wir nicht bald erwachen, werden wir völlig verschwinden. Gegenüber den Katastrophen, die mein Vaterland bedrohen, gleichgültig zu bleiben, ist unmöglich. Ich schwöre, von nun an alle meine Kräfte in den Dienst seiner Befreiung und Erhebung stellen m wollen.