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Kasseler Abendzeitung <Ä?- Sesftfche Abendzeitung
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Hilüerm Ulm Felsen.
Das Thüringer Schüler-Drama.
Wie ein Telegramm aus Rudolstadt meldet, wurde bei dem getöteten Gymnasiasten von Recker ein an seine Mutter gerichteter Brief gefunden, in dem es heißt, daß alles, was an Beleidigung in Gegenwart des jungen Mädchens erfolgte le- digli ch Komödie gewesen fei, um den Selbstmord der beiden jungen Freunde zu verdecken. Bon andrer Seite wird berichtet, daß der Gymnasiast Dietzken noch a m L e b e n sei. Die Meldung ist indessen unbestätigt.
Hinterm Uhu-Felsen beim Dörfchen Teichel im Thüringerwald standen im Morgendäm- mern des letzten Dienstags ein Achtzehn- jähriger und ein Sechzehnjähriger mit Pistolen in der Hand sich gegenüber, fest entschlossen, den Kampfplatz nicht eher zu verlassen, bis einer von ihnen nicht mehr atmen werde. Ein unglücklicher Zufall hat's gefügt, daß das Jugend-Drama im Oktober-Morgennebel nicht nur ein Opfer gefordert, sondern beide Leben vernichtet hat, die im Frühdäm- mem des Unheiltags dem Verhängnis der Kugel preisgegeben wurden. Das ganze Geheimnis der Tragödie wird nun, da die Beteiligten für immer schweigen, wohl nie völlig entschleiert werden, und man steht hinsichtlich der eigentlichen Motive, die zwei junge Leben zur todverachtenden Selbstopferung drängten, vor einem psychologischen Rätsel. War's wirklich das flüchtige Intermezzo einer harmlosen Tanzstundenliebe, das zwei Jugendfreunde zu erbitterten Feinden werden ließ und die Forderung eines Lebens in der Vorstellung jugendlichen Ungestüms zur unabwendbaren Notwendigkeit rw chte (wie von der einen Seite behaupt-« wori-ch), oder war's ein« verhängnisvolle Irrung romantischen Jugendidealismus, der, zu früh genährt mit dem Geist Nietzsche'scher Uebermenschen- tums, in des Lebens Verneinung den Gipfel idealer Vollkommenheit erkannte und der dunklen Zukunft eines langen, schicksalbeladnen Lebenswegs das „Sterben in Schönheit", vereint im Zauberwahn jugendlichen Heldentums, vor- zog (wie uns die Pädagogen erzählen): Sicher ist, daß das Drama Hinterm Uhu-Felsen den Merkzeichen verhängnisvoller Jugend-Jr° rungen zugezählt werden muß, deren Ursachen nicht zum kleinste« Teil im Erzie- hungswesen unsrer Zeit wurzeln.
Daß eS sich bei dem Kampf im Walde nicht um ein Werk momentaner Erregung oder eine Idee jungenhaften Leichtsinns handelte, beweisen die Vorbereitungen der beiden Gegner: Mit Revolver und Pistolen ausgerüstet, die Patronentaschen mit kugelschwerer Munition gefüllt, erscheinen Beide auf dem KampMatz, nachdem sic im Grauen des erwachenden Morgens den Weg zum Uhu-Felsen gemeinsam schweigend zurückgelegt; entledigen sich am Schauplatz des Zweikampfs der Oberkleider und heften rotseidne Schleifchen auf die Brust, dort, wo das Herz der Jugend pocht. Siebenmal dröhnen Schüsse durch die Morgenstille des Waldes, ohne daß die Kugeln ihr Ziel erreichten; beim achten Schuß bricht der Sechzehnjährige, durch Seidenschleife und Herz getroffen, zusammen, noch im Moment des To- desahnens dem Gegner die Bitte zurufend, ihm den Gnadenschuß zu geben. Und der achtzehnjährige Junge, der mit der noch rauchenden Pistole starr auf seinem Platze steht, eilt zum Sterbenden, hebt den der ermatteten Hand ent« fallnen Revolver vom Boden auf und endet des röchelnden Gegners Leben durch einen zweiten Schuß ins Herz. Vor der Leiche des einstigen Freundes richtet dann der Mörder die Waffe gegen die eigne Brust, und verletzt sich schwer, hat aber noch die Kraft, dem Schauplatz der Tragödie zu enteilen und die Kunde von dem Schrecklichen, das sich dort ereignet, wei- terzuttagen. Ehe dem blutigen Morgen der Abend folgt, hatte auch das zweite Opfer des Dramas sein Leben ausgehaucht und das Einzige, das den Lippen des Sterbenden sich vorm Ende entrang, war die Mitteilung über die Einzelheiten des Kampfs, die in ihrer furchtbaren Tragik erschütternd wirken.
In flüchtigen Randbemerkungen zu der Tragödie der Jugend (die offenbar unten« frischen Eindruck des EreignifleZ allzu hastig niedergeschrieben wurden) ist tadelnd darauf hin- gewiesen worden, daß man in den beiden vernichteten Leben Opfer jenes krankhaften „E h r- Dünkels" zu beklagen habe, der allmählich, von den Alten gepredigt und von den Vätern gepfkegt, auch die Jugend infiziert habe und in den unreifen Hirnen der werdenden Generation verhängnisvolle Irrung erzeuge. Das Prnuip der Ebrenrettuna durch Pistolenknall
und Säbelgeklirr, dessen sittliche und moralische Nichtigkeit durch immer neue Beispiele verbrecherischen Unfugs überzeugend dargetan sei, finde grade in der Vorstellungswelt der Jugend geistiger Uebersättignng und physischer Degeneration einen verhängnisvoll empfänglichen Boden und da die Tragik in der Psyche unsrer modernen Jugend das am schärfsten hervortretende Moment sei (die Häufung der Schülerselb st morde dürfe dafür als Beweis gelten), so habe man in dem Thüringer Schülerdrama imgrunde nur die natürliche Entwicklung eines unablässig fortschreitenden psychischen Krankheit s Prozesses zu beklagen, dessen Aeußerungen grade in den Jahren der Mannbarwerdung die Vorstellungswelt der Jugend am meisten beherrschten. Es mag ein Körnchen Wahrheit in dieser De- duktton liegen; die Verbindung der psychologischen Degenerations-Theorie mit dem Zweikampf-Prinzip erscheint indessen, auf die Jugend angewandt, nicht haltbar, denn bei einer Prüfung der psychologischen Begleitumstände des Dramas hinterm Uhu-Felsen drängt sich unbefangnem Urteil die Heberzeugung auf, daß das „Duell" hier nur die technische Ausführungsform einer dunklen Willenstat gewesen ist, deren eigentliche Motive viel tiefer, im innersten Wesen der eben zur Erkenntnis heranreifenden Jugendpsyche zu suchen sind.
In der Rocktasche des von der Kugel der einstige« Freundes niedergestreckten Sechzehnjährige« fand man außer einem Gedicht an der Jugend erste Liebe einen Band der Werke N ietzsch e's. Kann hier der Z ufall (noch auf dem Gang zum Tode) die Handlung bestimmt haben, oder darf man in der Tatsache einen Beweis für die Geistesrichtung und Seelenstimmung erblicke«, iw d^cn Bann die beiden jungen Leute im Morgen- dämmern zum Kampfplatz schritten, mit dem feste« Vorsatz, daß einer von ihnen diesen Weg lebend nicht mehr heimwärts wandern werde? Die Wahrscheinlichkeit spricht für die letztere Annahme, und man dürfte also in diesem Falle es als erwiesen annchmen, daß die beiden Frühgereiften, die dem Tod mit unerschütterlicher Energie ins bleiche Antlitz schauten, in ihrer psychischen Entwicklung vom Geiste Nietzsche's befruchtet worden sind. Die ganze Art der Vorbereitung zum Kamps, die Bitte des sterbenden Sechzehnjährige« um den Gnadenschuß und die versuchte Daseinsendung des Heberlebenden: Auch alles das läßt eher auf eine in gegenseitigem Einverständnis der- übte Tat krankhafter Lebensverachtung als auf einen Kampf auf Leben und Tod im Dämmerzustand romantisch-verklärter Jungenehre schließe«. Die Tragik des Ereignisses wird dadurch allerdings nicht gemindert: Sie wirkt um so erschütternder, und man fühlt aufrichttges Mitleid mit den beiden, eben dem Knabenalter Entwachsnen, deren Seele von der finstern Größe Nietzsche'scher Weltanschauung verdüstert ward, noch ehe sie des Lichts der Erkenntnis teilhaft geworden. Unfeint Erziehungswesen mag nicht die ganze Schuld an dem Drama anfzu- bürden sein; daß es aber mitschuldig ist, kann nicht bestritten werden: Würde unsre Jugend in de« Bahne« gesunder geistiger Entwicklung zum Leben heranreifen, dann könnte sie nicht dem ersten Reif in des Daseins aufblühendem Frühling widerstandslos zum Opfer fallen, sondern würde, stark und rüstig, sich schon früh im Lebenskämpfe stählen!
F. H.
Und immer wieder: Cartwright!
„Der Kaiser hatte alles vorbereitet...!"
Kaum hat sich die Aufregung über die deutschfeindliche Haltung des englischen Botschafters in Wien, Sir Fairfar Cartwright, und über seine deplazierten Ausfälle gegen die deutsche Politik einigermaßen gelegt, und schon wird ein neues Interview mit ihm bekannt, das nicht weniger Staub aufwirbeln dürste In einem Artikel: „Warum es Deutichland verboten war, Krieg zu führen", sieht sich nämlich der Londoner „Daily Expreß" zu Angriffen gegen Deutschland veranlaßt, deren Urfbtung deutlich auf Cari- wright htnweist. Es geht uns darüber folgende Meldung zu:
S London, 19. Oktober.
(Telegramm unseres Korrespondenten.)
In dem Attikel des „Daily Expreß" wird ausgefühtt, daß der Kaifer alles vorbereitet hatte, um seine Armeekorps an die französische Grenze zu schieben, daß aber plötzlich Rußland als Ententemacht seine Regimenter an der Grenze mobil gemacht habe, und daß gleichzeitig Englands Flotte bei Cremartv schlaabereit
eines Winkes wartete, was Deutschland veranlaßte, zurückzuhalten. „Daily Expreß" kommt nach diesem Phantasteprodukt auf Aeußerungen zu sprechen, die Sir Fairfax Cartwright in einem Interview über beit Frieden in Europa getan haben soll. Er soll sich bei dieser Gelegenheit dahin geäußert habe«, daß er auf seiner Balkanreise überall die Friedensliebe der Staaten festgestellt habe, daß man sich aber dort einen Streit der Großmächte unter sich zunutze mache« werde. Deutschland wähne sich überall schlecht behandelt und schiebe seine Niederlage in Marokko allein der englisch-französische« Freundschaft zu. Deutschland sei auch über die Maßen erstaunt, daß seine Entsendung eines Kriegsschiffs nach Agadir bei Italien die Aktion in Tripolis veranlaßt habe.
Re Schlacht bei
Dreihundert Tote bei den Rebellen.
Depeschen aus Hankau zufolge entwickelte sich gestern früh zwischen zweitausend Mann Regierungstruppen und zehntausend Aufständischen ein Gefech t. Admiral Sah-Tschen- Piug gab seinen Kreuzern den Befehl, Abteilungen zu landen. Die Aufständischen rückten von Wutschang her vor und eröffneten sofort das Feuer; die Geschütze der Kreuzer antworteten. Die fremden Kriegsschiffe setzte« Detachements an Land. Das Gefecht lieb bis mittags unentschieden. Die Aufständischen trieben die Angreifer vorübergehend zurück, bann aber begann sich der M a n- gela« Patronen fühlbar zu mache». Die Aufständischen zogen sich später auf Wutschang zurück. Heber den Ausgang des Kampfes liegt uns folgende Meldung vor:
ä Hankau, 19. Oktober. (Eigene Drahtmeldung)
Um vier Uhr gestern nachmittag wurde der Kampf beendet. Die Revolutionäre hatten etwa dreihundert Tote. Die Verluste der Kaiserlichen konnten nicht festgestellt werde«. Die Kanonenboote, die ebenfalls an dem Kampfe teilnahmen, konnten nicht viel ausrichten. Der Kampf tobte besonders an dem Bahnhof von Hankau, der von den Rebellen verschiedentlich verloren, aber immer wieder zurückgewonnen wurde. Ter Führer der Revolutionäre versuchte die kaiserlichen Truppen zu sich herüberzuziehen, was ihm aber nicht gelungen ist. Man erwartet, daß die Feindseligkeiten bald wiedereröffnel werden, da man auf beiden Setten Verstärkungen erwartet. In Hankau ist ein neuer Zug mit RegierungStruv- ven eingetroffen. Aus Schanghai wird noch gemeldet, daß sich die Revoluttonäre der Stadt Amoy bemächttgt haben.
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Ein Reuter-Telegramm meldet aus Hongkong: Während der gestrigen Feier des Geburtstages des Confucius wurde vor einigen Läden, die mit Fahnen in de« kaiserliche« Farben geschmückt waren, gerufen „N i e- der mit den Mandschus!" Die Menge wiederholte "diese Rufe solange, bis die Fahnen eingezogen waren.
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Sine Intervention der Mächte?
(Eigene Drahtmeldung.)
Depeschen aus Peking zufolge hat dort das Gerücht, daß die fremden Mächte intervenieren wollen, große Erregung hervorgerufen. Die Mitglieder der beratenden Versammlung, die sich in Peking aufhalten, wollen an die Mächte eine Note richten, in der sie dem Wunsche Ausdruck geben wollen, daß die fremden Mächte «ichtintervenieren möchten, da dadurch der Konflikt nur noch bedeutend verschlimmert würde. Eine Intervention würde den Mächten durchaus nicht den gewünschte« Erfolg bringen, denn die Interessen der Europäer würden durch den Aufstand nicht geschädigt, aber im Falle, daß sich die Mächte in den Streit einmischten, könnte es sehr leicht der Fall sein, daß deralteFrem- denhaß wieder zum Durchbruch käme, der dann sehr schwer zu bekämpfen sei. Zurzeit lebten die Chinesen mit den ausländische« Niederlassungen in freundschaftlichen Beziehungen, die aber jedenfalls aufhören würden, wenn eine Intervention seitens Europa erfolgen sollte. Die einzig richtige Politik für die fremde« Mächte sei, sich bei dem jetzigen Aufstand ganz neutral zu verhakten, bann würde dieser auch am beste« niedergeworfen werden können.
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Wien, 19. Oktober. (Eigene Drahtmeldung.) Aus gut informierter diplomatischer Quelle verlautet hier, es fei die Möglichkeit vorhanden, daß Japan in China intervenieren werde, falls China nicht imstande sei, den Aufstand niederzuwerfen, denn
Japan könne nicht zugeben, daß China eine Republik werde.
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Sie Rebellen in Nanking.
(Privat-Telegramm.)
In London eingegangene Depeschen auS Peking besagen, daß die Rebellen Nanking eingenommen haben. In den Straße« sanden heftige Kämpfe statt. Die Kaiserlichen setzten den Aufständischen hartnäckigen Widerstand entgegen. Auch die Stadt Sian- k i a wurde von den Rebellen besetzt. Die Nachricht, daß Nanking gefalle« ist, wird vom Schanghaier Korrespondent des „Newyork He- rald" bestätigt. Nachdem die Soldaten der neuen Armee entwaffnet waren, verließen sie die Stadt, die den Rebellen in bie Hände fiel. In Kiukiang schloß sich der Truppenkommandeur de« Revolutionäre« an, die die Stadt und die Forts auf der anderen Seite des Flusses nahmen. Derselbe Korrespondent meldet: Wir erwarten den Aufstand in den Wusangforts jeden Augenblick. I« Peking ist vorläufig alles ruhig. Der Regent und die Mandschu-Würdenträger sind aber sehr bestürzt, da man die Ankunft von Mörderbanden in Peking erwartet. Vierzig Maschinengewehre sind zum Schutze des Palastes herangezogen worden.
Set Aeretten-Krieg.
Die Situation auf dem Kriegsschauplatz.
Depeschen aus Tripolis berichten uns: Obgleich die Türkei keinerlei Aussicht auf Erfolg hat, ist ihre Lage doch nicht so verzweifelt, wie man glaubt. Ma« hat die Türken Tripolis mit mehr Proviant und Munition verlassen sehen, als der Dampfer „Derna" ausgeladeu hat. Schließlich findet zurzeit die Dattelernte statt, mit deren Hilse der türkische Soldat erhalten werden kann. Die Vorposten der Türken befinden sich in Sanser und Ain Sara, von wo aus sie die Italiener mit nächtlichen Angriffen, wenn auch erfolglos, beunruhigen. Sie können, sobald bie Kriegsschiffe die richtige Stellung eingenommen haben, mit ben Schiffsgeschützen vertriebe« werbe«. In einer Stärke von breitausend Soldaten und sechstausend oder mehr Arabern halten die Türken die Karawanenstraße nach Tunis,die durch den Engpaß von Kasr Jofsron führt, besetzt. Weitere Depeschen melden uns:
Konstantinopel, 19. Oktober.
(EigeneDrahtmeldung.)
I« der Kammer verlas der Großwesir gestern die Programmerklärung des Kabinetts, die indessen über die auswärttge Polittt nur einige Sätze allgemeiner Natur enthält. Für die Erklärung über dieTripolis- ftage beantragte Said Pascha eine geheime Sitzung, die auch sofort angeordnet wurde. Die Programmerklärung dauerte nicht ganz eine halbe Stunde und wurde ohne jeden Beifall oder Zeichen von Anteilnahme angehört. Die Regierungserklärung war fast nichtssagend und beschäftigte sich vorzugsweise mit ben innern Reformen. Von Tripolis unb ben auswärtigen Angelegenheiten handelte nur der Schlußpassus. Gegen drei Uhr wurden die Tribünen geräumt und bie Kammer tagte hinter verschlossenen Türen. Gegen vier Hhr verließ eine große Anzahl von Komiteeleuten bie Kammer. Man glaubt baher, daß Saids Erklärung, als zu friedlich, der schärferen Richtung nicht genehm ist. In den Wandelgängen der Kammer verlautet, daß das Kabinett Said fallen unb Hilmi Pascha alsGroßwesir kommen werde. Die Ätzung wurde um halb fünf Uhr auf Donnerstag nachmittag vertagt. Wie verlautet, ist man gestern noch zu keinem endgültigen Resultat gekommen.
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Ein Vrivattelegramrn Meldet int8 aus Paris: Hier eingegangene Depeschen aus Tripolis besagen, daß die Italiener für einen der nächsten Tage einen energischen Vorstoß gegen Süden planen, um das Hauptguartier der Türken beim Orte Algeria zu erreichen. Dort soll ein entscheidender Kampf geführt werden.
Mmollo im Reichstag.
Eine Erklärung des Reichskanzlers.
(Von unserm parlamentarischen Mitarbeiter.?
„. . . Wie der Sterne Chor um bie Sonne sich stellt": Auf ber Bundesratsempore die leitenden Staatsmänner, an erster Stelle der Reichskanzler in eigner Person, die lange, schlanke Figur in den bekannten, dunkelgraue« Gehrock gehüllt; neben ihm der wohlbeleibte Lenker des Auswärttge» Amtes, die Staatssekretäre Delbrück und Wermuth und ein Heer von Kommissaren. Es sah fast so aus, als ob es ein „großer Tag" werden sollte, zumal auch