Casseler Neueste Nachrichten
1. Berlage.
Dienstag, 17. Oktober 1911.
Nr. 267.
Erster Jahrgang
Wie Kaiser Friedrich starb.
Ernst von Bergmanns Tagebuchblätter.
Sude dieses Monats erscheint tat Leipziger «er- tag von F. 6. W. Vogel unter dem Titel „Ernst von Bergmann" ein Werk oon Arend Buch, hol,, das eine authentisch« Darstellung des Lebens- werksS des berühmten Chirurgen enthält. Eines der interessantesten Kapitel deS Werke» ist dasjenige, das von der Krankheit Kaiser Friedrichs handelt und aufgrund der an Ort und Stelle nisder- gsschrtsbenen Tagebuchblätter Bergmanns und der Briefe an seine Fran bearbeitet ist. Der Heraus- gebet schreibt in diesen Aufzeichnungen:
Am zweiundzwanzigsten März 1887 feierte gatij Deutschland den neunzigsten Geburtstag des ersten Kaisers des neuen Deutschen Reichs. Wenige Wochen später meldete sich schrill die herbe Sorge um den Erben der Krone. Gegen Ende Mai wußte die ganze Welt, daß er in fortgesetzter ärztlicher Behandlung stand. Seit dem Januar 1887 litt er an andauernder Heiserkeit. Anfang März wurde Gerhardt zur Behandlung hinzugezogen, der am Rande des linken Stimmbandes eine unebene Bor- ragung feststellte. Die Diagnose lautete auf polypöse Verdickung des Stimmbandrandes. Schon Anfang April häuften sich die Bedenken gegen die Gutartigkeit der Neubildung. Eine Kur in Ems war schon in Aussicht genommen: wenn nach Wochen der Ruhe die Geschwulst wieder gewachsen, dann wollte er das entscheidende Wort sprechen. Am fünfzehnten Mai kehrte der Kronprinz zurück, und Gerhardt fand seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt: Er wünschte die Zuziehung eines Chirurgen, und zwar Bergmanns. Bergmann untersuchte am nächsten Tag und sprach sofort den Verdacht einer bösartigen Neubildung aus und begründete ihn. Er schlug zugleich den äußersten Kehlkopfschnitt vor. Am achtzehnten Mai sand eine nochmalige Untersuchung statt, nach der Tobold das Leiden gleich Gerhardt und Bergmann als
Krebs des linke« Stimmbands bezeichnete. Daß die Aerzte (wie die „Gedanken und Erinnerungen" des Fürsten Bismarck berichten) entschlossen waren, „den'Kronprinzen b ewu ß t l o s zu machen und die Exstirpation des Kehlkopfes auszuführen, ohne ihm ihre Absicht angekündigt zu habens ist unrichtig Die totale Entfernung des Kehlkopfes ist nicht vorgeschlagen, und dem Kronprinzen nichts verschwiegen worden. Es wurde auch mit seiner Zustimmung alles für die Operation vorbereitet, und sie selbst auf den einundzwanzigsten Mai, morgens acht Uhr. festgesetzt. Die Kronprinzessin wählte das Operationszimmer aus, half unermüdlich bei der Einrichtung und sorgte, daß auch nicht das geringste vergessen Würde. Der Operationstisch, die Instrumente und sterilisierten Verbände wurden ins Palais geschafft. Die Kronprinzessin übergab Berg- mann einen Schlüssel zu der nach der Nteder- wallstraße führenden Tür, damit er jeden Augenblick ungehindert Einlaß fände, und einen anderen Schlüssel zu einem Schretbtrsch, worin er die für sie bestimmten Mitteilungen, falls sie nicht anwesend war, niederlegen sollte. Nun wurde noch die Ankunft Mackenzies abgewartet. Am zwanzigsten Mai um fünf Uhr nachmittags traf er ein, und schon um sechs- Uhr waren die Aerzte zu einer neuen Untersuchung versammelt. Mackenzie war ohne Instrumente gekommen. Es ist ja bekannt genug, daß
sein Widerspruch die Operation vereitelte. Bergmann sprach sich dahin aus, daß für einen Operateur nichts so erwünscht sein könne, als schon vor der Operation Gewißheit über die Natur der zu operierenden Neubildung zu erhalten, und bat daher, dem Vorschläge Mackenzies beizutreten. Am einundzwanzigsten Mat entfernte Mackenzie ein kleines Stück Gewebe. Aus Virchows Beschreibung mußte man aber schließen, daß eine Folgerung nicht reckt möglich wäre. Daher suckte Mackenzie zwet Tage später ein weiteres Probeobjett zu gewinnen. Schon damals warf ihm Gerhardt vor, er habe statt des linken das reckte seither gesunde Stimmband mit der Zange gefaßt. Tatsache aber ist, daß er die Wunde mit harmlosen Pulvern behan
delte, und daß das gesunde Stimmband eine Verletzung zeigte, die es vor seinem chirurgischen Eingriff nicht hatte. Am zwölften Februar des nächsten Jahres schneb Bergmann an seine Frau aus S a n R e m o, wohin inzwischen der schwerkranke Kronprinz übergesiedett war: Seit zehn Tagen hat die Atemnot täglich zugenommen. Herr von Lyncker und Major von Kessel sowie die Kinder haben dringend um meine Berufung oder wenigstens die Zuziehung Bramanns gebeten. Alles vergeblich. Mackenzie hat gesagt, es sei noch viel Zeit. Zwei Nächte hat der Kronprinz nicht mehr schlafen können, er hat im Bette nach Lust ringend gesessen.
Am Tage ist es besser gewesen. Indessen Mittwoch beim Diner hat er sich nach der Serviette gebückt und in demselben Augenblick einen Erstickungsanfall bekommen, daß er selbst gemeint: „I ch d a ch t e, i ch e r st i ck e. Immer noch haben die drei Aerzte gesagt, es habe das alles nichts zu bedeuten. es würde wieder besser werden! Endlich Donnerstag, den neunten Februar um neun Uhr, kommt Mackenzie zu Bramann und sagt ihm: „Sie müssen gleich operieren." Bramann antwortete, er operiere nur, wenn er sich selbst von der Notwendigkeit überzeugt. „Nun, so kommen Sie gleich zum Kranken." Bramann war erstaunt: Er fand die A t e m n o t k o l o s - s a l. Darauf bat er um Absendung eines Telegramms an mich. Dasselbe ist neun Uhr zwanzig von Schrader aufgesetzt worden, aber erst um ein Uhr neun abgegangen. Immer schlimmer wurde es mit der Dyspnoe. Um ein Uhr sagte Mackenzie: „Ich l ohne jede Verantwortung ab, wenn Sie nrcht operieren." Bramann erklärte, noch warten zu wollen, bis von mir Antwort da fet. Indessen um drei Uhr mußte er operieren. Mackenzie und Krause protestierten gegen das Chloroform; auch die Kronprinzessin sagte: „Unter keiner Bedingung gestatte ich Chloroform." Da erklärte Bramann: „Dann operiere ich nicht, ich bitte einen der anderen Herren zu operieren. Furchtbare Szene!
Keiner will operieren, jeder erklärt, er könne es nicht. Mittlerweile ist Bramann zum Kronprinzen herangetreten und hat ihn beredet. Das letzte Wort nimmt nun ber Kronprinz: „Operieren Sie mich gleich, ich gebe mich in Ihre Hände, operieren Sie fo, wie Sie es für gut finden." Gleich im Beginn der Narkose Ohnmacht, dir aber schnell vorübergeht. Die Assistenz will nur Schrader übernehmen, Mackenzie und Hovell erklären, daß sie dazu außerstande sind. Keiner will chloroformieren, da sie die Narkose für unerlaubt halten. Endlich entschließt sich Krauze mit einem Protest gegen das Chloroform zum Halten der Kappe. In zwanzig Minuten ist alles beendet. Mackenzie wird blaß und wankt, er muß schnell ein Glas Wein hinunterstürzen. Dann sagt er zu Bramann, er habe noch nie einen Chirurgen gesehen, der so ausgezeichnet operiere wie er, und begibt sich zu den im unteren Salon weinend dasitzenden Prinzen und Prinz essin- n e n. Nach der Operation Natürlich große Erleichterung, ruhiger Schlaf, nur wenig Hustenreiz. Alle, alle rühmen Bramann, der mit eisiger Ruhe gehandelt hat. Die Kronprinzessin hat mir darüber geklagt, daß Bramann Chloroform gebraucht hätte: das wäre doch ein großer Fehler gewesen . Ich sagte: „Kaiserliche Hoheit,
es wäre ein Bervrechen gewesen, wenn er nicht chloroformiert hätte. Kraus sagte mir auf meine ernste Frage: „Warum ist nicht sckon Dienstag an mich telegraphiert worden?" „Ick habe stets, schon vor vierzehn Tagen, darauf gedrungen, allein, ick konnte mit meiner Meinung nickt gegen die anderen Aerzte auskommen." Ich halte das Verbrechen der drei Aerzte für um so größer, als sie jetzt eingestanden haben, daß sie alle die Tracheotomie nicht machen konn- t e n. Denn als sie alle erklärten, es dürfe unter keiner Bedingung chloroformiert werden, sagte Bramann: „Dann bttte ich einen der Herren, zu operieren, ich operiere nur mit Chloroform." Nun schwiegen alle und baten
Bramann, nicht zu zögern, bloß daß sie den Kronprinzen bestimmen wollten, sich nicht chloroformieren zu lassen. Da bewährte der deutsche Held wieder Seelengröße, indem er lächelnd Bramann die Hand reichte und anordnete, es olle alles fo gemacht werden, wie Bramann es wolle. Wenn Gottes Wille eS anders gefugt hätte, und beim Schnitt Lust in eme der Denen getreten, und der hohe Patient gestorben wäre: Bramann hätte man kaum einen Vorwurf machen dürfen, denn er operierte, chloroformierte, alles in einer Person, da Krause n t ch t einmal den Kopf zu haIttn ver- mochte, sondern ihn gleich beim ersten H autschnitt f a llen li e ß, und Mackenzie gesteht, er sei bei der Operation mehr tot als lebendig gewesen.
Das Vergehen liegt darin, daß absichtlich nichts geschehen ist, die schwere und gefährliche Operation zu erleichtern durch Herbelziehung von mehr als einem geschulten Chirurgen. Noch am dritten April be st ritt Macke nz t e, daß Krebs vorliege. Am. zwölften April um drei Uhr nachmittags überbrachte Bergmann ein königlicher Depeschenreiter einen Brief Mackenzies, worin er mitteilte, daß es Schwierigkeiten mit der Kan ule gäbe, und er ihn bäte, so schnell als möglich zum Kaiser zu kommen. Er und Bramann fanden ihn im Ersticken. In wenigen Minuten aber war die Gefahr durch Einführung einer mitgebrachten Kanüle beseitigt, und der Kaiser vor dem Tode bewahrt... Es folgt dann eine Schilderung der letzten Lebens- und Leidenswochen Kaiser Friedrichs mit der Krise, die am fünfzehnten Juni zum Tode führte. Die Sektion der Leiche sollte anfangs unterbleiben, da sie aber das einzige Mittel war, der mißhandelten Wahrheit zum Siege zu verhelfen, wandte sich Bergmann durch Schweningers Vermittlung an Bismarck mit der Bitte, die Sektion zu veranlassen. Mitten in der Nacht wurde Beramann in das Reichskanzlerpalais boschieden. Er traf den Kanzler und Schweninger jeden vor einer Maß Bier sitzen. Bismarck War anfangs nicht dazu zu bringen, hier einzugreifen: er habe schon genug Schwierigkeiten; da die Kaiserin Friedrich die Sektion nicht wünsche, so wolle er ihr nicht entgegenhandeln. Die Sektion fand dann später doch statt, doch beschränkte sie sich auch diejenigen Teile, die zur Feststellung des Leidens unerläßlich waren.
Am aller Welt.
Stufe« des Lebens.
Ein total verkommener und ze r l u m p t e r Mensch torkelte am Sonnabend in Hamburg in betrunkenem Zustande in die Pon- zeiwache, murmelte irgend etwas, was nicht zu verstehen war, und fiel dann fast leblos zu Boden. Er wurde in die Zelle gebracht, um seinen Rausch auszuschlafen. Als eo wieder nüchtern geworden, gab er an, daß er sich einer Unterschlagung schuldig gemacht habe und sich deswegen freiwillig stellen wolle. Die Feststellungen der Polizei ergaben, daß er einem in der Altstadt wohnenden Manne einig? Pfennige veruntreut hatte Der Selbstdenunziant wurde dem Hafenkrankenhaus übergeben, um dort seine Gesundheit, die arg zerrüttet ist, wieder zu gewinnen. Der Mann hat eine traurige Lebensgeschichte. Er ist der So h «eines hohenBeamtenm einer östlichen Provinz, besuchte das Gymnasium und sollte dann Offizier werden. Einige Tage vor feinem Examen schoß er mit mehreren Freunden aus einem Tescking; eine Waffe entlud sich vorzeittg und das Geschoß traf den jungen Mann ins Auge, das sofort auslief. So war die Karriere des jungen Menschen als Offizier vernichtet. Nach seiner Heilung trat er zum Kaüfmannsstande über. Er machte aber einige unangenehme Sachen, die zwar zu einer Strafanzeige nicht führten; der Gestrauchelte wanderte so schnell wie möglich nach Afrika. Dort ist der junge Mann in schlechte Gesellschaft geraten, sein geringer innerer Halt ließ ihn immer weiter zurückkommen und schließlich kam er total zerlumpt als Trimmer nach Ham bürg. Hier wurde er in den gemeinsten Ka
chemmen Stammgast, sein kärgliches Brot ver- ,iente er sich als Gelegenheitsarbeiter und den geringen Verdienst legte er hauptsächlich in Schnaps an.
¥
Set Berliner Biehhos-Skandal.
Der Skandal auf dem Berliner Vieh- Hof zieht immer weitere Kreise. Vielfach sind auch Viehkommiffionäre geschädigt, denen von den schuldigen Obertreibern weit mehr Futter angerechnet wurde, als von der Verkaufsstelle entnommen war. Auf diese Weife erbeutete allein der Obertteiber Rummel in der Zeil vom 4. April 1910 bis 4. April 1911 nicht weniger als dreiundzwanzigtausend Mark. Bei einer anderen Kommissionsfirma brachten in dem gleichen Zeittaum die Obertteiber Otto und Paul Heinrich es sogar auf je sechsunddreißigtausend Mark, die sie zuviel in Rechnung stellten. Diese beiden Brüder haben außerdem nach ihrem eigenen Geständnis anderen Kommsssionssirmen wöchentlich etwa 25 bis 30 Zentner Futter aus den Raufen und Trögen g e st o h l e n und für ich wieder an Kommissionäre verkauft. Rummler und die beiden Wolf sind bereits verhaftet worden. Die drei verhafteten Obertreiber haben weit über ihre Verhältnisse hinaus gelebt. Paul Wolf besitzt sogar einen eigenen Rennstall, der jährlich viele Tausende ver- schlang.
¥ Sie Unterschlagungen im Passage-Kaufhaus.
Gegen den früheren Prokuristen und Syndikus des Passage-Kaufhauses in Berlin, Dr. jur. Moritz Drehfus, hatte am Sonnabend die Sttaflammer des Berliner Landgerichts 1 zu verhandeln. Der Angeklagte war vom 1. Mai 1909 ab als Syndikus und später auch als Prokurist bei der Passage- Kaushaus-Aktiengesellschaft gegen ein Gehalt von zehntausend Mark angestellt gewesen. Als ihm einige Zeit lang auch die Geschästskaffe anvertraut wurde, eignete er sich etwa 1350 Mark an und verbrauchte sie für sich. Am ersten Oktober zog er ferner einen Scheck über 540 Mark bei der Palästina-Bank ein und verbrauchte gleichfalls das Geld für sich. Als die P assa ge - K au fh a u s--A kti engefellsch a ft im November vorigen Jahres in einem Prozeß, den ein Lieferant angestrengt hatte, in erster Instanz zur Zahlung von 12 000 Mark verurteilt worden war, stellte der Angeklagte einen von dem Direktor Pollak mitunterzeichnetem Scheck über 12000 Mark aus und zog das Geld für sich ein. Da er befürchten mußte, daß auch die übrigen Unterschlagungen zur Entdeckung kommen würden, ergriff er die Flucht nach Frankreich und von bort nach England, wo er schließlich verhaftet wurde. Der Angeklagte Drehfus wurde zu einem Jahr Gefängnis unter Anrechnung von einem Monat der erlittenen Untersuchungshaft verurteilt.
¥
Aus der Hetzler-Fagd.
Auf die Ergreifung des flüchtigen Millionende frau danken Hetzler aus Augsburg ist (wie wir schon meldeten) eine Belohnung von tausend Mark ausgesetzt worden, was die Wachsamkeit von Polizei und Publttum noch mehr anspornt. Schon tit verschiedenen Orten will man Hetzler als Frau verkleidet gesehen haben. Auch vorgestern glaubte man in Mannheim den flüchtigen Defraudanten gefaßt zu habe«. Ein Reisender des von Metz nach Ludwigshafen fahrenden Schnellzuges glaubte an einer in feinem Abteil sitzenden Dame verdächttg« Merkmale wahrzüuehmen, die auf eine männliche Person unter der weiblichen Kleidung schließen ließen. In Ludwigshafen suchte er die Polizei zu veranlassen, die Frau sestzunehmen; der Zug fuhr jedoch gleich wieder nach Mannheim ab. Durch die dortige Polizei wurde die Verdächtige einer näheren Prüfung unterzogen, und es ergab sich, daß auch hier wieder eine Täuschung vor- lag. Die Dame, es war ... eine Oberin, wurde, nachdem ihre Identität festgestellt war, von der Polizei unter höflichen Entschuldigungen entlassen.
Sie LmenmgWlage.
Humoreske, von Georg Pcrfich.
Die Wirtschafterin brachte den Morgenkaffee und er stürzte gleich darüber her; in spätestens fünf Minuten mußte er ja aus dem Hause, um seine Elektrische nicht zu verpassen.
Und gerade heute hatte die gute Frau Zeidler wieder ein Anliegen.
Er wußte schon, wenn sie so neben dem Tisch stehen blieb und die Hände faltete, daß ihr ein Stein auf dem Herzen lag, den sie herab und auf ihn wälzen mußte.
„Herr Brendelsberg ..."
„Was gibt es?"
„Es geht nicht mehr so weiter mit dem Wirtschaften. Heute ist erst Donnerstag und das Wochengeld ist alle bis auf eine Mark und achtzig Pfennige. Davon kann ich sie doch nicht noch zwei Tage unterhalten. Das reicht ja man knapp für einen."
Brendelberg setzte den Hut auf.
„Der Fall ift schwierig," sagte er, „und ich muß ihn mir überlegen. Wenn mein Portemonnaie leer ist. kann ich Ihnen nichts geben. Das begreifen Sie doch! Und augenblicklich ist es leer. Guten Morgen!"
„Bei einem Herrn zu wirtschaften, der kein Geld hat. darin kenn ich mich nickt aus," dachte Frau Zeidler und beschloß im Stillen, sich bald zu verändern.
Herr Artur Brendelberg aber kam an diesem'Morgen doch wieder um einige Minuten zu spät ins Bureau. Seine Elektrische hatte unterwegs „Stromstörung" gehabt.
„Ist er schon da?" fragte er leise die Stenotypistin Fräulein Müller, mit der er zusammen die Geschäfte der Firma Kurzbein u. Co. erledigte, und wies auf die ins Privatkontor des Chefs führende geschlossene Tür.
„Soeben gekommen."
„Barometer?" . .
„Schlecht Wetters bat kaum gegrüßt.'
„Flegelei!" . meinte Brendelberg respekt- widrig. „Aber mich schreckt das nicht. Und meinetwegen kann aus dem schlechten Wetter Sturm werden ... die Gehaltszulage wird ihm doch nicht geschenkt."
„Was wollen Sie?" fragte das Fräulem mit erbleichenden Lippen.
„Eine Gehaltszulage nachsuchen. Meine Wirtschafterin hat mir vorhin wieder ein Klagelied über die teuren Zeiten gesungen und mehr Hausstandsgeld verlangt."
„Ach Gott..."
„Sie bedauern mich?"
„Sehr! Wer ich dachte eigentlich an mich. Und als er sie verständnislos ansah: „Ich wollte Herrn Kurzbein heute ja mit demselben Anliegen kommen. Mein Gehalt reicht auch nicht mehr."
„Ist auch viel zu wenig! Also Sie wollten ... ein mitleidiger Blick streifte das hübsche Gesicht der jungen Dame, die so fleißig und brav war ... „dann stehe ich zurück. Ich warte."
„Das kann ich nicht annehmen," erklärte sie. „Sie haben doch ein weit größeres Anrecht aus Aufbesserung als ich. Ich bin ja noch nicht ein Jahr hier."
„Einerlei! Aber wenn Sie nicht den Vorrang haben wollen ... warum sollen wir nicht beide an den verehrten Chef, mit unserer Forderung herantreten? Leiden wir nicht beide unter der Teuerung? Haben wir nicht beide Anspruch auf eine Teuerungszulage? Ich werde mich als erster in die Höhle des Löwen wagen. Ich bin der Stärkere. Und werde ihn mürbe machen, ganz mürbe. Dann haben Sie es nackher um so leichter."
Herr Kurzbein öffnete die Tür.
„Herr Brendelberg!"
„Jawohl!"
„Die Post!"
„Jawohl!"
Und Herr Brendelberg verschwand im Zimmer des Chefs. Das Fräulein blickte ihm halb wehmütig, halb hoffnungsvoll nach.
Sie hörte, wie man drinnen ziemlich lebhaft miteinander sprach, hörte, wie Brendelberg eine längere Rede hielt.
Dazwischen wurde die dünne Stimme des Chefs vernehmbar, die in der Erregung immer einen so weinerlichen Klang bekam.
Und nun kam Herr Brendelberg wieder heraus ... mit erhobenem Kopf, wie ein Sieger.
„Bewilligt!" flüsterte er. „Er wollte erst nicht, seine Frau hätte ihn auch wieder um eine Erhöhung des Wirtschaftsgeldes gebeten, und das Geschäft brächt» das nicht mehr ein, aber zuguterletzt hat er doch ja gesagt. Fünfzig Mark mehr den Monat!"
„Ich gratuliere Ihnen!"
„Danke, Fräulein. Ist nun ein ganz schönes Einkommen, das ich habe, aber die Ausgaben sind auch nicht ohne. Ich habe Ihnen ja schon erzählt: Der Hausstand, den mir meine gute Mutter hinterlassen hat, mit dem Wunsche, mich nicht davon zu trennen, erfordert eine entsprechende Wohnung. Deswegen mutz ich mir auck eine eigene Wirtschafterin halten, bis ich mich mal verheirate. Ich möchte fast glauben, daß ich dann billiger leben werde ...“
„Fräulein Müller! Einige Dlttate!" lief der Chef.
„Rehmen Sie die Gelegenhett wahr!" raunte Brendelberg der diensteifrig Aufspringenden zu. „Rur nicht bange fein!"
„Ob sie's tun wird?" dacht« er, während er auf ihre Rückkehr wartete. „Sie ist so bescheiden! Und hat's doch nötig. Von der kleinen Pension des Vaters soll die ganze Familie leben. Und das soll sich immer nett kleiden, soll immer adrett sein. Was hat sie von ihrer Jugend? Nichts! Armes Ding!"
Er sah fast mit Rührung auf ihren leeren Platz. Und sah ihr gespannt entgegen, als sie wiederkam. .
Sie war noch blasser als sonst und in ihren Augen schimmerte etwas.
„Run?"
„Mgelehnt, und nicht nur das ... ich soll mich um eine andere Stellung bemühen. Eme Anfängerin würde für meinen Posten genügen. Er müsse die Unkosten einschränken. Mein Ge- halt sei noch zu hoch." ,
Herr Brendelberg zupfte an seinem Schnurr- bart. Es dauerte eine Weile, bis er Worte fand.
„Und ich Egoist habe den Stein ins Rollen gebracht," meinte er. „Hätte ich Sie zuerst hin- eingehen lassen, würde er mir wahrscheinlich nachher den Stuhl vor die Tür gesetzt haben."
„Sie sind ihm doch unentbehrlich!"
„Und Sie mir!" hätte er beinahe gesagt. Wie sie ihm fehlen würde! Wie kalt und unfreundlich es im Kontor fein würde, wenn sie nidjt mehr auf ihrem Platze säße!
Er legte seine Feder hin.
„Er hat Ihnen aufgesagt, jetzt soll er meine Kündigung haben."
„Herr Brendelberg!" rief sie erschrocken. .
„Oder ich stelle die Bedingung, daß sie bleiben."
„Nur ba§ nicht! Was ... was mußte er da- von denken?" Und ein Erröten lief über ihre Züge.
Brendelberg sah es.
„Es gäbe ja freilich noch einen anderen Ausweg," sagte er und seine Augen leuchteten. „Fräulein... wenn ich am Sonntag zu Ihren Eltern käme und spräche: Es ist eine schlechte Zeit ... keine gute Zeit zum Heiraten, aber ich habe eine Wohnung mit allem, was dazu gehört, die ist groß genug für zwei, und habe eine Teuerungszulage erhalten ... da könnt« ich's schon unternehmen. Wenn ich so täte und spräche! Aber zuvor müßte ich allerdings wissen, ob das Fräulein Tochter ...?"
Während der Chef der Firma Kurzbein n. Co. in feinem Privattontor rechnete und über die Teuerungszulage zum Wirtschaftsgeld seiner Frau und zum Gehalt des Buchhalters stöhnte, geschah nebenan etwas Unerhörtes ... die beiden Angestellten des Hauses küßten sich-