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ssft. 267. 1, Jahrgang._________________

verwenden könne, die sich in großer Menge an­gehäuft habe. In Hankau liefert das in den Händen der Rebellen befindliche Arsenal täglich fünfundzwanzigtausend Patronen. Hun- dertvierzia Feldgeschütze stehen bereit. Der Te- legraph ist in den Händen der Aufständigen.

, V Die Rebelle« an die Machte.

?! (Privat-Telegram m.)

' Die Rebellen haben an die Mächte eine Proklamation gerichtet, in der es heißt: Im Kamen der M enschh e it und des Welt- fr i e d e n s hat die republikanische militärische Regierung beschlossen, die Mandschus aus China zu verjagen, und sie teilt den be­freundeten Mächten der Republik der Mitte folgendes mit: Das Volk wird alle zwischen China und den Mächten abgeschlossenen V e r - träge respektieren; das Volk erkennt die A n l e i h e n und die Schulden an, die vor der Revolution kontrahiert worden sind: alle den Fremden erteilten Privilegien werden an­erkannt, und das Volk wird das Leben und die Güter der Fremden, welche sich auf den vor der Revolution eroberten Gebietsteilen befinden, schützen; das Volk erkennt keinerlei Anleihe oder Schuld der Mandschuregierung an, die nach dieser Erklärung abgeschlossen worden ist. Wenn die Mächte die Mandschuregierung gegen das Volk unterstützen, so werden diese fremden Mächte als Feinde behandelt. Die von den fremden Mächten der Mandschuregierung gelie­ferten Waffen, Munition oder Proviant, die zum Kampf gegen das Volk dienen sollen, wer­den konfisziert.

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Krieg den Mandschus!

(Privat-Telegramm.)

Eine andere Proklamation der Rebellen, die dieRepublik der Mitte" errichtet haben, ist an die Armee gerichtet. Es heißt darin unter anderm: Alle Chinesen sind Brüder, aber die Republikaner und die im Dienste der Mandschus stehende Regierung sind getrennt. Man muß die den Mandschus die­nenden Soldaten verleugnen. Seitdem die Mandschus China unterdrücken, haben zwei große Revolutionen stattgefunden, aber es sind nicht die Mandschus gewesen, die diese Revolutionen unterdrückten, sondern die Chine­sen. die im Dienste der Mandschus standen. Wir erklären den Mandschus den Krieg, diese sind nicht imstande, zu wider­stehen. Wir sind vierhundert Millio­nen und sie nur vier Millionen, sie ha­ben weder Handel noch Landwirtschaft. Sie haben den militärischen Geist verloren und sie können selbst nicht mehr zu Pferde steigen. Sie werden lediglich durch die Regierung unterhal­ten. Wenn die Chinesen es wollen, so ver­jagen sie die Mandschus, und die Chinesen wer­den dann sofort die Herren sein. Der V i z e - könig von Kanton hat befohlen, überall Nachforschungen nach diesen Proklamationen zu halten und sie zu vernichten.

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Telegramme aus Tokio besagen, daß zahlreiche als Chinesen verkleidete Ja­paner in den Reihen der Revolutionäre Dienste tun. Es ist jedenfalls auch sehr merk­würdig, daß sich gerade beim Ausbruche der Revolution der japanische Militär­agentin Wutschang befand, und daß am nächsten Morgen der japanische Admiral Kawa- shima dort eintraf. In maßgebenden Kreisen schließt man daraus, daß ein geheimes Einverständnis zwischen den Revolutio­nären und Japan vorhanden ist.

Sunhat-Sen, der Rebellenführer.

Hinter den Kulissen der Revolution.

Einige bemerkenswerte Einzelheiten über die Laufbahn von Sunhat-Sen, dem Haupt der revolutionären Bewegung in China, der bereits als erster Präsident für die in Aus-

Cäffeler Neueste Nachrichten

Französisch-Gabon, Herr R o g n o n, in Berlin und zwar im Auftrage der Minister des Aeuße- ren und der Kolonien zu dem Zwecke, die deut­schen Regierungskreise über den Wert des französischen Kongogebiets aufzu­klären. Herr Rognon wird während der gan­zen Zeit der Unterhandlungen zur Verfügung des französischen Botschafters Cambon blechen, dem er als technischer Berater zugeteilt worden ist. Die Hauptschwierigkeiten sollen jedoch in Paris erledigt werden.

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Von »beachtenswerter Seite" will der »Vor­wärts" erfahren haben, daß die Absicht bestehe, den Reichstag kurz nach seinem Zusammentritt aufzulösen, sodaß die Neuwahlen noch vor Weihnachten stattfinden würden. Der .Vorwärts" gibt diese Meldung allerdings nur unter Vorbehalt wieder und sie klingt ja auch recht unwahrscheinlich.

Aus Köln wird uns gemeldet: Von einer Seite, die informiert sein kann, wird bestätigt, daß das Prinzenpaar August Wil­helm im Schlosse Brühl bei Köln dauernd Aufenthalt nehmen und daß der Prinz wahr- sckeinlich bei der Regierung in Köln tätig sein wird. Die Uebersiedlung dürfte im nächsten Frühjahre erfolgen.

Ein Pribat-Telegramm berichtet uns aus Stuttgart: Von konservativer Seite wird den bürgerlichen Parteien des ersten württembergischen Reichstagswahlkreises Stutt­gart der Vorschlag gemacht werden, den Gra­fen Zeppelin als Kandidaten für die näch­sten Reichstagswahlen aufzustellen.

Depeschen aus Madrid zufolge verlautet in dortigen unterrichteten Kreisen, daß der In­tendant des Königlichen Opernhauses beauf­tragt worden ist, außerordentliche Vorbereitun­gen zu einer großen Galavorstellung, die Mitte November stattfinden soll, zu treffen. Diese Vorbereitungen werden in Madrid mit einem beabsichtigten Besuch Kaiser Wilhelms in Verbindung gebracht.

Neuer tiom Lage.

(Depeschen der Casseler Neuesten Nachrichten.)

LL Defraudationen im Polizeipräsidium. Unter dem Verdacht der Unterschlagung amtli­cher Gelder wurde gestern abend der beim Nirdorfcr Polizeipräsidium tätige Poli- zcisekretär Walter verhaftet. Walter, der bisher diätarisch beschäftigt war, sollte demnächst fest angestellt und mit der Führung der Polizeikasse betraut werden. Bei einer un­vermutet vorgenommenen Revision wurde jetzt ein Fehlbetrag von über 1000 Mark festgestcllt.

XX Auf der Jagd verunglückt. Aus B r e h - ncn bei Wittenberg wird uns berichtet: Als der Oekonpmierat S e r n a u gestern mit sei­nem achtzehn Jahre alten Sohn durch die Fel­der fuhr, um auf Rebhühner zu schießen, entlud sich infolge Schüttelns des Wagens das Ge­wehr. Der Schutz drang dem Sohn in den Rücken. Schwer verletzt wurde er nach dem elterlichen Hause gebracht, verschied aber trotz rasch herbeigeholter ärztlicher Hilfe.

xx Zusammenstoß im Bahnhof. Auf dem Personenbahnhöfe in Münster stieß der aus Gronau kommende Zug auf den noch rangie­renden Cösfelder Personenzug. Die Maschine des Gronauer Zuges und zwei Wagen wurden schwer beschädigt. Personen sind nicht verletzt.

xx- Soldaten als Räuber. Das Militär­gericht von Le Mans verurteilte gestem drei Kürassiere, die in der Nacht zum sechsten Juni über die Kasernenmauer geklettert wa­ren, gcweglagert und zwei Vorübergehende beraubt und niedergeschlagen hatten, den einen zu fünf, die beiden anderen zu drei Jah­ren Gefängnis.

xx- Wieder einer! Der entlassene Direktor der Wiener Autotaxameter-Gefellschaft, Ar­nold R i t t e r v o n N a r i o w s k v, ist auf Grund einer Strafanzeige der Gesellfchaft we-

sicht genommene neue chinesische Republik vor- geschlagen ist, wurden einem Pressevertreter von Dr. James C a n t l i e gegeben. Das erste Zusammentreffen dieser beiden sand in Hong­kong statt, wo Dr. Cantlie Professor an der Universität und der Rebellenführer einer feiner Hörer war. Später beteiligte sich Sunhat-Sen an einer Verschwörung, es gelang ihm jedoch, aus Kanton zu entfliehen. Er kam nach England und durch die Verräterei eines fei­ner Landsleute wurde er am elften Oktober 1896 in die chinesische Gesandtschaft gelockt, wo er zwölf Tage gefangen gehalten wurde. Durch einen Brief, den er aus dem Fenster warf, be­nachrichtigte er seinen Lehrer Dr. Cantlie, der durch Vermittlung des britischen Auswärtigen Amtes die Freilassung erwirkte. Vor sechs Mo­naten war Dr. Sunyat-Sen noch in London. Von hier fuhr er nach Amerika, ohne jedoch Dr. Cantlie seine weiteren Absichten mitzuteilen. Ueber die Vorgänge in China und über den Zusammenhang dieser mit der Abreise von Sunhat-Sen befragt, fagte er:

Ich weiß, daß feine Partei für die Vor­gänge in China verantwortlich ist, und die Grundsätze, nach denen sie arbeiten, sind fol­gende: Vor allem sind sie gegen die Mandschu-Dynastie und für eine chi­nesische Republik. Oft habe ich ihn we­gen feiner Ideen verlacht und fagte ihm, daß es unmöglich sei, das chinesische Volk gegen den Thron aufzustacheln. Er erwiderte, daß die ver­schiedenen Provinzen Chinas wichtiger seien, als die einzelnen Staaten der Vereinigten Staaten und unabhängiger noch als Kanada vom Mutterlande. Ein Vizekönig hat dort un­umschränkte Macht. Er sendet der Regierung in Peking seine Berichte und Geld. Ein jeder Staat kann seine Soldaten ausheben und seine eigene Flotte bauen. Er hat seine eigene Re­gierung und alles was in China notwendig ist, ist eine Zentralregierung. Die Idee der Revolutionäre ist, die M a n d s ch u - D v n a - stie durch eine Zentralregierung zu ersetzen mit einem Ober- und einem Un­terhaus. Zu seinem Grundsatz hat er gemacht, daß bei einer Revolution alle Fremden g e - schützt werden sollen. Alle christlichen Kirchen werden respektiert werden. Auch ist Sunhat- Sen selbst ein Christ. Seine Aussichten sind nicht schlecht. Vor allem hat er Geld zur Ver­fügung. Und hierzu kommt, daß der größte Teil der modern ausgebildeten Truppen der Mandschu-Dhnastie f e i n dl i ch gesinnt ist.

- -as-

Sie MM des Tages.

s Intermezzo in der Hasenheide. Wie uns aus Berlin berichtet wird, war dort gestern eine Eisenbahnerversammlung in Hasenheide einberufen worden, um zur T e u e - rung der Lebensmittel Stellung zu nehmen. Als dem sozialdemokratischen Landstagsabge­ordneten Hoffmann das Wort verweigert wurde, kam es zu einem großen Tumult. Schließlich verließ Hoffmann den Saal. Gleich­zeitig erhoben sich etwa tausend Eisenbahner und entfernten sich gleichfalls unter Hochrufen auf Hoffmann.

S3 Die jüngsten Anarchisten-Berhastungen. Einem Telegramm guS Hamburg zufolge wird jetzt über die Ursache der dortigen Anarchisten­verhaftungen folgendes bekannt: Im Frühjahr desertierte vom Pionierbataillon in Hanau der Pionier Nürnberger. Nachforschungen er­gaben, daß er vermutlich nach Hambura ge­gangen sei. Vor einigen Tagen hat sich Nürn­berger seinem Bataillon freiwillig gestellt und bei der Vernehmung angegeben, daß er mit drei Anarchisten in Hamburg in Verbin­dung gestanden habe. Auf Grund der Feststel­lungen des Hanauer Gerichts der einundzwan- zigsten Division wurden in Hamburg die drei Anarchisten verhaftet.

Herr Rognon, der Makler. Nach Mel­dungen der Pariser Morgenblätter weilt augenblicklich der frühere Gouverneur von

Dienstag, 17. Oktober 1911. gen Veruntreuung verhaftet worden. Die Unterfchlagungen follen hunderttausend Kro­nen übersteigen.

XX Zusammenstoß auf der Straßenbahn. Im Prager Vorort Weinberge fand ein Zu­sammenstoß zweier Straßenbahnwagen statt. Ein Anhängewagen wurde zertrümmert. Acht Personen wurden mehr oder weniger schwer verletzt. Die Ursache des Unglücks ist bisher nicht bekannt.

xx Die Tragödie eines Professors. In der oberösterreichischen Landesirrenanstalt Nie­dernhart hat sich der dort seit zwei Wochen untergebrachte, am Verfolgungswahnsinn lei­dende Professor der Theologie, Dr. Ignaz Wild, in einem unbewachten Augenblick er­hängt.

xx Die falsche Tüte. Die ganze, aus acht Personen bestehende Familie des Kaufmanns Nokoszinski in Sosnowize (Russisch-Po- len) ist nach dem Genuß von Nudeln unter Vergiftungserscheinungen schwer erkrantt. Tas Dienstmädchen hatte versehentlich an Stelle der Tüte mit Mehl eine Tüte mit Zinkweiß zur Bereitung der Nudeln genommen.

XX- Ein blutiges Familiendrama. Eine F a - rnilientragödie hat sich in dem Städt­chen Sjemianow in Rußland abgespielt. Von dort wurde der Beamte des Landrats­amts Bobrowelski auf einen schlechteren Posten der Nachbarschaft versetzt. Als seine Frau davon Kenntnis erhielt, drohte sie, ihn zu verlassen. Das brachte Bobrowelski außer Fassung; er erschoß seine Frau und seine Schwiegermutter und tötete sich dann selbst.

ttr Opfer des Sturmes. Amtlich wird mit­geteilt, daß bei dem letzten Taifun auf Formosa 675 Personen getötet und 677 ver­letzt wurden; 26 048 Häuser sind zerstört, 35 700 beschädigt und über 20 000 Hektar Felder sind verwüstet worden. Unter der Bevölkerung hat eine furchtbare Verwirrung Platz gegriffen.

XX Das Revolutions gcspenst. Wie aus B a- k u gemeldet wird, hat die Polizei im dortigen Literatenverein während eines Vor­trages vierzig Zuhörer und den Vortragenden verhaftet. Ueber hundert Haussuchun- gcn wurden vorgenommen. Es soll sich um die Aufdeckung einer revolutionären Organisa­tion handeln.

Sos Neueste aus Kassel.

Kassel und die Teuerung.

Die gestrige Volksversammlung im Stadtpark-Restaurant.

Gestern vormittag fand im großen Saale des Stadlpark-Restaurants eine Volksversamm­lung statt, in der der Kandidat der sozial- demokrattschen Pattei für den Wahlkreis Cas­sel-Melsungen, der Stadtverordnete Hütt- mann aus Frankfutt am Main, über die gegenwärtige Lebensmittelteue- rung sprach. Der Redner ging aus von der Zollpolittk des deutschen Reiches und beson­ders von dem im Jahre 1902 zum Abschluß gebrachten Zolltatts, der einer geringen Menge in einer oberen Kaste Nutzen bringt, aber der wettaus größten Mehrzahl des deutschen Vol­kes nur schweren Schaden bereite. Deutsch­lands Zollpolitik in Verbindung mit den in den Jahren 1904 und 1905 abgeschlossenen Handelsverträgen seien schuld an der Lebens­mittelteuerung. Seit jener Zeit sei ein lang­sames, aber stetes Steigen der Lebensmittel- Preise zu konstatieren. In normalen Zeiten würden teure Zeiten weniger gespürt als in Zeiten wirtschaftlicher Krisen. Und da in ande­ren Ländern ebensoverrückte Zoll- und Han- delspolittk" gettieben würde, sei auch dott eine Teuerung zu verspüren. Hüttmann behandelte die Frage der Lebensmittelteuerung alsdann unter dem Gesichtswinkel der Volksernährung, streifte dierückschttttlich gesinnte" Casseler Stadtverwaltung und kam zu dem Schluß,

Sie Wienerinnen.

Die Erstausführung im Casseler Hoftheater.

Endlich sind Hermann BahrsWie­nerinnen" auch zu uns gekommen. An die zehen Bahr' ist es her, daß das Lustspiel zuerst in erlitt aufgeführt wurde und von dort feinen Weg über eine lange Reihe deutscher Bühnen nahm. Da ist es eigentlich hohe Zeit, daß auch wir mit diesem Stück des geistreichen Jung­wieners bekannt gemacht werden. Eine Pre­miere derWienerinnen" klingt heute beinahe wie ein Anachronismus. Im Laufe der Zeit ist die Bewertung des Stücks als eine be­lustigende Causerie wohl dieselbe geblieben; nicht aber die Ansicht über den Autor. Babr hat sich mehr und mehr als ein recht wandel­barer Aesthet erwiesen, der jeder literarischen Modeströmung leicht und gern folgt. Um fo spaßiger mutet es an, daß er in dieser Komödie mit der vergnüglichen Karikatur gegen die Schöngeisterei derModernen" und den hohlen Snobismus zu Felde zieht, während er doch selbst ein großer Schöngeist ist und mit Vor­liebe literarische Moden schafft. Er bespöttelt unsere Gesellschaftskultur mit ihrer ziemlich wahllosen Bewunderung von Tagesmoden, fei es in Toilettenfragen oder in den Wohnungs­einrichtungen, und die ästhetischen Fünsuhr- Tees in den schöngeistigen Salons. Und doch fühlt er sich in den geschmähten Gesellschafts­kreisen ganz wohl und ist in den Wiener Sa­lons eine mindestens ebensointeressante" Er­scheinung wie der ästhetisierende Salonheld in dem Stück, Dr. Mohn, dem er durch den Archi­tekten Ullrich als den Vertreter der natürlichen Empfindung und des guten Geschmacks, eine gründliche Abfuhr besorgen läßt. Wer den schwarzen Mähnenkopf mit den lebhaften dunk­len Augen mal über dem Rednerpult gesehen und den ästhetisierenden Votträgen Bahrs ge­lauscht hat, der kann schon auf den Gedanken kommen, daß diefer Wiener Vertpandlungs- künstler mit dem Dr. Mohn ein ganz klein we­nig sich selbst persisliett. Zuzutrauen wäre ihm ein solcher Scherz schon. . . . Jedenfalls ist das Lustspiel ohnedies witzig genug, voll Sarkasmen, liebenswürdigen Spötteleien und prickelnden Scherzchen, nicht ohne einigen Ernst dahinter. Ein echter Bahr, eine amüsante Abendunterhaltung, die die heitere Ausnahme durch das Publikum fehr wobl verdient.

Und die Handlung? . . . Ja. eine eigent­liche Handlung hat die Plauderei nicht, wenn man nicht die Schilderung der Phasen zweier junger Ehen dafür nehmen will. Der kluge und gradsinnige Architekt Ullrich hat ein reiches, junges Mädchen aus einem Haushalt voll ge­sellschaftlicher Unrast und alberner Modesererei heimgeführt. Er kann aber das in der Ellen Key-Modernität ausgewachsene und auf die Rechte feiner Persönlichkeit eifersüchtig bedachte Mädchen erst nach einem argen Konflikt zu einer Frau umwandeln, die das Leben ihres Mannes lebt und ihn versteht. In dem andern Fall weiß die kokette junge Frau über ihren nicht übermäßig resoluten Gatten sich durch eine lächerliche Szene dauernd ihre Herrschaft zu sichern. Von den drei Akten, die diese Ge­schehnisse füllen, leidet der letzte ein wenig un­ter einer etwas gewaltfamen Scklußwirkung. Sonst aber ist das Stück sehr graziös, und diese Tatsache ist umso schätzenswetter, als wir die Grazie bei den meisten unserer Neueren ver­missen. In dem Titel schon liegt sie angedeu­tet, Aber sonst hat dieser nicht viel Berechti­gung, denn nicht eigentlich die Wienerinnen, sondern die Torheiten des hypermodernen Weibleins werden verspottet. Undweanerisck" wird geplauscht. Aber der Umstand war die Achillesverse der Darstellung, nur bei wenigen kam der Dialekt rein und mühelos zum Aus­druck; Herr Wollmann als verschmähter Liebhaber, der auch sonst nicht am Platze war, sächselte sogar ganz gemütlich. Aber für die mangelhafte Beherrschung des Idioms entschä­digte die Charme, die Frau Bayrhammer als Gattin des Architekten (den Herr Alberti mit Wiener Gemütlichkeit und liebenswürdiger ironischer Ueberlegenheit spielte) und Frl. S t i e w e als leichtblütige Wienerin entfalte­ten. Den unglücklichen Gatten dieses flatter­haften Dämchens gab Herr S t r i a l mit ergötz­licher Komik und den Salon-Schöngeist Herr Z s ch o k k e mit süßlicher Pathetik. Frl. G r o a konnie als enfant terrible mit naseweiser Back­fischart wieder viele zum Lachen bringen, und Herr Hellbach bot eine dankenswerte Lei­stung in der Evisodenrolle des aufgeblasenen Lohnkellners. Die übrigen Mitwirkenden schu­fen gute Typen der Wiener vornehmen Welt. Die Regie «Herr Hertz er) hatte Sorge ge­tragen für eine stilechte Inszenierung, die aller­lei Hübsches an Raumkunst zeigte, und mit einer wahren Toilettenschau des Neuesten.

vom Humpelrock bis zum Turbanhut, zu einer graziösen Eleganz als der Grundstimmung des Stücks zusammenklang. H. E.

Men Gulbransm.

Die Ringaufführung im Hoftheater.

Mit dem gefingert Abend, der uns die Götterdämmerung" mit der berühm­ten Bayreuther Künstlerin Ellen Gul - branfon brachte, schloß die erste Ring-Auf­führung, die mit ihrer außerordentlichen Be­setzung' in den Hauptpartien das neue Abon- nementsjahr so vielverbeißend eingeleitet hatte. Das Interesse galt gestern wohl in erster Linie dem Gast, und dem wohlbekannten und berühmten Namen Gulbranson ist sicher der pekuniäre'Erfolg der Hoftheaterkasse zuzuschrei­ben. Ob wohl alle die Erwartungen erfüllt worden sind, mit denen das Publikum in die lichtflutenden Pottale einströmte? Ich glaube nicht. Frau Gulbranson's Brünnhilde leuch­tet trotz des vorgerückten Alters der Sängerin noch in edler Künstlerschaft. obwohl feine Spuren nicht unbemertt an der Stimme vor- übergegangen sind, und sich am Schluß der anstrengenden Briinnhildenrolle das Fehlen eines "größeren Sfimmvolumens bemerkbar machte. Immerhin vermittelte uns die Künst- leritt ein Stück edelstes Bayreuth, indem sie uns ganz mit den Intentionen Richard Wag­ners vertraut machte. Einen ersreulichen Ein­druck schuf Herr B r a n d e n b e r g e r mit sei­nem Siegfried, dessen Stimme, mit Ausnahme einer kleinen Ermüdung, in der Schlußerzäh­lung der großen Partie wohl gewachsen war, und. abgesehen von einigen stark tremulierten Stellen, sich durch DeuiliAeit des gesprochenen Wortes auszeichnete. Herr Ulrict verkör­perte den finstern und rachsüchttgen Hagen durch wuchtigen Gesang und treffendes Sviel. Nur dürste das Selbstgespräch im tiefsten Baß, das sicher nicht in der Wagner'schen Oriainal- vattitur zu finden ist, vor Beginn der Szene in der Gibichungenhalle fortbleiben. Herr Wuzsl gab dem schwachherzigen Gunther kräftige, überzeugende Züge. Sehr vielfettig zeigte sich Frl. Her per, deren Waltroute jedenfalls die gelungenste von den drei Par- tiett war. Frl. von der Osten zeichnete die Gutrune vielleicht zu zatt im Ausdruck. Die Nornen zum Anfang des Abends besttedigten

ebensowenig wie die einleitenden Takte vom Orchester unter Professor Dr. Beier, das, wie so häufig an den Ringabenden, durch zu viel Kraft den Sängern große Mühe bereitete, mit ihren Stimmen durchzudringen. Der zweimal mißglückte Hornruf Siegfrieds zu Anfang des dritten Aktes erhöhte keineswegs den Eindruck der Aufführung. Noch weitere StUlosigkeiten trübten die Gesamtwirkung des gestrigen Abends. Dahin gehört in erster Linie das ver­spätete Erscheinen Siegfrieds alias Gunther, sodaß das Erschrecken von Brünnhilde und vom Orchester bereits angedeutet, unverständ­lich bleiben mußte. In dem Anzug des Gurtther-Siegftieds, dessen blinkender Panzer nebst seinem Horn nur teilweise durch den weiten roten Mantel Gunthers verdeckt wurde, mußte es Brünnhilde eigentlich nicht schwer fallen, ihren eigenen Gatten Siegftied wieder zu erkennen. Den fchwierigen Chören fehlte, trotzdem Solomitglieder mttwttkten, die Po­litur. DieWürde des wahren Dramas" wurde im letzten Ring nur am Siegfrieds- tag annähernd erreicht. Alle anderen Abende flauten dagegen ab. Das Orchester bewältigte die Aufgabe mit Ausnahme der so ost er­wähnten unwichtigen Kräfteverteilung und Tempiverfchleppungen. Mit am besten gelang gestern der Trauermarsch. Die szenische Lei­tung lag in der kundigen Hand des Ober­regisseurs H e r tz e r, der manche Neuigkeit aus dem reinen Quell in Bayreuth geschöpft hatte. G. 0. K.

Kleines Feuilleton.

W Der neue Schnitzler. Des Jungwieners Arthur Schnitzlers neuestes Werk, die fünsaktige TragikomödieTas weite Land" er­lebte am Sonnabend im Berliner Les - singtheater feine Uraufführung. Das Stück wurde mit jener Freundlichkeit ausgenommen, die weniger beweist, daß man ein Stück, als daß man seinen Autor zu schätzen weiß. Im Mittelpunkt des Stückes steht ein leichtlebiger Gatte, der seine Frau offen hinter­geht, ihr aber das kleine Vergnügen der Re­vanche nicht gönnt, fondern ihren jugendlichen Liebhaber zum Duell fordert und tötet. Die Darstellung nahm sich der Novität mit sehr gu­tem Gelingen an»