Fernsprecher 951 vnd 952<
Dienstag, den 17. Oktober 1911
Fernsprecher 951 und 952*
Sm Reich der Geister
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Rita soll eewtfc leinen
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Konstantinopel, 16. Oktober. (Vtivöt. T rl eg ramm.)
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Etn Agenciu-Stesani-Telegramm meldet au5 Tripolis: Araber Les Dschebels Churiom haben gegen türkische Truppen, die sich ihres Viehes und ihrer Gerste bemächtigen wollten, die Waffen ergriffen. In dem sich enffpinnen- Kampfe hatten die Türken und Araber mehrere Tote und Verwundete. Die Türken ergriffen schließlich unter Zurücklassung von zehn Toten die Flucht.
Wie die Agence Ottomane auS T ri P o l i s berichtet, kam es am Donnerstag vormittag zwischen türkischen Truppen in einer Stärke von fünfhundert Mann zu einem neuen Kampf mit den Italienern in der Nähe des Ortes B u m i! i a n a. Während eines heftigen Fcuergefechts von fünfzig Minuten Tauer verloren die Italiener d reiund zw anzig Tote mrd vierzehn Verwundete, davon zwei Offiziere: die Türken verloren drei Tote und zwölf Verwundete. Nach weiter hier vorliegenden Meldungen hatten die Italiener bei einem vorgestern während der Nachtzeit unternommenen Angriff der Türken auf italienische Vorposten große Verluste. Dix Türken zogen sich mit einem Verlust von fünf Toten und einigen Verwundeten unter heftigem Flankenfeuer zurück.
Nachklänge zum Deutschen Hochschullehrertag. |
In der Elbstadt Dresden waren in die- , fett Tagen unsre Professoren zum alljährlich , wiederkehrenden Hochschullehrertag ver- : sammelt, und es mutz anerkannt werden, Latz die soeben zu Ende gegangne Tagung in mehr als einer Hinsicht nützlich und bemerkenswert gewesen ist, denn durch die Debatten über die verschiednen Punkte der Tagesordnung klang immer wieder der Ruf: Die ganze Richtung patzt UNS nicht I Namentlich in der Debatte über Len Antimodernisteneid kam diese Mißstimmung deutlich zum Ausdruck. Ihren dramatischen Höhepunkt erreichten die Verhandlungen indessen in der Schlußsitzung, als Professor Weber-Heidelberg scharfe Angriffe gegen daS preußische Kultusministerium richtete. Was der streitbare Heidelberger über die Protektionswirtschaft an Len preußischen Universitäten sagte, war ja nicht gerade neu, es war aber deshalb beachtenswert, well es diesmal aus dem Munde eines Berufnen kam. Professor Weber hat am eignen Leibe den Nepotismus kennen gelernt, und er hat auch kein Hehl aus dem Bekenntnis gemacht, daß er seine Karriere zu einem beträchtlichen Teil dem Landtagsmandat seines Vaters verdanke. Es ist ungemein bezeichnend, baß nur aus Preußen eine Anzahl Professoren gegen die Weberschen Ausführungen protestieren zu sollen glaubten, während aus den übrigen Bundesstaaten dem preußischen Kultusministerium kein einziger Verteidiger erstand. Die Bayern, Sachsen, Württemberger und Badenser stimmten offenbar mit dem Heidelberger Kollegen in der Ueberzeugung überein, in schwüler Lust zu leben. Auch mancher preußische Hochschulleyrcc mag im Stillen Professor Weber zugestimmt, manch einer sogar von den Vortvürfen des Kollegen sich getroffen gefühlt haben: Denn wenn sich das preußische System überhaupt herausbilden konnte, so bedurfte eS dazu der tätigen Beihilfe eines Teils der Hochschullehrer, und wie uns Weber in Dresden erzählt hat, hat's Herrn Althoff an dieser Beihülfe ja auch nicht gefehlt.
Die preußische Protektionswirtschaft bat km Reich der Wissenschaft einen Geist der Kleinlichkeit groß gezogen, von dem sich selbst anerkannte Koryphäen der Wissenschaft nicht frei halten können. Die Protektion und der Brotneid sind die beiden Pole, um die sich das preußische Hochschulleben dreht, und wer an der Staatskrippe steht, möchte sich möglichst deren Alleingenuß sichern. So betrachtet man jeden neuen Dozenten nur vom Standpunkt der Konkurrenz und sucht ihm nach Möglichkeit daS Leben schwer zu machen. Mit Vergnügen griff man daher die Idee des „Reverses" auf, die vom preußischen Kultusministerium ersonnen ward, um den Fakultäten seine ProtegSs schmackhafter zu machen. Zu welchen unerquicklichen Auseinandersetzungen dieses Reverssystem führen kann, hat ja der FallBernhardtander Berliner Universität nur zu deutlich gezeigt. Daß dieser Fall eine solche Schärse annehmen konnte, liegt zum Teil wohl daran, daß das Proteftionssystem gerade bei der Auswahl nationalökonomischer Professoren in seiner unangenehmsten Form austritt. Ein gewisser Nepotismus herrscht schließlich auf allen Gebieten des öffentlichen und privaten Lebens und es ist nur menschlich, wenn man unter anscheinend Gleichbesähigten den besser Empfohlenen aus- wählt, denn es kommen in diesem Falle schon Stimmungsmomente in Betracht, von denen auch das unbefangenste Gemüt sich nicht
ras Geschwader im Sturm.
(Privat-Telegramm.)
Depeschen aus Konstantinopel zufolge floh ein italienisches Keschwader, daS von einem heftigen Sturm überrascht wur- de, in den Golf von A r t c. Die Pforte toutbe deshalb bet Griechenland vorstellig und machte e» auf die Wahrung der NeutrÄNtät aufmerksam. DaS Geschwader bat daraufhin den Golf
Augenblick daran gezweifelt werden, daß hier der Bonner Nationalökonom, nur feiner innersten Ueberzeugung Ausdruck gegeben hat, gleichwohl muß dieses System der Belohnungsprofessuren doch als sehr bedenklich gelten,weil die Gefahr besteht, daß hierdurch ein Strebertum unter dem nationalökonomischen Nachwuchs groß gezogen wird, durch das der wissenschaftliche Geist den schlimmsten Schaden erleidet; ganz davon abgesehen, daß auch vom Standpunkt wissenschaftlicher Moral aus ein derartiges Verfahren schärfste Verurteilung fordert.
Hoffentlich hat Professor Weber nicht umsonst gesprochen. Daß et die Dinge beim rechten Namen genannt und rücksichtslos den Schleier von den Intimitäten des geistigen „Staatskrippensystems" gerissen hat, sichert ihm den ehrlichen Dank aller Derer, die um die geistige und wirtschaftliche Freiheit deutscher Wissenschaftlichkeit ringen und in der Protektionswirtschaft und dem Belohnungs-System eine entwürdigende Fesselung der Wissenschaft erblicken, und man kann nur wünschen, daß Webers Dresdner Mahnruf nicht ungehört verhallen möge. Es herrscht in der preußischen Unterrichtsverwaltung in der Tat eine beängstigende Stickluft, in der die Wissenschaft nur mühsam nach Atem ringt, und der Ruf nach frischer Lust erscheint deshalb sicher nicht unberechtigt. Daß es so kommen konnte, ist bedauerlich, zugleich aber auch ein Armutszeugnis für den Männerstolz vor Ministerstühlen, der offenbar im Reich des Geistes zum seltnen Kräutlein geworden ist. Gewiß: Das System ist immer stärker als der Einzelne, mag er auch noch so ehrlich ringen; aber es kann doch unmöglich alle Energie und allen Freiheitsdrang ersticken, und man ftagt sick> angesichts der nun in Dresden erfolgten Entschleierung 'des Bilds der Wirklichkeit verwundert, ob der Professor Weber aus Heidelberg ber einzige Mann in der würdigen Corona deutscher Hochschulwissen- schaft ist, der die Schwüle der Atmosphäre spürt und die Kraft fühlt, um freiere Luft zu ringen? Webers Dresdner Philippika war nicht nur eine Anklage wider das „System Althoff" im preußischen Ministerium des Geistes, sondern sie war ein noch schwererer Faustschlag wider die schwächliche Duldsamkeit unsrer Wissenschaft, die offenbar der Energie ermangelt, aus eigner Kraft eine Besserung der Verhältnisse zu erstreben. Nun, da der Kampf in die Oeffentlichkeit hineingetragen ist, darf man wohl erwarten, Latz man sich im Reich des Geistes endlich auf diejenigen Pflichten besinnen wird, die die Freiheit der Wissenschaft ihren Jüngern auferlegt. **
wieder verlassen. Die .Tribuna" weiß aus Cairo zu melden, daß ein türkisches Segelschiff in Alerandrien unter fremder Flagge eine beträchtliche Anzahl Kisten mit Waffen und Munition gelandet habe. Die Kisten sollen sofort an den Endpunkt bet ägyptischen Eisenbahn in bet lybischen Wüste befördert worden sein, wo sie durch eine große Karawane nach Cyrenaika gebracht worden tnb. Auch viele türkische Offiziere hätten sich über ägyptisches Gebiet nach Tripolis begeben, um bort den Widerstand der Araber zu organisieren. Eine Bestätigung dieser Meldungen steht allerdings noch aus.
Ein weiteres Privat-Telegramm meldet uns aus Konstan1inopel: Die Pforte beabsichtigt dagegen Verwahrung einzulegen, daß in Tripolis die fremden K on = sulu, an ihrer Spitze bet französische Konsul, eine Stellung zum Kommandanten der italienischen Truppen eingenommen haben, die besonders durch dasHochdesDoyensaufden Kommandanten über eine korrekte Haltung hinausgehe, so lange die jetzige Lage in Tripolis nicht anerkannt fei.
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Gafielet Abendzeitung Hessische Abendzeitung
Panik in der Hauptstadt Peking. lTelegraphische Meldungen.)
Ein Privattelegramm meldet uns aus Peking: Vorgestern und gestern herrschte in Peking F i n a n z p a n i k. Die Finanzinstitute waren umlagert und zwar infolge falscher Nachrichten von der Ausbreitung der revolutionären Bewegung. Die Theater in Peking sind geschloffen. Die ganze Division der kaiserlichen Garde ist hierher zurückgekehrt. Die Truppen von Honan haben sich den Rebellen angeschloffen.
Die revolutionäre Bewegung hat sich bisher (ben neuesten Depeschen zufolge) nur auf die Nachbarprovinzen ausgedehnt. Einlaufende Telegramme berichten indessen, daß die Lage sehr ernst sei. Speziell flößt die Haltung der Truppen von Nanking der Regierung große Besorgnis ein. Der Generalstab hofft jedoch, die Bewegung binnen kurzer Zeit unterdrücken zu können. General Tsching Chang ist gestern nachmittag nach dem Aufstandsgebiet abgerefft. Die Züge verkehren in normaler Weise. Gestern sind dreizehn Züge mit Truppen aus Peking abgegangen. Heute folgen elf wertere, am Dienstag noch zehn andere Transporte. Insgesamt werden vierundzwanzig- tausend Mann nach dem Süden geschickt. Das Ansuchen des Kritgsministeriums an die vier führenden Finanzgruppen, zur Unterdrük- kung bet revolutionären Bewegung eine Anleihe zu gewähren, wurde abgelehnt. Die Finanzgruppen wiesen darauf hin, daß sie durch die Hergabe einer solchen finanziellen Unterstützung gezwungen sein würden, der Regierung auch späterhin solche Unterstützungen zu gewahren. Ferner würde bei den Revolutionären bet Glaube erweckt, daS Ausland nehme gegen sie Partei, und man fti der Ansicht, daß die Dynastie bei ihrer kritischen Sag« zu ihrem Schutze die eigenen Milttone»
ganz ft ei machen kann.
Bei bet Besetzung der nationalökonomischen Piosessuten scheint sich inbessen meht und mehr die Praxis herausgebilbet zu haben, den Lehrstuhl nur noch als B e l o h n u n g für eine bet Negietung wohlgefällige Stellungnahme in einer bestimmten Frage zu vergeben. So wird schon seit längerer Zeit mit größter Bestimmtheit gemunkelt, daß man den Professoren Schmoller und Wagner (die beide das biblische Alter bereits überschritten haben) in der Person des Bonner Nationalökonomcn Professors Hermann Schuhmacher eine Art Coadjator cum jure succedenti geben will, das heißt eine Hilfskraft, die später in die etatsmäßige Stelle einrüüen soll, wobei es als festgestellt gilt, daß die beiden Ordinariate in eins zusammengezogen werden sollen. Diese Berufung soll (wie als offnes Geheimnis bekannt ist) eine Belohnung dafür bilden, daß Professor Schuhmacher seinerzeit im Verein für Sozialpolitik in einer vielbeachteten Rede den Standpunkt der preußischen Regierung <ta btt Frage bet SchtfsahrtSabgaben
Das italienische tzxpedMous-Korps.
(Telegraphische Meldungen.)
Vom Kap Pa s s e r o wird dem Mailänder „Secolo" berichtet, daß dort in der Nacht zum Sonntag eine lange Reihe von Dampfern gesichtet wurde, die einen weiteren Teil des Expeditionskorps nach Tripolis bringen sollen. Die Transportflotte bestand aus zehn Schiffen, eskortiert von Kriegsschiffen. An der Spitze fuhr der Dampfer „Sannio", der etn Luftschifferdetachement an Bord hat, bestehend aus zwei Offizieren und zweiund- dreißig Mann. Sieben Luftfahrzeuge werden mitgeführt, ein Farman-, zwei Etr:ch- und vier Bleriotapparate. Das Blatt „Re,to bi Carlino" meldet, daß am sechzehnten und zwanzigsten Oktober bie zweite Division bes Erpebitionskorps in zwei Abteilungen etn« geschifft werde. Die zweite Division wird zwei Infanterie-Regimenter, bas zweite Alpenjäger- Regiment, sowie zahlreiche Batterien Gebirgs- arttllerie umfassen. Ihr Ziel ist Bernaund B e n g h a s i. Auch bieser Teil bes Exvebtttons- korps wirb Flugsahrzeuge mit sich führen Auf bem Dampfer „Bostra" werden die ausländischen Militärattaches befördert werden,
Soll Md Haden.
DaS europäische Gewinn- und Verlustkonto. (Von unferm diplomatischen Mitarbeiter.)
Eine Frage: Wie stellt sich der äußere Machtzuwachs des an natürlichem Volkswachstum, au rascher Entwicklung seiner volkswirtschaftlichen Produktion und an Stärke seiner willig getra- genen Rüstung unter den Mächten der Erde in der ersten Reihe stehenden Deutschen Reichs während des letzten Vierteljahr hundetts, verglichen mit dem äußeren Machtzuwachs der ander« Groß- und Weltmächte im gleichen Zeittaum?
England gewann: Britisch-Ostafrika und Sansibar, das geschlossene süd- und zenttalafri- kanische Kolonialreich im Anschluß an bie Kap- kolonie, ben Sudan, Teile von Westaftika, Besitzerweitetungen in Hinterinbien, Weihaiwei, Sübpetsien. Dazu voraussichtlich Soweit (mindestens!) verlor: Nichts!
Frankreich gewann: MaroRo, Teile von West- und Jnnerasrika, sowie von Hinterinbien, Tahiti (Teile von Kamerun?); v e r lo r: Bruchstücke am Kongo.
Nordamerika gewann: Die Philippinen» Shtba, Portorico, Guam, Panama; verlor: Nichts!
Japan gewann: Formosa, Korea, die Hälfte von Sachalin, den südmandschurischen Einfluß; verlor: Nichts!
Italien gewann: Tripolis; verlor: Nichts!
Rußland gewann: Den norbmanbsck'urischen Einflutz; verlor: Die Hälfte von Sachalin.
Oesterreich-Ungarn gewann: Bosnien und die Herzegowina; verlor: Nichts!
Spanien gewann: Teile von Maroflo; ver- lot: Kuba, Portorico und feine Südseeinseln (gegen Entschädigung!)
Deutschland gewann: Helgoland und Teile von Samoa, Bruchstücke vom Kongo? kaufte: Die Karolinen, Marianen und Palaumseln; pachtete Kiautschou; verlor: Uganba, daj Wituland, di» Anwattschaft auf Sansibar und den Rest von Samoa. (Teil» von Kamerun?)
Türkei gewann: Nichts; verlor: Bosnien und die Herzegowina und Tripolis.
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Dieses Gewinn- und Verlustkonto schließt also für England, Frankreich und Italien mit einem Z u w a ch s um Millionen von Quadratkilometern. Für Nordamerika, Japan, Oesterreich und selbst Rußland mit sehr ansehnlichen Gewinnen. Deutschland rangiert gerade noch vor der Türkei und knapp neben Spanien. Denn was Spanien eingebüßt, hat es teils durch die marokkanischen Erwerbungen ausgeglichen, teils mit Geld vergütet erhalten. Deutschland aber buchte in dieser Zeit neben einigen fünftausend Quadratkilometern Gewinn rund eine Million Quadratkilometer Verlust! Und vielleicht die Last der Verwaltung französischer Konzessionsländer. Sind das die „h e r r l i ch e n Z e i t e n", denen wir entgegengeführt werden sollten ...?
-ad-
Der Heilige Krieg proklamiert! Depeschen vom Kriegsschauplatz.
Einem Telegramm aus B e n g h a s i zufolge hat bet Scheich der Semffst bei allen Stämmen durch Sendboten den Heiligen Krieg gegenJtalien erklärt. Wenn sich die unter dem Einfluß bet Semffsi stehenden Stämme Tibbu und Tewarik in Bewegung setzen, würben über h unb e ttfünf zi g - tausend bewaffnete Männer , ins Feld rücken können und bie Sage bet Italiener in einiger Entfernung von bet Küste ernstlich gefährden. In ägyptischen Banken hat der Scheich der Semffsi eine Million Pfund deponiert, die bie Steuererträgnisse barstellen uub aufbewahrt werben, um in Zeiten der Not zur Verteidigung des Vaterlandes zu bienen. Hebet die Schlacht bei Bumiliana liegt jetzt aus Konstantinopel folgende Meldung
Konstantinopel, 16. Oktober. (Prf- vat-Telegramm.) Wie gutunterrichtete Kreise wissen wollen, wird der Großwesik heute beim Verlesen seines Programms der Kammer Vorschlägen, Friedensverhandlungen mit Italien einzuleiten; wird die Kammer widersprechen, so wird dies als Mißtrauensvotum aufgefaßt werden und das Kabinett Said Pascha wird demissionieren.
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TripMs vorm Schiedsgericht.
(Telegraphische Meldung.)'
Wie aus Konstantinopel berichtet wirb, sind Anstalten getroffen worben, eine Aborbnung von sechs Senatoren unb Deputierten nach allen Hauptstädten Europas unter den Auspizien der interparlamentarischen Union zu enden, um allen Nationen den Krieg zu predigen, die sich der schiedsgerichtlichen Regelung von Streitigkeiten widersetzen, und alle ehrenhaften Leute aufzuforderu,Italien dahin zu bewegen, daß es seine Ansprüche dem Haager Schiedsgerichtshof unterbreite. Durch eine Subskription soll hierfür ein Fonds von zwanzigtausend Pfund Sterling aufgebracht werden. Der Sultan hat bereits die ersten tausend Pfund gezeichnet. Das Kriegsministe- rium bestätigt, daß der Pattser Militärattachee Fethi Bei sich mit einigen Offizieren den türkffchen Truppen in Tripolis angeschlossen hat. Meldungen aus zuverlässiger Quelle wollen wissen, daß bie italienischen Friedens- Vorschläge folgende Bedingungen enthalten: Italien werde eine erhebliche Entschäbi- gung an die Türkei zahlen unb biet Kontrolle über sämtliche Zivil- und militärischen Angelegenheiten in Tripolis übernehmen, ferner würbe auch bie Oberhoheit bes Sultans in allen religiöfett Angelegenheiten anerkannt werden, während Italien im Übrigen aber in Tripolis freie Hand habe.