Nr. 263.
Erster Jahrgang.
Weler Neueste Nachrichten
1. Beilage.
Donnerstag, 12. Oktober 1911.
Sar Kasseler Gaswerk.
Die Entwicklung des Gaswerks der Stadt Cassel.
Der uns heute übersandte Betriebsbericht des Städtischen Gaswerks Cassel für die Zeit vom 1. April 1910 bis 31. März 1911 enthält interessante Angaben über die Entwicklung des Werkes, aus denen folgende Daten wiedergegeben seien: Das Be- triebsjahr 1910 war für das städtische Gaswerk insofern ein Jubiläumsjahr, als es im Herbst auf ein sechzigjähriges B estehen überhaupt (anfangs Privatbesitz) und auf ein fünfunddreißigjähriges als städtisches Werk zurückblicken konnte. Wenn auch von einer besonderen Feier abgesehen wurde, so darf doch dieser Umstand Veranlassung geben zu einer Betrachtung über die bisherige und die voraussichtlich künftige Entwicklung des Gaswerks. Leider fehlen hierzu die statistischen Aufzeichnungen bis zum Jahre 1888 vollständig, so daß erst von diesem Jahre an eine Betrachtung möglich ist. Der Gasverbrauch hat, wie das auch in anderen Städten der Fall ist, im Laufe der Jahre eine ganz gewaltige Steigerung erfahren, von etwa 8 080 000 Kubikmetern im Jahre 1888 auf 10 684 000 Kubikmeter im Jahre 1910. Zu dem anfangs ausschließlichen Leuchtgasverbrauch ist ein ansebnlicher Verbrauch für motorische Zwecke und ein ganz gewaltiger für Heiz- und Kochzwecke hinzugetreten. Das Gas hat sich in den meisten Haushaltungen als unentbehrliches Hilfsmittel zum Kochen, Heizen und Beleuchten eingebürgert. Die Kurve der durchschnittlichen
Zunahme der jährlichen Gasabgabe betrug bisher rund 6,0 Prozent. Nachdem im Jahre 1908 der Gaspreis um 1 Pfg. erhöht worden ist, wurde nach anfänglichem Rückgang nur noch eine Jahreszunahme von etwa 3,0 Prozent, also in halber Höhe, erreicht. Wenn an diesem Abfall der Zunahme auch in Etwas die gegenwärtige wirtschaftliche Lage und dre vermehrte Konkurrenz der Elektrizität beteiligt ist, so muß doch nach dem ganzen Kurvenlauf dem erstgenannten Umstand die Hauptwirkung zugeschrieben werden. Für die öffentliche Straßenbeleuchtung war Dank der Einführung des Gas sparenden Glühlichts trotz reichlicher Lichtvermehrung nur eine unwesentliche Steigerung des Gasbedarfs im Laufe der Jahre erforderlich geworden. Mit der Entwickeluna des Gasabsatzes haben auch gleichen Schritt gehalten die Verlängerung des Straßenrohrnetzes, die Vermehrung der Laternen und die Erträgmsse. Mit Ausnahme von Wolfsangcr, Sandershau- sen und Waldau sind sämtliche umliegenden Vororte an das Gasrohrnetz angeschlossen worden und erreichen reichlich den erwarteten Verbrauch. Die Bruttoerträgnisse betrugen im letzten Jahre über dreiviertel Millionen Mark, davon an Zinsen und Amortisation 296 276 Mark, an Reingewinn 569467 Mark. Am 7. Dezember 1850 war das alte Werk am Holländischen Tor als privates Unternehmen eröffnet worden, am 1. Oktober 1875 ging es in städtischen Besitz über; am 1. Dezember 1894 wurde
das neue Gaswerk auf dem Forst eröffnet, nachdem zuvor durch die Verhältnisse des alten Werks und die Einführung des Gas- glühlichtes ein fühlbarer Rückgang in der Gasabgabe eingetreten war. Im Jahre 1906 wurde der Etnheitsgasvreis (Sommer- und Winterpreis) eingefübrt, der sich durchaus bewährte und der auch in anderen Städten immer mehr zur Einführung gelangt. Im vergangenen Jahre wurde nun auch mit der A u f st e l - lung von Automaten begonnen, die in kleineren Wohnungen Dank ihrer bequemen Zahlungsart bereits guten Eingang gefunden haben, zurzeit sind bereits 670 Stück aufgestellt. Sie sind ein Mittel, unS dem gesteckten Ziele immer mehr entgegen zu führen: Kein Haus und keine Wohnung ohne Gas! Die Frage, wie sich die künftige Entwickelung des Gaswerks weiter gestalten wird, läßt üch im Augenblick nicht mit einiger Sicherheit beantworten,
da der Einfluß des im Bau begriffenen neuen Elektrizitätswerkes und des neuen, wesentlich verbilligten Stromtarifs nicht genau abzu- schätzen ist. Abfälle und Verluste find für uns, nachdem sich die gegenseitigen Verhältnisse wesentlich verschoben haben, wohl nicht zu vermeiden und ob es gelingen wird, auf anderer Seite völligen oder noch erhöhten Ausgleich zu finden, ist natürlich unsicher. Immerhin glauben wir aber, auch für die Zukunst noch mit einer weiteren vermehrten Gasabgabe rechnen zu dürfen, da hier die Gasabgabe auf den Kopf der Bevölkerung nur 67,22 Kubikmeter beträgt, während sie in andern deutschen und namentlich in ausländischen Städten bei günstigen Tarifen weit darüber hinausgebt. Die bereits im Vorjahre begonnene Gasversorgung des Vorortes H ar l e s h a u f e n wurde im Betriebsberichtsjahre fcrtiggestellt. Des weiteren wurden eine Reihe von Neuerungen und Umbauten vorgenommen, die der Bericht im einzelnen aufzählt. **
Am aller Welt.
Zer Gefangene der Mlla Allatini.
(Von unfeint Korrespondenten.)
Aus Konstantinopel wird berichtet: Ter Kriegslärnr ist, rote man aus Berickten von Saloniki er,lebt, auch in die «Rübe der Billa Allatini ffe- drungen und bat dort nicht aerinae Aufregung her- vorgerufen. In erster Linie ist es Abdul Hamid selber.de: an dcnEreignissen aufdem KriegSschau- platze den regsten Anteil nimmt und sich täglich mehrere Male über die Lage Bericht erstatten läßt. Dabei ist der Exsultanvon ehrlichem Patrtotis- mu§ erfüllt und lätzt bei seiner Kritik alle Gereizt, heit gegen die jetzigen türkischen Machthaber vermissen.
Abdul Hamid bedauert aufrichtig das traurige Geschick seines Landes und stellt ohne iede Genugtuung fest, daß auch das jetzige Regime in der Türkei die Begehrlichkeit der, anderen Nationen nicht habe zum Schwelgen bringen können An der Hand einer Karte verfolgt der alte Sultan die Vorgänge vor Trr- v o l i s und an der türkischen Küste, verrät aber bei seinen Kommentaren, daß er über den gegenwärtigen Stand der türkischen Verteidi- gungsmittel nicht im geringsten unterrichtet ist. Offenbar überschätzt er die Kräfte der Türkei um ein ganz Bedeutendes, denn er meinte unter anderem, es könne der Türker nicht schwer fallen, mit den Italienern fertig zu werden. Täglich erwartet er die Nachricht von einem großen Siege der Türken, der der Pforte gleichzeitig die Möglichkeit an die Hand gäbe, auch mit den anderen Bedrängern der Türkei gründlich abzurechnen. Daß Bosnien und die Herzegowina endgültiq aufgebört haben. Glieder des osmanischen Staatskörpers zu sein, ist Abdul Hamid bekannt, er ist auch über den neuesten Stand der Kretafrage orientiert. Viel Vertrauen bat der Ersultan zu den Großmächten, deren Eifersüchtelei der beste Bundesgenosse der Türkei ist. Die Nachrichten vom Kriege haben in das Leben des Sultan? eine gewisse Unregelmäßigkeit gebracht, da er jetzt den größten Teil des Tages dem Studium türkischer Geschichtsquellen widmet und feine sonstigen Beschäftigungen, (zu denen auch Sandwerkerarbeiten gehören) gänzlich vernachlässigt. Unter dieser Unregelmäßigkeit und Unruhe leidet auch fein Allgemeinbefinden: Während er in der letzten Zeit, wo er sich mit feiner Lage allmählich abgefunden zu haben schien, häufig recht heiter war, trägt er jetzt einen offensichtlichen Mißmut zur Schau, der seiner Umgebung das Leben mit ihm,oft fast unerträglich macht. Man fürchtet, daß fein äustaud noch schlechter werden wird, wenn er erfährt, daß die Türkei nicht in der Lage gewesen ist. die tripolitanifche Provinz zu halten. Wie man sich in Saloniki erzählt, bezeigt der frühere Sultan immer noch ein reges Interesse für das Heerwesen. Er arbeitet auch an Plänen zur Verbesserung des im türkischen Heer gebrauchten Gewehres, das nach seiner Meinung modernen Ansprüchen nicht genügen könne. Nur ein automatisches Gewehr
könne wirklich den Zweck eines modernen Verteidigungsmittels erfüllen. ,'6S*
Sie „Kommanditgesellschaft" bet Gauner.
Eine Schwindleraffäre, die auch nach H am - bürg hinüberspielt, hat in Lübeck Mr Verhaftung dreier Personen geführt, btt sich mtt Darlehns schwindel befaßten. Dre drei Leute suchten solche Personen auf, Ae ein Darlehen zu erhalten wünschten, und boten ihnen die Dienste eines Hamburger Kredithauses an. Sie führten gedruckte Formulare bei sich, die sie von den Darlehensuchenden ausfüllen ließen. Natürlich war es ihnen nur um die Provision zu tun. Die Lübecker Polizeibehörde hat die drei Schwindler ermittelt und festgenommen. Es sind zwei Brüder Wenzel aus Budapest; der dritte nennt sich Emanuel von Laurent und will aus Madrid stammen. Von Beruf sind die Verhafteten Schuster. Schneider und Schlosser. Die drei waren vor einigen Tagen aus Lüneburg zugezogen und hatten sich in der Mühlenstraße ein Logis gemietet, bestehend aus zwei Zimmern, von denen das eine so eingerichtet war. daß es den Eindruck eines Bureaus erwecken konnte. Unter dem Namen einer .Kommanditgesellschaft" erließen die Verhafteten Annoncen, in denen sie GeldjU- chendeu Darlehen ohne Bürgen usw. anboten. Sie versprachen sofortige Gewährung des Darlehens. Sie waren jedoch völlig mittellos. und es war ihnen nur, wie oben bereits erwähnt,nm die Provision zu tun, die sie im voraus von den Darlehnssucheuden forderten. Soweit bisher festgestellt werden konnte, hat das Gauner-Trio zahlreiche Personen, namentlich Anqehöriae des kleinen Bürgerstandes. geschädigt. Die Namen der Opfer waren säuberlich in einer Liste eingetragen.
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Dom Hochzeitsschmaus in den Toll.
Der Hufschmied Rouault in Trevon bei Di- uan (französisches Departement Cötes du Nord) hatte voraestern ein siebzehnjähriges Mädchen feiner Bekanntschaft geheiratet. Die standesamtliche und die Kirchenseier waren vorüber: auch den HoSzeitsschmaus hatte man hinter sich, und die Stunde, wo der Schmied seine iunge Frau heimsühreu wollte, nahte heran. Doch die Schwiegermutter widersetzte sich dem. Sie machte geltend, daß der junge Ehemann nach Landesbrauch erst vierundzwanzig Stunden nach der Hockzeit ein Anrecht auf feine Frau habe, weshalb ihre Tockter vorläufig noch unter ihrer Obhut bleiben müsse. Das äraerte den Hufschmied dermaßen, daß er seiner Schwiegermutter grob entgegnete: .Nun gut. wenn du mir deine Tochter jetzt nicht geben willst, fo kannst du sie überhaupt behalten; morgen will ick sie nicht mehr!" Svrach's und ging allein nach Hause. Man hatte diese Worte allgemein für eine leere Drohung gehalten; als die Braut aber am andern Morgen an die Tür des Hanfes klovfte. das ihr neues Heim fein feilte, antwortete ihr niemand und niemand kam, ihr zu öffnen. Als man die Türen gesprengt hatte, sand man den armen Huz- sckmied' in seinem Hochzeitskämmerlein erhängt als Leiche vor. Aus Groll über die Weigerung der Schwiegermutter war er in den Tod gegangen.
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Wenn der König telephoniert...
Von König Viktor Emanuel berichten römische Blätter eine amüsante Gefckichie, die sich an einem der letzten Tage ereignet hat. Der König hält an seinem Hose sehr strenge auf Moralität. Unter den Kammerherren und Hofdamen gibt es keine Jungaesellen und keine unverheirateten Damen. Sie müssen vielmehr allever heiratet fein; der Herrscher hofft auf diese Weise alle Liebesintrigen aus feiner Umgebung auszuschalten. Daß ihm das nicht immer gelingt, beweist folgender Vorfall: Dieser Tage inspizierte Viktor Emanuel die königlichen Marställe. Im Laufe des Besuches fiel es ihm ein, daß er mit einem hohen Beamten telephonieren müsse, verlangt die betreffende Nummer und fügt das
übliche „pronto pronto' hinzu. Eine weiche Frauenstimme antwortet ihm sogleich: „Aber Giuseppe, verstelle doch nicht deine Stimme, du Schlimmer, und gib rasch ein telepho- nisches Küßchen deiner kleinen. Freundin ..." Ueberrascht versucht der König von neuem seine Verbindung zu bekommen, ohne sich zu erkennen zu geben. „Also, du machst deine Witze weiter," Hingt es nun an fein Ohr, „nun gut, dann adieu, du Bösewicht" Viftor Emanuel gab sein Gespräch auf, da ihm die Sache ein wenig delikat erschien, und befahl eine Untersuchung der Sache. Als das Telephonfräulein hörte, wie es mit dem König gesprochen hatte, fiel es in O h n m a ch t. Giuseppe aber, ein Angestellter im königlichen Marstall, mutzte sich wegen feiner täglichen zärtlichen Zwiesprachen durchs Telephon mit feiner Ungebetenen verantworten. Rach diesen peinlichen Zwischenfällen nahm der König, belustigt und entwaffnet, die beiden Verlobten unter feinen Schutz und versprach ihnen ein schönes Hochzeitsgeschenk ...
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Zctero und ... Millionär.
Wie wir bereits gestern kurz berichtet haben, ist der berühmte spanische Torero M ach a- quito am Montag in der Stierarena tödlich verletzt worden. Machaquito war am Sonntag brillant gewesen und hatte durch seine glänzenden Kämpfe ein wahres Beifallsdelirium beim Publikum hervorgerufen. Der Unfall passierte ihm vorgestern bei einem neuen Kampfe mit dem letzten der sechs Stiere, die er abzufertigen hatte. Der Stier rannte nicht, wie der Torero erwartet hatte, auf das rote Tuch zu, sondern warf sich direkt auf den Torero. Er traf zwar nicht Machaquito mit den Hörnern, aber der Torero wurde mit solcher Wucht zu Boden ge- stotzen, daß er bewußtlos liegen blieb. Eine Untersuchung ergab eine schwere Verletzung des Rückgrats. Der Zustand des Sfterkämpfcrs ist so bedenklich, daß man einen tödlichen Aus- gang befürchtet. Das Hotel de Russie, in dem Machaquito wohnt, war gestern während des ganzen Abends von einer Menge umlagert. Seine Freunde hatten ihm schon lange geraten, jetzt, wo er ein Vermögen von drei Millionen Pestetas erworben und sich verheiratet habe, fein gefährliches Gewerbe aufzugeben. Machaquito weigerte sich aber, wohl, weil er den Wunsch hatte, den berühmten Torero El Guerra zu übertreffen, der sich mit einem Vermögen von sechs Millionen Pesetas zur Ruhe gesetzt hat.
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Derbrecherjagd im Aeroplan.
Wie aus New York berichtet wird, hat dieser Tage in der Nähe des Städtchens Watseka im Staate Illinois die erste Ver- brecherjagd im Aeroplan stattgefun- den. Drei Männer, die einen anderen erschlagen hatten, waren bislang den Nachforschungen des Sheriffs und feiner Leute sowie den Nasen der besten Bluthunde entgangen. Man vermutete die Mörder in einem Maisfelde nahe .bei Watseka. Die Kunde von dem vergeblichen Suchen drang zum Manager des Fliegers Ren6 Simon, der auf einem Feste in der Nähe der Stadt an einem Schaufliegen teilnehmen sollte. Der Manager kam auf die Idee, den Vorfall zur Reklame für seinen Mann auszunutzen: Er bot dessen Hilfe für die Suche nach den Mördern an, und sie wurde dankend angenommen. Kreuz und quer gingS nun über das Maisfeld. Mehr als einmal sahen die unten folgenden Polizisten das verabredete Zeichen, denn Simon glaubte verschiedentlich, die Gesuchten gefunden zu haben. Aber jedesmal war es jemand anders. Das Suchen wurde fortgesetzt, sodaß der Flieger beinahe seinen kontraktlichen Flug darüber versäumt hätte. Die Mörder wurden ... nicht gefunden, denn sie hatten sich (wie sich später herausstellte) schon lange auS dem Staube oder vielmehr aus dem Mais gemacht. Immerhin spricht dieser Mißerfolg des ersten Versuchs noch nicht g egen den Aeroplan als Hilfsmittel für Detektive.
Set letzte Reust.
Skizze, von Käte Lubowski.
lieber der Tafelrunde des großen, eleganten Logierhauses in Schreiberhau, das mit fernen silbergrauen Dachtugen zu den Pserdekops- steinen hinaufblinzelte, lag eine behagliche Erwartungsfreude. Denn auf der Schwelle zum Speifefaal erschien soeben der Briefträger nut reichlich gesegneter Tasche. Fast alle Tischgäste hatten aufgehört zu plaudern. .Nur em Herr, dessen Erscheinung auf den ersten Buck den alten Soldaten verriet, redete weiter auf die schlanke, blonde Frau ein. die ihm mit halbgeschlossenen Lidern aufmerksam zuhörte.
„Da haben Sie ihn also, gnädigste Frau, meinen alten erprobten Freund und Diener! Mit feinen Kollegen hat er freilich nur die Schreibfeder an der Spitze gemeinsam. Sonst schaut er noch ebenso kriegerisch aus Wie einst. Rach diesen Worten wollte er den seltsamen Federhalter wieder in seiner Brusttasche verschwinden lassen, aber die schmale Frauenhand legte sich leicht auf feine kräftige Rechte.
' „Bitte noch nickt, Herr Oberstleutnant! . . . Sie haben mir gestern einen Novellenstoff versprochen, aus einem bloßen Pfeil aber, den Ihr verstorbener Vater auf sie vererbte, und den Sie sich danach sunt Federhalter Herrichten ließen, kann ich beim besten Willen noch nichts schaffen."
Die klaren großen Auaen des alten Mon- nes senkten sich einen Augenblick. Seine Stimme wurde ganz leise.,
Er hat meinem Großvater einst tm wildeuen Westen Amerikas das Lebest gerettet... genügt Ihnen das?"
Sie schüttelte energisch den feinen Kopf.
„sich möchte lieber wissen, welche Dienste er Ihnen persönlich leisten durfte."
Mir?" Seine Hand fuhr einen Augenblick über die Stirn. „Alle, die ein Menschenleben fordert. Mit ihm schrieb ich meine Arbeit rum Abitur, den ersten schüchternen Lie
besbrief, die langen Quälereien zur Kriegsakademie, mit ihm unterzeichnete ich auf dem Standesamt nach geschlossener Ehe meinen Namen. Er gab durch seine Schwere meiner Hand die nötige Sicherheit, um dem Regiment den Tod meiner Fran und zehn Jahre später den meines einzigen Sohnes vorschriftsmäßig zu melden, er führte meine Meldung nach Sud- West aus, als ich das Alleinsein in meinem Heim nicht mehr erttagen konnte. Genügt Ihnen das, gnädige Frau?"
Der sckmale Frauenmund lächelte seltsam. Fast grausam.
„War dies der letzte Dienst, den er Ihnen geleistet hat, Herr Oberstleutnant?"
„Der letzte bemerkenswerte jedenfalls, und ich hoffe auch, daß er es bleiben wird."
Für einen Augenblick verstummte die Unterhaltung. Der seltsame Halter schob sich m sein Versteck. Von den verträumten Frauen- fiugen glitten langsam die schweren Lider zurück. Zwei kluge, tiefe Sterne sahen den alten Mann fest an. streiften fein sorgsam gescheite! tes Haar und die unzähligen zittrigen Linien seines Gesichts und senkten sich bann wieder hastig, als schämten sie sich ihrer stummen Unzartheit.
Ein Lächeln ging in den hellen, scharfen Soldatenauqen auf.
„Ich weiß genau, was Sie gedacht haben, meine Gnädige. „Von dem letzten Dienst sagt er nichts, und er wird ihn doch eines Tages beanfvrucken!" Nein, das wird er nicht! Wir Arnims schreiben nämlich kein Entlassungsge- such. müssen Sie wissen, wir sterben in den Sielen. Alle! Eines Tages sind wir tot, denn wir haben alle das schwache Herz vom Alm mitbekommen. Sehen Sie. der Kommandierende bat mir nach der dummen Attacke, die mich ein paar Wochen dienstunfähig machte, diesen Urlaub förmlich aufgedrängt. „Schonen Sie sich," hat er gesagt, „ruhen Sie sich lange, lanae aus." , . _ .
Die Antwort blieb ihr erspart. Die Hand der VensionSinbaberin ftredte in diesem Au
genblick dem Oberstleutnant von Arnim einen Brief entgegen. , m
„Scheinbar etwas, das mit dem Berus zm fammenbängt. Herr Oberstleutnant, und ich sollte es deshalb besser unterschlagen."
Der geräumige Speisesaal begann sich zu leeren. Auch die blonde Frau hatte ihre Schritte zu den Tannen des nahen Schenken- sichtels gewandt. Rur der weißhaarige Mann stand noch als einziger am Fenster, die Hände um den geöffneten Brief gekrampft, als halte er den Knauf seines Degens. Plötzlich wandte er sich herum, wurde erst jetzt den jungen, abräum enden Diener gewahr und sagte mit schwerer Zunge: „Ein Glas Wasser ... schnell!"
Als er den Becher bis auf den letzten Tropfen geleert, ging er zur Tür.
Sangfam und schwerfällig fchlich er weiter. Schritt um Schritt, Stunde um Stunde. Einmal hob sich feine Hand und tastete zur Brust- tafche, wo die fcharse Pfeilspitze, seine treue Dienerin, ruhte. Sein Gefickt verzerrte sick dabei, feine Lippen öffneten sich, als wollten sie endlich die im Innern aufgespeicherte Qual herausfchreien:
„Weigere dich zu diesem letzten Dienst! Zerspringe, errette mich, fei doch barmherzig."
Aber fein Laut wurde hörbar. Nur die Augen redeten von der Qual, die an ihm fraß.
Der Bries, der unselige Brief ...
Nun durfte er doch nicht in den Sielen sterben. Sie konnten ihn nicht mehr gebrauchen. Er mußte fort, fein Abschiedsgesuch schreiben. Heute noch, nach diesem Gang, und er vermochte es dock nicht. Bei Gott nickt. Zn lieb hatte er ben Dienst, den Rock ... Und dennock. es mußte geschehen! ,, „
Seine Schritte wurden fester und schneller, als könnte er es nicht erwarten, das Ziel am Ende dieses Weges zu erreichen. Sein Herz klopfte zum Zerspringen, die Abern an seinem Halse traten dick hervor, er merkte es kaum, als er endlich vor der neuen Schlosslchen Bande stand. Er fühlte nickts weiter als den bohrenden, qualvollen Befehl: „Du mußt es tun!"
Als am Abend der Platz des Oberstleutnants von Arnim in der Pension leer blieb, obwohl der helle Ton des Tam Tarn längst verklungen, fragten sie alle nach ihm. Und als das Mahl beendet und der Nachtpunsch ver- damvft war, begannen sie zu handeln! Die drei jüngsten Herren erboten sich, ihm zur Schlesischen Baude nachzugehen, weil sie ihn in deren Nähe gesehen hatten.
Lange nach Mitternacht wandten sie sich zur Heimkehr. Es war ganz still zwischen ihnen. Niemand war in der Stimmung ein Lieb anzu- stimmen ober Schwanke zu erzählen. Eine bange, unausgesprochene Sorge lag in aller Herzen.
Der Weg fiel steil herunter. Geröll und spitze Steine türmten sich zuweilen so hinter- listig auf, daß die Weggenossen mehr als einmal ins Stolpern gerieten. Plötzlich glitt der Jüngste und Bebendeste aus, fand keinen Hält und rollte einer Untiefe zu, die von Brombeerkraut überwuchert war.
Als sie ihm zu Hilfe kamen, erfüllte sich ihnen dort das Wunderbare: Die Losung des Rätsels. das zu finden sie ausgezogen waren.
Der alte Offizier war an der nämlichen Stelle von seinem obersten Herrn zur großen Dienstleistung in das ewige Reich des Friedens abkommandiert worden!
Wie war das Unglück geschehen?
So einfach, daß man zuerst gar nicht daran glauben wollte.
Der alte Mann war auf dem Heimweg ebenso ins Wanken geraten wie der junge später. Nur aufzurafsen batte er sich hinterher nicht mehr vermocht, denn die scharfe Pfeilspitze seines Federhalters war ihm bei dem Fall mit voller Wucht ins Herz gebtungen.
Es wurden in dieser sternklaren Nacht viel Verwünschungen laut über den Pfeilspitzen Halter. Rur die blonde schlanke Frau blieb stumm. Sie ahnte wohl, daß er mit diesem letzten Dienst feinem Herrn den größten und glücklichsten geleistet hatte...
— Ende.—.