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1. Jahrgang

Nummer 259,

Hessische Abendzeitung

Kasseler Abendzeitung

Fernsprecher 951 und 952.

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Sonnabend, den 7. Oktober 1911

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GSMimer Miss.

Die Katastrophe der Göttinger Banl.

Ein Telegramm unseres Kor­respondenten berichtet uns aus Göttingen: Während seit Montag vier Herren der Treuhand-Gesellschaft hier da­mit beschäftigt sind, einen Status der Göttinger Bank aufzunehmen, macht sich unter den Aktionären und Depositären eine große Nervosität geltend, und es ist nicht ausgeschlossen, daß dennoch zum Konkurs des Instituts kommen wird.

Das Schicksal ist schneller als das hurtigste Dementi: Am Abend des Tags, an dem die Männer der Göttinger Bank der Oef- fentlichkeit erzählten, die jäh hereingebrochne Katastrophe werde für das Vertrauen der Kun­den nicht zum Verhängnis werden, stand schon fest, daß das Unheil nicht als Werk des Zu­falls, sondern als naturnotwendige Folge einer die Grenzen kaufmännischer Vorsicht weit über­steigenden Spekulationstätigkeit und einer Kreditüberspannung zu beklagen war, die selbst der bescheidensten Voraussetzun­gen geschäftlicher Sorgfalt ermangelte. Kleine Landwirte, Geschäftsleute, Beamte, Privatan­gestellte und Kellner, die bei der Bank nur ganz geringe Guthaben hatten, erfreuten sich einer Kreditgewährung, die ihre wirtschaftliche Bonität nm ein Vielfaches überstieg und die naturgemäß die auf diese Art Beglückten dazu verführte, sich mit dem leicht verschafften Gelde in phantastische Spekulationen einzulasien, de­ren Auf und Nieder anscheinend von der Bank­leitung mit wohlwollendem Interesse verfolgt wurde. Gelegentlicher Erfolg verdoppelte den Eifer, spornte die Emsigkeit der kreditgewäh­renden Bank zu völliger Planlosigkeit, und be­lastete schließlich das ganze Unternehmen mit dem Druck von Verpflichtüngen, die in gar kei­nem Verhältnis zur Bescheidenheit eigner Mittel standen. Daß unter diesen Umständen über kurz oder lang der Zusammenbruch un­abwendbar sein mußte, hätte einem eini­germaßen klarblickenden Aufflchtsrat nicht ver­borgen bleiben dürfen. Daß es dennoch ver­borgen blieb, ist nur eine neue Bestätigung des alten Erfahrungsgesetzes, daß manche Auf­sichtsräte e r st dann zum.Aufsehen" kommen, wenn es für die Einsicht zu spät ist.

Der einzig mildernde Umstand ist die Tat­sache, daß der Aktionsbereich des Instituts durch die Schwäche eigner Mittel wenigstens eini­germaßen beschränkt war, sodaß der di­rekte Verlust nicht allzugrotze Lücken reißt. Umso verhängnisvoller werden dagegen die indirekten Einbußen sein: Der Zusam­menbruch der Bank bedeutet für Göttingen und ganz Süd-Hannover eine schwere wirtschaftliche Heimsuchung, und es ist schon heute vorauszu­sehen, daß die Katastrophe der Göttinger Bank noch eine Reihe weiterer Zusammen­brüche im Gefolge haben wird, da zahlreiche Gelverbetreibende und Unternehmer, die mit dem Kredit der Bank arbetteten, nun plötzlich des geschäftlichen Kredits und der baren Mittel beraubt sind, und in der gegenwärtigen Periode allgemeiner Geld-Teuerung unmöglich den Schlag überdauern oder seine Wirkungen durch erträglichen Kredit-Ersatz abwenden können. Inzwischen unterliegen die Bücher der Bank der Prüfung durch die Treuhand-Gesellschaft, und man darf gespannt darauf fein, wie letzten Endes der Status aussehen wird. Nachdem der anfänglich (wegen einer Forderung von vierhundert Mark) gestellte Antrag auf Eröff­nung des Konkurses zurückgezogen worden ist, darf mit einem ordnungsmäßigen Fortgang der Liquidation gerechnet werden, der dem Interesse der Bank sowohl wie demjenigen der tiefbetrübten Leidtragenden sicher auch dien­licher ist, wie der entfesselte Sturm wilder Er­regung, der die letzten bescheidnen Hoffnungs­möglichkeiten auf eine einigermaßen be­friedigende Lösung der Krise hinwcgzufegen drohte. Daß der beneidenswerte Optimismus der Bankleitung, der immer noch die Möglich­keit der Befriedigung aller Ansprüche in er­reichbarer Nähe sieht, von der Wirklichkeit so weit entfernt ist, wie die Erde von der Sonne, braucht die Hoffnung nicht zu mindern, daß es bei einer ruhigen Abwechslung der Liquida­tionsarbeiten möglich sein wird, die katastro­phalen Härten des Ereigniffes wenigstens zum- teil zu mildern.

Fest steht jedenfalls zweierlei: Die Bankleitung hat sich in Geschäfte eingelassen, die weit außerhalb des Rahmens ihrer nor­malen Betätigungsmöglichketten lagen, und sie hat ferner durch eine gradezu sensationelle Ku­lanz in der Kreditgewährung an Kunden ge- ringer wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit dem Institut ein Ristko auk-rebürdet. das mit seiner

eignen Wirtschaftslage in gar keinem Verhält­nis stand. Als das Unglück hereinbrach, mußte (wie schon so oft) der .stockende Spargroschen" herhalten: Marokko und Tripolis boten den prächtigsten Anlaß, den Rückgang in den Spargelder-Einzahlungen beweiskräftig zu machen. Daß die Kassenbücher später das Ge­genteil bezeugten, und trotz des wochenlan­gen Kriegsgelärms nur eine völlig belanglose Schwächung der regelmäßigen Spar-Einzah- lungen nachwiesen, hat das Märchen vom Verhängnis der Geldmarktlage" rasch zerstört, und es bleibt (im Interesse der Leidtragenden) nur noch der Wunsch übrig, daß die Verwal­tung der Bank mit ihren Hoffnungen und Er­wartungen hinsichtlich der Möglichkeit eines leidlichen Arrangements mehr Glück haben möge, wie mit ihren Erklärungsversuchen über die Ursache des Zusammenbruchs. Wenn die rosigsten Hoffnungen sich erfüllen, werden die Spargelder und Depots gerettet werden kön­nen; daß das Aktienkapital bis auf den letzten Heller verloren ist, steht indessen außer Zweifel, und ebenso werden auch bettächtlichc Verpflichtungen, die die Bank eingegangen war, ungedeckt bleiben: Alles Umstände, die förmlich zu einer Erörterung darüber zwingen, wie ein Betriebssystem dieser ungesunden Art überhaupt ermöglicht wurde und welche Handhaben gegeben sind, Erscheinungen dieser unerfteulichen Art zu verhüten.

In der Sünder erster Reihe steht auch in Göttingen der A u f s i ch t s r a t. Es wird noch aufzuklären sein, welchen seltsamen Umständen cs zu danken ist, daß das Göttinger Conziliuni der Auguren bei den letztjährigen Revisionen die verschlungnen Wege spekulativer Finanz- operattonen nicht erkannt hat, auf denen die Verwaltung ersichtlich nicht erst seit gestern oder ehegestern gewandelt ist. Leider ist das Prinzip der aussichträtlichen Regreßpflicht zur­zeit noch nicht ganz unbestritten; in Göttingen wäre sonst aller Anlaß gegeben, diejenigen Leute die Schwere der Katastrophe spüren zu lassen, die das Betriebssystem der Verwaltung gebilligt haben, offenbar ohne mit der nötigen Gründlichkeit auch die Dinge hinter den Bilanz-Kulissen zu prüfen. Es ist immer wie­der die alte Geschichte: Di« Tätigkeit eines Auf- sichtsrats besteht in der'Hauptsache im Raten der Verwaltungsrätsel, und die Aufsichts­führung beschräntt sich in neunzig von hun­dert Fallen auf reine Aeußerlichkeiten, deren peinliche Erdcnreste eine resolute Verwaltung mühelos aus dem Weg zu räumen weiß. Die Rechtssicherheit im Wirtschaftsleben erfordert deshalb dringend die Belastung der AufsichtS- räte mit der vollen und unbedingten Haftpflicht für die ihnen unterstellten Un­ternehmungen: Die größere Verantwortung und daS höhere eigne Risiko würden dann auch den bequemsten AnfsichtSrat anregen, scharfe Kontrolle zu üben und unnachsichtig gegen alle VerwaltungS-Eigenmächttgkeiten vorzugehen. (W i e märchenhaft harmlos es mitunter in den Aufsichtsrat-Versammlungen von Millionen- Unternehmungcn zugcht, haben in gradezu ver­blüffender Anschaulichkeit ja kürzlich erst die seltsamen Jnümstäten der Niederdeutschen Bank bewiesen.) Außer der unbedingten Auf­sichtsrat-Haftung scheint auch eine erhebliche Erweiterung der Rücklage-Verpflich­tungen geboten, und zwar in der Weise, daß erst die Anhäufung eines entsprechend gesicher­ten Reservefonds zu Transaktionen be­rechtigen dürfte, deren mögliches Risiko die wirtschaftliche Existenz des Unternehmens ge­fährden könnte. Gewiß: Bank- und Haiwols- verkehr sind Gebiete, auf denen gesetzliche Re­glementierung leicht zu schlimmer Hemmung werden kann, aber es handelt sich hier um Notwehr gegenüber dem Leichtsinn der Spekulation, und der Krach von Göttingen darf als Beweis dafür gelten, wie berechtigt das Verlangen ist, das nationale Wirtschaftsleben gegenüber dem Verhängnis leichtfertig herausbeschworner Katastrophen ge­schützt zu sehen. F. H.

Abermals aus dem toten Punkt?

Die Marokko-Verhandlungen im Stocken!

(Telegraphische Meldungen.)

Aus Berlin wird uns depeschiert: Die Herren C a m b o n und von Sibirien be­raten seit Beginn der Woche unausgesetzt über den letzten peinlichen Rest des Marokko- Abkommens, scheinen aber bisher nicht <su einem Ergebnis gekommen zu sein, denn es ist nichts darüber zu erfahren. Auch der aestnge französische Ministerrat soll sich mit der Ma­rokkofrage nicht beschäftigt haben. Nach ver­schiedenen Anzeichen stocken dieVerhand- lungen bei der Kompensattons. frone. Das französische Kapital, da» f.» der

ranzösischen Kongokolonie zwar nicht arbeitet (es hat dort gar nichts getan), aber doch in­teressiert ist, will offenbar an dem politischen Geschäft gehörig verdienen und macht Schwie­rigkeiten. Das französische Nationalgefühl, das Marokko, natürlich wie eine Selbstver- tändlichkeit hinnimmt. will angeblich die Kon­gosümpfe nicht aufgeben, ohne durch deutsche Abtretungen in Nordkamerun beschwichtigt zu ein, und so sind neue Schwierigkeiten aufge­taucht, deren Beseitigung sich zurzeit noch nicht absehen läßt.

*

Nur FonunNerANgs-IMereNze« ?

Eigene Drahtmeldung.)

Wie uns aus Paris berichtet wird, ist die Meldung eines Pariser Mittagblattes, daß der Ministerrat die deutsche Antwort bereits akzeptiert habe, unzutreffend. Es werden noch einige weitere redaktionelle Aende- r u n g e n für notwendig gehalten. Ein Tele­gramm über die Beschlüsse wurde gestern nach­mittag an Cambon gesandt. Weiteres wird in dem neuen Kabinettsrat bestimmt, der am Sonnabend stattsindet. Obgleich über den Zweck der Ministerberatung keine Rote ausge­geben wurde und obgleich jede Mitteilung über den Stand der Verhandlungen am Quay d'Or­say abgelehnt wird, ist doch bekannt, daß über Marokko und über den Kongo gesprochen worden ist. Wahrscheinlich hat sogar die Un­terhandlung über die Kompensa­tionen auf die neue Verzögerung einen ge­wissen Einfluß ausgeübt. Die Zeitungen be­schränken sich auf die kurze Mitteilung, daß über die prinzipiellen Fragen keine Meinungstvcrschiedenheit existiert, daß aber noch Differenzen in der Formulie­rung vorhanden sind, die beseitigt werden müssen. Eine Andeutung über die von Frankreich gewünschten Aenderungen war nicht zu erlangen.

Tie Staliener in Tripolis?

Wahrheit und Dichtung über den Krieg.

Römische Blätter erhielten gestern nachmit­tag über Malta die Nachricht, daß sich T r i.« polis ergeben habe und besetzt sei. Amtliche römische Stellen erklären indessen diese Meldung für unwahr. Nur die Außen­forts Sultanin und Hamiddie seien von Offi­zieren und Mannschaften besucht wordcG. Die Besetzung von Tripolis erfolge erst nach Ein­treffen des Ervedttionskorps; die Besatzung der Kriegsschiffe sei zu schwach dazu. Die Agenzia Stefans" verbreitet (im Gegensatz zu dieser Rachrichtl wieder folgende Meldung: Um die Mittagsstunde wurde gestern auf dem Fort Sultania die italienische Flagge gehißt und vom Geschwader mit Kanonendonner be­grüßt. Das Fort wurde von den LandungS- kompagnien besetzt, die unter dem Schutz der Schiffe dort bleiben. Die Schiffe liegen zum Teil im Hafen, zum Teil in kurzer Entfer­nung von den zerstörten Festungslverken vor Anker. Eine andere Meldung gibt von der an­geblichen Landung der Italiener in Tripolis folgende Darstellung:

<f Mailand, 6. Oktober.

(Privat-Telegramm.)

Neber Malta traf hier gestern abend a»8 Tripolis die Nachricht ein, daß die Aus­schiffung der Truppen erfolgt sei. Die Notiz wird vomGorricre della Sera" als authentisch bezeichnet. Die Matrosen von den SchiffenFranresco Peruecio",Varese" und Garibaldi" landeten zuerst und lagern bei den Konsulaten. Eine andere Abteilung liegt ne­ben der christlichen Kirche, wo Pater Rofetti nebst andern Mönchen und Nonnen zurückge­blieben waren. Weitere Detachements, zogen in die Fortß und besetzten sie. Weder bei der Ausschiffung noch beim Einzuge er­folgte seitens der Türken Widerstand. Die Stadt schien verlassen. Der Schaden infolg- der Beschießung ist gering. In den Forts wurden Leichen türkischer S ol- baten gefunden.

Dir Flüchtlinge ans Tripolis.

(Eigene Drahtmeldung.)

Aus Rom wird uns depeschiert: Wie das Blatt .L'Italia" mitterlt, ist gestern abend eine Abteilung italienischer Matrosen in Tri­polis gelandet, um das Konsulat und die ka­tholische Kirche zu schützen. Soldaten besetzten die Citadelle, die von den Türken geräumt wurde. In Syracru; trafen gestern etwa tau­send Flüchtlinge aus Tripolis ein, die von hier aus in ihre Heimatsgemeinden befördert werden. Die meisten sind der Ansicht, daß im Innern Tripolitaniens langwie­rige Kämpfe bevorstehen, da die Hal­tung der Europäer, entgegen den italienischen Hoffnungen, schwankend sei. Rach Meldungen aus Malta von heute früh wird Tripolis

nicht mehr verteidigt. Unter den Tür­ken herrscht große Panik. Der größte Teil der türkischen Truppen wurde gefangen genom­men, der Rest ist in die Oasen geflüchtet. Der stellvertretende Gouverneur hißte die weiße Flagge und bat selbst um die Landung ita­lienischer Truppen. Die in den Moscheen ver­sammelten Araber entschlossen sich, jeden Wi­derstand aufzugeben.

*

Berrghazi wird bombardiert!

(Eigene Draht Meldung.)

Weitere Depeschen aus Rom berichten UN?: Eine gestern aus Aegypten eingelaufene chiffrierte Depesche besagt, daß die italie­nische Flotte das Bombadement von Benghazi begonnen hat. Die dortige Station für drahtlose Telegraphie wurde zer­stört. Mehr als achtzig Geschosse erreichten die Stadt und richteten große Verheerungen an. Depeschen aus Saloniki zufolge verlautet dort, daß die Regierung inErsahrung gebracht habe, die Italiener beabsichtigten, einen Angriff auf Kawalla und dir umliegenden Forts und eine Landung, weil dies der günstigste Punkt fei, um von dort aus den Bahnver­kehr zwischen Saloniki und Konstantinopel zu unterbinden. Es soll deshalb in der Um­gebung Kawallas eine Division zusammenge­zogen werden. Das Komitee für Einheit und Fortschritt, das durch die Bewegungen der englischen Kriegsschiffe im Mittelmeer sehr ir­ritiert ist, befürchtet eine Vereitelung aller Pläne betreffs Kretas durch England.

*

K o n st a nt.in o p el, 6. Oktober. (Eigene Drahtmelüung.) Der Ministerrat tagt seit der vergangenen Nacht, um über die Antwort zu beraten, in der man den Mächten die Bedingungen darlegen will, unter denen die Pforte westen der Beendigung der Feindseligkeiten mit Italien zu ver­handeln bereit ist. Der Großwesir konferierte gestern abend lange mit dem gestern zurückge­kehrten französischen Botschafter. Die Botschaf­ter Deuffchlands, Englands und Rußlands besuchten gestern nachmittag den Großwesir und besprachen die Grundlage der Bedingun­gen, unter denen eine Vermittlung der Großmächte möglich sein würde.

düngen vor:

xx Wien, 6. Oktober.

Nar Attentat im Parlament.

Bier Revolverfchüsse auf den Justizminister.

Wie wir schon in einem Teil der gestrigen Auflage berichtet haben, war das öfterrei« chische Abgeordnetenhaus am Don­nerstag (dem Tage der Eröffnungssitzung) der Schauplatz eines Attentats, das indessen glücklicherweise ohne ernstere Folgen geblieben ist: Ein neunzehnjähriger Dalmatiner Sozialist namens N j e g u s gab von der Galerie des Sitzungssaales vier Schüsse in der Rich­tung auf die Ministerbank ab, in der zugeflnn- denen Absicht, den I u st i z m in i st e r zu cr- schießen. Der Justizminister blieb indessen unverletzt und nur der neben ihm sitzende Un­terrichtsminister Graf Stürkb erlitt eine leichte Verletzung am Arm. Uebcr den Vorfall liegen uns folgende telegraphischenMel-

Während gestern bei der Eröffnungssitzung im Abgeordnetenhaus der Abgeordnete Adler über die Teuerung sprach und erklärte, daß die herrschenden Zustände von den Massen nicht auf dir Dauer mehr ertragen werden könnten, erhob sich auf der zweiten Galerie ein Mann, zog einen Revolver und gab vier S ch ü s s e ab. In der ungeheuren Aufregung, die hierauf entstand, konnte man zunächst nicht feststellen, wem die Schüsse gegolten hatten. Man glaubte anfangs, daß die Waffe gegen den Ministerpräsideuteu Baron Gautsch gerich­tet worden war. Die Sitzung wurde sofort un­terbrochen, und es gelang schließlich, den Atten­täter zu überwältigen. Er wurde sofort einem Verhör unterzogen und erklärte, er sei So­zialist und habe den Iustizminister erschießen wollen. Viele Abgeordnete stürzten auf die sozialistischen Abgeordneten und riesen ihnen zu, sie seien für solche Vorfälle verantwortlich, da sie die Erregung in die Massen trügen. Schon vorher hatte es (wie wir bereits kurz berichtet haben)

im Hause Sturmszenen gegeben.

Etwa dreihundert Schüler der tsche­chischen Schulen, die von der Wiener Ge­meindevertretung geschlossen worden sind, weil sie den gesetzlichen Bedingungen nicht entspra­chen, waren mit ihren Müttern und geführt von tschechischen Abgeordneten erschienen und hatten die Säulenhalle des Abgeordnetenhäuser be­setzt. Infolgedessen kam es zu erregten Szenen; tschechische Frauen beschimpften die deutschen Abgeordneten und