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Nummer 258,

1. Jahrgang

Kasselerf A ndzeitung

Hessische Abendzeitung

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Fernsprecher 951 und 952.

Freitag, den 6. Oktober 1911.

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Set Stifte im Bunde.

Der Dreibund als Hemmschuh unsrer Politik.

Ein Privat-Telegramm berichtet uns aus Rom: Es gewinnt immer mehr den Anschein, daß Italien entschlossen ist, sich durch eine Vermittlung der Großmächte nicht in seiner militäri­schen Aktion in Tripolis stören zu lassen. Aus der Consulta steht man aus dem Standpunkt, daß Verbandlungen mit der Türkei erst dann möglich sein werden, wenn türkischerseits die Besistergrei- sung von Tri polis durch Italien be­dingungslos anerkannt worden ist.

Es waren sicher nicht die unfähigsten und kurzsichtigsten Politiker, die uns in den letzten Jahren wieder und immer wieder vor Augen halten zu muffen glaubten, daß es durchaus nicht zu einemVerlust des Ansehens Deutschlands füh­ren müsse, wenn wir an Hand der nicht abzu­leugnenden Tatsachen eines Tages offen und ehrlich an Italiens Adresse die.Mahnung rich­ten würden, entweder innerhalb des Drei­bunds für diesen Ersprießliches zu leisten, oder aber der Wahrheit die Ehre zu geben und zu erklären, daß Italien aus den verschiedensten Gründen eigentlich nicht mehr in den Dreibund gehöre. Statt dessen versichern sich die Häupter Leider Nationen in langen Ergebenheitstele­grammen in genau bestimmten Zwischenräumen ihrerunwandelbaren Freundschaft". Was uns anbelangt, so schlagen wir sogar in dieser Be­ziehung den italienischen Rekord um ein be­deutendes. Jetzt nun (und grade in einem Augenblick, den Deutschland benutzt, um seine Loyalität Italiens gegenüber selbst inanbe- tracht des in der Türkei dadurch entstehenden Rückgangs des deutschen Prestiges zu be­weisen) ist «S für die Wohlfahrt des Landes dringend notwendig, sich einmal zu vergewis­sern, ob dem Deutschen Reich wirklich ein Nutzen aus der Zugehörigkeit- Italiens zum Dreibund erwächst. Man kann sich im übrigen zu dem längst verdunkelten Dreibund-Ideal stellen, wie man will; Eins läßt sich nicht ab­leugnen: Die Tatsache nämlich, daß Italien für die deutsche auswärtige Politik bisher stets der Hemmschuh gewesen ist (und noch ist). Und das wiegt umso schwerer, als der Bela­stung auch nicht der bescheidenste Vorteil gegen­über steht, sodaß also nicht zuviel damit gesagt ist, wenn ernste Politiker (die nicht gewöhnt sind, die Methode der Berliner Wilhelmstraße unter allen Umständen als die a l l e i n s e l i g- machende zu preisen) den Dreibund als die goldne Fessel am Fuße deutscher Macht" be­zeichnen.

Eine Beweisführung zur Erhärtung dieser Auffassung ist nicht allzu schwierig, denn es ge­hört kaum besondre Findigkeit dazu, einzu­sehen, daß wir unfern Botschafter in Rom trotz des auf dem Papier noch bestehenden Drei­bunds ständig im Wettlauf mit dem französi­schen Kollegen halten müssen, lediglich weil der letztere in jedem einzelnen Fall die Sympathien des (wie es so schön in den italienisch-franzö­sischen Verbrüderungsdepeschen der letzten Jahre hießlrasseverwandten Volks" auf sei­ner Seite hat. Was aber Italien seinerzeit veranlaßte, dem Dreibund beizutreten, das war doch nur eigentlich der Schutz, den es bei uns und im Dreibund hinsichtlich Afrikas gegen Frankreich suchte. Diesen Schutz haben wir ge- wäbrt; Italiens und Frankreichs Gegensätze in Afrika bedürfen aber heut desgroßen Bruders" für Italien nicht mehr; es entfallen also auf der Seite Italiens auch die Voraus­setzungen, unter denen einst das Bündnis ge­schlossen wurde, es sei beim, daß es von uns animiert würde, eine Jacke zu tragen, in die es niemals hjneinpassen dürfte. Wozu aber und aus welchem Grund sollten wir animie­ren; und warum wollen wir nicht offen er­klären, daß uns Italien mebr hinderlich als nützlich ist? Glaubt vielleicht jemand im Emst, daß die Begehrlichkeit, die Italien jetzt nach demAusbau seinerStreitkräfte an den Tag gelegt und die sich sogar zu einem Akt verstiegen Hai, der bisher im völkerrechtlichen Verkehr einzig dasteht, Halt machen wird vor den alten, noch unter der Asche glimmenden Gebietsstrei'.ig- leiten mit Oesterreich? Wer's glaubt, kennt das politische Temperament der modernen Rö­mer nicht und sieht dort Ideale, wo in Wirk­lichkeit krasser Egoismus die Situation be­herrscht.

Im übrigen: Hat man hierzuland bereits die italienisch-französischen Extratänzchen vergessen, die sich Italien trotz der Dreibund- Pflicht in fröhlicher Gewissenlosigkeit geleistet bat? Hat nicht Italien in Algeciras deut­lich erkennen lassen, daß seine Sympathien und seine wahre Freundschaft Frankreich gehören? Trat nicbt schon dort deutlich zutage, daß Ita­

lien am Dreibund vermittels der in mäßigen Intervallen immer wieder aufgefrischten Er­gebenheitstelegramme nur deshalb kleben blecht, weil es sich -einen einseitigen Vorteil verspricht, den Deutschland zu gewähren bisher ja auch gutmütig genug gewesen ist. Was soll aus unsrer ganzen Orienipolitik werden, wenn wir das hier nur hinderliche Italien weiter mitschleppen? Wozu haben wir in mühevoller Arbeit die Türkei durch die Bag­dadbahn, durch Instruktoren und durch Finan­zierungen gestärkt und wirffchaftlich gehoben? Wozu hat der Kaiser durch seine Tanger- und Jerusalemreise das deutsche Pre­stige im Land des Islam heben helfen, wenn er sich sagen mußte, daß der andren Dreibund­macht durch die Schwäche deutscher Ratgeber jeden Augenblick die Möglichkeit gegeben war, das sauer Errungne durch eine Politik der brutalen Gewalt wieder zu zerstören? Sind wir vielleicht zwei Jahrzehnte nach Bismarck schon so weit, daß wir uns in einem Ernstfall auf Italien zu stützen gedenken? Kein Mensch wird das ernstlich annehmen wollen, denn es wäre wirklich sträflich naiv, zu glauben, daß Italien keine Hintertüren finden würde, um sich, wenn man es braucht diplomatisch aus der Affäre zu ziehen.

Und unsre wirtschaftlichen Bezieh­ungen zum Apenninen-Reich, von denen die greifen Anwälte der Dreibund-Idee mit be­sondrer Vorliebe reden? Herr von Kiderlen- Waechter, derOrientale", soll sich doch nicht selbst verspotten: Er, der wie kein zweiter unsre Orientpolitik mit bauen half, er sollte nicht aus den Statistiken lesen können, daß unsre wirt- schafllichen Interessen in Italien schon jetzt Waisenkinder sind gegen unsre berechtigten Aspirationen im Orient? Die tripolitanischx Extratour Italiens, von der alle Mächte bei- haupten, daß sie in der beliebten Form ab­stoßend und brutal wirke, wäre unterblieben, wenn Italien so ehrlich gewesen wäre, sich vor einer ultima ratio des Dreibunds zu er­innern. Italien hätte wegen Tripolis über Deutschland hinweg jede Garantie erlangt, ohne daß dabei Deutschland (wie jetzt, wo man auf türkischer Seite vergeblich Hilfe vom kor­rekten Deutschland verlangt) Verluste an Ansehen und auf wirtschaftlichem Gebiet erlit­ten hätte. Deutschland hat sich durch den Bruder im Süden" wieder einmal in die Klemme bringen lassen, und es ist deshalb höchste Zeit, hier Remedur zu schasfep, damit das Deutsche Reich im Dreibund nicht nur der Gebende, sondern (wenigstens zuweilen) auch der Empfangende ist. Wenn das von Italien allerdings wirklich gefordert werden sollte, bann ist Tausenb gegen Eins zu wetten, baß es mit der nochmaligen Verlängerung des Drei­bunds ein- für allemal aus ist. Was für Deutschland auf politischem Gebiet sicher eine der größten Errungenschaften sein würde. Was uns Italien alsDritter im Bunde" bisher gebracht hat, waren Aergernisse, Enttäuschun­gen und Kalamitäten, und es hieß« gradezu das Schicksal versuchen, diese Last auch der deutschen Zukunft noch auszubürden. Wir brauchen Bewegungsfreiheit zu unsrer politi­schen Weltarbeit, und es zeigt sich immer deut­licher, daß der Dreibund es ist, der uns hindert, unsre Kräfte in voller Entfaltung nutzbar zu machen. Spüren unsre Maßgeb­lichen Märtyrer-Ekstase, daß sie dem gilbenden Papierblättchen bet Dreibund - Idee immer wieder von neuem deutsche Kraft und deutsche Freiheit opfern ...? -an-

Mauuel auf Dem Krlegspfad.

Ter Monarchistenputsch in Portugal.

(Telegraphische Meldungen.)

Bus Paris wird uns depeschiert: Ein Mitarbeiter desJournal" hatte gestern eine längere Unterredung mit einer hier le­benden portugiesischen royalistischen Persönlichkeit, die ihm mitteilte, daß sie vier Telegramme auS Vigo erhalten habe, worin bestätigt wird, daß Haupt­mann Coneeira mit viertausend Mann in Portugal eingedrungen sei, und daß in vielen Garnisonen und Grenzorten die Be­völkerung sich ihm angeschlossen habe.

Es kann nach den letzten Meldungen aus Portugal (trotz bet verzweifelten Dementis der portugiesischen '(Regierung) nicht mehr zwei­felhaft sein, daß die Gegenrevolution tatsächlich begonnen hat. Der royalistische Füh­rer Kapitän Paiva Coneeira ist mit etwa vier­tausend Bewaffneten über die Grenze der Pro­vinz Traz os Montes, des nordöstlichen Grenzbezirkes der portugiesischen Republik, gedrungen und bedroht die Grenzfestung C h a- v e s. Bei Entrocamento an der spanischen Grenze versuchten die Monarchisten eine Brücke

in die Lust zu sprengen, und die Bevölkerung des Fleckens Sanio Tirso in der anderen nörd­lichen Grenzprovinz des Landes Hai die monar­chistische Flagge gehißt. Offenbar ist das vor­läufige Ziel bet royalistischen Expedition die große Hafenstadt Porto, in der erst biefet Tage ein Aufstand gegen die Republik nieder­geschlagen wurde. Auch die Bewohner der Provinz Traz os Montes sind meist mo­narchistisch gesinnt, so daß die Truppen Con- ceiras auf Verstärkung hoffen dürfen. Nach einer offiziellen Version ist Coneeira allerdingsbereits zurückgeworfen" worden, aber man weiß nachgerade, was auf dieseof­fiziellen Kundmachungen" der Leute in Lissa­bon zu geben ist.

*

Dom Manuel hinter der Szene?

(Eigene Drahtmeldung.)

London, 5. Oktober.

DieEvening News" berichtet heute früh aus authentischer Quelle: Exkönig Manuel, der als Lord Lonsdales Gast in Schloß Lowther weilte, reifte gestern von dort mit dem Mitternachtszuge unerwartet nach London ab. Wie dem Blatt ferner aus Richmond gemeldet wird, traf König Ma­nuel heute früh dort ein. Man glaubt, feine plötzliche Rückkehr fei durch die monarchi­stischen Erfolge in Nordportugal bedingt. Durch Telegramme, die über Frank­reich geschickt wurden, traf die Nachricht ein, daß die Monarchisten in die beiden nördlichen Provinzen Minho und Traz os Montes (wie König Manuel erklärt habe) eingefallen seien. König Manuel wurde in den bedeutend­sten Städten als Herrscher proklamiert und ganze Garnisonen gingen zu den Monarchisten über. Der frühere portu­giesische Gesandte in London fuhr im Auto- mob'l 'us London ab, um (wie man glaubt) König Manuel zu besuchen.

Das Bombardement von Tripolis.

Revolte bet Besatzung von Tripolis?

Ein Privattelegramm meldet uns aus Rom: Die Beschießung von Tripolis ist gestern wieder ausgenommen worden. Zwei Forts und der Palast des Gouverneurs wur­den zerstört. Die Türken erwiderten das Feuer nur schwach. Heute werden wahrscheinlich die Städte D e r n a und Benghazi bom­bardiert werden. Sie es heißt, soll ein Teil der türkischen Besatzung von Tripolis revol­tiert haben, da sich, den letzten Meldungen ans Tripolis zufolge, unter den türkischen Soldaten immer mehr die Ansicht geltend macht, daß ein Widerstand gegenüber den überlegenen Streitkräften Italiens voll­kommen zwecklos sei. Der fanatische Teil der Bevölkerung ist dagegen Gegner jeder Kapitulienina. lieber das Bombardement von Tripolis wird uns weiter berichtet:

Tripolis, 5. Oktober.

(Eigene Diahtmeldung.)

Das gestrige Bombardement dauerte mir kurze Zeit. Die Türken erwiderten daß Feuer mit veralteten, beinahe unbrauchba­ren Kanonen und fügten den Italienern keinerlei Schaden zu. Die Beschießung wurde durch die Division des Admirals Thaon de Revel ausgeführt. Die italienischen Kreuzer machten von den großkalibrigen Geschützen kei­nerlei Gebrauch, da dies nicht der Mühe wert erschien. Das Bombardement wur­de häufig unterbrochen, um den Tür­ken Zeit zu geben, die weiße Fahne zu hissen; aber die weiße Fahne wurde nicht ge­hißt. Die Italiener feuerten eine Menge von Explosivgeschossen, Schrapnells und Granaten ab, die eine schreckliche Wirkung gehabt haben müssen. Man weiß darüber noch nichts genaues. Die Stadt und die Moschee wurden nach Möglichkeit geschont.

Unruhen ?n Tripolis?

(Eigene Drahtmeldung.)

Weitern Depeschen aus Tripolis zu­folge herrscht unter der Bevölkerung augen­blicklich mehr Unruhe wegen des Mangels an Lebensmitteln als wegen der Feind­seligkeiten mit Italien. Man erwartet den Ausbruch von Unruhen und glaubt all­gemein, daß ein frühzeitigeres Eintreffen der italienischen Marineftreitkräfte noch vor dem Eintreffen des Landungskorps notwendig sein wirb, um Ausschreitungen in bei Stadt zu verhindern, da es dem Gouverneur an Macht fehlt, der erregten Bevölkerung Wider­stand entgegenzusetzen. Man versichert von italienischer Seite, daß der Gouverneur an den italienischen Admiral das dringende Er­suchen gerichtet habe, die Landung der itali­enischen Truppen so rasch wie möglich ins Werk zu setzen, damit in der Stadt Un­ruhen Verhindert würden. Er Iber Gouver­

neur) verfüge nicht mehr über die genügende Anzahl Truppen, um die öffentliche Sicherheit verbürgen zu können.

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Waffenstillstand in Sicht?

(Eigene Drahtmeldung.)

Aus Rom wird uns depeschiert: Man rechnet hier allgemein mit dem nahe bevor­stehenden Abschluß eines Waffenstillstan­des, währenddessen Friedensverhand­lungen eingeleitet werden sollen. In po­litischen Kreisen wird bereits die Frage erör­tert, in welcher Form die Italiener sich den Besitz von Tripolis sichern könnten. Daß dem Sultan die formale Suveränität zuer­kannt wird, scheint sicher; dagegen ist es zwei­felhaft, ob Italien eine einmalige Ablösungs­summe ober einen Jabrestribut zahlt. Die meisten Minister bekämpfen jede Gelbzahlung an bie Türkei. Die hiesigen Morgenblätter melben, daß ein italienisches Kriegs­schiff in dem Hafen von Hobeida zerstört worben sei. Der türkische KreuzerPeik-i- S ch e f t e t" hat sich mit mehreren Kanonen­booten nach Hobeida geflüchtet. Der Walk von Janina meldet, daß in der letzten Nacht ein italienisches Kriegsschiff im Hafen von Valona erschienen fei, die Stadt bombardiert habe, aber bald wieder verschwunden sei. Eine Bestätigung der Meldungen steht noch aus.

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Ms zum letzten Blutstropfen...!

(Privat-Telegramm.)

Wie uns aus Konstantinopel berich­tet wird, statteten der deutsche, russische und der englische Botschafter, sowie der ser­bische und der rumänische Gesandte gestern nachmittag auf der Pforte einen Besuch ab. Die Botschafter erklärten, daß die Großmächte bereit seien, falls die 'Türker' mit Italien in Verhandlungen eintreten wolle, ihre guten Dienste zur Verfügung zu stellen, bedau­erten aber, daß das jungtürkische Komitee in Saloniki einen Aufruf erlassen habe, worin die türkische Regierung aufgefordert wird, bis zum letzten Blutstropfen Wider­stand zu leisten und mit allen Mit­teln den Krieg sortzusetzen. Die Re­gierung werde hoffentlich diese Aufforderung nicht verwirklichen, da sonst die Lage und die Verhandlungen erschwert würden. Der deut­sche Botschafter, Freiherr von Mar­schall, verlangte beim Fortgehen den Kriegsminister Mahmud Schewket zu se- hen, der aus dem Ministerrat geholt wurde und mit dem Botschafter allein konferierte, der ihm gleichfalls Mäßigkeit geraten haben dürfte.

*

Saloniki, 5. Oktober. (Eigene Drahtmeldung.) Die Stimmung unter den Mohammedanern gegen die Europäer ist derart gereizt, daß ständig der A u s b r u ch von Massakres befürchtet wird. Der niedere Pöbel ist bereit, auf das erste Zeichen hin Ausschreitungen gegen bie Italiener zu begehen, weshalb diese fluchtartig Saloniki verlassen. Die Vorbereitnngen für den Aufmarsch der türkischen Armee an der thessalischen Grenze schreiten fort.

Sas Verhängnis zur Bee.

Die letzten französischen Marine-Katastrophen. (Von unferm Korrespondenten.)

Aus Paris wird berichtet: Die Häufung bet Unfälle in der Marine macht einen bösen Ein- druck. Auf Schlamperei der Aufsichtsbehörden ist e« auch zurückzuführen, daß während der Trauerfeier in Toulon eins notdürftig zusammengeschlagene Tribüne brach und über zweihundert Personen zum Teil schwer verletzt wurden. Wegen der inter­nationalen Aufmerksamkeit wurde «S auch sehr schmerzlich empfunden, daß etwa fünfhundert ertreme Mrfenalattietter sich zur Trauerfeier mit roten Fa hnen einfanden und häßliche Auftritte mit de Polizei batten, die zur Entfernung der Fahnen ein großes Aufgebot brauchte.

Keine Woche ist in den letzten Monaten vergangen, ohne daß nicht der Draht die Mel­dung über irgend ein Unglück und eine Kata­strophe in der französischen Marine in die Welt hinausgetragen hätte. Und zur gleichen Zeit fast, in der der Marineminister Delcass^e der aufhorchenden Nation verkünde­te, daß Deutschlands Flotte ihm mehr ein Bluff scheine, während die französische kernge­sund und stets schlagbereit sei, wurde die ma­ritime Streitmacht Frankreichs durch eine gan­ze Reihe besonders empfindlicher Schicksals- schläge heimgesucht. Vergleicht man nun die Unglücksstalistik der französischen Ma­rine mit der der andern Großmächte, f» drängt sich unwillkürlich die Gewißheit auf, dgß es nicht allein nicht abwendbare höhere Gewalten ober aber Katastrophen sinb, di» auch bei straffem Dienst bei der Unzuläng­lichkeit menschlicher Arbeitskraft wotz aller