Kasseler Neueste Nachrichten
Erster Jahrgang.
1. Beilage»
Sonntag, 1. Oktober 1911.
8ns neueste Flieger- Unglück.
Kapitän Engelhard tot, Sedlmayr verletzt!
(Telegraphische Meldungen.)
Der Teilnehmer an der Berliner Fl« gwoche, der bekannte Flieger Kapitän Engelhard, ist gestern nachmittag abgeftür„t und alsbald seine« Berlet- zunge« erlege«. Der Passagier, der neun- Zehnjährige Schüler-Pilot Sedlmayr aus Gotha, wnrde schwer verletzt, jedoch hofft man, daß er mit dem Leben davon- lommen wird.
Die Flugwoche in Johannisthal bet Berlin, deren erste Tage so großartige Erfolge auf- zuweisen hatte, ist gestern nachmittag durch einen schrecklichen Unglücksfall jäh unterbrochen worden. Kapitän Engelhard, der tüchtige Wright-Pilot, ist (anscheinend durch Propeller- Bruch) aus einer Höhe von dreißig Metern abgestürzt und getötet worden. Engelhard war in tadellosem Fluge mit seinem Passagier Sedlmayr gestartet und befand sich schon eine Stunde und fünf Minuten in der Luft; er legte die letzten Runden wieder in einer geringen Höhe von etwa dreißig Metern zurück, als die Maschine stark zu schwanken begann und gleich darauf seitlich nach vorn ausschlug. Trotz der geringen Höhe bildeten die Tragdecken des Apparates einen Trümmerhaufen. Der M o - tor und Propeller waren vollständig zertrümmert. Kapitän Engelhard lag unter den Trümmern begraben, sein Passagier neben ihm. Beide Flieger waren bewußtlos. Eine abgebrochene Strebe des Doppeldeckers war Engelhard in den Leib gedrungen und hatte diesen vollständig aufgerissen. Wie Augenzeugen berichten, wollen sie vorher das Fortfliegen des rechten Propellers beobachtet haben. Infolgedessen warf der linke Propeller die Maschine herum, die aus geringer Höhe abstürzte und die Flieger unter sich begrub. Engelhard wurde in einem Automobil über das Flugfeld zur Unfallstation gebracht, wo allerdings nur noch der inzwischen eingetretene Tod festgestellt werden konnte. Die schweren inneren Verletzungen hatten zu einer Verblutung geführt. Bei feinem Schüler wurde ein Schädelbruch festgestellt und ein Armbruch. Er wurde per Automobil ins Krankenhaus nach Adlershof gebracht. Die Schauflüge wurden kurz nach Bekanntgabe des Todessturzes von Engelhardt abgebrochen und die drei noch in der Luft befindlichen Flieger landeten bald darauf.
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Kapitänleutnant Engelhard gehörte bis zum Jahre 1906 der Kaiserlichen Marine als Kapitänleutnant an. Er ging dann zur Aviatik über und war der erste von Ortiille Wright persönlich in Deutschland ausgebildete Flieger. Er betätigte sich dann bei der deutschen Wright-Gesellschaft mit großem Ersolg als Fluglehrer und bildete zahlreiche Schüler aus. An größeren Fernflügen nahm Engelhard tn letzter Zeit nicht mehr teil. Bekannt ist aber sein Fernslug von Trier nach Metz, bei dem er in der Nähe von Nancy auf französischem Boden landete. Mel bewundert wurden auch seine kühnen Flüge in St. Moritz. Die Berliner speziell hatten bei den Flug-Meetings in Johannisthal Gelegenheit, die Meisterschaft Engelhards zu bewundern, der sich selbst bei stürmischem Wetter nicht scheute, feine Wright-Maschine herauszubringen. Kapttän- leutnant Engelhard, der das Flugführerzeug- nis Nr. 3 inne hatte, war zuletzt bei der Deutschen Wright-Gesellschaft in leitender Position
tättg und betätigte sich auch mtt großem Erfolge als Konstrutteur, da er an den Wright- Maschinen zahlreiche Verbesserungen durchführte. Bei der jetzigen Johannisthaler Flugwoche startete er zum ersten Mal mit einem neuen Rennzweidecker, der nur mit einem Propeller ausgestattet war, während alle Wright- Maschinen bekanntlich zwei Propeller führen.
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Brüssel, 30. September. (Privat- Telegramm.) Ein schwerer Aeroplan-Unfall ereignete sich in der Nähe von Mons. Dort verunglückte der bekannte Aviatiker B u N ck bei einem Flugversuche, der Apparat stürzte aus fünfzig Metern Höhe herab und begrub de« Flieger unter sich, der mit sehr schweren Verletzungen ins Hospital geschafft wurde.
Sos aller WM.
Sm Nacht und Eis verschallen?
(Telegraphische Meldungen.)
Depeschen aus Kopenhagen zufolge find gestern die norwegischen Seebundfangschisfe zurückgekehrk, di- im Auftrage de« „Mickelsen.Komitees" nach den Spuren de? Nordpolfahrers Mick elfen und seines Genofsc» Iversen suchen sollten. Sie betätigen die telegraphische Mitteilung, die vor einigen Tagen durch die europäische Presse ging, daß Mik- kelfen anscheinend verschollen sei. Die Expedition hat nämlich keinerlei Spuren von Mickeksen entdecken können. Tie Nachricht erweckt in Norwegen große Anteilnahme.
Mikkelsen und Jversen waren im vorigen Jahre allein von der gesamten Alabama-Expedition, die zur Aufsuchung von MV lins Erichsen ausgezogen war, in Nordgrönland zurückgeblieben und wollten eine Forschungsreise nach Kap Jork unternehmen. Es steht aber nicht fest, ob sie dort tatsächlich auch angekommen sind; es hat vielmehr den Anschein, daß sie sich nach der Shanon-Jnsel begeben haben, wo sie auch im vorigen Jahre bereits einmal geweilt haben. Im Auftrage des Mlk- kelsen-Komitees und des Komitees zur Ausrüstung der Alabama-Expedition haben nun die grönländischen Seehundsfischer den Versuch gemacht, nach der Shanon-Jnsel zu gelangen, um hier die Spuren Mikkelsens und seines Begleiters zu verfolgen. Die Seehundsfischer haben sich hier mehrere Wochen aufgehalten, um eine günstige Gelegenheit zu erhalten, nach der Insel zu gelangen. Während der ganzen Zeit war dies aber nicht möglich, da die Eisverbältniffe so schwierig waren, daß eine Fahrt nach der Insel unmöglich schien. Die Shanon-Jnsel ist an der Ostküste Grönlands gelegen und konnte von Mikkelsen auf seinem Zuge durch Grönland erreicht worden sein. Hier befinden sich noch große Nahrungsmittelvorräie, die von den Mitgliedern der Alabama-Erpedition zurückgelassen worden waren, als sie von einem dänischen Schisse gerettet wurden. Es ist indessen immer noch eine offene Fraae. ob Mikkelsen völlig V e r s ch o l l e n ist. In unterrichteten Kreisen nimmt man dies nicht an, da Mikkelsen sich schon mehrfach gerade an der Ostküste von Grönland aus Erpedittonen aufgehalten hat und das Land genau kennt. Er würde auch nicht in Nahrungsmittelsorgen sein, selbst wenn er gezwungen wäre, noch ein bis zwei Jahre auf der Shanon-Jnsel zu bleiben, da die Vorräte völlig ausreichen. Außerdem ist es sehr leicht möglich, daß Mikkelsen den Weg nach Angmagfalik sucht und findet, den er vor ungefähr zehn Jahren bereits einmal zuttickgelegt und beschrieben hat. Es ist deshalb immer noch mit der Möglichkeit zu rechnen, daß die Verschollenen einen Rettungsweg finden, selbst wenn eine Rettungser- pedition auch weiterhin unmöglich) sein sollte.
Im nächsten Frühjahr will das Mikkelsen-Ko- mitee aufs neue durch grönländische Fischer eine Verbindung mit der Shanon-Jnsel herzustellen versuchen, um wenigstens Spuren von Mikkelsens Anwesenheit zu entdecken, selbst wenn er schon persönlich weiter gewandert sein sollte.
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Die Leiden einer Spitzbergen-Expedition.
(Telegraphische Meldung.)
Wie weiter aus Kopenhagen berichtet wird, befinden sich an Bord eines Fischdampfers, der jetzt von Spitzbergen nach Tromsö zurückgekehrt ist, zwei Ü e b e r l e b e n d e einer norwegischen Expedition, die sich im vorigen Jahre zur Jagd nach Spitzbergen begeben hatte, aber im Herbst infolge der ungünstigen Eisverhältnisse von der Rückkehr abgeschnitten und gezwungen worden war, auf Spitzbergen zu überwintern. Die aus fünf Mitgliedern bestehende Expedition hatte während des Winters die fu rchtb a rst en Qu a- len und Entbehrungen zu erleiden gehabt. Drei Mitglieder waren im Februar Hungers gestorben. Die beiden jetzt Geretteten hatten sich seit Monaten ohne Lebensmittel befunden und ihr Leben zuletzt nur noch dadurch aufrecht erhalten, daß sie das Leder ihrer Stiefel und ihre Pelzwerkbekleidung kochten und verzehrten. Sie hatten längst alle Hoffnung auf Rettung aufgcgeben und befanden sich, als sie von der Besatzung des Fischdampfers aufgefunden wurden, in äußerster Not und halbtot vor Kälte und Hunger.
Die kommende Worff-Metternich-Sensntion.
Wie uns ein Privat-Telegramm aus Berlin meldet, wird Frau Wolf Wertheim, die Hauptzcugin im Prozeß gegen den Grafen Wolff-Metternich, nicht vor Gericht erscheinen. Noch vor wenigen Tagen batte die Zeugin dem Gericht mitgeteilt, sie würde unter allen Umständen erscheinen, und hinzugefügt, sie werde der Verteidigung nicht den Gefallen tun, auszublciben. Inzwischen hat sich die Zeugin anders entschlossen und von Meran aus ein Attest eingereicht, wonach sie in den nächsten Monaten wegen Neurasthenie nicht an Gerichtsstelle erscheinen könne. Nachdem das Attest einae- gangen war, lud der Vorsitzende des Gerichts die Rechtsanwälte Dr. Jasfch und Dr. Alsberg zu einer Konferenz, die bis in den späten Nachmittag dauerte. Gericht und Verteidigung sind sich darüber einig, daß, falls es eben möglich ist, eine Vertagung vermieden werden soll. Ob aber der Prozeß ohne Frau Wertheim zu Ende geführt werden kann, ist höchst zweifelhaft. Die Aussage, die Frau Wertheim in der vorigen Verhandlung abgegeben hat, darf nach den Vorschriften der Strafprozeßordnung in der neuen Verhandlung K berücksichtigt werden. Die Verteidigung nun einen Weg. um die Behauptung des Grafen, daß er auf eine Heirat mit Frau Dolly Pinkus gerechnet habe, in anderer Weise glaubhaft zu machen. Trotz des Ausbleibens der Frau Wertheim sollen (wie schon jetzt feststeht) diejenigen Zeugen vernommen werden, die über das gesellschaftliche Leben im Hause Wertheim und die Behandlung des Grafen Metternich Bekundungen machen können.
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Ihr eigenes Kind lebendig begraben!
Deveschen aus Paris zufolge wurde die Bevölkerung von B e r ck - s« r - m e r bei Bou- logne vorgestern in große Aufregung versetzt. Der Friedhofswächter von Berck bemerkte nach- mittaas eine junge Frau, die einen weiten Schlafmantel trug und unter dem Arm anscheinend ein großes Paket hielt. Sie tat so.
als ob sie langsam auf dem Friedhof umher- spazierte, und nach zwanzig Minuten kehrte die Frau wieder nach dem Ausgange zurück. Plötzlich drang dem Wächter aus einer Allee schwaches Wimmern und Stöhnen entgegen, er ging näher, scharrte die Erde wxg und förderte ein kleines, in Linnen gehülltes junges Geschöpf ans Tageslicht. Es wär ein wenige Tage alter Säugling, den man soeben erst lebendig begraben hatte. Das Kind war schon halb erstickt, doch atmete es noch. Der Wächter brachte es sofort in seine Wohnung, und ein rasch herbeigerUfener Arzt stellte das arme Wesen wieder her. Nunmehr stellte man Nachforschungen nach der Frau an, die ohne Zweifel die Mutter und Mörderin ihres Kindes war, und sie wurde auch bald in der Wohnung einer andern Frau ausfindig gemacht. Als sie sah, daß sie gesucht wurde, gestand sie ohne weiteres die Tat ein. Die Frau heißt Pauline ©refftet und ist siebenundzwanzig Jahre alt. Es besteht der dringende Verdacht, daß die Gressier int vergangenen Jahre ebenfalls ein außereheliches Kind in derselben Weise auf dem Friedhose verscharrt habe.
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Der Einbrecher mit dem Monokel.
Man schreibt uns aus New York: Ein Liebesroman mit eigenarttgem Hintergründe spielt zurzeit in Ncwyorks „Milliarden-Vier- tel", in der fünften Avenue. Eine Dame, hübsch und reich, bewohnte während der Abwesenheit ihres Bruders allein ihr prachtvolles Haus in der genamrten Straße. Der Bruder der jungen Dame befand sich auf einer Europareise, und die Dienerschaft des Hauses war so erprobt, daß er es wagte, seine Schwester während seiner dreimonatigen Abwesenheit allein zu lassen. Eines Abends nun, als alles schlief, hörte die junge Dame aus ihrem Toilettenzimmer ein verdächtiges Knacken. Sie klingelte, die Leitung jedoch war wohl unterbrochen, denn es erschien niemand, als sie das Läutewerk in Bewegung gesetzt hatte. Kurz entschlossen griff sie zum Revolver, zog sich rasch an und betrat das Nebenzimmer. Da stand ein sehr gut aussehender Herr, bei dem aufflammenden Licht der elektrischen Lampe blitzte ein Einglas in seinem Auge auf. Seine Hände waren mit Handschuhen bekleidet, und die Besitzerin der Villa sah, daß der Mann sich vollständig im Gesellschaftsanzug befand. Er trug einen vorzüglich sitzenden Frack und in seiner Weißen Weste war kein Fältchen, die Uhr nach der neuesten Mode befestigt, Lackschuhe und Zylinder tadellos. Und das sonderbarste war, daß der Einbrecher durchaus keinen verdächtigen Eindruck machte. Die junge Dame verlor nun jedes Gefühl des Schreckens. Sie wurde beruhigter, als der Mann ihr feine Karte übergab, auf der der Name eines berühmten französischen Adelsgeschlechtes stand. Auch erinnerte sie sich, das Gesicht schon verschiedentlich auf gesellschaftlichen Veranstaltungen gesehen zu haben. Der Graf entschuldigte sick wegen seines späten Eindringens, erklärte aber, daß er sich in momentaner Geldverlegenheit befände, und daß ihm dieser Weg der einzig richtige schien, um sich unauffällig in den Besitz von Barmitteln zu setzen. Tie Hausherrin lächelte anfangs über diese Naivität. Bald entwickelte sich aber ein eifriges Gespräch, bei dem sich die beiden wohl vorzüglich verstanden haben müssen, denn aus dem Gespräch wurden mehrere und daraus entwickelte sich . . . eine Verlobung.
Untere GeschäftssteKe lMrüfcheftratze 5, gegenüber der Epshrstraße) ist Sonntags nur von 11 bis 12 Ahr vormittags geSnffet
HE.
Skizze, von Gerd Harmstorff.
Ein Lächeln stiller Befriedigung breitete sich Über das noch immer frische und blühende Antlitz des pensionierten Oberstleutnants Frobe- nius, als er einen letzten prüfenden Blick über den Geburtstagstisch hingleiten ließ, den er im Salon der Villa hergerichtet hatte. Als fein einziges Töchterchen ihn vor mehr denn Jahresfrist verlassen, um mit dem wärmsten väterlichen Segen einem geliebte« Manne zu folgen, hätte der verwitwete Oberstleutnant wohl nimmermehr geglaubt, daß er in seinem still und einsam gewordenen Hause noch einmal mit so viel erfinderischer Zärtlichkeit an den Aufbau einer Geburtstagsbescherung gehen würde.
Zur Anknüpfung neuer Bekanntschaften fehlt es einem Manne in vorgerücktem Alter zumeist an der rechten Lust und Anpassungsfähigkeit. So hatte es den Oberstleutnant einen recht schweren Entschluß gekostet, der Bitte feiner Tochter zu willfahren und ihrer besten Freundin vorühergebend ein Asyl unter seinem Dache zu gewähren. Fräulein Hertha Brandes war die Tochter des Musikprofessors, bei dem Walld Frobenius jahrelang ihre Ge- fangsstudien betrieben hatte, nur um zwei Jahre älter als ihre Freundin, und ein Wesen. zu dem die übermütige Wally in schier abgöttischer Verehrung emporgesehen hatte.
Wenige Wochen nackt Wallys Verheiratung war der Professor plötzlich gestorben, und die junge Frau batte ihrem Vater geschrieben, daß Hertha ganz schütz- und mittellos dasiände, daß sie gezwungen sein würde, sich ihr Brot im Dienste fremder Menschen zu verdienen, und daß der geliebte Papa nichts Besseres und Klügeres tun könne, als sie zur Leitung seines Hauswesens bei sich aufzunehmen. Es war anfangs ein etwas gezwungenes und unbehagliches Verhältnis zwischen ihr und dem Hausherrn gewesen, denn der Oberstleutnant hatte nicht recht gewußt, ob er sie als Wirtschafterin oder als Dame behandeln solle. Aber mit einem Taktgefühl, dessen Feinheit und Sicherheit er immer aufs Reue bewundern mußte batte Fräulein Hertha selbst ihren Verkehr bald in die rechte Form gebracht, und schon «ach Ver
lauf der ersten Wochen war dem Oberstleutnant die Erkenntnis gekommen, daß er wirklich sehr klug daran getan hatte, den Rat seines Töchterchens zu befolgen.
Eine besondere Freude hatte es dem Oberstleutnant bereitet, daß auch sein Sohn Erwin, der als Oberleutnant in einer ziemlich entfernten Garnison stand und wie immer den spät- sommerlichen Urlaub im väterlichen Hause verlebt hatte, voll bewundernder Anerkennung für den guten Genius dieses Hauses gewesen war. Doch nun war Erwin schon seit etlichen Wochen wieder in seiner Garnison, und in der Villa ging alles seinen gewöhnlichen, ruhigen Gang. Daß ihm Fräulein Hertha in der letzten Zeit ein bischen stiller und ernster vorgekommen war als vordem, hielt der Oberstleutnant für eine Täuschung, seitdem sie ihm auf feine besorgte Frage mit einem allerliebsten Erröten erklärt hatte, daß sie sich wohl und zufrieden fühle wie immer. Vielleicht war es das langsame Welken und Sterben in der Natur, das, ihr selber unbewußt/ eine gewisse Wirkung auf ihr fein besaitetes Gemüt ausübte.
Auch der Blumenschmuck auf Fräulein Herthas Geburtstagstisch zeigte einen durchaus herbstlichen Charakter. Bunte Astern und riesengroße, aber duftlose Chrysanthemen füllten die Vasen, deren Inhalt der Oberstleutnant mit eigenen Händen arrangiert hatte.
Mochten aber auch die Blumen an Dust und Farbenpracht einiges zu wünschen übrig lassen, die Geschenke waren desto schöner und kostbarer ausgefallen. Was er an unausaesproche- nen Wünschen zu erraten gealaubt, hatte der Oberstleutnant freigebig erfüllt, und sicherlich war die Tochter des armen Musikprofessors nie in ihrem Leben so verschwenderisch bedacht worden wie heute.
Schon wollte Frobenius auf den Klingel- kuopf drücken, um sie zur Bescherung bitten zu lassen, als das Hausmädchen mit einem Paket und einem Bttef eintrat, die der Postbote soeben abgegeben. Der Oberstleutnant erkannte auf den ersten Blick die Handschrift seines Sohnes, und da Erwin seltsamer Weise seit seiner Abreise noch nichts hatte von sich hören lassen, so zögerte der Oberstleutnant nicht, den Bries zu erbrechen. Es wor noch ein zweiter darin eingeschlossen, und dieser zweite trug als
Adresse Fräulein Herthas Namen; der andere aber lautete:
„Mein lieber Vater! Vergib, daß ich Dir erst heute meine glückliche Ankunft melde. Ich wollte Dir nicht schreiben, bevor ich nicht den Kamps ausgekämpst hätte, unter dem ich während dieser letzten Wochen recht schwer gelitten. Run endlich habe ich mich zu dem Entschlüsse durchgerungen, die Entscheidung in Deine Hände zu legen. Ich schäme mich nicht, Dir zu gestehen, daß ich Hertha Brandes liehe und daß ich der glücklichste Mensch wäre, wenn ich sie zu meinem Weihe machen dürste. Aber ich stehe unter dem quälenden Druck der Furcht, daß meine Werbung Deine eigenen Wünsche und Absichten durchkreuzen könnte. Und ich brauche Dir nicht erst zu versichern, daß ich ohne Murren meine Hoffnungen begraben werde, wenn es Dein Wille ist. mir Hertha nicht zur Gattin, fondern zur Stiefmutter zu geben, die selbstverständlich niemals ahnen würde, was ich Dir heute über die Natur meiner Empfindungen antiertraut. Wie auch immer Deine Entscheidung ausfallen mag. ich werde sie in kindlicher Ehrerbietung als die beste Lösung hinnebmen, und nichts wird die dankbare Liebe erschüttern können, tn der ich Dich umarme als
Tein treuer Sohn Erwin."
Wie ein Orkan, der jäh und unvermutet in die heitere Sttlle eines sonnigen Tages hinein- fäbrt, hatte Erwins Brief auf den Oberstleutnant gewirkt. So gewiß er noch vor einer halben Stunde nicht daran gedacht hatte, seine anmutige Hansaenossin zum Weibe zu begehren, so gewiß dünkte es ihn jetzt, daß er sie keinem andern lassen könne, auch nickt einem liebsten und teuersten Menschen. Als wäre ihm Plöblich eine Binde von den Augen gerissen worden, erkannte er mit einem Male in voller Klarheit die eigentliche Ursache und die wahre Natur jenes wohligen Glücksgefühls, das ihn jedesmal in Herthas Nabe überkam.
Nein, er war nicht gesonnen, sich zum Liebesboten seines Sohnes ru machen. Ter Brief, der ihr Erwins Liebe offenbarte, follte nie in Herthas Hönde gelangen. Er aber wollte sie hier vor diesem reich geschmückten Gabenttfcke fronen, ob sic sich entschließen könne, die Genossin seines Haukes und die treue Gesährtin seines Lebens zu bleiben bis zu seinem letzten
Atemzuge — nicht als Dienerin, sondern als teures, auf den Händen getragenes Weib. Und als er nun in eben diesem Augenblick den Klang einer wohlbekannten, lieben, weichen Frauenstimme zu vernehmen glaubte, schob er mit rascher Bewegung Erwins Blumen unter einen Sessel und wandte fein lächelndes Gesicht der Eintretenden entgegen.
Noch ehe der Oberstleutnant Zeit zu einem Geburtstagswunsch gesunden hatte, sagte sie, ihm ein geschlossenes Telegramm entgegenhaltend:
„Eine frohe Botschaft. Herr Oberstleutnant! Denn diese Depesche enthält ohne Zweifel die- selbe Nachricht, die auch mir soeben zugegangen ist.
Er trat an das Fenster, löste das papierne Siegel und las:
„Hurra! Ein Junge! Gratuliere zum Großpapas
Und barunter der 91 ante seines Schwiegersohnes.
Langsam ließ der Oberstleutnant die Hand mit dem inhaltsschweren Blatte sinken.
Herbstfegen! dachte er und sah wohl ein paar Minuten lang dem Wirbeltanz der fallenden welken Blätter zu. Dann atmete er tief auf, und es ging ihm durch den Sin«:
„Man fall von einer Jahreszeit nicht verlangen, was sie nicht gewähren kann. . . Die Zeit der Rosen und Veilchen ist doch wohl vorüber."
Wieder war ein Lächeln um seine Lippen, als er den Kopf wandte und den herzliche« Glückwunsch Hettbas entgegennahm.
„Ich danke Ihnen, mein liebes Kind," sagte er, „und nun erlauben Sie auch mir Ihnen zu gratulieren. Da sind ein paar Kleiniakeiten, inst denen ich Sie zu erfreuen gedachte, und da ist auch ein Brief meines Sohnes, den Sie vielleicht zuerst lefeu. Diese Blumen hier har er Ihnen auch geschickt."
Während sie sich zögernd und mit verdächtig glühenden Wangen ansckickte, zu lesen, ging er stille hinaus, und erst nach Verlauf einer kleinen Viertelstunde kam er wieder ins Zimmer. Ta brauchte er Fräulein Hertha nur an» zufehen, um ihr die Helle Glückseligkeit vom Gesickt zu lesen, und mit väterlicher Zärtlichkeit schloß er die Erbebende in feine Anne. . ,