Einzelbild herunterladen
 

Kasseler Neueste Nachrichten

Erster Jahrgang.

1. Beilage»

Sonntag, 1. Oktober 1911.

8ns neueste Flieger- Unglück.

Kapitän Engelhard tot, Sedlmayr verletzt!

(Telegraphische Meldungen.)

Der Teilnehmer an der Berliner Fl« gwoche, der bekannte Flieger Ka­pitän Engelhard, ist gestern nachmit­tag abgeftürt und alsbald seine« Berlet- zunge« erlege«. Der Passagier, der neun- Zehnjährige Schüler-Pilot Sedlmayr aus Gotha, wnrde schwer verletzt, jedoch hofft man, daß er mit dem Leben davon- lommen wird.

Die Flugwoche in Johannisthal bet Ber­lin, deren erste Tage so großartige Erfolge auf- zuweisen hatte, ist gestern nachmittag durch ei­nen schrecklichen Unglücksfall jäh unterbrochen worden. Kapitän Engelhard, der tüchtige Wright-Pilot, ist (anscheinend durch Propeller- Bruch) aus einer Höhe von dreißig Metern ab­gestürzt und getötet worden. Engelhard war in tadellosem Fluge mit seinem Passagier Sedlmayr gestartet und befand sich schon eine Stunde und fünf Minuten in der Luft; er legte die letzten Runden wieder in einer geringen Höhe von etwa dreißig Metern zurück, als die Maschine stark zu schwanken begann und gleich darauf seitlich nach vorn ausschlug. Trotz der geringen Höhe bildeten die Tragdecken des Apparates einen Trümmerhaufen. Der M o - tor und Propeller waren vollständig zertrümmert. Kapitän Engelhard lag unter den Trümmern begraben, sein Passagier neben ihm. Beide Flieger waren bewußtlos. Eine abgebrochene Strebe des Doppeldeckers war Engelhard in den Leib gedrungen und hatte diesen vollständig aufgerissen. Wie Au­genzeugen berichten, wollen sie vorher das Fortfliegen des rechten Propellers beobachtet haben. Infolgedessen warf der linke Propel­ler die Maschine herum, die aus geringer Höhe abstürzte und die Flieger unter sich begrub. Engelhard wurde in einem Automobil über das Flugfeld zur Unfallstation gebracht, wo allerdings nur noch der inzwischen eingetretene Tod festgestellt werden konnte. Die schweren inneren Verletzungen hatten zu einer Verblu­tung geführt. Bei feinem Schüler wurde ein Schädelbruch festgestellt und ein Arm­bruch. Er wurde per Automobil ins Kranken­haus nach Adlershof gebracht. Die Schau­flüge wurden kurz nach Bekanntgabe des To­dessturzes von Engelhardt abgebrochen und die drei noch in der Luft befindlichen Flieger lan­deten bald darauf.

*

Kapitänleutnant Engelhard ge­hörte bis zum Jahre 1906 der Kaiserlichen Marine als Kapitänleutnant an. Er ging dann zur Aviatik über und war der erste von Ortiille Wright persönlich in Deutschland ausgebildete Flieger. Er betätigte sich dann bei der deut­schen Wright-Gesellschaft mit großem Ersolg als Fluglehrer und bildete zahlreiche Schüler aus. An größeren Fernflügen nahm Engel­hard tn letzter Zeit nicht mehr teil. Bekannt ist aber sein Fernslug von Trier nach Metz, bei dem er in der Nähe von Nancy auf fran­zösischem Boden landete. Mel bewundert wur­den auch seine kühnen Flüge in St. Moritz. Die Berliner speziell hatten bei den Flug-Mee­tings in Johannisthal Gelegenheit, die Mei­sterschaft Engelhards zu bewundern, der sich selbst bei stürmischem Wetter nicht scheute, feine Wright-Maschine herauszubringen. Kapttän- leutnant Engelhard, der das Flugführerzeug- nis Nr. 3 inne hatte, war zuletzt bei der Deut­schen Wright-Gesellschaft in leitender Position

tättg und betätigte sich auch mtt großem Er­folge als Konstrutteur, da er an den Wright- Maschinen zahlreiche Verbesserungen durch­führte. Bei der jetzigen Johannisthaler Flug­woche startete er zum ersten Mal mit einem neuen Rennzweidecker, der nur mit einem Pro­peller ausgestattet war, während alle Wright- Maschinen bekanntlich zwei Propeller führen.

-os- *

Brüssel, 30. September. (Privat- Telegramm.) Ein schwerer Aeroplan-Un­fall ereignete sich in der Nähe von Mons. Dort verunglückte der bekannte Aviatiker B u N ck bei einem Flugversuche, der Apparat stürzte aus fünfzig Metern Höhe herab und begrub de« Flieger unter sich, der mit sehr schweren Verletzungen ins Hospital geschafft wurde.

Sos aller WM.

Sm Nacht und Eis verschallen?

(Telegraphische Meldungen.)

Depeschen aus Kopenhagen zufolge find gestern die norwegischen Seebundfangschisfe zurückgekehrk, di- im Auftrage de«Mickelsen.Komitees" nach den Spuren de? Nordpolfahrers Mick elfen und seines Genofsc» Iversen suchen sollten. Sie betä­tigen die telegraphische Mitteilung, die vor einigen Tagen durch die europäische Presse ging, daß Mik- kelfen anscheinend verschollen sei. Die Expedition hat nämlich keinerlei Spuren von Mickeksen ent­decken können. Tie Nachricht erweckt in Norwegen große Anteilnahme.

Mikkelsen und Jversen waren im vorigen Jahre allein von der gesamten Alabama-Ex­pedition, die zur Aufsuchung von MV lins Erichsen ausgezogen war, in Nordgrönland zurückgeblieben und wollten eine Forschungs­reise nach Kap Jork unternehmen. Es steht aber nicht fest, ob sie dort tatsächlich auch ange­kommen sind; es hat vielmehr den Anschein, daß sie sich nach der Shanon-Jnsel begeben haben, wo sie auch im vorigen Jahre bereits einmal geweilt haben. Im Auftrage des Mlk- kelsen-Komitees und des Komitees zur Aus­rüstung der Alabama-Expedition haben nun die grönländischen Seehundsfischer den Ver­such gemacht, nach der Shanon-Jnsel zu ge­langen, um hier die Spuren Mikkelsens und seines Begleiters zu verfolgen. Die See­hundsfischer haben sich hier mehrere Wochen aufgehalten, um eine günstige Gelegenheit zu erhalten, nach der Insel zu gelangen. Während der ganzen Zeit war dies aber nicht möglich, da die Eisverbältniffe so schwierig waren, daß eine Fahrt nach der Insel unmög­lich schien. Die Shanon-Jnsel ist an der Ost­küste Grönlands gelegen und konnte von Mik­kelsen auf seinem Zuge durch Grönland erreicht worden sein. Hier befinden sich noch große Nahrungsmittelvorräie, die von den Mitglie­dern der Alabama-Erpedition zurückgelassen worden waren, als sie von einem dänischen Schisse gerettet wurden. Es ist indessen immer noch eine offene Fraae. ob Mikkelsen völlig V e r s ch o l l e n ist. In unterrichteten Kreisen nimmt man dies nicht an, da Mikkelsen sich schon mehrfach gerade an der Ostküste von Grönland aus Erpedittonen aufgehalten hat und das Land genau kennt. Er würde auch nicht in Nahrungsmittelsorgen sein, selbst wenn er gezwungen wäre, noch ein bis zwei Jahre auf der Shanon-Jnsel zu blei­ben, da die Vorräte völlig ausreichen. Außer­dem ist es sehr leicht möglich, daß Mikkelsen den Weg nach Angmagfalik sucht und fin­det, den er vor ungefähr zehn Jahren bereits einmal zuttickgelegt und beschrieben hat. Es ist deshalb immer noch mit der Möglichkeit zu rechnen, daß die Verschollenen einen Ret­tungsweg finden, selbst wenn eine Rettungser- pedition auch weiterhin unmöglich) sein sollte.

Im nächsten Frühjahr will das Mikkelsen-Ko- mitee aufs neue durch grönländische Fischer eine Verbindung mit der Shanon-Jnsel herzu­stellen versuchen, um wenigstens Spuren von Mikkelsens Anwesenheit zu entdecken, selbst wenn er schon persönlich weiter gewan­dert sein sollte.

*

Die Leiden einer Spitzbergen-Expedition.

(Telegraphische Meldung.)

Wie weiter aus Kopenhagen berichtet wird, befinden sich an Bord eines Fischdampfers, der jetzt von Spitzbergen nach Tromsö zurück­gekehrt ist, zwei Ü e b e r l e b e n d e einer norwegischen Expedition, die sich im vorigen Jahre zur Jagd nach Spitzbergen begeben hatte, aber im Herbst infolge der un­günstigen Eisverhältnisse von der Rückkehr ab­geschnitten und gezwungen worden war, auf Spitzbergen zu überwintern. Die aus fünf Mitgliedern bestehende Expedition hatte wäh­rend des Winters die fu rchtb a rst en Qu a- len und Entbehrungen zu erleiden ge­habt. Drei Mitglieder waren im Februar Hungers gestorben. Die beiden jetzt Geretteten hatten sich seit Monaten ohne Lebensmittel befunden und ihr Leben zuletzt nur noch dadurch aufrecht erhal­ten, daß sie das Leder ihrer Stiefel und ihre Pelzwerkbekleidung kochten und ver­zehrten. Sie hatten längst alle Hoffnung auf Rettung aufgcgeben und befanden sich, als sie von der Besatzung des Fischdampfers aufge­funden wurden, in äußerster Not und halbtot vor Kälte und Hunger.

Die kommende Worff-Metternich-Sensntion.

Wie uns ein Privat-Telegramm aus Berlin meldet, wird Frau Wolf Wertheim, die Hauptzcugin im Prozeß gegen den Grafen Wolff-Metternich, nicht vor Gericht erscheinen. Noch vor weni­gen Tagen batte die Zeugin dem Gericht mit­geteilt, sie würde unter allen Umständen er­scheinen, und hinzugefügt, sie werde der Ver­teidigung nicht den Gefallen tun, auszublciben. Inzwischen hat sich die Zeugin anders ent­schlossen und von Meran aus ein Attest eingereicht, wonach sie in den nächsten Mona­ten wegen Neurasthenie nicht an Gerichtsstelle erscheinen könne. Nachdem das Attest einae- gangen war, lud der Vorsitzende des Gerichts die Rechtsanwälte Dr. Jasfch und Dr. Alsberg zu einer Konferenz, die bis in den späten Nachmittag dauerte. Gericht und Verteidigung sind sich darüber einig, daß, falls es eben mög­lich ist, eine Vertagung vermieden werden soll. Ob aber der Prozeß ohne Frau Wertheim zu Ende geführt werden kann, ist höchst zweifelhaft. Die Aussage, die Frau Wertheim in der vorigen Verhandlung abge­geben hat, darf nach den Vorschriften der Strafprozeßordnung in der neuen Verhandlung K berücksichtigt werden. Die Verteidigung nun einen Weg. um die Behauptung des Grafen, daß er auf eine Heirat mit Frau Dolly Pinkus gerechnet habe, in anderer Weise glaub­haft zu machen. Trotz des Ausbleibens der Frau Wertheim sollen (wie schon jetzt feststeht) diejenigen Zeugen vernommen werden, die über das gesellschaftliche Leben im Hause Wertheim und die Behand­lung des Grafen Metternich Bekundungen ma­chen können.

*

Ihr eigenes Kind lebendig begraben!

Deveschen aus Paris zufolge wurde die Bevölkerung von B e r ck - s« r - m e r bei Bou- logne vorgestern in große Aufregung versetzt. Der Friedhofswächter von Berck bemerkte nach- mittaas eine junge Frau, die einen weiten Schlafmantel trug und unter dem Arm an­scheinend ein großes Paket hielt. Sie tat so.

als ob sie langsam auf dem Friedhof umher- spazierte, und nach zwanzig Minuten kehrte die Frau wieder nach dem Ausgange zurück. Plötz­lich drang dem Wächter aus einer Allee schwa­ches Wimmern und Stöhnen entgegen, er ging näher, scharrte die Erde wxg und för­derte ein kleines, in Linnen gehülltes junges Geschöpf ans Tageslicht. Es wär ein wenige Tage alter Säugling, den man soeben erst lebendig begraben hatte. Das Kind war schon halb erstickt, doch atmete es noch. Der Wächter brachte es sofort in seine Wohnung, und ein rasch herbeigerUfener Arzt stellte das arme Wesen wieder her. Nunmehr stellte man Nachforschungen nach der Frau an, die ohne Zweifel die Mutter und Mörderin ihres Kindes war, und sie wurde auch bald in der Wohnung einer andern Frau ausfindig gemacht. Als sie sah, daß sie gesucht wurde, gestand sie ohne weiteres die Tat ein. Die Frau heißt Pauline ©refftet und ist siebenund­zwanzig Jahre alt. Es besteht der dringende Verdacht, daß die Gressier int vergangenen Jahre ebenfalls ein außereheliches Kind in derselben Weise auf dem Friedhose verscharrt habe.

*

Der Einbrecher mit dem Monokel.

Man schreibt uns aus New York: Ein Liebesroman mit eigenarttgem Hintergründe spielt zurzeit in NcwyorksMilliarden-Vier- tel", in der fünften Avenue. Eine Dame, hübsch und reich, bewohnte während der Abwesenheit ihres Bruders allein ihr prachtvolles Haus in der genamrten Straße. Der Bruder der jun­gen Dame befand sich auf einer Europareise, und die Dienerschaft des Hauses war so er­probt, daß er es wagte, seine Schwester wäh­rend seiner dreimonatigen Abwesenheit allein zu lassen. Eines Abends nun, als alles schlief, hörte die junge Dame aus ihrem Toiletten­zimmer ein verdächtiges Knacken. Sie klin­gelte, die Leitung jedoch war wohl unterbro­chen, denn es erschien niemand, als sie das Läutewerk in Bewegung gesetzt hatte. Kurz entschlossen griff sie zum Revolver, zog sich rasch an und betrat das Nebenzimmer. Da stand ein sehr gut aussehender Herr, bei dem aufflammenden Licht der elektrischen Lampe blitzte ein Einglas in seinem Auge auf. Seine Hände waren mit Handschuhen bekleidet, und die Besitzerin der Villa sah, daß der Mann sich vollständig im Gesellschaftsanzug be­fand. Er trug einen vorzüglich sitzenden Frack und in seiner Weißen Weste war kein Fältchen, die Uhr nach der neuesten Mode befestigt, Lack­schuhe und Zylinder tadellos. Und das son­derbarste war, daß der Einbrecher durchaus keinen verdächtigen Eindruck machte. Die junge Dame verlor nun jedes Gefühl des Schreckens. Sie wurde beruhigter, als der Mann ihr feine Karte übergab, auf der der Name eines be­rühmten französischen Adelsge­schlechtes stand. Auch erinnerte sie sich, das Gesicht schon verschiedentlich auf gesellschaft­lichen Veranstaltungen gesehen zu haben. Der Graf entschuldigte sick wegen seines späten Eindringens, erklärte aber, daß er sich in mo­mentaner Geldverlegenheit befände, und daß ihm dieser Weg der einzig richtige schien, um sich unauffällig in den Besitz von Barmitteln zu setzen. Tie Hausherrin lächelte anfangs über diese Naivität. Bald entwickelte sich aber ein eifriges Gespräch, bei dem sich die beiden wohl vorzüglich verstanden haben müs­sen, denn aus dem Gespräch wurden mehrere und daraus entwickelte sich . . . eine Verlo­bung.

Untere GeschäftssteKe lMrüfcheftratze 5, gegenüber der Epshrstraße) ist Sonntags nur von 11 bis 12 Ahr vormittags geSnffet

HE.

Skizze, von Gerd Harmstorff.

Ein Lächeln stiller Befriedigung breitete sich Über das noch immer frische und blühende Ant­litz des pensionierten Oberstleutnants Frobe- nius, als er einen letzten prüfenden Blick über den Geburtstagstisch hingleiten ließ, den er im Salon der Villa hergerichtet hatte. Als fein einziges Töchterchen ihn vor mehr denn Jah­resfrist verlassen, um mit dem wärmsten väter­lichen Segen einem geliebte« Manne zu fol­gen, hätte der verwitwete Oberstleutnant wohl nimmermehr geglaubt, daß er in seinem still und einsam gewordenen Hause noch einmal mit so viel erfinderischer Zärtlichkeit an den Aufbau einer Geburtstagsbescherung gehen würde.

Zur Anknüpfung neuer Bekanntschaften fehlt es einem Manne in vorgerücktem Alter zumeist an der rechten Lust und Anpassungs­fähigkeit. So hatte es den Oberstleutnant einen recht schweren Entschluß gekostet, der Bitte feiner Tochter zu willfahren und ihrer besten Freundin vorühergebend ein Asyl unter sei­nem Dache zu gewähren. Fräulein Hertha Brandes war die Tochter des Musikprofessors, bei dem Walld Frobenius jahrelang ihre Ge- fangsstudien betrieben hatte, nur um zwei Jahre älter als ihre Freundin, und ein We­sen. zu dem die übermütige Wally in schier ab­göttischer Verehrung emporgesehen hatte.

Wenige Wochen nackt Wallys Verheiratung war der Professor plötzlich gestorben, und die junge Frau batte ihrem Vater geschrieben, daß Hertha ganz schütz- und mittellos dasiände, daß sie gezwungen sein würde, sich ihr Brot im Dienste fremder Menschen zu verdienen, und daß der geliebte Papa nichts Besseres und Klügeres tun könne, als sie zur Leitung seines Hauswesens bei sich aufzunehmen. Es war an­fangs ein etwas gezwungenes und unbehag­liches Verhältnis zwischen ihr und dem Haus­herrn gewesen, denn der Oberstleutnant hatte nicht recht gewußt, ob er sie als Wirtschafterin oder als Dame behandeln solle. Aber mit einem Taktgefühl, dessen Feinheit und Sicherheit er immer aufs Reue bewundern mußte batte Fräulein Hertha selbst ihren Verkehr bald in die rechte Form gebracht, und schon «ach Ver­

lauf der ersten Wochen war dem Oberstleut­nant die Erkenntnis gekommen, daß er wirklich sehr klug daran getan hatte, den Rat seines Töchterchens zu befolgen.

Eine besondere Freude hatte es dem Oberst­leutnant bereitet, daß auch sein Sohn Erwin, der als Oberleutnant in einer ziemlich entfern­ten Garnison stand und wie immer den spät- sommerlichen Urlaub im väterlichen Hause verlebt hatte, voll bewundernder Anerkennung für den guten Genius dieses Hauses gewesen war. Doch nun war Erwin schon seit etlichen Wochen wieder in seiner Garni­son, und in der Villa ging alles seinen gewöhnlichen, ruhigen Gang. Daß ihm Fräu­lein Hertha in der letzten Zeit ein bischen stil­ler und ernster vorgekommen war als vordem, hielt der Oberstleutnant für eine Täuschung, seitdem sie ihm auf feine besorgte Frage mit einem allerliebsten Erröten erklärt hatte, daß sie sich wohl und zufrieden fühle wie immer. Vielleicht war es das langsame Welken und Sterben in der Natur, das, ihr selber unbe­wußt/ eine gewisse Wirkung auf ihr fein be­saitetes Gemüt ausübte.

Auch der Blumenschmuck auf Fräulein Her­thas Geburtstagstisch zeigte einen durchaus herbstlichen Charakter. Bunte Astern und rie­sengroße, aber duftlose Chrysanthemen füllten die Vasen, deren Inhalt der Oberstleutnant mit eigenen Händen arrangiert hatte.

Mochten aber auch die Blumen an Dust und Farbenpracht einiges zu wünschen übrig lassen, die Geschenke waren desto schöner und kost­barer ausgefallen. Was er an unausaesproche- nen Wünschen zu erraten gealaubt, hatte der Oberstleutnant freigebig erfüllt, und sicherlich war die Tochter des armen Musikprofessors nie in ihrem Leben so verschwenderisch bedacht worden wie heute.

Schon wollte Frobenius auf den Klingel- kuopf drücken, um sie zur Bescherung bitten zu lassen, als das Hausmädchen mit einem Paket und einem Bttef eintrat, die der Postbote so­eben abgegeben. Der Oberstleutnant erkannte auf den ersten Blick die Handschrift seines Soh­nes, und da Erwin seltsamer Weise seit seiner Abreise noch nichts hatte von sich hören lassen, so zögerte der Oberstleutnant nicht, den Bries zu erbrechen. Es wor noch ein zweiter darin eingeschlossen, und dieser zweite trug als

Adresse Fräulein Herthas Namen; der andere aber lautete:

Mein lieber Vater! Vergib, daß ich Dir erst heute meine glückliche Ankunft melde. Ich wollte Dir nicht schreiben, bevor ich nicht den Kamps ausgekämpst hätte, unter dem ich wäh­rend dieser letzten Wochen recht schwer gelitten. Run endlich habe ich mich zu dem Entschlüsse durchgerungen, die Entscheidung in Deine Hände zu legen. Ich schäme mich nicht, Dir zu gestehen, daß ich Hertha Brandes liehe und daß ich der glücklichste Mensch wäre, wenn ich sie zu meinem Weihe machen dürste. Aber ich stehe unter dem quälenden Druck der Furcht, daß meine Werbung Deine eigenen Wünsche und Absichten durchkreuzen könnte. Und ich brauche Dir nicht erst zu versichern, daß ich ohne Murren meine Hoffnungen be­graben werde, wenn es Dein Wille ist. mir Hertha nicht zur Gattin, fondern zur Stief­mutter zu geben, die selbstverständlich niemals ahnen würde, was ich Dir heute über die Na­tur meiner Empfindungen antiertraut. Wie auch immer Deine Entscheidung ausfallen mag. ich werde sie in kindlicher Ehrerbietung als die beste Lösung hinnebmen, und nichts wird die dankbare Liebe erschüttern können, tn der ich Dich umarme als

Tein treuer Sohn Erwin."

Wie ein Orkan, der jäh und unvermutet in die heitere Sttlle eines sonnigen Tages hinein- fäbrt, hatte Erwins Brief auf den Oberstleut­nant gewirkt. So gewiß er noch vor einer halben Stunde nicht daran gedacht hatte, seine anmutige Hansaenossin zum Weibe zu begeh­ren, so gewiß dünkte es ihn jetzt, daß er sie keinem andern lassen könne, auch nickt einem liebsten und teuersten Menschen. Als wäre ihm Plöblich eine Binde von den Augen gerissen worden, erkannte er mit einem Male in voller Klarheit die eigentliche Ursache und die wahre Natur jenes wohligen Glücksgefühls, das ihn jedesmal in Herthas Nabe überkam.

Nein, er war nicht gesonnen, sich zum Lie­besboten seines Sohnes ru machen. Ter Brief, der ihr Erwins Liebe offenbarte, follte nie in Herthas Hönde gelangen. Er aber wollte sie hier vor diesem reich geschmückten Gabenttfcke fronen, ob sic sich entschließen könne, die Ge­nossin seines Haukes und die treue Gesährtin seines Lebens zu bleiben bis zu seinem letzten

Atemzuge nicht als Dienerin, sondern als teures, auf den Händen getragenes Weib. Und als er nun in eben diesem Augenblick den Klang einer wohlbekannten, lieben, weichen Frauenstimme zu vernehmen glaubte, schob er mit rascher Bewegung Erwins Blumen unter einen Sessel und wandte fein lächelndes Ge­sicht der Eintretenden entgegen.

Noch ehe der Oberstleutnant Zeit zu einem Geburtstagswunsch gesunden hatte, sagte sie, ihm ein geschlossenes Telegramm entgegenhal­tend:

Eine frohe Botschaft. Herr Oberstleutnant! Denn diese Depesche enthält ohne Zweifel die- selbe Nachricht, die auch mir soeben zugegan­gen ist.

Er trat an das Fenster, löste das papierne Siegel und las:

Hurra! Ein Junge! Gratuliere zum Groß­papas

Und barunter der 91 ante seines Schwieger­sohnes.

Langsam ließ der Oberstleutnant die Hand mit dem inhaltsschweren Blatte sinken.

Herbstfegen! dachte er und sah wohl ein paar Minuten lang dem Wirbeltanz der fal­lenden welken Blätter zu. Dann atmete er tief auf, und es ging ihm durch den Sin«:

Man fall von einer Jahreszeit nicht ver­langen, was sie nicht gewähren kann. . . Die Zeit der Rosen und Veilchen ist doch wohl vorüber."

Wieder war ein Lächeln um seine Lippen, als er den Kopf wandte und den herzliche« Glückwunsch Hettbas entgegennahm.

Ich danke Ihnen, mein liebes Kind," sagte er,und nun erlauben Sie auch mir Ihnen zu gratulieren. Da sind ein paar Kleiniakeiten, inst denen ich Sie zu erfreuen gedachte, und da ist auch ein Brief meines Sohnes, den Sie vielleicht zuerst lefeu. Diese Blumen hier har er Ihnen auch geschickt."

Während sie sich zögernd und mit verdächtig glühenden Wangen ansckickte, zu lesen, ging er stille hinaus, und erst nach Verlauf einer kleinen Viertelstunde kam er wieder ins Zim­mer. Ta brauchte er Fräulein Hertha nur an» zufehen, um ihr die Helle Glückseligkeit vom Gesickt zu lesen, und mit väterlicher Zärtlichkeit schloß er die Erbebende in feine Anne. . ,