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Ämmiter 253,

Hessische «beadreistms

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Vor dem Kriege?

Die Lüttei lehnt Ftaliens Ultimatum ab: Kriegserklärung bevorstehend!

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Ein Telegramm aus Konstantinopel (Don zwölf Ahr nachts) berichtet uns: Der seit sechs Ahr nachmittags versammelte außerordentliche Mini st errat hat das italienische Alti- matum bezüglich Tripolis abgelehnt. Die Beziehungen zwischen der Türkei und Italien gelten als abgebrochen. Die Präsidenten der Kannner und des Senats wurden ins Palais berufen. Man erwartet noch heute die Kriegs­erklärung Italiens.

War toirb nun werden?

Deutschland alS Bermittler im Konflikt zwischen Italien und der Türkei.

Ein Privat-Telegramm berichtet «n» auS Konstantinopel: Der deutsche Botschafter, Marschall von Biberstein, hatte gestern nachmittag eine lang« Unterredung mit dem italienischen Se- schäftSträger bet der Pforte, deren Gegenstand die TripoliSfrage war. Man nimmt hier an, daß der deutsche Botschafter von Berlin auS Weisung erhallen hat, im Sinne einer friedlichen Ber- ständigung zwischen Italien und der Türket tätig zu sein. Daß nach Lage der Sach« allerdings eine solche Verständigung jetzt noch möglich sein wird, bezweifelt man auch hier ernstlich. Die Lage gestaltet stch immer kritischer.

Von einer Seite, die über die Stimmung In der Berliner Wilheluistraße als unterrichtet gelten darf, wird uns über die Situation in der Tripolisaffäre geschrieben: Endlich ist die Marokkofrage ein wenig in den Hinter­grund getreten. Aber die Freude, die man darüber empfindet, daß man jetzt nicht mehr täglich ein buntes Gewirr von widersprechen­den Meldungen zu lesen oder zu überschlagen braucht, ist nicht ungetrübt, denn man hat . . . den Teufel durch Beelzebub vertrieben. Statt Marokko: Tripolis; also nur eine andre Nummer desselben Fadens. Es scheint, daß auch in dieser Frage Deutschland wieder eine .hervorragende Rolle" spielen soll, ob- wohl es direkt an dem Handel gar nicht in- teressiert ist. Seine Stellung als Bundesge­nosse Italiens und Freund der Türket präde­stiniert Deutschland sönnlich dazu, die undank­bare Rolle deS Vermittlers zu spielen, und nachdem der Sultan durch den Botschafter von Marschall nach Berlin die Bttte gerichet hat, daß ihm die Deutsche Regierung ihre guten Dienste zur Beilegung deö Konflikts leihen möge, wird ste stch bles^Zl"^asse kaum ent­ziehen können. Als Dank dafür aber wird sie (vermutlich) Vorwürfe von beiden Teilen ernten.

Durch die Marokko-Affäre hat Herr von Ki- derlen - Waechter allerdings eine gewifle Uebung in der Erledigung heikler Fragen er­langt. Worauf es in der Tttpolisfrage an­kommt, ist ziemlich klar: Demkranken Mann" am Goldenen Horn soll wieder einmal ein Glied amputiett werden, und wieder wehtt er sich gegen diese Operation. Das Ende wird sein, das man sich wieder des Hundes erin­nert, dem man den Schwanz stückweise ab- schnitt, damit es .nicht so Weh" tun sollte. Nach dieser bewährten Methode ist man ja auch in früher» Fällen vorgegangen, und Bosnien, Aegypten und Kreta sind auf diese schmerzlose Art von dem türkischen Staatskörper losge­trennt worden. Run soll Tripolis an die Reihe kommen. Es gilt also eine Formel zu finden, die die türkische Herrschaft dem Na­men nach aufrecht erhält, die tatsächliche politische Macht aber Italien überträgt. Der Zukunft wird es dann Vorbehalten bleiben, auch diesen letzten Stummel türkischer Herrlich­keit, mit dem ja heute auch noch Aegypten und Kreta herumlaufen, gänzlich abzuschneiden.

Herr von Kiderlen kann in der Rolle als .ehrlicher Makler" seine Marokkoersahrungen gut verwerten: Für die Rechte der Türkei gilt es, große Worte zu finden, und die tatsächliche Macht Italiens in Tripolis muß hinter einem bescheidnen Titel verborgen werden. Im ersten Fall können Deutschlands, im zweiten Frank­reichs Rechte in Marrokko zum Vorwurf die­nen. Das Schlimmste an ber Tripolisfrage ist daß ste geeignet ist, die ganze orienta­lische Frage wieder aufzurollen. Sollte es trotz Deutschlands Vermittlerrolle zum krie­gerischen Zusammenstoß zwischen Italien und der Türkei kommen, so könnten die Türken bei ihrer Ohnmacht zur See nur über Aegypten Truppen nach Tripolis senden. Es ist aber nicht eben wahrscheinlich, daß England den Durchzug türkischer Truppen durch das Pha- raonenland dulden würde. Nicht etwa aus Rücksicht auf Italien, sondern in seinem eignen Interesse müßte es sich dem widersetzen. Denn es liegt auf der Hand, daß die Jungäghpter in ihrem Widerstand gegen die englische Vorherr­schaft gestärkt werden würden, wenn durch den Durchzug türkischer Truppen die türkische Oberhoheit wieder einmal stärker betont wer­den würde.

Wenn daher tatsächlich die türkische Re­gierung an England das Ansinnen stellen soll­te, den Durchzug von Truppen durch Aegypten zu gestatten, so könnte das leicht zu einer Anf- rollung auch der ä g v p t i s ch e rt Frage füh­ren, und England könnte dann in Versuchung kommen, um für die Zukunft ähnlichen Zumu­tungen vorznbeugen, Aegypten ganz und g a r an sich zu reißen. Aber auch die fried­liche Beilegung des Konflikts kann für die .Türket unangenehme Folgen haben, denn ie-

Das Verhängnis will also seinen Gang ge­hen. Die Türket lehnt es ab, die Forderungen Italiens auf Einräumung ausschlaggebender Machtrechte in Tripolis zu erfüllen, und es bleibt für Italien nur noch die einzige Mög­lichkeit: Krieg! Ein Krieg um die Anerken­nung seiner Ansprüche auf die Nordafrika-Pro­vinz und um die Wahrung seines politischen Ansehens, mit dem jetzt die ehrenvolle Erledi­gung deS Tripolis-Abenteuers untrennbar ver­knüpft ist. Es ist wahrscheinlich, daß schon der heutige Tag die offizielle Kriegser­klärung Italiens an die Türkei bringen und Italien unverzüglich zur militärischen Besetzung vonTripolis schreiten wird. Charakteristisch ist in dieser Beziehung die Auf­fassung in London, wo man (einem uns zugehenden Privat-Telegramm zufol­ge) direft mit der Kriegserklärung rechnet und sich beeilt, in Italien .gute Stimmung" zu ma- chen. Die englische Marconi-Gesellschaft (deren Präsident der ftalienische Erfinder Marconi selbst ist), hat alle Telegraphisten, die sich auf türkischen Schiffen befinden, abberufen. $tefe Maßnahme hat Ital.^n ein: rn ih usüer­st i s ch e Stimmung für England 6er» vorgerufen. Ueberhaupt gewinnt man den Ein­druck. daß das Vorgehen Italiens den einmü­tigen Beifall der gesamten Nation sindet, ein überwältigender Beweis gerade bei dem demottatischen Italien, wie tatkräftiges Han­deln das Volk mitreißt. In der Türkei dagegen ist man offenbar noch nicht aus dem Stadium der Bestürzung und der Ratlosigkeit heraus. Der Minister des Innern hat an alle Provinzial­behörden einen Runderlaß gerichtet, in dem er erklärt, die Regierung werde .alles zum Schutze der Landesinteressen und zur Verteidi­gung der nationalen Ehre tun." Der Geist ist auf der Hohen Pforte auch sicher willig, umso schwächer aber ist daS Können: Die türkische Flotte, die im Ägäischen Meer sofort nach er­folgter Kriegserklärung seitens Italiens durch die Flotte der Italiener regelrecht abgefangen werden kann, kreuzt noch seelenruhig in den sy­rischen Gewässern, und man weiß offiziell nur. daß sie .möglichst bald" Befehl erhalten soll, sich zum Anlaufen der tripolitanischen Küste bereit zu halten. Inzwischen fahren die tür­kischen Blätter fort, leidenschaftliche Artikel ge­gen Italien zu veröffentlichen. In der letzten Nummer des angesehenen Blattes .Tanin" er­schien ein Artikel, der auch gegen die euro­päischen Großmächte hefttge Anklagen erhebt. Es hieß darin: .Alle freundlichen Ver­sicherungen sind null, alle Verttäge werden ge- macht, um zerrissen zu werden. England und Frankreich stehen den verbrecherischen Absichten Italiens freundlich gegenüber, jeden­falls um im Trüben fischen zu können, und neuerdings weiß man auch, daß Deutsch­land nur ein Freund in guten Tagen ist. Alle Redensarten von Zivilisation und Fortschritt sind Betrügereien, die dazu da sind, sie den Dummen aufzutischen . . ." Das ist die Stimmung am Goldnen Horn in einem Augen­blick. da die junge Türkei von der Gefahr eines verhängnisvollen Krieges bedroht ist, und in diese Stimmung hat die in sväter Nachtstunde heschlossne Ablehnung des italienischen Ultima­tums wie ein Oelguß in lohendes Feuer ge- tolrft: Ganz Osmanien ist in diesem Augen­blick erfüllt von einer Leidenschaft, aus der nichts Gutes geboren werden kann, und die die Gefahr einer Katastrophe in allernächste Nähe rückt! -an.

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Die Stimmung in Rom.

(Eigene Drahtmeldung.)

<? Rom. 29. September.

Die Volksstimmung in Italien ist all­gemein sehr kriegsbegeistert. Die Ener­gie, mit ber die Consulta in der Tripolis-Frage gehandelt hat, hat einen sehr guten Eindruck gemacht. Man erwartet nun in Seelenruhe die Eröffnung der Feindseligkeiten, die mit ber Blockierung der Küste beginnen sollen, um jedes Herannahen ber türkischen Schiffe zu verhindern. Von ber Organisierung eines militärischen Expeditionskorps für Tri­polis ist noch keine Rede. Man scheint offenbar zu hoffen, ohne einen Schuß Pulver die Türkei zur Bewilligung der italienischen Forderungen zwingen zu können. Die Kriegs- verwaltuna bat iämtliche Transvortdampier

der italienischen Schiffsgesellschaften zu Trup- pentransporten gechartert. Zwei Dampfer sind bereits von Syrakus mit Waffen, Lebensmit­teln und Munition an Bord ahgegangen. Bis jetzt sind vierzigtausend Manu nach Tripolis unterwegs, doch beabsichtigt die Armeeverwaltung, im Laufe der nächsten Woche noch weitere hunderttausend Mann zu mobilisieren.

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Die Tripolis-Rüstungen.

(Privat-Telegramm.)

AuS Mailand wird uns depeschiert: Auf dem hiesigen Zentralbahnhof stehen Hunderte von Waggons, die für Truppentrans­porte nach dem Süden bestimmt sind. Der Frachtenverkehr ist gestern mittag eingestellt worden. Am Nachmittag gingen mehrere Ab­teilungen Infanterie und Artillerie nach Tri­polis ab. Die Soldaten wurden auf dem Wege zum Bahnhofe von einer zahlreichen Menschen­menge mit patriotischen Kundge­bungen begrüßt und mit Blumen beworfen. Als mehrere Anarchisten Schmähruse auf den Minister des Aeußeren und die Regierung auSstießen, wurden sie vom Publikum miß­handelt. In ganz Oberitalien ist die Gestellung der Militärpflichtigen ohne Ruhestörungen vor sich gegangen. Ausgenommen wurden von der Mobilisierung die Reservisten der Alpenjäger, di« Kavallerie und einige Formationen der Genieregimenter. Die militärischen Vorberei­tungen vollziehen sich überall mit großer Prä­zision und die Mobilmachung verläuft vollkom­men ordnungsmäßig.

Panik ftr* Tripolis!

(Telegraphische Meldungen.)

Depeschen aus Tripolis berichten, daß alle Geschäfte in ber Stabt zum Stillstand gekommen sind. Ein Massakre ber Europäer im Falle ber Landung italieni­scher Truppen wird allgemein befürchtet, doch hat der Gouverneur bisher die Ruhe aufrecht erhalten können. Eine große Anzahl Englän­der reifte gestern abend ab. Spezielle Besorg­nisse zeigt eine Mitteilung, die der »Daily Te­legraph" von einem besonderen Korresponden­ten erhält. Danach wird seitens der englischen Regierung seit mehreren Tagen angstvoll er­wogen, daß dir Pforte an sie die Forderung stellen könnte, Truppendurch Aegypten transportieren zu lassen. Nach diesem Tele­gramm werden in unterrichteten Kreisen die r e- gulären türkischen Truppen in Tripolis auf etwa zwölftausend Mann, die alle gut be­kleidet und bewaffnet sind, angegeben, wozu noch zwanzigtausend Irreguläre aus dem Jn- lande kämen.

Reue Hiobs-Botschaft?

(Eigene Draht Meldung.)

Wie.uns weiter aus Konstantinopel depeschiert wird, verlautet dort gerüchtweise, daß zwischen Italien und Griechen­land ein geheimer Vertrag bestehe, wonach Griechenland im Falle einer kriegeri­schen Verwicklung Italiens mit der Türkei die Insel Kreta annektieren werde. An­dererseits scheint es, daß die Albanesen eine günstige Gelegenheit abwarten, um die Unabhängigkeit Albaniens zu pro­klamieren. Es sollen bereits diesbezügliche Vorbereitungen zwischen den Malifforen unb Mefidoreu getroffen sein. Die Pforte beschloß gestern spät abends, eine G a r d e d i v i s i o n in das Aufstandsgebiet zu senden, um den Widerstand ber Ausständigen zu brechen. Gleichzeitig mit dieser Division werden die Truppen von Asir an der Bekämpfung des Auf­stands mit wirken. General Jzzel-Pascha ist sehr optimistisch gestimmt und erklärt, in zwei Monaten werde der Ausstand im Jemen beendet fein. Bezüglich Tripolis ist der Beschluß gefaßt worden, die Provinz bis auf den lebten Mann iu tierteibiaem

des Nachgeben (unb um ein Nachgeben kann es sich in blefem Fall nur harrbeln) schwächt bte Stellung ber Türkei in ber Kretafrage, bie ja schließlich doch auch einmal gelöst wer­ben muß. Mit dem politischen Krebit der Tür­kei steht es also wie mit bem Kredit einer schlecht fundierten Bank: Sobald ein Gläubi­ger sein Guthaben abhebt, entsteht sogleich ein allgemeiner Run. Italien könnte die Türkei vielleicht noch befriedigen, ob ober auch all die Andern, die nach ihm kommen werden? Und in diesem peinlichenEntwicklungspro­zeß", der seit Jahrzehnten in Bewegung ist, soll Deutschland, wieder einmal die undankbare Rolle des Maklers übernehmen: Nach den (§r- fahrungen, die wir mit unsrer auswärtigen Diplomatie in den beiden letzten Jahren ge« macht haben, überläuft's Einem kalt, wenn man nur dran denkt!

Dem Botschafter am Goldnen Horn ist in­zwischen (tote in unterrichteten Streifen bekannt geworden ist) bie Weisung zuteil geworden, ber Hohen Pforte seineguten Dienste", also seine Vermittlungskunst zu wibmen. Wie man stch das in Berlin denft, ist nicht recht klar, denn alles, was seitens des wackren Marschall von Biberstein in Konstantinopel im Interesse der bedrohten Türkei geschieht, richtet sich ««tu* gemäß direft und indireft gegen den deutsche« Dreibundgenossen Italien, unb eS ist Tau­send gegen Eins zu wetten, daß die .Frie­densarbeit" Deutschlands im TripoliS-Handel nicht ohne bedenklichen Einfluß auf die Drei­bundstimmung in Italien bleiben wird. DaS Geschäft deSehrlichen Maklers" (daS noch nie­mand Dank gebracht hat) kann uns also unter Umständen recht peinliche Konsequen- zen bringen, und eS ist deshalb sicher nicht unberechtigt, wenn Kenner der Verhältnisse und der internationalen politischen Psychologie eS einen unverantwortlichen Fehler der Berliner Wilhclmsttaße^nennen, sich in den zwischen den Kürten unb Italienern auszu­tragenden Hanbel überhaupt eingelassen z« haben. Es ist immer eine üble Sache. Andern die Kastanien aus bem Feuer zu holen, und trt diesem Falle ist's umso bedenklicher, alS unsre Leute am Grünen Tisch es glücklich fertig gebracht haben, nnS zwischen zwei Stüh­le zu setzen. Auf DaS, was nun folgen wird, darf man gespannt sein. *xy®*

Aus des Lebens Tiefen.

Die Raubmörder von Niedermörlen vor bem Gießener Schwurgericht.

j*i Gießen, 29. September.

Gestern begann vor bem hiesigen Schwur­gericht bie Verhcmblung gegen den am elften September 1889 zu Frankfurt geborenen Schlosser Wilhelm Erbe unb den am neunzehnten September 1894 zu Niedermörlen geborenen Schmied Heinrich Wolf und gegen dessen Schwester, daS am sechsten Dezem­ber 1892 zu Niedermörlen geborene Dienstmäd­chen Katharina Wolf. Die Anklage geht nach zwei Richtungen. Sie beschuldigt Wols und Erbe, in ber Nacht vom 3. zum 4. Juli in Niedermörlen bei dem Schmied Ludwig Keßler einen Einbruch verübt unb bei die­ser Gelegenheit Schlüssel, Dietriche und einen Meißel entwendet zu haben. Die Anftage be­schuldigt sie ferner, vorsätzlich und mit U eberlegung die Ehestau Walter er­mordet und nach ber Tat 350 Mart, zwei silberne Uhren, Zehnpfennigmarken unb Zigar­ren gestohlen zu haben. Käte Wolf wirb be- schuldigt, Erbe unb Wolf zur Begehung der verbrecherischen Handlung durch Rat und Tat wisfentlich Beihilfe geleistet zu haben. Sie wird außerdem der Hehlerei bezichtigt. Anstiftung zu dem Raubmord wurde nicht an­genommen. Zur Verhandlung sind als Sach­verständige Medizinalrat Dr. Nebel und Sanitätsrat Dr. Becker, beide aus Friedberg sowie fünfundzwanzig Zeugen geladen. Der Angeftagte Erbe er­scheint in blauem Jackettan-ug. Er hat ein ziemlich ausdrucksloses Gesicht, Heinrich Wolf macht einen jugendlichen, unreifen Eindruck. Katharina Wolf erscheint in schwarzem Kleide. Ihr Gesicht Ist von Tränen überströmt. Zu- nächst erfolgt

bie Vernehmung des Wolf:

Er gibt auf Befragen an. daß fein Vater noch lebe, aber wegen Trunksucht entmündigt sei. Bei dem Tode seiner Mutter vor fünf Jahren wurde er in Fürsorgeerziehung zum Bürger­meister Dey in Niedermörlen gegeben, bei bem er sich sehr gut führte. Er ging damals noch in bie Schule in Niedermörlen unb war ein guter Schüler. Dann kam er in bie Lehre zu bem Schmied Keßler-Niedermörlen, bei bem er sich ebenfalls lobenswert aufführte. Die Lehr­zeit war im Mai dieses Jahres abgelaufen. Als Wolf an dem Hause des Gatten ber Er­mordeten, Fran Walter an einem Anbau ar­beitete, lernte er die Einrichtung des Hauses kennen und sah auch, wo die Eheleute Walter ihr Geld aukbewabrten. Bis zum 15. Mai war