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Handschrift imd ßharatter.

DerGraphologische Briefkasten" der Casseler Neuesten Nachrichten.

Von dem Bestreben geleitet, die ..Casseler Neuesten Nachrichten" in ihrer Eigenschaft als Familien- blatt immer weiter auSzubauen. haben wir uns ent­schlossen. ans vielfach geäußerte Wünsche, namentlich auS dem Kreist unserer 8 eserinnen hin, einen Graphologischen Briefkasten" einzurichren, also eine Handschriften-Deutung auf wissen- schädlicher Grundlage. Für die Bearbeitung des Graphologischen Brteftastens haben wir die bekannte Spezialistin auf dem Gebiete der wissenschaftlichen Graphologie, FrauElSbeth Eberttn,gewonnen. Die näheren Mitteilungen über die Inanspruchnahme der neuen Einrichtung werden wir noch bekannt geben.

Unter Graphologie oder Handschriften- Deutung verstehen wir die auf wissenschaft­lichen Gesetzen aufgebaute Kunst, aus der Handschrift eines Menschen Schlüsse auf seinen Charakter (Temperament, Intelligenz. Moral und Willenskraft zu ziehen. Wie wich­tig in mancherlei Lebenslagen es ist, ein Urteil über einen Menschen zu besitzen, den wir von Angesicht zu sehen und persönlich zu studieren keine Gelegenheit haben, braucht kaum betont zu werden. Geschäftliche Anknüpfung, freund­schaftliche Beziehungen, wissenschaftliches Zu­sammenarbeiten, liebevolle Annäherung: In allen diesen Lebenslagen wird eine vorherige Kenntnis des Nächsten uns mancherlei Enttäu­schungen, mancherlei Mißgriffe ersparen. Und ist die Erkenntnis des eigenen Charakters nicht für uns selbst von unendlicher Wichtigkeit? Daß die Handschrift eines Menschen ein Abbild seines Charakters geben sollte, erschien früher auch sonst weniger Kleingläubigen bestenfalls als ein unterhaltsamer Scherz, bei dem es hier und da .zufällig einmal stimmen konnte". In der Wissenschaft genoß die Graphologie lange Iabre etwa das Ansehen, das ein.Säkulum vorher die Physiognomik des seligen Lovater genossen batte: Sie rangierte da, wo die Diag­nosen der Lebmpastoren und der Kaffeesatzwahr­sagerinnen eingetragen waren, und nahm im großen Album menschlicher Narrheiten einen bevorzugten Platz ein. Im Ernst bestreitet heutzutage niefnanb mehr die Daseinsbe­rechtigung der Handschristenkunde. Man braucht nur von einer längst anerkannten Tat­sache auszugehen: Nämlich, daß alle seeli­schen Regungen körperliche Reflere aus-

Nr. 251. 1. Iahrganss.

Casseler Neueste Nachrichten

Donnerstag, 28. September 1911.

solcher Wucht gegen das Back-Bord des Schif­fes, daß mehrere Offiziersräume zerstört wur­den. Der Trompeter derLibertö" wurde von seinem Schiff in weitem Bogen auf die Republiaue" geschleudert. Er war sofort t o t und hielt die Trompete noch krampfhaft in den Händen. Ein Matrose, der bereits auf der verunglücktenJena" diente, ist auch diesmal gerettet worden. Gestern abend war seine Dienstzeit zu Ende. Ein Rettungsboot des PanzersRinard" ist ebenfalls gesunken und die gesamte Mannschaft ist ertrun­ken. Ein Offizier des PanzerschiffesToudre" erhielt einenGranatsvlitter ins Gesicht und war sofort tot. Zwei neben ihm stehende Matrosen wurden schwer verletzt. Insgesamt wurden hundertneun Matrosen und Unter­offiziere schwer verletzt. Vierzehn von ihnen sind bereits gestorben. Die Unter­suchung über die Ursache des Unglücks ist noch im Gange. Die Schuld an der Katastrovhe wird allgemein darauf zurückgeführt, daß der erste und zweite Kommandant derLibertö" nicht an Bord anwesend waren, die. beiden diensttuenden Offiziere aber vor der Verant­wortung zurückschreckten. die Munitionsräume unter Wasser zu setzen. Als sie sich hierzu end­lich entschlossen, war es bereits zu spät. Der frühere Marineminister Picard erklärte in einer Unterrednua, das B.-Pulver sei ganz un­gefährlich und hätte bereits große Dienste ge­leistet. Es greife die Geschützrohre nicht im ge­ringsten an. Eine Selbstentzündung des Pul­vers sei demgemäß gänzlich ausgeschlossen. Am Hafen stehen noch immer große Menschenmen­gen und sehen den Rettungs- und Aufräu­mungsarbeiten zu. Gestern vormittag zirku­lierte in der Stadt das Gerücht, daß noch fünfzehn Mann lebend in dem Wrack derLibertö" eingeschlossen seien. Die Polizei hat auf dem Wrack selbst strenge Absperrungs- Maßregeln getroffen, und niemand darf das Heck, auf dem sich die Pulvervorräte befinden, betreten.

Re Politik hes Zages.

s Volksvartei und Nationalliberale in Kurhessen. Wie verlautet, ist soeben zwischen den Landesorganisationen der fortschrittlichen Volksvartei und den Nationallibe- c a l e n in Kurbeflen ein Geaenseitigkeitsabköm- men zur Wahrung des feweiligen Besitzstandes zustandsgekommen. Rach diesem Abkommen verpflichten sich die Nationalliberalen, für die fortschrittliche Volksvartei in den Wahlkreise« Homberg-Fritzlar-Ziegenhain. Esch- wege - Schmalkalden - Witzenhaufen. Hersfeld- Hünfeld-Rotenüurg und Waldeck-Pvrmont ein­zutreten. während andererseits die fort­schrittliche Volkspartei die national- liberalen Kandidaturen in Cassel-Mellungen und in Hofgeismar-Rinteln-Wolfbagen "it un­terstützen hat. Nach diesem neuerlichen Abkom­men werden allo die Nationalliberalcn im Wahlkreis Homberg-fritzlar-Ziegenbain auch nickt (wie bisher angenommen wurdei den Bauernbund-Kandidaten Hestermann unterstüt­zen, sondern für den Kandidaten der fortschritt­lichen Volksvartei, den Shndikus der Göttin­ger Handelskammer, Dr. L a p o r t e. eintreten

iS3 Der Kronprinz und fein Husaren-Regi- ment. Von militärischer Seite wird uns ge­schrieben : Der Kronprinz ist nicht Oberst der Danziger 1. Leibhusaren (wie vielfach an­genommen wird), sondern er ist nach wie vor Major und Regimentskommandeur. Sein Patent als Major ist nur um acht Monate vor­datiert worden, damit er der älteste Stabs­offizier des Regiments ist. Wie man annimmt, wird die Beförderung des Kronprinzen

zum Obersten «die Charge des Oberstleutnant überspringen die Thronfolger) in nicht allzu ferner Zeit erfolgen, spätestens zum Geburts­tag des Kaisers. Der jetzige Kaiser wurde bei der Ucbernahme des Gardehusarcn-Negimcnts sofort Oberst, als er im sicbenundzwanzigsten Lebensjahre stand, während der Kronprinz be­reits im dreißigsten Lebensjahre steht. Das Avancement ist also jetzt auch für die Thron­folger schlechter geworden.

tS3 Luitpold, der Neunzigjährige. Ein Pri- vat-Telegramm berichtet uns aus Mün­chen: Die bei dem Prinzregenten Luitpold an Armen und Beinen eingetretenen Schwel­lungen sind als Oedeme (waflersuchtartiqe Erfckeinnnaeni konstatiert worden. Bekanntlich tritt diese Krankheit im hoben Alter sehr häu­tig auf. Durch die vorsichtige Behandlung in den letzten Tagen wurde dem Prinzregenten eine große Erleichterung verschafft und auch die Besserung macht wesentliche fortschritte. Es ist bei der starken Natur des Prinzregenten nicht ansaeschlossen. daß die eintretende Bes­serung von längerer Dauer sein kann. Der Vr'n'regent sah bei seiner gestrigen Abreise nach BerckjeSgaden recht gut aus.

cf-i Keine Steuer auf Zündholz-Ersatzmit­tel! Ein Telearamm nnsers varla- mentrischen Mitarbeiters meldet tms aus Berlin: Sckon bei der Annahme der Lündbolzsteu-r waren auS der Zündbolzin- duftrle Stimmen laut geworden, auch die ttün d h o l z e r s a tz m' t t e l (vor allem die Taschenseuerreugel »u besteuern. Auch in Re- gierunaskreifen hatte man diesen Gedank-n unterstützt. Wie ietzt zuverlälsta verlautet, ist man ietzt endgültig van dem Gedanken abae- k o m 'n e n. Einmal sollen neue Steuern n!(6t hont Reichstag aefordert werden, nachdem die Reichsfinanzresarm ibren Zweck erfüllt bat, dann aber würde es sich auch nickt gelohnt ha­ben. allein weaen der Tasckenfeuerzeuge eine befcndere Novelle beim Reichstage einzu- brinqen.

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Ein Brivattel-aramm meldet uns aus f r a n k f u r t a M.: Unter dem Verdachte der Svionaae wurde ein aus Mannbeim stam­mender Kaufmann tn Germersheim ver­haktet. ^ie verlaufet, wollte er einen Artille­risten bestecken, um in den Besitz eine? Geschos­ses zu kommen.

Rus Baris wird uns dehesckiert: Die mündEcke Antwort, bi** Staatssekretär von f?i« d-rleu-Wa-ckter v-m Botschafter Cambon a"f hie letzte französische Antwort erteilt bat. ist nickt zuständig, es wird nach eine schrist­riche Antwort Deutschland? erfolgen. a>ie Besprechungen werden also noch bis Ende dieses Monat« dauern.

Deheschen auS U e s k ü b zufolge sind am Montag in Pristina der Palt»eiches und zwei Gendarmen von einem Albanesen erschaf­fen worden. Gendarmerie feuerte auf den Tä­ter. verwundete aber zebn unbeteiligte Personen, darunter flauen und Kinder. Die Aufregimg unter den. Albanesen wachst. Von Mitrowitza ist ein Bataillon nach Prtstina ebgegangen.

Mms mm Tam.

(Dcvefcken der Casseler Neuesten Nachrichtens

Als er wieder kam ... Der Lottsriekollek- t»ur Mp st ermann, der nack Unterschlagung von fünszehntausend Mark vereinnahmter 2ot- terieaelder aefloben war. bat sich der Polizei gestellt Die entwendeten Gelder bat er in lu­stiger Gesellschaft in Berlin vergeudet. Wester- mann wird sich in kürzester Zeit vor fernen Richtern zu verantworten staben.

Aus dem fürsorgehrim ausgebrochen. Aus der Erziehungsanstalt Bethabara tn Weißensee sind gestern acht iunge Mädchen aus­gebrochen. Die Anstaltsleitung erstattete der

Polizei sofort Anzeige und es gelang schon gestern abend, die flüchtigen Mädchen wieder fcstzunchinen. Sie wurden nach dem Berliner Polizeipräsidium gebracht und sollen heute, da die Erziehungsanstalt sich weigert, sie wieder auszunehmen, dem Gericht vorgesührt werden.

- Explosion in der Anilinfabrik. In der Anilinfabrik zu Rummclsburg ereignete sich gestern eine Kesselervlosion. Die beiden Arbeiter Bachmann und Geisler wurden schwer verletzt. Der leichter verletzte Arbeiter Rieß mußte sich in ärztliche Behand­lung begeben. Außerdem sollen noch einige an­dere Arbeiter leichter verletzt sein.

~ Wieder einer! In Nauheim wurde der einundzwanzigjährige Bureaugehilfe Bernhard, der hier für eine Berliner Eisen- bahnbausirma Arbeiten ausführte, nach der Landesbank mit dem Auftrag geschickt, mehrere Tansendmarkscheine zum Zahltage umruwech- seln. Als der junge Mann zu lange blieb, te­lephonierte die Gefchäftsleitung nach der Bank. Es stellte sich heraus, daß Bernhard sich schon vor mehreren Stunden mit dem Betrage von 6200 Mark entfernt batte. Ermittelungen haben ergeben, daß der Defraudant in frankfurt gesehen worden und von da ans in Begleitung eines älteren Mannes im Automobil weiter gefahren ist.

zs Ein Opfer der Berge? Der Tourist funk aus Oberaudorf wird im Gebiete des W e st - falenHauses (Oetztbalergruvpe) vermißt, funk wurde wahrscheinlich ein Opfer des letz­ten Wettersturzes. Der Alpenvercin hat bereits eine Expedition zur Suche nach dem verschwun­denen Touristen abgesandt. Bisher konnte keine Spur des Vermißten entdeckt werden.

2! Ein trauriges Wiedersehen. Auf dem Hamburger Sternschanzen-Bahnhof hatte sich gestern die Gattin des Geschäftsreisenden O e l k e eingefunden, um ihren Mann zu emp­fangen, der.von einer längeren Tour zurück­kommen sollte. Als der Zug einlief, öffnete Oelke in der freude des Wiederfehens die Coupötür zu zeitig, stürzte hinaus und brach kurz vor seiner frau mit erheblichen Verletzun­gen zusammen. Der Reisende wurde zwar schnell in das Krankenhaus gebracht, doch starb er dort infolge der erlittenen Gehirnerschütte­rung, bevor er das Bewußtsein wiedererlangt hatte.

«r familiendrama in einem Hotel. In einem Wiener Hotel hat gestern der ungarisch« Großgrundbesitzer Laios Groag seine frau und sich selbst erschossen. Das Ebepaar wohnte bereits seit sechs Wochen in Wien und wartete hier den Ausgang eines Zivilprozesses ab, der für die finanzielle Stellung der Familie aus- fchlaggebend war. Der Prozeß wurde verloren, dazu 'gesellten sich andere Verluste, die den finanziellen Ruin des ehemaligen Millionärs herbeiführten.

s Eine verhängnisvolle Bootfahrt. Auf dem Arefee bei Kopenhagen kenterte ein Boot, in welchem sich ein einundzwanzigjäh- riger Handlungsgehilfe und drei Knaben im Alter von neun bis zwölf Jahren befanden. Alle vier Personen fielen ins Wasser und e r- tranken. Die Leichen konnten noch nicht ge­borgen werden.

cr Diefliegende" Dost. Der Luftpostdienst zwischen London und Windsor, der eine mehr­tägige Unterbrechung erfahren hatte, ist wieder aufaenommen worden, nachdem sich die Kom­mission bereit erklärt hatte, die verlangten zehntausend Mark für den verunglückten Avia­tiker Hubert zu bewilligen. Der erste Tag der Luftpost stand jedock unter keinem günstigen Zeichen, da der Aviatiker Hamel mit seinem Apparat nicht vorwärts kommen konnte und infolgedessen gezwungen war, die Postsäcke per Automobil nach Windsor zu befördern.

xx Aufopfernde Bmderliebe. Ein großes, aber nutzloses Oper brachte ein junger Mann

in Stockport (England), der für seine Schwester Edith Stuart, die mit ihren Haaren in eine Maschine gekommen und vollständig skal­piert worden war. seine eigene Kopf­haut hergab, damit seine Schwester geheilt werden konnte. Er unterzog sich der schwieri­gen Operation, der Heilungsprozeß machte bei der Schwester auch günstige Fortschritte, dann trat ein Rückfall ein. dem die Schwester erlag.

rr Das Ende der Actna-Katastrophe. Pro­fessor Ponte in Rom kündigt an, daß mor. gen, spätestens aber in zwei Tagen, die Tätig­keit des Aetna sein Ende erreicht ha­ben wird. In der Umgebung des Aetna wü­ten zahlreiche Waldbründe. denen bereits meh­rere Hektar Fichten und andere Waldbeständs zum Opfer fielen. In Catania und Umgebung verlassen zahlreiche Einwohner die Gegend, um sich nach den Vereinigten Staaten ein­zuschiffen.

Verheerende Elemente. Ein kurzer, aber heftiger Wirbelsturm richtete an der Küste von Madras große Verheerungen an. Die Zahl der ums Lehen Gekommenen ist noch nicht be­kannt. Unter der Bevölkerung hatte eine panik­artige Verwirrung Platz gegriffen.

Eine Viertelmillion Menschen an Hunger gestorben? Aus Sibirien, wo die Hungers- not am schlimmsten wütet, treffen die haarsträu­bendsten Gerüchte ein. Nach unkontrollierbaren Meldungen sollen bereits eine Vtertel- million Menschen an Hunger ge. st o r b e n fein. In den Straßen der Städte fallen die Menschen zu Hunderten liegen, nicht mehr imstande, sich zu erheben. Aus allen Tei­len Rußlands sind E r t r a z ü g e mit Lebens­mitteln abgegangen, doch glaubt man. daß diese zu spät eintreffen werden.

Las Neueste aus Assel.

Herbst-Wslkem.

Herbstwolken! Ueber den irdischen Gebir­gen türmen sich die himmlischen. Ihre Schat­ten fallen weit ins Land. In schweren grauen Ballen kommen sie gezogen. Sie sehen so schwer und drückend aus, daß man ihr Schwe­ben vergißt. Und wie eine Last liegt ihr Schatten auf der Seele. Sonn« macht leicht und frei und übermütig wie Freude. Wolken dämpfen die Stimmung und entmutigen wie Sorgen. Sie selbst sind noch keine Not. Abei sie drohen mit ihr. Sie bergen die Ungewittei in ihrem Schoße. Sie können Segen bringen, aber sie können auch verderben. Wir wissen «s nicht im Voraus, und so zagen wir und zwei­feln. Und hinter den Herbstwolken lauert der Winter. Dieser Sommer war so heiß und so hell, als hätte uns Italien seine Sonne und seinen Himmel geliehen. Es ist wohl selten in unseren Landen so viel gereist und gewan­dert worden. Aber nun kommt die Sorge. Wir sind nicht eingerichtet auf diese italienische Sonne. Vom Wein können wir nicht leben und unsere andere Ernte ist verkümmert.

Die Herbstwolken werfen dunkle Schatten weithin. Wir stehen vor einem schweren Win­ter. Hungersnot: Wie fremd klingt uns dieses Wort. Fast gespensterhaft. als ob dieser Schrek- ken der Vergangenheit für uns nie wieder ernsthaft lebendig werden könnt«. Als wär'S nur noch ein historischer Begriff. Und nun pocht sie wieder mit knöchernem Finger an die Tore unserer Zivilisation. Wir dünken uns mit unserer Technik schon so sicher, so erhaben über die Nafttr und ihr« wechselnden Launen. Nun fühlen wir wieder unsere Abhängigkeit, Wir organisieren so klug unser ganzes Leben. Wir suchen uns durch Versicherungen und Pensionen über die Schwierigkeiten der Wetter- schläge und Krankheiten und des Alters hin­wegzuhelfen. Wir möchten gern glatte Bahn vor uns und ruhig« Sicherheit um uns haben. Aber Wetter und Schicksal lassen sich nicht or­ganisieren. Wir bauen Mauern gegen sie und

zuüben vermögen . . .. dann kommt man leicht dahin, auck die Handschrift als einen Vermitt­ler dieser Reflerbewegungen anzuerkennen, wie man jeder menschlichen Geste, tedem Ausdruck des Auges ober ber Gesichtszuge ohne weite­re? eine seelische Spiegelung zutraut.

Für tüchtige Beobachter ist es oft ein Kinder­spiel die Wesensart eines anderen aus hundert solchen indirekten Aeußerungen fernes Charakters herauszulesen; großeMenschenkenner wie Navoleon oder Goekhe bauten sich ihre Urteile zum guten Teil aus Beobachtungen dieser Art zusammen. Vielleicht ist die Hand­schrift, so jung ihre Geschichte ist,, so wenig wissenschaftlich ausgebeutet ihre Resultate noch sind, der zuverlässigste Verräter aller Tugenden und Unarten der lieben Mitmen­schen Wenn der Ausdruck des Gesichts, Wenn Gebärden nnd Gesten wegen ihrer vorüber­gehenden Dauer trügerisch sein können, so laßt die Sprache der Handschrift, deren Abbilder ständig sichtbar bleiben, schon deshalb ferne Täuschung auskommen Die Handschrift ist zwar nickt immer gleich: Sie ist wie alle anderen äußeren Betätigungen des Menschen von letnctt inneren Regungen, von seiner jeweiligen Stim­mung abhängig. Dahinter aber blickt immer der Grundckarakter des Schreibers deut­lich hervor, und die Grundform der Hand­schrift offenbart deshalb immer den Spiegel der Seele.

Es ist langjährigen, sorgfältigen, wissen- fchastlichen Untersuchungen (wir nennen nur die Arbeiten der Herren Professor Dr. Prever, Dr. Mayer, Dr. Klages, Hans Busse und Cre- pieur-Jamin) gelungen, einen großen Teil der Gesetze, nach denen sich die Schreibbewegüng unter dem Einfluß der Charaktereigenschaften gestaltet, exakt wissenschaftlich festzu­stellen. Aufgabe der praktischen Grapho­logie ist es, die in einer Schrift vorkommenden Merkmale zu kombinieren, zu deuten und so ein plastische Charakterbild des Schreibers künstlerisch zu schaffen. Zur Ermöglichung eines Urteils sind mindestens zwanzig Zeilen der unverstellten Handschrift er­wünscht. Die Schrift soll auf. unliniiertem Papier stehen, und womöglich keine Abschrift, sondern ein Teil eines vertraulichen Briefes ober einer ähnlichen schriftlichen Aeußerung sein, alio keineSchönschrift" zu besonderm Zweck. Nur wer zwanglose Schriftproben sendet, kann ein völlig zutreffendes Urteil er­

warten, denn es ist klar, daß die seelische Grundstimmung sich nur in denjenigen Schriftzügen ausprägt, die unter dem unge- minderten Einfluß der innern Gedankenwelt, alsoungekünstelt", dem Papier anvertraut werden. **

Meine« FeMetoik.

Stadttheater Hanau. Im Stadttheater zu Hanau wurde gestern abend zur Erösfnung der Winterspielzeit als erste Abonnementsvor­stellung die TragödieJudith" von Fried­rich Hebbel gegeben, die sowohl dem alten, wie dem neuengagierten Schauspielpersonal Ge­legenheit gab, sich bestens zu entfalten. Die Regie hatte Direktor Steffter übernommen. Das für die Winterspielzeit gewonnene Perso­nal berechtigt zu den besten Hoffnungen. Der gestrigen Aufführung ging voraus ein von Fräulein Ballin gesprochener Prolog.

Das Pvrmonter Schausvielhaus. Das Fürstliche Schauspielhaus in Pyrmont, das bisher Eigentum des Direktors Dr. A l t m a n war, wurde soeben von der fürstlichen Dornä- nen-Kammer in Arolsen käuflich erworben. Di­rektor Dr. Altman legte die Direktion in Pyr­mont nieder, weil ibn der Erfolg der soeben beendeten Sommerspielzeit in Hannover ex- rnnttgt hat, im nächsten Sommer im Deutschen Tbeater mit dem ständigen Personal dieser Bühne Sckauspielvorstellunaen zu geben.

Rustand und GoethesFaust". Wie be­richtet wird, beschäftigt sich R o st a n d, der, nach einer früheren Meldung, Goethe ins Französische zu übertragen gedenkt, gegenwär­tig damit,Le Faoust" für die französisch« Bühne zu bearbeiten. Die Vorbereitungen werden in aller Stille getroffen. Für den Me- vbistodheles hat man sich Le Bargy verschrie­ben, der die Rolle vermutlich noch in dieser Theatersaisonfreieren" soll.

Kurze Notizen. Die Stadtverordneten von Düsseldorf beschlossen, im nächsten Jähre eine Städtebauausstellung zu veranstalten, die auch hygienische Einrich'unqen umfassen soll. Die Premiere des ,,'iosen- kavalier" am Königlichen Opernhaus in Berlin ist endgiltig auf den vierten November festge­setzt erben.Rund u m b i e Alste r" be­titelt sieb eine humoristisch-satyrische Revue, zu der Müller-Förster den Tert und Rudolf Ba­ron die Musik geschrieben hat. Das Stück

wird am dreißigsten September seine Urauf« sührung im Neuen Operetten-Theater zu Ham­burg erleben.

Rndslf Thies-Ksnzert.

Ein Blinder ... Schon, wenn er uns im Getriebe des Alltags entgegentritt, werden wir milder und weicher gestimmt, und für Augen­blicke irren unsere Gedanken und Gefühl« ab in das still« Reich seiner Leiden; ein blinder Künstler ... Doppelt wird er das Licht vermissen, noch einmal so herzlich fühlen wir mit ihm und unsere Sympathien Hai er schon, noch ehe wir ihn gekannt. Und so war's auch Wohl gestern abend, als Rudolf Thies sich, «in wenig scheu und tastend, vor'm Publi­kum verneigte. Und dies Scheue und Tastende, es wich auch nicht von ihm, als er zu spielen begann; es lieh seinem Spiel eine rührende Kindlichkeit und Einfachheit, und ließ doch dabei nicht verkennen, daß der blinde Meister mit seinem Instrüment innig vertraut ist. Sicher und ohne Zögern kamen die Einsätze und klar und perlend gelangen die schwierig­sten Triller und Läufe. Besonders fein wirkte sein Vortrag in Saint-Saön? graziöser wei­cher Romanze und in Mozarts anmutigem Andante. Sehr zart und diskret gab er sich in Gounods bekannter Serenade, in der Fräulein Elisabeth Horchler die Gesangspartie über- nommen batte. Die junge Dame, «ine recht sympathische Erscheinung, verfügt über einen sehr wohllautenden warmen Mezzosopran, der nur im Fortissimo ein wenig hart klingt. Ihr Vortrag' zeugt von trefflicher Schulung und fleißigem Studium, nicht minder von tiefem warmen Verstehen des Vorgettagenen. Ein großer Vorzug ist auch die deutliche klare Aus­sprache. Defonderen Beifall errang sie mit der bekannten Ballade:Meine Mutter hat's ge­wollt". Die Bcgleftung auf dem klangvollen Scheel'schen Konzertflügel hatte Herr Heinrich Steinbach übernommen, der den guten Eindruck, den beide Künstler hervorriesen, nock verstärken half. Sein Spiel hielt sich in äußerst diskreter vornehmer Form und ließ die Vor­züge beider Vortragenden voll und ganz zur Geltung kommen. Alles in allem 6o+ uns das Künstler-Trio also recht erfreuliche und liebens­würdige Leistungen, und das Publikum spen­dete denn auch gern und freudig reichen Bei­fall, «mm«