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Nr. 2J7. 1. Jahrgang.

Sonnabend, 23. September 1911.

Casseler Neueste Nachrichten

der rechten Hand zwei Finger. ManI mußte vor der Aufbahrung des Leichnams den Kopf und das Gesicht mit einer Wachsmaske bedecken, damit das Volk die schrecklichen Wunden nicht sah und nichts von der Tra­gödie ahnte, die soeben ihren Abschluß gesun­den hatte. Der Kaiser, der mit aller erdenk­baren Vorsicht benachrichtigt war,

berief eine geheime Zusammenkunft und außer denen, die an dieser Zusammenkunft teilnahmen, hat niemand je erfahren, was wirk­lich vor sich gegangen ist. Ein Waldhüter, der als Jagdaufseher in Meyerling war, er­zählte mir einige furchtbare Einzelheiten: Er sagte mir, daß er am Abend der Tragödie den Auftrag erhalten habe, nächsten Vormittag um halb neun Uhr zum Jagdschloß zu kommen. Als er eintraf, herrschte überall größte Ruhe. Uebcrrasckt und ein wenig beunruhigt, öffnete er die Tür und betrat den Pavillon. Vor sich sah er den Billardsaal in einer unbeschreiblichen Unordnung: Tische und Stühle waren umge- worfcn, Flaschen und zerbrochene GläserlagenaufdemTeppich und die Billarddecke war halb zur Erde herabgezogen. Er staunte nicht sonderlich über diese Unord­nung, da die nächtlichen Orgien in Meyerling keine Seltenheiten waren, was aber seine Aufmerksamkeit erregte, war die seltsam geformte Billarddecke. Er bückte sich, nm nachzusehen,hob ein Ende hoch und bemerkte einen Fuß. Als er dann die Decke zurückschlug, sah er einen Frauenkörper nackt, mit Blut bedeckt und

von mehreren Kügeln durchbohrt.

Ganz erschrocken rief der Mann um Hilfe, doch kam niemand und das Haus blieb ruhig wie ein Grab. Er ging dann zum Zimmer des Prinzen, wo er den Diener bei seinem sterben­den Herrn fand. Das ist alles, was er mir sagen wollte, und die Welt wird nie die ganze Wahrheit erfahren. Das öster­reichische Volk hat vom Kaiser verlangt, daß er die Umstände, die zum Tode des Kronprinzen führten, enthülle, doch er hat sich formell ge­weigert, und dadurch viel von seiner Populari­tät verloren. Es liefen alleArten mehr oder weniger unwahrscheinliche Gerüchte um. Viel­leicht machte man Rudolf gewisse Enthüllun­gen, um ihm die unüber st eigbarc Schranke zu zeigen, die sich zwischen ihm und Maria Vetsera erhob, und die jede nähere Zuneigung unmöglich machte. Ich denke mir, daß man auch ihr das an jenem Abend in Meyerling auseinandersetzte, und daß die un­glückliche Frau, durch zu vielen Champagner­genuß erregt und durch die Mitteilungen ver­wirrt, sich auf Rudolf stürzte und ihm mit einer Flasche

die tödlichen Wunden beibrachtc.

Ohne Zweifel wurde sie dann von einem der Gäste getötet ... In ihren weiteren Erzäh­lungen erlaubt sich Frau Toselli eine Abschwei­fung und erzählt ein Liebesabenteuer der Prinzessin Isabella von Parma mit einem jungen Spanier, die gegen ihren Willen an den Kaiser Joseph den Zweiten ver­heiratet wurde. Von ihrem Vater erzählt die frühere Kronprinzessin, sie habe für ihn große Bewunderung wegen seiner liberalen Ideen gehegt. Er hätte ihr einmal gesagt, daß die Religion für ihn weiter nichts als eine Etikettenfrage wäre, eine Ansicht, die in seinen Kreisen gewiß selten gewesen sei. Sie habe ich ihr ganzes Leben lang sehr gut mit ihm ge- tanden, und alles, was sie an Kenntnissen ve- itze, habe sie nur ihm zu verdanken. Dann pricht sie von ihrem Onkel, dem Erzherzog Ludwig Salvator. Dieser sei ein sehr merkwürdiger, aber äußerst gelehrter Mann gewesen, der sein Leben damit zubrachte, Ra­ritäten zu sammeln. Der zweite Bruder ihres Vaters, der E r z h e r z o g K a r l S a l v a t o r, verabscheute das Leben bei Hofe. Sein größtes Vergnügen sei gewesen, einen Omnibus oder

eine Straßenbahn zu besteigen und durch die Straßen zu sahren. Ium Schluß erzählt Frau Toselli, wie sie mit ihrer Mutter ihrem Ur­großvater einen Besuch machte. Dieser sei ein eleganter, aber fast erblindeter Mann ge­wesen, der an ihr eine starke Aehnlichkeit mit Maria Antoinette, der unglücklichen Gattin Ludwigs des Sechzehnten, entdeckt habe. -pC-

Der Mainzer Polizei-Prozeß.

Aus der Praxis einer Polizei-Assistentin. (Von unserm Korrespondenten.)

<P Mainz, 22. September.

Zu der gestrigen dritten Sitzung des S ch a p i r o - H i r s ch - P r o z e s s e s war der Zudrang des Publikums ein ganz riesiger. Namentlich zahlreiche junge Mädchen aus allen Ständen, die mit der Frau Schapiro zu tun gehabt haben, befinden sich im Sitzungssaal, in dem Frau Schapiro am Anwaltstische Platz ge­nommen hat Verschiedene Mädchen bekunden, daß gegen sie auf Veranlassung der Polizei- assistentm Schapiro Untersuchungen und Straf­verfahren eingeleitet worden seien und zwar in vielen Fällen zuUnrecht. Eine Frau Künst­ler bekundet, ihre beiden Töchter, anständige Mädchen, seien eines Tages auf die Polizei zu der Assistentin vorgeladen worden, die ihnen vorgeworfen habe, daß sie sichmH Männern Herumgetrieben" hätten. Schließlich habe die Assistentin zugeben müssen,

daß sie sich geirrt habe.

Die Leiterin des Wiesbadener Cäcilienheims, Fräulein von Barner, erklärt, sie habe als Mitglied der Inneren Mission früher die ihr überwiesenen Mainzer Mädchen in Pflege genommen habe aber später dies abgelehnt, da sie eine Bezahlung dafür nicht erhalten habe. Die Zeugin erklärt weiter, Frau Dr. Schapiro habe im Verkehr mit Mädchen nicht die erforderliche Nachsicht gehabt, es fehle ihr das richtige weibliche Empfinden. Dem Vorsitzenden wurde sodann mitgeteilt, daß die Mehrzahl der als Zeugen geladenen Offiziere erst am Freitag aus dem Ma­növer zurückkehren und in Mainz Eintreffen werde. Der türkHche Leutnant Hussein Hussai bittet um seine sofortige Vernehmung, weil seine Abkommandierung beendet fei und er nach der Türkei zurückkehren wolle. Im Laufe der weiteren Verhandlung

kam es zu einem erregten Auftritt zwischen Frau Schapiro und der Mutter einer der Zeuginnen. In der Nachmittagssttzung, zu der der Andrang ein ganz außerordentlich gro­ßer war, so daß sich vielfache Prügel­szenen ereigneten, wurde von einer Zeugin bekannt gegeben, daß die Polizeiassistentin früher mit einem Offizier in Verbindung ge­standen habe, der sich erschossen habe. Verschiedene andere Zeugen geben an, daß sie von Berndt und Frau Schapiro bei der Ver­nehmung ruhig und anständig behandelt wor­den seien. Der ehemalige Polizeiaspirant Bru­der gibt an, er habe besonders auf solche Mäd­chen achten müssen, deren Namen in Offi­zierskreisen genannt wurden. Er habe solche Mädchen voraeladen und ihnen Vorstel- limgen gemacht, daß es zu einer Ehe zwischen ihnen und den Offizieren doch nickt kommen könne. Die Mädchen seien ihm dafür dankbar gewesen. Er gab zu. sein gesammeltes Ma­terial der Assistentin jeweils übergeben zu ha­ben, bestritt aber, daß sie die Mädchen ausge­fragt und angelockt habe. Die weiteren Ver­handlungen wurden sodann auf Freitag ver­tagt.« «we«

Sie MM der Tages.

s> Die Düsseldorfer Wahl. Ein P r i - vattelegramm meldet uns: Für die Düsseldorfer Stichwahl, die am acht- undzw anzigsten September stattfinden wird,

hat der Vorstand und der Wahlausschuß der Demokratischen Vereinigung soeben eine Stich­wahlparole dahin erlassen, daß durch persön­liches Werben, unter allen Umständen aber mit dem Stimmzettel für den sozialdemokra­tischen Kandidaten Haberland einzutrcten fei. Da auch zu gleicher Zeit die Kölnifche Zeitung in einem Artikel die Notwendigkeit für die Nationalliberalen betont, Ge­ivehr bei Fuß zu stehen, so ist das Mandat schon heute sozialdemokratischer Besitz. Inzwischen wird denn auch bekannt, daß die nationalliberale Partei beabsichtigt, für die Düsseldorfer Reichstagsstichwahl Wahl­enthaltung auf jeden Fall zu proklamieren, um keinen Präzedenzfall für die bevorstehenden Neichstagswahlen zu schaffen.

Friedrich Naumann über die polifische Sage. Friedrich Naumann bereist gegenwärtig Württemberg, um die politische Arbeit der Volkspartei für die Reichstagswahlen einzu­leiten. Die Neuwahlen werden sich nach Nau­manns Ansicht unter dem Zeichen der Reichs- finanzresorm vollziehen, über die man trotz aller Bestrebungen des Zentrums nicht zur Tagesordnung übergehen werde. Mit über­raschend warmen Worten gedachte Naumann der drei über Bord gegangenen Staatsmänner Bülow, Dernburg, Posadowsky, um die es schade sei, bei unserm geringen Reich­tum an Männern, die etwas leisten. Den Platz des Reichskanzlers im Reichstag sehe man viel häufiger leer als unter Bülow. So seien wir seit der letzten Wahl um drei sympathische Männer ärmer geworden. Die Kriegs- fnrcht der letzten Zeit bezeichnet Naumann als unangebracht. Wenn die Diplomaten zweier Nationen vom Mai bis September ver­handeln, so sehe man doch deutlich, daß sie ein Geschäft miteinander abschließen wollten.

S Spanien und die Revolutton. Wie De­peschen anS Madrid berichten, wurde eine Gruppe von Ruhestörern, die die Provinz Bis- caya durchstreifte, zerstreut. In Valencia ver- suchte eine Bande von Revolutionären, den Palast des Herzogs von Gandia in Brand zu stecken, wurde aber vertrieben. Eine andere Bande beraubte die Gemeindekasse. In El Ferrol beginnen die Lebensmittel knapp zu werden. Zahlreiche Arsenalarbeiter nah­men die Arbeit wieder auf. In Barbadajoz sind zwei portugiesische Anarchisten ver­haftet worden. In Barcelona herrscht voll­kommene Ordnung, und es wird überall gear­beitet. Einige Gruppen von Anarchisten wur­den zerstreut. In Coruna haben die Hafen­arbeiter die Arbeit wieder ausgenommen. In Madrid erschienen gestern nur zwei Zeitun­gen. Die Einzigen, die den Ausstand in Ma­drid noch aufrechterhalten, sind die Droschken­kutscher.

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Ein Privattelegramm meldet uns aus Genf: Nach einer Meldung derSchwyz" haben die in Genf und Lausanne sich auf Er­holungsurlaub befindenden spanischen Offizier« telegraphischen Befehl erhalten, unverzüglich zu ihren Truppenteilen zurück­zukehren; andererseits hat das Schweizer Polizeidepartement die spanischen Behörden be­nachrichtigt, daß zahlreich« spanische und italie­nische Anarchisten sich von Genf nach Bar­celona begeben haben.

Nach einer Meldung des Zentralorgans der Sozialistenpartei BelgiensPeuple" tritt der Internationale sozialistische Par­teitag an diesem Sonnabend in Zürich zu- einer Sitzung zusammen. In der Sitzung soll die Angelegenheit Rosa Luxemburg und die von ihr begangenen Indiskretionen ein- gehenÄ behandelt werden.

AnS London wird uns depeschiert: Aus Irland werden viele Gewalttaten strei­kender Arbeiter gemeldet. Der Personen- und Güterverkehr stockt vollständig. Die englischen Bahngesellschaften rechnen mit der Möglichkeit

eines erneuten Ausstandes und trefftg entsprechende Vorkehrungen.

üieues Dom Tage.

(Depeschen der Casseler Neuesten Nachrichten.)

rn Das Unglück bei der Gala-Premiere. Bei der gestrigen Galapremiere der Panto­mimeEin Jagdfest am Hofe des Königs Lud- wig des Vierzehnten" ereignete sich im Bei- Huer Königlichen Schauspielhaus in der Schluß-Szene ein Unfall, der aber vom Publikum nur wenig bemerkt wurde. Die Drähte, an denen zwei Mädchen hingen, die über die Bühne flogen, rissen, und beide Mädchen stürzten auf die Bühne. Das eine blieb bewußtlos liegen, das andere konnte sich wieder erheben. Ernstere Verletzungen haben sie glücklicherweise nicht erlitten.

«r Der Berliner Schlächterflandal. Die Ermittlungen der Rixdorfer Kriminalpolizei zur Aufdeckung des von uns schon erwähnten gemeingefährlichen Treibens einiger Schläch­termeister in Rixdorf haben dazu geführt, daß auch gegen den Schlächtermeister P l e s f o w, der bereits im vorigen Jahre wegen Verkaufs von gesundheitsschädlichem Fleisch bestraft wurde, ein Verfahren wegen Betrugs eingelei­tet worden ist.

in Wieder ein Automobilunfall! Zwischen Denshausen und Mehlis in Thüringen ist ein Schleusinger Automobil infolge Verfagens der Steuerung gegen einen Chausseestein gefah­ren. Die Insassen wurden herausgefcklendert. Eine junge Dame war sofort tot. Ihr Bräu- tigam wurde schwer verletzt. Das Automobil wurde stark beschädigt.

in Das Geständnis eines Mörders. Aus Straßburg i. E. meldet uns ein P r i« vattelegramm: Der in Kettwig in West- falen verhaftete Mörder der Witwe Weber aus Sennheim, der Tagelöhner Adolf, legte gestern ein umfassendes Geständnis ab. Nach seiner Aussage schlug er der Frau mit einem Hammer den Schädel ein. Nachdem er die Kasse beraubt hatte, hörte er beim Weg­gehen Frau Weber stöhnen. Er versetzte ihr daraufhin mit einem Graviermesser mehrere Stiche, bis sie tot war; dann fuhr er über Mül­hausen nach Kettwig, wo er bereits eine Stunde nach seiner Ankunft verhaftet wurde. Bei seiner gestrigen Vernehmung am Tatorte hatte die Polizei alle Mühe, Adolf vor der Menge zu schützen.

in Der SchreckcnSzug der Cholera. In B u d a p e st sind mehrere neue choleraverdäch­tige Erkrankungen vorgekommen. Aus dem Weißenburger Kornfiat werden mehrere festge­stellte Cholerafälle gemeldet. In Konstan­tinopel dagegen ist die Cholera im Abneh­men begriffen. Gestern und heute wurden siebenundzwanzig Erkrankungen und siebzehn Todesfälle festgestellt, unter den Truppen neun Todesfälle und vier Erkrankungen.

rn Zwölf Opfer einer Grubenkatastrophe. Aus Cimpina in Ungarn wird gemeldet, daß dort eine P etroleumgrube in Brand geriet. Zwölf Arbeiter, darunter ein Oesterreicher, wurden als halbverkohlte Leichen zu Tage geschafft. Acht andere Personen er« litten schwere Brandwunden. UeBer die Ur­sache der Katastrophe ist noch nichts näheres bekannt.

m Unter Trümmern begraben. In Ryerngybaza in Ungarn stürzte das Dach eines Neubaues ein und begrub acht Arbeiter unter sich. Alle acht wurden schwer verletzt.

rn Selbstmord eines Polizeiinfpektors. Der Polizeiinfpektor Chantler. der vor kurzem den Apotheker Joseph James in Hastings verhaf­tete, welcher den Baudirektor WomerSley er­schossen hatte, wurde gestern, einer Depesche ans London zufolge, in der Polizeistatton von Hastings tot aufgefunden; um zehn Uhr hörte man plötzlich einen Schuß. Als man hinzueilte, fand man Chantler mit einer

HAMverdincks KSMskMer.

Die gestrige Erstaufführung im Hostheatcr.

Die Erzeugnisse der Opernliteratur in den letzten Jahren knüpfen sich meistens an die deut­schen Namen Humperdinck, Pfitzner, d'Al- bert, Sttautz, Künnecke ec., alles Meister der Tonkunst, die in ihren Werken starkes schöpferi­sches Talent bewiesen haben,' und doch hat keiner von ihnen sich bis jetzt neben Richard Wagner eine selbständige Stellung erobern können. Mehr oder weniger treten sie alle in die Fußtapfen des genialen Bayreuther Mei­sters und dennoch ist in diesem großen Rahmen keinem der Komponisten benommen, seine per- sonlichen Eigenarten und intellektuellen Ver­anlagungen zu verwerten. Neben den Strauß­opern, die mit den über 100 Mann starken Or­chestern phänomenale Klangwirkungen hervor- rtefen, erschien vor einem Jahre Engelbert Humperdinck mit seinem neuen Märchenfpiel: Köntgskinder", die bereits am achtund- zwanzigsteu Dezember 1910 in Newyork einen großartigen Erfolg erlebten, und von da aus über alle großen Bühnen gingen. Der Erfolg veranlaßte Humperdinck, das Gelegenheitswerk zu einer selbständigen Oper umzuarbeiten und die Auswahl des Roßmer'schen Stoffes führte den Tonmeister in das Märchengebiet znttick, das ihm vonHänsel und Grethe!" nicht sremd war. DieKönigskinder"-Handlnng ent­stammt der Feder der Münchener Dichterin Elsa Bernstein, die ihre Werke unter dem Pseudo­nym Ernst Roßmer veröffentlicht.

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Unter einem alten Lindenbaum spielt mit fallenden Baumblüten die poesiereiche Magd­gestalt. die einer alten Here als Gänsehirtin allerlei Dienste verrichten muß. Vor der moos­bewachsenen Herenhütte sonnt sie sich im Grase in traumverlorenen Tändeleien, aus der sie die widerlich keifende Alte herausreißt, sie in die Hütte weist, nm ein gutes Hexenstück. ein Brot zu kneten und zu backen, das mit rotem und schwarzem Staub vermischt wird. Die Gänse- magd begleitet den Kuchen mit dem Sprüch­lein:Wer davon ißt, maa das Schönste sehen, so er wüusckt. sich zu gescheh'il", doch die Fort- fetzung mit der bösen Zauberformel der Here: Wer es hälften ißt. stirbt ganzen Tod", deutet fckon jetzt das Mittel an. durch welches der tragische Ausgang herbeigeführt wird. Wäh­rend der Abwesenheit der Hercngroßmutter Iritt zum ersten Male ein Mensch, ein Königs­

kind. in den Vorstellungskreis des naiven Na­turkindes. Der Königssohn hat in der schlichten Gänsemagd seine gesuchte Königin bald gefun­den. und beim Entfliehen aus dem Zauber­walde ist die junge Königinmaid durch hexischen Bannspruch festgehalten und der scheinbar ge­täuschte Königsfohn. dem diese Vorgänge un­verständlich sind, läßt das Mägdlein zornig- schmerzlich zurück. Mit einem Spielmann erschei­nen zugleich, von demselben geführt, die be­kannten Märchensiguren Besenbinder und Holz­hacker, die als Abgesandte der Bewohner von Hellabrunn von derweisen Waldfrau" Rat holen wollen. Ihr König ist gestorben,jeder lBürger) bat einen Herd und keiner hat einen Thron", und die Hexe gibt ihnen mit auf den Weg:Der erste, der morgen schlendert zum Stadttor herein, sei es ein Schalk oder Wech- selbald, der mag euer König sein." Während die Abgesandten verschwinden, sieht der Spiel­mann durch das Fenster di« eingesperrte Magd, und als sie auf sein Verlangen erscheinen muß, hört er von der wunderschönen Maid, daß sie dem geliebten Königssohn nicht folgen konnte. Trotz der schmähenden Hexenerzählung von der Herkunft der Gänsemagd erklärt sie der Spiel- mann für ein Kvnigskind und mit der goldenen Krone im Haar verläßt sie eiligst die Stätte. Der zweite Akt führt uns vor das verschlos- fene Stadttor' von Hellabrunn. Vor dem Wirtshaus erzählt die Stallmagd der Wirts- tochter von der freudigen Erregung in der Stadt. Ta sieht selbe den schmucken Königs­sohn und versucht ihm mit Speise und Trank ihre Liebe anzubietcn. Als sie unverblümt vom Gegenteil überzeugt wird, quittiert sie das dem Königssohn mit einer schallenden Ohrfeige. Nur das grünende Kränzlein im Wams, das er von der Gänsemagd mitgenom­men hat, mahnt ihn zum bleiben. Er ver­dingt sich deshalb auf ein Jahr beim Wirt als Schweinehirt. Inzwischen füllt sich der Platz mit Ratsherren und Bürgern. Mit dem Glok- kenfcklage 12 verstummt alles, und durch das Auffpringen des Stadttores fchreitet der ge­spannten Menge ... die Gänseniagd mit der Königskrone entgegen, vom Königsfohn feier­lich zu seiner Königin ernannt. Hohngeläckter und Spott vertreiben die verkannien Königs­kinder aus der Stadt und der warnende Spiel- mann wird gefesselt in den Kerker geworfen.

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Der dritte Akt führt uns im tiefen Winter äUijsite» Waldwiese zurück. Sm halb zerfal­

lenen Hexenhäuschen wohnt der Spielmann, der den vertriebenen Königskindern nach­trauert. Da erscheint der Königssohn und trägt sein krankes Mädchen in den Armen zurück an diesen Ort. Die Gänsemagd erkennt die Ge­gend wieder, und die Bitte des KönigssohneS um Einlaß in die Hütte, die während der Ab­wesenheit des Spielmanns vom Besenbinder und Holzhacker befucht wird, schlagen dieselben ab. In höchster Not erinnert sich der Königs­sohn an seine goldene Krone und erlauft da­mit von den harten Menschen ein Brot, in einem geheimnisvollen schwarzen Kästlein wohl verwart.Wer es Hälften ißt, stirbt gan­zen Tod." Die Lebenskräste kehren nicht wie­der znttick und sterbend schlafen die Königs­kinder unter der breitäftigen Linde ein. Die Märchenhandlung verlangt viel musikalische Stimmungsbilder und Meister Humperdinck hat diese mit feinfühlender, sauberer Instru­mentation ganz wundervoll totebergegeben. Wenn auch nicht stetig toechselnde Motive den musikalischen Fortgang vorfchreiben und die Musik beherrschen, so sind dieselben hier und da eingestreut und geben mit den stilvollen Stimmungsbildern erhebende Klangwirkun- aen. Der erste Akt. der textlich fast soviel um­faßt, wie die beiden letzten Akte zusammen, verlangt durch das tonliche Ausmalen des Waldidylls und der einzelnen Szenen mtt dem .Königssohn und dem Spielmann längeres mu­sikalisches Verweilen, und so möchte wohl der erste Akt etwas langatmig wirken. Grade die schlichte Einfachheit in der Musik, die jedes künstliche Verarbeiten von durcheinanderwo- genden Motiven mit berauschenden Akkordver­bindungen vermeidet, ist es, die dem Ohr stets angenehme Klanaformen zuführt und herzliche Befttedigung gibt. Dahin gehören auch die sich» durch polvpbone Klangwirkung und in­strumentale Schönheiten auszeichnendcn Akt­vorspiele: der Königssohn - Hellafest und Kin­derreigen - Verdorben. geworben und Spiel­manns letzter Gesang. Wenn auch in der Partitur der Königskinder keine großen und neuen Erfindungen zu finden sind, sondern feiner ersten Märchenoper ähneln, so zeigt das letzte Werk dock den alten Meister in neuem, prächtigen Gewand.

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Die gestrige Aufführung in unserem Hoftheater bedeutete einen Glanz­punkt im neuen Tbeaterjabr. Herr Professor

Dr. Beier hatte sich der Einstudierung mit ganz besonderer Siebe angenommen, und die prachtvollen Wiedergaben der Stimmungsbil­der legten beredtes Zeugnis davon ab. Mtt dem lebendigen KönigSmotiv leitete das erfte Vorspiel ein und bereitete die Zuhörer mit kräftigen Akkorden und sicherer musikalischer Linienführung auf den frischen, jungen- ntgssohn vor. Es würde zu weit führen, all« einzelnen Schönheiten aufzuführen. Höhe­punkte waren die weiteren Aktvottpiele, und die garte, feinsinnige Ausarbeitung der idylli­schen Waldbilder im ersten und letzen Akt, die doch inhaltlich ganz verschieden sind. Auch Herrn Oberinspektor Waßmuth müssen wir für die wundervollen Waldinterieurs danken, die in ihrer Farbenpracht und sinnigen Zusam­menstellung jedes Auge erfreuen konnten. Selbst die Gänse, die sicher ein schweres BÜH- nenproblem bildeten, wirkten in ihrer Aufma­chung natürlich und überzeugend. Das ent­zückende Bild vom Einzug der Gänsemagd in die Stadt Hellabrunn im zweiten Akt will ich nicht unerwähnt lassen. Die künstlerisch-vollen­dete Regte des Hern Ehrl wurde diesmal durch prachtvolle Blumenspenden anerkannt. Der Gesamteindnick war fo schön und erhe­bend, daß ich einzelne Vorzüge und Schwä­chen der Hauptdarsteller nicht erwähnen will. Die Königskinder gaben Frl. von der Osten und Herr K o egei mH ergreifender Natürlichkeit. Auch der Svielmann des Herrn Wuz^l, der vom Komponisten mit ganz beson­derer Liebe gezeichnet worden ist, wirkte sinnig und hatte sich bald in die Gunst des Publi­kums hineingesungen. Die kleineren Partieen der Hexe (Frl. Herper), des Wirts (Herr 111- rici). der Wirtstockter (Frl. Gates), der Stall- magd (Frau Ebrbardt-Sedlmeyer) und des Ratsältesten (Herr Groß) möchten nicht besser verlangt werden. Die komischen Märchenfigu­ren des Besenbinders (Herr War deckt und des Holzhackers (Herr Bartram) erregten ständige Hetterkeit und zeigten Herrn Warbeck rn seinem besten, darstellerischen Element. Selbst die kleine Vertreterin der Kinder, S. Landschneider, rührte in ihrer Aufgabe, -tie Aufführung verdiente allerdings mehr Anerkennung und Beifall, als das Publikum nach den ersten beiden Akten spendete; umso wohlverdienter war derselbe am Schluß, den die Herren Professor Dr. Beier, Ebrl und die Darsteller freudig hinnehmen konnten.

.Georg Otto Kahse.