Nummer 247.
1. Jahrgang
Kasseler Abeaüreitunz
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Hessische Abendzeitung
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Her Schwank von Agadir.
Am Vorabend der „Marokko-Verständigung".
Nun darf man mählich sich der Gänsehaut entwöhnen: Das Marokkospiel geht zu Ende und hellhörige Börsenleute, die die Sorgenfalten der Berliner Wilhelmstraße klug zu deuten wissen, haben uns gestern erzählt, in zwei bis dres Tagen würden die Herren Kider- len und Cambon sich vergnügt die Hände schütteln und gegenseitig sich zu dem unterhaltsamen Stückchen Arbeit, das nun beendet, beglückwünschen. Das alles ist einigermaßen überraschend gekommen, unvermittelt und ohne alle die sonst üblichen Präliminarien, die uns den lieber« gang vom Wetterschlag zum Sonnenglanz (und umgekehrt) bisher so stimmungsvoll erleichterten. Vor zwei Tagen tauchten die Offiziösen der Wilhelmstraße und des Quay d'Orsay ihre müden Federn noch in die Tinte düstrer Hoffnungslosigkeit; bis zum Spätabend des scheidenden Sommers erzitterte hüben und drüben der Geldmarkt unter der Wucht einer aus dem Marokko-Wirrwarr herausgewachsnen wilden Wirtschaftspanik, und nun (gewissermaßen zwischen Abend und Morgen) künden die vordem so finstern Mienen eitel Fröhlichkeit, erzählt Herr von Kiderlen dankbar lauschenden Burg- straßen-Münnern, daß der Stein der Weisen endlich entdeckt sei, und flüstert Monsieur Caillaux emsigen Reportern ins Ohr, Cambon habe in Berlin das Turnier gewonnen: Frankreich habe erreicht, was es ersehnte! Wie gesagt: Das Glück ist zu rasch gekommen, und Das, was uns jetzt nach den durchhärmten Sorgenwochen des Septembermonds im muntern Plauderton erzählt wird, ist „fast zu schön, um wahr zu fein".
Es ist aber wirklich wahr, und wenn die Berliner Wilhelmstraße der Segnungen frommer Einfalt sich nicht rühmen würde, müßten am Pariser Quai d'Orsay die Pflastersteine sich erheben und Cambons Ruhm mit lauter Stimme künden. Die Formulierung des Marokko-Statuts, das Frankreich im Maurenland politische Freiheit garantiert und sein Protektorat über Muley Hafids Reich in aller Form anerkennt, macht Cambons list'ger Diplomatenkunst alle Ehre, und er darf auch den Ruhm in Anspruch nehmen, das an den östlichen Nachbar zu gewährende Aequivalent auf ein Minimum des früher verlangten Werts reduziert zu haben. Daß uns in Marokko (mit allen übrigen Staaten) volle wirtschaftliche Gleichberechtigung zugestanden wird, ist löblich, bedeutet aber angesichts des Kiderlen'schen Kraftaufwands nicht sonderlich viel, und die territorialen Kompensationen bringen uns nach dem Urteil ernster Sachverständiger mehr Sorgen als praktische Vorteile. In der französischen Presse hat zwar überlauter Chauvinistenlärm die „Amputation" beklagt, die „Frankreich am eignen Leibe vornehme", aber wer näher zusah, mußte merken, daß man in Paris grade die deutsche Forderung territorialer Kompensationen am wenigsten tragisch genommen hat. Eine endgültige Verständigung darüber ist bisher auch nicht erzielt (ein Beweis, w i e wenig die Frage im Vordergrund der Berliner Plaudex- stunden gestanden hat); nachdem man indessen über die „grundlegenden" Punkte der Vereinbarungen ins Reine gekommen ist, wird die Nebensrage des afrikanischen Sand- und Sumpfgeschenks sicher die Gemüter nicht mehr erhitzen.
j Daß es so gekommen ist, entspricht gewissermaßen der „historischen Entwicklung": Die Politik des friedliebenden Zuschauers im Prozeß der „friedlichen Durchdringung" Marokkos durch Frankreichs Gold und Frankreichs Schwert war uns durch des ersten und des inerten Kanzlers Prinzip und Wort in aller Form aufgenötigt, und wenn in der Polttik euch lediglich der Grundsatz Geltung hat, daß ine Aw eckmäßigkeit die Taktik bestimmt: Sine Regierung, die ernst genomemn sein will, stmn nicht heut verdammen, was sie gestern 'eierlich zum Prinzip erhoben hat, noch weni- Jer aber aus formgerechten Verzichten Rechte rnd Ansprüche herleiten, die nach Belieben an iinem Tag freundlichen Zufalls munter geltend zemacht werden können (und Bismarck und Bülow haben nie ein Hehl daraus gemacht, Laß ihnen der fernste Kraal im Kaffernland «her am Herzen lag wie die Sehnsucht nach Marokkanischer Gütergemeinschaft mit Frankreich). Zu beklagen bleibt lediglich, daß im Marokko-Handel abermals die „Politik der zroßen Geste" zu grauer Enttäuschung geführt hat, und zu einer Niederlage, die selbst durch die rauschenden Dithyramben offiziöser Schönfärber nicht mehr bemäntelt werden kann. Erreicht ist imgrunde nichts: Das Bißchen „Kompensation" sieht (bei Licht betrachtet) fast wie der Trostpreis eines unterlegenen Champions
aus, und die moralische Einbuße und der V e rlnst an Presti ge, die wir durch die „Rückwärtskonzentration" der Wilhelm- straßenpolitik im Ansehen der Welt erlitten haben, können nicht durch Zehntausend« von Quadratmeilen afrikanischer Erde wett gemacht werden. Kiderlens Debüt begann mit der Heldenpose und endet in einer billigen Sch wank-Pointe: Und darum der Lärm und die Sorge von drei langen, gewitterschwülen Sommermonden!
Als der erste Kahn nach Agadir dampfte, erklärte man im Kreis unsrer starken Männer, Frankreichs Vormarsch in Marokko qualifiziere sich als frevelnde Durchbrechung der Akte von Algeciras, gefährde im Norden des schwarzen Erdteils die völkerrechtlichen Garantien und zwinge Deutschland zu entschlossner Intervention. Wenn's so war: Schön; ein Reich, das jeden Augenblick fünf Millionen kriegsbereiter Truppen in die Wagschale des Weltgeschicks werfen und auch zur See seinen Mann stellen kann, braucht nicht untätig zuzuschauen, wenn der Nachbar sich widerrechtlich Machtzuwachs erlistet. So dachte man im Land, als Herr Alfred von Kiderlen-Waechter im norddeutschallgemeinen Kanzlerblatt erzählen ließ, warum der „Panther" den Kurs nach Agadir genommen hatte. Die Reichsregierung hat aus Tausenden von Stimmen vernommen, daß die Gesamtheit des Volks hinter ihr stand, als das Marokko-Abenteuer einmal zur deutschen Macht- und Ansehensfrage geworden war: Als der „Panther" an Marokkos Küste Anker warf, waren die rechtlichen und ethischen Erwägungen über die hastig eingeleitete Aktion durch die Tatsache des Geschehens ausgeschaltet und es handelte sich nur noch darum, das begonnene Werk in einer Form zum Abschluß zu bringen, die de? schneidigen Auftakts würdig war, sei's selbst um höchsten Preis! Daß dies nicht geschehen, daß trotz des Kriegslärms langer Wochen der kreißende Berg nur ein armseliges Mäuslein geboren hat, daß (nach dem Tag von Wilhelmshöhe) die zur National- und Ehrensrage gcwordne Aktion wie ein komplizierter Kuhhandel betrieben worden ist und englische Drohungen deutsche Kraft zum Erlahmen bringen konnten: Das ist' s, was wir. betrauern! Wenn über den Marokko-Schwank neunzehnhundeetelf einmal die Archive sprechen dürfen, wird man staunend sehen, welche Zwerge hinter den Kulissen gestanden haben ...! F. H.
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„Unter allen Amstandsn...!"
(Eigene Drahtmeldung.)
Wie uns aus Berlin gemeldet wird, stattete der französische Botschafter Cambon gestern abend dem englischen Botschafter einen Besuch ab und hatte eine längere Unterredung mit ihm. Es ist sehr wahrscheinlich, daß Herr Cambon seinem englischen Kollegen Mitteilung von dem glücklichen Abschluß deS auf Marokko bezüglichen Teiles der Verhandlungen gemacht hat. Mitteilungen von unterrichteter Seite zufolge ist die plötzliche, ruhige und vertrauenerweckende Sprache der französtfchen Presse daraus zu erklären, daß Deutschland erneute Zugeständnisse gemacht hat und auch in der Frage der Kompensationen in außerordentlich bescheidenen Grenzen geblieben ist. Man will Frankreich den Beweis geben, daß man deutscherseits unter allen Umständen die Marokkoftage aus der Welt schassen will, wodurch eine größere Stabilität in die gesamte europäische Polittk komme und gegenüber der Hetzarbeit des Auslandes den Franzosen die ausgefprocheneFriedensliebe der Deutschen demonstriert werde.
Stolypin im Grabe.
Die gestrige Beisetzung in Kiew.
Gestern fand in Kiew die Beerdigung Stolypins statt. Dem Trauerzuge folgten viele hohe Beamten und Würdenträger. An dem Grabe wurden über dreihundert Kränze niedergelegt. Bei der Witwe Stolypins sind in den beiden letzten Tagen über dreitausend Kondulenztele- gramme eingegangen. Fast die gesamte Bevölkerung Kiews beteiligte sich am Trauerzuge.
Wie uns Depeschen ans Kiew melden, war der Zudrang zu den Sttaßen, durch die der Leichenzug seinen Weg nahm, ungeheuer. Tas Krankenhaus, in dem Stolypin gestorben war, war in ein einziges Trauerhaus umgewandelt worden. Der Sarg mit der irdischen HMe ruhte auf einem Katafalk. Der Trauerzug wurde durch hohe Geistliche und Chorknaben eröffnet, dann kamen die Witwe und
der Bruder des Verstorbenen. Hinter dem Sarge wurden auf einem Kissen der Wladimirorden, sowie verschiedene andere hohe Ehrenabzeichen Stolypins getragen. Schutzmannschaf- ten und Militär bildeten Spalier. In Petersburg fand gestern nachmittag in der Wohnung zweier englischer Korrespondenten eine Haussuchung statt, bet der verschiedene Papiere befchlagnahmt wurden. Die Engländer haben eine Protestnote bet ihrem Botschafter eingereicht. Der Mörder Bagrow wurde gestern nach Petersburg transportiert. Vorher wurde er nochmals einem Verhör unterzogen, um sämtliche Einzelheiten des Attentats sestzustellen. Heute tritt das Kriegsgericht, das über den Mörder das Urteil fällen wird, zusammen. Wie verlautet, hat Bagrow brieflich aus seinem Festungskerker den Behörden sensationelle Enthüllungen versprochen, wenn ihm das Leben geschenkt würde.
bin Augenzeuge des Attentats.
(Von unferm Korrespondenten.)
Neber das Attentat auf Stolypin gibt ein Mitglied des Berliner Schneevogt- Orchesters eine Schilderung, die erheblich a b w e i ch t von den amtlichen Nachrichten, die auch vermuten läßt, daß an Stelle Stolypins ebenso der Zar selbst hätte das Opfer des Anfchlags werden können. Die Schilderung spricht auch von dem befonbem Mut des Attentäters Bagrow und steht in krassem Wider- fpruch zu den Nachrichten, daß Bagrow nach dem Attentat zu fliehen versucht habe. Unser Berliner Korrespondent teilt uns aus der Schilderung des Augenzeugen folgende Einzelheiten mit:
cS3 Berlin, 22. September.
Wie der Zeuge des Attentats erzählt, erschien an dem verhängnisvollen Abend kurz nach halb neun Uhr der Zar in Begleitung der Zarin, Stolypins und zahlreicher Mitglieder der Hofgesellschaft im Theater. Nur „Gutgesinnte" hatten Einlaßkarten zu dieser Vorstellung erhalten, und die polizeiliche Kontrolle wurde äußerst streng gehandhabt. Neben dem Zaren saß der Ministerpräsident (bisher hieß es immer, Stolypin habe in der Loge vis-a-vis gesessen). Der Zar folgte mit Freundlichkeit und offenbar in sehr guter Laune dem Spiel. Glücklich war der erste und zweite Akt zu Ende gegangen. Da knallte mitten in den Beifall hinein ein kurzer, peitschenknallartiger, scharfer Schutz: Hoch aufgerichtet stand in einer von der Zaren- loge ziemlich entfernten Loge ein Junger Mann, einen Revolver in der Hand des ausge- streckten Arms. (Bisher hieß es immer, Stolypin fei ans nächster Nähe und außerhalb der Loge erschossen worden.) Eine lautlose Stille trat ein. Alles bekreuzigte sich. Stolypin war zu Boden gesunken. Der Zar erhob sich, beugte sich zu dem Verletzten nieder und sprach einige Worte und verließ sodann die Loge. (Das ist ganz neu, denn bisher sollte der Zar erst später dazugekommen fein.) In diesem Augenblicke er- rönten die Worte des Attentäters: „Ich bin e s gewesen. Hier bin ich!" durch die Stille. Eine unbeschreibliche Verwirrung folgte: Der Attentäter war der einzige unter all den Menschen, der ruhig blieb. Stolz und gerade aufgerichtet erwartete er seine Verhaftung. Die Kosaken der zarischen Leibwache stürzten auf ihn zu, nebst einigen Männern aus dem Publikum. Blutend führte man ihn ab. Bagrow, ein Rechtsanwaltsgehilfe, hatte keinen Fluchtversuch unternommen. Dann erfolgte eine sofortige Absperrung. Die Musiker des Theater-Orchesters, da? wieder durch Mitglieder des Schneevogtorchesters verstärtt worden war, wurden nur einzeln entlassen. Hierbei wurde der Bläser Berger durch den Säbelhieb eines Kosaken verletzt, weil er sich zu früh von feinem Platze begeben wollte.
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Petersburg, 22. Septbr. (Eigene Drahtmeldung.) Es kann nach den neuesten Feststellungen keinem Zweifel mehr unterliegen, daß das Attentat aus Stolypin taffäch- lich durch die Schuld der Polizei veranlaßt worden ist. Die Regierung hat infolgedessen eine scharfe Ueberwachung der politischen Polizei ongenrdnet. Der aus Kiew verfchwnndene Polizeichef K u l j a b k o ist noch nicht wieder zurückgekehrt. Man nimmt an, daß er, da er stark kompromittiert war, ins Ausland geflüchtet ist.
Die Worre dM Emden.
Steaphard und Altwood: Englische Offiziere?
Wie aus Emden berichtet wird, sollen die beiden dort unter dem Verdacht der Spionage verhasteten Engländer englische Infante- rieofsiziere sein, doch glaub: man, daß beide bald wieder freiaefofien werden.
Im Hasen von Delfzyl liegt eine englische Segeljacht Orato. Ob dies mit der Angelegenheit in Zusammenhang zu bringen ist, ist unbekannt. Gestern mittag sind die beiden Verhafteten abermals dem Amtsgericht zur Vernehmung vorgeführt worden. Gestern nachmittag ist der Staatsanwalt von Aurich in Emden ein» getroffen, der die Verhandlungen führen wird. Ein Telegramm unsers Korrespondenten berichtet uns weiter von heute früh:
§ Emden, 22. September.
Die beiden verhafteten Engländer wurden gestern nachmittag nochmals einem Verhör unterzogen. Sie haben jetzt zugegeben, daß sie Steaphard und Altw o od heißen und Infauterieo ssiziere aus London sind. Ihre Jacht befände sich in Delfzyl. Hierauf wurden sogleich mehrere Torpedoboote nach der Emsmündung abgesandt, um die Jacht, die unter norwegischer Flagge segelt, beim Auslaufen abzufange«. Ein Vertreter vom Kriegsministerium traf bereits gestern abend aus Berlin in Emden ein.
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Leutnant Busses Spritztour.
(Eigene Drahtmeldung.)
Ans Swinemünde wird uns in Ergänzung unserer gestrigen Meldung über die dort erfolgte Verhaftung des Stettiner Pionier-Leutnants Busse depeschiert: Der am Mittwoch abend hier verhaftete Leutnant Buffe vom zweiten pommerschen Pionierbataillon ist nicht wegen Sptonageverdacht verhaftet worden. Busse verbrachte seinen Urlaub hier und führte ein flotte» Leden. Kurz vor Antritt seines Urlaubs hatte ihm sein Bataillonskommandeur wegen seiner Lebensweise Vorwürse gemacht. Por vierzehn Tagen erhielt er ein Telegramm, als er sich gerade auf einer Reunion befand, das ihn nach Stettin zurückrief. Am andern Tage erschien er aber wieder in Swinemünde und sagte seinen Freunden, daß er mit seinem Kommandeur nur eine Rücksprache über technische Fragen gehabt habe, und daß seine Finanzen in kurzer Zeit geordnet sein würden, da er eine retdje Dame zu heiraten gedenke. MS sein Urlaub zu Ende war, kehrte Busse aber nicht in feine Garnison zurück. Nach einigen Tagen kamen verschiedene seiner Kameraden nach Swinemünde, um ihn aufzufordern, nach Stettin znrückzukehren, damit die Folgen für ihn nicht zu groß seien. Er nahm jedoch diele Warnung auf die leichte Schulter und kehrte nicht nach Stettin zurück, worauf er dann am Mittwoch abend verhaftet wurde. Der Franzose, mit dem Busse verkehtte, hat mit der Angelegenheit nichts zu tun, er ist deutscher Staatsangehöriger und Redakteur der in Konstantinopel in deutscher Sprache erscheinenden Zeitung „Osmanischer Lloyd",
Las Brama Don Metzerling. Frau Tofeüi über Kronprinz Rudolfs Ende, (Telegraphische Meldungen.)
Die Memoiren-Veröffentlichung der früheren Kronprinzessin von Sachsen im „Matin" a zn Ende, und in ihrem letzten Kapitel be- tigt sich Frau Toselli mit dem blutigen Drama von Meyerling, das Oesterreich-Ungarn den Thronerben raubte. Frau Toselli erzählt: Was ich von der furchtbaren Tragödie weiß, ist mir von meinem V a- t e r gefaßt worden, der einer der wenigen gewesen ist, die genau wissen, was in jener schrecklichen Nacht vor sich gegangen ist. Es war am dreißigsten Januar 1889, und wir kehrten gerade vom Schlittschuhlaufen zurück, als wir den ganzen Palast in Aufregung sanden über ein Telegramm an meinen Vater: „Rudolf ist getötet worden." Durch diese Nachricht schon außer Fassung gebracht, wurde unser Schrecken noch vergrößert durch die Meldung: „Der Kronprinz hat Selbstmord begangen." Mein Vater reiste augenblicklich zum Kaiser nach Wien. Als er einige Tage später zurückkehrte, vertraute er mir an, was ihm der Diener Rudolfs, der die Leiche seines öerrn nach Wien übergeführt hatte, berichtet hatte. Es fcheint, daß die Jagdgäste am Abend jenes verhängnisvollen Tages im Verlauf eines äußerst fröhlichen Diners ziemlich getrunken hatten. Der Diener hörte viel Geräusch, kümmerte sich aber erst dann darum, als
Stöhnen im Treppenhaus
-seine Aufmerksamkeit erregte. Er öffnete die Tür und sah, wie man den Kronprinzen, der voller Blut war, in das erste Stockwerk brachte. Als die Träger den Diener bemerkten, hießen sie ibn auf sein Zimmer gehen, bis man ihn rufe. Etwas später wurde er,geholt und er ging zum Prinzen, der, auf fein Bett hingestreckt, mehrere Stunden lang ohne Bewußtsein blieb. Rudolf war, als mein Varer in Wien ankam, kaum acht Stunden tot. Mein Vater betrat das Sterbezimmer in der Hofburg und sah voller Schrecken, daß der Schädel des Kronprinzen zer- schmetterl war, und daß Glassplitter in len Wunden stecken geblieben waren. Das Gesicht war unerkennbar, und es te f r 1 ev an