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Kasseler Abendzeitung Hessische Abendzeitung
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Freitag, dem 22. September 1911. >-»-
Russischer öumtzs.
Sensationelle Enthüllungen über die Vorgeschichte des Attentats auf Stolypin.
Der Mann, den Bagrows Mörderkugel aus dem Glanz des Lebens herausriß, ruht noch nicht im Grabe, und schon verdüstert Rußlands Trauer um den Verlust eines seiner Ehrlichsten die niederschmetternde Erkenntnis russischer Schuld und russischer Korruption, in deren Sündenbuch auch der Name Peter Arkadjewitsch Stolypin als der des letzten Opfers eingeschrieben ist. Die skandalösen Begleitumstände des Attentats ließen von vornherein keinen Zweisel daran aufkommen, daß Stolypin nicht von der Kugel eines fanatischen Verschwörers, sondern von dem Geschoß eines gedungenen Mörders zu Boden gestreckt worden sei, und wenn auch in den Tagen erster Verwirrung die Aufhellung des Kiewer Verbrechens in seinen Motiven und Absichten nicht überzeugend genug möglich war, so ist im Reich des Zaren doch heut Niemand mehr im Unklaren darüber, wer imgrunde die Schuld am tragischen Ende Stolypins trägt. Die Polizei-Korruption, die in Rußland Meere von Blut vergoffen, unzählige Menschenleben vernichtet, und Tausende dem Elend und dem Verderben ausgeliefert hat: Sie scheint auch die intellektuelle Urheberin des Dramas von Kiew zu sein; dieselbe Polizei-Korruption, die durch die Verbündung mit dem Verbrechen das Verbrechen bekämpfen will und durch die Bundesgenossenschast mit dem Abschaum der Menschheit s e l b st in den Abgrund des Verbrechens hinabgeriffen worden ist. Es ist westeuropäischem Empfinden unfaßbar, wenn man in einem Telegramm aus Petersburg liest, daß der Chef der Kiewer Geheimpolizei, der vielgenannte und vielberüchtigte General K u l j a b k o , sämtlichen politischen Häftlingen des Kiewer Kerkers das Angebot unterbreitet habe, als ... Spitzel in die Dien st e der Polizei zu treten. Diejenigen der Gefangenen, die sich weigerten, dem Verlangen des Gewaltigen zu entsprechen, ließ Kuljabko vorführcn und zwang sie unter Drohungen, sich seiner 'Forderung zu unterwerfen. Die Polizei von Kiew „arbeitet" also mit einem Spitzelheer, das dieselbe Polizei wegen Vergehens gegen die bestehenden Gesetze in Hast nahm. Der Fall Bagrow hat bewiesen, welche Früchte aus diesem Sumpf polizeilicher Willkür und polizeilicher Korruption aufsprießen. Die ganze Größe der Verkommenheit russischer Polizeiwirtschast wird aber erst offenbar, wenn man hört, was man sich in ernsten Petersburger Gesellschaftskreisen über die Beziehungen der Kiewer Polizei zum Attentat auf Stolypin erzählt. Es wird uns darüber berichtet:
$ Petersburg, 21. September. (Telegramm unseres Korrespondenten.) In hiesigen, gut unterrichteten Kreisen wird ein Gerücht kolportiert, das (wenn sich die angeführten Details bewahrheiten sollten) sen sationelle Wirkungen haben müßte. Danach hat der Chef der Kiewer Ochrana, Kuljabko, von dem Anschlag auf Stolypin vorher gewußt; er soll sogar diesen Anschlag durch seine Agents provocateurs vorbereitet haben, um ihn dann zn verhindern und für sich als „tüchtigen Beamten" Lorbeeren zu sammeln. Daß B a g r ow, der diesen in Szene gesetzten Anschlag mit verhindern sollte, hierbei feine ursprünglich revolutionäre Gesinnung wieder offenbarte: Das ist eben die Ironie des Schickfals, die hier ein Opfer forderte. Selbst wenn diefe Lesart des Anschlags unrichtig oder zu rektifizieren fein follte, so spielt dennoch Kuljahko bei dem Attentat unter allen Umständen eine sehr fragwürdige Rolle. Nachdem der Chef der Kiewer Ochrana nämlich vom Amt suspendiert war, meldeten sich nach einer amtlichen Benachrichtigung aus Kiew einige Untergebene, die aussagten, daß am Vorabend des Anschlags ein Geheimpolizist längere Zeit im Arbeitszimmer verweilte, um sich dann in diesem zu erschießen. Die Leiche dieses Selbstmörders hat der Polizei chef beiseite gebracht. Man nimmt nun an, daß der Polizeichef den fpäten Befuch veranlaßte, das Attentat auf Stolypin auszuführen, daß der Beamte eS aber lieber vorzog, feinem Leben ein Ende zu machen, als Kuljabko drohte, er werde ihn vernichten. Höchst verdächtig für den Polizeichef ist es autfi, daß er nach dem Anschlag versuchte, den verhafteten Bagrow in seinen Besitz zu bekommen, wobei er angab, er gehöre als Beamter feines Refforts als Untersuchungsge- fangencr in feine Gewalt. Es ist ein Glück für den Attentäter, daß dies nicht geschah, denn man gibt sich keiner Täuschung darüber bin.
daß Kuljabko es verstanden haben würde, alle Spuren seines mißglückten ehrgeizigen Planes zu beseitigen und Bagrow als gewöhnlichen „Verschwörer" zu brandmarken.
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bin neuer Anschlag geplant? (Privat-Telegramm.)
Aus Petersburg wird uns weiter berichtet: Gestern nachmittag ging ein Sonderzug mit Würdenträgern und Dumnabgeordne- ten nach Kiew zur Beerdigung Stolypins ab. Am Bahnhof in Wilna wurde während der Durchreise mehrerer Großfürsten ein elegant gekleideter junger Mann, der große Erregung zeigte, verhaftet. Der Unbekannte wurde durchsucht. Man fand bei ihm einen geladenen Revolver und einen Dolch. Er verweigerte die Nennung seines Namens. Man glaubt, einem neuen Anschlag auf der Spur zu sein. Es sind große Vorsichtsmaßregeln getroffen worden, um U n- ruhenzuverbindern. In den Straßen von Kiew patrouilliert Militär. Die Stadt gewinnt allmählich ein normales Aussehen. Auf den Bahnhöfen herrscht aber noch ein Massenandrang. Eine Bande von dreißig Mann hat gestern einen jüdischen Studenten überfallen und ihm den Schädel eingeschlagen, sowie einem jüdischen Handlungsgehilfen den Bauch aufgeschlitzt. Ein anderer Handlungsgehilfe erlitt schwere Kopfverletzungen. Nachdem die Obduktion der Leiche Stolypins zweifelsfrei ergeben hat, daß die Verwundung unter allen Umständen zum Tode führen mußte, hat der Staatsanwalt die Anklage gegen Bagrow wegen Mordes, erhoben. Die kriegsgerichtliche Verhandlung gegen den Mörder wird in den ersten Tagen der nächsten Woche stattfinden. Am S a r g.e D t o l v p i n ? wurden gestern Hunderte von Kränzen und Blumenspenden niedergelegt. Um zwei Uhr nachmittags erfolgte unter der Teilnahme der ganzen Stadtgeistlichkeit, aller Behörden und Schulen die Ueberführung der Leiche nach der Lawra-Kirche auf dem Petscheresk-Kirchhof. Seit Mittwoch nachmittag ist der Chef der Kiewer Ochrana, General Kuljabko, verfchwunden Sein Berfchwindcn wird mit den fchweren Anklagen gegen Kuljabko in Verbindung gebracht, nach denen er der eigentliche Urheber des Attentats gegen Stolypin ge- wefenfeinfoll. *
Tenoristeu-Plane.
(Telegraphische Meldung.)
Wie Depeschen aus Stockholm zu berichten wissen, war der Anschlag auf den Ministerpräsidenten Stolypin der erste terrori- stische.Akt nach dem Zusammenschluß der russischen sozialen Revolutionäre mit den finnischen Terroristen, mit dem eine Reihe von Anschlägen, die angeblich für die nächsten beiden Jahre geplant waren, eröffnet werden soll. Ter Gouverneur von Helsingfors hat dem Senat eine Vorlage unterbreitet, wonach sofort alle Uebungen der Jugendwehr eingestellt und deren Organifation aufgelöst werden soll. Rach Meldungen aus Petersburg hat die Untersuchung gegen Bagrow ergeben, daß gegen das gesamte jetzige Ministerium ein großes Komplott besteht. Ter Gehilfe Stolypins und der Leiter der rufsischen politischen Polizei sind stark kompromitttert.
Dampfer-Katastrophe im Kanal.
Zusammenstoß zwischen den Dampfern „Olymvie" und „Hawke".
Der englifche Kreuzer „H a w k e" stieß mit dem neuen Riefendampfer der White Star-Line, „Olympic", der gestern früh von Southampton nach Rewyork abgegangen war, vor Osborne bei der Insel Wight zusammen. „Olympie", der dreitausend Menschen an Bord hatte, wurde stark beschädigt und nahm eine große Menge Wasser auf, wurde aber durch die wasserdichten Schotten gerettet. Auch „Hawke" ist stark beschädigt. Ein Privat-Telegramm aus London berichtet uns über den Zusammenstoß der beiden Dampfer folgende Einzelheiten: Der „Olympic", der von dem Kreuzer „Hawke" schwer angerannt wurde, erhielt ein gefährliches Leck über und unter der Wasserlinie. Die Lecks wurden sofort verschlossen, doch stürzten sehr große Wassermengen in das Schiff- so daß es sich a u f d i e S e i t e legte. Auch der Kreuzer Hawke wurde schwer beschädigt, hielt sich aber über Wasser und konnte mit eigenem Dampf nach Portsmouth gelangen. Der Olympic wurde mit einem Schleppdampfer nach dem Hafen zurückgeschleppt und hier mußten die dreitauieud Pas
sagiere wieder an Land gehen. Zuerst glaubte man, daß der Olympic ans Ufer gefahren werden müsse, um ibn zu retten; doch gelang es seinen mächtigen Pumpen, ibn schwimmend zu erhalten, so daß er von schleunigst herbeigeeilten Schleppdampfern nach dem Hafen zurückgeschleppt werden konnte. Es ist noch zweifelhaft, wie die Passagiere nach Amerika befördert werden können, da augenblicklich kein anderer transatlantischer Dampfer freisteht. Der Olympic hatte über dreitausend Passagiere an Bord, darunter etwa stebenhundertsünfzig Salonpassagiere. Viele hervorragende Persönlichkeiten befanden sich darunter; unter andern der amerikanische Botschafter in Japan und zwanzig der bekannte- sten amerikanischen Multimillionäre, deren Gesamtvermögen auf zwei Milliarden Mark geschätzt wird. Der Olympic hat bereits zehn Meter hock Wasser gezogen, doch hofft man, daß es gelingen wird, ihn über Wasser zu halten. Im Augenblick des Zusammenstoßes bemächtigte sich der Passagiere eine furchtbare Panik, jedoch gelang es den Offizieren und der Besatzung, die Passagiere allmäblich zu beruhigen, so daß die Ausschiffung in geordneter Weise vorgenommen werden konnte.
HoffmmgFos derfMm?
Hinter den Kulissen der Wilhelmstraße.
Von unterrichteter Seite wird uns zu den letzten Vorgängen in unsrer auswärtigen Politik geschrieben: Sicherem Vernehmen nach hat Herr von Kiderlen-Waech- ter sich nicht damit begnügt, in der „Norddeutschen" die „befriedigende" Erledigung des Falles Cartwright ftstzustellen: Er hat gesprächsweise sogar einen „Erfolg" unsres Auswärtigen Amtes in dieser Sache konstruiert. Nämlich: Cartwright hat erst Deutschland beschimpft, dann aber „gekniffen" ... also ein „moralischer" Sieg auf unserer Seite Was Herrn Cartwright mit seinem wei-rN. Gewissen nicht .'stört, weitert gegen uns zu arbeiten. Ein rührender Erfolg! Jetzt wissen wir aber, daß auch in de.n Marokko- Verhandlungen die gleiche Art von „Erfolgen" uns wintt, daß in der Wilhelmstraße unverändert das alte System herrscht, jede diplomatische Schlappe ergeben hinzunehmen, wenn sich nur Jsurnalisten und Parlamentarier finden, bi'? immer noch einen „Erfolg" unserer Diplomatie daraus zusammenzustoppeln wissen. Die Wilhelmstraße s e l b st hat uns genug Bcweismatcrial dafür an die Hand gegeben, daß siezuzehnZehntelnvonLondou zurückgewiesen ist (trotzdem die starken türkischen Truppenansammlungen in Tripolis eben jetzt eine so wirksame Flankenbedrohung Aegyptens abgeben würden), und zu neu »Zehnteln von Paris. Was Cambon gestern gefordert, erschien in unserer offiziösen Presse morgen als „erfolgreich durchgeführte Forderung" Kider- lens! Auch der ganze Kompensations-Gedanke ist ein von Paris ausgeworfener Köder! Will man zum Beispiel in der Wilhelmstraße leugnen, daß man sich erst nach der mittelbaren Pariser Anregung die literarischen Materialien zum Studium des französischen Kongo hat kommen lassen, an den man vorher kaum im Traum gedacht? Um Antwort wird aebeten! Hoffnungslos verfahren ist'der ganze Marokko-Karren, und die Wilhelmsiraße hat nur noch eine Sorge: Zum Gespött Europas durch Presse und Parlament die schwersten Schlappen in diplomatische „Erfolge" umdeuten zu lassen! Das ist das Fazit: Kümmerlich, betrübend und beschämend!
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Noch fünf Tage Geduld!
(Privat-Telegramm.'»
Aus Paris wird uns berichtet: In hiesigen unterrichteten Kreisen rechnet man auf eine etwa fünftägige Dauer der Schlußberatungen über Marokko, so daß Mitte nächster Woche die Diskussion über die Kongoabgrenzung sowie über eine etwaige Ueberlaffung französischer Gesellschaften beginnen könnte. Man erkennt an leitender Stelle an, daß Deutschland bisher jeder Versuchung widerstand, aus den französisch- spanischen Differenzen politischen Nutzen zu ziehen und hält sich überzeugt, daß Deutschland fein Nichtinteressiertsein in Marokko auch künftighin auf die spanischem Einfluß unterstellt gewesenen Gebiete ausdehnen werde.
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6ine Mauuesmauu Farm beschaffen.
(Privat-Telegramm.)
Ein Telegramm unsres Korrespondenten meldet uns aus Köln: Die im Hinterlande von Sassi, an der Karawanenstraße nach Ma- rakesch (Marokko) gelegene Mannesmannfarm Krakra wurde, nach einer Meldung der Kölnischen Zeitung, in der Nacht zum Dienstag angegriffen. Auf der Farm befand sich einer der Brüder Mannesmann und sechs andere Deutsche. Das Gehöft und das aus sieben Zelten bestehende Lager der Deut
schen wurden längere Zeit beschossen. An der Abwehr des Angriffes beteiligten sich die Deutschen mit eingeborenen Farmarbeitern. Es gelang ihnen auch nach längerem Kampfe, die Angreifer zurückzuschlagen. Aus deutscher Seite wurde niemand verletzt. Die Verluste auf gegnerischer Seite sind unbekannt.
3m Kampf mit der Revolution.
Der deutsche Konsul in Sevilla bedroht.
Die Lage in Spanien scheint sich einb germaßen gebessert zu haben. Wie uns ein Privat-Telegramm aus Madrid meldet, äußerte sich Ministerpräsident (Safta„ l.ejas um Mitternacht über den Stand der Dinge wie folgt: In Saragossa ist der Streik beendet. In Bilbao dauert er fort, jedoch befinden sich sämtliche öffentlichen Betriebe in Sicherheit. In Corrunna dauert der Generalstreik an, mit Ausschluß der öffentlichen Betriebe. In A z u r r a ist die Lage normal. In den Dörfern um Valenzia ist die Ordnung wieder hergestellt. Vierhundert organisierte und bewaffnete Anarchisten versuchen die Bevölkerung aufzureizen und die Eisenbahnlinien zu sabotieren. Sie wurden gestern aber auseinandergetrieben und werden standrechtlich bestraft werden. Diese vierhundert Mann sind die einzige bewaffnete Bande in Spanien. In Madrid steht ein Buchdruckerstreik bevor. Die Absichten aller übrigen Korporationen sind unklar. Der Direktor des Streikkomitees, dessen Mitglieder meist Sozialisten sind, wurde verhaftet. Schlimmere Nachrichten kommen dagegen aus Sevilla:
c5P Madrid, 21. September.
(Eigene Drahtmeldung.)
In Sevilla wurde gestern nachmittag der deutsche Konsul von einem Bolkshaufen angegriffen und konnte sich erst Platz verschaffen, als er feinen Revolver zog. Bolizei und Gendarmerie waren verschiedentlich gezwungen, gegen den Mob vorzugehen, wobei es auf beiden Seiten zu Verwundungen kam.
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Sie Verhaftungen dauern fort!
(Privat-Telegramm.)
Den neuesten Depeschen aus Madrid zu- folge dauern in B a rcelona die Verhaftungen fort. Die Polizei will einen Attentatsplan gegen den General-Kapitän W e y l e r aufgedeckt haben. Viele der Verhafteten waren im Besitze von französischen Zwanzig-Francs-Stücken. Im Hafen von Corrunna liegen mehrere Ueberseedampfer, die infolge des Ausstandes keine Kohlen einneh- men konnten. In Badajoz wurde ein portugiesischer Revolutionär verhaftet, in dessen Besitz kompromittierende Dokumente gefunden wurden. Die Polizei verfolgte einige aus Catalonien eingetroffene Revolutionäre, die zum Generalstreik aufforderten. Der Premier-Minister hatte gestern abend eine lange Unterredung mit dem Kö- n i g. Der König hat die geplante Reise nach San Sebastian, woselbst sich die Königin noch befindet, bis auf weiteres aufgegeben.
$et Mainzer Polizeiprozeß.
Aus der Praxis einer Polizei-Assistentin.
(Bericht unseres Korrespondenten.)
Mainz, 21. September.
Die gestrige Verhandlung im Prozeß der Mainzer Polizei-Assistentin Frau S ch a p i r o begann mit dem Aufmarsch von über hundert Zeimen und Zeuginnen. In bunter Reihe treten Personen aller Stände in den Sitzungssaal: Offiziere aller Waffengattungen, darunter ein nach Mainz abkommandierter Türke, Aerzte, Rechtsanwälte, Studenten, Beamte und junge Mädchen bis zu dem erst aus der Schule entlassenen Backfisch herab. Zunächst wird die Vernehmung der Frau Schapiro zu Ende geführt. Sie bestreitet entschieden, jemals in eine Wirtschaft als angebliche Kellnerin gekommen zu fein, um ungestört „Beobachtungen" machen zu können, auch habe sie sich nie im Intimen Theater als Schauspielerin anwerben lassen; es müßten da Verwechslun- gen mit anderen Damen vorliegen, die sich ihres Namens und ihrer Stellung bedient hätten. Zeuge Oberbürgermeister Dr. Göttel- mann- Mainz spendet der Tätigkeit der Polizeiassistentin höchstes Lob. Sie fei eine überaus gewissenhafte Dame und keine Ausschnüfflerin, der es etwa Spaß mache, aus pathologischen Gründen den Mädchen nachzugehen. Der Tätigkeitsbericht der Polizeiassistentin fei eine
Fundgrube für olle Soziologen, Politiker, Polizeivorstände und Stadtverwaltungen. Er enthalte ja viele diskrete Dinge, aber schließlich könnte man auch aus den ernstesten Werken Schmutzereien heraus-