Einzelbild herunterladen
 

«Die ttaffeler Neuesten Nachrichten erscheinen wöchentlich sechsmal und zwar abends. Ter Abonnementsprets betrögt monatlich 50 Bfz. bei freier Zustellung ins Haus. Bestellungen werden jederzeit von der Geschäftsstelle oder den Boten entgegengenommen. Druckerei. Verlag und RedaMon: Schl-chthosstraße 28/30. Sprechstunden der Redaktion von 12-3 Uhr nach, mittags, juristische Sprechstunden für unsere Abonnenten Mittwochs und Sonnabends von 68 Ilhr abends. Berliner Vertretung! SW.. Friedrichstraße 16. Telephon: Amt IV, 676.

Jnserttonspreife: Die sechsgespaltene Zeile füt einheimische Geschäfte 15 Psg., für aus- wärtige Inserate 25 Pf., Reklamezeile für einheimische Geschäfte 40 Pf für auswärtige Geschäfte 60 Pf. Beilagen für die Gesamtauflage werden mit 4 Mark pro Tausend be- rechnet. Wegen ihrer dichten Verbreitung in der Residenz und der Umgebung sind die Lasseler Neuesten Nachrichten ein vorzügliches Jnfertionsorgan Geschäftsstelle: Kölnische Straße 5. Berliner Vertretung: SW.. Friedrichstraße 16, Telephon: Amt IV, 676.

CchklklMUsteMchMen

Kasseler Abendzeitung Hessische Abendzeitung

Fernsprecher 951 und 952.

Freitag, dem 22. September 1911. >-»-

Russischer öumtzs.

Sensationelle Enthüllungen über die Vor­geschichte des Attentats auf Stolypin.

Der Mann, den Bagrows Mörderkugel aus dem Glanz des Lebens herausriß, ruht noch nicht im Grabe, und schon verdüstert Rußlands Trauer um den Verlust eines seiner Ehrlichsten die niederschmetternde Erkenntnis russischer Schuld und russischer Korruption, in deren Sündenbuch auch der Name Peter Arkadjewitsch Stolypin als der des letzten Opfers eingeschrieben ist. Die skandalösen Be­gleitumstände des Attentats ließen von vorn­herein keinen Zweisel daran aufkommen, daß Stolypin nicht von der Kugel eines fanatischen Verschwörers, sondern von dem Geschoß eines gedungenen Mörders zu Boden ge­streckt worden sei, und wenn auch in den Ta­gen erster Verwirrung die Aufhellung des Kiewer Verbrechens in seinen Motiven und Absichten nicht überzeugend genug möglich war, so ist im Reich des Zaren doch heut Niemand mehr im Unklaren darüber, wer imgrunde die Schuld am tragischen Ende Stolypins trägt. Die Polizei-Korruption, die in Ruß­land Meere von Blut vergoffen, unzählige Menschenleben vernichtet, und Tausende dem Elend und dem Verderben ausgeliefert hat: Sie scheint auch die intellektuelle Urheberin des Dramas von Kiew zu sein; dieselbe Poli­zei-Korruption, die durch die Verbündung mit dem Verbrechen das Verbrechen bekämpfen will und durch die Bundesgenossenschast mit dem Abschaum der Menschheit s e l b st in den Ab­grund des Verbrechens hinabgeriffen worden ist. Es ist westeuropäischem Empfinden unfaß­bar, wenn man in einem Telegramm aus Pe­tersburg liest, daß der Chef der Kiewer Ge­heimpolizei, der vielgenannte und vielberüch­tigte General K u l j a b k o , sämtlichen politi­schen Häftlingen des Kiewer Kerkers das Ange­bot unterbreitet habe, als ... Spitzel in die Dien st e der Polizei zu treten. Die­jenigen der Gefangenen, die sich weigerten, dem Verlangen des Gewaltigen zu entsprechen, ließ Kuljabko vorführcn und zwang sie unter Dro­hungen, sich seiner 'Forderung zu unterwer­fen. Die Polizei von Kiewarbeitet" also mit einem Spitzelheer, das dieselbe Polizei we­gen Vergehens gegen die bestehenden Gesetze in Hast nahm. Der Fall Bagrow hat bewiesen, welche Früchte aus diesem Sumpf polizeilicher Willkür und polizeilicher Korruption aufsprie­ßen. Die ganze Größe der Verkommenheit russischer Polizeiwirtschast wird aber erst offen­bar, wenn man hört, was man sich in ernsten Petersburger Gesellschaftskreisen über die Be­ziehungen der Kiewer Polizei zum At­tentat auf Stolypin erzählt. Es wird uns darüber berichtet:

$ Petersburg, 21. September. (Telegramm unseres Korrespondenten.) In hiesigen, gut unterrichteten Kreisen wird ein Gerücht kolportiert, das (wenn sich die an­geführten Details bewahrheiten sollten) sen sationelle Wirkungen haben müßte. Danach hat der Chef der Kiewer Ochrana, Kuljabko, von dem Anschlag auf Stolypin vor­her gewußt; er soll sogar diesen Anschlag durch seine Agents provocateurs vorberei­tet haben, um ihn dann zn verhindern und für sich alstüchtigen Beamten" Lorbeeren zu sammeln. Daß B a g r ow, der diesen in Szene gesetzten Anschlag mit verhindern sollte, hierbei feine ursprünglich revolutionäre Gesin­nung wieder offenbarte: Das ist eben die Iro­nie des Schickfals, die hier ein Opfer forderte. Selbst wenn diefe Lesart des Anschlags unrich­tig oder zu rektifizieren fein follte, so spielt den­noch Kuljahko bei dem Attentat unter allen Umständen eine sehr fragwürdige Rolle. Nach­dem der Chef der Kiewer Ochrana nämlich vom Amt suspendiert war, meldeten sich nach einer amtlichen Benachrichtigung aus Kiew einige Untergebene, die aussagten, daß am Vor­abend des Anschlags ein Geheimpolizist längere Zeit im Arbeitszimmer ver­weilte, um sich dann in diesem zu erschie­ßen. Die Leiche dieses Selbstmörders hat der Polizei chef beiseite gebracht. Man nimmt nun an, daß der Polizeichef den fpäten Befuch ver­anlaßte, das Attentat auf Stolypin auszuführen, daß der Beamte eS aber lieber vorzog, feinem Leben ein Ende zu machen, als Kuljabko drohte, er werde ihn vernichten. Höchst verdächtig für den Polizeichef ist es autfi, daß er nach dem Anschlag versuchte, den ver­hafteten Bagrow in seinen Besitz zu bekommen, wobei er angab, er gehöre als Beamter feines Refforts als Untersuchungsge- fangencr in feine Gewalt. Es ist ein Glück für den Attentäter, daß dies nicht geschah, denn man gibt sich keiner Täuschung darüber bin.

daß Kuljabko es verstanden haben würde, alle Spuren seines mißglückten ehrgeizigen Planes zu beseitigen und Bagrow als gewöhn­lichenVerschwörer" zu brandmarken.

*

bin neuer Anschlag geplant? (Privat-Telegramm.)

Aus Petersburg wird uns weiter be­richtet: Gestern nachmittag ging ein Sonder­zug mit Würdenträgern und Dumnabgeordne- ten nach Kiew zur Beerdigung Stolypins ab. Am Bahnhof in Wilna wurde während der Durchreise mehrerer Großfürsten ein elegant gekleideter junger Mann, der große Erregung zeigte, verhaftet. Der Unbe­kannte wurde durchsucht. Man fand bei ihm einen geladenen Revolver und einen Dolch. Er verweigerte die Nennung seines Namens. Man glaubt, einem neuen An­schlag auf der Spur zu sein. Es sind große Vorsichtsmaßregeln getroffen worden, um U n- ruhenzuverbindern. In den Straßen von Kiew patrouilliert Militär. Die Stadt gewinnt allmählich ein normales Aussehen. Auf den Bahnhöfen herrscht aber noch ein Mas­senandrang. Eine Bande von dreißig Mann hat gestern einen jüdischen Studenten überfallen und ihm den Schädel einge­schlagen, sowie einem jüdischen Handlungsge­hilfen den Bauch aufgeschlitzt. Ein anderer Handlungsgehilfe erlitt schwere Kopfverletzun­gen. Nachdem die Obduktion der Leiche Sto­lypins zweifelsfrei ergeben hat, daß die Ver­wundung unter allen Umständen zum Tode führen mußte, hat der Staatsanwalt die An­klage gegen Bagrow wegen Mordes, er­hoben. Die kriegsgerichtliche Verhandlung gegen den Mörder wird in den ersten Tagen der nächsten Woche stattfinden. Am S a r g.e D t o l v p i n ? wurden gestern Hunderte von Kränzen und Blumenspenden niedergelegt. Um zwei Uhr nachmittags er­folgte unter der Teilnahme der ganzen Stadt­geistlichkeit, aller Behörden und Schulen die Ueberführung der Leiche nach der Lawra-Kirche auf dem Petscheresk-Kirchhof. Seit Mittwoch nachmittag ist der Chef der Kiewer Ochrana, General Kuljabko, verfchwunden Sein Berfchwindcn wird mit den fchweren An­klagen gegen Kuljabko in Verbindung gebracht, nach denen er der eigentliche Urheber des Attentats gegen Stolypin ge- wefenfeinfoll. *

Tenoristeu-Plane.

(Telegraphische Meldung.)

Wie Depeschen aus Stockholm zu be­richten wissen, war der Anschlag auf den Mini­sterpräsidenten Stolypin der erste terrori- stische.Akt nach dem Zusammenschluß der russischen sozialen Revolutionäre mit den fin­nischen Terroristen, mit dem eine Reihe von Anschlägen, die angeblich für die nächsten beiden Jahre geplant waren, eröffnet werden soll. Ter Gouverneur von Helsingfors hat dem Senat eine Vorlage unterbreitet, wonach sofort alle Uebungen der Jugendwehr einge­stellt und deren Organifation aufgelöst wer­den soll. Rach Meldungen aus Peters­burg hat die Untersuchung gegen Bagrow er­geben, daß gegen das gesamte jetzige Ministerium ein großes Komplott besteht. Ter Gehilfe Stolypins und der Leiter der rufsischen politischen Polizei sind stark kompromitttert.

Dampfer-Katastrophe im Kanal.

Zusammenstoß zwischen den Dampfern Olymvie" undHawke".

Der englifche KreuzerH a w k e" stieß mit dem neuen Riefendampfer der White Star-Line,Olympic", der gestern früh von Southampton nach Rewyork abgegan­gen war, vor Osborne bei der Insel Wight zusammen.Olympie", der dreitausend Menschen an Bord hatte, wurde stark beschädigt und nahm eine große Menge Wasser auf, wurde aber durch die wasserdichten Schotten ge­rettet. AuchHawke" ist stark beschädigt. Ein Privat-Telegramm aus Lon­don berichtet uns über den Zusammenstoß der beiden Dampfer folgende Einzelheiten: Der Olympic", der von dem KreuzerHawke" schwer angerannt wurde, erhielt ein gefähr­liches Leck über und unter der Wasserlinie. Die Lecks wurden sofort verschlossen, doch stürz­ten sehr große Wassermengen in das Schiff- so daß es sich a u f d i e S e i t e legte. Auch der Kreuzer Hawke wurde schwer beschädigt, hielt sich aber über Wasser und konnte mit eigenem Dampf nach Portsmouth gelangen. Der Olympic wurde mit einem Schleppdampfer nach dem Hafen zurückge­schleppt und hier mußten die dreitauieud Pas­

sagiere wieder an Land gehen. Zuerst glaubte man, daß der Olympic ans Ufer gefahren werden müsse, um ibn zu retten; doch gelang es seinen mächtigen Pumpen, ibn schwimmend zu erhalten, so daß er von schleunigst herbei­geeilten Schleppdampfern nach dem Hafen zu­rückgeschleppt werden konnte. Es ist noch zwei­felhaft, wie die Passagiere nach Amerika beför­dert werden können, da augenblicklich kein an­derer transatlantischer Dampfer freisteht. Der Olympic hatte über dreitausend Passagiere an Bord, darunter etwa stebenhundertsünfzig Sa­lonpassagiere. Viele hervorragende Persönlichkeiten befanden sich darunter; unter andern der amerikanische Botschafter in Japan und zwanzig der bekannte- sten amerikanischen Multimillio­näre, deren Gesamtvermögen auf zwei Mil­liarden Mark geschätzt wird. Der Olympic hat bereits zehn Meter hock Wasser gezogen, doch hofft man, daß es gelingen wird, ihn über Wasser zu halten. Im Augenblick des Zusam­menstoßes bemächtigte sich der Passagiere eine furchtbare Panik, jedoch gelang es den Offizieren und der Besatzung, die Passagiere allmäblich zu beruhigen, so daß die Ausschif­fung in geordneter Weise vorgenommen wer­den konnte.

HoffmmgFos derfMm?

Hinter den Kulissen der Wilhelmstraße.

Von unterrichteter Seite wird uns zu den letzten Vorgängen in unsrer aus­wärtigen Politik geschrieben: Sicherem Vernehmen nach hat Herr von Kiderlen-Waech- ter sich nicht damit begnügt, in derNorddeut­schen" diebefriedigende" Erledigung des Falles Cartwright ftstzustellen: Er hat gesprächsweise sogar einenErfolg" unsres Auswärtigen Amtes in dieser Sache konstruiert. Nämlich: Cartwright hat erst Deutschland beschimpft, dann abergekniffen" ... also einmoralischer" Sieg auf unserer Seite Was Herrn Cartwright mit seinem wei-rN. Gewissen nicht .'stört, weitert gegen uns zu arbeiten. Ein rührender Erfolg! Jetzt wissen wir aber, daß auch in de.n Marokko- Verhandlungen die gleiche Art vonEr­folgen" uns wintt, daß in der Wilhelmstraße unverändert das alte System herrscht, jede diplomatische Schlappe ergeben hinzunehmen, wenn sich nur Jsurnalisten und Parlamentarier finden, bi'? immer noch einenErfolg" unserer Diplomatie daraus zusammenzustoppeln wis­sen. Die Wilhelmstraße s e l b st hat uns genug Bcweismatcrial dafür an die Hand gegeben, daß siezuzehnZehntelnvonLondou zurückgewiesen ist (trotzdem die starken türkischen Truppenansammlungen in Tripolis eben jetzt eine so wirksame Flankenbe­drohung Aegyptens abgeben würden), und zu neu »Zehnteln von Paris. Was Cambon gestern gefordert, erschien in unserer offiziösen Presse morgen als erfolgreich durchgeführte Forderung" Kider- lens! Auch der ganze Kompensations-Gedanke ist ein von Paris ausgeworfener Köder! Will man zum Beispiel in der Wilhelmstraße leug­nen, daß man sich erst nach der mittelbaren Pariser Anregung die literarischen Ma­terialien zum Studium des französischen Kongo hat kommen lassen, an den man vorher kaum im Traum gedacht? Um Antwort wird aebeten! Hoffnungslos verfahren ist'der ganze Marokko-Karren, und die Wilhelmsiraße hat nur noch eine Sorge: Zum Gespött Europas durch Presse und Parlament die schwersten Schlappen in diplomatischeErfolge" umdeuten zu lassen! Das ist das Fazit: Küm­merlich, betrübend und beschämend!

*

Noch fünf Tage Geduld!

(Privat-Telegramm.'»

Aus Paris wird uns berichtet: In hie­sigen unterrichteten Kreisen rechnet man auf eine etwa fünftägige Dauer der Schlußberatungen über Marokko, so daß Mitte nächster Woche die Diskussion über die Kongoabgrenzung sowie über eine etwaige Ueberlaffung französischer Gesellschaften begin­nen könnte. Man erkennt an leitender Stelle an, daß Deutschland bisher jeder Versu­chung widerstand, aus den französisch- spanischen Differenzen politischen Nut­zen zu ziehen und hält sich überzeugt, daß Deutschland fein Nichtinteressiertsein in Ma­rokko auch künftighin auf die spanischem Ein­fluß unterstellt gewesenen Gebiete ausdehnen werde.

*

6ine Mauuesmauu Farm beschaffen.

(Privat-Telegramm.)

Ein Telegramm unsres Korrespondenten meldet uns aus Köln: Die im Hinterlande von Sassi, an der Karawanenstraße nach Ma- rakesch (Marokko) gelegene Mannesmann­farm Krakra wurde, nach einer Meldung der Kölnischen Zeitung, in der Nacht zum Dienstag angegriffen. Auf der Farm befand sich einer der Brüder Mannesmann und sechs andere Deutsche. Das Gehöft und das aus sieben Zelten bestehende Lager der Deut­

schen wurden längere Zeit beschossen. An der Abwehr des Angriffes beteiligten sich die Deutschen mit eingeborenen Farmarbeitern. Es gelang ihnen auch nach längerem Kampfe, die Angreifer zurückzuschlagen. Aus deutscher Seite wurde niemand verletzt. Die Verluste auf gegnerischer Seite sind unbekannt.

3m Kampf mit der Revolution.

Der deutsche Konsul in Sevilla bedroht.

Die Lage in Spanien scheint sich einb germaßen gebessert zu haben. Wie uns ein Privat-Telegramm aus Madrid meldet, äußerte sich Ministerpräsident (Safta l.ejas um Mitternacht über den Stand der Dinge wie folgt: In Saragossa ist der Streik beendet. In Bilbao dauert er fort, jedoch befinden sich sämtliche öffentlichen Be­triebe in Sicherheit. In Corrunna dauert der Generalstreik an, mit Ausschluß der öffent­lichen Betriebe. In A z u r r a ist die Lage normal. In den Dörfern um Valenzia ist die Ordnung wieder hergestellt. Vierhundert or­ganisierte und bewaffnete Anarchisten versuchen die Bevölkerung aufzureizen und die Eisenbahnlinien zu sabotieren. Sie wurden gestern aber auseinandergetrieben und werden standrechtlich bestraft werden. Diese vierhundert Mann sind die einzige bewaffnete Bande in Spanien. In Madrid steht ein Buchdruckerstreik bevor. Die Absichten aller übrigen Korporationen sind unklar. Der Di­rektor des Streikkomitees, dessen Mitglieder meist Sozialisten sind, wurde verhaftet. Schlimmere Nachrichten kommen dagegen aus Sevilla:

c5P Madrid, 21. September.

(Eigene Drahtmeldung.)

In Sevilla wurde gestern nachmit­tag der deutsche Konsul von einem Bolkshaufen angegriffen und konnte sich erst Platz verschaffen, als er feinen Revolver zog. Bolizei und Gendar­merie waren verschiedentlich gezwungen, gegen den Mob vorzugehen, wobei es auf beiden Seiten zu Verwundungen kam.

*

Sie Verhaftungen dauern fort!

(Privat-Telegramm.)

Den neuesten Depeschen aus Madrid zu- folge dauern in B a rcelona die Verhaf­tungen fort. Die Polizei will einen At­tentatsplan gegen den General-Kapitän W e y l e r aufgedeckt haben. Viele der Ver­hafteten waren im Besitze von französischen Zwanzig-Francs-Stücken. Im Hafen von Corrunna liegen mehrere Ueberseedampfer, die infolge des Ausstandes keine Kohlen einneh- men konnten. In Badajoz wurde ein portu­giesischer Revolutionär verhaftet, in dessen Besitz kompromittierende Do­kumente gefunden wurden. Die Polizei ver­folgte einige aus Catalonien eingetroffene Re­volutionäre, die zum Generalstreik aufforder­ten. Der Premier-Minister hatte gestern abend eine lange Unterredung mit dem- n i g. Der König hat die geplante Reise nach San Sebastian, woselbst sich die Königin noch befindet, bis auf weiteres aufgegeben.

$et Mainzer Polizeiprozeß.

Aus der Praxis einer Polizei-Assistentin.

(Bericht unseres Korrespondenten.)

Mainz, 21. September.

Die gestrige Verhandlung im Prozeß der Mainzer Polizei-Assistentin Frau S ch a p i r o begann mit dem Aufmarsch von über hundert Zeimen und Zeuginnen. In bun­ter Reihe treten Personen aller Stände in den Sitzungssaal: Offiziere aller Waffengattungen, darunter ein nach Mainz abkommandierter Türke, Aerzte, Rechtsanwälte, Studenten, Be­amte und junge Mädchen bis zu dem erst aus der Schule entlassenen Backfisch herab. Zunächst wird die Vernehmung der Frau Schapiro zu Ende geführt. Sie bestreitet entschieden, je­mals in eine Wirtschaft als angebliche Kellne­rin gekommen zu fein, um ungestörtBeobach­tungen" machen zu können, auch habe sie sich nie im Intimen Theater als Schauspielerin anwerben lassen; es müßten da Verwechslun- gen mit anderen Damen vorliegen, die sich ihres Namens und ihrer Stellung bedient hät­ten. Zeuge Oberbürgermeister Dr. Göttel- mann- Mainz spendet der Tätigkeit der Poli­zeiassistentin höchstes Lob. Sie fei eine überaus gewissenhafte Dame und keine Ausschnüfflerin, der es etwa Spaß mache, aus pathologischen Gründen den Mädchen nachzugehen. Der Tä­tigkeitsbericht der Polizeiassistentin fei eine

Fundgrube für olle Soziologen, Politiker, Polizeivorstände und Stadtverwal­tungen. Er enthalte ja viele diskrete Dinge, aber schließlich könnte man auch aus den ernstesten Werken Schmutzereien heraus-