Nr. 245. — 1. Jahrgang
er dann fein Opfer erwartete. Iran Müller ift von ihrem Mörder sofort beim Betreten der Küche mit einem furchtbaren Schlag auf den Schädel emm'angen worden, der sie jedenfalls für Augenbllü: betäubt hat. Als sie dann wieder zur Beiinnung kam, har sie mit dem Verbrecher verzweifelt gerungen, der daraufhin mit einem Dolchmefier blindlings auf die am Boden Liegende eingestochen hat.
Fünf Stiche in der Halsgegcnd und zahlreiche andere tiefe Stichverletzungen wurden an der furchtbar entstellten Leiche konstatiert. Außerdem war die linke Halsschlagader durchschnitten, die Luftröhre verletzt und das linke Auge a u s g e st o ch e n. Auch wies die Frau am Kopfe tic|c Beulen auf, die anscheinend von Schlägen auf den Kopf herrühren. Nach dem Befund der Leiche scheint &.'r Tod, der infolge Verblutung herbeigeführt wurde, zwischen halb zehn und zehn Uhr vormittags emge.reten zu jein. Nach der Ausführung des Verbrechens hat der Mörder seine blutbefleckten Hände zuerst an dem Vorhang des Küchenfensters abgetrocknet, ist dann in das Schlafzimmer gegangen, hat sich im Waschbecken Wasser geholt, und sich Gesicht, Hände und Kleider vom Blut gereinigt. Erft dann hat er sich an die Ausraubung der Wohnung heran gemacht, aus der er alle Wertsachen, Ringe, Uhren und Ketten und etwa hundert Mark Bargeld mitgenommen hat. Ein Sparkassenbuch, das in der Kommode lag, hat der Mörder klu- gertoeife nicht an sich genommen, da es leicht hätte zum Verräter werden können. Daß er es aber in der Hand gehabt hat, beweist die Tatsache, daß das Buch nicht mehr an seinem gewöhnlichen Platz lag. Alle Begleitumstände des Verbrechens deuten daraus hin, daß der Mörder
mit Kaltblütigkeit und Raffinement
die Tat ausgesührt hat: Die genaue Kenntnis der Gewohnheiten der unglücklichen Frau und die bei der Ausführung des Verbrechens und bei der Flucht bewiesene Ortskunde läßt darauf schließen, daß der Mord von langer Hand vorbereitet gewesen ist. Vielleicht hat der Mörder auch Helfershelfer gehabt, die ihn in der Ausführung des Verbrechens unterstützten. Die erste Annahme, daß als Täter nach Lage der Sache nur ein Ortseingesessener oder ein naher Bekannter der Familie in Frage lommen könne, ist inzwischen durch mancherlei Anzeichen teilweise entkräftet worden; daß in- oessen der Mörder mit den Gewohnheiten der Müllerschen Eheleute genau vertraut gewesen sein muß, beweist die Tatsache, daß er eine Kassette, in der er die Wertsachen des Ehepaares vermutete, mit einem Schlüssel öffnete, den er der Tasche der Frau Müller entnommen hatte. Zu der Kassette waren zwei Schlüssel vorhanden, von denen einen der Ehemann, den andern die Frau in Verwahrung hatte. Eine zweite Spur führt (im Gegensatz zu dem Verdacht hinsichtlich des Handwerks- burschen) wieder in die Verwandtschaft der Ermordeten. Ein Bruder der Frau Müller, der sich bisher in Nauheim aufgehalten hat, soll von dort verschwunden und gestern i n Cassel ge s eh e n worden- sein. Inwieweit dieser Umstand mit dem Mord verbrechen in Zusammenhang zu bringen ist, wird erst die weitere Untersuchung des Falles ergeben müssen.
Die ermordete Frau Müller, deren Verwandte zumteil in Cassel wohnen, stand erst im dreiundzwanzigsten Lebensjahre und war seit zwei Jahren verheiratet. Das Ehepaar, dessen Ehe die denkbar glücklichste war, lebte in geordneten Verhältnissen. Auch mit ihren Verwandten lebte Frau Müller in bester Uebereinstimmung, und es ist deshalb auch fast unfaßbar, daß der Verbrecher unter den Angehörigen der unglücklichen Frau zu fuchen sein könnte. Infolge des Versagens des Polizeihundes am Schauplatz der Tat ist die frische Spur des Verbrechers leider verloren gegangen, wodurch die weitern Ermittelungen in der Angelegenheit naturge-
Casseler Neueste Nachrichten
Donnerstag, 21. September 1S11
mäß stark erschwert werden. Daß der Polizeihund die Spur des Mörders nicht scstzustellen vermochte, ist wahrscheinlich daraus zurückzu- siihren, daß der Verbrecher, der bei der Ausführung der Tar mit aller Vorsicht zu Werke gegangen ist. nach dem Morde die Schuhe gewechselt hat. um die Spur zu verwischen. Auf dem weißen Fenstervorhand, an dem sich der Mörder nach der Bluttat die Hände abgc- trodne; aat, haben die Blu,'puren das deutliche P r 'o s i l b i l d einer menschlichen Gestalt hinterlassen. Hoffentlich gelingt es den Bemühungen der Polizei bald, das Dunkel des furchtbaren Verbrechens, das seit fünfundzwanzig Jahren der erste Raubmord in Cassel ist. zu lichten und den Mörder zur Rechenschaft zu ziehen. Im Anzeigenteil der heutigen Nummer veröffentlicht die Uutersuchuugsbehörde das Verzeichnis derjenigen Gegenstände, die am Schauplatz der Tat geraubt worden sind. **
Wieder auf dem toten Punkt?
Marokkosorgen und kein Ende.
Aus Berlin wird uns depeschiert: Die Nachricht, daß in den Marokkoverhandlungen noch weite Differenzen bestehen, hat hier ungemein überrascht, da die letzten Aenße- rungen von offiziöser deutscher Seite einer optimistischen Auffassung Raum gaben. Verschiedentlich wird sogar der Ansicht Ausdruck gegeben, daß die Verhandlungen allem Anscheine nach wieder aus dem toten Punkt a n « c l a n g t sind. Die sonst recht gemäßigte „Vossische Zeitung" schreibt heute: Angesichts der beiden offiziösen Veröffentlichungen kann man sich einer unbehaglichen Empfindung nicht erwehren; sie stellen Anrufungen der öffentlichen Meinung, nicht nur der beiden unmittelbar beteiligten Nationen, sondern der ganzen Welt, dar, Anrufungen, die in letzter Linie den Zweck haben, die Verantwortung für ein etwaiges Scheitern der Verhandlungen von vornherein der Gegenpartei zuzuschieben. Das sind ungewöhnliche Mittel, zu denen Diplomaten nur in ungewöhnlicher Situation greifen. Anderseits wird aus Paris berichtet, daß die Verhandlungen bereits -greifbare Resultate ergeben hatten. Ein Privat-Telegranm meldet uns:
P Paris, 20. September.
Dem Matin zufolge ist nunmehr in Berlin folgendes vereinbart worden: Frankreichs politische Freiheit in Marokko wird anerkannt; Deutschland wird in Marokko vollständige wirtschaftliche Gleichheit zugesichert. Zu erledigen bleiben noch folgende Punkte: Die Forderung Frankreichs, daß die Mächte künftighin darauf verzichten, in Marokko Schutzgenoffen zu haben, die Abschaffung der Konsulat-Agenturen und die Kongo-Kompensationen.
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Ein weiteres Privat-Telegramm meldet uns: Die Vertagung der Kiderlen- scheu Antwortnote erregt hier mehr Hoffnung als Besorgnis, gestehen doch heute selbst bu kolonialparteilichen Zeitungen zu, dast ein ge- wiffer Optimismus der Berliner Prrffe infolge der in allerjüngfter Zeit erreichten Verständigung über bedeutsame Teile des Marokko-Statuts gerechtfertigt sei. Es wird hinzugefügt, dast bezüglich der wirtschaftlichen Angelegenheiten eine volle Einigung bevorstehe
Sie PolM Des Sages.
tS3 Der Flottenverein an das deutsche Volk. Der Deutsche Flottenverein verbreitet einen „Aufruf an das deutsche Volk", in dem es unter anderm heißt: Der Deutsche Flottenverein hat in seiner diesjährigen Hauptversammlung einmütig beschlossen, auf den beschleunigten Bau der durch das Flottengesetz vorgesehenen Panzerkreuzer hinzu- wirken. Zum Schutze seiner natürlichen Le-
benSintereffen ist für Deutschland diese Beschleunigung unbedingt nötig. In welchem Maße dies der Fall ist, zeigt die heutige Weltlage in erschreckender Deutlichkeit. Die Mißgunst des Auslandes sucht die Entwicklung unserer Seemacht mit allen Kräften zu hintertreiben und schon einmal hat der patriotische Sinn unserer Volksvertretung solche Bestrebungen mit der debattenlosen. Annahme des Marinehaushalts beantwortet. Der neuen Herausforderung gegenüber darf kein Mittel unversucht bleiben, unsere eigenen Interessen sicher zu stellen und vor allem die gefährlichen Lücken im Bestände unserer Panzerkreuzer auszufüllen.
S3 Englische Spione in Emden? Ein Privattelegramm berichtet uns aus Emden: Gestern abend wurden von der hiesigen Kriminalpolizei im Außenhafen zwei Personen verhaftet, die den Verdacht der Beamten erregt hatten. Es soll sich um zwei englische Offiziere handeln, die auch ihre Namen angegeben haben sollen. In ihrem Besitz befand sich ein photographischer Apparat mit drei entwickelten Platten, die drei Ausnahmen vom Emdener Hafen aufwiesen. Apparat und Platten wurden beschlagnahmt.
cs3 Reichs-Kriegsminister von Aussenberg. Aus Wien wird uns depeschiert: Zum Nachfolger des mit dem heuttgen Tage zurücktre- teuden Reichskriegsministers von Schönaich ist der bisherige Kommandant des bosnischen Ar- meeekorps, L/eneral der Infanterie von Auffenberg ernannt worden. Er ist am zwei- undzwanzigsten Mai 1852 in Troppau als Sohn des damaligen Hofrats bei der fchlest- scheu Landesregierung, von Auffenberg, geboren. Mit neunzehn Jahren in den Dienst des Heeres eingetreten, hat er eine verhältnismäßig schnelle Laufbahn zurückgelegt: 1894 wurde er Oberst, 1900 Generalmajor, 1907 General der Infanterie und als solcher Kommandant der Korpsoffiziersschule des bosnischen Armeekorps. Kurze Zeit darauf erhielt er das Kommando dieses Grenzarmeekorps, was stets als eine besondere Auszeichnung angesehen wird. Auffenberg kommandierte das bosnische Armeekorps auch in der kritischen Zeit der Annexion Bosniens und der Herzegowina. Er gilt als ungemein tüchtiger Soldat und sehr befähigter Organisator.
S Frankreichs Unglücks-Marine. Wie uns aus Paris depeschiert wird, ist gestern in Brest ein Attentat auf das noch im Bau befindliche Panzers hiff „Scanne d' Arc" verübt worden. Trotz schärfster Bewachung des Schiffes durch bewaffnete Matrosen legten unbekannte Täter ein Stahlstück in die zur Montierung der Panzerplatten dienende Rollenbrücke. Als die Brücke nun in Bewegung gesetzt werden sollte, sprangdas Kammrad entzwei. Personen wurden glücklicherweise nicht verletzt. In Marinekreisen erregt das Attentat großes Aufsehen, da der Unfall mit der antimilitaristischen Propaganda in Zusammenhang gebracht wird.
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Der Milmersdorfer Magistrat beschloß. den Magistrat von Berlin zu bitten, die Gemeinden von Groß-Berlin demnächst zu einer Konferenz einzuladen, um über Maßnahmen gemeinsam zu beraten, welche zur Linderung der Lebensmittelteuerung zu ergreifen sind.
Ein Privattelegramm meldet uns aus Wien: Wie die Morgen-Blätter melden, ist der Zustand von drei Personen, die bei den Demonstrationen am Sonntag verletzt wurden, hoffnungslos. Acht weitere Schwerverletzte befinden sich noch in Pflege.
Neuer vom Tage.
(Depeschen der Caffeler Neuesten Nachrichtens xx Juwclenräuber in Hamburg. Für d r e i- b i g t a u । e n b Mark Juwelen sind ht der letzten Nacht in Hamburg in dem Juwelierladen von Burg im Graskeller gestohlen worden. Die nächtlichen Besucher gelangten durch Ceffncn von zwei nach der Straße zu liegenden Sicherheitsschlössern der Hauseinaangstür
zum Laden. Von den Einbrechern hat man keine Spur.
st Wieder einer! Der beim alten Bergarbeiterverband in Bochum angestellte Hilfskassenbeamte Kreitz ist nach Unterschlagung von 25 000 Mark, die er durch Scheck mit gefälschter Unterschrift erhoben hatte, flüchtig gegangen. Mau nimmt an, daß er sich mit einer Geliebten ins Ausland gewandt hat.
rtx Die Tat einer Mutter. Eine Arbeiterin in Viersen im Rheinland, die verhaftet worden war, nachdem man ihren sechsjährigen Knaben als Leiche aus einem Teich gezogen hatte, hat gestern eingestanden, daß sie mit dem Kinde freiwillig den Tod suchen wollte. Sie selbst habe sich dann aber später gerettet, während das Kind ertrank.
XX Ehre . . .! Depeschen aus Budapest zufolge wird zwischen dem Direktor der ungarischen Telegraphen-Korrespondenz, Hofrat Rado und dem Abgeordneten S i m o g h ein Pistolenduell stattfinden, '»er Abgeordnete hatte die Wahrheit einer von der ungarischen Telegraphen-Korrespondenz verbreiteten Nachricht altgezweifelt. Die Bedingungen sind dreißig Schritt Distanz, einmaliger Kugelwechsel bei fünf Schritt Avancierung.
XX Auf freiem Felde gestorben. Nach einer amtlichen Meldung wurde bei einem aus Preßburg nach Prelleukirchen in Niederösterreich zugewanderten Bäckergehilfen, der dort am sechzehnten September auf freiem Felde tot aufgefunden wurde, bakteriologisch Cholera festgestellt.
rrr Eisenbahn-Katastrophe in Frankreich. Infolge falscher Weichenstellung stieß gestern der Zug, der Von Agon n«f) Bordeaux f:i”’,t, auf dem Bahnhose in Gironde a»«en einen entgegenkommenden Güterzug. Drei Personen wurden schwer verletzt. Der Materialschaden ist sehr bedeutend. Eine ein« aehende Untersuchung wurde sofort eingeleitet.
iS Entfesselte Elemente. Die Gegend von Asti in Italien wurde von einem Wirbelsturm heimgesucht, der die berühmten Asti- pumantiweinberge verwüstete. Der Schaden wird auf eine Million Lire geschätzt. Es werden in allernächster Zeit weitere Stürme befiirchtet. So weit es möglich war, sind Gegenmaßregeln getroffen worden.
XX Die Cholera wütet fort. In den letzten vierundzwanzig Stunden sind in Konstan t i= nobel unter den Truppen dreiundvierztg Erkrankungen und elf Todesfälle an Cholera vorgekommen. Trotzdem alle möglichen Kräfte andauernd im Kampf gegen die Seuche in Tätigkeit sind, nimmt die Cholera immer bedenklichere Formen an.
xx Ein gefährlicher Empfang. Als gestern in Lodz eine Abteilung Schutzleute mit einem Offizier an der Spitze Vor einem Hause der Rzgorskistraße erschien, um dort eine Durchsuchung Vorzunehmen, wurde sie aus dem Innern des Gebäudes mit Revol- Verschüffen empfangen. Der Pförtner und ein Schutzmann wurden getötet, em Schutzmann schwer, der Offizier, ein Unteroffizier und ein Schutzmann leicht verletzt. Einer der Verbrecher wurde bei dem Versuche, über das Dach zu flüchten, getötet Zwei andre wurden festgenommen, die ubrtgen entkamen in der Dunkelheit.
Sas Neueste w Mei.
Die Landes-BerficherrnW-Nnstatt.
Aus dem soeben im Druck erschienenen 115 Druckseiten umfassenden Verwaltungsberichte der Landesversicherungs- anstalt der Provinz H ess en-N assau und des Fürstentums Waldeck für das zzahr 1910 interessiert zunächst neben der Bemerkung, daß zwischen Vorstand und Ausschuß im Berichtsjahre in allen Punkten das denkbar beste Einvernehmen geherrscht habe, die Vermehrung des Geschäftsumfangs, der zu einem großen Teile in der Zunahme der Zahl der Rentenempfänger seinen Grund Hai. Die Gesamtzahl der im Jahre 1910 zu erledigenden Briefschaften hat 207 184 betragen, das
Sie Kurzstunde in Cassel.
Eine Schöpfung moderner Pädagogik.
Sicherem Vernehmen nach wird beabsichtigt, in den höheren Schulen Cassels demnächst die söge- nannte Kurzstunde, das Durcharbeiten, einzusührcn, um die Schüler für den Nachmittag gänzlich frei zu machen. Die Lehrstunden sollen allgemein aus fünfundvierzig Minuten festgesetzt werden. Bei einem Schulbeginn um acht Uhr morgens würde man in diesem Falle mit Einschaltung von vier Pausen zu je zehn Minuten und einer Frühstückspause von zwanzig Minuten um hrlb zwei Uhr nachmittags sechs Lehrstunden bewältigt haben. In Frankfurt a. M. ist die Neuerung bereits eingesührk und hat sich anfs beste bewährt.
Von pädagogischer Seite wird uns dazu geschrieben: Endlich ist die Kurzstunde durch einen soeben ergangenen Erlaß des Kultusministers an allen höheren Schulen obligatorisch eingeführt worden. Jahre des Hin- und Herprobierens sind nötig gewesen. Im Juli 1907 noch rief ein Provinzlalfchnlrat auf einer Philologenversammlung, wo man die Kurzstunde aus hygienischen und erziehlichen und nicht zuletzt aus schultechnrschen Gründen dringend empfahl, unter dem Beifall einiger alter Herren aus: „Niemals wird sie 'eingesührt werden!" Und dennoch wurde sie an vielen Schulen versuchsweise zugekaflen. Man führte sie in großen Städten an sämtlichen Anstalten ein. Im Westen Preußens verhielt man sich aber doch noch ablehnend, weil die Schulbehörden immer wieder „Bedenken trugen" und manche Direktoren ihr pädagogisches Gewissen nicht belasten wollten gegenüber den Behauptungen, in K-urzstunden ließe sich das Schulpensum nicht bewältigen. Es hat sogar Pedanten gegeben, die herausgerechnet haben, daß durch die Kurzstunde während der neun Schuljahre einer höheren Schme ein ganzes Schuljahr an Unterrichtszeit verloren gehe.
Diese Bedenklichen aber sehen nicht ein, daß der ganze Unterrichtsbetrieb in der Neuzeit Viel intensiver geworden ist, als in der „guten alten Zeit", wo beispielsweise die Unterrichtsstunde, die etwa um neun Uhr beginnen sollte, durch allerlei unnötige Besprechungen, Untersuchungen und andere Tinge, die man ebenso gut zu anderer Zeit erledigen konnte, in Wahr
heit um neuneinviertel Uhr oder noch später begann. Bei dem heutigen Unterrichtsbetriebe ist nach fünfundvierzig Minuten jeder einzelne Achül.r und nicht zum wenigsten der gewisten- hafte Lehrer so abgespannt, daß jede weitere Minute Unterricht zwecklose Zeitvergeudung ist, die bester angewandt wird, wenn sie zur Erholung und Erfrischung der Schüler und Lehrer ausgenutzt wird, so daß die neue Stunde wieder mit frischen Kräften einsetzen kann. Doch auf daß dies alles überzeugend klar wurde, mußten die Frankfurter Merzte erst ihre Eingabe an den Kultusminister machen, in der sie bewiesen, daß Kurzstunden an den höheren Schulen eine dringende Notwendigkeit seien, wenn die Jugend durch lieber« bürdung nickt schwer geschädigt werden sollte. Nun har man endlich auf die Mahnungen gehört, und die preußische Unterrichtsverwaltung hat durch eine kategorische Verfügung alle „Bedenken" beseitigt.
Leider ist die Verfügung aber wieder eine halbe Maßregel geworden: Unbedingt zur Kurzstunde gehört der zusammengelegte Unterricht, ohne den die Kurzstunde einen großen Teil ihres Wertes verliert. Hier setzten nun die bedächtigen Seelen ein, denen der Wegfall des Nachmittagsunterrichtes nicht in den Sinn will, weil das früher auch nicht so war. Wie lange wird es nun wieder dauern, bis die Erwägungen so weit gediehen sind, daß eine neue Verfügung auch den Wegfall des Nackmittags- un:errichtes, also die Verlegung des gesamten wissenschaftlichen Unterrichtes auf den Vormittag, kategorisch anordnet? Die heutige Verfügung stellt das leider noch den Anstaltsleitern anheim, die in jedem Falle die Erlaubnis bei der vorgesetzten Behörde beantragen wüsten. Hoffentlich verbessert der Kultusminister seine heutige halbe Maßregel zu Oitern 1912 durch die ebenso kategorische neu:- Verfügung: Der obligatorische wissenschaftliche Unterricht an allen höheren Schulen Preußens fällt auf den Vormittag. Alle Nachmittage sind frei. Sie dienen zu Erteilung von wahlfreiem Unterricht, zur Erholung der Schüler, zu Spiel und Sport, zum Lernen der häuslichen Schnlaus- aaben und vor allem zur Pflege des deutschen
FamUienlebens und seines segensreichen Einflusses auf die Erziehung, besonders die Gemütsbildung unserer Jugend. 0. II.
Kleines Feuilleton.
-er, Die „Konigskinder" im Hoftheater. Arn Donnerstag gelangt im Hoftheater die Märchenoper von Engelbert Hurnperdingk, „Konigskinder", zur Aufführung. Beschäftigt sind die Damen: Erhard-Sedlmaier, Gates, Herper, von der Osten und die Herren: Bartram, Groß, Koegel, lllrici. Warbeck und Wuzöl. Dirigent der Oper ist Professor Dr. Beier. In Szene gesetzt wird das Werk Von Regisseur Ehrt.
-ab Die deutschen Schriftsteller. Der Deutsche Schriftstellervbrband, der gegenwärtig in Dresden tagt, wählte Viktor Blüthgen zum ersten Vorsitzenden. Für Paul Lindau und Dr. Janke wurden Oberstleutnant Dr. Pochhammer und Dr. Stark in den Vorstand gewählt. Die von Dr. Lorenz feit längerer Zeit gegen den Verband und den Vorstand erhobenen Angriffe wurden seitens des Herrn Bäckler energisch zurückgewiesen und eine Resolution angenommen, in der dem Vorstand vollstes Vertrauen ausgesprochen wird. Ferner wurde beschloßen, das in Jena zu errichtende Altersheim für deutsche Schriftsteller im nächsten Jahre in Angriff zu nehmen.
-er- Eine Musikerspende der Stadt Hamburg. Der Senat der Stadt Hamburg hat bei der Bürgerschaft beantragt, der Direktion des Hamburger Stadttheaters eine einmalige Zuwendung von 33069 Mark zu gewähren, die zur Schadloshaltung des Orchesters bestimmt ist, das während des Direktionswechsels im nächsten Jahre drei Monate lang ohne Beschäftigung sein wird.
Dessauer Premieren. Das Dessauer Hoftheater plant für die am ersten Oktober beginnende Spielzeit neben interessanten ersten Aufführungen (unter ihnen Richard Strauß' „Elektra") die Uraufführung von Joseph Reiters „Ich aber preise die Liebe" (Tert von M. Morold» und „D e j a - nira“ von Saint-Saöns als deutscke Uraufführung nach der im November stattfindenden
Premiere in der Pariser Großen Oper. Auch das Schauspiel stellt zahlreiche Neuhetten in Aussicht. Als Uraufführung werden neben anderem „Die Foscari" von Otto Rüdel in Szene gehen. , .
un-, Mikkelsens „Alabama" verloren! Ein Privattelegramm meldet uns aus Kopenhagen: Da bis jetzt hier noch lerne Nachricht eingetroffen ist, daß die „Alabama. das Schiff der Nordsee-Expedition Mikkelsens, in Baß Rock eingetroffen ist, mutz man annehmen, daß das Schiff verloren ist. Baß Rock ist eine Insel südöstlich von Grönland. Nach diesen Nachrichten ist also die Expeditton MMel- fens als gescheitert zu betrachten.
-rr. Tie „entführten" Schatze Salomons. Die Schätze Salomons sollen bekanntlich nach Berichten aus Jerusalem im letzten Frühjahr von englischen Ausgräbern, unter der altberühmten Omarmoschee gefunden und nach England entführt toorben fein. Jetzt be- oinnt die englische Wochenschrift „The Field" mit der Veröffentlichung des Berichts der englischen Archäologen, welche die geheimnisvollen Grabungen und Forschungen vorgenommen haben. Danach handelt es sich lediglich um Untersuchung der unterirdischen Wasser- leitungskanäle Jerusalems und Fest- ftettungen über die noch vorhandenen Reste der antiken Anlagen. Die Forschungen sollen viele neue und interessante Ausschlüsse geliefert haben.
Ki: c Notizen. Die in München lebende Tochter Lenbachs, Marion von 2 en« dach, wird sich in kurzem mit dem Grafen Ctto Bastelet de la Rosse, Oberleutnant und versonlicher Adjutant des Prinzen Georg von Bayern, vermählen. — Der Bürgerausschuß von Kufstein beschloß, dem Dichter Martin Greif, der bekanntlich im Kussteiner Krankenhaus gestorben ist, ein schlichtes Denkmal zu errichten. — Die zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts Von Dow Johann Six in R i o de Janairo gegründete Nationalbücherei ist niedergebrannt. Der Materialschaden beträgt zwanzig Millionen Mark. Zweitausend Mann sind arbeitslos. Viele wertvolle Archive. Berichte und Statistiken sind zerstört worden.