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Dienstag, den 19. September 1911
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Kasseler Bbendzeitmlg Hessische Abendzeitmig
KemdieRot am größten...!
Die Stimme des Gewissens.
Das offiziöse Kanzlerblatt der Berliner Wilhelmstraße hat in diesen Tagen die erfreute Botschaft verkündet, daß die Regierung der Teuerung und der Futternot im Laude ernsteste Aufmerksamkeit zuwende und rinschloffen sei, mit allen zur Verfügung stehen den Mitteln die bedenklichen Erscheinungen der schweren Zeit der Not zu bekämpfen. Beim Lesen der offiziösen Zeilen drängte sich auch dem Unbefangensten die Erinnerung an die (noch nicht lange der Vergangenheit angehö- renic) Zeit auf, da im Bereich der regierenden Amtsstube das Wort „Teuerung" verpönt, und die Wahrheit über die „Not im Land" geächtet war, und dies« Erinnerung wurde umso lebhafter, als man im Schlußabsatz der osfi- ziäsen Pronunziamientos den Seufzer vernahm, daß die durch ein elementares Ereignis heworgerufn« Not dazu benutzt werde, unsre Wirtschaftspolitik zu bekämpfen und die Regierung der mangelnden Rücksicht auf wichtige Volksinterefsen zu verdächtigen. „Wie wenig (hieß es da) unser wirtschaftspolitisches System für den gegenwärtigen Notstand ver- annvortlich gemacht werden kann, zeigt am besten die Tatsache, daß die Folgen der ungewöhnlichen Erscheinungen dieses Jahres sich mit gleicher oder größerer Härte auch da geltend machen, wo die Wirtschaftspolitik auf andrer Grundlage beruht ...!" Man darf hier das Wort anwenden, daß ein Entschuldigungsversuch unter Umständen zu einer Selbstanklage werden kann: In der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung hat die Sftmme des Gewissens gesprochen und diese Kundgabe ist charakteristisch für die Stelle, die den Drang spürte, Trost und Klage zu vermengen.
Zur Linderung der Futtcrnot sollen an die bedürftige Landwirtschaft Notstandskre- dite gewährt, Notstandstarife einge- führt und aus staatlichen Beständen billige Futtermittel zum Erzeugungspreis abgegeben werden: Alles Maßnahmen, die man im Interesse der durch die Sonrmerdürre schwer hcimgesuchten Landwirtschaft auf fteudigste begrüßt und vorbehaltlos als Ausfluß weiser Fürsorge würdigt. Staat und Reich haben ein weitreichendes, eignes Interesse daran, die f Schäden, die das Unheiljahr nennzehnhundert- elf dem nationalen Wirtschaftsleben zugefügt hat, beseitigen zu helfen und nach Lag« der Sache bedarf die Landwirtschaft zurzeit am dringendsten der Fürsorge: Ihre Lei- stzmgsfähigkeit ist in Frage gestellt, und bei der «»günstigen Wtrffchastslage namentlich der Mittlern und kleinen Landwirte könnte sich das Elementar-Ereignis leicht zur Katastrophe ver- Wimmern, deren Wirkungen die Landwirtschaft noch nach Jahren zu spüren haben würde. Tie Frage der Dringlichkeit staaflicher Hilfsmaßregeln darf also füglich als entschieden gelten. Etwas andres dangen ist's «nn der zweiten Frage: Ob das System unsrer Wirtschaftspolitik dem tatsächlichen Bedürfnis angepaßt ist und Gewähr dafür bietet, daß wichtige nationale Wirffchasts- interessen gebührend berücksichtigt werden. Und hier drängt sich (bei vorurteilsfreier Prüfung do« Theorie und Praxis) gleich von vornherein di« Ueberzeugung auf, daß unsre Wirt- fchastspolitik (wie sie von den Verantwortlichen staatlichen Stellen betrieben wird) an einer statten Einseitigkeit des Systems krarttt und den Bedürfnissen der Volksgesamt- hett bei weitem nicht in wünschenswertem Naße Rechnung trägt.
/ Offiziös ist mit besondrer»! Nachdruck hervorgehoben worden, daß Teuerung und Not sich im Unheiljahr neunzehnhundertelf auch dort störend, hemmend und vernichtend merkbar machen, wo die Wirffchaftspolittk sich auf andern als auf den bei uns beliebten Grundlagen auf- baue. Die Tatsache an sich ist nicht bestreitbar, denn die Teuerung dieses Jahres ist ein inter- «Eonales, fast weltumspannendes Uebel, und es ist nicht schwer, nachzuweisen, daß keine Kunst des „grünen Tischs" es vermag, einem H*mentaren Schicksalschlag dieses verhängnisvollen Umfangs erfolgreich zu begegnen. Eine Wettabmessung unsrer Wirtschaftspolitik am Naßstab der allgemeinen Welt-Teuerung 4ft also undenkbar, denn der internationale Güteraustausch ist durch die Teuerung derart beengt, daß auch die theoretisch beste und fortgeschrit- | lenste Wirtschaftspolitii nicht in der Lage sein würde, ihn im Umfang früherer Wertmöglich- > ■ leit nutzbar zu machen. Um einen zuverlässigen Wertmesser zu gewinnen, müssen wir deshalb <hn Gegensatz zur internationalen> eine na- 'fionale Wirtschaftskrise herausgreifen, und fa dieser Beziehung gewährt sicher die
Fleischteuerung der letzten Jahre den besten Maßstab: Damals handelte es sich nichl um eine Weltkrise oder eine kontinental« Teue- rungskatasttoph«, sondern der Rotbereich war in der Hauptsache auf das deutsche Zollgebiet beschränkt und, wenn je, hätte unsre Wirt- schaftspolitik hier Gelegenheit gehabt, zu beweisen, daß sie berechttgten Anforderungen zu genügen vermöge.
Daß dieser Beweis nicht nur nicht erbracht, sondern nicht einmal versucht worden ist, ward kürzlich an dieser Stelle bereits an der Hand einwandfreien statistischen Materials überzeugend dargetan: Unsre Wittschaftspoliftk hat weder die Teuerung (und die dadurch in weite Kreise der Volksgemeinschaft hinetnge- ttagne Not) zu beheben vermocht, noch haben ihre Mittel ausgereicht, das Uebel bis zur Erträglichkeit zu lindern. Heut hat das elementare Unheil das Verhängnis unsrer einseitig- geschraubten Zollpolittt und die Kurzsichtigkeit drakonischer Einfuhr-Ersckjwerungen bis zur Katastrophe gesteigert, und angesichts dieser erschreckenden Tatsache nimmt sich di« offiziöse Verwahrung gegen die „aus dem elementaren Ereignis Hergeleilelen" Angriffe gegen unsre Wirtschaftspolitik" einigermaßen seltsam aus. Man macht unfern amflichen Wirtschaftspoli- tttern den Vorwurf, daß ihr wittschafts-poli- tisches System Deutschland auf Gnade und Ungnade der Zufälligkeit eigner Leistungsfähigkeit ausgeliefert habe, obwohl die Entwicklung des Reichs vom Agrar- zum Industriestaat mit Riesenschritten vorwättsschreftet. Man erhebt ferner gegen sie die Anklage, daß sie es versäumt haben, durch rechtzeittge Förderung der Einfuhrmöglichkeiten die schroffsten Härten einer Teuerungs-Katastrophe zu mildern. Daß diese Vorwürfe der Berechtigung nicht entbehren, beweisen di« Erfahrungen dieser Tage, die zudem erst den Vorgeschmack von Dem bringen, das noch kommen wird. Wenn man sich also jetzt bekehren will, so ist das sicher löblich und schätzenswett, aber die Sünden früherer Tage werden dadurch nicht gut gemacht, und diese Sünden wiegen umso schwerer, als das ganze Volk ihre Last zu tragen hat! - F. H.
MolMirs Zustand verschlimmert?
„Der Zustand des Patienten sehr ernst!"
Ein Privattelcgramm meldet uns auS Petersburg: Am gestrigen Spät- abend wurde in Kiew über das Befinden des Ministerpräsidenten Stolypin folgendes Bulletin ausgegebcn: Die Bauchfellentzündung schreitet fort. Die Temperatur betrügt 36,6, Puls 116 bis 120, die Atmung 28. Der Zustand des Patienten ist sehr ernst und die Arrzte äußern Besorgnisse.
Die Verschlimmerung im Befinden des Ministerpräsidenten scheint sehr plötzlich ein- getreten zu sein, denn ein gestern abend um acht Uhr ausgegebenes Bulletin gab noch bekannt, daß im Befinden Stolypins „keine b e- soudern Veränderungen eingetre- ten" seien. Finanzminister Kokowtzew, der noch in Kiew weilt, teilte gestern einigen Journalisten mit, daß er noch die Untersuchung Stolypins durch Professor Zeidler abzuwatten gedenke. Sobald er Klarheit über den Zustand des Ministerpräsidenten habe, werde, er sich so- fott nach Petersburg begeben, um dott provisorisch die Geschäfte Stolypins zu übernehmen. Inzwischen hat Professor Zeidler gestern den Patienten untersucht und seinen Zustand „unerwattet gut" gefunden. Die Aerzte gaben gestern mittag sogar der Hoffnung Ausdruck, daß Stolyptn in drei Wochen vollkommen hergestellt sein werde. Die gestern abend eingetreteye Verschlimmerung im Befinden des Ministerpräsidenten scheint demnach von den Aerzten nicht vorausgesehen worden zu sein und verursacht infolgedessen umso größere Beunruhigung.
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Bagrow vor seinen Richter«.
(Privat-Telegram m.)
Wie uns aus Petersburg berichtet wird, soll das Kriegsgettcht gegen Bagrow bereits am nächsten Mittwoch zu- fammentrcten. Laut eines gestern gefaßten Ge- ttchtsbeschluffes ist der Attentäter aus der Korporation der Rechtsanwaltgehilfen ausgeschlossen worden. Es hat sich übrigens inzwischen herausgestellt, daß die Petersburger Behörden von den Beziehungen des Täters zur Geheimpolizei in Kiew nichts gewußt haben. Von der Petersburger Polizei wurde der Täter schon seit längerer Zeit für einen Revolutionär gehalten und scharf bewacht. Bagrow hat auf Veranlassung der Geheimpolizei auch allen übrigen Kiewer Festlichkeiten beigewohnt, sich aber Stolypin nicht recht nähern können. In Kiew herrscht eine derartige Empörung
über die Geheimpolizei, daß die Stadtverordneten darum bitten, die Polizei zu entfernen. Sie würden selbst den Zaren und die Minister bewachen, um dem bis auf den Grund verrotteten Spitzelwesen ein Ende zu machen. In Petersburg versucht man seine Hände in Unschuld zu waschen, aber die Petersburger Geheimpolizei war über jene zehn Personen der Ochrana sehr genau orientiert, die die Feierlichkeiten in Kiew als Spitzel und privilegierte Attentäter unter polizeilichem Schutze mitmachten. Kokowtzew ordnete an, daß für den Fall des Ausbruches von Unruhen in Kiew ein Kosakenregiment zum Ausrücken bereit siehe.
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Petersburg, 18. September. (Telegramm.) Die Zeitung „Kiewi Janin" stellt auf Grund amtlicher Mitteilungen fest, daß Bagrow Agent der politischen Polizei gewesen sei. Der Chef der politischen Polizei von Kiew habe Bagrow aus Petersburg zum Schutze des Ministerpräsidenten herbeigerufen. Die politische Polizei habe Stolpyn nicht von dem beabsichtigten Anschlag unterrichtet. Weiter berichtet das Blatt, daß der angesehene Stadtverordnete Baron Orvid Ruthenberg verhaftet worden ist.
Das große Rätsel: Marokko'
„Die Hoffnung höret nimmer aus."
Die offiziöse Norddeutsche Allgemeine Zeitung erzählte gestern über die Marokko-Verhandlungen: Der an dieser Stelle vorausgesagte glattere Verlauf der Marokkover- handlungen nach der Pause ist tatsächlich etnaetreten. Die Antwort trägt in einem Teile den deutschen Wünschen Rechnung, bezüglich eines weiteren Teiles ist es gelungen, die Auffassungen der beiden Mächte einander so weit zu nähern, daß bei einigem guten Wil- r»n auf beiden Seiten unschwer eine Einigung erzielt werdest kann, lieber einige Punkte herrschen allerdings noch solche Gegensätze, daß noch eingehende Verhandlungen nötig sein werden, ehe das Einverständnis hergestellt sein wird. Doch ist zu hoffen, daß diese Schwierigkeiten werden überwunden werden. In Uebereinftimmung mit dieser optimistischen Auffassung steht auch eine Meldung aus London:
S> London, 18. September.
(Eigene Drahtmeldung.)
Der bisherige Optimismus der Presse über den Verlauf der deuffch-ftanzösischen Marokko-Verhandlungen hält un- gefchwächt an. „Daily Expreß" meint heute, das Abkommen werde binnen kurzer Zeit abgeschlossen fein und der Krieg liege außerhalb des Möglichkettsbereiches.
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Ein weiteres Telegramm meldet uns aus Paris: In der hiesigen Nationalbank legt man hinsichtlich der deutsch-französischen Verhandlungen einen großen Optimismus an den Tag und erklärt, daß die Kriegsnachrichten durchaus unbegrün- d e t seien. Das Blatt, das diese Mitteilung veröffentlicht, weist aber gleichzeitig darauf hin. daß die Deponierung von Geldern dauernd nachläßt. während die Zurückziehung von Kapitalien ständig zunimmt.
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Belgische Mobilmachung?
(Privat-Telegram m.)
Aus Brüffel wird uns depeschiert: Wie „Le Soir" erfahren haben will, haben zahlreiche Reserveoffiziere bereits am Sonnabend Einberufungsordre erhalten. Die allgemeine Mobilisierung sei auf ein Telegramm des. belgifchen Gesandten in Berlin, des Barons von Greindl, zurückzuführen, das am Freitag während bet Sitzung des Ministerrates in Brüssel eintraf. Darin teilte der Gesandte mit, daß auf ein Ende der Marokkoverhandlungen zwischenDeutfchland und Frankreich innerhalb dreier Tage gerechnet werden könne. Auch die englische Regierung legt eine fieberhafte Tätigkeit an den Tag, um gerüstet zu fein. Die Reserven haben jeden Tag ihre Einberufung zu erwarten, da die reguläre Armee im Kriegsfälle dazu dienen fall, Belgien in seiner Neutralität zu unterstützen. Das ziveite Panzergeschwader und das Kreuzergeschwader der Heimslotte sind zur Abhaltung von Hebungen in die Nordsee hinaus gefahren. Sämtliche Kriegsschiffe sind vollkommen bereit.
Mmm vor der NevslrMgn?
Ein Komplott gegen die Regierung entdeckt!
Es ist kein Zweifel mehr möglich: Spanien steht unmittelbar^ vor dem Ausbruch der Revolution. So viel die trotz der strengen spanischen Tepeschenzensur eingelau- senen Telegramme erkennen lassen, wird die Lage von "Tag zu Tag gefährlicher, die Auf
standsbewegung wächst, und die Regierung vermag ihrer nicht Herr zu werden, da sie anscheinend das Militär (namentlich die Marine) nicht mehr völlig in der Hand hat. Die nächste Zeit schon kann für die Monarchie schwere Tage bringen, und die Situation ist für sie um deswillen besonders gefährlich, weil die besten Truppen in Marokko stehen, lieber die Sage gehen uns folgende Meldungen zu:
ß? Madrid, 18. September.
In Barcelona wurde gestern ein Komplott gegen die Regierung entdeckt. Zahlreiche Haussuchungen wurden vorgenommen, worauf die Verhaftung von ungefähr dreißig verdächtigen Perfonen erfolgte. Unter diesen befinden sich auch einige Mitglieder des Komitees der Arbeiterveretni- gung. Einige Radikale sind vers^wunden. Der Polizeipräfett behauptet, daß dieses Komplott von französischen syndikalistischen Arbei- tem angestiftet worden fei. Man nimmt hier aber an, daß der Generalstreik, den man für heute befürchtete, einen großen Mißerfolg haben wird, denn es scheint neuerdings, daß unter den Revolutionären selbst Uneinigkeit herrscht. Gestern wurde in Madrid der Professor Besteiro verhaftet, toeü er etne öffentliche antimilitaristische Versammlung abgehalten hatte. Der Zivilgouverneur und der Generalkapitän von Barcelona hatten die ganze Nacht hindurch eine eingehende Besprechung. Ueberall herrscht große Besorgnis, da man schwere Unruhen befürchtet. Die Behörden haben ihre Vorsichtsmaßregeln verdoppelt.
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Madrid, 18. September. (Privat- Telegramm.) Den neuesten Nachrichten aus Barcelona zufolge wurden dort gestern abend vierzehn Agitatoren, meist Ausländer, wegen politischer Umtriebe verhafte . Gruppen von Manifestanten drangen in die Zeitungsredaktionen ei«, um das Erscheinen der Blätter zu verhindern. Bor mehreren Zeitungsgebäuden wurden Polizeiwachen ausgestellt, um sie vor den Demonstranten zu schützen.
Teuemngr-Anfruhr in Wien.
Bier Tote, dreißig Schwerverletzte!
Wie wir schon durch Aushang gemeldet ha- bett, hat die gestern in Wien von sozialdemokratischer Seite veranstaltete Demonstration gegen die Lebensmittelteuerung und Wohnungsnot mit blutigen Straßenkämpfen zwischen den Manifestanten und und der Polizei und Militär geendet. Die Truppen sahen sich genötigt, wiederholt gegen die Menge vorzugehen und von der Waffe Gebrauch zu machen. Die Demonstrationsver- fammlung an und für sich war ruhig verlaufen Um elf Uhr verkündeten Hornsignale das Ende der Versammlung und die Menge zog ab. Aus 'dem Heimmarsch verbreitete sich dann plötzlich das Gerücht, daß aus den Fenstern des Verwaltungsgerichtshofes auf d i e Demonstranten geschossen worden fei. In blinder Wut stürmte die Menge dem Verwaltungsgericht zu und zerttümmerte alle Scheiben. Von hier aus verbreitet sich dann der Aufruhr Wetter. Ueber die blutigen Straßenkämpfe geht uns folgender Bericht zu:
<? Wien, 18. September.
(Eigene Drahtmeldung.)
Die heftigsten Kämpfe spielten sich im Arbeiterviertel Ottakring ab. Der etfte Widerstand, den die Menge bei der Wache fand, steigerte die Erregung und es begann ein ununterbrochenes Steinbombardement, bei dem alle Fensterscheiben zertrümmert, eine Anzahl Geschäftsläden geplündert und die Ge- fchäftseinrichttlngen demoliert wurden. Straßenbahnwagen, die nicht rafch genug anhielten, wurden umgeworfen, mehrere Anhänger wurden mit Petroleum begossen und an gezündet. Sofort telephonisch herbeigerufenes Militär rückte an: Dragoner, Husaren und Jn- santerie.Auf dem Habsburgerplatz attackierte die Menge das dort errichtete neue Schulgebäude, erstürmte es, warf Schränke, Türen, Fenster und Lehrmittel auf die Straße und zündete alles an. Die Flammen griffen auch auf das Schulgebäude über, das bald lichterloh brannte. Infanterie ging mit aufge» pflanztem Bajonett vor. Die Menge wich, ergriff aber Steine und warf sie gegen das Militär. Die Soldaten schossen scharf und verwundeten eine große Anzahl von Personen. Der «ufenthall vor den Haustüren war abends verboten. Da die Demönstranten die Gas- und elektrischen Laternen zertrümmert hatten, herrschte tiefe Finsternis in den Straßen. Kauf- und Casähäuser waren geschloffen. Die Haustüren muhten um neun Uhr abends verschloffen werden. Aus den Straßen hatten die Demonstranten Stacheldraht gezogen, um die Kavallerie