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Kasseler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

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Fernsprecher 951 und 952.

Sonntag, den 17. September 1911

Fernsprecher 951 und 952<

Nemesis...?

Das Geheimnis derM. III" ° Katastrophe.

Das Verhängnis schläft nicht: Bevor im Laisermanöver der Trompetenklang des letzten großenHalt" übers Blachfeld rauschte, dröhnte der Schicksalsschlag derM. III"-Kata­strophe durchs Gelände, neues Unheil zu der Schreckensmenge unsrer Luftschiff- Unfälle häufend. Zwar ging diesmal der Tod milde am Schauplatz des Unglücks vorüber, zwar blieb vom stol^n Schiff der Lüfte das stählerne Gondel-Gefüge erhalten, aber das Geheimnis der V o r g e s ch i ch 1 e der Katastrophe birgt Rätsel, die den Unfall des Militärballons dennoch zu einem drohenden Menetekel und zu einer lauten und eindring­lichen Anklage gegen das System unsrer mili­tärischen Lustschifsachrt stempeln: Es scheint, daß der Ue bereis er und die Ueberhast, die im April des Vorjahrs die (von ernsten Sachkennern scharf verurteilte)Kaiserfahrt" der tu Köln stationierten AmtslustschiffeM. I", P II" mtdZ II" nach Homburg vor der Höhe zuwegebrachten, auch an der Treptower Kata­strophe nicht schuldlos sind, und daß derGeist der Disziplin" wieder einmal an einer Stelle wirksam geworden ist, wo feine' ' Geltend­machung nicht ohne ernste Gefahr möglich war. Von sachkundiger Sette wird darauf hinge­wiesen, daß schon am elften Septembertag die Hülle des ,M in" bedenklich schadhaft war und einen Aufstteg zur Unmöglichkeit machte. In der Hülle des Luftkreuzers befand sich ein gro ße s L och, dessen Reparatur nicht ohne wetteres bewerkstelligt werden konnte. Die Reparatur wurde im Manöverfeld auch nur provisorisch vorgenommen und der Führer, Hauptmann George, war sich vollkommen darüber klar, daß der Lufikreuzer ht diesem Zustande nicht genügend fahrtsicher war. Da aber der Aufstieg befohlen ward, unter­nahm der Kreuzer mit der notdürftig verklebten Hülle dennoch die Fahrt. Um dann bei Treptow an der Tollense ... dem Unglück zum Opfer zu fallen!

Wie versichert wird, hat sich HauptmannGeorge (der Führer des Luftkreuzers) im Hinblick auf die stark beeinträchtigte Fahrtstcherheit wie­derhollgeweigert, den befohlenen Auf­stieg zu unternehmen, da er unter den obwal­tenden Umständen nicht die Verantwortung für die Fahrt und für das Leben der Mitreisenden glaubte tragen zu können. Als schließlich dann derstrikte Befehl" kam, das Loch in der Hülle einfach zu verkleben und den Aufstieg zu unter­nehmen, umdie Ehre der roten Armee zu ret­ten und die Leistungen des (der blauen Armee zugeteilten)M II" wettzumachen", legte der Führer stumm die Hand an den Helm:Die erste und heiligste Pflicht des Soldaten ist der Gehorsam in allen dienstlichen Angelegen­heiten!"

Rekapitulation: April neunzehnhun­dertzehn. Die drei in Köln stehenden Luft­schiffe erhieltenstrikten Befehl", vom Rhein zum Taunus, nach Homburg vor der Höhe zu fliegen, wo grade, für einiger Tage Frist, der Kaiser Hof hielt. Infolge starker Frühjahr­böen war das Wetter fast fahrtunmöglich, und einsichttge Fachleute rieten dringend ab. Da aberBefehl" vorlag, durste die Fahrt nicht unterbleiben. Man stieg auf:M I" erlitt schwere Havarie, mußte demontiert und per Bahn nach Köln zurücktransportiert werden. P II" entging nur durch einen Glückszusall dem gleichen Verhängnis und kehrte nach Ueber- windung großer Schwierigketten in den Schutz- Hafen bei Köln zurück.Z II" aber wurde vom Sturm bis Limburg getrieben, zerriß dort die Notverankerung uud endete fchließlich bei Weilburg an der Lahn in der schweren Katastrophe, die sein Schicksal besiegelte. Drei Opfer einer Verständnislosigkeit! Sommer neunzehnhundertneun: Der eben aus der Werk­statt gekommene, kaum erprobteZ III" erhielt Befehl", vom Friedrichshafener Schutzhafen aus nach Berlin zu fliegen. Tas Ergebnis der Fahrt ist bekannt: Der Luftkreuzer erschien überm Berliner Zollernschloß mit nur noch drei Propellern, verlor (auf der Rückfahrt) bei Bül­zig noch einen Flügel und landete itrotz im all­gemeinen günsttger Wetterverhältnisie) stark be- fchädigt und für weitere Fahrten vorläufig un­brauchbar geworden int Hallenbau von Frie­drichshafen. September neunzehnhundertacht: DerParseval" erhältBefehl", trotz ungün­stiger Windverhältnisse einen Aufstieg zu unter­nehmen, erleidet über der Kolonie Grünewald schwere Havarie und entgeht durch einen Glückszusall völliger Zerstörung. Das ist nur ein kurzer Auszug aus dir Schicksal-Liste unsrer Militär-Luftschiffahrt, aber schon die wenigen hier angeführten Beispiele offenbaren

die Gefahr des Systems so überzeugend, daß ihre Erkenntnis sich auch dem Unbefangensten aufdrängen muß.

Als vor zwei Jahren der noch auf keiner größern Fahrt erprobteZ III" zur Fahrt nach Berlinbefohlen" wurde, hatte (wie einwand­frei festgestellt worden ist) der Kaiser nur den Wun sch geäußert, überm Schloß der Zol­lern einmal ein Zeppelin-Schiff kreuzen zu sehen. Dieser Wunsch, vielleicht einer flüchti­gen Stimmung entsprungen, genügte, um die Verantwortlichen Kommandostellen zu einem Befehl" zu veranlassen, der (wie die Er­fahrung bewiesen hat) leicht verhängnisvoll hätte werden können. Bei derM III"-Kata­strophe in Treptow an der Tollense sind die Umstände, die den Befehl zum Aufstieg veran­laßt haben, noch nicht restlos aufgeklärt: Man hat indeffen auch hier das Empfinden, daß bei der Erteilung desBefehls" alle Vorausset­zungen ignoriert (oder übersehen) worden sind, die die technische Unmöglichkeit der Befehl-Ausführung bestimmten. Es mag wirk­lich sehr wünschenswert gewesen fein,die Ehre der roten Armee zu retten", und vonn Auge des obersten Kriegsherrn die Leistungs­fähigkeit der Militär-Lustschiffahrt im besten Lichte zu zeigen: Keinesfalls durfte die­sem Zweck aber die Sicherhett von Menschen­leben und der Wert des Lnstkreuzers unbedenk­lich geopfert werden. Daß das abfichtkich geschehen ist, wird niemand behaupten wollen, daß es aber in Verkennung der wirklichen Der- hältnifle außeracht gelassen worden ist, Befehl und Leistungsmöglichkeit in Einklang zu bringen, scheint nach den Bekundungen ernster Sachverständiger leider nicht zweifelhaft zu fein. Und das eben ist's, Wogegen in aller Oeffentlichkeit nachdrücklichst protestiert werden muß: Die Luftschisfahrt ist noch nicht reif für Paradezwecke, und das Meer der Lüfte tft fein Exerzierplatz, auf dem der dienstliche Befehl Leben und Bewegung lenkt! Die Katastrophe von Treptow an der Tollense ist eine neue eindringliche Mahnung, die lang­same Entwicklung der Luftschifsahrt nicht durch verhängnisvolle Experimente zu stören und den Kampf mit den Elementen nicht zu einem Spiel mit Menschenleben ausarten zu lassen: Die Nemesis fordert (wie die jüngste Heim­suchung lehrt) harte Sühne ...! F. H.

bildlich am Ziel?

Die Marokkosrage.

cS> Berlin, 16. September.

Die Marokkofrage ist heute praktisch er­ledigt, nur noch unbedeutende Differenzen. Weitere Einzelheiten sind bisher nicht be­kannt.

... Die Spannung der politischen Welt ist auf den höchsten Grad gestiegen, nachdem der französische Botschafter am gestrigen Freitag nachmittag bei dem Staatssekretär von Kider- len-Waechter erschienen ist, um die Antwort des französischen Kabinetts auf die deutschen Ausgleichsforderungen in der Marokkofrage zu überbringen. Daß die stündlich zu erwartende Kundgebung des deutschen Reichskanzleramtes einen höchst friedlichen Charakter tragen wird, läßt sich schon heute mit vollster Gewißheit sa­gen, da die Einwirkung des Kaisers ein Ein­lenken in die Vorschläge Frankreichs außer Zweffel stellt. Die deutsche Regierung ist ge­willt, den Franzosen das Protektorat über Marokko zu bewilligen, und wenn man sich in Paris auch noch den Anschein gibt, als ob man die deutschen Bedingungen zu hoch finde, so ist der fttlle Jubel doch um so größer. Es ist unter allen Umständen zuzugeben, daß sich die fran­zösische Bevölkerung im Allgemeinen während der Krise bedeutend reifer verhalten hat als die deutsche. Mährend die nationale Frage im deutschen Reiche zum Parteihader ausartete, indem jede politische Gruppe der anderen etwas anzuhängen suchte, zeigten sich in Frankreich Regierung, Volk und Militär einig, mit ganzer Kraft für die gemeinsame Sache einzusteben.

Daß die Sendung desPanther" nach Aga­dir, die Bebel nicht so ganz mit Unrecht als eine politischeDummheit" bezeichnete, die ein Bismarck niemals begangen hätte, unserem Ge- schäftsleben einen unberechenbaren Schaden ^ugefügt hat, steht leider außer Zweffel. Die schwankende Haltung der Regierung und die Hinauszerrung des Konfliktes hat schließlich das Vertrauen auf eine feste Führung vermin­dert, und wir werden froh fein, wenn die gründlich verfahrene Angelegenheit zu Ende ist.

*

Sie ikttereffonte Unterredung.

(Privat-Telegram m.)

Paris, 16. September.

lieber die Unterredung, welche gestern zwi­schen Herrn von Kiderlen und dem Botschafter Eambön in Berlin stattgefunden hat, liefen ge­stern im Ministerium des Aeußeren mehrere längere Ehifsretelegramme ein Ten Zeitungen wurden ave Mitteilungen über den Stand der

Verhandlungen verweigert. DerMatin" er­klärt, nach.den im Lause der Nacht eingrtrof fenen Meldungen könne man den Forffetzungen der Verhandlungen mit Vertrauen entgegen sehen. Die Ausnahme, welche Herr von Kider­len den Erklärungen Cambons bereitet habe, habe eine bedeutende Besserung der Lage her­beigeführt. An der hiesigen Nationalbank legt man hinsichtlich der deutsch-französischen Be­sprechungen großen Optimismus an den Tag und erklärt, daß die Kriegsgerüchte keineswegs gerechtfertigt feien.

*

Wettere SrSrterungen?

(Privat-Telegram m.)

<? Paris, 16. September.

Der Berichterstatter desTemps" in Ber­lin berichtet feinem Blatte folgendes, was wahrscheinlich die Ansichten und Erwartungen der französischen Botschaft in Berlin selbst widerspiegelt: Man kann nicht erwarten, daß der Staatssekretär des Auswärtigen sofort nnserm Botschafter antworten wird. Es scheint im Gegenteil gewiß, daß die deutsche Kanzlei einige Tage bedürfen wird, um ihre Auffas­sung zu formulieren. Die Verhandlungen wer­den also noch nicht so bald ihrem Ende nahe feilt, und die öffentliche Meinung muß sich mit dem Gedanken einer noch ziemlich langen Er­örterung zwischen den beiden Ländern vertraut machen, ohne daß man daraus pessimistische Schlüsse zu ziehen braucht. Es handelt sich hier um ein Geschäft, wobei beide Teile mit Zähigkeit diskutieren, aber auch, wie man glau­ben darf, mit dem Wunsche, zu einem Einver­nehmen zu gelangen.

Stolypins Verhängnis.

Der Mann der Energie.

P-ter Arkadjewitsch Stolypin, dem Ruß­land .'n erster Linie zu verdanken hat, daß es die revolutionären Zuckungen überstand und in eine Periode von verhältnismäßiger Ruhe und Ordnung eintreten konnte, ist von den Kugeln eines Attentäters schwer getroffen worden. Der Ansturm auf die Stellung des russischenReichskanzlers", wie man den mäch­tigen Staatsmann im Zarenreiche nicht mit Unrecht bezeichnete, war in den jüngsten Mo­naten von gefährlicher Stärke, und erst in vori­ger Woche beriet man in einem Familienräte des Zarenhofes über eine Entlassung Stoly­pins. Einflußreiche Großfürsten, die in der vom Könige Eduard von England geschaffenen Triple-Alliance" das Heil Rußlands erblick­ten, betrieben dringlich den Rücktritt der russi­schen Politik von den Potsdamer Abmachun­gen und damit die Beseitigung Stolypins, doch Kaiser Nikolaus bewahrte dem um das russische Reich hochverdienten Ministerpräsiden­ten Huld und Treue, so daß dessen Sturz nicht durchgesetzt ward. An der Sette des Zaren­paares, in dessen Begleitung sich der Kavinett- chef nach Kiew begeben hatte, ereilte ihn nun das Verhängnis durch Mörderhand. Die Szene des festlichen Theaters ward zum Tribunal des Nihilismus, der das Leben seines tatkräftigen Feindes schon einmal mit einem Dynamitan- schlage brdohte, dem Stolypin selbst wie durch ein Wunder entging.

Doch nicht die Revolutionäre allein waren die Totseinde des russischen Erretters, sondern auch die höfischen Erzellenzen, die kriegslusti­gen Generale, die säbelrasselnden Publizisten, sowie die politisierenden Salondamen suchten seinen Maßnahmen durch offene Befehdung und durch geheime Intrigen Widerstand ent­gegenzusetzen. Die kluge, kühle und nüchterne Poiltik paßte den Kreisen, die am liebsten aus der Verwirrung Nutzen zieben und im Trüben fischen, schon lange nicht mehr, und somit kann man von ihnen kein ernstes Beileid um das Schicksal Stolypins erwarten.

Die Haltung des goren.

(Privat-Telegramm.)

Petersburg, 16. September.

Man berichtet, daß die Haltung des Za­ren eine überraschend kaltblütige war. Der Zar war wohl im ersten Augenblick bestürzt und erblaßte, beruhigte bann aber erst die zu Tode erschrockene Zarin und befahl bann dem Hof­meister, ihn fogleich zu Stolypin zu begleiten. Der Hofmeister weigerte sich zunächst, dem Be­fehl zu entsprechen, ba man allgemein ber Furcht Ausdruck gab, baß dem Attentat aus Stolypin eines auf den Zaren folgen könnte. Der Zar wiederholte jedoch dringend den Be­fehl, dem nun Folge gegeben wurde. Gefolgt vom bulgarischen Kronprinzen, dem Hofmeister und einigen Großfürsten, eilte bet Zar ins Foyer, wo Stolypin bewußtlos aus einer rasch herbeigeholten Tragbahre lag. Ter Zar drückte dem Minister gerührt die Hand und sagte: Gott helfe Dir!" *

\ Stolypins Verletzung.

(Privat-Telegram m.)

S Petersburg, 16. September.

Bis zum gestrigen späten Nachmittag lau­teten die offiziellen Nachrichten aus Kiew über

bas Befinden Stolypins recht unbestimmt; man faßt es als verhältnismäßig befriedigend auf. Alle Meldungen, daß keine Entfernung ber Kugel notwendig fei, erscheinen verfrüht, zu­mal eine langsame Erhöhung ber Temperatur eingetreten ist. Gestern früh besuchte auch ber Zar ben Staatsmann in ber Klinik. Stolypin, welcher nach langen Bemühungen ber Aerzte gegen Morgen das Bewußtsein roiebererlangt hatte, sagte zum Kaffer, daß er jederzeit be­reit sei, fein Leben für ihn hinzugeben. Das Attentat ist ganz analog demjenigen, bas ber frühere Stadthauptmann von Petersburg Ba­ron Launitz organisierte. Das Gerücht, baß bie Kugel vergiftet gewesen sei, finbet keine Bestätigung. Ein nachts an ben heiligen Synod eingetroffenes Telegramm bezeichnet ben Zustand Stolypins als sehr ernst. Die Aerzte zögern, bie Kugel zu entfernen, weil sie für bas Leben des Patienten fürchten. Der Finanzminister Kokowzew ist aus Kiew hier eingetroffen, um als Stellvertreter Stoly­pins dem Ministerrat zu präsidieren. Hier sind heute Gerüchte im Umlauf, bie besagen, Stolypin fei bereits gestorben. Aus bem Trans­port ins Krankenhaus seien seine letzten Worte gewesen:Ich freue mich, für ben Kaiser und in feiner Gegenwart gelitten zu haben. Be­ruhigen Sie meine Frau und Kinder. Senden Sie mir gleich einen Priester."

Die Familie Stolypins.

(P r i v a t - T e l e g r a m m.)

c§3 Petersburg, 16. September.

In Wilna bestieg die Familie des Pre­mierministers, die auf einem Gute im Gouver­nement Kowno den Sommer verbrachte, den Expretzzug, welcher den Petersburger Chirur­gen Zeidler an das Krankenlager des Mini­sterpräsidenten führte. Abends reifte auch der Bruder Stolypins, der bekannte Petersburger Journalist, nach Kiew ab. Die bisher einge­laufenen Nachrichten über Stolypins Befinden lauten hoffnungsvoll. Die Aerztekreffe Verhal­ten sich jedoch skeptifch und wollen eift das Er­gebnis des Konsiliums abwarten. Die Leber ist nicht stark verletzt, sondern nur leicht ge­streift, ebenso wie das Bauchfell. Alle Mi­nister und Würdenträger kehren heute nach Petersburg zurück, wo in der Kasanschen Kathedrale ein großes Tedeum stattfindet. Gestern wurde ein Gottesdienst im Taurischen Palais abgehalten, der von den in Petersburg anwesenden Dumadelegierten veranlaßt war. Der deutsche Botschafter von Lucius sandte an Frau Stolypin ein Telegramm, in dem er aufrichtigste Teilnahme ausspricht.

*

Der Attentäter.

(Privat - Telegramm.)

5 Kiew, 16. September.

Der Attentäter Bagrow ist tatsächlich, wie polizeiamtlich festgestellt ist, Agent bet Staatspolizei, als solcher soll er es ver­stauben haben, sich bas unbedingte Vertrauen seiner Vorgesetzten zu erringen. Der Galavor­stellung wohnte er als Detektiv bei. Wegen polizeilicher Umtriebe war er vor einigen Jah­ren bestraft, aber begnadigt worben, worauf er sofort in ben Dienst der Polizei trat. Das Attentat will er im Auftrag bet revolutionären Pattei ausgeführt haben. Der Attentäter war feinerzeit Heibelberger Stubent. Der Täter er- klätte nach feiner Verhaftung im Verhöre, daß er Stolypin auf Beschluß bes sozialrevolutio- nären Komitees ermorben sollte, weis er eine für Rußland unheilvolle Politik treibe. Die Verhaftungen und Haussuchungen bauerten in Kiew bie ganze Rächt über. Mehrere Mitschul­dige sollen verhaftet worben fein. Der Poli­zei ist es gelungen, sestzustellen, baß Bagrow bie Tat im Auftrage ber sozialistisch-republi­kanischen Partei begangen hat. Er hat ben Auftrag, Stolypin zu ermorden, schon im Jahre 1907 erhalten, wurde aber feit dieser Zeit von der Polizei bewacht. Nun war es ihm ttotzdern gelungen, in das Theater zu kom­men. Das Billet war ihm von seinem Vater besorgt worden.

Bebel übet bie Wahlen.

Ter sozialdemokratische Parteitag.

Am gestrigen fünften Beratungstage erstat­tete in Jena A u g u st B e b e l den zweiten Teil feines Referats über die Reichstags- Wahlen, indem er ausführte: Unfer jetziger Reichstag hat ein ttaurigesGeschick. Die Hot- tcntottenwahlen von 1907 fanden unter der Parole:Gegen Zenttum, Sozialdemokratie und Polen" statt. Das hatte einen Scheiner­folg. Im Lause der Jahrzehnte ist gewiß ein Druck von Regierung und Unternehmertum bei den Wahlen ausgeübt worden. Soviel wie bei den letzten Wahlen aber war es nie gesche­hen, vom Minister bis zum letzten Nachtwäch­ter. Der Erfolg war, daß wir zwar eine Vier­telmillion Stimmen mehr erhielten, aber 36 Mandate verloren. Der maßlose Jubel, der darob die bürgerlichen Kreise erfaßte, machte sich durch große Demonstrationen Luft, und unter freiem Himmel wurden Umzüge veran-