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1. Jahrgang

Nummer 234

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Fernsprecher 951 und 952.

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Freitag, den 8. September 1911

aufrichtige Sühne... ?

F. H.

berichtet:

V Paris, 7. September.

(Eigene Drahtmeldung.)

In dem der Regierung nahestehenden T c m p s" werden heute folgende Bestimmun­gen des zwischen Deutschland und Frankreich vereinbarten Statuts für Marokko als die wesentlichen bezeichnet: Den künftigen franzöfischen Residenten in Fez soll eine An­zahl französischer Kommissare unterstützen, die den scherisischcn Behörden für alle Zweige der Verwaltung, der Finanzen und Justiz als Kontrollorgane beizugeben sind. Die diploma­tischen Beziehungen Marokkos stehen gleichfalls

SnferttonSpreife: Die fechSgespallene Sette für einheimische Geschäfte 15 Psg., für auswärtige Inserate 25 Pf, SieNamezeU« für einheimisch, ®e. schäfte 40 Pf, für auswärtige 60 Pf. Geschäftsstelle: Kölnische Straße 5. Berliner Vertretung: SW, Friedrichstraße 16, Telephon: Amt IV, 676.

hen konnte, daß sie als Kind des Donaulands schon in den Jugendtagen über die Enge Wet- tin'scher Familien-Tradition hinausgewachsen war. Der die junge Frau des Thronerben einst zürnend am Arm ergriff und voll ehrlicher Entrüstung ausrief: »Es ist ein Unglück, daß Du in unsre Familie hineingekommen bist'/ (Hat man Aehnliches nicht schon in andern Familien vernommen, die nicht auf den Höhen, sondern tief drunten im Tal standen?)

Oder das Portrait des Prinzen Max: Voll religiösen Eifers, fromm und wohltätig, vom flotten Garde-Schützenoffizier zur Demut priesterlicher Selbstlosigkeit bekehrt. In der Verachtung äußern Glanzes so unempfindlich gegen denStachel der Welt", daß man ihn einst, auf der Heimfahrt von Freiburg nach Dresden, einige Stationen vorm Ziel aus dem Zug steigen ließ, aus Furcht, die fchäbige Kleidung der Königlichen Hoheit könne in der Residenz peinliches Aufsehen erregen. Außer einer Zahnbürste führte der prinzliche Priester keinGepäck" mit sich, und diese Zahnbürste war (wie Max der Schwägerin erzählte) zu­gleich seine Haarbürste ... Warum Luise von Toskana, die Gattin des Klavierspielers Enrico Toselli, das alles erzählt? Aus Rache sagen die Einen: Um die Menschen, in deren Mitte sie einst Liebe und Glück genoß, und deren Kreis sie dann um sündiger Liebe willen fre­velnd verließ, durch die Preisgabe ihrer kleinen Launen und Schwächen zu kränken; aus kluger Berechnung, erklären die Andern: Um für die Pläne, deren Verwirklichung immer noch dir Sehnsucht dieser vom Schicksal hart zerzau­sten Frau ist, sich die Sympathie der Oesfent- lichkeit zu erkämpfen; aus Sensations­lust, grollen die Dritten: Um der Welt die Erinnerung an dasOpfer höfischer Intrige" wieder lebhaft vor's Auge zu zaubern. Wu will die Rätsel dieser seltsamen Frauenfeele entschleiern, über die in vier Daseinsjahrzehn­ten so viel Gutes und noch viel mehr Böses ge­flüstert worden? Luise von Toskana nennt ihre Flucht in dir Oesfentlichkeit eineLebens­beichte", und mag man auch in dieser Beichte Schuld auf Schuld erkennen: Man spürt in ihr auch das tragische Verhängnis, das das Leben dieser Frau verdüsterte und deffen Sühne Friedrich Augusts einstige Gattin umso schwerer traf, weil eine Königskrone ihr Schick­sal beschwerte und die Ehre einer Dynastie an ihrem Namen hing. Aster gibt's nicht auch für die größte der Sünden reuige Buße und

DieGasteier Neueste Nachrichte«» erscheine« wöchenMch sechsmal und zwar abend». Der ildonnementSpreiS beträgt monatlich 60 Pfg. bet freier Zu- pelluntz ins Hau». Druckerei, Berlag u. Redaltton: Schlachchofflraße 28/30. Berliner Vertretung: SW, Friedrichstraße 16, Telephon: Amt IV, 676.

begab sich mit der Karte nach dem Ver­kehrsbureau, wo der Ausweis für . . . ungültig erklärt wurde. Da Herr Riese­berg keine andere Legitimation bei sich hatte, wäre er Wohl in Haft genommen wor­den, wenn nicht zufällig ein Bekannter von ihm, der sich inzwischen einfänd, ihn legiti­miert hätte. Um nun nicht noch einmalfest­genommen" zu werden, löste sich Herr Riese­berg, da eine erste Klasse nicht vorhanden war, zur Fahrt nach Gifhorn eine Fahrkarte zweiter Klafle. Der peinliche Vorfall wird jedenfalls noch ein nicht minder peinliches Nachspiel haben.

Gegen-Revolution in Portugal?

Die Monarchisten auf dem Vormarsch.

Depeschen aus Lissabon zufolge be­schäftigte sich der gestrige Ministerrat mit den von den Behörden getroffenen Maßnahmen zur Verhinderung eines Einbruches von Verschwörern, die sich an der Nordgrenze gesammelt haben sollen, und erachtete diese für völlig ausreichend. Bisher liegt eine offi­zielle Bestätigung der Meldungen über den Vormarsch der Monarchisten noch nicht vor, doch will dies wenig besagen angesichts der Tatsache, daß die republikanische Regierung be­strebt ist, alle Meldungen über den Ausbruch der Gegenrevolution zu unterdrücken. In schroffem Gegensatz zu den beruhigenden Er­klärungen der Lissaboner Regierung steht je­denfalls folgende Meldung:

Rotterdam, 7. September.

(Privat - Telegramm.)

Der Korrespondent eines Rotterdamer Blat­tes drahtet aus Lissabon, daß der Monar­chistenführer C o n s e i r o über die Nordgrenze in Portugal eingefallen ist. Die Mo­narchisten haben im Norden des Landes schon festen Fuß gefaßt, und es wurden bereits Schüsse gewechselt. Der NUnisterrat war während der gangen Rocht versammelt. Tie in London angchaltenen Schiffe mit Kriegsvor­räten waren für den Norden Portugals be­stimmt. Als die englischen Behörden cm- schritten, waren schon zwei Schiffe nach der Nordküste Portugals unterwegs. Der Korre­spondent des Rotterdamer Blattes bezeichnet die Lage als sehr ernst, da jeden Augenblick der offene Ausbruch der Gegenrevolu­tion zu erwarten sei.

unter der Kontrolle des Residenten, der dar­über zu wachen hat, daß alle früheren Ver­träge Marokkos mit den europäischen Mächten respektiert werden. Eine von Frank­reich zu schaffende marokkanische Staatsschuldenkommission sichert dem Sultan die Zivilliste und wird mit der Konversion bczw. Tilgung der anderen Staats­schulden betraut. Frankreich behält sich eine Kontrolle aller zu vergebenden öffentlichen Arbeiten vor, doch wird Frankreich diese Ar­beiten keineswegs monopolisieren. Was die von Deutschland beanspruchte Gruben­konzession betrifft, so will sich Frankreich in diesem Punkte durchaus entgegen­kommend zeigen, doch nur unter zwei Be­dingungen: Erstens darf das Interesse eines Dritten keinesfalls verletzt werden und zweitens würde Deutschland sich zu verpflichten haben, den Preis für diese Konzession zu entrichten. DerTemps" meint, daß dieser Preis nicht in Geld ent­richtet zu werden brauche. Deutschland soll mit einem geringer« Gebietszuwachs imKongovorliebnehmen. Dieser vom Temps" veröffentlichte Auszug des Marotto- statuts wird von zuständiger Seite als im allgemeinen richtig bezeichnet, nur die auf die Grubenkonzeffion sich beziehenden An­gaben dürften sich mit den amtlichen Anschau­ungen nicht vollständig decken.

Straßburg t. E.. 7. September. (P r i- vattelegramm.) Die Kriegsgerüchte hal­ten auch heute noch an. In Lothringen führten sie gestern zum Sturm auf die Metzer Spar- kaffe. Die vorhandene Barsumme und sämtliche Reserven, im ganzen etwa zwei Millionen Mark, mußten zurückgezahlt werden. Im lo­thringischen Industriegebiet redet man von nichts anderem als dem bevorstehenden Krieg. Es wird eine Anzahl von Personen genannt, die als Ausländer festgenommen worden seien. In anderen Orten wird den dort arbeitenden Italienern Angst emgqoflt mit dem Bemerken, sie würden zur Zwangs­arbeit requiriert werden. Zur Verstärkung der Gerüchte trägt die Rückberufung einiger Bataillone Infanterie bei, obwohl die Rückkehr wegen Wassermangels auf dem Lande erfolgt. __

Riesebergs Abenteuer.

ThomasErster Klaffe" in Braunschweig. (Privat-Telegramm.)

Aus Braunschweig wird uns berich­tet: Am letzten Montag ist der hiesigen Poli- zei ein arger und zugleich außerordentlich peinlicher Mißgriff passiert: Der Reichs­tags-Abgeordnete Bäckermeister Rieseberg befand sich auf der Reise von Halberstadt über Braunschweig nach Gifhorn und zwar auf Grund seiner roten Ausweis­karte (die ihn als R eich stag sab ge ord­ne t e n zur freien Fahrt e r st e r Klasse aus allen Eisenbahnen des Deutschen Reichs berech­tigt) in einem Abteil e r st e r Klasse IN dem Abteil saß auch (wie berichtet wird) em Assessor aus dem höher» Eisen­bahn d i e n st, der dem biedern Bäckermeister wohl nicht zutraute, im Besitz eines giltigen Fahrtausweises zu sein. Als Herr Rieseberg dann auch noch in der hiesigen Bahnhosswitt- schaft während seiner Wartepause eine Tafle Kaffee trank, wurde der Abgeordnete (wohl auf Veranlassung des Herrn Afleflors) durch einen Polizeibeamten sistiert. Es wurde dem Herrn bedeutet,einmal mit hinauszu­kommen". Nun stellte sich der Mann den Be­amten als Reichslagsabgeordneter Bäckermeister Rieseberg aus Quedlinburg vor, und wies die den Reichstagsabgeordneten zu- stehende rote Ausweiskarte vor, die zur freien Fahrt erster Klafle auf allen Reichseisenbah­nen berechtigt. Der Polizeibeamte, der einen solchen Ausweis wobl nock nie sekebeu batte.

Es mag an sich eine belanglose Episode sein, die Luise von Toskana in den ersten Ka­piteln ihrer Memoiren erzählt, aber sie ist als Symptom außerordentlich interessant: An einer offiziellen Fürstentafel unterhalten sich die beiden Brüder Ferdinand und Phi­lipp von Koburg über den Kopf der zwischen ihnen sitzenden kleinen Prinzessin hinweg in ungarischer Sprache über Dinge, die sonst nur in sehr vorgerückter Stunde im Rauchzimmer oder im Klub eröttert zu werden pflegen, und erst die resolute Intervention der Siebzehnjäh­rigen endet das interessante Geplauder. Fer­dinand von Koburg, tatkräftiger und geschäfts­kluger als sein Bruder, regiert heut als Zar der Bulgaren in den Balkanbergen, und seiner Entwicklung zum König von Gottes Gnaden hat's nicht geschadet, daß man vor Jahr­zehnten, als er am Toskanerhof um die kleine Prinzessin warb, seine Eitelkeit belächelte und über seinenultra-chften* Panamahut, über die gelben Stiefel und die grellbunte Krawatte bissig witzelte. (Jst's anders, wenn der Hans um die Grete wirbt?) Oder die Momentbild­chen vom Dresdner Königshof: Der König in Weißen Socken und Pantoffeln, ein sehr frommer, aber auch sehr engherziger Mann, der es der .Schwiegertochter nie verrei-

Paris, 7. September. (Privat-Tele- g r a m m.) DeinEcho de Paris" zufolge hat Kabinettschef Cailleaux verschiedenen poli­tischen Persönlichkeiten gegenüber erklärt, der französischen Regierung seien aus Berlin die besten Mitteilungen zugegan­gen. Weiter soll der Ministerpräsident erklärt "haben, Deutschland habe Frankreich freie Hand in Marokko gelassen, verlange aber Garantien für seine wirtschaftlichen Interessen,. chi^chber nunmehr eine Verständigung erzielt wer­den könne. Ein anderes Mitglied der Regie­rung erklärte, man fei im Ministerium opti­mistisch gestimmt und glaube an eine Verständigung. DerPetit Parisien", will übrigens von diplomatischer Seite erfahren haben, daß deutscherseits gegen den po­litischen Teil des Marokkostatuts keine ernsten Einwendungen beständen.

Das Marokko Problem gelöst?

Der Stein der Weisen: DaS Marokko-Statut.

Gestern hat (entgegen anderweitigen Meldungen) eine Unterredung zwischen Kiderlen-Waechter und Cambon nicht stattgefunden. Wie unsre Berliner Redaktion an unterrichteter Stelle erfährt, kehrte der Reichskanzler erst gestern abend von seiner Reise aus Kiel zurück. Heute vormittag wird eine Aus­sprache zwischen ihm und dem Staatssekre­tär stattfinden, an die sich Nachmittags eine Besprechung zwischen Kiderlen-Waechter und Cambon anschlietzt.

Wie uns ein weiteres Privat-Tele- gramm aus Berlin berichtet, verläßt der Reichskanzler heute abend Berlin, um sich nach seinem Gut Hohenfinow zu begeben. An maß­gebender Stelle in Berlin besteht der Wunsch, die Marokko-Verhandlungen so schnell wie möglich zu Ende zn führen, andererseits will man sich aberim Interesse des deutschen Handels mit der Frage deroffenen Tür" nicht abspeisen lassen, sondern lieber jede Bestür­zung bei den Verhandlungen vermeiden, da­mit die Forderung der deutschen Regierung, dem deutschen Handel volle Frei­heit in Marokko zu sichern, Punkt für Punkt vertraglich festgelegt wird, um so später Schwierigkeiten in vermeiden. Ueber das von Cambon in Berlin als deutsch-sranzösischer Pettragsentwurf vorgelegteM arokko- Statut" werden uns folgende Einzelheiten

Wie uns ein Privat-Telegramm aus Madrid berichtet, bat die dortige Regre- rung in aller Eile Maßnahmen getroffen, um die vom portugiesischen Monarchistenputsch in Mitleidenschaft gezogenen Grenzgebiete zu sichern. Nach Depeschen der heutigen Madri­der Morgenblätter aus Lissabon kann ,es kei­nem Zweifel mehr unterliegen, daß die Ver­schwörer im Norden Portugals bereits festen Fuß gefaßt haben und über einen g r o - ß en Anhang verfügen. Die Madrider Presse äußert sich sehr besorgt über die wei­tere Entwicklung der Dinge.

Rene Mer der Lüfte.

Oberleutnant Neumann samt Passagier auf einem Fernflug abgestürzt; beide tot.

Wie aus Straßburg i. E. gemeldet wird, sind Oberleutnant Neumann und sein Passagier, der Aviatiker Le- conte, die heute früh von Mulhausen einen Fernslug nach Straßburg angetreten batten, gegen sechs Uhr bei Bilzheim abgesturzt. Beide waren sofort tot Die Ursache der Katastrophe ist noch unaufgeklärt. Eine wei­tere Meldung besagt:

§ Straßburg. 7. September. (Privat-Telegramm.)

Die furchtbare Katastrophe, der zwei blü­hende Menschenleben zum Opfer gefallen sind, ereignete sich beute früh gegen dreiviertel sechs Uhr zwischen den Dörfern Elzen und Bilzheim, ungefähr hundert Meter östlich von der Land­straße Heiligkreuz-Colmar. Nach Mitteilung von Augenzeugen soll eine furchtbare Ex­plosion, deren Knall bis in dem eine Viertelstunde entfernten Dorfe Rieder-Elzen gehört wurde, dem Unglück vorausgegangen sein. Ter Todes stürz erfolgte aus einer Höhe von zwanzig Metern. Beide Flieger sol­len sofort tot gewesen sei. Der Unglücks­ort wird von Neugierigen aus den umliegen­den Dörfern dicht umlagert. Ter Apparat Neu­manns, ein Zweidecker, wurde vollständig zer­trümmert. Nach den neuesten Mitteilungen scheint die Explosion des Motors auf ein V e r- sagen der Zuführungseinrichtung zurückzuführen zu sein, wodurch der Motor sich heiß gelaufen hat. Durch die Gewalt der Ex­plosion wurde der Flugapparat schon in den Lüften völlig auseinandergerissen und die Jniaffeu stürzten aus einer Höbe von

Magdalenens Beichte.

Luise von Toskana und ihre Memoiren. Man mag die Reminiszenzen der Ehe­frau Enrico Toselli, weiland Kron­prinzessin im Lande Sachsen, sonst beurteilen wie man will: Daß sie psychologisch in­teressant sind und in gewisser Hinsicht sogar als eine Art Kulturdokument angespro­chen werden dürfen, wird kein unbefangen Ur­teilender leugnen können. Schon die Tatsache, daß ein Fürstenkind, das von der bekannten steilen Höh" hinabstieg und in den Niederun­gen des Daseins mancherlei Schicksale erfuhr, am Ende langer Irrfahrt sich auf sich selbst besinnt und nun in einer Art Lebensbeichte das bunte Kaleidoskop einer wildbewegten Vergangenheit miten all ihren Stimmungen, Irrungen und Torheiten vorm Auge der brei­testen Oesfentlichkeit aufleuchten läßt, ist ein Moment, dem selbst der trockenste Puritaner einen gewissen pikanten Reiz nicht absprechen kann. Und um es gleich von vornherein zu sagen: Die Leute, die Luise von Toskana mit dem Millimeterstäbchen der Heuchelmoral mes­sen und bei der Beurteilung der Irrungen im Leben dieser einstigen Königlichen Hoheit mit kaltem Pharisäerstolz über die Milderungsum­stände hinwegsehen, die auch dieser seltsamen, über den Zufall ihrer Geburt gestolperten Frau nicht versagt werden können; Leute, die schon beim melodischen Klang des Namens Toselli sich sittlich entrüsten, mögen in den losen Blät­tern der Erinnerungen des Toskaner-Kinds nicht stöbern. Sie haben ihnen nichts zu sagen und der Odem, den sie ausströmen, kündet we­der Reue noch Buße.

Umsomehr- wird Der aus der Lebensbeichte dieserUnverstandnen" herauslesen können, der, ohne an die Verfasserin als an die (nach Kö­nig Georgs öffentlich publiziertem Wort)im Stillen längst gefallne Frau" zu denken, die charakteristischen Silhouetten der in dieser Menschentragödie auftauchenden und ver­schwindenden Personen nach ihrem Erken n t- n i s w e r t schätzt und Frau Luise Tosellis Me­moiren gewissermaßen als ein Feuilleton über die Welt auf der Menschheit Höhen" liest, ge­schrieben von Einer, deren Blick durch hatte Prüfung geschärft ward, mag auch ihr Urteil unter der Einwirkung selbstverschuldeten Schick­sals verbittert worden sein. Es ist eine seltsam geformte,scherzhafte Welt, die aus den Memoiren der Frau zu uns spricht, deren Mädchentraum es war, einmaleine Königskrone" tragen und um die Liebe treuer Untertanen werben zu dürfen": Eine Welt, die, an der landläufigen Vorstellung gemessen, wie eine häßliche Karika­tur anmutet, bar allen idealen und poetischen Gehalts und erfüllt von denfelben ärmlich- vagen Kleinlichkeiten, Leidenschaften und Be­gierden, die auch in der Armut Hütte dem Menschen das Dasein vergällen. Man schaut die Erhabenheit fürstlicher Hoheit, die fromme Legende und ehrwürdiger Brauch mit dem Nimbus unnahbarer Herrlichkeit umwebt, in ihrer natürlichen Kultur, sieht, wie auch im Reich der Gottesgnaden-Tradition der peinliche Erdenrest menschlicher Schwäche und mensch­licher Unvollkommenheit den Flug zur Höhe hindert und lernt verstehen, wie winzig im« gründe genommen dasTal des Lebens" ist, das die Niederungen von den Höhen trennt.