Kr. 233. — 1. Jahrgang.
Mann könne sich auf dem Thron halten; ihr aber bleibe die Pflicht, die Rechte ihres Sohnes zu wahren, während dessen Minderjährigkeit sie die Last der Regentschaft tragen wolle. Sie selbst hat (in einem Dienerzimmer des Potsdamer Stadtschlosses, aus dem ihre Angst den Mann in die sichere Einsamkeit der Psaueninsel getrieben hatte) diese Absicht Herrn von Bismarck-Schönhausen nur angede- deutet. Dann, um aus dem Verdacht reaktionärer Gesinnung erlöst zu werden, den Weg ins Lager der Fortschrittspartei nicht gescheut. Als im Erfurter »Hotel des Prince" Georg von Vincke den Schönhauser Kollegen
für den Regentschaftsplan
zu gewinnen versuchte, erhielt er sofort die Antwort, wer solchen Antrag stelle, möge süh darauf gefaßt machen, daß Bismarck gegen ihn ein Strafverfahren wegen Hochverrats fordere. „Von diesem Vorgang und von der Aussprache, welche ich von seiner Gemahlin während der Märztage in dem Potsdamer Stadtschlosse zu hören bekommen hatte, habe ich dem Kaiser niemals gesprochen und weiß nicht, ob andere es getan haben. Ich habe ihm diese Erlebnisse verschwiegen auch in Zeiten wie die des vierjährigen Konfliktes, des österreichischen Krieges und des Kulturkampfes, wo ich in der Königin Augusta den Gegner erkennen mußte, welcher meine Fähigkeit, zu vertreten, was ich für meine Pflicht hielt, und meine Nerven auf die schwerste Probe im Leben gestellt hat/ („Gedanken und Erinnerungen/) Vergessen hat der Altmärker das Erlebnis niemals, auch nicht
in den den Zeiten Augustinischer Gunst. Die hat's wirklich gegeben ... Im September 1869 schreibt Obcrhofmarschall Graf Pückler an den Ministepräsidenten: „Daß Eure Exzellenz auch die Königin bezaubert, freut mich sehr; und würden einige nichtssagende Aufmerksamkeiten hinreichen, dies gute Vernehmen zu erhalten/ Zwei siegreiche Kriege, die der Dynastie Macht und Liebe geworben haben: Und noch immer sind zur Sicherung guten Einvernehmens „nichtssagende Aufmerksamkeiten" nötig. Bismarck taugt nicht zum Werkzeug fremden Wollens; weigert sich, Ansichten der hohen Frau als seine eignen vor dem König zu vertreten; läßt sich auch im Drang nicht die Ueber- zeugung ablisten. Bezaubert? Sicher nicht lange. In jeder Schicksalsstunde ist auch fortan Wilhelms Frau gegen ihn; und immer drum auf der falschen Seite. Das ward ihr Verhängnis. Ihre eindringlichen
Warnungen vor den Kriegen
gegen Dänemark und Oesterreich waren als grundlos erwiesen. Im Sommer 1870 fing sie das Flötenspiel wieder an. Als dir Pariser schon die von Bismarck redigierte Emser Depesche lesen, schreibt Wilhelm an die aufgeregte Frau: „Vielleicht läßt sich noch eine Vermittlung auffinden; aber nur eine, die nicht meine persönliche und die Ehre der Nation tangiert/ Als er die Kur abbricht und sich zur Fahrt nach Berlin bereitet, umgellt ihn die letzte Warnung der Geängstigten: Nach Jena führe ihn, nach Tilsit sie beide der Weg, wenn er nicht jetzt noch den Krieg vermeide. Den Krieg, dem, als einer nationalen Notwendigkeit, in Nord und Süd die Deutschen entgegenjauchzien. Augusta grollt. Fürchtet ein neues Jena. Das Herz der Königin ist nicht bei der deutschen Sache. Aus der Erinnerung an diese Tage hat Bismarck ihr
Mangel an Nationalgcfühl vorgeworfen. „In ihr lebte ein Bedürfnis des Widerspruchs gegen die jedesmalige Haltung der Regierung ihres Schwagers und später ihres Gemahls. In den Perioden, wo unsere auswärtige Politik mit Oesterreich Hand in Hand gehen tonnte, war die Stimmung gegen
Casseler Neueste Nachrichten
Donnerstag, 7. September 1911.
Oesterreich unfreundlich und fremd; bedingte unsere Politik den Widerstreit gegen Oesterreich, so fanden dessen Interessen Vertretung durch die Königin, und zwar bis in die Anfänge des Krieges von 1866 hinein. Während an der böhmischen Grenze schon gefochten wurde, fanden in Berlin unter dem Patronat Ihrer Majestät durch das Organ von Sckleinitz noch Beziehungen und Unterhandlungen bedenklicher Natur statt... Wenn ich ins Schloß trat, merkte ich bald, ob die Kaiserin anwesend oder verreist sei. War sie fort, dann
atmete alles leichter
und die Diener (sie bevorzugte die dunkelhaa- rrgen, fremdländiich aussehenden) schienen weniger geniert. Aber auch von weitem ließ sie sich die Beunruhigung des alten Herrn angelegen sein. Und wo mir was Bitteres eingerührt wurde, hatte sie sicher die Hand am Löffel. Um mich zu ärgern, befahl sie eines schönen Tages, den Ministerfrauen an der Hoftafel künftig schlechtere Plätze zu geben. Als einer, der meiner ungehorsamen Gemütsart Widerstand gegen diese Neuerung zutrauen mochte, mich vorsichtig sondierte, bekam ich die Antwort: Meine Frau darf nicht schlechter placiert werden als ich; mir aber können sie jeden Platz anweisen, der Ihrer Majestät beliebt: Wo ich sitze, ist immer „o b e n". Seitdem hat sie den Versuch persönlicher Kränkung aufgegeben/ Daß sie
den Mann hassen lernt, dessen Hünenleib ihr den Weg auf die Höhe sperrt? Der rät in jeder Fährnis zu blutigem Kampf: Gegen die Revolution und gegen draußen lauernde Tücke. Der hat freilich keine Krone zu verlieren und kann im Toben den Mut kühlen. Augusta hat Bismarcks Genius wohl nie ganz erkannt; seinen Machtzuwachs stets aus eifersüchtigem Auge angesehen. Weil sie sich nicht entschließen konnte, ihn grenzenlos zu lieben, und in gelassenem Gleichmut neben diesem Kaiser zu wandeln vermochte. „Geworden ist ihm eine Herrfcherseele und ist gestellt auf einen Herrscherplatz. Wohl uns. daß es so ist/ So empfand der nüchterne Wilhelm. Nie Wilhelms Frau. Augusta gehört dem Reichsmythos. Blickt aus frommem Auge auf die prangende Spinnerin, deren furchtsame Klugheit den Waldvater der Heldenzeit, weil er unser seinem Himmel ein Mann mit Mannes- stnnen blieb, zu schrecken vermochte!
Sie Politik des Tages.
cS3 Der „Schatz des Sus". Londoner Blätter berichten aus Tanger: Herr Mannesmann ist auf seinem Wege nach Casablanca in Tanger eingetroffen. Er will die großen Besitztümer der Firma Mannesmann im Schaujagebiet besuchen. Von einem der Begleiter des Herrn Mannesmann will der Korrespondent der (deutschfeindlichen) „Daily Mail" die Versicherung erhalten haben, daß die deutschen Kriegsschiffe Agadir nicht eher verlassen würden, als bis die Interessen der Gebrüder Mannesmann am Bergwerksbesitz im Susgebiet gewahrt seien. Die Gruben dieses Gebietes seien außerodentlich reich an Erzen aller Art, Gold, Silber und Kupfer würden in so reichem Maße gefunden werden, wie in keinem anderen Lande der Welk.
gP Bankers auf Reisen. Depeschen aus Tokio berichten: Die Mitglieder des diplomatischen Korps in Tokio sind erregt über sehr scharfe Bemerkungen, die ein Mitglied einer Deputation amerikanischer Kaufleute, ein gewisser Mr. Jordan, gelegentlich einer Rede in Karuizawa über den Deutschen Kaiser und den Zaren von Rußland gemacht haben soll. Der Sekretär der russischen Gesandtschaft verließ demonstrativ das Auditorium mitten in der Ansprache. Jordan
hat über den Vorfall noch keine Erklärung abgegeben.
ö3 Serbische Königsmörder-Geheimniffe. Ein Privattelegramm meldet uns aus Belgrad: Der frühere Minister Rowako- wrtsch setzt die Veröffentlichung seiner Me- morren über die Ermordung des Königs Alexander und der Königin Draga fort. Er erzählt in seiner neuesten Veröffentlichung von der ersten Zusammenkunft von zehn serbischen Offizieren, die bei dem ehemaligen Mi- inifter Genoitsch stattfand. Diese Offizier- Hatten den Eid abgelegt, mit allen Mitteln auf die Befreiung deS Landes von König Alexander mitzuwirken. Alle diese zehn Offiziere seien frühere Kriegsfchüler gewesen.
S3 Blutige Arbeitskämpfe in Spanien. Aus Madrid wird uns depeschiert: Ein Telegramm aus Bilbao berichtet, daß die Ausstandsbewegung einen immer bedrohlicheren Charakter annimmt. Die Zivilgarde hat den Auftrag erhalten, die Eisenbahnlinien streng zu bewachen, um Sabotage-Akte der Streikenden zu verhindern. Die Transportarbeiter haben sich ebenfalls der Ausstandsbewegung angeschloffen. Im Laufe des gestrigen Tages ist es zu ernsten Zusammenstößen zwischen Streikenden und Gendarmen gekommen, wobei sieben Personen (darunter mehrere Frauen) schwer verletzt worden sind.
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Aus Frankfurt a. M. wird uns berichtet: Der gestern abend hier eintreffende türkische Thronfolger Juffuf Jzzedin wird in Begleitung des türkischen Generalkonsuls den Manövern des achtzehnten Armeekorps beiwohnen.
Die Verhandlungen in der Berliner Metallindustrie werden am Freitag wieder beginnen. Gestern hielten die Vertrauensleute der Arbeiter eine Beratung ab. Den Streikenden und Ausgesperrten der Gelbmetallindustrie sollen die Beschlüffe am Donnerstag vorgelegt werden. Man wird sie jedenfalls ablehnen.
Neues vom Tose.
(Depeschen der Casseler Neuesten Nachrichten.)
xx Briganten am Rhein. Bei Köln überfielen mehrere Burschen einen Fremden, der r e i ch e Geldmittel bei sich trug, beraubten ihn und warfen ihn in den Rhein. Dem Manne gelang es, sich an einer Schiffskette festzuhalten, bis er gerettet wurde. Von den Räubern fehlt bis jetzt jede Spur.
zx Das Opfer von Landsberg. Hauptmann Schönwald vom 54. Artillerie-Regiment, der von dem zur Hilfe gegen den Wald- brand bei Landsberg a. W. herbeigezogenen Militär vermißt wurde, ist jetzt mit seinem Pferd in einer Schonung tot aufgefunden worden. Der Brandherd ist eingeschränkt. Der Schaden beträgt über zehn Millionen Mark.
XX Die Wahnsinnstat einer Mutter. Heute vormittag hat sich in dem Ausflugsort Chort n ch e n bei Eberswalde eine enffetzliche Tragödie abgespielt. Die Witwe S e w e k o schnitt ganz plötzlich ihrem vierjährigen Sohn und ihrer zweijährigen Enkelin und dann sich selbst die Adern durch. Obgleich in kürzester Zeit ärztliche Hilfe zur Stelle war, konnte keine der schwerverletzten Personen gerettet werden. Alle drei st a r b e n nach wenigen Minuten. Wie verlautet, hat die Frau die Tat in geistiger Umnachtung begangen.
xx Gemeinsam in den Tod. Im Franke n t e i ch bei Stolberg am Harze wurden drei zusammengebundene Leichen aufgefunden. Es soll sich um einen Buchhändler aus Halber st adt mit Frau und Tochter han
deln. An einem zurückgelassenen Hut war ein Zettel befestigt, der die Aufschrift trug: Wir sind zusammen in den Tod gegangen und bitten um ein gemeinsames Grab.
XX Kinderräuber im Dorfe. Ein frecher Kindesraub wurde in der Ortschaft Langendorf in Sachsen versucht, aber im letzten Augenblick verhindert. Vormittags elf Uhr ging eine Greisin mit ihrem Enkel, einem Neffen des dortigen Postverwalters, spazieren, als aus einem hinter ihr kommenden Automobil ein Mann sprang, ihr das Kind enttiß und versuchte, mit dem Auto zu entfliehen. Glücklicherweise stellten sich sofort einige beherzte Männer dem Kraftwagen entgegen, so daß es gelang, dem Räuber das Kind zu entreißen. Der Räuber entkam in seinem Kraftwagen aber unerkannt.
XX Hausfrauen-Revolution in Belgien. In Triviöres in Belgien rotteten sich Hausfrauen zusammen und zogen von Ott zu Ott, um gegen die Lebensmittelteuerung zu demonstrieren. Der Zug war schließlich auf über fünftausend Köpfe angewachsen. In Peronnes zogen die Kundgeberinnen vor das Haus des katholischen Abgeordneten Graves und forderten ihn auf, bei der Negierung zwecks Abhilfe der Lebensmittelteuerung vorstellig zu werden. Der Abgeordnete versprach, unverzüglich den Landwirtschaftsminister über diese Angelegenheit zu befragen.
xx Anarchisten Rache . . .? Jäger entdeckten im Fichtenwalde bei C i v r i e u x in Frankreich die völlig unbekleidete Leiche eines Mannes, die über einem offenen Feuer aufgehängt war. Die Füße und Beine waren bereits vollständig verkohlt. Neben dem Lei- cheufund bemettte man eine Nummer eines bekannten Anarchistenblattes, woraus man vermutet, daß es sich um eine terroristische Hinrichtung handelt. Die Behörden haben fofott eine eingehende Untersuchung eingeleitet.
xx Entfesselte Elemente. Der Wald- brand in Simmenfluh in der Schweiz dehnt sich immer mehr aus. Das Feuer hat auch bereits die Waldungen des benachbatten Kienberg ergriffen. Unaufhörlich donnern Steinlawinen nieder, durch diese ist die Straße ins Simmenfluhtal völlig gesperrt. Auch einige Weiler sind bedroht. Um das Feuer einzudämmen, sollen ganze Waldstreifen wegge- sprengt werden.
xx Die Flucht vor der Cholera. Zweitausend Einwohner von Vendrell, Provinz Tarragona, in Spanien verließen den Ort wegen einer dort herrschenden verdächtigen Krankheit. Es ist zu befürchten, daß dadurch die Seuche, es handelt sich wahrscheinlich um Cholera, verschleppt wird.
xx Wo ist das Unterseeboot? Große Beunruhigung ruft in englischen Mattnekreisen das Verschwinden des Unterseebootes Nr. 1 hervor, welches nach einer Tauchübung nicht wieder an die Oberfläche gekommen ist. Torpedoboote haben sich auf die Suche nach dem verlorenen Schiff gemacht.
xx Ein Drama auf dem Meer. In der Nähe der Hafenstadt T u c a j e l in Südamerika sind bei einem Schiffbruch einundachtzig Personen ums Leben gekommen. Unter den Verunglückten sollen sich auch mehrere Deutsche befinden, doch fehlen hierüber noch nähere Einzelheiten.
Sos Neueste au« kastel.
Mit dem Kurs nach Gotha.
Heute vormittag 5 Uhr 30 Minuten ist das Paffagierlustschiff der Delag, die „Schwaben" in Baden-Oos für die erste Etappe nach Berlin, Baden-Gotha aufgestiegen. Seit der
Iollar-Prinzefssrmeri.
t Tie Bekenntnisse einer Millionärtochter.
Wie aus N e w y o r k bettchtet wird, bildet der „Roman" der achtzehnjährigen Tochter des amerikanischen Multimillionärs Und Eisenbahnkönigs F r e n ch, die mit ihrem Chauffeur Jack Geragthy davongelaufen ist, zurzeit die „große Sensation" der Newyorker Gesellschaft. Das Interessanteste an diesem ja nicht ganz ungewöhnlichen Vorfall ist ein Bekenntnis der Heldin der Affäre, die im New Pork Evening Journal von den Leiden und Schicksalen einer Dollarprinzessin erzählt. Man wird ein allgemein menschliches Mitgefühl der jungen Dame nicht versagen dürfen, über deren Kindheit bereits die Gespenster der Langeweile und des Unbefriedigtseins schwebten. Ihre frühesten Erinnerungen schweifen an den Strand von Neuport zurück, wo sie mit anderen Babys der Newyorker „Vierhundett" im prachtvollsten Badekostüm die Wellen heranbrausen sah und nicht fröhlich mit ihnen spielen durfte, weil ... das Auge der Bonne wachte. In der Schule las sie närrische Geschichten und hatte nur für Handarbeiten Interesse, für alles, worin sie die Geschicklichkeit ihrer Finger zeigen konnte. Sie sollte aber lernen und „gebildet" werden. Und allmählich wuchs sie dann mit einem geheimen Grauen in jene glänzend kalte Sphäre des Prunks und der steifen Festlichkeiten hinein, in der sie ihre Schwester Pauline sich bewegen sah.
Statt einer Gouvernante bekam sie mehrere Kammerzofen, mußte stundenlang stehen bis zum Zusammenbrechen und sich ein Dutzend der prächtigsten Kleider anprobieren lasten, die sie nicht mochte und nicht brauchte. Und dann das Jagen von Fest zu Fest, von Besuch zu Besuch. Sie schreibt darüber: Es langweilte mich schrecklich; es machte mich nervös, immer treppauf, treppab zu gehen und stets wieder die Kammerzofe zu finden, die mit einem neuen Kleid auf mich wartete. Und dann gab es so viele, die ich nicht kennen und mit denen ich nicht sprechen sollte, und das haßte ich besonders. Ach. ich wollte so gern mit dem Hausmeister eintaufen gehen, mit dem Gemüsehändler und dem Fleischer sprechen, weil die so ganz anders lebten und so ganz verschieden dachten, weil sie mir Neues und Interessantes sagten... Während des Landaufenthaltes in Cbester. wo die jungen Damen mehr sich selbst Überlassen wurden, konnte sie sich dieser Lust nm einfachen Leben binaeben. Sie aewann
einen Einblick in das Leben der kleinen Händler, in diese schlichte und doch glücklichere Welt, nach der ihre Sehnsucht stand.
Und dann kam der große Moment, „wo mein Herzensprinz in mein Leben trat". Die Mutter hatte ihr ein Auto geschenkt und Jack war der Chauffeur. Mrs. French machte die Tochter selbst darauf aufmerksam, wie hübsch und nett bet junge Mann sei, und rasch wurde er das „Ideal ihrer Träume". In der schrecklichen Zeit der Saison, wo sie in dem Gesellschastsrausch hintaumelte und Jack wenig sah. war der Gedanke an ihn ihre einzige Rettung. Das ging so d r e i I a h r e. Ob er nicht eine andere liebte? Ob sie seiner würdig war? „Ich mußte mir gestehen, daß ich schlecht vorbereitet war, um Jacks Frau zu werden. Wohl hatte ich mir ein wenig Erfahrung erworben im Haushalfführen, Kochen und Räben, aber es war noch nicht viel. In Chester vervollkommnete ich mich nun. Zwar hatte ich nie Gelegenheit, ein richtiges Esten zu kochen, aber ich kann Gemüse kochen und Kompott, ich kann Tee und Kaffee machen und ich habe auch schon manchmal Fleisch gekocht. Ach, wie gern tue ich das: Ich bin sicher, ich werde meinem Jack das Haus führen können. Aber das war nicht die einzige Schwierigkeit; wir hatten sehr wenig Gelegenheit, uns zu sehen, und ich wußte nicht, ob et mich wirklich liebte. Erst vor drei Monaten etwa haben wir uns verlobt. Es war auf einer Auto- fahtt, als er mich fragte, und ich. wie glücklich war ich! Ja, ich fühlte es: Ich war das fröhlichste Mädel in bet Welt, weil ich seine Liebe hatte ...!" -as-
Kleiner Fenilleton.
"£=. Hoftheater Cassel. Am Donnerstag gelangt im Hoftheater „P r e z i o s a" von Pius Alexander Wolff mit der Musik von Carl Maria von Weber zur Ausführung. Die Titelrolle spielt Fräulein S t i e w e. Der bekannte Heldentenor Hofopernsänger Vogelstrom aus Mannheim ist erneut für ein Gastspiel gewonnen worden: Herr Vogelstrom wird am vierzehnten September in der Vorstellung „Die Meistersinger von Nürnberg" die Partie des Walter Stolzing singen. Diese Vorstellung findet bei aufgehobenem Abonnement zu gewöhnlichen Preisen statt.
Casseler Künstlet auf Gastspielreisen. Am letzten Sonntag gastierte bet königliche Sänget C. Groß von unieret Bühne im Hof;
theatet zu Hannover, dessen Verband der Künstlet früher angehött hat. Herr Groß, der sich auch in Hannover großer Beliebtheit erfreut,sang bei starkem Beifall den Papagcno in der „Zauberflöte". Gestern wurde Herr Groß abermals nach Hannover gerufen, um an Stelle des Herrn Fleischet den Zaren zu singen.
-2z Nachwehen zum Biebrichet GesangS- wettstteii. Auf dem vom 22. bis 24. Juli in Biebrich am Rhein abgehaltenen Gesangswettstreit war es wegen der Entscheidung des Pteisrichierkollegiums bei Zuerkennung der Preise zu einem Zwischenfall gekommen, weil Musikdirektor Bischof-Frankfurt, der Dirigent des konkurrierenden „Liederktanz"-Nied dem Preisrichter Musikdirektor Hallwachs- Cassel wegen angeblicher ungerechter Be- weriung seines Vereins Vorwürfe machte. Bischof hatte schon vor Beginn des Gesangsweti- streits gegen den in dieser Klasse singenden Verein „Quartettvetein Loreley Barmen-Lan- getfeld" Protest erhoben, weil dieser Verein einen Betufssänget im ersten Tenor führe. Der zuständige Ausschuß hatte diesen Protest verworfen, nachdem er sich vorher über die Persönlichkeit des angeblichen Berufssängets informiert hatte. Es "handelt sich um einen Schlosset Niegemeyet aus Batmen-Langetfeld, der über einen feht schönen Tenor versügt, sich deshalb bei dem Musikdirektor Senff-Düsseldorf für das Theater ausbilden läßt und bereits für die kommende Saison an das Stadttheater in Krefeld engagiert ist. Jetzt geht Niegemeyet aber noch feinem Schlosserhandwetk nach. Der Protest des Liederkranzes Nied wurde deshalb abae- wiesen. Wie sich jetzt herausstellt, soll Musikdirektor Bischof bet feinen Erkundigungen über Niegemevet den Namen eines anderen Musikdirigenten angewendet haben. Die Angelegenheit soll deshalb noch ein Nachspiel haben.
iL Das „Neue Theater" in Franffutt o. M. In F t a n I f u r t a. M. wird in den nächsten Tagen die Eröffnung des „Neuen Theaters" stattfinden, das unter bet Leitung von Artur Hellmer und Max Reimann das moderne Drama und Lustspiel pflegen will. Literarische Mattnees, Gastspiele hervorragender Schauspieler und Schauspielerinnen, reiche Abwechflmtg, keine Stagnation, frisches Leben: Alles das versprechen die tatträftigen neuen Männer. Das Haus, ein Werk der Frankfurter Atchiietten Vietze und Helfttch, ist kein im
ponierender, protziger Bau, sondern ein einfacher, schlichter, dennoch vornehm und würdig, ohne viel Marmor und goldenen Verputz. Eine mit allen technischen Neuheiten ausgestattete, auch für klassische Stücke genügende Bühne bietet Raum für rund achthundert Personen.
Der „zornige" Bismarck. Ein eigentümlicher Vorfall erregt die Bürgerschaft von Artern (Provinz Sachsen). Dort fiel am Seda n t a g, mittags zwölf Uhr, vom Bismatck- bentmal am Rathaus ohne jegliche sichtbare Veranlassung, auch nicht durch Erschütterung, plötzlich das große Schwert zur Erde nieder, und unmittelbar danach stürzte von der Figur auch der Arm, der sich auf das Schwert gestützt hatte, herab. Der seltsame Vorgang wurde natürlich aufs lebhafteste kommentiert und namentlich auch mtt unserer Marokkopolitik symbolisch in Verbindung gebracht. Ein Beweis dafür, daß die abergläubische Spielerei mit Vorzeichen und Prophezeiungen, die im Altertum und Mittelalter eine so große Rolle gespielt hat, auch noch in unseren Tagen getrieben wird.
Ein Denkmal für den Luftschiffer Blan- chard. Für den Luftschiffer Blanchard, der am siebenten Januar 1785 als erster in einer Morttgolfiere den Kanal überflog, ist in seiner Heimatsstadt Petii-Andely in der Nähe feines Geburtshauses ein Denkmal enthüllt worden. Es besteht aus einer etwa drei Meter hohen Steinsäule, um die sich eine Wolke in Bronze zieht, und die ein Medaillon in Form eines Ballons mit dem Bildnis des Luftschiffers von der Hand des Bildhauers Ducnina trägt.
t£ü Kurze Notizen. „Der Ring des Gauklers" heißt ein neues Drama, das Max Halbe nach längerer Pause in feiner Bühnenprobuttion soeben fertiggestellt hat. Es ist ein deutsches Schauspiel, das zur Zeit des dreißigjährigen Krieges spielt. — „Jedermann", ein neues Stück, das Hugo von Hoffmannsthal frei nach dem Englischen bearbettet hat, wird von Reinhardt am zehnten September zum ersten Male in deut- fcher Sprache im Münchener Künstler- theater aufgeführt werden. — Die im Verlage von Caffirer-Berlin erscheinende Zeitschrift „P a n", die in der letzten Zeit sich verschiedentlich durch einige scharfe Artikel bemerkbar machte, ist auch jetzt für den Verkauf in den bayerischen Bahnhofsbuch» Handlungen verboten worden»