1. Jahrgang.
Nummer 233,
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Donnerstag, den 7. September 1911
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Ruhig Blut!
Nach offiziöser Kundgabe: Glatterer Fortgang der Verhandlungen als vor der Pause!
Die Norddeutsche Allgemeine Zeitung hat uns gestern erzählt, daß „den Umständen nach mit einem glattem Fortgang der Marokko-Verhandlungen gerechnet werden kann, als v o r der Pause". Das bestätigt also die gestrigen Informationen unsers Berliner Korrespondenten, in denen darauf hingewiesen wurde, daß die Bekanntgabe der französischen Vorschläge zum mindesten eine Klärung der Situation gebracht und dadurch die Möglichkeit weiterer Verhandlungen verbessert habe. Ein Fortschritt also, und zwar ein Fortschritt in einer Zeit, in der die Ungeduld bereits beginnt, am Erfolg der Diplomatenarbeit zu bet» zweifeln.Es bereitet wirklich keinVergnügen.Tag um Tag den augenblicklichen Stand im Schnek- kentempo des Marokko-Geplauders zu registrieren, und die phantastischen Ausgeburten kleinmütiger Kriegsfurcht, oder die Trompetenstöße hyper-patriotischer Kampfapostel als Symptome der herrschenden Stimmung aufzuzeichnen, aber die Notwendigkeit, weite Kreise des Volls vor übereilter Aengstigung und unbegründeter Furcht zu warnen, macht die erschöpfendste Behandlung des an sich kaum sonderlich intereffanten Stoffs zur Pflicht. Die beunruhigenden Gerüchte über angebliche militärische Maßnahmen Deutschlands, die mit der (durch die Dürre veranlaßten) Abänderung verschiedner Manöver-Dispositionen in Zusammenhang gebracht werden^, wollen nicht verstummen, obwohl von militärischer Seite der Grund dieser Maßnahmen überzeugend genug bekanntgegeben worden ist. Auch die wirtschaftliche Beunruhigung im Reich ist noch nicht gewichen und in Pommern, wo zum Wochenbeginn von überängstlichen Leuten die Sparkaffen „gestürmt" wurden, hat auch gestern noch der Andrang zu den Kaffen angehalten: Alles Anzeichen einer bis in die breiteste Mafle des Volks hineingetragnen Beunruhigung, deren bedenkliche Wirkungen nicht zu unterschätzen sind. Auf der andern Seite hören wir von neuen lauten Kundgebungen der „Ueber-Teutonen", die gegen die Regierung den Vorwurf erheben, daß sie in der Stunde der Gefahr schwach und untätig fei und nicht die Entschlußkraft finde, in einem Augenblick, in dem es sich um Deutschlands Ehre und Ansehen handle, die Milliardenrüstung »schimmernder Wehr" in die Wagschale des Völkergeschicks zu werfen. Es ist billig, an den »Germanenzorn" zu appellieren und das »bißchen Weltgeschichte" in schön geformte Phrasen einzuwickeln, aber man darf bei allem stolzem Machtgefühl deutscher Kraft und bei aller Sicherheit unsrer Ueberzeugung von der Wucht deutscher Wehrhaftigkeit doch nicht übersehen, daß ein Völkerkrieg nicht auf Bierbänken und in rauchgeschwängerten Versammlungslokalen geschlagen, sondern im blutigen Ringen der Rationen ausgekämpft wird, und es ist deshalb ein frevles Spiel, die Fackel des Kriegs durch's Land zu tragen und die Maffe des Volks zur Erregung zu stacheln. Allen diesen Ereigniffen gegenüber gilt die Parole: Ruhig Blut! Deutschland braucht, vor einem Kriege nicht zu zittern, aber es sucht auch keinen Kampf und seine Waffenrüstung dient der Erhaltung und Sicherung des Friedens. Wir können in Ruhe abwarten, was der Nachbar uns als Aequivalent für unsre Billigung seiner afrikanischen Expanstonspläne zu bieten hat und demgemäß unser ferneres Verhalten einrichten. Das deutsche Volk ist aber weder eine Nation kleinmütiger Schwächlinge, noch eine Gemeinschaft phrasenfroher nationalistischer Fanatiker: Wir wiflen uns sicher im Bewußtsein unsrer Stärke und dürfen, ohne nervös zu zittern, den Gang der Dinge abwarten. Seit gestern wiffen wir, daß das Marokko-Gefchäft »glottern Fortgang" verspricht. Ist da Anlaß zur Aengstigung oder Kriegsgeschrei gegeben...? F. H.
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Noch eine offiziöse Stimme.
(EigeneDrahtmeldung.)
S Köln, 6. September.
Die brennende Frage, ob es angesichts der marokkanischen Verhandlungen zu kriegerischen Komplikationen zwischen Frankreich und Deutschland kommen könnte, behandelt heut die »Kölnische Zeitung" in längeren Ausführungen. Sie drückt die Ueberzeugung aus, daß Frankreich es nicht bis zum Aeußersten treiben und das französische Volk sich schließlich von der Erkenntnis leite« Jafie« werde, daß dies ein.ru reiäbr-
liches Wagnis für Frankreich sei. Daß Frankreich Marokko nach dem tunesisch-ägyptischen Verfahren einzustecken versuche, verdenke ihm in Deutschland niemand. Anders aber seien die Empfindungen England gegenüber. Die Versicherung, das englische Volk denke nicht an eine Benachteiligung Deutschlands zugunsten Frankreichs, findet in Deutschland wenig Glauben, da die Absicht der englischen Diplomatie zu offenkundig fei. Die deutscherseits von Frankreich beanspruchte Bürgschaft für die Wahrung deutscher Interessen in Marokko bildet jetzt den Gegenstand der Verhandlungen, bereit Berechtigung Frankreich einleuchte, da es sich sonst nicht auf weitere Verhandlungen eingelassen haben würde.
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Paris, 6. September. (Privat-Tele- gramm.) Die gestern nachmittag aus Berlin eingetroffene Post enthielt den Bericht C a m b o n s an den Minister des Acußern, de Selbes, über feine Unterredung mit Herrn von Kiderlen-Waechter. Obgleich über den Text dieses Berichtes im Ministerium große Zurückhaltung in den Mitteilungen an die Preffe beobachtet wird, glaubt der „Petit Pa- risien" doch aus gewissen Anzeichen schließen zu dürfen, daß die deutsche Regierung bereit sei, in eine Aenderung des politischen Regimes in Marokko einzuwilligen und sich mit einer Kontrolle Marokkos durch Frankreich einverstanden zu erklären.
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Marokko NerwfiM.
(Telegraphische Meldungen.)
Ein Privattelegramm meldet uns aus Berlin: Gestern waren in Berlin (wie schon vorgestern im Rheinlande) Gerüchte verbreitet, daß Teile des sechzehnten Armeekorps aus dem Manöverfelde nach Metz zurück- berufen worden seien. Als Grund für diese Maßnahme der höchsten Militärbehörde wurde natürlich die augenblickliche politische Lage bezeichnet. Wie auf Anfrage in Metz mitgeteilt wird, entbehren diese Gerüchte jeglicher Grundlage; es handelt sich lediglich um Maßnahmen, die im Interesse der Truppenverpflegung im Manöver erforderlich geworden waren. Weitere Depeschen melden uns:
Mainz, 6. September.
In der Stadthalle sprach gestern in einer vom Alldeutschen Verband einberufenen Versammlung vor etwa tausend Personen Dr. Wirth- München zur Marokkofrage. Er wandte sich ziemlich scharf gegen die „schwache Regierung", der entgegengesetzt ein starkes, zu Opfern für seine Weltstellnng bereites Volk vorhanden sei. Wozu bezahlen wir alljährlich MilltardenfürRüstungen, wenn wir nicht einmal ernst machen?, rief der Redner aus, was von den Zuhörern jubelnd ausgenommen wurde. Ein Beschlntzantrag. der eine energische Wahrung der deutschen Jn- tereffen in Marokko fordert, fand einstimmige Annahme.
Kiel, 6. September.
Eine vom Alldeutschen Verein veranstaltete, von den Nationalliberalen, dem Kamvfgenos- senverein von 1870/71 und dem Deutschen Ostmarkenverein unterstützte Kundgebung zugunsten unserer Politik in der Marokkosrage fand hier eine sehr große Beteiligung. Der Saal, der Tausende von Personen fasten kann, war überfüllt. Viele mußten unverrichteter Sache umkehren. Der Redner, Professor Graf du Moulin, sprach sich für eine starke Politik aus und fand sehr lebhaften und einmütigen Beifall.
Paris, 6. September.
Wie das »Echo de Paris" berichtet, ist der Gegenspionagedienst einem deutschen Komplott auf die Spur gekommen, das die Absicht gehabt haben soll, bevor kriegerische Verwicklungen wegen Marokko entstehen, die französischen Militärflieger-Apparate noch bot Beginn der Feindseligkeiten zu zerstören. Die Agenten, die mit der Durchführung dieses Planes beauftragt worden waren, sollen bereits bekannt sein. Tie Nachricht erregt hier großes Aufsehen, wird tn ernsten Kreisen aber stark bezweifelt.
Antwerpen, 6. September.
An der hiesigen Börse erfolgte gestern eine Panik infolge eines Gerüchtes, wonach die militärpflichtigen Deutschen auf das Konsulat berufen worden seien. Die Nachricht bestätigte sich, jedoch wird sie vom Konsul dahin erläutert, daß es sich nm ein normales Vorgehen handele, das in jedem Jahre statt- finde, um den jungen Deutschen die Notwendigkeit einer Reise zum Zwecke der militär- ärztlichen Untersuchung übet ihre Dienstfähigkeit zu ersparen. Trotzdem machte die Nachricht einen ungünstigen Eindruck.
Brüssel, 6. September.
Wie aus Namur berichtet wftd, sind noch aus Antwerpen dreißig Feldgeschütze -einaettoffen. die auf die beridriebenen Forts
verteilt werden, desgleichen eine Waggonla- bung Haubitzen. Sechs Waggons mit Feldge- schützen und Haubitzen sind nach Arlons an der luxemburgischen Grenze gesandt worden. Die Mannschaften des ersten Lanzenreiterregiments des Jahrganges 1908, die seit mehreren Monaten beurlaubt waren, haben plötzlich Einberufungsbefehl erhalten. Die Soldaten trafen bereits geftern in Namur ein und haben sich gestellt.
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Schließlich berichtet uns noch ein Telegramm au Paris: Die von der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" anläßlich der Wiederaufnahme der deutsch-französischen Verhandlungen veröffentlichte Note hat in der hiesigen Presse int allgemeinen einen beruhigenden Eindruck hervorgerufen. Der offiziöse „Petit Parisien" schreibt: Die Note bedeute, daß ein Abbruch der Verhandlungen, wenn nicht ganz unerwartete Ereignisse einträten, nun nicht mehr zu befürchten sei. Sie bedeute auch, daß der französische Vorschlag eine feste Grundlage für die Verhandlungen bildet, und daß Herr von Ki- derlen diese Grundlage als annehmbar betrachte.
Nach Toulon: Kiel!
Die Kieler Flottenschau vor dem Kaiser.
Die gestrige Kieler Flottenschau vor dem Kaiser, der auch der österreichische Thronfolger, Erzherzog Franz Ferdinand als Gast beiwohnte, nahm einen glänzenden Verlauf. In den frühesten Morgenstunden schon herrschte in Kiel fo reges Leben, wie man es sonst nur bei ganz besonderen Anlässen zu sehen gewohnt ist. Zu den vielen Tausenden von Menschen, die bereits vorgestern auf verschiedenen Ver- kehrswegen eingetroffen waren, kamen mit bett gestrigen Frühzügen trotz des regnerischen Wetters immer weitere Scharen von Schaulustigen, so daß die int Handelshafen liegende Flotte von über fünfzig Begleitdampfern mit festlich gestimmten Menschen alsbald voll besetzt war. lieber bett Verlauf der Flottenparabe wird uns berichtet:
<? Kiel, 6. September.
(Telegraphische Meldung.)
Bald nach neun Uhr vormittags hatten sich um das Buelker Feuerschiff in der Kieler Bucht sämtliche Begleitschiffe versammelt, um zunächst die Vorbeifahrt der „H o h enz o llern", deren Nahen durch den von Kiel herüberdröhnenden Abschiedsfalut angekündigt wurde, abzuwarten. Um zehn Uhr kam das Kaisetschiff und hinter ihm das Depeschenboot „Sleipner" in Sicht. Gleichzeitig setzte sich die bei Gabelsflach liegende Hochseeflotte mit dem Kurs auf die „Hohenzollern" in Bewegung. Inzwischen war das Wetter aufgeklärt; die Sonne durchbrach plötzlich das Gewölk und nun bot sich dem Auge ein maritimes Schauspiel, wie es die Ostsee in dieser Pracht noch nicht gesehen hat. Der K ai s e r befand sich mit dem Erz - Herzog Franz Ferdinand auf der oberen Kommandobrücke seiner Jacht. Sämtliche Schiffe passierten in einreihiger Formation unter genauester Innehaltung der vorgeschriebenen Abstände. Tie Vorbeifahtt der Schiffe, deren Linie sich übet nahezu vierzehn Kilometer erstreckte, währte etwa eine halbe Stunde. Voraus fuhren Torpedobootsdivisionen, insgesamt sechsundsechzig Boote, dann folgte das Flottenflaggschiff, das jedoch sogleich aus bet Linie fuhr, um bet „Hohenzol- lern" zu folgen, darnach wettere zwanzig Linienschiffe, vier Panzerkreuzer, acht Heine Kreuzer und zwei Minensuchdibifionen. Den Schluß bildete eine Unterseebootsflottille von acht Booten. Die Tonnage aller an der Parade beteiligten Kriegsfahrzeuge belief sich auf rund 420 000 Tonnen mit über fünfundzwanzigtausend Mann Besatzung. Nach Beendigung der Flottenschau folgten Vorführungen der Hochseeflotte nach besonderm Programm, die ebenfalls einen glänzenden Verlauf nahmen.
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Der Kaiser überreichte nach der gestrigen Flottenschau persönlich dem Grasen von Mon- tecuccoli, dem Begleiter des österreichischen Thronfolgers, den Schwatzen Adler- erben. Er verlieh ferner bem österreichischen Admiral Haub den Roten Adlerorden erster Klasse, Linienschiffskapitän Kail er seine Photographie, Oberstleutnant Brosch den Roten Adlerorden zweiter Klaffe und dem Mi- litärattachee Freiherrn von Bienerth den Kro- nenorden zweiter Klaffe.
Marotto-Tumult am Main.
Frankfurter Marokko-Intermezzo.
Im Börsensaal in Frankfurt a. M. fand gestern abend eine vom Alldeutschen Verband ««berufene Versammlung statt.
die sich mit der Matokkofrage beschäftigte. Der Vorsitzende, Direktor Dt. Horn, blies sofort in die Kriegstrompete. Nach ihm ist das deutsche Volk „bis tief in die Reihen der Sozialdemokraten" entschloffen, unter keinen Umständen in der Matokkofrage nach - zu geb en. Die Regierung habe Fehlet auf Fehlet gemacht. In Frankfurt sei „immer viel zu viel vom Frieden geredet worden. Das sei nicht das Richttge, denn wir brauchten ein großes Heer und eine starke Marine und „ein kühnes Volk, das entschlossen sei, die deutsche Ehre zu wahren". Metier den Abend wird uns weiter berichtet:
gf Frankfurt a. M., 6. September.
(Telegramm unseres Korrespondenten.)
Der Hauptredner des gestrigen Abends war der bekannte Marokko-Reisende Dr. Wirth-München, der auch in andern Städten den „heiligen deutschen Krieg" gepredigt hat. Sein Thema lautete: „Marokko, eine deutsche Macht- und Ehrenfrage. Der Redner behandelte zuerst die „weltstrategische Lage Marokkos", kam dann auf die Han- delsverhältnisse zu sprechen und schloß: Tue Spannung hat sich verschärft, es steht s ch w t e- tiger aus als achtzehnhundertsiebzig, es heißt sogar, daß die R u s s en m o b i l is i e - ren (!!) England wird wohl, wenn es hart aus hart geht, die Franzosen im Stich lassen. Der Gang der Verhandlungen wird fein, daß Kiderlen die Forderungen der Franzosen unannehmbar findet und die Ser ha n d l u n - gen abbricht. Der Reichstag und der Bundesrat werden einberufen. Wenn sie erklären, daß sie an Deutschlands Forderungen festhalten, dann wird auch der Kaiser ntajt mehr anders können. In dieser Frage gibt es kein Zurück mehr, sondern nur em Vorwärts . . .!" Die Versammlung endete sehr stürmisch, als der Vorsitzende Dr. Horn die Verhandlungen mit der angeblichen „einstiM- miqen" Annahme eirer dem ihm borgeschlagenen Resolution schließen wollte. Als einige der Anwesenden „Rein" tiefen, gab es einen großen Sumult unb die Nein-Rufer würben tätlich angegriffen. Es dauerte einige Zeit, bis sich der Vorsitzende Ruhe verschaffen konnte und die Resolution als „f a st einstimmig angenommen" erklärte . . ,
Kaiserin Augusta.
Ein Porträt: Von Maximilian Harden.
Maximilian Harden läßt der ersten Sammlung seiner EstanS „Köpfe" in den nächsten Tagen tm Verlage von Erich Reiß einen zweiten Teil nach, folgen. Wir sind schon heute in der Lage, au? der Reihe dieser groß gezeichneten literarischen Porträts das der Kaiserin Augusta wiederzugeben, deren Gestalt die bevorstehende Gedenkfeier ihres hundertsten Geburtstages am dreißigsten September wieder lebendig in das Bewußtsein des deutschen Volkes treten läßt. Harden schreibt:
Ein Leben, das säst achtzig Jahre währte; die Gefährtin eines, der im Glanz des Gelm- aens, im Gehege zärtlicher Leibe greifte: und dem Volksempfinden dennoch niemals nah. Leise immer gehaßt. Zuerst als die Enkelin des tollen Kaisers Paul, dessen Despotenlaune sie im Hirn des Prinzen von Preußen neu zu gebären wünscke; dann als des Kanzlers mächtigste Feindin. Dreimal sah sie aus siegrei- d>cm Feldzug heimkehrende Truppen salutieren; und als sie am 16. Juni 1871 auf dem Schloßbalkon, dem Fritzendenkmal Rauchs gegenüber, vor dem Halbkreis der Prinzessinnen und Hofdamen saß und die Degen und Bajonetts mit sommerlich blühendem Danke kränzte, durfte sie hoffen, endlich im Herzen der Nation, als Sechzigjährige endlich eine sichere Wohn- siatt erworben zu haben. Mußte das .ldoran- tensehnen des Volkes nach solchem Erlebnis nicht in demütigster Inbrunst die Hochgestalt
der ~
zwiefach gekrönten Frau umklammern? Nach einer Dekade rauher Män- mrherrschafi nickt aus den Luisentagen den Kult des Ewig-Weiblichen zurückwünschen, das eine in Schönheit afternde Kaiserin, die eilte im neuen Reich, ihm verkörpern konnte? Dm Hoffnung trog. Von all dem festlichen Stimmer, dem wärmenden Glück, das die Erfüllung eines Traumwunsckes im deutschen Land ent- stetien ließ, ward dieser Frau nichts. Und sie batte sich, mit sichtbarer Wohltätigkett und illuminierter Pflege der Wissenschaften und Künste, beinahe übereifrig doch um die Volks- gunft bemüht. Vergebens. Weil moskowittsckes Tyrannenblut sie der Heimat enttrembete. ~as log die Legende. Hat in Augustens^aesen fc. ein Zug an Paul Petrowitsch erinnert. Schon ihre Mutter, Maria Paiilowna, war, ßt« Großherzogin von Sachsen-Weimar, eine gute
Deutsche und,
in Goethes Atmosphäre, die humane Sckützerin freier Geister geworden. Ihr Verbängnis war, datz ;ede Schick- salsstunde sie auf der falschen Seite fand. Wenn sie, nach dem achtundvierziger Märzsturm, ihren Willen durchgesetzt hätte, wäre Wilhelm nicht zur Regierung gekommen; dem vierten sogleich der fünfte Kaiser Friedrich Wilhelm ge- folüt Weder ihr Schwager, meinte sie. noch ihr