Nr. 23V.
Erster Jahrgang.
Lsffrlkr Meuestk Mschrichten
1. Beilage.
Sonntag, 3. September 1911.
6ine Damvfer-KataftrMe.
Explosion auf oem Regierungsdampfer Strewe.
Neun Personen tot!
(Telegraphische Meldungen.)
Wie aus Stettin berichtet wird, ist gestern nachmittag in der Stepenitzer Bucht der Regierungsdampfer Strewe infolge einer Keffelexploston in die Luft geflogen. Der aus dem Dampfer befindliche Baurat der Wafferbau-Berwal- tung, SlesinSkY, sowie der Maschinen- und Baggermeister Schröder, ferner Schiffs - Kapitän L a a b s, Maschinist Hertzky und Heizer Gnewuch, sowie die Matrosen Berntsen und noch zwei weitere wurden getötet, zwei andere Personen wurden tödlich verletzt.
Ueber die furchtbare Katastrophe werden uns telegraphisch folgende Ein z elhei- ten berichtet: Das Unglück ereignete sich in den Nachmittagsstunden. Gegen halb drei Uhr fuhr der RegierungKdampser „S t r e w e", mit einem Regierungsbaumeister, Baurat Slest n s k y, an Bord, von Stettin nach der Stepenitzer Bucht. Gegen vier Uhr legte der Dampfer in der Bucht bet den fiskalischen Dampfbaggerstellen an. Der Maschinenmeister erster Klaffe und Baggermeister Schröder betrat das Schiss, um dem Baurat über die Baggerarbeit Bericht zu erstatten, bezw. um neue Aufträge in Empfang zu nehmen. In diesem Augenblick erfolgte die Explosion des Keffels. Außer dem Baurat befanden sich noch acht Mann an Bord. Bon diesen neun Personen sind drei schwer verletzt und die übrigen getötet. Baurat Slesinsky wurde mit furchtbarer Gewalt auf den gegenüberliegenden Dampfbagger geschleudert und war sofort tot. Er hat an der rechten Kopfseite eine entsetzliche Wunde davongetragen. Der Maschinenmeister und der Kapitän flogen in die Luft und erlitten sofort den Tod. Das Unglück ist mit großer Wahrscheinlichkeit auf Unachtsamkeit des Maschinenpersonals zurückzuführen. Da aber sowohl Heizer wie Maschinist tot sind, wird sich die Schuld an der Katastrophe wohl niemals mit Sicherheit seststellen kaffen.
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Die Svser der Katastrophe.
(Telegraphische Meldung.)
Wie amtlich bekannt gegeben wird, sind bet der Explosion auf dem Dampfer „Strewe" getötet worden: Baurat Slesinsky, Kapitän Laabs, Maschinist Hertzky. Heizer Gnewuch, Matrose Berntsen (sämtlich von der Strewe), ferner Maschinenmeister erster Klaffe vom Tampfbaggcr 5, Schröder, Steuermann Sandau, Matrose Groß und Aroeiter Loft. Bier Personen wurden zum Teil schwer, zum Teil leichter verletzt. Der Dampfer wurde nach einer seichten Stelle geschleppt und dort auf Grund gesetzt.
Haursrauen-Revolution.
Die Teuerungskrawalle in Frankreich.
(Telegrap hi sche M e l du n g e n.)
Wie aus Paris berichtet wird, haben sich kn Nordfrankreich die Krawalle gegen die Lebensmittelhändler in erweitertem Maße erneuert. Namentlich in Saint-Quentin kam es auch gestern wieder zu heftigen Zusammenstößen zwischen Manifestanten und Militär. Nach Schluß der Fabriken zogen ungefähr viertausend Arbeiter, von vielen Frauen begleitet, vor das Haus des Spezereihändlers
Pluche, um es zu erstürmen. Die Menge zog dann durch die Straßen und schlug die Fenster mehrerer Spezereihandlungen und Fleischgeschäfte ein, erstürmte einzelne Lokale und richtete große Verwüstungen an. Der Rummel dauerte bis Mitternacht. Auch in Douai und besonders in Soma in haben abermals schwere Ruhestörungen stattgefunden. In Somain stürmten mehrere tausend Personen, zumeist Frauen, die Markthalle und zwangen die Verkäufer, die Lebensmittel zu den von den Frauen gewünschten Preisen zu verkaufen. In Douai zogen etwa tausend Frauen auf den Bahnhof, um den sogenannten „Markthallenzug" zu dur<*tvcken und eine etwaige Einfuhr von Lebensmitteln in die Stadt zu verhindern. Seit gestern haben sich auch die Fleischhauer in verschiedenen Ortschaften den Manifestanten angeschloflen. In dem großen Kohlenrevier-Zentrum von Lens sind die Fleischhauer sogar in den Ausstand getreten. Durch Plakate verständigten sie die Hausfrauen davon, daß sie so lange kein Tier schlachten werden, bis nicht die Viehhändler mit ihren Preisen zurückgehen. Auch in Paris beginnt es unter den Hausfrauen zu gären, da auch hier die Lebensmittel in den letzten vierzehn Tagen ganz enorm in die Höhe gegangen sind. Der Preis für Butter stieg, von drei auf vier Francs pro Kilo. Eier sind pro Dutzend um sechzig Centimes in die Höhe gegangen. Alle Lebensmittel haben eine durchschnittliche Preissteigerung von fünfundvierzig Prozent" erfahren. In Dünkirchen kam es gestern abeiid zu neuen Teuerungskrawallen. Auch in Fresnes ereigneten sich ernste Zwischenfälle, bei denen die Kündgeber mehrere Läden zerstörten und die Besitzer tätlich angrisfen. Im ganzen Osten Frankreichs herrscht große Aufregung. Den letzten Meldungen zufolge hat die Bewegung einen starken revolutionären Charakter angenommen. Die Regierung bat infolgedessen Maßregeln getroffen, um die Ruhe zu sichern.
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Paris, 2. September. (Privat-Tele- gra m m.) Infolge der ernsten Zwischenfälle, die sich durch die Lebensmittelverteuerung in verschiedenen Teilen Frankreichs zugetragen haben, bat die Regierung eine Untersuchung der augenblicklichen Zustände angeordnet. Sobald das Ergebnis dieser Untersuchung bekannt ist, wird die Regierung die ihr notwendig erscheinenden Maßregeln treffen. Die Regierung trägt sich mit der Absicht, die Frachtpreise auf den Eisenbahnen zu vermindern und die Tiertransporte nach den Märkten zu erleichtern. Auch andere Vergünstigungen werden ins Auge gefaßt. Zu diesem Zwecke hatte der Landwirtschaftsminister gestern wiederholte Besprechungen mit hervorragenden Personen der Handelswelt. / , '
An» aller Welt.
Der Berliner Millionen-Krach.
Wie aus Berlin berichtet wird, wurden sie wegen der bekannten MLionen-Defrau- dattonen verhafteten Bankiers Kwiet und Gans gestern aus der Haft dem Untersuchungsrichter vorgesührt, um über das Verschwinden der ihnen anvertraulew Depositen Rechenschaft abzulegen. Auch Bücherrevisor Toepke, der die Bücher der Firma zu prüfen hatte, inzwischen aber sein Amt niedergelegt hat, war als Zeuge geladen, um, soweit er über die geschäftlichen Machinationen der beiden Bankiers Kenntnis hatte. Auskunft zu geben. Die Höhe der von Kwiet und Gans unterschlagenen Depositen steht noch nicht scst, doch dürfte nach oberslächlicher Schätzung etwa die Summe von anderthalb Millionen
Mark herauskommen. Die beiden Bankiers, die einen sehr niedergeschlagenen Eindruck machen, gaben an, daß sie durch Kurssturz der amerikanischen Papiere ruiniert worden seien, und daß sie infolge der an sie herantretenden Forderungen zuletzt keine Ueber- sicht über das Geschäft mehr gehabt hätten. Sie erklärten beide, daß, falls nicht vor vier Wochen gegen sie Anzeige erstattet worden wäre, sie den Schlag wohl hätten überwinden können, doch seien ihre Kunden plötzlich s o mißtrauisch geworden, daß ihnen jede Unterstützung zur Durchführung ihrer schwebenden Finanz - Operationen fehlte. Der Untersuchungsrichter will (wie verlautet» die beiden Bankiers gegen Stellung einer Kaution von zwanzigtausend Mark aus der Haft entlassen, bisher ist es den Verhafteten aber nicht möglich gewesen, diese Kaution aufzutreibcn.
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Mnbrecher-Echlacht in Berlin.
Ein Privattelegramm meldet uns aus Berlin: In der Müllerstraße, in der Nähe der Ringbahn im Norden Berlins, fand in der vergangenen Nacht ein schwerer Kampf zwischen Einbrechern und Kri - minal Polizist en statt. Es war der Polizei bekannt geworden, daß bei der Firma Cuhn in der Müllerstraße 172 a ein Einbruch beabsichtigt sei. Acht Kriminalbeamte begaben sich deshalb gestern abend in die Räume des Cuhn'schen Betriebes und ließen sich dort einschließen. Gegen zwei Uhr nachts drangen auch tatsächlich fünf Einbrecher in das Haus ein und machten sich sofort an den Geldschrank, den sie aufzubrechen versuchten. Als die-Einbrecher die Beamten gewahr wurden, gaben sie sofort einige Revolverschüsse ab. Die- Polizisten erwiderten die Schüsse, und es entstand, ein Feuergefecht Durch die zahlreich gewechselten Schüsse wurden nicht nur die Bewohner des Hauses, sondern auch die gesamte Nachbarschaft aus dem Schlaft geweckt. Von den Einbrechern wurden zwei schwer verletzt, zwei konnten verhaftet werden, während es dem Fünften gelang, zu entfliehen. Von den Polizisten ist keiner verletzt worden. Die schwer verletzten Einbrecher mußten in die Gefangenenabteilung der Charttee transportiert werden, wo sie hoffnungslos darniederliegen.
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Max Schiemangks Liebesroman.
Der angebliche „Graf de Passv", der flüchtige Hochstapler Max Schiemangk, der. (wie wir mitteilten) sich in Newvork mit Laila Florence Ällendorf verheiratete, wohnte während seines Berliner Aufenthaltes mit dieser Frau in der Nachodstraße. .Dort hatte Ltttla Ällendorf im Dezember 1909 eine Vierzimmerwohnung in der ersten Etage des Vorderhauses gemietet. Aus ihren Anmeldepapieren ging hervor, daß sie im März 1884 in Newvork geboren ist. Die Miete wurde anfangs pünktlich bezahlt, später scheint das Paar aber in Geldverlegenheiten geraten zu sein, denn die Quartalsmiete wurde zuletzt nach wiederholten Mahnungen in drei Raten gezahlt. Wenige Wochen nach ihrem Einzuge erhielt Laila Allendors bereits den Besuch der Kriminalpolizei, die sich sowohl für sie selbst, als auch für eine ihrer Freundinnen interessierte. Der „Graf" zog erst Ende Oktober vorigen Jahres in die Wohnung zu. Von nun ab' gab sich die Ällendorf als Braut des Grafen aus. Wenige Tage später wurden auch hochelegant ausgestattete Verlobungsanzeigen verschickt, in denen der „Graf" sich Marcel de Passy, Oberst z. D.. königlicher Ingenieur bezeichnete. Der Graf erschien meist erst spät nachts in der Wohnung. Diese späten Besuche erklärte seine Braut damit, daß ihr Bräutigam „schrecklich viel zu tun" habe. Oft speisten beide auch nachmittags in Gesellschaft des gräflichen Sekretärs
und des Dieners zusammen ht der Wohnung. Die Hausbewohner wollten an die Stellung des Herrn de Passy nicht glauben, da dieser mehr als grobe ungeschlachte Manieren hervorkehrte. Am ersten April 1911 verlieb das Paar die Wohnung, und meldete sich auf Reisen ab. In Wirklichkeit aber zogen sie in einen Neubau der Helmstedter Straße. Dort wohnten sie jedoch nur wenige Wochen, da der Graf verhaftet wurde. Wo die Ällendorf in den folgenden Monaten sich aufgehalten hat, ist noch nicht ermittelt. Jedenfalls hat sie offenbar ihr Tefl an der Befreiung ihres Verlobten aus dem Heflbron- ner Gefängnis beigetragen. Wie aus gelegentlichen Äeußerungen hervorging, hat sie den Hochstapler Mar Schiemangk schon früher in Amerika kennen gelernt.
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6ine ganze Familie irrsinnig.
Die in dem Dorf Pferdsdors bct Eisenach ansässige Witwe Keuterling ist mit ihren drei Söhnen, die im Alter von achtzehn bis siebenundzwanzig Jahren stehen und mit der Mutter ein Gehöft bewohnten, fast gleichzeitig plötzlich irrsinnig geworden. Nach dem Tode des Vaters führte-die Familie ein zurückgezogenes Leben, obwohl die Leute nicht unvermögend waren. Als der älteste Sohn von der Landwirtschaftlichen Ausstellung in Cassel zurückkehrte, glaubte er im Hause einen Leichengeruch wahrzunehmen. Er verließ deshalb mit dem zweiten Bruder die Wohnung, und beide streiften plan- und ziellos in den Wäldern umher. Sie wurden aber aufgegriffen und wegen ihres Geisteszustandes nack Jena in die Landesirrenanstalt gebracht.- Auch an der Mutter und dem jüngsten Sohn stellten sich Zeichen geistiger Umnachtung ein, . so daß sie erst in das Eisenacher Krankenhaus, dann aber ebenfalls in die Jr- renheilanstalt in Jena geschafft werden mußten. Die bedauernswerten Leute haben einen größeren Teil ihrer Habe in den Brunnen auf ihrem Gehöfte geworfen, zum Beispiel allerlei Möbelstücke, Kleider, Wäsche, Federbetti len, Nahrungsmittel. Im Haushalt führten sie! keine Arbeiten mehr aus; das Vieh war dem Verhungern nahe; sie weigerten sich hartnäckig, von ihren Feldern etwas einzuernten. Schließlich sah sich die Behörde genötigt, für die Un« glücklichen eine Vormundschaft einzusetzen, die; nunmehr die gesamten Feldsrüchte und das" Vieh meistbietend verkauft hat. In dem Geisteszustand der Unglücklichen ist noch keine Besserung eingetteten.
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Sie „Scheilmngsmühle" der Union.
Man schreibt uns aus New York: Dank der in Amerika rüstig fortschreitenden Zahl mißglückterEben blickt die Stadt Steno, die berüchtigte „Scheidungsmühle" in Nevada, in letzter Zett auf eine glänzende ökonomffche Entwicklung zurück, müssen doch die Schett dungskandidaten nach den Gesetzen Nevadas eine ganze Reihe von Monaten in Reno leben,' ehe sie das Scheidungsurteil erhalten können. Die wachsende Wohlhabenheit Renos, deren Bewohner aus dem ehelichen Mißgeschick ihrer amerikanischen Landsleute reichen, klingenden Verdienst ziehen, hat jetzt die Eifersucht einer anderen Stadt in Nevada erregt. Das Ergebe nis ist die Gründung einer neuen „Scheidungsmühle" in Las Vegas. Mit pomphafter Rettame wird diese neue Ehescheidungs-Industrie angekündigt, und man hofft, besonders in den Wintermonaten einen großen Tefl des „Kurpublikums" von Reno abzuziehen und nach Las Vegas zu locken. Denn in den Wintermonaten herrscht in Reno gewöhnlich scharfe Kälte, während die südlicher liegende Stadt Las Vegas über ein milderes und angenehme- res Winterklima verfügt, sodaß der amerikanische Unternehmungsgeist nicht fehlgeht, wenn er auf diese neue Scheidungsmühle große Hoffnungen setzt und sich insbesondere von „Winterscheidungen" viel verspricht. , j
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Zwei Briefe, von Anna Julia Wolff. Geliebter, Einziger!
Die Nacht, die dem seligsten Tage meines Lebens folgte, sie ist vorüber. Nun ist der Morgen in wundervoller Schönheit hereingebrochen, ich stehe an dem geöffneten Fenster, schaue hinein in die junge Frühlingspracht und juble und juble. Als ich heute ganz früh aus dem Bett schlüpfte, da war mein erster Blick in den Spiegel, nicht aus kindischer Mädcheneitrlkeit, o nein, das war es nicht, aber ich mußte sehen, ob das noch dieselbe war, die da gestern in unbefangenem Gleichmut hineingeblickt hatte. Und, o Geliebter, wie erstaunte ich! Das Bild, das mir heute der Spiegel zurückstrahlte, das war ein völlig anderes Wesen. Das war ein Weib, dessen schlummernde Seele Deine Lippen wachgeküßt. Deine Lippen, die die meinen benetzt haben in wonniger, heitjgex Berührung. War das schön, mein Geliebter, war das schön! Wir haben uns ja mit diesem Kusse alles gegeben, was wir besitzen, und alles, was Heißes und Schönes und Erhabenes in uns war, das ist mit diesem Kusse zusammengeflossen in ein einziges großes Ganzes. So haben wir uns im Kusse einander vermählt, und keine Macht der Welt vermag uns auseinanderzureißen. Und nun haste Dank, mein Geliebter, haß. Du Dich mir geschenkt. Eine treue, hingebende Gefährtin will ich Dir sein und Dir lohnen mein Leben lang, daß Du mich mit Deiner Liebe so reich gemacht ...
Die Mutter ruft, ich muß hinein ins- Zimmer. „Er hat mich geküßt, junger Morgen, er hat mich geküßt!"
Lebe wohl, mein Geliebter, ... Du, mein Mann, ich, Dein Weib! Käte.
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i Lieber Freund!
Als Du mir vor einem Jahr das Geleit an die Bahn gabst, da lauteten Deine Abschieds- crmahnungen ungefähr so: „Werde ein ttichttgcr Kerl, habe unentwegt Dein Ziel vor Augen, und vor allen Dingen, mein Junge, mache keine
Dummheiten und verplempere Dick nicht!" Na, dos habe ich denn auch bis hierher getreulich befolgt. Dummbeiten habe ich mir, weiß Gott, nicht vorzuweifen. Ich habe genommen, was sich mir am Wege bot, ein Duckmäuser, weißt Du, bin ich niemals gewesen, im übrigen aber, Kopf und Herz frei, das war meine Parole. Bis die Sacke mit der Kleinen kam. Du brauchst nicht zu erschrecken, mein Junge, auch das ist noch einmal glatt abgelaufen. Aber es war doch etwas ganz, ganz anderes, und, hol' mich der Geier, eine vetteufelt schwierige Geschichte ist es gewesen.
Denn die Kleine... Donnerwetter, daS ist ein Mädel! Jung, süß, flaumig, und Rasse, sage ich Dir, Rasse. Dabei von einer Keuschheit, Unberührtheit der Empfindungen, nein, weiß Gott, so etwas ist mir mein Lebtag noch nicht vorgekommen.
Sie wohnt mir vis-a-vis und ist die Tochter einer verarmten Beanttenwttwe. Natürlich bändelte ich mit ihr an, zuerst mit der Absicht, ein bißchen zu ngschen. Bald aber wendete sich das Blatt, und nach vier Wochen war ich regelrecht in das kleine Fräulein verschossen. Und sie? Ack Gott, Junge, so ein süßes, knospiges Ding! Sie liebte mich mit einer Tiefe, mit einer Hingebung, daß es etwas geradezu Hinreißendes hatte.Und hingerissen hat's mich denn auch.
Als ick das junge, bebende Wesen in meinen Armen hielt, so rückhalüos in meine Gewalt gegeben, da kam mir die Besinnung. „Was willst du tun," sagte ich mir, „willst du zum Verbrecher an ibr werden?" Denn daß das Mädel nie darüber hinweg gekommen wäre, das war mir klar. Und so tat ich denn das Uebermenschliche, ich bezwang mein fieberndes Begehren und ließ sie gehen, wie sie gekommen. Ich küßte nur einmal ihre Lippen, dann geleitete ich sie schweigend nach ihrer Wohnung. C‘est tout ...
1 Und nun, Freund, kannst Du's mir verdenken, nun sonne ich mich in dem Bewußtt'ein, wie ein anständiger Kerl gehandelt zu haben. Das tut unmenschlich wohl, sage ich Dir. Keine Reue, keine Selbstvorwürfe, kein Katzen
jammer und vor allem keine Fesseln und keine Verpflichtungen. Denn ein mitgistloses Beamtentöchterlein und ein unbesoldeter Referendar, welche Perspektive...!
Nun aber der Zweck meines Schreibens. Sage mal, Jungchen, willst Du mich nicht für ein paar Wochen bei Dir aufnehmen? Ich bin jetzt schon um meinen Urlaub eingekommen, denn, straf' mich Gott, ich muß auf einige Zeit von hier fort. Die Nähe der Kleinen tut mir nicht gut. Ich will nicht in Versuchung geraten, ich will nicht. Bei Dir, da ist alles Ruhe und Abgeklärtheit, und wenn ich nach einigen Wochen zurückkehre, dann wird ja auch die Chose, hoffe ich, überwunden sein. Mir verschaffe ich wieder Gleichgewicht und Arbeits- fteudigkett, ihr aber gebe ich durch meine Ab- wesenhett die Möglichkeit, leicht und schnell ein Gefühl aus ihrem Herzen zu verbannen, das gottlob von meiner Seite niemals Nahrung erhalten hat.
Wann darf ich kommen?
Dein Waldemar.
Das Grab im Gletschereis.
Nach eiuundvierzig Jahren. .
AuS Paris wird berichtet: Noch in diesem Jahre soll eine Tragödie der Berge ihr Nachspiel finden, die sich vor nunmehr einundvierzig Jahren inmitten der eisigen Gletscherwelt ereignete, die sich in der Umgegend von Chamonix finster und drohend zum Himmel emportürmt. Am sechsten September 1870 hatte einer der angesehensten Finanzleute und Bankiers von Edinburg, Mr. John C. R a n d a l l, eine Hochtour zu jenen Gleffchern unternommen. Er kehrte nicht wieder; er stürzte in einen unabsehbar tiefen Eis- fpalt, und die Leiche konnte nie geborgen werden. Wird der Gletscher nun, nach mehr als vier Jahrzehnten, sein Opfer wieder herausgeben? Das ist die Frage, der die Tochter des Verunglückten ihr ganzes Leben, Trachten und Sinnen gewidmet hat. Als die Witwe John Randalls im Jahre 1891 ihrem Manne in das Reich des Todes nackkolate. lieb, sie
noch auf dem Totenbette ihre junge, damals kaum zwanzigjährige Tochter Edith feier-, lieh geloben, kein Opfer und keine Mühe zu scheuen, um, wenn irgend möglich, dem Reiche des Eises die Ueberreste ihres Vaters wieder zu entreißen, die Reste des Menschen, dem die junge Edith ihr Leben verdankte und bett je zu sehen ihr ein grausames Schicksal verwehrt hatte. Die junge Schottin hat ihr Versprechen gehalten und alles daran gesetzt, diese letzte Pflicht zu erfüllen, die ihr heilig galt und ihr zum Lebensziel geworden ist.
Sie reiste nach Chamonix, bestchttgte die Stelle, wo ihr Vater den Tod gefunden hatte, begann die Gletscherbewegungen zu studieren, stellte sest, daß die Abhänge in langsamem aber unaufhaltsamen Marsche zur Tiefe drängen und somit nach Verlaufe von Jahren die Sons erreichen mußten, wo die Sonne über das is triumphiert. In der Tat hat dieser Gletscher im Verlaufe von Jahrzehnten schon viele Leichen wiedergegeben, die ein oder zwei Menschenalter vorher in den Regionen des Eises die Schönhett der Natur suchten und niemals wiederkehrten. Miß Edith Randall gelang es, zwei bekannte englische Ge- lebtte, die Professoren Forbes und Tynda l l von der Universität Edinburg, für ihre Studien zu interessieren; die beiden Forscher begannen die Gletfcherbewegungen zu studieren und fanden so die Grundlagen zu einer Berechnung, durch die der Termin annähernd zu bestimmen war, an dem das fragliche Gletscherfeld die Zone erreichen mußte, wo es auftaut und sich in einen Gietzbach verwandelt. Noch in diesem Sommer muß dies Ereignis eintreten, und die näcksten Wochen sollen zeigen, ob die Natur den Kalkulationen der beiden brittsche» Gelehrten recht gibt. In Begleitung der beiden Herren weilt die pietätvolle Tochter bereits feit einigen Wochen in der .Umgebung von Chamonix, wo sie durch Berg- *fü6rer den Gletscherbach unausgesetzt durch- fuchen läßt, in der Hoffnung, daß die tosenden Wasser ihr nun wiedergeben werden, was der Glelscker vor einundvierzig Jahren verschlang , . , - ' -, »aa»