Nummer 230, I. Jahrgang.
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Lsffrlrr Abendzeitung
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Sonntag, den 3. September 1911.
Deutsche Treue!
Sedantag neunzehnhundertelf.
Zwischen dem Tag von Sedan, der Im strotzen Völkerringen den glänzendsten Triumph deutscher Waffen brachte, und dem zweiten Septembertag neunzehnhundertelf liegen Ein* undvierzig lange Jahre. Jahre des Friedens und der Kulturarbeit,des Fortschritts und der nationalen Entwicklung, auf die wir mit Stolz zurückschauen dürfen. Das junge Reich, auf blutgetränkter Erde zur Einheit zusammengeschmiedet, hat sich gefestigt, ist in die Weltmacht-Rüstung hineingewachsen und reckt seine Kraft von Meer zu Meer. Die lebendige Erinnerung an das Einst, an das Große und Ge^ wattige, das unsre Väter erstritten, ist der Enkel Erbe, und wenn auch diese Erinnerung im Lauf der Jahrzehnte zumteil einer verstandes- gemätzen Kritik Platz gemacht hat: Es ist noch da, was deutsche Krieger mit ihrem Blut errungen haben. Es hat noch seinen Wert, was einst bezahlt worden ist mit Gut und Leben. Wir preisen den sittlichen Triumph des grotzen Krieges, und wenn in der Gegenwart auch Viele spotten über Das, was unsichtbar ist und ideal: Der Srdantag baut einen Altar des deuttchen Geistes auf. Sie mögen es Wahn und Phrase nennen; sie mögen des Lebens Sinn suchen in Geld, Gold, Genuß und eitler Ehre: Wir wissen Höheres als irdischen Erwerb und Gewinn: Den treuen, deutschenSinn! Sir mögen in Philosophie und Kunst das Recht selbstsüchtiger Herrenmoral predigen: Sedan redet laut von einem herrlichen deutschen Bruderbund. Die Ereignisse jener Tage bieten vor allen Dingen auch ein schönes Bild deutschen Heimatgefühls. Wer hat die Heimat lieber gehabt als Die, die sie verltetzeA, um auf fremder Erde zu sterben; lieber als die Braven, die dafür kämpften, daß Deutschland deutsch und eine Heimat bleibe; daß jedes Glied des deutschen Volks es wisse: Hier ist mein Dorf; hier meine Stadt; hier ist mein Recht; hier ist mein Friede!
Dafür haben die Ahnen gekämpft im heiligen Krieg! Und sie haben den deutschen Herd uns geheiligt und das beutfdje Haus fest gegründet. Deutsche Sitte und deutsches Familienleben haben ihre Weihe empfangen im Donner der Kanonen und im Geklirr der Schwerter, und die reine, starke Heimatliebe zu pflegen, ist für uns Nachlebende jener großen Tage mehr denn je ernste Gewissenpflicht. Wo aber die Heimat ist, da muß auch die Treue wohnen. Die deutschen Kämpfer haben gehalten, was sie gelobten. Wie hat der oberste Kriegsherr treue Wacht gehalten! Sein persönliches Glück wußte er eins mit des Volkes Wohlfahrt und Ehre. Wie fanden sie sich zusammen, die Stämme im Norden und int Süden, von Ost und West, und wie redeten sie die eine Muttersprache opferfreudiger Treue. Da war kein Opfer zu groß: Sie waren alle noch zu Nein vor den großen Gütern, die es zu bewahren gatt. Da war keine Gabe zu gering: Sie empfing ihren Wert von der treuen, ehrlichen Hand, die sie gab. Da wollte keiner nachstehen; alle wollten mitwirken. Und welche Opfer haben die Bräute und Ehefrauen, die Mütter und Schwestern gebracht: Sie haben in Treue gewaltet; sie sind treu geblieben und stark. Und während Frauenhände daheim geschäftig sich rührten, daß es den Verteidigern nicht fehle an Nahrung und Pflege, sind die Männer wacker geschritten in den heißen Tag, in den schicksalsschweren Morgen: Treu bis in den Tod! Da war nur ein Pulsschlag, der sie alle bewegte; ein Band, das sie fest vereinte: Sie waren ernstlich bereit, füreinander zu stehen. Wie schätzten sie einander, die sonst das Leben trennte. Wie hat Bruderliebe das Sterben leicht gemacht. Deutsche Treue hat die sozialen Unterschiede vergessen lassen: Auf dem Schlachtfeld und im Lazarett. So soll deutsche Treue unser Stolz bleiben für alle Zeiten!
Mr wollen zu vornehm denken vom deutschen Namen, als daß wir ihn beschmutzen lassen durch fremde Schande. Aber was von altersher für deutsch gilt, wollen wir untadelig bewahren: Gewissen, Verantwortlichkeitsgefühl und Pflichtbewußtsein! Im Jahrhundert des Egoismus verletzt man manchmal das Vertrauen um des Votteils willen, und in einem niedrigen Strebertum wird unser schönstes Recht, das Recht der Treue, verleugnet. Wenn Deutsche das Ausland in die Heimat verpflanzen, um glänzenden Flitters, um berückender Versuchungen willen, so sind sie des Sedantags nicht wert, und wenn deutsche Kaufleute und Bauern ihren guten deutschen Namen preis
geben, sich der ehrbaren deutschen Sitte schämen und ihr Deutschtum verkaufen, um unter fremder Flagge mehr Geld zu verdienen; wenn die deutsche Jugend in den Kolonien ihre ernste deutsche Erziehung vergißt: Dann hat deutsche Treue für sie vergeblich geblutet. Deutsch sein, heißt treu sein; heißt Charakter haben. Römische List und germanische Treue lassen sich nicht zusammenschweißen; es wird immer Flecke und Risse geben. Es ist nicht wahr, was die Allerweltsmenschen uns vorwerfen: Treue mache eng und klein! Im Gegenteil: Treue macht stolz! Deutsche Treue ist eine unbezwingbare Macht, und die Treuen, das sind die Handelnden, Gebenden, Freien!
Echte Treue ist so weit entfernt vonSchwäche wie das Leben vom Tode. Darum beugen wir uns nicht vor englischem Großsprechertum; darum verehren wir nicht den kapitalistischen Geist der neuen Welt;, darum gelüstet's uns nicht nach französischer Frivolität. Wir haben allezeit mehr, wenn wir treu bleiben deutscher Art. Wir halten das Schwett noch in fester Hand und suchen die Ausgaben zu erfüllen, die Deutschland in der Welt gestellt sind. Aber wir denken heute vor allem daran, daß unser ganzes Volk zum Frieden berufen ist. Der Tag, an dem die Einheit der deutschen Stämme nach langem Ringen zu Ehren kam, der sollte auch die Parteien und Volks - klassen verbunden sehen in deutscher Treue. So oft Sedan kommt, schließen wir die Reihen enger, erfassen wir int Geist einander die Hände über alle sozialen Unterschiede hinweg, erneuern das Werk der Einigung und führen es fort im Sinne der Helden. Sollten aber ernste Tage kommen, sollten wir in unsrer nationalen Ehre gekränkt werden, dann darf die ganze Welt gewiß fein, das; das friedfertige deutsche Volk auch" nicht vor dem Aeuß ersten zurückschrecken wird, daß es zu handeln versteht, wie seine Väter es vor einundvierzig Jahren zur Festigung deutschen Ansehens so wacker und vorbildlich getan haben. Deutsche Kraft ist nie gemindert worden und deutsche Treue war nie schwach und feig, und heut wie ehedem gilt von deutscher Art Otto von Bismarcks Wort: Wir Deutsche fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt! Wir prahlen nicht mit der Urkraft deutscher Volkheit, wir fordern nicht die Welt im Waffenkampf in die Schranken, aber wir hüten treu und deutsch das Erbe, das uns von Heldenvätern überkommen: Das Bewußtsein deutscher Kraft, das unser Volk groß und stark gemacht hat und dessen lichtvollste Ettnnerung sich im Sieger-Tag von Sedan widerspiegelt! **
Warum rüstet Belgien?
„Belgien fürchtet eine Ueberrumpelung!"
Wie uns aus Brüssel dcpeschictt wird, bilden die von der Regierung verfügten militärischen Maßnahmen den Gegenstand lebhafter Kommentare seitens der gesamten belgischen Presse. Verschiedene Provinzblätter veröffentlichen nähere Einzelheiten über die von der Militärverwaltung getroffenen Maßnahmen. Diese sind (wie verlautet) int Einverständnis mit dem König erfolgt und bezwecken, die Mobilmachung der belgischen Armee zu erleichtern und zu beschleunigen.
Weitere Depeschen melden uns: Den Meldungen ernster Brüsseler Blätter zufolge sollen die aufsehenerregenden Kriegsrüstungen Belgiens auf Anregung der französischen Militärbehörden erfolgt sein, da Frankreich befürchtet, bei kriegerischen Verwicklungen von Deutschland in seiner Nordostflanke angegriffen zu werden. Es müsse den Deutschen daher die Ueberrumpelung der belgischen Truppen (was ihnen bis heute ein leichtes gewesen sein würbe) erschwert werden. Wie ausgerechnet worden ist. könnten die Deutschen innerhalb vier Tagen int Be- sitz des gesamten belgischen Eisenbahnnetzes sein und leickt genügende Truppenmassen nach der französiischen Grenze transvortieren. Die von den belgischen Militärbehörden getroffenen Maßregeln finden die volle Billigung der offiziellen Kreise. Es wird daraus hingewiesen, daß Belgien, falls die Berliner Besprechungen zu keinem Ergebnis führen oder sogar abgebrochen würden, gezwungen wäre, seine gesamte Armee zu mobilisieren, um vor einer Ueberrumpelung deutscherseits gesichert zu sein. Eine deutsche Besetzung Belgiens würde nämlich die Mobilmachung der belgischen Armee unterbinden und die ganze Organisation im Lande stören. Die Forts von Lüttich und Namur haben nunmehr Besatzungen erhalten; in den Heineren Forts sind je fünfzig Mann stattoniert. Sämtliche Sol
daten haben Proviant für dreißig Tage erhalten. Außerdem sind für die Bürgerwehr Vorräte an Munition und Lebensmitteln für neunzig Tage vorhanden. In den Militärmagazinen wird eine fieberhafte Tätigkeit an den Tag gelegt und es sind bedeutende Bestellungen von Granaten gemacht worden, die der Infanterie und Kavallerie zugeteilt werden sollen. Auch die Uebermittlung von Botschaften durch Brieftauben ist geregelt worden. Wie das Antwerpener Blatt .Metropole" von seinem Lütticher Korrespondenten erfährt, soll eine Schwadron Lanzenreiter Befehl erhalten haben, unverzüglich nach der deutschen Grenze aufzubrechen.
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Brüssel, 2. September. (Telegramm " n- feres Korrespondenten.^ Angesichts der fortgesetzten Rüstungen Belgiens und der Verproviantierung der Grenzforts, sowie der aus Paris kommenden Meldungen befreundeter Großkaufleute macht sich in den Kreisen der belgischen Geschäftswelt eine große Nervosität bemerkbar, worunter die Geschäfte sehr zu leiden haben. Trotz den vom König von Belgien vor seiner Auslandsreise gegebenen beruhigenden Nachrichten über die Marokkofrage hält man hier an der von der französischen Seite bestärkten p e s s i m i st i - schen Auffassung über die marokkanische Situation fest.
Die Spione von Sulzbach.
Französische Studenten beim Artillerie- Manöver.
Wie wir schon mitgeteilt haben, sind bei Sulzbach im Elsaß zwei französische Studenten unter dem dringenden Verdacht, Spionage betrieben zu haben, verhaftet worden. Gestern begab sich der Erste Staatsanwalt von Zabern nach Snlzbach, um die Untersuchung in der Angelegenheit zu führen. Die Affäre erregt umso größeres Aufsehen, als bereits seit längerer Zeit die Rede ging, daß in der Gegend französische Spione beobachtet worden seien. Ueber die Vorgänge, die zur Verhaftung der beiden Studenten geführt haben, wird uns berichtet:
g? Straßburg i. E., 2. September.
(Eigene Drahtmeldung.)
Die int unterelsässischen Dorfe Sulzbach, in der Nähe der Feste Mutzig, verhafteten beiden französischen Studenten waren während einer Ucbung des stebenundsechzigsten Feldartillerie-Regiments in der dortigen Gegend dabei beobachtet worden, wie sie zahlreiche Aufnahmen der einzelnen Uebungsphasen machten. Im Laufe der Vorhaltungen, die ihnen darüber von berufener Seite gemacht wurden, stellte es sich heraus, daß die Photographen französische Studenten waren, was sie sofort in den Verdacht der Spionage brachte. Beide wurden verhaftet und auf die Feste Mutzig gebracht. Unter den in ihrem Besitz befindlichen photographischen Platten fand man auch Aufnahmen des Geländes aus der Umgebung derFeste Mutzig. Jede absichtliche militärische Aufnahme oder rechtswidnge Handlung wurde von bett Verhafteten entschieden bestritten. Die Militärbehörde bewahrt strengstes Stillschweigen über die Angelegenheit, was darauf schließen läßt, daß die Affäre militättscherseits als sehr ernst betrachtet wird. Wie verlautet, hat eine Prüfung des bei den Verhafteten beschlagnahmten Platten- und Photographie-Materials ergeben, daß es sich durchweg um sehr scharfe und kartographisch verwendbare Aufnahmen des Festungsgeländes und des benachbarten Artillerie-Uebungsterrains handelt.
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Zabern, 2. September. (Telegramm unsers Korrespondenten.) Die hiesige Staatsanwaltschaft hat gestern das Ermittlungsverfahren gegen die bei Sulzbach verhafteten angeblichen französischen Studenten eingeleitet. Daß es sich tatsächlich um französische Studenten handelt, wird seitens der Unterfuchungsbehörde bezweifelt, da sich unter den bei den Verhafteten beschlagnahmten Sachen und Papieren nichts befindet, das auf diese Berufsangabe der Verhafteten schließen lassen könnte. Die angeblichen Studenten stehen im Alter von sechsundzwanzig und achtundzwanzig Jahren und wollen aus Paris stammen. Die Verdachtsmomente gegen die Verhafteten haben sich inzwischen sehr verstärtt.
KSuigsmörder Geheimnisse.
Tie Memoiren des Ministers Nowaeowitsch.
Ter ftühere serbische Minister Nowa- k o w i t f ch, der der eigentliche Führer der serbischen Königsmörder-Partei und unversöhnliche Feind des Königs Alexander war,
hat soeben seine Memoiren der Oeffentlich- keit übergeben. Nowakowitsch, in dessen Hand sich die Fäden der gegen die unglückliche Dv- nastie Obrenowitsch gesponnenen Intrigen vereinigten, versucht in seinen Memoiren eine Rechtfertigung des Königsmords, der infolge der unglaublichen Korruption unter der Herrschaft der Obrenowitsch zur nationalen Notwendigkeit geworden sei. Ueber den Beginn der Veröffentlichung der Memoiren wird uns berichtet:
£ Belgrad, 2. September.
(Privat-Telegramme.)
Die Memoiren des ehemaligen Ministers N ow a c o w i t s ch, des Führers der serbischen Königsmörder-Partei, die von allen politischen Kreisen mit großer Spannung erwartet wurden, haben gestern in der „Tribuna" zu erscheinen begonnen. Im Vorwort führt Nowaeowitsch aus, daß es für ihn seit feinem Eintritt in die Verschwörer-Vereinigung teilten Rückzug mehr gegeben habe. Er werde alles wahrheitsgetreu berichten, da er keine Anerkennung anstrebe. Nowaeowitsch beginnt dann seine Memoiren mit der Erwähnung des Attentats gegen König Milan im Jahre achtzehnhundertneunund- neunzig und gibt der Ueberzeugung Ausdruck, daß dieser Anschlag von Milans Sohn Alexander und dessen Frau Draga Ma - s ch i n selbst inspiriert worden sei. Die eigentliche Seele der damaligen Königs-Verschwörung sei die Gattin Alexanders gewesen, die mit allen Mitteln danach gestrebt habe, Milan zu beseitigen. Alexander sei in ihrer Hand nur ein willenloses Werkzeug gewesen und diese Ohnmacht des Königs gegenüber dem dämonischen Einfluß seiner Frau sei es auch gewesen, die das Schicksal der Dynastie Obrenowitsch besiegelt habe: Für die Königstzegner-Panei habe es keinen andern Weg gegeben, als die gewaltsame Beseitigung des Königspaares, dessen Herrschaft für das serbische Volk zum nationalen Verhängnis geworden fei. Die Mitteilungen Nowaeowitsch erregen in der serbischen politischen Wett ungeheures Aufsehen, da es scheint, daß durch die Veröffentlichung der Memoiren zahlreiche bekannte Persönlichkeiten schwer kompromittiert Werdern
Meldungen aus Petersburg zufolge sind boit gestern König Peter von Serbien, Prinzessin Helene und Kronprinz Alexander zu den Hochzeitsfeierlichkeiten eingetroffen. Sie wurden am Bahnhof vom Zaren, der Kai* serin Alexandra Feodorowna, der Königin von Gttechenland und verschiedenen Großfürsten und Großfürstinnen begrüßt. Der Zar ernannte den König von Serbien zum Chef eines Infanterie-Regiments und verlieh dem Kronprinzen den Sanft Andreas-Orden.
Mer der
Seiko über: Die Irrtümer der Strafjustiz und ihre Ursachen.
Auch die Gerechtigkeit kann irren und das Recht, das von Menschen gesprochen wird, ist nicht immer Gerechtigkeit. Die Iustiz fordert ihre Opfer wie jede andre Einrichtung menschlicher Unzulänglichkeit, und leider ist die Zahl der Opfer, die der Irrtum heischt, nicht gering. Es unterliegt auch gar keinem Zweifel, daß Fälle vorgekommen sind, in denen Unschuldige „von Rechts wegen" hingerichtet wurden. Ein alter Praktiker, der berühmte Verteidiger in vielen Strafprozessen, Justiz- rat Dr. Erich Sello, bestätigt uns das in einem Werke, das er soeben in R. von Dek- kers Verlag erscheinen läßt. Justizrat Sello nennt feilt Werk: „Die Irrtümer der Strafjustiz und ihre Ursachen". Der vorliegende erste Band handelt von der Todesstrafe und lebenslänglichem Zuchthaus in richterlichen Fehlfprüchen neuerer Zeit. Der Verfasser hat darin mit Bienenfleiß eine große Anzahl von Fällen zusammengetragen. die sich feit dem Jahre 1797 im In- und Auslände ereignet haben und bei denen es sich mit Sicherheit ober Wahrscheinlichkeit um falsche, aus Irrtümern beruhenbe Urteile handelt. „Seid jeden Augenblick der unschuldigen Opfer eingedenk (sagt Sello), die, so lange Menschen über Menschen unter gesetzlichen Formen richten,
der Irrtum auf dem Richterstuhle gefordert hat!" Und sein Werk soll dazu beitragen, die Fehlerquellen, denen Justizirrtümer entspringen, aufzudecken. Daß Justizrat Sello zu den Gegnern der Todesstrafe zählt, ist nichts Neues, er bekennt sich aber in seinem Buche auch als Gegner der Schwurgerichte, obwohl er gerade den Erfolgen, die er vor Schwurgerichten errang, ein gut Teil seines Rufes verdantt. Er teilt diese Abneigung gegen die Geschworenengerichte mit vielen Juristen, die dieser Einrichtung allerlei Mängel nachsaaen. Einer der oft erhobenen Einwände