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Nr. 223. 1. Jahrgang.

Gaff der Neueste Nachrichten.

Sonnabend, 26. August 1911.

Mit britischer Noblesse hineinfallen lassen kann. Die Üchpigeu Logen strotzen vor Pracht. In ihren Gängen sind Telefone angebracht, die man zu Konversation mit andern Logen und andern Teilen des Hauses verwenden kann. Man darf indessen befürchten, daß diese Konversationen den künstlerischen Genuß sehr -beeinträchtigen und alle Aufführungen zu rein gesellschaftlichen Ereignissen gestalten werden. Diese Telephone werden aber auch die Verbin­dung mit der Außenwelt Herstellen, und so kann aus dem Opernhaus mit der Zeit eine ganz nette Geschäftsbude entstehen. Auf dem Dache wird ein Mareoni-Apparat an­gebracht, sodaß der Reisende, der fünfhundert Meilen weit auf der See entfernt schwimmt, Sitze belegen kann. Ein prachtvolles Foyer soll in den Zwischenakten zur Promenade die­nen. Obzwar noch keine Kasse eröffnet ist, kaufen täglich

Anmeldungen für etwa tausend Billette ein und etwa sechshundert reiche Amerikaner kommen in einem besonders gemieteten Damp­fer zur Erstaufführung her. Mr. Hammer­stein versteht es also, mit den altbewährtesten Mitteln der Sensation zu arbeiten. Nun, da wieder normale Verhältnisse walten, wälzt sich von neuem täglich der Strom der Tausende nnd Abertausende von erholungsbedürftigen Auswanderern" nach den Seestädten. Im blaugrünen, schillernden Wasser wird aller Grotzstadtgram versenkt. Der Abscheu, der uns aus Sommertagen vor Babylon erfaßt, taucht unter. Wundervolle Abendstimmungen in den Stunden des Sonnenunterganges besänftigen die Seele. Aber schon erwachen neue Erre­gungen: In der letzten Zeit bemüht man sich, die Geselligkeit in den Seebädern aus eine höhere Stufe zu bringen. Man hat in vielen Orten (o Grauen!! das .mixed bathing", das .gemischte Baden", das wir daheim bescheiden das .Familienbad" getauft, gestattet. Ein Auftuhr altenglischen Entsetzens unter allen ehrsamen Großvätern und Großmüttern des biedern Albions ist die Antwort.

Eine wütende Zeitungskontroverse mtstand. .Wenn das so weiter geht (lehrten die sittsamen Alten fassungslos! wird bald auch keine Spur von unserem lieben Alteng- [aitb zurückbleiben und die Menschen werden bei uns sogar noch schlechter und verdorbener als am Kontinent." Diese Tugendapostel ver­leben den Sommer in tausend Aengsten und Bangen. Die Besorgnis um das Seelenheil ihrer Söhne und Töchter raubt ihnen Appetit und Schlaf. Die guten Leutchen des ehrsamen Zeitalters der Königin Viktoria haben es sich allerdings nicht schwer gemacht, brav zu blei- ben. Sie gehorchten der Ausforderung des Herrn au Abraham, sich zu vermehren wie der Sand am Meer und waren stolz, eine gute Tat für das Vaterland zu vollbringen. Der Nachwuchs freilich begnügt sich mit dem Em- oder Zweikinder-System. Ein ehrwürdiger viktorianischer Bekannter, der mir fein bluten­des Herz über das schreckliche .gemischte Ba­den" ausschüttete, gestand mir selbstbewußt, seine Selige habe ihm seinerzeit . . . elf blü­hende Sprößlinge geschenkt! Aber er fei auch Jein ganzes Leben .ein anständiger Mann geblieben ... * K- B-

London, 25. August. (Eigene Draht- meldung.! Das Straßenbahnkomitee in Liverpool beschloß, die noch ausständigen etwa zweihundertfünfzig Straßenbahner wie­der einzustellen, wenn die Leute es ver­langen. Da diese Forderung der letzte Zank­apfel der Liverpooler Streikenden bildet, dürs­te danach der vollständige Friede dort endlich gesichert fein. Die Verhandlungen

mit dem Ausstandskomitee führt der Vertreter des Handelsamtes, Asquith.

Goldene Hochzeiten en gros.

Einunbdreißig Jubelfeiern an einem Tag. (Von unferm Korrespondenten.)

Aus Warschau schreibt man uns: In der Maria-Himmelfahrts-Kirche" zu Lodz fand an einem der letzten Tage vormittags um neun Uhr ein Festakt statt, wie er sicherlich bisher noch nicht ost vorgekommen sein mag. Es wurden nämlich die golbnen Hochzei­ten von einund dreibig Ehepaaren gefeiert, die zu der Maria-Himmelsahrts-Ge- meinde gehören. Ist das Fest der golbnen Hochzeit schon an sich ein recht seltnes, so ist es gewiß ungewöhnlich, baß zu einet einzigen Kirche einunbdreißig Ehepaare gehören, bie zu­fällig an ein unb bemfdben Tage geheiratet haben, unb bie alle nach fünfzig glücklichen Ehejahren in bet Lage sinb, bieses seltene Ehe­jubiläum zu begehen. Zur Einsegnung biefer Massenjubeltage war unter bet Führung des Probftes Gniazbowski bie ganze Geistlichkeit von Lobz zugegen. Die Beteiligung bet Be­völkerung war ungewöhnlich. Es würbe daran erinnert, daß vor fünfzig Jahren dieselben Ehepaare in dieser Kirche vor dem Traualtar standen. Der älteste von den einunddreißig Ehemännern war 96 Jahre alt, da er bie Eh? im Alter von 46 Jahren eingegangen war; ber jüngste bagegen war erst 68 Jahre, denn er war als Bräutigam erst 18 Jahre alt. Die äl­teste Jubelbraut hatte bas ehrwürbige Alter von 94 Jahren. Sie war bereits zum zweiten Male verheiratet. Die jüngste wat, 65 Jahre alt. Nach ber Einsegnung fanb im Pfarr- Hause ein gemeinsames Fest statt, bas ben Ju­belpaaren von ber Stabtverwaltung unb ber Geistlichkeit gestiftet worden wat.

Eine photographische Aufnahme, die dort veranstaltet wurde, vereinigt alle einunbdreißig Ehepaare auf einem Bilde. Interessant ist. wie groß die Nachkommenschaft der Jubi- lare ist: Ein Ehepaar hat 14 Kinder und 67 Enkel, sowie 32 Urenkel. Die ganze stattliche Familie von 115 Köpfen ist noch am Leben und erfreut sich einer ausgezeichneten Gesundheit. 9tur ein einziges Ehepaar ist völlig kinderlos. Die gesamte Nachkommenschaft aller einund« dreißia Jubelpaare beträgt, wie von einem Vertreter ber Gemeinde während des Festes sestgestellt wurde, rund zweitausend Köpfe. Schließlich möge noch hinzugefugt wer­den. über wieviel Jahre zusammen alle ein« unddreißig Ehepaare verfügten, die zu einer Stunde in der Kirche versammelt waren. Das durchschnittliche Lebensalter war für die Män­ner 75 Jahre und für die Frauen 71 Jahre. Alle Ehepaare zusammen zahlten 4442 Sabre. Da alle Teilnehmer an der Festlichkeit völlig rüstig waren und sich einer ausgezeichneten Gesundheit erfreuten, so stellen sie einen höchst erfreulichen Rekord bar. ber wohl selten er­reicht. geschweige benn Überboten werden wird. Als Kuriosum sei erwähnt, daß alle diese Fa­milien miteinander befreundet sind, und daß achtzehn ihrer Kinder miteinander gleich­falls an einem Tage vor fAsundzwanzig Jahren die Ehe eingingen. Es besteht also durch diese Heiraten zwischen den Familien eine umfangreiche Verwandtschaft. 6in*

$te Politik Ses Lager.

<51 Reckenberg vor dem Rücktritt? Ein Privat-Telegramm meldet uns aus Frankfurt a. M.: Wie der Frankfurter Zeitung aus Dar es Salam Ende Juli berich­tet wird, verlautet dort, daß der Gouverneur von Deutsch-Ostafrika, Freiherr von Re-

chenberg, im kommenden Winter von sei­nem Posten zurücktreten werde. Als sein Nach­folger wird der vorttagende Rat unb derzei­tige Dezernent in bet politischen Abteilung des ReichSkolonialamts, Geheimer Oberregie- rungsrat Dr. Schnee genannt. (Eine B e - stätigung bet Meldung war, wie uns ein Telegramm unseres Berliner B ü- tos meldet, bis heute mittag im Reichs-Kolo- nialamt nicht zu erlangen.!

cZa Arbeitskämpfe in der Pfalz. Aus Kai­serslautern wird uns gemeldet: In der Baumwollspinnerei u. Weberei Lamperts- mühle (Attien-Gesellschaft! sind gestern fünf­zig Arbeiter und zweihundert Arbeiterinnen in den Ausstand getreten. Der Grund ber Ar- beitsnieberlegung ist die Einstellung italie­nischer Arbeitskräfte. Die Streiken­den erklären, die Arbeit erst wieder aufnehmen zu wollen, wenn bie italienischen Arbeiter ent­lassen seien. Die Fabrikleitung hat sich infolge bes Streiks genötigt gesehen, den Bettieb still zu legen.

Friede in ber Metall-Industrie? Wie uns aus Leipzig depeschiert wird, ist ber Lohnkampf in ber sächsisch-thüringischen Me- tall-Jnbustrie bem Enbe nahe. Zwi­schen ben ursprünglich streikenden Arbeitern her Metallwarenbranche unb ben Arbeitgebern sinb gestern erneute Verhandlungen aufgenom- men worben. Die Arbeitnehmer haben bie Forberungen, nut von Organisation zu Orga­nisation zu vethanbeln. fallen gelaffen. Wenn bis heute abenb eine Einigung erzielt wird, wirb bie geplante Aussperrung in Dresben unb Chemnitz unterbleiben. Eventuell kann bie Aussperrung in Leipzig sofort aufgehoben werben.

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Gegenüber ber Meldung eines Berliner Blattes, daß der fünfzehnte Januar nächsten Jahres als Termin bet Reichstagswah­len in Aussicht genommen fei, wird bem Wolfffchen Bureau von amtlicher Seite mitge­teilt, baß darüber noch keinerlei B estim­mun g getroffen ist.

Aus Wilhelmshaven wird berichtet: Auf der hiesigen kaiserlichen Werst lief gestern ber kleine KreuzerErsatz Conbot" glücklich vom Stapel. Bürgermeister Dt. Schwan- bet - Straßburg hielt die Taustebe unb taufte bas neue Schiff auf ben NamenStraßburg".

Neuer vom Tage.

(Depeschen ber Gaffeler Neuesten Nachrichten.!

iS Eifersuchtsdrama in Gharlottenburg. Ein in Gharlottenburg lebender fünfundvierzigjäh­riger Gelbgießer hatte mit feiner Wirt­schafterin ein Verhältnis anaefangen, wurde dabei aber von brennender Eifersucht gepeinigt. Dieses Gefühl richtete in ihm ge­stern solche Verwirrung an, daß er zunächst versuchte, seine Wirtschafterin umzubringen, unb sich bann selbst tötete.

iS Die Verhaftung zweierBankbirektoren". In seiner Wohnung in Treptow wurde ge­stern derBankdirektor" M a x D o st verhaftet. Dost befaßte sich in ber Hauptsache mit der Vermittlung von Hypotheken unb Darlehen. Doch kam es ihm nur barauf an, bie Provision einzuheimsen. Ein gleicher Fall wirb uns aus Kaiserslautern gemelbet: Dort wurde ber Inhaber eines Bankgeschäftes in Kaisers­lautern namens Krell, wegen Wechselfäl- schungen in hohem Betrage verhaftet.

iS Die Tochter seines Herrn aus Rache er­schossen. In dem sächsischen Städtchen Ner­chau schoß gestern nachmittag ein entlassener Knecht die Tochter seines bisherigen Dienst­herrn nieder und erschoß sich bann selbst. Der

Fuhrknecht soll bie Tat aus Rache begangen haben.

iS Beim Scharfschießen tödlich verunglückt. In der Kieler Bucht fand gestern ein Scharfschießen der dort weilenden Linienschiffe statt. Dabei wurde der Martose Prewer so erheblich verletzt, daß an seinem Auskommen gezweifelt wird.

iS Eine Radlerin von einem Auto über­fahren. In Moers am Niederrhein überfuhr Baron Jttersum aus Hartem, der fein Auto selbst lenkte, eine radfahrende Dame. Die Rad­lerin wurde mehrere Meter mitgeschleift, wo­durch ihr Gesicht vollständig zerfleischt wurde. Schuld an dem Unfall trägt der Baron, ber kein Warnungssignal abgegeben hat.

iS Das Brandunglück im Marktflecken. Der oberfränkische Marktslecken Wallenfels, der erst vor kurzem von einem großen Brandun- glück betroffen worben ist, wurde neuerdings von einem verheerenden Feuer heimgesucht. Im Anwesen eines Bäckermeisters entstand ein Brand, bet infolge Wassermangels elf Wohn­häuser und drei Scheunen einäscherte. Eine siebzigjährige Frau ist in ben Flammen umge­kommen.

iS Der Blitz in einer Kinderschar. In der Nähe des Dorfes M a r t i n f e l d auf dem Eichsseld gelegen, ging gestern nachmittag ein schweres Gewitter nieder. Eine Anzahl Schul­kinder wurde von dem Wetter, während sie mit Feldarbeiten beschäftigt waren, überrascht. Der Blitz schlug zwischen sie ein unb tötete bas zehnjährige Mäbchen des Schuhmachers Büch­se!. Mehrere anbete Kinder wurden betäubt, kamen aber bald wieder zu sich, ohne Schaden genommen zu haben.

iS Gtotzfeuet in Breslau. In ber Tuchfabrik von Wetscherenko in Breslau, einem bebeutenben Etablissement, brach gestern Feuer aus .Die Flamemn ergriffen das ganze Ge­bäude und äscherten es völlig ein. Der Scha­den soll bedeutend fein. Von der Feuerwehr- mannfchaft wurden fünf erheblich verletzt.

iS Die neueste Autokatastrophe in Oester­reich. Auf der Fahtt von Men nach Herzogin­burg fauste das Auto eines Pferdehändlers ge­gen einen Kilometerstein. Das Auto wurde vollständig zettrümmert, der Chauffeur ge­tötet und der Besitzer schwer verletzt.

iS Das Unglück auf dem Patrouillenritt. Aus Budapest wird uns telegrafiert: Bei ben großen Militärübungen in Äirowitica ist eine Husarenpatrouille in einen mit morschen Brettern zugebeckten Brunnen gestürzt. Ein Husar unb fünf Pferbe würben getötet.

iS Der Tod im Eafeubahntunnel. Aus Mailand depeschiert man uns: Im Sta­del-Tunnel ber Lötschberglinie wurden beim Vortrieb drei Arbeiter durch einen herab- fattenben Felsblock erschlagen. Die Leichen würben einige Stunben später gefunben und aus bem Tunnel herausgebracht.

iS Der Uebersall auf den Diamantenhänd­ler. Als bei Diamantenhändler Hopton aus London gestern Morgen mit Diamanten im Werte von sechzigtausend Mark, bie er in einem kleinen Hanbkoffer bei sich trug, nach seinem Bureau ging, würbe er von elegant gelleibeten Jnbividuen überfallen. Währenb ber eine ihn würgte, beraubte ihn ber anbere feiner Juwe­len. Beide sprangen in eine in ber Nähe war­tende Autobroschke unb enttarnen.

Das Neueste aus Kassel.

Der Streit um eine Bogenlampe,

Daß kleine Ursachen große Wrkungen ha, ben, konnte man so recht in ber gestrigen Stabtverorbneten-Versamrnlung bei ber Ab­lehnung eines Magistratsantrages ersehen.

a

Moua Lisa.

' DerSchatz bes Louvre" geraubt!

(V on unserm rs-Mitarbeiter.)

Im Louvre in Paris. Wir treten in bie Salle Karree und wir stehen vor den er­lauchtesten Schätzen dieses ungeheueren Muse­ums. Zwei riesige Gemälde von Veronese sind da, einige Raphaels unb Renis, mehrere Tizi­ans, barunter die herrlicheGrablegung Christi" undAlfons von Ferrara und Laura de Dianti", bann bas in feinen Farben so köst­licheConcert champetre" des Giorgione, bie schlafenbeAntiope" des Corregio, bieMarie- Marguerite" bes Velasquez in ihrer steifen Ko­stümpracht unb enblich Leonardos wundervolle Mona L i f a. Man tritt in diesen Raum wie in einen Tempel. Man betrachtet diesen unerhörten Reichtum und ist wie berauscht. Und bann steht man vor Leonardos Meister­werk, sieht in bas rätselhaft lächelnbe unb rät­selhaft belebte Antlitz bei Mona Lisa unb man begieift, baß sich um bieses Bilb ein Kieis bei seltsamsten Sagen schlingen konnte. In Millio­nen von Repiobuttionen ist bieses Bild hinaus- gegangen und hat bie Menschen entzückt. Unb Tausende sind nach Paiis gewallfahttet, nui, um einmal Mona Lisa ins Antlitz zu schauen. Denn sie alle haben dieses Bild geliebt. Sie alle hat die unerkläiliche Schönheit dieses Wei­bes beiühit; und die Phantasie zahllose! Künst­let hat sich an diesem Gemälde entzündet.

Und nun ist dieses Bild gestohlen wot- ben. Aus bie merkwürdigste unb geheimnis­vollste Weise ist es verschwunden. Unb nie­mand kennt ben Dieb. Eines Morgens finden die Museumsdiener den Rahmen leer. Zuerst glaubte man, daß irgend ein Kunsthändler es mitgenommen habe, um es zu photographischen Aufnahmen zu benutzen. Dann bermutete man »inen Scherz. Bis man schließlich erschreckt -insehen lernte, daß es sich um einen Diebstahl handelt. Während der Nacht ist der Dieb aus seinem Versteck gekrochen, hat das Gemälde aus dem Rahmen gelost und ist am Morgen, als man die Tore öffnete, hinausgegangen. Nie­mand hat ihn bemerkt. Niemand einen Ver­dächtigen gefehen. Keiner weiß, gegen wen ber Argwohn sich richten foll. Die Phantasie tastet im Dunkel. Wars ein gewerbsmäßiger Mu- fenmsdieb? Unmöglich. An solch unverkäuf­liche Objekte wirb feine Hanb niemals rühren. Warb ber Staub, wie es schon heißt, von einem amerikanischen Multimillionär angezettelt? Man mag an eine solche Niedertracht nicht glauben. Ober handelt es sich nur um den

Racheakt eines entlassenen Museumsbe­amten?

Hier beginnt eine Wahrscheinlichkeit. Aber nur eine leise. Sollte es nicht eher möglich fein, baß ein hungriger oder verrückter Maler diese Tat beging? Irgend so ein Maler von der Butte von Montmartre ober aus einem ber kleinen Gäßchen des lateinischen Viertels. Viel­leicht ein talentloser Pinsler, der nach lahre- langem Mühen endlich erkannte, daß er nichts kann und niemals etwas können wird. Unb der nun in einem Rausch ber Zerstörungswut nach einem bei Heiligtümei langt, um es zu vernichten. Ist bas nicht möglich? Ober viel­leicht war es ein junges Talent, vom Großen- wahnsinn angefault, unbeachtet unb unbekannt, bas plötzlich auf bie Jbee kam, sich für ben Gleichmut ber Menschheit zu rächen unb eines ber größten Wunder zertrümmerte, das bie Kunst uns bescherte. Wer weiß es? Es gibt solche Menschen, bie aus dem Wirbel aussichts­loser Kämpfe zu derartiaen Taten schreiten. Es gibt Menfchen, die an ihr schmächtiges Talent glauben und den Gleichmut ber Menschen wie ein surchtbares Unrecht empfinden. Sie sehen sich eingekeilt in Not, sehen nirgends die Aus­sicht auf Erfolg, nirgends die Dämmerung bes­serer Tage, fühlen sich abgefchnitten von allen Möglichkeiten, auf den Markt zu treten und zu Geltung zu kommen: und in ihrer Ahnung er­wacht die Gewißheit von einem Elend, aus dem keine Wege führen. Die Lust am Schaf­fen und die Freude am Zerstören: beide Lei­denschaften wohnen als Nachbarn in ber menschlichen Natur. Unb aus Neid unb Rache sinb schon ganz anbere Taten entsprungen.

Ober sollte die Schönheit der Mona Lisa bie schlasenben Instinkte irgenb eines Un­bekannten erregt haben, baß er beschloß, bieses Weib zu entführen, um es ben Augen ber Menge für immer zu entrücken, bamit er allein bas Gastrecht ihrer Anmut besitze? Vielleicht war es ein Phantast, ber biefen küh­nen Raub ersann. Einer, ben ber schleierhafte Blick Mona Lisas faszinierte unb bie lässige Ruhe ihrer herrlichen Hänbe begeifterte. Was wissen wir? Wir wissen nichts! Wir sehen nur, baß ber Rahmen erbrochen unb baß bas Werk bem Leonarbo vier Jahre seines Lebens opferte, gestohlen ist. E in B ilb g est o hl en! Unb biefe Tat geht nicht nur eine Stabt an, nicht nur ein Lanb, fonbem bie ganze Kultur­welt. Es ist ein Verbrechen, das an jedem Einzelnen von uns begangen ward. Ein Fre­vel, ber burch nichts gesühnt werben kann. Was liegt ber Menschheit baran, wenn ein Einbrecher bie Bank von England um eine

Million Pfund Sterling prellt. Geld ist Geld und läßt sich ersetzen.

Was schert es uns, wenn ein Gauner einen Juwelier um ein Perlenkollier beraubt. Das Meer ist reich an Perlen. Aber Meister Leo­nardo hat nur einmal gelebt. Und er hat Mona Lisa nur einmal gemalt. Und wenn ein solches Werk geraubt wird und verschwin­det, so ist das ein Verlust, der uns alle ärmer macht, so ist das ein Raub, der jeden trifft. So ist das etwas, für das es keinen Erfatz gibt. Jeder Mensch hat einen Gegenstand, der ihm befondersheiligist. Es kann der Ring der Mutter fein, eine Haarlocke der Geliebten, ein Spielzeug aus der Kindheit. Irgend etwas, an dem eine Erinnerung haftet und das durch das Gefühl geheiligt ist. DiesenGegenstanb wird man als ein besonderes Kleinod verwahren. Wie einen Talisman wird man ihn schützen. Denn der frommen Einfalt des Herzens scheint es, daß unser Schicksal mit bem Schicksal bes teuein Gegenstandes irgendwie verwoben fei. Es mag Torheit fein. Aber das Herz glaubt es, weil es glauben will. Und darum wird der Mensch eifersüchttg darüber wachen, daß das kleine Heiligtum nie verloren geht. Die ganze Kultürmenschheit hatte einen solchen Talisman: Das verlorene Bildnis der Mona Lisa , . .! Hermann Bagusche,

Roch Immer keine Spur...!

(Privat-Telegramm.)

Wie aus Paris berichtet wird, wurde der Louvre im Laufe des gestrigen Tages wie­derum bis in die letzten Winkel untersucht: Ohne jedes Ergebnis! Die gerichtliche Untersuchung ist bis jetzt ebenso aussichtslos gewesen. Auf eine Anzeige hin hat der Unter« fuchungsrichter Veranlassung genommen, ge­wissen Reisenden nachzuforschen, welche sich Dienstag mittag auf dem DampferLa Cham­pagne" in St. Razaire nach Südamerika eingeschifft haben. Da man auf dem Schutzglase eine Reihe von Fingerab­drücken gefunden hat, hat heute die Polizei­präfektur die Fingerabdrücke von allen Wäch­tern, Arbeitern, Photographen und Kopisten genommen, die letzten Montag im Louvre Zu­tritt hatten. Ein Beamter erklärte übrigens dem Untersuchungsrichter, er habe am Montag vormittag auf bem Orsay-Bahnhof einen Mann mit einem in einer Pferbebecke eingeschlagenen Bilb in großer Eile in einen Zug nach Bor- beaux eintzeigen sehen. Der Orsay-Bahnhof

befinbet sich in ber Nähe deS Louvre. Die Sicherheitsbehorbe würbe benachttchttgt unb nahm Nachforschungen in ber Richtung nach Borbeaux auf, bie inbeffen bisher ebenfalls er­gebnislos gewesen sinb.

Der Kaiser in denJournalisten".

Die gestrige Ausführung im Hoftheater.

Im Hoftheater ging gestern neu ein« stubiert unb in neuer kostümlicher unb szeni­scher Einrichtung Gustav Freytags unverwüst­liches Lustspiel:Die Journalisteu" in Szene, unb bie Hofbühne erfreute sich auch bei biefer Aufführung wieher bes Befuchs bes K a i f e r s, ber mit ber Prinzessin Viktoria Luise ber Vorstellung vom Beginn bis zum Schluß beiwohnte unb ber Aufführung mit sichtlichem Interesse folgte. Das Stück gewann in ber historisch-getreuen äußern Form außer« orbentlich an Wirkung, unb da auch bie Dar­steller vom Glück begünstigt waren, so gestal­tete sich ber Abenb zu einem glänzenben Erfolg bes Hoftheaters, ben auch ber Kaiser vorbehalt­los anerkannte, inbem er nach ben Aktschlüssen lebhaft Beifall spenbete, unb später auch bie Träger ber Hauptrollen (bie Herren Alberti, Berenb, Bohnöe, Herzberg unb Pickert) sowie bie Herren Oberregisseur Hertzer unb Obermaschineninspektor Watz - muth empfing, um ihnen noch persönlich für bie glänzenbe Ausführung Dank zu fügen.

Die gestrige Aussührung Hai m. E. den Be­weis erbracht, baß bieJournalisten" in der der Entstehung des Lustspiels angepaßten Ko­stümierung eine weit intensivere Wirkung er­zielen, als in der auf bie Gegenwart zuge- schnittenen Form. Die historische Treue in Ko­stüm unb Szenerie erhöht ben Effekt ber Dar­stellung um ein Beträchtliches unb gibt ber Aufführung erst ben passenden Rahmen. Unter bett Trägern ber Hauptrollen ragten gestern befonders bie Herren Alberti (Bol,!, S tri al (Bellmaus!, Bohnse (Oberst Berg) unb Pickert (Schmock! hervor; Herr Herzberg stach als Professor Oldenborf ba­gegen sichtlich ab. Vielleicht lag das an ber Eigenart feiner Auffassung ber Partie, bie mehr Zurückhaltung offenbarte: jedenfalls kam ber Olbenborf nicht sonderlich zur Geltung, und der Erfolg der Partie litt darunter sicht­lich. Als Adelheid Runeck bot Frau Bohr­hammer eine glänzende, sorgfältig berech­nete und abgetönte Leistung. Auch die übri­gen Partien befanden sich in guten Händen, so­daß der Abend eine in jeder Beziehung voll- werttae Gesamtleiftuna erbrachte..^ W