Einzelbild herunterladen
 

Nr. 221.

Erster Jahrgang.

Lsffrler Muestr Mschrichtrn

1. Beilage.

Donnerstag, 24. August 1911.

Handwerk und Gewerbe.

Der zwölfte Deutsch« Handwerks, und Gewerbekammer-Taq.

lBericht «nsers Korrefpondenten.)

" Düsseldorf, 23. August.

Im groben Saale der Tonhalle begann ge­stern (wie wir schon kurz telegraphisch berichte­ten) unter Teilnahme von Vertretern der Reichsbehörde und der Bundesstaaten sowie bet Lokal- und Provinzialbehörden und sämt­licher deutschen Handwerks- und Gewerbe­kammern die erste Hauptversammlung des zwölften Deutschen Handwerks- und Gewerbekammer-Tags, dem das Herrenhausmitglied Obermeister Plate- Hannover präsidiert. Nach den üblichen Be­grüßungsansprachen und der Vorlegung des Geschäftsberichts sprach an erster Stelle der Sdndikus Dr. W i l d e n - Düsseldorf über: .Kommunale Handwerksförde- tunfl". Der Redner.verlangte die Errichtung von Handwerker- und Gewerbeausschüflen zur Beratung und Begutachtung von Anträgen und Maßnahmen zur wirtschaftlichen und sozialen Förderung des Handwerks: Die Einrichtungen für die Berufswahl sind von der Gemeinde zu kördern.

Die Bildung der Handwerker

ist zu heben und zwar durch die Errichtung und Unterstützung von Foribildungs- und Fachschu­len. Gemeinsam mit der Fortbildungsschule und den Vertretern des Handwerks soll sich die Gemeinde an der Jugend-Für­sorge beteiligen, besonders an der sittlichen und staatsbürgerlichen Erziehung. Ferner sol­len die Gemeinden für die Geschmacks- bildung der HandweAer und die Verede­lung der Handwerksarbeit durch Schaffung guter Vorbilder oder durch die Un­terstützung gelegentlicher Ausstellungen wir­ken. Der wirtschaftlichen Förderung des Handwerks durch die Gemeinden und damit dem Handwerk dient vor allem eine gute Re­gelung des Verb in gungs wesens. Bei der Vergebung der Arbeiten soll sich die Ge­meinde nicht ausschließlich von ihrem geschäft­lichen Interesse als Auftraggeberin leiten las­sen, sondern auch

die berechtigten Interessen des Handwerks berücksichtigen. Auch sollen die Gemeinden es unterlassen, die handwerkschädigenden Unter­nehmungen zu betreiben und in den schon ohnehin für daL Handwerk schwierigen Kon­kurrenzkampf zu dessen Ungunsten einzugreisen. Die Betriebskrast, wie Gas und Elektrizität, soll an die Handwerker zu günstigen Bedin­gungen abgegeben werden. Das Gewerbe­steuersystem ist zu verbessern durch die Ein­richtung . besonderer Gemeindegewerbesteuern auf Grund des Kommunalabgabengesetzes an Stelle der üblichen Zuschläge zur staatlich ver­anlagten Gewerbesteuer. Der Redner legte schließlich eine Reihe entsprechender Leit- sätze vor. di« einstimmig angenommen wurden. Hierauf sprach Syndikus Dr. Pa es ch k e - Breslau über: .Die Versi­cherung der Privatange st eilten". Der Redner meinte, daß der Gesetzentwurf aus dem Rahmen der allgemeinen Invaliden­versicherung herausfalle und damit wieder das eben abgeschlossene Werk der Vereinigung der sozialen Gesetze zerstört werde. Durch Annah­me des Entwurfes würde

der soziale Frieden nicht gefördert, sondern zerstört werden, denn das Gesetz bringe denjenigen Personen, die dadurch ver­sichert werden, eine Anzahl von Sonder- Vorteilen, die die durch das allgemeine Gesetz versicherten Personen nicht erhalten ha­ben: Die Organisation der Versicherung ist zu kompliziert und kostspielig. Zu bemängeln ist auch, daß eine Mitwirkung der Beitragspflich­tigen bei dem Direttorium nicht vorgesehen ist. Für diejenigen Personen, denen staatlich gelei­

tete oder beauffichtigte PensionSkassen minde­stens dieselben Rechte hse^n, wie es die Reichs- Versicherung tut, hat der Versicherungszwang wegzufallen. Der Kostenaufwand, der durch die Doppelversicherung und die Kosten der be­sonderen Verwaltung entsteht, ist übermäßig und daher nicht zu billigen. Der Deutsche Handwerks- und Gewerbekammertäg kann da­her einem derartigen Gesetzentwurse nicht zu stimm en. Nach einer kurzen Debatte wurden die Leitsätze des Referenten gegen vier Stimmen angenommen. -we-

Aus aller Welt.

Der Pfarrer von Wilslebea.

(Von unferm Korrespondenten.)

Man schreibt uns aus Magdeburg: Recht eigenartige kirchliche Verhältnisse haben sich in dem Dorfe Wilsleben bei Aschers­leben entwickelt. Dort amtiert gegenwärtig der V a st o r Palm, trotzdem er, vor einiger Zeit für geisteskrank erklärt worden ist. Pastor Palm ist in Wilsleben seit zweiundzwanzig Jahren als Geistlicher tätig und erfreut sich bei seiner Gemeinde großer Beliebtheit und Anhänglichkeit. Dagegen stand er von Anfang an mit seinen Amtsbrüdern und der sogenannten .guten Gesellschaft** der Umgegend nicht gut, da allerlei Klatsch über ihn im Gange war.

Pastor Palm wollte sich den unliebsamen Verhältnissen entziehen und eine andere Pfarr­stelle annehmen. Er verlangte aber, daß er eine besser dotierte Stelle, oder aber zugleich einen Orden erhalte, damit der Stellenwechsel von feinen Gegnern nicht als Rückzug ange­sehen werden könnte. Auf dieses Verlangen ließ sich aber das Konsistorium nicht ein. Es ist begreiflich, daß Palm irr den verschiede­nen Eingaben an seine kirchlichen Vorgesetzten einen immer schärferen Ton anschlug, der ihn in den Verdacht brachte, ein Querulant zu sein. Zuletzt bezichtigte Palm einen Amtsbnr- der, den Klatsch gegen ihn verbreitet zu haben, und unterbreitete sein Material dem Konsisto­rium mit der Bitte um eine Untersuchung. Der Amtsbruder klagte hierauf gegen Palm wegen Beleidigung, und es stand ein großer Skandalprozeß zu erwarten. In diesem Stadium der Angelegenheit gaben zwei Kreis­ärzte ihr Sachverständigen-Urteil dahin ab, daß Palm querulierender Para­noiker fei und sich in einem Geisteszustände befinde, der die freie Willensbestimmung auf­hebe. Der Pastor.war also für geistes­krank erklärt, blieb aber dennoch in feinem Amte. In der Folge ging er in ein Sanato­rium, um sich durch eine medizinische Autorität bxobachten zu kaffen und erhielt daraufhin von dem bekannten Berliner Psychiater Dr. Leppmann das Zeugnis, daß er sich im vollen Befitz seiner Geisteskräfte befinde. In einer Eingabe des Geweindekir- cheurats an das Konsistorium, in der Pastor Palm in Schutz genommen wi.rd, heißt es über diesen:Die ganze Gemeinde, steht hinter uns, wenn wir versichern,, der. Herr Pastor Palm gilt hier allgemein nicht bloß als ein hochin - telligenter Mensch und als ein durch- aus vornehmer Charakter, sondern auch als ein vollkommener Ehren­mann, dem niemand jemals eine Handlungs­weise zugetraut hat, die ihn ins Gefängnis ge­führt haben würde . . ." Der letzte Passus be­zieht sich aus das Gerücht, Pastor Palm habe eine strafbare Handlung begangen und er fei nur deshalb entmündigt worden, um ihn vor dem Gefängnis zu bewahren. -or-

A. O. Weber" und kein Ende!

Wie aus Berlin berichtet wird, hat der Vor­mund der Frau A. O. Weber, verwitweten Frau Major von Schönebeck, gegen

ihren Ehemann, den Schriftsteller A. O. We­ber, eine Klage eingereicht, die fowohl juri- stifch wie tatsächlich sehr interessant ist. Er klagt nämlich auf Feststellung, daß die zwi­schen beiden Ehegatten in Loudon geschlossene Ehe nicht zu recht besteht. Er bezieht sich darauf, daß Weber in einer Eingabe an das Vormundschaftsgericht die Giltigkeft der Ehe angezweifelt hat, weil bei der englischen Trauung ein Formfehler unterlau­fen sei. Gegenüber der Klage wird von dem Rechtsbeistande des Beklagten, dem Rechtsan­walt Walter Bahn, geltend gemacht, daß We­ber diese Bemerkung in den Bormundschasts- aktennur nebenbei** gemacht habe, und daß er bisher noch keinen Versuch unternommen habe, die Giltigkeit der Ebe anzufechten. Die Feststellungklage setze auch juristisch voraus, daß ein dringendes Interesse an alsbaldiger Fest­stellung vorläge. Das fei aber hier nicht der Fall, denn vorläufig läge gar kein Intereffe vor, das Rechtsverhältnis zwifchen den Ehe­gatten festzustellen. Auf den Ausgang des be­vorstehenden Prozesses in der Angelegenheit darf man also gespannt fein.

*

Das Ende der Pfeilaffäre.

Man schreibt uns aus Berlin: Die ge­schiedene Gräfin Stefanie von Pfeil und Klein-Ellguth, über deren vergebliche Kämpfe um Wiedererlangung ihrer beiden Kinder und deren Erlebnisse mit den Zivil­und Militärbehörden wir fein cts ett eingehend berichtet haben, hat sich nunmehr in ihr Schick­sal gefunden. Bekanntlich hat die Gräsin schon vor einiger Zeit ihren Namen abgelegt und ihren Mädchennamen als Tochter des Gehei­men Hofbaurats H e i m in Berlin wieder an­genommen. Wie jetzt bekannt wird, hat sie sich in diesen Tagen mit dem Baron von Rö­merin Luzern verheiratet und damit ihren kürzlich ausgesprochenen Verzicht auf die beiden Kinder zu einem endgültigen ge­macht. Die beiden Kinder befinden sich be­kanntlich in der Obhut des konservativen Reichstags- und Landtagsabgeordneten Frei­herrn von Richthofen auf Wertschätz und wä­ren. nachdem sie fast ein Jahrzehnt ihrer Mut­ter entfremdet waren, dieser auch bei einem andern Ausgang ihres Rechtsstreites innerlich wohl kaum noch zurückzugewinnen gewesen. Man kann deshalb der nunmehrigen Baro­nesse Romer nur wünschen, daß sie in ihrer neuen Ehe die traurigen Erlebnisse ihrer ersten bald vergessen möge.

Korff-König" und Comp.

Der höchste Gerichtshof in Kalkutta hat (wie wir schon kurz mitgeteilt haben) verfügt, daß der unter dem Verdacht des gewerbsmäßigen Falschspiels stehende Hochstapler Stall- mann, der unter dem Namen eines .Ba­ron Korff-König** aufzutreten pflegte, aus der Haft zu entlassen sei und daß dem Er­suchen der deutschen Gerichtshöfe, ihn auszu­liefern, nicht stattgegeben werden könne. Ob diese Meldung den Tatsachen entspricht, ist vor­läufig noch nicht sicher, wenigstens ist (tote ver­lautet) auf dem Berliner Polizeipräsidium bis jetzt noch keine amtliche Bestätigung der Nach­richt eingetroffen und bei den in Frage kom­menden Stellen steht man sogar mit einiger Entschiedenheit auf dem Standpunkt, daß die Nachricht in der toiedergegebenen Form nicht auf Richtigkeit beruht. Wie dazu von infor­mierter juristischer Seite mitgeteitt Wirb, wird der Beschluß des höchsten Gerichtshofes in Kalkutta, für den Fall, daß er tatsächlich gefaßt worben ist, auf bie Fortführung ber Vorunter­suchung gegen bie Komplizen Stallmanns, un­ter benen sich bekanntlich G ra s Wolff Metternich, der Rumäne Bujos. Frei­herr Schenk von Schweinsberg, .Graf** be la Stamme, ber Englänber New­ton, ber Franzose Thiebault unb ber Leutnant a. D. Niemela befinden, keinen verzögernden Einfluß haben. Im Gegenteil.

bie Untersuchung wirb ruhig fortgeführt wer­ben unb dürfte sogar bei weitem eher ihren Abschluß erreichen. Man wird eben jetzt nicht mehr auf das Eintreffen Stallmanns warten, fonbern gegen b t e j e n i g e n Falschfpieler ber- hanbeln, die sich bis fetzt in den Händen ber Polizei befinden.

Walbbränd« und Hochwasser in Tirol.

Aus Tirol treffen in ben letzten Tagen fori* laufenb Htobsposten über eine Anzahl neuer Wald- unb Torsbrände ein, bie zum Teil Wegen ber herrschenden Dürre große Aus- behnung annahmen unb noch fortbauern. So hat sich der Waldbrand bet Landro weiter ausgebreitet. Glücklicherweise befindet sich der Feuerherd hauptsächlich in ber Höhe, unb bie breiten Schutzgräben, bie zur Eindämmung des Branbes aufgeworfen würben, dürsten Wohl ein Uebergreifen auf bie tiefer gelegenen Wald- beftänbe verhüten. Sollte sich bas Feuer boch nach ber Tiefe ausdehnen, fo müßten die Fortiftkationsanlagen von San« bro unb bie Milttärbaracken geräumt wer­den. Ein zweiter Waldbrand wütet im Vintschgau. Dort stehen (Wie schon mit­geteilt) die der Gemeinde Schlanders gehöri­gen Wälder im Schlandernauntale, einem klei­nen Seitentale des Vintschgau. in Flammen, und es gelang bisher nicht, das Feuer einzu­dämmen. Wohnhäuser sind nicht gefährdet, dagegen ist der Schaden besonders empftndlich, da große und sehr wertvolle Holzbestände ben Flammen zum Opfer fielen. Weitere Wald- hränbe werben aus Prutz und aus D a l a a s gemelbet. Aus bem Oetztal treffen Nachrichten von katastrophalem Hochwasser ein. In ber Nacht zum Dienstag ist ein starker Wolkenbruch niebergegangen und die Oetztaler Ache ist aus ihrem Bett getreten. Die Ort- fchaften Langenfeld und Astlehn liegen un­ter Waffe r. Die Bewohner mußten die Häuser räumen. Das Wasser hat das Bade­hotel in Lengenfeld bereits erreicht unb steigt fortwährend. In Umhaufen ist die Straße zerstört und die Postverbindung unterbrochen. Die Ache reißt überall Brücke« und Stege Weg. Die Gefahr ist sehr groß. In Franzensseste ging in der Nacht zum Diens­tag ebenfalls ein starker Wolkenbruch nieder. Aus ber Strecke von Franzensfeste nach Mit-' tenWatb sinb famtliche Brücken fort- gerissen worden, sodaß die Straße sür den Bahnverkehr gesperrt ist.

*

Wenn die Hausfrauen streiken ...

Ein eigenartiger Streik der Hausfrauen ist in der Umgegend von Maubeuge in Frankreich zum Ausbruch gekommen. Dort: weigern sich nämlich die Hausfrauen, weiter­hin Butter. Milch und Eier zu kaufen, wegen der unverschämt hohen Preise, die die Verkäufer feit einiger Zeit verlangen. Die Aufregung infolge des Streiks ist fo groß, daß Polizei, Gendarmerie und Soldaten für die Sicherheit der Landleute folgen müssen, die mit ihren Probutten in die Stadt kommen. Es hat sich fogar ein Komitee der streiken­den Frauen gebildet, deren Vorfitzende kürzlich gelegentlich einer Manifestation ver- haftet, aber bald wieder frei gelassen wurde. Zuletzt mußten die Verkäufer sich dazu verste­hen, ihre greife herabzusetzen und die Bevölkerung dankte den Manifestantinnen da­für mit Blumensträußen. In einem Dorfe bei Maubeuge hielten die Hausftauen ben Wagen eines Lanbmannes an unb zogen ben Bauer bis aufs Hemb aus. Der arme Mensch mußte bann im Abamskostüm in fein Dorf zurückkeh­ren. Weitere Manifestationen sind angekün- bigt unb man befürchtet, baß sich ein Arbeiter- synbikat bet Bewegung anschließen Wird. In mehreren Orten Wurden Strohpuppen herum- getragen, die die Lebensmittel verteuernden Landleuie vorsiellen sollten, und dann ver­brannt.

Verzeihung...!

Skizze, von Alfred von Hedenstierna.

Die Frau des Gutsbesitzers auf Torpa war flut unb schön, aber zart unb schwächlich, unb konnte nicht, wie ihre Vorgängerinnen in ber Familie, ihren Erstgeborenen selbst nähren: Vor dreißig Jahren war bas Vertrauen zur Flasche geringer als heute, unb eine gefunbe. unbescholtene Kätnerfrau aus Björkeboda kam habet als Amme ans ben Herrenhof. Der Keine Karl ber Herrschaft wuchs unb gedieh, aber ber kräftige Sven ber Kätnersleute, ber Kuhmilch von verschiedenen Wärmegraden trinken mußte, gedieh ebenso gut. Oft wurde er von der gro­ßen Schwester zu Besuch nach dem Gutshof ge­bracht, und ber Sohn beS Gutsherrn und ber Sohn des Kätners begannen miteinander zu spielen, ehe sie noch gehen konnten.

Der Tag kam, da bie Amme ihr Amt auf dem Gutshöf erfüllt hatte unb zurückging zu ihrer Kate, ihrem Mann unb ihren Kühen. Sie blieb von nun an jedoch, schien es, ein wenig vornehmer als andere Kätnerfrauen, kam öfter nach dem Gutshof als diese, wurde traktiert unb sprach lange unb vertraulich mit ber Frau des Hauses, benn wennBlut dicker ist als Wasser,** so ist es auch wohl dasselbe Verhält­nis mit ber Milch. Und stets begleitete ber kleine Sven, Karls Milchbruder, seine Mutter nach Torpa und spielte und tobte bort nach Herzenslust, bis Karl in ber Lehranstalt ber naben Stadt auch zu lernen begann, Wie man mit dem alten Schulgewehr umzugehen hatte, bis auf das Schießen selbst natürlich, das da­mals für Knaben als gefährlich erachtet wurde. Da rief Karl zu Beginn ber Sommerserien ben Kätners-Sven zu sich, eröffnete ihm seine Ab­sicht, Oberst zu werden, und beauftragte Sven, ihm für ben nächsten Tag ein Kätnerjungen- Regiment vorzuführen. An Zahl glich das Re­giment kaum einer halben Kompagnie, aber es stand zur festgesetzten Zeit bereit unb lernte halb, sehr schön vor dem Oberst Karl zu desi- Hcren, wobei Sven zum Major ernannt unb von seines Obersten eigener Hand dekoriert wurde.

Unb Oberst Karl machte bie Äabetientoule

durch und Major Sven die Schreinerlehre, unb einige Jahre später stauben sie beide in dem richtigen** Regiment ihrer Heimat. Allerdings war der Oberst zum Leutnant begrabiert unb ber Major zum Gemeinen, aber es War fast ebenso lustig Wie früher, weil ber frühere Major als bes Leutnants Kalfaktor stets in bei Nähe bes früheren Obersten sein durfte.

Doch Sven wurde im Lause der Jahre ein anderer: man überraschte ihn immer häufiger in trunkenem Zustand, und er gab nicht selten Anlaß zu disziplinarischen Bestrafungen. Leut­nant Karl sprach ernst mit ihm, nicht nur als Offizier mit einem Mann im Gliebe, fonbern allein, bittenb und vertraulich, hatte aber boch den Kummer, daß er immer Wieder für gerin­gere oder gröbere Versehen bestraft wurde. Sven war intelligent, aufmerksam, pünktlich und meistens auch nüchtern, aber nie ganz zu­verlässig.

Die erste Tienstmaßregel des Cberftcn Karl als neuernannter Hauptmann war die, daß er bem Milchbruder erklärte, es wäre das beste, wenn er so bald als möglich seinen Abschied vom Regiment nehmen wollte, damit er der schimpflichen Streichung aus seinen Reihen entgehe. Das war unmittelbar vor ben Waf­fenübungen im Frühling, und Sven antwor­tete demütig und ausweichend, doch er blieb. So ging es in den Sommer hinein: aber dann kam ein Tag, da Haupttnann Karl ihm sagen mußte, daß er bei bem nächsten Versehen ben Abschied bekommen, boch keine Gelegenhett mehr haben Werbe, ibn zu nehmen. Wollte er nun gehen ober nicht?

Svens junge Frau kam in das Sager, bat und weinte, und als sie ging, trat durch die­selbe Tür Karls alte Amme ein, Svens Mut­ter, fiel auf die Knie und fleht« unter Schluch­zen nochmals um Gnade für feinen Sohn. Aber sie erkannten den fonst fo gütigen unb nach­sichtigen Hauptmann Karl nicht Wieber. Auf all ihre Bitten hatte er nur ein hartes, kaltes:Es ist unmöglich!** als Antwort. Rur ein freund­liches Wort sprach er zu Sven, als dieser nach erlittener Strafe und erhaltenem Abschied mit Tränen in den Augen vor ihm stand, um ihm Lebewohl zu sagen.

Zwei Tage nach Schluß der Hebungen komme ich nach Torpa, und am Tage daraus, um elf Uhr findest du dich bort ein, bann wer­ben wir über beine Zukunft reben. Hier hast bu inzwischen eine Kleinigkeit für bich unb deine Familie, falls bu nickt gleich Tischlerarbeit sin- ben solltest. Adieu!** Sven, seine Frau unb bie Mutter waren zerknirscht vor Kummer über bas Geschehene, doch sie schwebten zwischen Furcht und Hoffnung betreffs deS zu erwar­tenden Gefpräches mit dem Hauptmann.

Ans Torpa Waren inzwischen der Gutsherr und seine Frau beretts nach ihrer letzten Ruhe­stätte gebracht. Die Frau des Hauptmanns Karl, bie nun in Küche unb Vorratsräumen regierte, ließ Sven mit einer guten Mahlzeit empfangen, bei ber nichts fehlte außer . . . dem Schnaps. Rach einer mit dieser Mahlzeit an­genehm verbrachten halben SMnde Wurde Sven von dem Hauptmann begrüßt, ber ihm befahl, ihn auf einer Tour über die Felder zu begleiten.

Kein Wort über feineZukunft** l

Nachdem sie eine Weile gegangen Waren, begann der Hauptmann, freundlich über alles Mögliche zu reden, in einem ganz anderen, viel milderen Ton, als er es bei feinen dienstlichen Strafreben zu tun pflegte.

Aber noch immer nichts von Svens Zu- tttnft!

Da verließen sie die Felder und tarnen hinaus auf bie Weideplätze unb zu ben Katen. Der Hauptmann ging auf eine von btefen zu, unb Sven folgte ihm. Sie betraten bas ge­räumige Wohnbaus, bas aber fast aller Möbel entbehrte. Dann gingen sie hinaus, nahmen die Scheune in Augenschein unb die eingefah­rene Saat, bie sehr reichlich zu sein schien, unb bie heiben Kühe, bie schön unb wohlgenährt Waren. Auch bie Felber waren in guter Ord­nung. An zweck.-irrigen Lebewesen sahen sie nur eine aste F' ;t. bie sich still und leise in ben fast leeren 7, den bewegte.

Unb nun -n Hner Zukunft, Sven. Was würdest tot hart agen, wenn bu sie hier zu- bringen lönnfcjt? rief ber Hauptmann endlich aus.

So-" ~ ' Augen nieder und antwor- tete schwermütig:

Wenn selbst die Kate frei Wäre unb bet Hauptmann sie einem solchen Lotterkerl Wie ich zu überlassen Wagte, fo hätte ich ja keinen Ort, um das Vieh und die Geräte zu kaufen.

Da schlug der Hauptmann ihm vergnügt aus die Schulter itnb sagte:

Die Kühe können mft Leichtigkeit beute HausgerÄe heute abend noch herziehen, sodaß bu und die Deinen heute Nacht hier schlafen können. Morgen früh, denke ich, Wird es dort brinnen im Hause weniger öde aussehen.

Aber Herr Hauptmann. . .**

Ja, bie Kühe unb das Hausgerät haben nur einen einzigen Fehler: sie können nicht ver­trunken unb nicht verkauft Werben. Einen Kaufvertrag für die bewegliche Habe, durch den alles hier und deine eigenen Sache« an mich verkauft werden, mußt bu unterschreiben, ehe bu hineinziehen barfft. Verkaufst bu dann auch nur ein Kalb ober einen Stuhl, so bist bu ein Dieb, unb daß bu bas nicht werden willst, Weiß ich.**

Nun begann Sven allnrählich zu begreifen. Et zitterte an allen Gliedern und fand kein Wott des Dankes. Der Hauptmann fuhr fort:

Tu bekommst es nicht umfonft, mein Gu­ter. Eine Tagesarbeit in ber Woche ist der Preis. Der frühere Kätner machte zwei. Unb in meinem Testament ist ber Kaufvertrag auf deine Mutter überschrieben, die ihre Enkel zu fehr liebt und die Schwächen ihres Sohnes zu gut kennt, um die Zügel locker zu lassen/*

Sven wurde blutrot, und Tränen strömten aus feinen Augen, als er schluchzend sagte:

Wie kann der Herr Hauptmann nur so gut gegen mich fein! Rach ber Strenge beim Re­giment kann ich nicht begreifen, warum ber Herr Hauptmann bas alles für mich tun . . .**

Beim Regiment haft bu bie Truppen unb ihren guten Geist unb dadurch alfo das Vater­land geschädigt, bort konnte ich dir nicht län­ger verzeihen. Hier kannst du niemandem schaben als bir selbst, ben Deinen unb mir. Ich habe bas hier getan in der Berechtigung, zu verzeihen, so lange ich selbst es will, ohne daß es einen Außenstehenden etwas angeht. Glückauf, Sven! Grüße deine liebe Frgu ugb deine Mutter...!**