Nr. 218. — 1. Jahrgang
Casseler Neueste Nachrichten
Sonntag, 20. August 1911.
Deutschland Verhaftung drohte, eines Tages nach Amerika entschwunden. Damals drohte gerade der spanisch-amerikanische Krieg auszubrechen. Schiemangk bot dem amerikanischen Kriegsminister die Bildung eines aus alten gedienten deutschen Soldaten bestehendes zwölfhundert Mann starkes Freiwilligen-Korps an, das bereit fern würde, sofort in den Krieg auszurücken. Er selbst sei deutscher Jngeni» euroffizier gewesen. Er habe Afrika, Brasilien und ganz Europa durchquert- habe das gelbe Fieber überstanden und sei, wir die große Mehrheit seiner Armee, vollständig immun. Er beherrsche außerdem in Wort und Schrift vollständig die deutsch«, englische, französische, spanische, portugiesische, italienische und türkische Sprache. Schiemangk verlangte indessen für die Bildung des Freiwilligen-Korps eine solch hohe Summe, daß die amerikanische Regierung das Anerbieten kurzer Hand ablehnte. Rach einiger Zeit tauchte Schiemangk wieder in Deutschland auf. Hier zeigte er sich oftmals in der
Uniform eines amerikanischen Obersten.
Er gab vor, er habe den spanisch-amerikanischen Krieg als Kommandeur eines Freiwilli- gen-Korps mitgemacht, sei zum amerikanischen Obersten ernannt, und wegen seiner großartigen Erfolge mehrfach dekoriert worden.. Er zeig'« mehrere amerikanische Orden und eine amerikanische Rettungsmedaille. Er nannte sich außerdem .Graf de Passy" und behauptete, im spanisch-amerikanischen Kriege sei er mit einem amerikanischen General namens Graf de Paffy befreundet gewesen. Dieser sei schwer verwundet worden. Er habe den General aus dem Schlachtgetümmel getragen und lange Zeit gepflegt. Da er ihn vom sicheren Tode gerettet habe, habe der Graf ihn adoptiert, sodaß er berechtigt sei, sich Graf de Passtz zu nennen. Er habe außerdem eine hohe Vertrauensstellung bei der amerikanischen Regierung erlangt, und sei von letzterer beauftragt, in Deutschland Gewehre und Feldgeschütze aufzukaufen. Die
Eltern und Geschwister Schiemangks, die er in seinem Heimatorte besuchte, waren ungemein stolz auf ihren Sohn und Bruder. Der Vater mußte es gestatten, daß auf seinem Hause die amerikanische Flagge gehißt wurde. Schiemangk trat mit mehreren bedeutenden Gewehrfabriken und Geschützgießereien in Verbindung. Es gelang ihm, von den Firmen hohe Beträge als »Courtage" für die ihnen verschafften lohnenden Lieferungen zu erhalten. Um seinem Auftreten den erforderlichen Nachdruck zu verschaffen, schrieb er eines Tages in Gegenwart seiner Angehörigen und vieler Freunde an den Direktor eines großen Kohlenbergwerks in Böhmen: Er Wolle demnächst im Auftrage der amerikanischen Regierung das Kohlenbergwerk besichtigen. Er xrsuche, ihm deshalb entsprechende Zimmer im größten Hotel des Ortes zu besorgen, da er Mit einer zahlreichen, schwarzen Dienerschaft reise. Durch dieses Auftreten fand Schie- »nanak Eingang in die feinsten Gesellschaftskreise. Es eröffnete sich ihm ein unbeschränkter Kredit, daneben betrieb er den
Heiratsschwindel in ausgedehntestem Maße. Er ließ sich in der Uniform eines amerikanischen Obersten, mit Orden, Säbel und Helm angetan, photographieren, und es gelang ihm. in den feinsten Häusern als .zukünftiger Schwiegersohn" ausgenommen zu werden. Einer großen Anzahl junger Damen soll er ihre gesamten Ersparnisse abgeschwindelt haben. Er soll auch in Deutschland wiederholt verheiratet gewesen fein. Jedenfalls gibt er selbst zu, mehrere uneheliche Kinder zu haben. 1899
wurde er schließlich in Berlin festgenommen und vom Schwurgericht des Landgerichts Berlin zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach Verbüßung seiner Strafe setzte er seine Betrügereien und Heiratsschwindeleien in unvermindertem Maße mit großem Erfolge fort. Er wurde wieder verhaftet und zu mehrjähriger Zuchthausstrafe verurteilt. Schiemangk verlegte alsdann sein .Betriebsfeld" nach Heilbronn. Dort erstand er ein gr o tz e s Gut. Als er gerade wegen eines zweiten Gutes in Unterhandlung war. wurde er wieder verhaftet. Im April dieses Jahres gelang es ihm,
aus dem Gefängnis auszubrechen.
Vierzehn Tage später wurde er im Spreewald entdeckt und wieder verhaftet. Auf Antrag des Heilbronner Staatsanwalts wurde er in die sicherste Zelle des dortigen Untersuchungsgefängnisses gesperrt, und ihm während der Nachtzeit die Kleider weggenommen. Außerdem wurde er an den Füßen gefeffelt. Trotzdem ist es ihm vor einigen Tagen gelungen. aus dem Gefängnis zu entfliehen. Au seinen Verteidiger. Rechtsanwalt Dr. Alsberg in Berlin, hat Schiemangk einen Brief gerichtet, in dem er erklärt, er sei kein Verbrecher und er werde, wenn man ihm nicht seine Beweise abschneide, zweifellos freiaesprochen werden. Er könne den unwiderleglichen Beweis führen, daß er berechtigt sei, sich Gras de Passv zu nennen. Ebenso beruhten seine militärischen Erfindungen und seine Aufträge von der amerikanischen Regierung auf voller Wahrheit. Er könne nachweisen, daß er mit dem Präsidenten Roosevelt und dem Milliardär Vanderbilt in freundschaftlichem Verkehr gestanden habe. Wenn er nicht verhaftet worden wäre, dann wäre er im Auftrag und auf Kosten Vanderbilts nach Abessinien gegangen, um dort mit dem erforderlichen Material Diamanten und Goldminen auszubcuten ... -hf-
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Echimangks „Retter".
(Eigene Drahtmeldung.)
** Heilbronn, 19. August.
Unter dem Verdacht der Beihilfe zur Flucht des Hochstaplers Schiemangk, alias „Graf de Vaffy" wurde heute der siebenundzwanzig- iährige Gefängniswärter Metzger, der mit der speziellen Beaufsichtigung des Entsprungenen betraut war, verhaftet. Die amtlichen Ermittelungen haben den Beweis erbracht. daß Metzger dem „Grafen Passy" schon zur ersten Flucht verholsen hat, bei der er ibn auch wie jetzt wieder, einfach durch die Tür entlaufen ließ, während die Durchfagung des Gitters, die Auffindung des Stricks und andere Maßnahmen lediglich Verschleierungs- manöver waren, um den Verdacht von Metzger abzulenken.
Royalisten-Derbrechen?
(Eigene Drahtmeldung.)
™ Lissabon, 19. August.
Ein eigenartiger Fall von Vergiftung ist unter den in Torres Novas stationierten Truppen vorgekommen. Wie gemeldet wird, sind zahlreiche Mannschaften der Garnison unter heftigen Vergiftungsers chei- n u n g e n erkrankt. Es wird vermutet, daß Arfenikvergiftung vorliegt: sämtliche erkrankte Soldaten wurden ins Militärlazarett geschafft, wo ihnen der Magen ausgepumpt wurde. Dreißig Mann liegen sehr ernst darnieder und an ihrem Aufkommen wird gezweifelt. Die Regierung beobachtet über die Tat strengstes Stillschweigen. Man glaubt, daß ein politischer Racheakt vorliegt. In Lissabon wurden gestern wieder mehrere Kä
sten mit Dvnamitbomben beschlagnahmt. Die Fuhrleute der Wagen, aus denen die Kästen transportiert worden waren, flüchteten und entkamen. Auch in diesem Falle handelt es sich offenbar um einen Schachzug der Monarchisten. Die republikanische Regierung hat infolgedessen schärfste Maßnahmen ergriffen, um die monarchistische Propaganda zu bekämpfen.
Sie Politik heg Tages.
s Endlich ...! Wie uns ein Privattelegramm aus Berlin berichtet, bat aus Anlaß des durch die außergewöhnliche Hitze und Dürre herbeigesührten schlechten Ausfalls der Futtermiüelerute der Minister der öffentlichen Arbeiten für den Gesamtbereich der preußisch-hessischen Staatsbahnen während der Zeit vom 22. August dieses Jahres bis 20 Juni nächsten Jahres eine Ermäßigung der Eisenbahnfrachtsätze für Futtermittel um fünfzig Prozent eintreten lassen Hoffentlich wird diese Maßnahme mit dazu beitragen, die landwirtschaftlichen Kreise von dem voreiligen Abstößen ihrer Viehbestände abzuhalten.
S3 „Max Schultz, Doktor und Leutnan' der Reserve." Depeschen ans London zufolge ist nach Meldungen dortiger Morgenblätter gestern in Plymouth ein gewisser als »Dr. phil. und Oberleutnant im dreizehnten Husarenregiment" bezeichneter Max Schultz verhaftet worden. Er wird beschuldigt, einen jungen Rechtsanwalt in Plymouth zur Verletzung der Amtsverschwiegenheit verleitet zu haben. In der deutschen Rangliste ist ein Offizier, auf den diese Angaben zutreffen dürften, nicht aukaesührt; es scheint also, daß es sich um eine Mysiifika'ion handelt. Schultz soll, wie ein weiteres Telegramm meldet, in Plymouth auch Spionage betrieben haben.
zä3 Die Spione von Krokau. Ans Wien wird uns depeschiert: Die Polizei in Krakau hat eine Spionageaffäre größten Umfangs aufgedeckst Vor zwei Tagen wurden zwei Männer unter dem Verdacht der Spionage zugunsten Rußlands verhaftet; sie haben nunmehr eingestanden, im Auftrag des russischen Generalstabs in Galizien Spionage betrieben zu haben. Die Namen der beiden Verhas'e'en, die eine förmliche Svio nage-Organisation einaerich et hatten, werden von ber' Untersuchungsbehörde streng geheim gehalten.
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Aus Stettin wird uns berichtet: Beide vor Agadir liegenden Kriegsschiffe erhalten im Herbst neue Kommandanten. Fregattenkapitän Loehlein von der „Berlin" und Korvettenkapitän L u st i g vom ..Eber" kehren heim. Fregattenkapitän Wilhelm Taegert vom Admiralstab der Marine übernimmt das Kommando der „Berlin" und Korvettenkapitän von Hippel wird den „Eber" befehligen.
Aus D e u t s ck - S ü d w e st a f r i k a ist gestern in Berlin eine Drohtmeldung eingetros- fen, wonach Distrik'schef von Franken- berg aus Livingstone feine unversehrte Rückkehr von der bekannten Expedition telegraphisch anaezeigt bat. Von Verlusten feiner Kolonne ist in der Meldung von Frankenbergs nichts erwähnt.
Rmes bem T»M.
(Depeschen der Casseler Neuesten Nachrichten.) rs Tragödien der Liebe. In Berlin erstach gestern abend ein neunzehnjähriger Eisen- bahngehilfe feine Braut. Die Eltern waren mit der Verlobung ihres Sohnes nicht einverstanden und so beschlossen die jungen Leute, gemeinsam in den Tod zu gehen. Aus einem
Spaziergang, den sie gestern machten, nahm der Verlobte plötzlich seine Braut in die Arme und versetzte ihr einen Stich ins Herz, der sie auf der Stelle tötete. Den Mut, sich darauf selbst umzubringen, sand er jedoch nicht. Kurze Zeit darauf ließ er sich verhaften.
sr Opfer der Flammen. Unweit Freienwalde in Pommern gerieten in Altenslies zwei Tagelöhnerhäuser in Brand. Zwei junge Mädchen versuchten eine alte Frau zu retten, das Rettungswerk mißlang und alle verbrannten. Weiter erlitten drei Personen lebensgefährliche Brandwunden; außerdem verbrannte viel Vieh und die ganze Ernte.
iS Unter Trümmern begraben. Beim Neubau eines Straßenbahndepots int Bremer Vorort Haste stürzten gestern abend mehrere eiserne Träger zusammen, so daß der ganze Bau zusammenbrach. Unter den Trümmern wurden sechs Arbeiter begraben; vier von ihnen wurden schwer, zwei leichter verletzt.
iS Wahnsinn ober Verzweiflung? In einem in der Nähe Münchens gelegenen Wald übergoß sich ein siebzehnjähriges Dienstmädchen mit Petroleum und zündete dieses an. Mit schweren Brandwunden wurde die Unglückliche in die chirurgische Klinik nach München geschafft. Eine Hoffnung, sie dem Leben erhalten zu können, besteht jedoch nicht. Welches Motiv der traurigen Tat zugrunde liegt, ist nicht bekannt.
iS Die Rache des Entlassenen. Ein entlassener Beamter des Landeskulturrates in Prag namens Rudolf N u s k o verübte auf den Präsidenten dieser Behörde, den Abgeordneten Zuleger, ein Revolveratten- t a t. Der Attentäter schoß fünfmal. Zuleger wurde nicht verwundet, dagegen hat sich der Attentäter lebensgefährlich verletzt.
s Das Duell der Greise. In der Franz Josef-Kaserne in Budapest fand gestern ein P i st ö l e n d u e l l zwischen dem achtundsech- zigjährigeu Grafen Moritz Nicolaus Esterhazy und dem zweiundsiebzigjährigen Grafen Oswald Wolkenstein statt: beide Gegner blieben unverletzt. Das Duell rief großes Aufsehen hervor, zumal über die Ursache nichts bekannt war.
iS Verhängnisvolle S reik-Kämpfe in Calais. Depeschen aus Calais berichten: Die seit einem Monat streikenden Dockarbeiter drangen gestern abend in den Hasen ein und üb erst e l e n d i e Arbeitswilligen mit Steinwürfen und Stockhieben. Acht der letzteren wurden schwer verwundet. Die übrigen entzogen sich den Mißhandlungen dadurch, daß sie an Bord der Dampfer flüchteten.
s Der brennende Berg. In der Nähe der Grenze von Tessin u. Italien, in der Schweiz, steht ein ganzer Berg in Flammen. Das Feuer wird durch den herrschenden Südwind reichlich genährt, sodaß mehrere Ortschaften in Gefahr sind, von dem Element ergriffen zu werden.
ü Feuer in der Kunstgewerbe-Schule. In I a s f v in Rumänien brach gestern morgen in der dortigen Kunstgewerbeschule aus bisher unaufgeklärter Ursacke Feuer aus. das das ganze Gebäude einäscherte. Dreizehn Zöglinge der Anstalt und Professor Nieolau, die sich an den Retungsarbeiten beteiligten, erlitten lebensgefährliche Brandwunden und ist kurz nach der Einlieferung ins Spital gestorben. Der durch den Brand verursachte Schaden beträgt eine halbe Million Mark.
Sgs Nmefte ms AW.
K-wf? und M Primaner.
Der Direktor und die Primaner dez Königlichen Friedrschs-Gvmnasiums in Cassel weilten heute vormittag in Schloß Wilhelms-
London« Stimmungen.
Generalstreik und Hitzewelle.
(Von unserm Korrespondenten.)
London, im August.
Dieser Juli und dieser August des Jahres Iteunzehnhundertels werden allen Londonern noch lange im Gedächtnis bleiben. In diesen heißen Tagen bewahrheitet sich wieder der Gemeinplatz, wonach eine Unannehmlichkeit nie allein kommt. Seit Wochen schmachtet die Riesenstadt in den Banden der beispiellosen Hitze; und während ans-Paris, ans Berlin die frohen Botschaften von der Abkühlung ein« treffen, müssen wir gerade in der Riesen- und Nebelstadt unter strahlender Sonnenglut weiterschmachten. Dazu ist London in keiner Weise auf große Hitzen gerüstet: Caf^s im Freien sind unbekannt, und Gasthausgärten gibt es nur in ganz verschwindender Anzahl und weit draußen auf dem Lande. In den großen öffentlichen Gärten, wie Hvde Park und Re- genfs Park, muß man froh fein, wenn man mit Mühe und Zähigkeit ein Glas übersäuerte Limonade, eine Tasse bittern Tee oder ein paar Eier erobern kann. Der Ausflugsverkehr der Themsestadt ist der denkbar schlechteste. Bis wir dem Häusermeer entrinnen, vergehen dreiviertel Stunden, meist aber eine ganze. Die enormen Entfernungen verteuern die Fahrpreise. und auf dem Lande draußen sind die Verhältnisse zur Bewirtung von Besuchern derart primitiv, daß man bitter lächeln muß.
Haben wir Peck, so können wir durch den Mangel an Speisen buchstäblich verhungern. Des Sonntags müssen wir überhaupt froh fein, wenn wir in einem Schenkladen zu einem Glase Ale ein Stück Brot und Käse erhalten. An der Küste ist die Ueberflutung durch Erholungsbedürftige so stark, daß die Preise der engen Zimmercken ins Unerschwingliche steigen. Mit zunehmendem Besuch nimmt bann die Güte der Beköstigung ab, bis sie schließlich einen Tiefpunkt erreicht, der uns wieder gewaltige Sehnsucht nach den Fleischtöpfen Londons einflößt: Es gibt Leute, die von der See auf einen oder zwei Tage in die Hauptstadt zurückreisen, um wenigstens einmal wieder eine halbwegs vernünftige Mahlzeit einzunehmen. Und noch immer bleibt der heißersehnte Regen fern und spottet aller Propheten. Bei Morgengrauen verheißt ein bedeckter Himmel das sehnlichtz erharrte Naß;
Um die Zeit aber, wo der gewöhnliche Sterbliche seiner Beschäftigung in City ober Westenb nackmeht, brennt bie Sonne toieber mit wüster Gewalt auf bie vom Stäbtefluck belasteten Bürger Babylons. Unb zu bieser Marter kommen jetzt bie Tage bes Generalstreiks, bie noch lange nicht zu Enbe sinb. Ein unbeschreibliches Zitt.ern ging burch bie ganze Stabt, als wir knapp vor einer Hungersnot standen. Alles in ber Metropole schien wie auf ben Kopf gestellt. Lange Züge von Polizei zu Fuß unb zu Pferbe geleiteten je- ben Lebensmittelwagen. Ueberaß sah man bie brobenben Gruppen ber Streikenben.
In beängftigenber Weise fingen bie wichtigsten Artikel an auszugehen. Aus Mangel an Benzin würbe ber riesenhafte Autoverkehr auf ein Minimum eingefckränkt. Es brohte eine Papiernot sondergleichen, unb man befürchtete ernstlich, baß in ben nächsten Tagen keine Zeitungen würben erscheinen können. Fleisch, Gemüse und die übrigen alltäglichen Lebensmittel verwesten in kolossalen Mengen und wurden in die Themse versenkt. Am schlimmsten aber traf alle Bewohner ber größten Stabt ber Erbe ber Mangel an Eis, Eis! Eis! Eis! Das war es, wonach ein Jeber schrie. Aber bie Ausständigen ließen es nur ben Krankenhäusern zugehen unb bie ganze übrige Bevölkerung ber Gesunben mußte schmachten. Das vorläusige Enbe bes Streiks vebeutet ein wahres Glück für bie bürftenbe, nach Kühlung lechzende Stadt. Aber man befürchtet jetzt neue Ausbrüche, bie zu einer ausgesprochenen Kalamität führen würben. Ohnehin hat bereits in ben letzten Wochen bie K i n- bersterblichkeit eine für hiesige Verhältnisse erschreckenb hohe Ziffer erreicht. So wächst benn mit jebem Tag unsere Sehnsucht ins Unermeßliche, bieser furchtbare Sommer möge um Himmelswillen endlich einmal ein Ende finden. Er ist uns allen bedenklich zu Kovf gestiegen. Das haben auch bie politischen Wirren zur Genüge bewiesen. Und währenb uns ber blaue Himmel unveränderlich anlacht, denken wir unausgesetzt daran, wie schon es eigentlich in London ist. wenn grauer Regen und gelber Nebel bie Riesenstabt mit Dunst unb Dampf umhüllt... K. B.
Der Werartto-Kongreß.
Die Idee der internationalen Weltsprache.
Man schreibt uns aus Dresden: Als Vorvexsammluna zu dem großen Internatio
nalen Esperantokongreß in Amsterdam tagte hier gestern in der Hygiene-Ausstellung ein Internationaler Esperanto- V.o rkon- g r e ß, zu dem eine große Anzahl von Delegierten aus den europäischen Kulturstaaten eingetroffen waren. Aus Anlaß des Kongresses fand eine große allgemeine Propagan- daversammlung statt, für bie ber bekannte Berliner Schauspieler Emanuel Reicher als Rebner gewonnen war. Der Referent ging babon aus. daß auch er zunächst bem Esperanto ein« abfällige Meinung entgegengebracht habe unb es auf bie gleiche Stufe stellte' wie bas verschollen« Volapük. Nachdem er sich aber eingebenb mit ber Sprache beschäftigt, sei er ein überzeugter Anhänger geworben. Von Professor Diehl sei vorgeschlagen worden, daß jedermann bie brei Hauptsprachen. deutsch, englisch und französisch lernen solle, um zu einer allgemeinen Verständigung zu gelangen. Das Mittel könne aber nur in vermögenden Kreisen Anwendung finden. Für das Volk könne nur eine Sprache in Betracht kommen und das sei eben (trotz der künstlichen Konstruktion) das Esperanto.
Der Redner wandte sich dann gegen die Vorwürfe, die ihm anläßlich der Aufführung von Goethes „Iphigenie" in Esperanto gelegentlich des vierten Jnternatio- nalen Esperantokongresses in Dresden von künstlerischer Seite gemacht wurden. Er habe damals, als 600 Menschen, die 16 verschiedene Sprachen gebrauchten, versammelt waren, von der Aufführung in Esperanto einen Eindruck davon getragen, wie er ihn nur noch einmal, nämlich bei der Eröffnung bet Bayreuther Wagnerfestspiele gehabt habe. Der Rebner schloß mit einem Appell an bie Versammlung. bie Idee der Weltsprache in immer weiteren Kreisen zu propagieren. Innerhalb des Rahmens des Kongresses fand bann bie Eröffnungssitzung bes beutsch-akademischen Esperantobundes statt. Professor Schmidt- Berlin bezeichnete als Zweck des Bundes bie Ausbreitung bes Esperanto als einer Hilfs- spräche in wissenschaftlichen K rei - s e n. Realschuldirektor Göhl- Riesa referierte über bie Frage, ob bas Esperanto Bildungs- Wert genug habe, um des Bürgerrechts an den höheren Schulen würdig zu sein. Redner kam zu einer entschiedenen Bejahung dieser Frage, da Esperanto geeignet sei. den Schülern die Bekanntschaft mit der äußeren und
inneren Kultur nicht nur der Franzosen und Engländer, sondern aller Kulturvölker zu vermitteln. -ps-
Kleines Feuilleton.
jA, Die Abonnements-Konzerte im Hoftheater. Die Abonnementskonzerte der Königlichen Kapelle beginnen, wie alljährlich, mit bem 18. Oktober. Das erste Konzert wirb ber Erinnerung an Franz Liszt gewibmet sein, bessen hunbertsten Geburtstag ber 22. Oktober bringen wirb. Der Gast bes Festabenbs („Eroila" von Beethoven) wirb mit bes Meisters Bs-änr-Konzert bie gefeierte Kammervirtuosen Frau Kwast-Hobapp sein. An weiteren Gästen sinb bis jetzt gewonnen bie berühmten Geiger Professor Henri M a r t e a u unb Professor Felix Berber, Frau Teresa C a r e n n o unb ber Helbentenor Vogelstrom.
Bismarck-Denkmal und Architek en-Ver- banb. Der Verband Deutscher Architekten- und Ingenieur-Vereine hat bei dem Gesamtaus- schuß zur Errichtting eines Bismarck-Na- tional-Denkmals dagegen Protest erhoben, daß dieser, um für die Ausführung des Denkmals geeignete Entwürfe zu gewinnen, die Verfasser ber preisgekrönten, ber entschädigten und der angetauften Entwürfe ausgefordert hat, ihre damals eingereichten Entwürfe in bestimmter Hinsicht umzuarbeiten. In der Hinzuziehung der Verfasser der an g e« kauften Entwürfe wird ein Verstoß gegen die Bedingungen des Preisausschreibens erblickt.
Kurze Notizen. In Scheveningen ist bie Errichtung eines Richard-Wag- ner-Th«aters in Aussicht genommen. Trotzbem bie erforderliche Summe von einet Million Mark noch nicht voll gezeichnet ist, sollen bie weiteren Arbeiten so geförbert werben. baß bie Eröffnung bes Theaters im Jahre 1913 vor sich gehen kann. — Sir William Ramsay, ber bekannte englische Chemiker, ist vom Kaiser (wie nunmehr amtlich bekannt gegeben wird) zum auswärtigen Ritter des Ordens Pour le mörite für Wissenschaften unb Künste ernannt worden. — Arthur Schnitz- lers neues Drama „DaS weite Land" wird am ersten Oktober dieses JahreS gleichzeitig im Berliner Lessingtheater, im Münchener Hoftheater und im Mainzer Buratbeater zum ersten Male in Szene gehey