Einzelbild herunterladen
 
  

Nr. 218. 1. Jahrgang

Casseler Neueste Nachrichten

Sonntag, 20. August 1911.

Deutschland Verhaftung drohte, eines Tages nach Amerika entschwunden. Damals drohte gerade der spanisch-amerikanische Krieg auszubrechen. Schiemangk bot dem amerikanischen Kriegsminister die Bildung eines aus alten gedienten deutschen Soldaten bestehendes zwölfhundert Mann starkes Freiwilligen-Korps an, das bereit fern würde, sofort in den Krieg auszu­rücken. Er selbst sei deutscher Jngeni» euroffizier gewesen. Er habe Afrika, Brasilien und ganz Europa durchquert- habe das gelbe Fieber überstanden und sei, wir die große Mehrheit seiner Armee, vollständig im­mun. Er beherrsche außerdem in Wort und Schrift vollständig die deutsch«, englische, fran­zösische, spanische, portugiesische, italienische und türkische Sprache. Schiemangk verlangte indes­sen für die Bildung des Freiwilligen-Korps eine solch hohe Summe, daß die amerikanische Regierung das Anerbieten kurzer Hand ab­lehnte. Rach einiger Zeit tauchte Schiemangk wieder in Deutschland auf. Hier zeigte er sich oftmals in der

Uniform eines amerikanischen Obersten.

Er gab vor, er habe den spanisch-amerikanischen Krieg als Kommandeur eines Freiwilli- gen-Korps mitgemacht, sei zum amerikanischen Obersten ernannt, und wegen seiner großarti­gen Erfolge mehrfach dekoriert worden.. Er zeig'« mehrere amerikanische Orden und eine amerikanische Rettungsmedaille. Er nannte sich außerdem .Graf de Passy" und behaup­tete, im spanisch-amerikanischen Kriege sei er mit einem amerikanischen General namens Graf de Paffy befreundet gewesen. Dieser sei schwer verwundet worden. Er habe den Ge­neral aus dem Schlachtgetümmel getragen und lange Zeit gepflegt. Da er ihn vom sicheren Tode gerettet habe, habe der Graf ihn adop­tiert, sodaß er berechtigt sei, sich Graf de Passtz zu nennen. Er habe außerdem eine hohe Ver­trauensstellung bei der amerikanischen Regie­rung erlangt, und sei von letzterer beauftragt, in Deutschland Gewehre und Feldgeschütze auf­zukaufen. Die

Eltern und Geschwister Schiemangks, die er in seinem Heimatorte besuchte, waren ungemein stolz auf ihren Sohn und Bruder. Der Vater mußte es gestatten, daß auf seinem Hause die amerikanische Flagge ge­hißt wurde. Schiemangk trat mit mehreren bedeutenden Gewehrfabriken und Geschützgie­ßereien in Verbindung. Es gelang ihm, von den Firmen hohe Beträge als »Courtage" für die ihnen verschafften lohnenden Lieferungen zu erhalten. Um seinem Auftreten den erfor­derlichen Nachdruck zu verschaffen, schrieb er eines Tages in Gegenwart seiner Angehöri­gen und vieler Freunde an den Direktor eines großen Kohlenbergwerks in Böhmen: Er Wolle demnächst im Auftrage der amerikanischen Re­gierung das Kohlenbergwerk besichtigen. Er xrsuche, ihm deshalb entsprechende Zimmer im größten Hotel des Ortes zu besorgen, da er Mit einer zahlreichen, schwarzen Dienerschaft reise. Durch dieses Auftreten fand Schie- »nanak Eingang in die feinsten Ge­sellschaftskreise. Es eröffnete sich ihm ein unbeschränkter Kredit, daneben betrieb er den

Heiratsschwindel in ausgedehntestem Maße. Er ließ sich in der Uniform eines amerikani­schen Obersten, mit Orden, Säbel und Helm angetan, photographieren, und es gelang ihm. in den feinsten Häusern als .zukünftiger Schwiegersohn" ausgenommen zu wer­den. Einer großen Anzahl junger Damen soll er ihre gesamten Ersparnisse ab­geschwindelt haben. Er soll auch in Deutschland wiederholt verhei­ratet gewesen fein. Jedenfalls gibt er selbst zu, mehrere uneheliche Kinder zu haben. 1899

wurde er schließlich in Berlin festgenommen und vom Schwurgericht des Landgerichts Ber­lin zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach Verbüßung seiner Strafe setzte er seine Be­trügereien und Heiratsschwindeleien in un­vermindertem Maße mit großem Erfolge fort. Er wurde wieder verhaftet und zu mehrjähri­ger Zuchthausstrafe verurteilt. Schiemangk verlegte alsdann sein .Betriebsfeld" nach Heilbronn. Dort erstand er ein gr o tz e s Gut. Als er gerade wegen eines zweiten Gutes in Unterhandlung war. wurde er wie­der verhaftet. Im April dieses Jahres gelang es ihm,

aus dem Gefängnis auszubrechen.

Vierzehn Tage später wurde er im Spreewald entdeckt und wieder verhaftet. Auf Antrag des Heilbronner Staatsanwalts wurde er in die sicherste Zelle des dortigen Unter­suchungsgefängnisses gesperrt, und ihm wäh­rend der Nachtzeit die Kleider weggenommen. Außerdem wurde er an den Füßen gefeffelt. Trotzdem ist es ihm vor einigen Tagen gelun­gen. aus dem Gefängnis zu entfliehen. Au seinen Verteidiger. Rechtsanwalt Dr. Alsberg in Berlin, hat Schiemangk einen Brief ge­richtet, in dem er erklärt, er sei kein Verbrecher und er werde, wenn man ihm nicht seine Be­weise abschneide, zweifellos freiaesprochen werden. Er könne den unwiderleglichen Be­weis führen, daß er berechtigt sei, sich Gras de Passv zu nennen. Ebenso beruhten seine militärischen Erfindungen und seine Aufträge von der amerikanischen Regierung auf voller Wahrheit. Er könne nachweisen, daß er mit dem Präsidenten Roosevelt und dem Milliardär Vanderbilt in freund­schaftlichem Verkehr gestanden habe. Wenn er nicht verhaftet worden wäre, dann wäre er im Auftrag und auf Kosten Vanderbilts nach Abessinien gegangen, um dort mit dem erfor­derlichen Material Diamanten und Goldminen auszubcuten ... -hf-

*

EchimangksRetter".

(Eigene Drahtmeldung.)

** Heilbronn, 19. August.

Unter dem Verdacht der Beihilfe zur Flucht des Hochstaplers Schiemangk, aliasGraf de Vaffy" wurde heute der siebenundzwanzig- iährige Gefängniswärter Metzger, der mit der speziellen Beaufsichtigung des Ent­sprungenen betraut war, verhaftet. Die amt­lichen Ermittelungen haben den Beweis er­bracht. daß Metzger demGrafen Passy" schon zur ersten Flucht verholsen hat, bei der er ibn auch wie jetzt wieder, einfach durch die Tür entlaufen ließ, während die Durchfagung des Gitters, die Auffindung des Stricks und andere Maßnahmen lediglich Verschleierungs- manöver waren, um den Verdacht von Metzger abzulenken.

Royalisten-Derbrechen?

(Eigene Drahtmeldung.)

Lissabon, 19. August.

Ein eigenartiger Fall von Vergiftung ist unter den in Torres Novas stationierten Truppen vorgekommen. Wie gemeldet wird, sind zahlreiche Mannschaften der Garnison unter heftigen Vergiftungsers chei- n u n g e n erkrankt. Es wird vermutet, daß Arfenikvergiftung vorliegt: sämtliche erkrankte Soldaten wurden ins Militärlaza­rett geschafft, wo ihnen der Magen ausgepumpt wurde. Dreißig Mann liegen sehr ernst darnieder und an ihrem Aufkommen wird ge­zweifelt. Die Regierung beobachtet über die Tat strengstes Stillschweigen. Man glaubt, daß ein politischer Racheakt vorliegt. In Lissabon wurden gestern wieder mehrere Kä­

sten mit Dvnamitbomben beschlag­nahmt. Die Fuhrleute der Wagen, aus denen die Kästen transportiert worden waren, flüch­teten und entkamen. Auch in diesem Falle handelt es sich offenbar um einen Schachzug der Monarchisten. Die republikanische Regie­rung hat infolgedessen schärfste Maßnahmen ergriffen, um die monarchistische Propaganda zu bekämpfen.

Sie Politik heg Tages.

s Endlich ...! Wie uns ein Privat­telegramm aus Berlin berichtet, bat aus Anlaß des durch die außergewöhnliche Hitze und Dürre herbeigesührten schlechten Aus­falls der Futtermiüelerute der Minister der öffentlichen Arbeiten für den Gesamtbereich der preußisch-hessischen Staats­bahnen während der Zeit vom 22. August dieses Jahres bis 20 Juni nächsten Jahres eine Ermäßigung der Eisenbahnfracht­sätze für Futtermittel um fünfzig Prozent eintreten lassen Hoffentlich wird diese Maßnahme mit dazu beitragen, die land­wirtschaftlichen Kreise von dem voreiligen Abstößen ihrer Viehbestände abzuhalten.

S3Max Schultz, Doktor und Leutnan' der Reserve." Depeschen ans London zufolge ist nach Meldungen dortiger Morgenblätter ge­stern in Plymouth ein gewisser als »Dr. phil. und Oberleutnant im dreizehnten Husarenregi­ment" bezeichneter Max Schultz verhaftet worden. Er wird beschuldigt, einen jungen Rechtsanwalt in Plymouth zur Verletzung der Amtsverschwiegenheit verleitet zu haben. In der deutschen Rangliste ist ein Offizier, auf den diese Angaben zutreffen dürf­ten, nicht aukaesührt; es scheint also, daß es sich um eine Mysiifika'ion handelt. Schultz soll, wie ein weiteres Telegramm meldet, in Ply­mouth auch Spionage betrieben haben.

zä3 Die Spione von Krokau. Ans Wien wird uns depeschiert: Die Polizei in Krakau hat eine Spionageaffäre größten Um­fangs aufgedeckst Vor zwei Tagen wurden zwei Männer unter dem Verdacht der Spio­nage zugunsten Rußlands verhaftet; sie haben nunmehr eingestanden, im Auftrag des russischen Generalstabs in Galizien Spionage betrieben zu haben. Die Namen der beiden Verhas'e'en, die eine förmliche Svio nage-Organisation einaerich et hatten, werden von ber' Untersuchungsbehörde streng geheim gehalten.

*

Aus Stettin wird uns berichtet: Beide vor Agadir liegenden Kriegsschiffe erhalten im Herbst neue Kommandanten. Fregattenkapi­tän Loehlein von derBerlin" und Kor­vettenkapitän L u st i g vom ..Eber" kehren heim. Fregattenkapitän Wilhelm Taegert vom Admiralstab der Marine übernimmt das Kommando derBerlin" und Korvettenkapitän von Hippel wird denEber" befehligen.

Aus D e u t s ck - S ü d w e st a f r i k a ist ge­stern in Berlin eine Drohtmeldung eingetros- fen, wonach Distrik'schef von Franken- berg aus Livingstone feine unversehrte Rückkehr von der bekannten Expedition tele­graphisch anaezeigt bat. Von Verlusten feiner Kolonne ist in der Meldung von Frankenbergs nichts erwähnt.

Rmes bem T»M.

(Depeschen der Casseler Neuesten Nachrichten.) rs Tragödien der Liebe. In Berlin er­stach gestern abend ein neunzehnjähriger Eisen- bahngehilfe feine Braut. Die Eltern waren mit der Verlobung ihres Sohnes nicht einver­standen und so beschlossen die jungen Leute, gemeinsam in den Tod zu gehen. Aus einem

Spaziergang, den sie gestern machten, nahm der Verlobte plötzlich seine Braut in die Arme und versetzte ihr einen Stich ins Herz, der sie auf der Stelle tötete. Den Mut, sich darauf selbst umzubringen, sand er jedoch nicht. Kurze Zeit darauf ließ er sich verhaften.

sr Opfer der Flammen. Unweit Freien­walde in Pommern gerieten in Altenslies zwei Tagelöhnerhäuser in Brand. Zwei junge Mädchen versuchten eine alte Frau zu retten, das Rettungswerk mißlang und alle verbrannten. Weiter erlitten drei Perso­nen lebensgefährliche Brandwunden; außer­dem verbrannte viel Vieh und die ganze Ernte.

iS Unter Trümmern begraben. Beim Neubau eines Straßenbahndepots int Bre­mer Vorort Haste stürzten gestern abend mehrere eiserne Träger zusammen, so daß der ganze Bau zusammenbrach. Unter den Trümmern wurden sechs Arbeiter begraben; vier von ihnen wurden schwer, zwei leichter verletzt.

iS Wahnsinn ober Verzweiflung? In einem in der Nähe Münchens gelegenen Wald übergoß sich ein siebzehnjähriges Dienst­mädchen mit Petroleum und zündete die­ses an. Mit schweren Brandwunden wurde die Unglückliche in die chirurgische Klinik nach München geschafft. Eine Hoffnung, sie dem Leben erhalten zu können, besteht jedoch nicht. Welches Motiv der traurigen Tat zugrunde liegt, ist nicht bekannt.

iS Die Rache des Entlassenen. Ein ent­lassener Beamter des Landeskulturrates in Prag namens Rudolf N u s k o verübte auf den Präsidenten dieser Behörde, den Ab­geordneten Zuleger, ein Revolveratten- t a t. Der Attentäter schoß fünfmal. Zuleger wurde nicht verwundet, dagegen hat sich der Attentäter lebensgefährlich verletzt.

s Das Duell der Greise. In der Franz Josef-Kaserne in Budapest fand gestern ein P i st ö l e n d u e l l zwischen dem achtundsech- zigjährigeu Grafen Moritz Nicolaus Ester­hazy und dem zweiundsiebzigjährigen Gra­fen Oswald Wolkenstein statt: beide Geg­ner blieben unverletzt. Das Duell rief großes Aufsehen hervor, zumal über die Ursache nichts bekannt war.

iS Verhängnisvolle S reik-Kämpfe in Ca­lais. Depeschen aus Calais berichten: Die seit einem Monat streikenden Dockarbeiter drangen gestern abend in den Hasen ein und üb er­st e l e n d i e Arbeitswilligen mit Steinwürfen und Stockhieben. Acht der letzte­ren wurden schwer verwundet. Die übrigen entzogen sich den Mißhandlungen dadurch, daß sie an Bord der Dampfer flüchteten.

s Der brennende Berg. In der Nähe der Grenze von Tessin u. Italien, in der Schweiz, steht ein ganzer Berg in Flammen. Das Feuer wird durch den herrschenden Südwind reichlich genährt, sodaß mehrere Ortschaften in Gefahr sind, von dem Element ergriffen zu werden.

ü Feuer in der Kunstgewerbe-Schule. In I a s f v in Rumänien brach gestern morgen in der dortigen Kunstgewerbeschule aus bisher unaufgeklärter Ursacke Feuer aus. das das ganze Gebäude einäscherte. Dreizehn Zöglinge der Anstalt und Professor Nieolau, die sich an den Retungsarbeiten beteiligten, er­litten lebensgefährliche Brandwunden und ist kurz nach der Einlieferung ins Spital gestor­ben. Der durch den Brand verursachte Scha­den beträgt eine halbe Million Mark.

Sgs Nmefte ms AW.

K-wf? und M Primaner.

Der Direktor und die Primaner dez Königlichen Friedrschs-Gvmnasiums in Cassel weilten heute vormittag in Schloß Wilhelms-

London« Stimmungen.

Generalstreik und Hitzewelle.

(Von unserm Korrespondenten.)

London, im August.

Dieser Juli und dieser August des Jahres Iteunzehnhundertels werden allen Londonern noch lange im Gedächtnis bleiben. In diesen heißen Tagen bewahrheitet sich wieder der Ge­meinplatz, wonach eine Unannehmlichkeit nie allein kommt. Seit Wochen schmachtet die Rie­senstadt in den Banden der beispiellosen Hitze; und während ans-Paris, ans Berlin die frohen Botschaften von der Abkühlung ein« treffen, müssen wir gerade in der Riesen- und Nebelstadt unter strahlender Sonnenglut wei­terschmachten. Dazu ist London in keiner Weise auf große Hitzen gerüstet: Caf^s im Freien sind unbekannt, und Gasthausgärten gibt es nur in ganz verschwindender Anzahl und weit draußen auf dem Lande. In den großen öf­fentlichen Gärten, wie Hvde Park und Re- genfs Park, muß man froh fein, wenn man mit Mühe und Zähigkeit ein Glas übersäuerte Limonade, eine Tasse bittern Tee oder ein paar Eier erobern kann. Der Ausflugsverkehr der Themsestadt ist der denkbar schlechteste. Bis wir dem Häusermeer entrinnen, vergehen drei­viertel Stunden, meist aber eine ganze. Die enormen Entfernungen verteuern die Fahr­preise. und auf dem Lande draußen sind die Verhältnisse zur Bewirtung von Besuchern derart primitiv, daß man bitter lächeln muß.

Haben wir Peck, so können wir durch den Mangel an Speisen buchstäblich verhun­gern. Des Sonntags müssen wir überhaupt froh fein, wenn wir in einem Schenkladen zu einem Glase Ale ein Stück Brot und Käse er­halten. An der Küste ist die Ueberflutung durch Erholungsbedürftige so stark, daß die Preise der engen Zimmercken ins Uner­schwingliche steigen. Mit zunehmendem Besuch nimmt bann die Güte der Beköstigung ab, bis sie schließlich einen Tiefpunkt erreicht, der uns wieder gewaltige Sehnsucht nach den Fleisch­töpfen Londons einflößt: Es gibt Leute, die von der See auf einen oder zwei Tage in die Hauptstadt zurückreisen, um wenigstens einmal wieder eine halbwegs vernünftige Mahlzeit einzunehmen. Und noch immer bleibt der heißersehnte Regen fern und spottet aller Propheten. Bei Morgengrauen verheißt ein bedeckter Himmel das sehnlichtz erharrte Naß;

Um die Zeit aber, wo der gewöhnliche Sterb­liche seiner Beschäftigung in City ober Westenb nackmeht, brennt bie Sonne toieber mit wüster Gewalt auf bie vom Stäbtefluck belasteten Bürger Babylons. Unb zu bieser Marter kom­men jetzt bie Tage bes Generalstreiks, bie noch lange nicht zu Enbe sinb. Ein unbe­schreibliches Zitt.ern ging burch bie ganze Stabt, als wir knapp vor einer Hungers­not standen. Alles in ber Metropole schien wie auf ben Kopf gestellt. Lange Züge von Polizei zu Fuß unb zu Pferbe geleiteten je- ben Lebensmittelwagen. Ueberaß sah man bie brobenben Gruppen ber Streikenben.

In beängftigenber Weise fingen bie wich­tigsten Artikel an auszugehen. Aus Mangel an Benzin würbe ber riesenhafte Autoverkehr auf ein Minimum eingefckränkt. Es brohte eine Papiernot sondergleichen, unb man befürch­tete ernstlich, baß in ben nächsten Tagen keine Zeitungen würben erscheinen können. Fleisch, Gemüse und die übrigen alltäglichen Lebens­mittel verwesten in kolossalen Men­gen und wurden in die Themse versenkt. Am schlimmsten aber traf alle Bewohner ber größ­ten Stabt ber Erbe ber Mangel an Eis, Eis! Eis! Eis! Das war es, wonach ein Jeber schrie. Aber bie Ausständigen ließen es nur ben Krankenhäusern zugehen unb bie ganze übrige Bevölkerung ber Gesunben mußte schmachten. Das vorläusige Enbe bes Streiks vebeutet ein wahres Glück für bie bürftenbe, nach Kühlung lechzende Stadt. Aber man be­fürchtet jetzt neue Ausbrüche, bie zu einer aus­gesprochenen Kalamität führen würben. Ohne­hin hat bereits in ben letzten Wochen bie K i n- bersterblichkeit eine für hiesige Verhält­nisse erschreckenb hohe Ziffer erreicht. So wächst benn mit jebem Tag unsere Sehnsucht ins Un­ermeßliche, bieser furchtbare Sommer möge um Himmelswillen endlich einmal ein Ende fin­den. Er ist uns allen bedenklich zu Kovf ge­stiegen. Das haben auch bie politischen Wirren zur Genüge bewiesen. Und währenb uns ber blaue Himmel unveränderlich anlacht, denken wir unausgesetzt daran, wie schon es eigent­lich in London ist. wenn grauer Regen und gelber Nebel bie Riesenstabt mit Dunst unb Dampf umhüllt... K. B.

Der Werartto-Kongreß.

Die Idee der internationalen Weltsprache.

Man schreibt uns aus Dresden: Als Vorvexsammluna zu dem großen Internatio­

nalen Esperantokongreß in Amsterdam tagte hier gestern in der Hygiene-Ausstellung ein Internationaler Esperanto- V.o rkon- g r e ß, zu dem eine große Anzahl von Dele­gierten aus den europäischen Kulturstaaten eingetroffen waren. Aus Anlaß des Kongres­ses fand eine große allgemeine Propagan- daversammlung statt, für bie ber be­kannte Berliner Schauspieler Emanuel Reicher als Rebner gewonnen war. Der Referent ging babon aus. daß auch er zunächst bem Esperanto ein« abfällige Meinung ent­gegengebracht habe unb es auf bie gleiche Stufe stellte' wie bas verschollen« Volapük. Nachdem er sich aber eingebenb mit ber Spra­che beschäftigt, sei er ein überzeugter Anhänger geworben. Von Professor Diehl sei vorge­schlagen worden, daß jedermann bie brei Hauptsprachen. deutsch, englisch und franzö­sisch lernen solle, um zu einer allgemeinen Verständigung zu gelangen. Das Mittel könne aber nur in vermögenden Kreisen Anwendung finden. Für das Volk könne nur eine Spra­che in Betracht kommen und das sei eben (trotz der künstlichen Konstruktion) das Espe­ranto.

Der Redner wandte sich dann gegen die Vorwürfe, die ihm anläßlich der Aufführung von GoethesIphigenie" in Espe­ranto gelegentlich des vierten Jnternatio- nalen Esperantokongresses in Dresden von künstlerischer Seite gemacht wurden. Er habe damals, als 600 Menschen, die 16 verschiedene Sprachen gebrauchten, versammelt waren, von der Aufführung in Esperanto einen Eindruck davon getragen, wie er ihn nur noch einmal, nämlich bei der Eröffnung bet Bayreuther Wagnerfestspiele gehabt habe. Der Rebner schloß mit einem Appell an bie Ver­sammlung. bie Idee der Weltsprache in immer weiteren Kreisen zu propagieren. Innerhalb des Rahmens des Kongresses fand bann bie Eröffnungssitzung bes beutsch-akademischen Es­perantobundes statt. Professor Schmidt- Berlin bezeichnete als Zweck des Bundes bie Ausbreitung bes Esperanto als einer Hilfs- spräche in wissenschaftlichen K rei - s e n. Realschuldirektor Göhl- Riesa referierte über bie Frage, ob bas Esperanto Bildungs- Wert genug habe, um des Bürgerrechts an den höheren Schulen würdig zu sein. Redner kam zu einer entschiedenen Bejahung dieser Frage, da Esperanto geeignet sei. den Schü­lern die Bekanntschaft mit der äußeren und

inneren Kultur nicht nur der Franzosen und Engländer, sondern aller Kulturvölker zu vermitteln. -ps-

Kleines Feuilleton.

jA, Die Abonnements-Konzerte im Hofthe­ater. Die Abonnementskonzerte der Königlichen Kapelle beginnen, wie alljährlich, mit bem 18. Oktober. Das erste Konzert wirb ber Erinnerung an Franz Liszt gewibmet sein, bessen hunbertsten Geburtstag ber 22. Ok­tober bringen wirb. Der Gast bes Festabenbs (Eroila" von Beethoven) wirb mit bes Meisters Bs-änr-Konzert bie gefeierte Kammer­virtuosen Frau Kwast-Hobapp sein. An weiteren Gästen sinb bis jetzt gewonnen bie be­rühmten Geiger Professor Henri M a r t e a u unb Professor Felix Berber, Frau Teresa C a r e n n o unb ber Helbentenor Vogel­strom.

Bismarck-Denkmal und Architek en-Ver- banb. Der Verband Deutscher Architekten- und Ingenieur-Vereine hat bei dem Gesamtaus- schuß zur Errichtting eines Bismarck-Na- tional-Denkmals dagegen Protest erhoben, daß dieser, um für die Ausführung des Denkmals geeignete Entwürfe zu gewin­nen, die Verfasser ber preisgekrönten, ber ent­schädigten und der angetauften Entwürfe aus­gefordert hat, ihre damals eingereichten Ent­würfe in bestimmter Hinsicht umzuarbeiten. In der Hinzuziehung der Verfasser der an g e« kauften Entwürfe wird ein Verstoß gegen die Bedingungen des Preisausschreibens er­blickt.

Kurze Notizen. In Scheveningen ist bie Errichtung eines Richard-Wag- ner-Th«aters in Aussicht genommen. Trotzbem bie erforderliche Summe von einet Million Mark noch nicht voll gezeichnet ist, sol­len bie weiteren Arbeiten so geförbert wer­ben. baß bie Eröffnung bes Theaters im Jahre 1913 vor sich gehen kann. Sir William Ramsay, ber bekannte englische Chemiker, ist vom Kaiser (wie nunmehr amtlich bekannt ge­geben wird) zum auswärtigen Ritter des Or­dens Pour le mörite für Wissenschaften unb Künste ernannt worden. Arthur Schnitz- lers neues DramaDaS weite Land" wird am ersten Oktober dieses JahreS gleichzeitig im Berliner Lessingtheater, im Münchener Hoftheater und im Mainzer Buratbeater zum ersten Male in Szene gehey