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Vkrmmer 218,

1. Jahrgang.

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Fernsprecher 951 und 952.

Sonntag, den 20. August 1911.

Fernsprecher 951 nnd 952.

3as Stoma do« Trier.

Ei« Brudermord aus Liebe.

Trier, 19. August. (Telegramm Ans ers Korrespondenten.) Die Untersuchung in der Mordaffäre im hiesi­gen Garnison-Lazarett hat die bereits mit­geteilten Angaben des verhafteten Kauf­manns Ukko von Czamier-GliszynSly über die Motive der Ermordung feines Bru­ders bestätigt, von Czamier hat seinen Bruder erschoffen, weil er ihn vor der Ge­fahr einer unsichern Zukunft be­wahren wollte. Die Schwurgerichtsver­handlung gegen den Brudermörder dürfte bereits Ende September stattfinden.

In der Offizier-Abteilung des Trierer Gar­nison-Lazaretts hat sich an einem der letzten Tage ein Drama abgespielt, dessen einzelne Akte zwar noch der Ausklärung bedürfen, das aber schon durch die äußerlich sichtbare Tragik des Ereignisses an Seele und Empfin­den rührt. Ein Neunzehnjähriger, eben zur Mannheit Herangereifter, erschießt den um sechs Jahre altern Bruder, dessen Leben-Zu­kunft durch des Schicksals Hand in Frage ge­stellt war, mordet, um ihn vor den Wechselfäl­len eines verfehlten Daseins zu bewahren, den Bruder mit ruhiger Ueberlegung und erklärt vorm Richtertisch unbewegt und mit der Ruhe bewußter Pflichterfüllung: Er sei aus aufrich­tiger Bruderliebe zum Mörder geworden, habe es nicht ertragen können, den Bruder den Zufällen einer ungewissen Zukunft preisgegeben zu sehen, und habe durch die Kugel ihn vorm Elend bewahren wollen. Einer, der s o spricht, im Angesicht des Zuchthauses oder der Richt­stätte s o rückhaltlos Ursache und Plan seiner Tat bekennt, griff nicht als Theaterheld zur Mörderwaffe, ward nicht aus zufälligem An­laß zum Verbrecher am Leben des Bruders, sondern man darf ihm glauben, daß das Mo­tiv der verhängnisvollen Tat nicht niedriger Art war und die Bruderliebe den neun­zehnjährigen Kaufmann Ukko von Czamier- Gliszynsky tatsächlich auf der Bahn unglück­licher Irrung zur letzten Konsequenz der Liebe: Zur gewaltsamen Lösung aller engenden Bande, getrieben hat. Der Mord an sich wird dadurch rechtlich zwar nicht entschuldet, aber man steht doch jm düstern Bild der Tragödie auch das Menschliche und Lautere, und das läßt uns das Drama von Trier iw milderm Licht erscheinen.

Der LeuMant von Czamier - Gliszynsky stand, als ihn des Bruders Kugel traf, am Ende einer wenig glücklichen und wenig et» freuenden Laufbahn. Mit 'zweiundzwanzig Jahren zum Offizier befördert, rang der Sproß eines verarmten Adelhauses vom An­fang seiner Karriere an mit all den Schwierig­ketten und Sorgen, die dem Träger des bunten Rocks nie erspart bleiben, wenn feine wirt­schaftliche Lage den (trotz aller Mahnungen immer noch zu Recht bestehenden)Repräsenta­tion- und Standespflichten" nicht angemessne Ersüllung zu sichern vermag. Die pekuniäre Situation des jungen Leutnants wurde schließ­lich so unhaltbar, daß selbst der Jugendmut die Gefahr einer Katastrophe nicht mehr zu bannen vermochte: Der Verzweifelnde, der die Wellen des Verhängnisses über sich zusammen­schlagen sah, versuchte zweimal, sein durch wi­driges Geschick verdüstertes Dasein zu enden, sprang nach einer durchschwärmien Rächt in rin Berliner Kanalgewässer und richtete, vom Zufall den Fluten entrissen, den Revolver ge­gen seine Schläfe. Aber auch die Kugel ver­sagte, und Czamier-Gliszynsky kam zum Re­giment zurück als ein mit dem Makel unmänn­licher Schwäche Behaf'eter, dessen seltsame Schicksale mehr Befremden als Anteilnahme wecken mußten. Die Konsequenzen blieben denn auch nicht aus: Der zweimal erfolglos vorm Leben Geflohene war als Offizier unmöglich geworden, und eine nervöse Erkrankung des schwer Heimgrsuchten bot den Anlaß zu be­schleunigtem Abschied. Ehe aber derblaue Bries" noch eintraf, war das Schicksal schon am Ziel: Im Trierer Garnison-Lazarett krachte der verhängnisvolle Revolverschuß!

Vorm Untersuchungrichter soll der neun­zehnjährige Mörder seines Bruders erklärt ha­ben, er habe erstdanndie Waffe gegen den Bruder gerichtet, als er die Möglichkeit einer glücklichem Schickfalwendung vereitelt sah: Er hatte dem Bruder, der der dunklen Zukunft vollkommen ungerüstet gegenüberstand, den dringlichen Vorschlag unterbreitet, mit ihm (dem Neunzehnjährigen) nach Kanada oder Argentinien auszuwandern, dort in der neuen Welt auf dem Erfolg der Hände Arbeit eine bescheidne Existenz aufznbauen und die Schar­ten früherer Leben-Läsiiakeit durch angestrengte

Tätigkeit auszuwetzen. Die Sorge um des Bruders Schicksal habe ihn zu diesem Vorschlag gedrängt, der allein die Möglichkeit geboten habe, den Namen Czamier-Gliszynsky vor Entehrung zu bewahren. Der in der Schule des Schicksals entnervte Bruderhabe indessen nicht mehr die Energie besessen, sich zu dieser Reitungtat aufzurasfen, und die Erkenntnis der Ohnmacht gegenüber dem Walten düstern Schicksals habe ihn so wuchttg niedergeschmet­tert, daß er angesichts der Unmöglichkeit eines andern Auswegs nur noch die eine Pflicht brü­derlicher Liebe empfunden habe: Den Unglück Häfen Bruder vor der restlosen Opferung int Bann verhänignisvoller Heimsuchung zu be­wahren; sei's selbst unter Preisgabe seines Le­bens!Ein Mord aus U e b e r l e g u n g", sagt das Strafgesetz;ein Mord aus Lieb e", spricht die Stimme des Herzens; die Schuld indes­sen liegt tiefer!

Die Tragödie im Trierer Garnison-Lazarett ist (so erschütternd sie auch fein mag) sicher nicht beklagenswerter wie die Tragödie im bunten Rock, die dem furchtbaren Akt­schluß vorausging: Das Verhängnis des un­glücklichen Leutnants reicht zurück bis in die ersten Tage seiner Lausbahn, da er unterm Druck pekuniärer Schwierigkeiten der Versu­chung zum Opfer fiel, aus deren Krallen ihn dann nichts mehr erretten konnte. Die Armut wird im bunten Rock schmerzlicher empfunden als im schlichten Kleid des Bürgers: Standes- pflichten und Repräsentation lassen sich aus dem Tradition-Bereich nicht ausschalten, und die Jugend mag's nicht ertragen, inglänzen­dem Elend" zu verkümmern. Jahr um Jahr heischt der GötzeTradition" unter der Jugend im bunten Rock seine Opfer, und alle wohlge­meinten Kabinett-Ordres, alle verständigen Ermahnungen einsichtiger Kommandeure haben bisher nicht ausgereich:, bem uebel zu steuern. Die Statistik der Offizier-Entlassungen mit schlichtem Abschied" redet eine überzeugende und eindringliche Sprache, und diese Sprache klingt auch aus der Trierer Offizier-Tragödie an unser Ohr: Anklagend, mahnend und war­nend zugleich! Der Leutnant von Czamier- Gliszynsky stand am Ende einer wenig glück­lichen, früh gefährdeten Laufbahn, als ihn des Bruders Kugel traf und feinen Kampf mit dem Schicksal endete. Die Gerechtigkeit wird das Verbrechen sühnen und den Bruder­mörder zur Rechenschaft ziehen, ohne zu fra­gen, wie die Tragödie im bunten Rock geendet haben würde, wenn das Verhängnis seinen Lauf hätte nehmen dürfen. Die Menschlich­keit aber zwingt zu milderm Urteil ...!

F. H.

Der große Tag in Wilhelmshöhe.

Kaiser, Kanzler und Kiderleu.

Der Reichskanzler von Bethmann Holl­weg hat gestern abend um zwölf Uhr von Wilhelmshöhe aus die Heimreise nach Ber­lin angetreten. Der Staatssekretär deS Auswärtigen Amts, von Kiderlen-Waechter hat sich von Wilhelmshöhe aus auf einige Tage nach Süddeutfchland zum Besuch des erkrankten früheren Unterstaatssekretärs Stemrich und zur Erledigung einiger Pri­vatangelegenheiten nach Badenweiler be­geben.

Der Kanzler Hai (wie wir erfahren) gestern dem Kaiser zweimal eingehend Vortrag über die politische Lage gehalten und auch mit dem Staatssekretär von Kiderleu-Waeckner hatte der Kaiser eine längere Unterredung, von der man annehmen darf, daß sie sich ausschließ­lich auf die Gestaltung der marokkani­schen Verhandlungen bezogen hat. Einige Blätter erzählen fesselnde Anekdötchen über den gestrigenhistorischen Spa­ziergang" des Kaisers mit Kanzler und Staatssekretär in den lauschigen Gängen deS WilhelmShöher Schloßparks, in denen gestern die Weltgeschichte schritt". Was daran Wahr­heit, was Dichtung ist, bleibe dahingestellt: Es genügt zu wissen, daß zwischen dem Kaiser und den beiden von Berlin zum Wilhelmshöher Hoflager beorderten Staatsmännern eine e i n- gehende Aussprache stattgefunden hat, von der man wird wünschen dürfen, daß sie den weitern Gang der Verhandlungen zwischen Deutschland und Frankreich günstig und för­dernd beeinflussen möge. In den Verhandlun­gen selbst ist augenblicklich eine Stockung eingetreten, denn nach einer ossiziösen Meldung aus Berlin gedenkt der französische Botschafter Cambon. sich in den nächsten Tagen nach P a - r i s zu begeben, um über den Verlauf der bis­herigen Verhandlungen in der Marokkofrage seiner Regierung mündlich Bericht zu erstatten. Rach der Rückkehr des Botschafters werden die Verhandlungen wieder ausgenommen werden, da inzwischen auch Herr von Kiderlen von sei­

ner Fahrt nach dem deutschen Süden nach Ber­lin zurückgekehrt sein dürste. **

ZweihMderttaufend im Streik!

Der soziale Riesenkampf in England.

Wie uns aus London depeschiert wird, be­teiligen sich bis jetzt am Generalstreik der englischen Eisenbahner zweihundert­tausend Mann. In Nordengland und Südwales ruht der Verkehr vollständig. Die Streiklage Hai sich seit gestern abend unzweifel­haft verschlimmert. Der Streik trifft am schwer­sten die nördlichen Eisenbahnlinien, während die südlichen Eisenbahnlinien, außer Brighton, vorn Ausstand weniger berührt werden. Die Züge laufen auf den südlichen Bahnstrecken beinahe wie gewöhnlich, und das Aussehen der Bahnhöfe ist normal. Uebcr die Situation in Liverpool liegt uns folgender eingehende Bericht vor:

s London, 19. August.

(Eigene D r a h t m eld nn g.)

DieCunard"-Linie kündet aus Liver­pool einen großen Sieg an. Ihr Damp­ferCaroni a, der Dienstag nach Newyork abfahren follte, ist gestern abend glücklich aus dem Hasen gegangen und hat, mit vieler rück­ständiger Post beladen, die Reise nach dem Ozean heute morgen beginnen können. Das Schiff ist überfüllt mit amerikani­schen Touristen, die fett Wochen in Liver­pool ausgehalten waren. Die ganze Nacht hin­durch suchten die Scheinwerfer des Kreuzers A n d r i m" den Hafen von Liverpool ab und Matrosen patrouillierten ohne Unterlaß über die Docks. Man glaubt, daß die Anwesenheit der Kriegsschiffe im Hasen von Liverpool hauptsächlich dem Gerücht zuzufchreiben ist, daß Versuche gemacht worden seien, Dampfer und Warenladungen in Brand zu stecke n. Der Straßenbahnverkehr konnte gestern abend in Liverpool mit achthundert streikmüden Angestellten wieder aufgenommen werden. Ueberatt, in Häusern, Straßen und Gassen, hat sich eine solche Fülle von Unrat aller Art angesammelt, daß die Gesundheit der Bevölkerung ernstlich bedroht ist. Die Straßenkehrer und städtischen Fuhr­leute haben nämlich auf eigene Faust gestreikt und weigern sich, an die Arbeit zurückzukehren, ehe ihnen nicht eine Lohnerhöhung bewilligt wird. Im allgemeinen ist die Stadt ruhiger geworden. Der Eisenbahndienst ist indes­sen infolge des allgemeinen Streiks auf ein Ge­ringes reduziert. Gestern konnten insgesamt nur drei Züge von Liverpool nach London abgelassen werden. In den Eis- Häusern befindet sich Fleischnahrung im Werte von sieben Millionen Mark, aber man befürch­tet, daß diese Vorräte zum größten Teil ver­derben werden, weil die. Eismaschinen tue» gen Manges an Kohlen zum größten Teil außer Betrieb gestellt werden mußten. In dem gegenüber von Liverpool» am linken Ufer des Mersey gelegenen Birkenhead griff eine Menge, die sich an gestohlenem Branntwein berauscht hatte, das Haus des Polizeimeisters an und beschädigte es schwer. Schließlich wurde M i - litär herbeigerufen, das die Menge mit dem Bajonett auseinandertrieb. Die Fähren werden von Truppen bewacht.

*

Londons Bahnhöfe im Dunkeln.

(Eigene Drahtmeldung.)

Wie uns ein weiteres Telegramm meldet, sind in L o nd o n haupttächlich der Euston - und Pattingtonbahnhos in Mitlei­denschaft gezogen. Auch vom Martzletonbahn- hofe sind keine Züge nach dem Norden abge- gaugen. Die Bahnhöfe waren fett gestern nachmittag fünf Uhr in tiefes Dunkel g e= hüllt. Auf der Untergrundbahn fahren nur wenige Züge. Auf mehreren Bahnhöfen sind große Truppenmasssen zusammen- gezogen, und auch die Signalhäuser sind von Soldaten bewacht. Bedeutende Truvven- maffen befinden sich gleichfalls auf den Bahn­steigen und den Wegen zu den Güterschuppen, ftn Fishguard versuchte gestern abend eine Menge Ausständiger, die Abfahrt des Londo­ner Zuges zu Verbindern, indem sie sich auf dem Bahnqleis cuffteflte. Die Menge wurde schließlich durch Militär mit aufgepflanz- fern Seitengewehr zerstreut. Einige Personen erlitten Verletzungen.

Frankfurt, Marburg, Gießen.

DaL frankfurter Universttätsprojett gefährdet? (Telegramm unseres Korrespondenten.)

Frankfurt a. M.. 19. August.

Die Verhandlungen wegen der Errichtung einer Universität in Frankfurt, die bis­her zwischen dem hiesigen Magistrat und dem preußischen Kultusminiesterium geführt wor- den sind, haben bis jetzt leine greifba­

ren Resultate gezeitigt. Vorläufig be­steht keine Aussicht auf Errichtung einet kommunalen Stiftungsuniversität. Wie ver­lautet, will jetzt die Stadt den Vorschlag ma­chen, eine staatliche Universität aus kommunalen Mitteln zu errichten. Beiden Projekten steht die Unterrichtsverwal- tuig indessen nicht sehr freundlich gegenüber, da sie die Berechtigungsfrage bei der Nähe der kleineren Uniüerfitäten (Marburg, Gießen und Heidelberg) nicht anerkennen kann und eine Verlegung der Marburger Univer­sität nach Frankfurt nicht beab» sichti gt ist. Die Verhandlungen werden später fortgesetzt werden. Sollte eine Einigung zustande kommen, so wird dem Landtage ein besonderes Gesetz vorgelegt werden. Bei der Zusammensetzung des Landtags ist aber die Annahme eines solchen Gesetzes noch ziemlich zweifelhaft, zumal Frankfurt anscheinend eine Universität ohne theologische Fakul­tät gründen will und dadurch die Frankfurter Universität als eineHochburg des Liberalis­mus" viele Gegner im Landtage finden dürfte. Nach Sage der Sache erscheint also zurzeit das Frankfurter Universitätsprojekt durch die Menge der feiner Verwirklichung entgegenftc» henden Schwierigkeiten ernstlich gefährdet.

Mar öchiemaugl» Roma«.

Die Hochstapeleien desGrafen de Paffy". (Von unferm Korrespondenten.) rt. Berlin, 19. August

Der vor einigen Tagen in verwegenster Weise aus dem Heilbronner Untersuchungs­gefängnis entwicheneGraf de P a ssy", dessen richtiger Name Max Schiemangk ist, sollte sich bekanntlich am vierten September vor der Strafkammer zu Heilbronn wegen schwerer Urkunden^lschung sowie wegen voll­endeten und versuchten Betruges verantworten. Schiemangk, der sich wahrscheinlich in Berlin oder nächster Umgebung aufhält, ist zweifellos einer der gefährlichsten Hochstapler der Welt. Er ist am 30. August 1869 zu Staupitz geboren. Seine Eltern und Geschwi­ster sind fämtlich hochachtbare Leute. Der Va­ter, ein bemittelter Gast Hofbesitzer, schickte den Sohn aufs Gymnasium. Da der Junge aber gar keine Fortschritte machte und allerlei dumme Streiche ausführte (er saß mit fünfzehn Jahren erst in Tertia) nahm ihn der Vater vom Gymnasium weg und brachte ihn zu einem Rechtsanwalt als Schreiber. Dort gefiel eS aber dem jungen Schiemangk sehr wenig und er äußerte den

Wunsch, Soldat z« werden.

Der Vater sandte ihn deshalb auf di« Unter« Offiziersschule nach Westburg. Dort gefiel es dem jungen Mann zunächst ganz gut, da er aber schließlich oftmals mit Kameraden in Streit geriet, gab ihn der Vater auf die Un- terosfizierschule nach Potsdam. Dort verübte er Betrügereien, er wurde bestrast und aus der Unierosfizierschule verwiesen. Auf Veranlassung des Vaters trat nun Schiemangk jun. als Dreijährig«Freiwilliger in das Pionier-Bataillon in Torgau ein. Der Vater hoffie, durch die militärische Disziplin werde es gelingen den Jungen auf eine bessere Bahn zu bringen. Anfänglich führte sich auch Schiemangk zur vollen Zufriedenheit feiner Vorgesetzten. Rach einiger Zeit wurde er je­doch mehrfach wegen Urlaubsüberschreitung und disziplinwidrigen Verhaltens mit Arrest bestraft. Schließlich beging er mehrere Dieb­stähle. Er wurde deshalb vom Kriegsgericht mit Gefängnis bestraft und in die zweite Klasse des Soldatenstandes versetzt. 1889 wurde er vom Militär entlassen und

ging darauf nach Amerika.

Dort wurde er in das erste Artillerie-Regiment der Vereinigten Staaten als gewöhnliche« Soldat eingestellt. Nach einigen Monaten de- sortierte er und lebte in verschiedenen Tei­len Amerikas von allerhand Betrügereien, ins­besondere vom Heiratsschwindel. Er soll in Amerika zweimal verheiratet gewesen fein. Der Boden Amerikas muß ihm schließlich zu heiß geworden sein. Er kehrte nach Deutsch­land zurück und gab sich hier als M a j o r d e r Miljzarmee der Vereinigten Staaten aus.. Er prahlte mit allerhand Erfindungen, die er auf militärischem Gebiete gemacht habe und gab an, daß diese ihm in'Amerika patentiert worden seien. Er sei nach Europa gekommen, um sich die Erfindungen auch hier patentieren zu lassen und zu verwerten. Er stehe wegen Ankaufs der Erfindungen bereits mit dem eng­lischen und preußischen Kriegs mini st e- r i u m in Unterhandlung. Schiemangk prahlte derartig mit seinen Erfindungen, daß er wegen Verdachts der Spionage verhaftet wurde. Da sich aber ergab, daß

feine Erzählungen bloße Prahlereien waren, wurde er sehr bald wieder entlassen. Er setzte daraus feine Betrügereien und Hei­ratsschwindeleien fort und war. als ihm ig