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Sonnabend, 19. August 1911.

schirrten. Es sollen zwanzigtausend Soldaten allein in der Waterloostation von Aldershot angelangt sein, meist Infanterie und Kavallerie, aber auch einige Batterien Ar ille rie. In den Eisenbahnstationen war heule früh noch kein Militär zu sehen, nur die Euston Station hat man aus noch unbekannten Grün­den mit sechzebnhundert Mann Truppen besetzt. Die Ruhe in London kann übrigens nichi dar­über Hinwegtäuschen, daß die Streikerklärung (wie dieDaily News" sagt) eine natio­nale Katastrophe' bedeutet. Die St. Pancraz-Station leidet bis jetzt in London am meisten uiticr dem Streik; spät abends legten fünfhundert Arbeiter in den Güterschuppen die Arbeit nieder und

marschierten nach den Bahnsteigen, wo sich ihnen die meisten der Zugbediensteten anschloffen. Auf dem Bahnhof von West Ea­ling versuchten die Streikenden in der vergan­genen Nacht, den irländischen Postzug aufzuhalten. Eine Stunde später gelang es jedoch, den Zug abzulaffen. Auf den Sta­tionen Paddington und Marylebone trat der Streik in der Nacht in Kraft; fast sämtliche Bedienstete verließen die Züge und Gebäude der Bahnen. In den Provinzstädten sind die Eisenbahner weit erbitterter gegen die Gesell­schaften, als in der Hauptstadt, und es wird sich bald zeigen, daß die Züge von London wohl abgchen können, aber nicht an ihren Be­stimmungsort ankommen. Es wurde bereits gestern auf den Bahnhöfen bekannt gemacht, daß Fahrkarten nach Manchester nicht mehr verkauft werden, Natürlich wird dadurch auch der transatlantische Verkehr

englischer Dampferlinicn stark geschädigt. Ge­rade um diese Jahreszeit kehren viele Ameri­kaner, die den Sommer in Europa zubrachtcn. nach Haufe zurück. Der RiesendampferL u - sitania" sollte fünfhundert Passagiere erster Klasse nach Rewyork befördern, ist aber nicht imstande, zu entladen und kann deshalb mor­gen nicht abfahren. Die Regierung hat inzwi­schen neueVerhandlungen mit den Ar­beitern angeknüpst und es wird deshalb noch nicht alle Hoffnung auf baldige« Frieden auf­gegeben. Tie Arbeiterführer erklären jedoch, daß die Bemühungen der Regierung vorläufig nicht den geringsten Einfluß auf den Verlauf des Streiks haben werden. Die Arbeiter würden sich

nicht auf Waffenstillstand einlaffen.

In der Nacht teilte der Finanzsekretär der ver­einigten Organisationen der Eisenbahner mit, daß heute die Vertreter der Organisation der Transportarbeiter des ganzen Landes den Be­schluß fassen würden, alle ihre Mitglie­der zum Streik aufzufordern, wo­durch Handel und Gewerbe auf den britischen Inseln vollständig zum Stillstand gebracht werden würden. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden die Transportarbeiter diesem Rufe willig folgen, da sie durch den Eisenbahnerstreik größtenteils ohnehin zum Feiern gezwungen sind. In Liverpool herrscht noch immer der Zustand des Aufruhrs. Die elektrischen Licht- und Kraftleitungen sind durchschnitten worden, so daß gestern abend

die Stadt in Dunkel gehüllt

war. Die Räume in den Hotels wurden durch Kerzen erleuchtet. Die Fabriken, die durch elektrische Kraft getrieben werden, sind zum Stillstand gezwungen. Der Janhagel ist da­mit beschäftigt, Barrikaden zu bauen. Die Frauen tragen unaufhörlich Steine und andere Wurfgeschofle herbei. Man erwartet ständig Zusammenstöße mit der Poli­zei. Der Berkaus von Getränken in Flaschen ist verboten worden. Die ProNamierung des Generalstreiks hat auf die Streikenden in Li­verpool sehr schlimm eingewirkt, da sie in dem Generalstreik eine Unterstützung ihres eigenen Kampfes erblicken. Da der Janhagel die schwierige Situation für sich auszunutzen sucht, ist jeden Augenblick mit dem Ausbruch neuer Unruhen und neuer Straßenkämpfe zu rechnen. Das Truppenaufgebot ist infolge­dessen heute früh bedeutend verstärkt worden.

Großfeuer im Jndustriehaus.

Hamburg, 18. August. (Privatte- legramm.) Ein Großfeuer wütete in der letzten Nacht in dem Isermann'schen Jn- duftriehaus, wobei der vier Stock hohe Gebäu- dckomplex total niedrer brannte. Der Schaden ist, da viele Lagerbestände mit ver­brannt sind, auf mindestens dreihunderttausend Mark zu schätzen. Der Brand kam in der Nacht um zwei Uhr zum Ausbruch. Die Löscharbei­ten dauetten bis morgens gegen neun Uhr.

Die Flucht vor Marokko.

Paris, 18. August. (Privat-Tele- gramm.) Aus Bezirkes (Südfrankreich) wird gemeldet, daß zahlreiche junge Spanier im Älter von zwanzig bis fünfundzwanzig Jah­ren über die Grenze gekommen seien, um den Aushebungen für Marokko zu entgehen, die na­mentlich in Catalonien in großem Umfang er­folgen.

Helden . .

Paris, 18. August. (Privat-Tele- g r a m m.) Zwischen dem früheren Unter staatssekretär des Krieges und der Marine C h e v o n und einem Unterpräfekten fand Heftern ein Säbelduell statt, das nach vier Gängen als beendet erklärt wurde. Die beidep Gegner blieben unverletzt.

Charchez la femme?

Paris, 18. August. (Privai-Tele- g r a m m.) In L Y o n erregt die Verhaftung eines Polizeibeamten großes Aufsehen. Die Polizei nahm dort einen der Ihrigen, einen Geheimpolizisten, wegen der Entwen düng von Dokumenten fest. Der Verhaftete hatte einer Dame, die unter dem Namen einer Gräfin Ponioulmpre" in zahlreiche Sen- sattonsprozeffe verwickelt war, die Akten für einen ihrer Prozesse aus dem Polizeiarchiv verschafft. DieGräfin" vernichtete bann diese Akten, weil sie für sie kompromittierend waren.

Si. 217. 1. Jahrgang._______________

ler von Bcthmann Hollweg, der Staatssekretär von Kiderlen-Waech- ter, Freiherr Marschall von Bieber­stein, die Herren der österreichisch-ungarischen Potschaft in Berlin unter Führung des Bot­schafters von Szögyeni-Marich und andere Persönlichkeiten geladen sind. Der Reichskanz­ler war gestern abend kurz vor sieben Uhr in Begleitung des Freiherrn von Bieberstein auf dem Oberstadtbabnhof eingetroffen, wo sie vom Gesandten von Jenisch empfangen wurden. Der Reichskanzler fuhr direkt ins Schloß, wäh­rend von Bieberstein im .König von Preußen" Wohnung nahm, von Kiderlen-Waechter traf erst heute morgen in Cassel ein; auch er hat im Schlöffe Wohnung genommen. Der Reichs­kanzler hielt dem Kaiser noch gestern abend einen Vortrag und war auch heute vormittag zum Vortrag beim Kaiser. Gegen Mittag empfing der Kaiser den Botschafter Freiherrn von Bieberstein zur Meldung. Auch der Gouverneur von Samoa, Dr. S o l f, ist in Wilhelmshöhe eingetroffen, um sich beim Kaiser zu melden. Bei der Galatafel saß das Kaiserpaar einander gegenüber. Rechts vom Kaiser folgten: der österreichisch-ungarische Botschafter von Szögyeni-Marich, Ge­neraloberst von Plessen, Militärattachee Freiherr von Bienerth; links: der Reichs­kanzler von Bethmann Hollweg, Frei­herr von Flotow, Staatssekretär von Kiderlen-Waechter. Rechts von der Kaiserin saßen: Botschafter Freiherr von Bie- herstein, Prinzeffin Viktoria Luise und Oberprästdent Hengstenberg; links: der kommandieren General des elften Armee­korps Freiherr von Scheffer-Boyadel, Hofstaatsdame Gräfin Keller und der Chef des Militär-Kabinetts Freiherr v. Lyncker.

Landschastsbild und Kammergencht.

(Von unferm Berliner Mitarbeiter.)

Ein Plakatstreit, veranlaßt durch die Poli­zeiverordnung des Regierungspräsidenten zu C a f f e I vom 23. Oktober 1902 gegen die Ver­unstaltung landschaftlich hervor­ragender Gegenden fand jetzt seine (vorläufiges Erledigung beim Kammerge­richt. Die Entscheidung dürfte bei Weiteren Kreisen des Publikums Beifall finden. Denn gar manchem haben schon die aufdringlichen Reklameschilder mit ihren karikaturenhaften Darstellungen auf der Eisenbahn oder auf sei­nen Wanderungen, wenn er sich an den Reizen Unseres Hessenlandes erfreute, die gute Laune verdorben. Die Verordnung des Regierungs­präsidenten ist ergangen auf Grund des Ge­setzes vom 9. Juni 1902 gegen die Verunstal­tung landschaftlich hervorragender Gegenden. Sie verbietet die Anbringung solcher Reklame­schilder und sonstiger Aufschriften und Abbil­dungen, die das Landschaftsbild verunzieren, außerhalb geschloffener Ortschaften in den Krei­sen Cassel-Land, E sch Wege, Geln­hausen, Marburg und Witzenhau - s e n. Der Inhaber eines Reklameinstituts Sch. hatte sich vor dem Strafrichter zu verantwor­ten, weil er, der Verordnung zuwider, an der Eisenbahnstrecke Cassel -Ha Ile für eine Zigarettenfabrik ein großes, auffallen­des Reklameschild aufgestellt hatte, von dem behauptet wurde, es verunziere die Gegend. Oie Strafkammer aber war anderer An­sicht und fprach den Angeklagten frei, weil nach dem Orte der Aufftellung des Schildes der­jenige in der Betrachtung des Landschaftsbil­des nicht gestört werde, der mit dem Zuge vor­überfahre, von einem hervorragenden Orte Ausschau halte oder auf einem Wege in jener Gegend gehe. Deshalb treffe den Angeklagten nicht der Vorwurf eines Verstoßes gegen die in Rede stehende Polizeiverordnung des Regie­rungspräsidenten.

Die Auffaffung des Kammergerichts.

Anderer Auffassung als die Strafkammer ttiar jedoch das Kammergericht. Es hob die Vorentscheidung auf und wies die Sache an die Straflammer zurück. Die Aushebung er­folgte deshalb, weil der Gerichtshof in dem Urteil einen Rechtsirrtum des Vorder­richters erblickte. Nicht darauf komme es an, ob der Beschauer der Landschaft von einem Verkehrswege aus den Eindruck empfange, daß das Schild die Gegend verunziere. Entschei­dend sei vielmehr die Beantwortung der Frage, ob objektiv, ganz allgemein eine Verunzierung der Landschaft durch das Schild anzuerkennen sei. Von diesem Gesichts­punkte aus habe der Richter die Sachlage zu prüfen und zwar könne sich die Hinzuziehung eines Sachverständigen, etwa eines Land­schaftsmalers, empfehlen. Bei biefer Gelegen­heit fei auch auf eine vor einiger Zeit ergan­gene Entscheidung des Kammergerichts hinge- Wiefen, in der zur Auslegung einer genau Wie die Casseler lautenden Polizeiverordnung ge­sagt wurde, bei der Prüfung im Einzelfalle dürfe nicht das Reklamefchild an sich betrachtet werden, fondern es müsse die landfchaftliche Umgebung berücksichtigt werden, in der es an­gebracht sei, da dasselbe Bild nicht überall gleich wirke. In einer reizvollen Umgebung könne schon ein unscheinbares Bild als Ver­unzierung zu betrachten fein, während man das vielleicht nicht von einem großen Bild in einer Gegend mit einem anderen Charakter fagen könne. Und von Interesse dürften auch eine Reihe von

Entscheidungen des Oberverwattungsgerichtes fein, das sich über den Begriff der gröblichen Verunstaltung in gleichem Sinne ausgesprochen hat, wie hier das Kammergericht. Im Jahre 1907 ist bekanntlich ein Gesetz erlassen worden, das weitergehend als das von 1902 auch ge­schlossenen Ortschaften (nicht nur landschaftlich hervorragenden Gegenden außer­halb geschlossener Ortschaften) polizeilichen Schutz angedeihen läßt. Hier ist Voraussetzung für ein polizeiliches Einschreiten, daß eine »gröbliche Verunstaltung" vorliegt. Die Be­stimmung dieses Begriffs dürfte also erst recht bei der Auslegung des Gesetzes von 1902 an­gewandt werden, wo nur eine .Verunzierung" gegeben sein muß. Unter einer .gröblichen Verunstaltung" fei, fo führt das Oberverwal­tungsgericht in einer Reihe von Entscheidun­gen aus, die Schaffung eines positiv häßlichen, und daher jedes für ästhetifche Gestaltung offene Ange verletzenden Zustandes zu ver- ftxhen. £u beachten seft selbstverständlich, daß

Casseler Neueste Rachrichteie

die ästhetische Wirkung keineswegs überall die gleiche sei, vielmehr nach der Beschaffenheit der Umgebung, auf welche sich die Wirkung richte, eine sehr verschiedene fein könne. Die Wirkung werde aber, so wird a. a. O. ausgeführt, nicht dadurch ausgeschlossen, daß das Gesamtbild und zwar gerade die nächste Umgebung des Schildes nicht frei von minder freundlichen Be­standteilen fei. Außer der angeführten Ver­ordnung sind noch zwei Weitere Polizeiverord­nungen des Regierungspräsidenten im Jahre 1910 für das Haunetal und die Grafschaft Schaumburg ergangen, ferner auf Grund des Gesetzes von 1907 eine Verordnung, die land­schaftlich reizvolle Gebiete des gesamten Regie­rungsbezirkes in ihre Obhut nimmt. In näch­ster Zeit soll ja auch einOrtsstatnt erlassen wer­den, das den Reizen des Stadtgebietes seinen Schutz gewährt. G. L.

Sin Stelldichein am Morgenhimmel.

In den frühen Morgenftunden des 17. Au­gust (zwischen 4 und 5 Uhr) War ein interes­santer Vorgang am Himmel zu sehen. Die beiden Wandelsterne, die am meisten die Phan­tasie der Menschen angeregt haben, Saturn und Mars, also der zweitgrößte und der zweitkleinste Planet unseres Sonnensystems, gaben sich ein Stelldichein am Himmel. Die Konjunktion fand im Sternbilde des Stieres statt. Ueber dem Doppelgestirn, das zur Zeit der Konjunktion eine Entfernung von etwa drei Vierteln des Monddurchmeffers zeigte, leuchtete in einer Entfernung von fünf Voll­mondmeilen unser Erdtrabant, der gerade das letzte Viertel erreicht hat und daher zur Hälfte beleuchtet erscheint. Durch diesen Umstand War es diesmal selbst für Laien unmöglich, das Doppelgestirn zu verfehlen und etwa mit Fix­sternen zu verwechseln, denn Mond, Mars und Saturn bildeten fast eine gerade Linie. Für die astronomische Wissenschaft haben folche Zu­sammenkünfte zwar nicht mehr die hohe Be­deutung, die ihnen die alten Magier zuge­schrieben, aber immerhin noch hohen Wett.,

Man kann nämlich bei solchen Gelegenheiten photographisch oder optisch die gegenseitige Stellung der Planeten genau fixieren, um die Planetentafeln zu kontrollieren und zu ver­bessern. Man kann die relative Helligkeit bei­der Wandelsterne und des Mondes, sowie die Farbe derselben viel genauer als sonst ver­gleichen. Würden Wir noch in den Zeiten der Sterndeuter leben, so würde es (besonders bei einer politischen Lage, Wie der gegenwärtigen) an schrecklichen Prophezeiungen nicht mangeln. Denn Saturn sowohl Wie Mars galten als böse Planeten.Saturn schlägt mit schädigen­der Sichel, für menschliche Angelegenheiten ist er unangenehm," heißt cs. Und auch der Mars ist ein unangenehmer Gefell, der nach der astrologischen Theorie sttts Streit, Feuer und Blutvergießen anzeigt. Welch ein Glück für uns, daß die Konjunktion nicht imfünften Hause" erfolgt. Denn sonst müßten, wie ein englischer Astrolog behauptete, große Feuers­brünste eintreten!Es ist interessant," schtteb er,die Stellung der Planeten bei Gelegenheit der großen Feuersbrunst in Chicago ins Auge -u fassen. Der Planet Mars, immer ein Feu­erzeichen, stand in Verbindung mit Saturn im fünften Hause. Dieses Haus beherrscht The­ater und fonftige Schauvergnügen nach Auf­fassung der Astrologie.

Am 5. Sevtember 1887 beim Brande des Theaters in Exeter standen Mars und Saturn wieder im fünften Hause vereint." Auch die Wiener Ringtheaterkatastrophe führt der er­wähnte Astrologe auf eine ähnliche Konstella­tion zurück. Melanchthon. dessen Tochter un­glücklich verheiratet War. bedauerte, die Stern­deutekunst nicht rechtzeitig zu Rate gezogen zu haben, denn die Zusammenkunft des Mars mit Saturn hätte ihn vor der Petton seines Schwiegettobnes warnen müssen. Auch um die Zeit der Geburt des Fürsten Bismarck im Jahre 1815 sand eine ähnliche Konstellation statt. In seinem Horoskop heißt es:... Die­ser Einstuß ist namentlich auch bei den vielen körperlichen Unväßlichkeiten des Fürsten, ver­ursacht durch Mars und Saturn im sechsten Haus, sehr Wesentlich gewesen, zumal auch Ju­piter mit den beidenbösen" Planeten in gu­tem Asvekt stand, deren auch anderweit bewirkte grobe ffiiberWäriigfeiten lindernd ..."Mars und Saturn im selben Zeichen und im House der amtlichen Tätigkeit spiegeln die vielen hes- ttgen Kämpfe und Feindschaften wider und bewirkten schließlich den bekannten, sehr ver- drußreichen Abgang vom Amt." **

A Die Sonntagsruhe im Handelsgewerbe. Die Sozialkomwission zur Herbei­führung der völligen Sonntags­ruhe im Handelsgewerbe hat an den Magistrat und d'e Stadtverordneten unserer Stadt ein längeres Schreiben gerichtet, worin sie nochmals ausdrücklich für die Einführung der völligen Sonntagsruhe im HondelsgeWerbe plädiett. Die Kom­mission beweist, daß die Gründe, die in der Stadtverordnetenversammlung vom sechsten Juli gegen die völlige Sonntagsruhe vorge­bracht wurden, nicht olle stichhaltig seien. Der Fragebogen Hobe vielmehr ergeben, daß so­wohl die Angestellten als auch die Ladenbesitzer selbst für eine völlige Sonntagsruhe zu haben feien. Außer diesem statistischen SHa'erat führt das Schreiben Gründe vom oesundheisticheu Standvunkt aus an. und fordert vor allem im Interesse der Juaend einenfreien Sonntag" im Handelsaewerbe.

A Das Manöverproviantamt bei Allendott an der Werra. Seit gestern ist nach langer Zeit in Mendorf wieder einmal ein Manöverpro­viantamt eröffnet Worben. Es soll zunächst die in dieser Gegend manövrierenden Attillerie- reghnenter Nr. 1 und 47 aus Cassel, Fritzlar und Fulda mit Pferdefufter versehen Später sollen auch die übrigen Truvpen der 43. und 44. Brigaden nebst Kavallerie, Pionieren und Train aus dem hiesigen Magazin Lebensmit­tel, Pferdefutter und Biwaksbedürfniffe« emp­fangen.

A Ein Jahr Gefängnis wegen zwei Paar Stiefel. Der Schreiner Karl Weickhardt hatte sich wegen fchweren Diebstahls im straf­schärfenden Rückfall vor der hiesigen Strafkam­mer zu verantworten. W. hatte am 7. Juli dieses Jahres aus her Weristätte des. Schuh;

machers B. in der Obersten Gasse mittels Nachschlüssels zwei Paar Herrenstiefel im Werte von fünfunddreißig Matt gestohlen. Er hat die Stiefel versetzt und einen Teil des Gel­des verbraucht. Der Angeklagte ist in vollem Umfang geständig, schützt jedoch vor, die Tat aus Not begangen zu haben. Der Vertreter der Staatsanwaltschaft bittet, den Angeklagten Wegen des geringen Objekts nicht in das Zuchthaus zu schicken. Er beantragte eine Ge­fängnisstrafe von einem Jahr. Das Urteil lau­tet auf ein Jahr Gefängnis, Worauf ein Monat der erlittenen Untersuchungshaft angerechnet wird. Außerdem wurden dem W. die bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von fünf Jahren aberkannt.

A Für die Abgebrannten in Dudcrstadt. In dem kleinen Städtchen Suber ft abt, bas mitten auf bem kahlen, trostlosen Eichsseld liegt, Wütete bekanntlich am vergangenen Sonnabenb ein ungeheurer Branb, ber in kurzer Zeit mehr als hunbertfünfzig Häuser einäscherte. Da es zum großen Teil arme Leute sind, die von dem Unglück betroffen wur­den, hat sich zur Linderung ber herrschenden Not ein Hilfskomitee gebildet. Auch in nuferer Stadt Werden Spenden für die Ab­gebrannten entgegengenommen. Es fei auf den Aufruf im heutigen Inseratenteil verwiesen.

A Das neue Bataillon der Einhundert siebenundsechziger. Anläßlich der Herbstübun­gen Wird am 25. August beim hiesigen Infan­terie-Regiment Nr. 167, das nur aus zwei Ba­taillonen besteht, ein drittes Bataillon aus Re­servisten und Stamm-Mannschaften der beiden anderen Bataillone gebildet. Dieses Bataillon verbleibt bis zum 7. September hier in Garni- fon und folgt dann dem Regiment zu den Herbstübungen.

A Die Exkursion des Lehrervereins. Die Naturwissenschaftliche Vereinigung des Casse­ler Lehrervereins unternimmt Sonnabend, den 19. und Sonntag, den 20. August eine einem« halbtägige geologische Exkursion in das Richelsdorfer Gebirge, Wobei Professor Milde von ber Königlichen Sauge« Werkschule die Führung übernimmt. Die Ab­fahrt erfolgt Sonnabend 12.10 Uhr vom Bahn­hof Caffel, die Rückfahrt Sonntag abend 7.22 Uhr von Cornberg. Auf dem Marsche von ©erftungen bis Cornberg werden die Kupfer- fdjiefergruben und die Schwerspatgrube bei Richelsdorf besichtigt.

A Die Verfehlungen eines Pflegevaters. Eine strenge Ahndung fand heute vor ber Strafkammer ein schweres Verbrechen. Wegen Verbrechens gegen § 174, 1 und 176, 3 War ber Färber August Grundel angeklagt. Der Ange­klagte gibt zu, mit feiner Pflegetochter zwei­mal strafbare Handlungen vorgenommen zu haben. Aus der Beweisaufnahme ergibt sich jedoch, daß der Angeklagte das Mädchen schon als neunjähriges Kind mißbraucht hat. Der Staatsanwalt beantragt eine Zuchthausstrafe von drei Jahren. Der Gerichtshof verkündet nach längerer Beratung folgendes Urteil: Der Angeklagte wird wegen Verbrechens gegen § 176, 3 in Verbindung mit § 174, 1 zu zwei Jahren und fechs Monaten Zucht­haus verurteilt. In der Begründung wird ausgeführt, daß eine so gemeine, grobe und ehrlose Handlung auch eine ausreichende Sühne erforbere.

A Die Gala-Vorstellung im Hoftheater. Die Eintrittskarten für bie Galerie zum Theatre harte nm 20. August Werben von Sonnabend ab ausgegeben. Es sind noch Karten für nachstehende Plätze zu haben: Orchesietteffel 10 Mark, erstes und zweites Parkett 8 bezw. 7 Mark, Parterre-Loge 5.50 Matt, Parterre 4.50 Mark, zweiter Rang Seite, fünfte bis siebente Reihe 5.50 Mark, jeher Rang Mittel­balkon 6 bezw. 5.50 Matt, dritter Rang Mittelbalkon 3.50 Mark. Die Besucher der Gala-Vorstellung Werben gebeten, ihre Plätze bereits eine Viertelstunde vor Beginn der Vorstellung einzunehmen.

A Die jüngsten Schneidermeister und Schneidermeisterinnen. Eine gemeinsame Mei­sterprüfung für das Schneider-, Schneiderin­nen- und Putzmacherinnengewerbe fand in die­sen Tagen im Sitzungssaale der hiesigen Handwerkskammer statt. Den Vorsitz führte Stadtrat R u e tz. Die Prüfung Wurde bestan­den von der Putzmacherin Martha Jutzi- Corbach, ber Damenschneiderin Martha Baumgarten- Borken, dem Schneider Eduard Schröder -Hebel bei Homberg und Zuschneider Ernst Pittschellis-Homberg.

A Die Schüler im Zirkus Blumenfeld. Am Sonnabend Nachmittag ward im Zirkus Blu­menfeld eine Schüler- und Familienvortzellung stattfinden, zu der der Einttittspreis ermäßigt worden ist.

A Das Wetter am Sonnabend. Der amt­liche Wetterbericht sagt für Sonn­abend für Hessen-Nassau folgende Witterung voraus: Zeitlich kühl, strichweise einzelne leichte Regenfälle. Sonntag Bewölkung zunehmend.

Letzte Telegramme.

(Rach Schluß der Redaktion eingegangen.)

Irr Londoner Msenftreil.

(Eigene Drahtmeldung.)

S London, 18. August.

Die Wittnngen des gestern abend prokla­mierten Eisenbahne r-G eneralstreiks äußern sich vorerst nur noch fchwach: Mit Aus­nahme der Paddington- und der Sanrt Pan- craz-Statton boten heute morgen bei Eröffnung alle Eisenbahnstationen das gewohnte Bild. Rur daß bedeutend mehr Polizisten vor den Stationsgebäuden Wache hielten, die indessen die StreiNomiteeS, die sich gleichfalls fehr früh eingefunden hatten, vollkommen ignorierten. Viele Eisenbahnbedienstete hatten die Rächt in cen Bahnhöfen zugebracht, wo ihnen von den Direttoren Güterschuppen und Wagen zum Schlafen eingeräumt waren, um die Leute nicht beim Verlassen und Betreten des Bahnhofs den Verführungskünsten der Streikkomitees anszusetzen. Den ganzen Morgen hindurch langten auf dem Bahnhof Waterloostation

Truppen von Aldershot

an, die in aller Stille durch die Strafen nach ihren Lagern in den Patts und anderswo mar-

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