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Nr. 215. I. Jahrgang.

Casseler Neueste Nachrichten.

kn desonderer Audienz empfangen. ES war in den Tagen, in denen die Sommerhitze beson­ders schwer auf Rom lastete. Und die Unter­haltung, die sehr lange dauerte, hatte natürlich auch d:e hohen Temperaturen dieses Jahres zum Gegenstand. Der Freund des Papstes sprach von dem sommerlichen Leben in Venedig und hob hervor, daß die Venezianer sich nur zum Lido zu begeben brauchen, wenn sie bei drückender Hitze durch eine frische Brise und durch angenehme Kühlung erfreut werden wol­len. Er schilderte dem Papste, der aufmerksam zuhörte, den ständig zunehmenden Verkehr der kleinen Dampfer, die von der Riva degli Schia­voni nach Santa Elisabeths fahren, den groß­artigen

Aufschwung der Lagunenstadt, in der täglich neue Hotels und neue prächtige Villen entstünden, den gewaltigen Fremden­strom, der sich über Venedig ergieße, und sagte zuletzt im Tone des Bedauerns:Wer weiß, wie Eure Heiligkeit darunter leidet, daß sie sich nichtvonder Stellebewegen und sich keine Erholung, die doch selbst dem gewöhn­lichsten Sterblichen gegönnt ist, verschaffen kann. Wie macht es Eure Heiligkeit nur, um sich wenigstens eine kleine Erleichterung zu ver­schaffen ?2 Der Papst lächelte wehmütig und sprach:Wenn ich allein bin, schließe ich oft für ein paar Augenblicke die Augen und sehe dann das Meer und meine Lagune; dieses Gesicht erfrischt mich, und ich gehe mit neuen Kräften an die Arbeit..." Das Geschichtchen zeigt, daß der Papst wieder unter der S e h n - suchtnachseinemVenedig, die ihn auch in den ersten Monaten nach seiner Erwählung so häufig ergriff, zu leiden hat, und das kann vielleicht auch als Beweis dafür gelten, daß sein ganzer Organismus geschwächt ist und nicht mehr Spannkraft genug besitzt, um senti­mentalen Anwandlungen erfolgreichen Wider­stand zu leisten. Dr. A. S.

Ne Spfer der Hitze.

Zweihundertvierunddreitzig Menschenopfer in Berlin.

Als am Dienstag früh der Himmel sich seit langer Frist wieder einmal mit Wolken bedeckt zeigte, ließ es sich mit Hilfe des Kalenders ohne weiteres ausrechnen, daß man gerade volle vier Wochen aus dieses Ereignis gewartet hatte. Weniger leicht ist es, die Opfer zn- sammenzustellen, die diese größte Hitzeperiode seit hundert Jahren erfordert hat. Die Stati­stik hat aber trotz der Hitze auch diesmal treu gearbeitet, und die Zahlen, die sie uns über die Folgen der letzten Hitzwelle gibt, sprechen deut­licher als alle detaillierten Schilderungen. Aus Berlin wird uns darüber berichtet:

Rr Berlin, 16. August.

(Telegramm unsers Korrespondenten.)

In der Zeit vom fünfzehnten Juli bis zum dierzehnten August ereigneten sich allein in Groß-Berlin 240 Fälle Von Hitzsch lägen, von denen 63 einen tödlichen Ausgang nahmen. In der gleichen Zeit wurden 11 Per­sonen infolge der Hitze wahnsinnig. Von den Hunderttausenden, die den erschlafften Kör­per in der Spree oder den Seen der Umgebung Berlins durch ein Bad erfrischen wollten, ge­rieten 430 Personen in Lebensgefahr. 165 da­von ertranken, und von über 100 von die­sen weiß man, daß sie des Schwimmens unkundig waren. In diesen vier Wochen konnten 7 Ehetragödien, die 6 Menschen zum Opfer forderten, auf die abnorme Hitze zu­rückgeführt werden. Ein großer Prozentsatz Neugeborener erlag bereits in den ersten Tagen des Erdendaseins den Folgen der sen­genden Sonnenstrahlen. An 168 Stellen verur­sachte die Sonne Entzündung von La­ge r st ä t t e n, 27 mal hatten die Wehren zu tun, um einen ausgebrochenen Waldbrand in

Hitze liegen, weit größer ist jedoch die Zahl der der Umgebung Berlins zu löschen. Auf den Straßen blieben 56 Pferde als Opfer der ebenso verendeten Hunde. Natürlich erforderte die abnorme Hitze, di« für die Zeit der letzten vier Wochen ein Mittel von etwas über 27 Grad aufwies, ein ungeheures Quan­tum Wasser zu Genuß- und Haushaltungs­zwecken. Die städtischen Wasierwerke haben sich aber der starken Nachfrage vollauf gewachsen gezeigt, denn sie pumpten ohne Unterbrechung in den dreißig Tagen 7 200 000 Kubikmeter Wasser in die Berliner Wasserleitungen.

Sie Politik der Lager.

s Der Frankfurter Presse-Skandal. Wie uns aus Frankfurt a. M. berichtet wird, haben dieFrankfurter Nachrichten" gegen denFrankfurter General-An­zeiger" wegen der bekanntenFackel"-Skan- bal-Affäre (über die wir wiederholt berichtet haben) eine Klage auf Schadenersatz in Höhe von einer Million Mark einge­reicht. DerGeneral-Anzeiger" hat auf die neuerlichen Wiederholungen der schweren An­klagen seitens derFrankfurter Nachrichten" mit keiner Silbe geantwortet, sondern nach wie vorjedes sachliche Eingehen auf die Angriffe abgelehnt". Warum wohl . . .?

tS1 Der Caprivi-Zipfel-Ueberfall ein . . . Märchen! Der angebliche Ueberfall auf die Kolonne Frankenberg int Caprivi- Zipfel, der vor einigen Wochen aus englischer Quelle gemeldet wurde und bisher amtlich nicht aufgeklärt werden konnte, stellt sich setzt als ein Märchen heraus. Ein offiziö­ses Telegramm meldet:

Livingstone (Rhodesia), 16. August. Ein Eilbote ist aus Sesheke hier einge­troffen mit dem Bericht, daß der Diftrikts- chef von Frankenberg und die einge­borene Kolonne, deren Niedermetze- lung am neunzehnten Juli gemeldet worden war, wohlbehalten sind und nach Schuckmannsberg zurückkehrten.

Aus der offiziösen Meldung geht zwar nicht hervor, ob die neue (abermals aus englischer Quelle stammende) Meldung amtlich bereits nachgeprüft ist, doch ist die Nachricht in einer so bestimmten Form gehalten, daß an ihrer Authentizität wohl nicht zu zweifeln ist.

Neue törichte Gerüchte . . .?" Wie wir gestern schon mitteilten, haben im deutschen Süden militärische Unordnungen, die für die Manöverübungen im Elsaß getroffen wurden, zu seltsamen Gerüchten Veranlassung gegeben. Berliner Blätter haben daraufhin, (wie uns ein Privat-Telegramm mel­det) in den Bureaus des Kriegsministeriums angefragt und dort die folgende Auskunft er­halten:In der Zeit vom 16. bis 19. August finden zwischen Metz und Straßburg Aufklä­rungsübungen statt, an denen die 29.. 31.. 33., 34. und 39. Brigade teilnehmen. Diese Anord­nungen sind keineswegs erst setzt, sondern schon vor langer Zeit getroffen worden. Die Ansicht, es sollte damit gegen eine Zusammen­ziehung französischer Truppen protestiert.wer­den, ist vollkommen sinnlos." (Das promvte Dementi ist sicher recht erfreulich, an der Tatsache selbst indessen wird durch die kricasministerielle Schwichtigung nichts geän­dert!) *

Wie uns aus Würzburg depeschiert wird, wurde Prinz Heinrich der Achtzehnte von Reuß jüngere-, Linie gestern abend im Eifenbahnzuae zwischen Schweinfurt und Würz­burg vom Schlage getroffen und war so­fort tot.

Eine dieser Tage in Durlach (Baden) abgehaltene Vertrauensmänner-Versammlung

des Bundes der Landwirte für den Reichs- tagswcchlkreiS Durlach-Pforzheim hat an den engeren Bundesvorstand das Ersuchen gerich­tet, bei der neuen Regelung des Zolltarifs und der Handelsverträge einen Zoll auf Milch und Rahm durchzusetzen.

Depeschen aus Konstantinopel mel­den: Die Pforte erhielt gestern einen amtlichen Bericht über den Zwischenfall des deutschen Konsuls in Adana. Danach sind die bis­herigen Meldungen übertrieben und die Erledigung deS Vorfalles ist demnächst zu er­warten.

Neues vom Tage.

(Depeschen der Casseler Neuesten Nachrichten.) nr Ein Verkehrsattentat auf der Straße.

In der Nähe von Köln, bei Bensberg, wurden in verbrecherischer Absicht dicke Baum­stämme über die Straße gelegt. Kurze Zeit darauf fuhr mit großer Geschwindigkeit ein mit drei Herren und einer Dame besetztes Auto gegen die Barrikade. Das Automobil zertrümmerte und die Insassen wurden erheblich verletzt.

nr Ein Frauenmord in Köln. In Kalk, einem Kölner Vorort, wurde gestern nachmit­tag ein grauenhafter Fund gemacht. In einem durch die Hitze fast trocken gelegten Weiher wurde die vollständig zerstückelte Leiche einer Frauensperson, der Kopf, Arme und Beine fehlten, gemocht. Der Rumpf wies zahllose Messerstiche auf. Nach dem Befund der Leiche zu urteilen, dürfte der Mord innerhalb der letz­ten drei Wochen begangen sein. Damit auch die übrigen Leichenteile gefunden würden, hat die Gerichtskomisson eine völlige Austrocknung des Weihers angeordnet. Bis jetzt ist es jedoch nicht gelungen, diese aufzufinden.

rr Das Verkehrsattentat auf der Straße. Ein nichtswürdiger Bubenstreich hat in der vergangenen Nacht bei Bensberg. in der Nähe von Cöln. einen schweren Automo­bil-Unfall herbeigeführt. Ruchlose Bur­schen legten über die Chaussee starke Baum­stämme, an denen dann kurz darauf ein mit drei Herren und einer Dame besetztes, von Cöln kommendes Automobil zertrümmert wurde. Durch den Anprall zerbrach die Steu­erung und das Automobil stürzte in den Chausseearaben. Der Chauffeur erlitt eine schwere Verletzung am Kopfe, die andern Insassen kamen mit Arm- und Beinbrüchen davon. Den Attentätern, die den schweren Unfall verursacht haben, ist man auf der Spur.

rrx Die Abenteuerfabrt eines Achtzehnjäh­rigen. Der achtzehnjährige Arbeiter Gott- sckalk, der in letzter Zeit in Elberfeld in Ar­beit stand, hat in vergangener Nacht als blin­der Passagier eine Gratisfahrt auf dem Verdeck eines D-Zuges gemacht. In Dortmund hatte er sich in den Berliner D-Zug eingeschlichen und die Reise über Hannover bis Stendal zurückgelegt. Dort wurde er von den Bahnbeamten entdeckt und nach einem Verhör festgenommen

Lr Die Geschichte eines Karabiners. Ein Krefelder Husar vermißte seit zwei Mo­naten seinen Karabiner. Da er sich über den Verlust nickt ausweisen konnte, wurde er mit Arrest bestraft. In diesen Tagen ging nun dem Regiment ein Paket zu, das den nach neuem Modell hergestellten Karabiner enthielt. Von maßgebender Stelle ist noch keine Bestä­tigung oder ein Dementi gegeben worden.

iS Zweiundzwanzig Opfer des Rheins. Nach den neueren Feststellungen haben am ver­flossenen Sonntag in Cöln nicht zehn, son­dern etwa zwanzig Personen in dem oberhalb der Stadt befindlichen Strandbade den Tod gefunden. Bisher wurden zwölf Leichen ans Land gesckwemmt. Gestern fan­den wiederum zwei Stubenten im Alter

______________Donnerstag, 17. August 1911.

von etwa achtzehn Jahren ihren Tod im Rhein.

rrr Der Truppenübungsplatz Elsenborn in Flammen. Auf dem Truppenübungsplatz E l - enborn ist gestern die Heide in Brand ge­raten. Um das gewaltige Feuer einzudäm­men, wurde von Trier ein etwa dreihundert Mann starkes Kommando des Infanterieregi­ments 69 mittels Extrazuges nach dem Trup­penübungsplatz gesandt. Es gelingt jedoch nur mit großer Müh«, das Feuer aus seinen Herd zu beschränken.

«r Der desertierte Fähnrich. In Halle a. d. S. d e s e r t i e r t e der im 75. Feldartille­rieregiment stehende Fähnrich cand. jur. Karl Mil eck. Aus welchen Gründen der junge Mann das Regiment verlassen hat, ist nicht bekannt.

Waldbrände im Ruhrrevier. Ein gro­ßer W a l d b r a n d bei Hattingen an der Ruhr bedrohte infolge des starken Windes die untere Stadt. Ein Löschen ist unmöglich, da das Wasser int Sprengwagen auf die Höhe ge­schafft werden muß. In einem Schuppen in der Nähe des Waldes lagernde Pulvervorräte konnten rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden.

Feuer int Zuchthaus. In der vergan­genen Nacht ist int Dachgeschoß des Luzer­ner Zuchthauses, das Über hundert Häft­linge beherbergt, Feuer ausgebrochen. Der be­drohte Flügel mußte geräumt werden, was durch ein starkes Polizeiaufgebot rasch geschah. Der Brand konnte dann bewältigt werden.

ur Südfrankreich int Sommer. In Süd­frankreich sind in den letzten Tagen zahlreiche Ge w i t t e r niedergegangen. Besonders in den Gemeinden von C e s s e n o n und Puisse -- guier wurden große Verheerungen durch nie­dergegangene Wolkenbrüche hervorgeru­fen. Der Libron ist teilweise aus seinen Ufern getreten und hat zahlreiche Häuser der anlie­genden Ortschaften weggeschwemmt. Der Scha­den ist infolgedessen sehr bedeutend.

Jas Neueste aus staffel.

8m Mondschein ans der Löwenburg.

Wenn man den ganzen Tag über in heißer, drückender Arbeit gesteckt und den Rest des Ta­ges in feinem kühlen, dunklen Zimmer zuge­bracht hat. ach wie weitet sich da die enge Brust, wenn der Abend seine schöne Flügel breitet und die linden Lüste kosend die Stirne und Wangen umschmeicheln. Die eingeschla- fene Lebenslust erwacht, die Nerven stählen sich wieder und das Auge wird weit. Und ganz im Vollgenuß dieses Gefühls springt man auf, nimmt Hut und Stock und wandert hinaus, und springt auf die erste beste Elektrische, die in die Berge fährt. O diese himmlische Luft, diese unendliche Reinheit und Ruhe nach all dem heißen Dampf und dem beengenden Staub des Tages! Man schreitet dahin, langsam, andächtig, kinderglücklich. An den Restaurants. Hotels und eleganten Villen vorbei, unter dem Schein der elektrischen Glühlampen hinüber in den stillen, dunklen Wald.

Aber nein, nicht dunkel ist er. Er erstrahlt ixt märchenhaftem Licht. Blaß, fast gespenste- risch, aber dann auch wieder so mild und be­ruhigend, daß sich das Auge nimmer satt sehen kann an all' dieser plötzlichen hervorgezauber- ten Abendpracht. Liebend verschlingen sich die Zweige und Büsche zu lang hinlaufenden dun­klen Lauben. Hernieder gießt sich das Licht der tausend Sterne und leise geht der Friede durch die stillen, heiligen Hallen. Da öffnet sich der Wald. Ehrerbietig tritt er zurück vor dem Bild, das sich jetzt bietet. Es ist die Löw en'b u r g. Gespensterifch ragen ihre Türme, Zinnen und Erker u. ihre alten grau­en Manern in bett Abendhimmel hinein. Auf dem alten, moosverwitterten Stein aber sitzt

man eine Tür in den Angeln dreht. Auch der Inhalt dieses Buckes tft hockst originell. Es enthält nichts weiter als die Totenliste und das Verzeichnis der verstorbenen Patres und Fratres der Dominikanerkirche. Im Jahre 1410 hat man begonnen, das Verzeichnis zu führen, und mit größter Pünktlichkeit und Ge­nauigkeit sind Todestag und Stunde, die Krankheit und das Begräbnis der Predioer- brüder eingeschrieben.

-Q- Upton Sinclair als ... Steinklopfer. Aus N e w v o r k wird berichtet, daß der be­kannte Schriftsteller Upton Sinclair und acht Mitglieder einer sozialistischen Gesell- sckaft, deren Haupt Sinclair ist, diefer Tage im Gefängnis Steine klopfen mußten. Die neun Herren waren, weil sie an einem Sonn­tag Tennis gespielt hatten, wegen Verletzung des Gesetzes über die Sonntagsheiligung zu achtzehn Stunden Haft verurteilt worden. Der Prozeß war höckst ergötzlich. Der Mann, der die entsetzliche Sabbatschändung zur. Anzeige brachte, ein gewisser Georg Brown, ist ein anarchistischer Philosoph, der ein paar Tage vorher selbst zu fünf Tagen Gefängnis verur­teilt worden war, weil er in einer Versamm­lung, in der Upton Sinclair sprach, Radau gemacht hatte. Um sich zu rächen, denunzierte er die sonntägliche Tennispartie. Mit Sinclair hatten auf der Anklagebank Platz zu nehmen der sozialistische Millionär Stephen und sieben Professoren und Advo­katen. Alle weigerten sich entschieden, die 4 Dollar, zu denen der Richter sie verdonnern wollte, zu zahlen, und so mußten sie für acht­zehn Stunden ins Gefängnis wandern und für die Befchotterung einer Fahrstraße Steine klein schlagen. Upton Sinclair erklärte, daß er sich das Vergnügen macken werde, jetzt mehrere Rickter und Staatsanwälte, die ieben Sonntag Tennis spielten, zur Anzeige zu brin­gen, auf daß auch sie an der Ausbesserung der Chausseen sich beteiligen könnten.

Die Zunahme des Verbrechens in Japan. Man schreibt uns: Die jetzt abgeschlossene amt­liche Statistik über die Kriminalität in Japan zeigt ein ganz ungewöhnlich trau­riges Bild und verrät eine Zunahme des Verbrechens im Lande der ausgehenden Sonne, die in den Annalen der Kriminalgeschichte nnm viel ähnliche Beispiele aufzuweisen hat. Noch im Jahre 1905 wurden in Japan wegen Ver- bieckens und Versehen .insgesamt^ 53W0 Men­

schen verurteilt, was schon im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung eine sehr hohe Ziffer be­deutete. Im Jahre 1910 hat nun die Zahl der rickterlichen Verurteilungen die gewaltige Summe von nicht weniger als 73000 erreicht, sodaß die Kriminalität in Japan nur in den letzten fünf Jahren eine Zunahme von rund vierzig Prozent verzeichnen kann. Die japanische Presse, die sich sorgen­voll mit dieser beunruhigenden Erscheinung beschäftigt, führt die Zunahme der Verbrechen auf wachsende Wohlhabenheit und damit auch wachsende Korruption zu­rück. Aber auch die gewaltige Zunahme der Lebensmittelpreise kommt als Erklärung in Betracht, sowie die schwere Steuererhöhung. Die Reissteuer ist um nicht weniger als 30 Prozent erhöht worden, während in der glei­chen Zeit die Arbeitslöhne stationär blieben, sodaß ein großer Teil der armen Volksklassen notgedrungen auf den Weg des Verbrechens getrieben wird. c

Kurze Notizen. Der Professor der Che­mie an der Breslauer Universität, Ge­heimer Regierungsrat AlbertLadenburg, ist gestern gestorben. Anstelle des jüngst ver­storbenen Fritz von Uhde wurde (tote aus München gemeldet wird) Professor Franz von Stuck einstimmig zum Vizepräsidenten des Deutschen Künstlerbundes gewählt. Eine Gedenktafel für Wilhelm Raabe wurde am Montag an der Außenwand des Hauses Spreestraße 11 in Berlin angebracht. Dieses Haus hat der Dichter in seinerChronik der Sperlingsgasse" geschildert. Der Kaiser hat dem Tonristenklub für die Mark Bran­denburg zu den Kosten der Errichtung eines Grabmals für Willibald Aleris aus dem Arnstädter Kirchhof in Thüringen eine Beihilfe von 500 Mark aus dem Allere höchsten Dispositionsfonds bei der General- staatskasie bewilligt. Wie au? Leipzig ge­meldet wird, bat sich Hofrat Professor Dr. Max Reger mit den beiden Mitgliedern der Mei- ningscken Hofkapelle, Hofkonzertmeister Teich- ler (Violine) und Professor Piening «Cello) zu einemMeininger Trio" zusaumten- getan. Der bekannte Pariser Dramatiker B r l e u i hat soeben eine dreiaktige Komödie Die freie Frau" vollendet, die im näcksten Winter an der Contedie Franraise zur Auf- ftrbrung gelangen soll.

stimmte Summe: fünf Franken, an ... wie lange ein jeder mit fünf Franken ausgekommen ist, oder ... wie wir Bohemiens zu rechnen ge­wöhnt sind ... mit hundert Sous!"

Mit hundert Sous ..." Perceoreil über­legte.Für zwei Sous Tabak, für drei Sous Brot, für vier Sous Ausschnitt. Dann die Wäsche. ... Sagen wir zehn Sous täglich ..."

Man kann den Tabak entbehren," meinte der Demokrat.Ebenso die Wäsche. Mit fünf Franken kann man schon fünfzehn Tage auskommen." ,

Und du?" fragte der Professor den Maler Andreas, der bisher noch kein Wort zur De­batte beigetragen hatte.

Der Maler Andreas erhob sich würdevoll und drapierte sich geschickt mit feinem alten Mantel. Der Schimmer eines überlegenen Lächelns duschte über fein bleiches Antlitz.

Was seid ihr doch für Ockfen und für Schmarotzer." erklärte er nickt ohne Pathos in weichem Tonfall.Hundert Sous? Ihr fragt, wie lange ich mit einem Hundertsous- stück auskomme?"

Ja, so sag's doch," drängten die Freunde.

So lange, wie es reichen muß!" sagte er heroisch. Und er setzte sich wieder an den Tisch, da just ... das Sauerkraut aufgetragen wurde.

Kleines Feuilleton.

Die Eröffnung des Frankfurter Reuen Theaters. Tas Neue Theater in Frank­furt am Main, dessen Direktion die Herren Helmer und Raimann (frühere Mitglie­der des Frankfurter Schaufpielhauses) führen, wird am Donnerstag, den 7. September, er­öffnet werden, und zwar mit Kleist'sZerbro­chener Krug" und dem VerslustspielDie Ro­mantischen" von Rostand in der Bearbeitung von Ludwig Fulda. Unter den nenerworbe- nen Stücken befindet sich auch die Pantomime Der Götterhain" von Rostand, übersetzt von Fulda.

Das größte Buch der Welt. Das größte Buch, das die Welt aufzuweisen hat, besitzt die Stadt Wien. Es ist ein Riefe aus der Bückerwelt, ein Koloß unter bett Büchern. Die Blätter bestehen aus dünnen Holztafeln, sie sind mit Pergament überzogen, und wenn man die Seiten des Buches blättern will, so muß man die Blätter, ebenso bewegen, als wenn

Wie lange...?

Skizze, von Fredöric Bautet.

Sie saßen zu fünfen um den schmalen Gast- haustisch in der bescheidenen Vorstadtkneipe, Künstler und Schriftsteller, die sich ihr Bohöme- leben im Freundeskreise möglichst behaglich gestalteten.

Zufällig hatten sie heute alle einige Sous in der Tasche, die sie zum gemeinsamen Im­biß zufammenfchosscn. Es war um die späte Abendstunde, die Stunde, in der die Jugend­erinnerungen lebendig werden und die Lust zum Erzählen aus den Augen gleichgestimm­ter Tisckaenossen leuchtet.

Ja, meine Freunde," erklärte der bleiche Lvriker Perceoreil, der stets beimallerletzten" Glase saß,ja, ich kenne den Hunger mit allen feinen Schrecken! ... Kellner! Noch fünf Halbe!"

Und fünf mal Sauerkraut, nickt wahr?" fragte sein Nachbar, der demokratische Journa­list.Das Geld," erklärte er bann,ist das nichtswürdigste liebel unserer Zeit."

Selbstverständlich, wenn man's nicht hat!" betonte ein bärtiger Tischgenosse, der verkannte Philosoph."

Das Geld hat mein Genie erdrosselt und mein Lebenswerk gemordet," grollte Perce­oreil, dem die Galle ins Blut ging.Was soll man beginnen, Wenn man kein Geld hat?"

Einen Reichen totschlagen," brummte der -Demokrat.

Sterben," murmelte der Philosoph.

Ueberwinden!" entschied ein Erfinder, der bis jetzt nichts erfunden hatte.Das Wichtigste ist, das Elend zu überwinden und abzuwar­ten. bis unsere Zeit gekommen, um uns dann in die Woge zu stürzen, die uns weiter trägt. Trocknes Brot mutz man essen können, wie ich es getan habe, wenn ich Hunger empfand ..."

Was mich betrifft ..." begann Perceoreil, Uber der Philosoph unterbrach ihn.

Geben wir shstematisch zu Werke. Blairian (et deutete auf den Erfinder) hat recht. Man mutz zu warten verstehen. Wir alle haben den Daseinskampf kennen gelernt, wir alle sind Helden des Elends. Laßt uns sehen, wer von uns es am besten ertragen, wer fein Leben am geschicktesten mit äußerster Einschränkung der Bedürfnisse verteidigt bat. Sprecht euch offen aus, meine Freunde. Sage ein jeder, wie lange eiauskam mit ...jnehmen wir eine bei