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Nummer 214

l. sa-rga«g.

Laffrlrr Mendzeitung

tzkspsche Abendzeitung

Fernsprecher 951 und 952.

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Mittwoch, den 16. August 1911

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Senfeits der Moral...?

Randbemerkungen zum Frankfurter Preffe-Skandal.

Die Preffe ist das Instrument und Organ der öffentlichen Meinung, und die Pflichten, die sich daraus ergeben, dürfen (wenn die Preffe ihre Aufgaben gewissenhaft und er­folgreich erfüllen soll) weder durch den ge­schäftmäßigen Betrieb der Zeitung als gewerb­liches Unternehmen beeinflußt, noch etwa ein­seitig auSgelegt werden. Wir dürfen auch im allgemeinen Von der deutschen Presse sagen, daß ste ihrem Zweck entspricht, ihren Aufgaben ge­recht wird, und der Oeffentlichkeit gegenüber diejenige Achtung genießt, die die Vorausset­zung gedeihlichen Wirkens ist. Die weitgehende Ausgestaltung des deutschen Pressewesens, die das ganze Reich umspannt und alle Schichten der Bevölkerung in ihren Bannkreis gezogen hat, ist der beste Beweis für den Entwick­lungdrang des deutschen Zeitungwesens, dessen Arbeitfeld von der modernen Weltstadt bis zum kleinsten Dörfchen int fernsten Erden­winkel deutscher Zunge reicht. In keinem Land der Welt ist der moderne Zeitungbetrieb so restlos Gemeingut des Volks und der Oefsent- lichkeit geworden, wie grade bei uns, und diese Popularität der Preffe, die sich (trotz aller Entwicklungschwierigkeiten und -Hemmun­gen) gewissermaßen als Kulturbedürfnis aus der natürlichen Gestaltung der Dinge heraus machtvoll emporgerungen hat, ist ein beredtes Zeugnis für die Existenzberechtigung der mo­dernen Zeitung, die heut mehr als je Volkbildungmittel und Kulturfaktor ist.

Wo aber Licht strahlt, dunkelt auch Schatten: Die enorme Entwicklung des deutschen Zeitung­wesens hat als natürliche Folge den geschäft­lichen Wettbewerb im Zeitungbetrieb er­heblich verschärft, denn wie überall im gewerb­lichen Leben, bewährt sich auch im Zeitungbe­trieb der Erfahrungsatz, daß nur Der auf Er­folg und Anerkennung rechnen darf, der seine Leistungfähigkeit zur höchsten Vollendung stei­gert und in der Anspannung der besten Kräfte nicht erlahmt. Die neue Zeit hat grade im Zettungbetrieb einer ungeahnten Ent­wicklung die Wege gebahnt, hat die alte Preffe der politischen Kannegießerei und der pedan- tischen Langstieligkeit in den Hintergrund ge­drängt und an ihrer Stelle der Zeitung des zwanzigsten Jahrhunderts: Dem modernen, mit allen Vorzügen organisatorischer Präzision ausgerüsteten, redaktionell und technisch inter­essant gestalteten Nachrichten- und Unterhal­tungblatt den Vorrang gesichert. Die Statistik des deutschen Zeitungwesens liefert die charak­teristische Jllustraiton dieses Entwicklunggangs, der dem Zug der Zeit angepaßt ist, und dessen Geltendmachung durch kein Philistergemurmel über die .Verflachung unsrer Tagesliteratur" beeinträchtigt werden kann. Daß in einem Ge­schäftzweig von der raschen Fluktuation des modernen Zeiiungbetriebs der geschäftliche Wettbewerb besonders scharf sich merkbar macht, ergibt sich aus der Eigenart der Verhältnisse, und die Tatsache an sich ist in gewisser Bezie­hung sogar erfreulich, denn sie spornt zu höch­stem Leistungstreben an und verhütet träges Sich-Selbst-Gcnügen, das lange Zeit hindurch das wenig rühmliche Kennzeichen der deutschen Presse gewesen ist.

Wettbewerb ermuntert, belebt und erzeugt Taten, und er wird erst dann verhängnisvoll und schädlich, wenn er zum unlautern Konkurrenzkampf auSartet, dem nicht mehr der Wettbewerb im freien Spiel der Kräfte, sondern des Konkurrenten Schä­digung und Vernichtung Endzweck und Tatinhalt ist. Leider sind im deutschen Zeitunggewerbe die Fälle nicht selten, in denen grade gegen n e u - erstandne Konkurrenten vonseiten der in ihren vermeintlichen .Sitzrechten" bedroht sich Fühlenden ein Kampf geführt wird, der. aller ethischen Motive dar, kein Mittel unversucht läßt, um dem Gegner den Erfolg rechtschaffner Arbeit zu entwinden, sein geschäftliches Anse­hen in Frage zu stellen, und ihn in der öffent­lichen Meinung herabzufetzen. In der Main- und Goethe-Stadt Frankfurt -ist Monde hindurch ein solcher Kampf geführt worden und Das, was soeben über die in diesem Kampf beliebten Praktiken der Oeffentlichkeit unter­breitet worden ist, erscheint selbst primitivstem Rechtempfinden so ungeheuerlich, daß man sich erstaunt fragt, tote es möglich ist, daß in der deutschen Presse (in der sonst auf Form und Würde geschäftlicher Handlung so großer Wert gelegt wird) Derartiges ausgedacht, geschweige denn bis zur üblen Wirklichkeit vollendet werden

konnte. In aller Oeffentlichkeit ist ein Lokal­blatt der Stadt, das zur ernsten Presse gerech­net sein will, von dem grimmig bekämpften Konkurrenten beschuldigt worden, mondelang die Hilfe eines obscuren Skandalbläitchens in Anspruch genommen zu haben, umdie Kon­kurrenz" in der Oeffentlichkeit zu verdächtigen und den Kapitalisten des Unternehmens ihre Teilhaberschaft an dem Betrieb durch persön­liche Anzapfungen perfidester Art zu verekeln.

Auf die ausführlichen und in voller Oef­fentlichkeit erhabnen Beschuldigungen des auf diese Weise bekämpften Unternehmens hat das Blatt, dem die Verbrüderung mit der Skandal- und Winkelpresse zum Zweck unlautern Wett­bewerbs zum Vorwurf gemacht worden, mit einer Erklärung im Umfang von sieben Druck­zeilen geantwortet, in der aber nichts weiter gesagt wird, als daßein sachliches Eingehen auf die Beschuldigungen (des angegriffnen Blattes) abgelehnt werde". Damit ist natürlich noch nichts widerlegt und kein Vorwurf ent­kräftet, und bis dies geschehen, klingt der üble Nachhall der skandalösen Enthüllungen im Frankfurter Presse-Skandal im Ohr fort: Ein burlesker Tanz raffinierter Intrigen und ge­fährlicher Zotteleien, wie er in der deutschen Preffe bisher ohne Beispiel dasteht. Die pein­liche Affäre ist inzwischen zur weitern Verfol­gung den Gerichten unterbreitet worden, und es wird also voraussichtlich in naher Zeit der Oeffentlichkeit der zweifelhafte Genuß zuteil werden, den letzten Akt des Frankfurter Presse- Skandals vor der Barre der Gerechtigkeit sich abspielen zu sehen. Sicherlich kein Schauspiel für Gotter, noch weniger ein erbaulicher An­blick für Sterbliche: Aber doch wohl eine ernste Mahnung an Alle, die es (auch außerhalb der Mauern der Mainstadt!)' angeht. Die Presse ist das Instrument und Organ der öffentlichen Meinung und ihre Würde muß über die Niederungen krämerhas- ten Konkurrenzneids hinausreichen. Tut sie's nicht, dann erstickt das Ideal in der dumpfen Schwüle intriganter Gehässigkeit, und man braucht sich nicht zu wundern, wenn schließlich dasInstrument der öffentlichen Meinung" mit dem Spieß des journalistischen Buschklep­pers verwechselt wird ...! F. H.

Die neuesten Siseubahn-Unsiwe.

Darmstadt, Höchst, Fort Mayne.

Darmstadt, 13. August. (Tele­gramm.) Bei der Einfahrt des Ncben- bahnzugeS 5627 in den Bahnhof Sprend­lingen-Buchschlag überfuhr heute früh der Zug aus noch nicht bekannter Ursache den Prellblock, wobei die Maschine entgleiste. Hierbei wurden fünf Personen leicht verletzt. Die Un­tersuchung über die Ursache des Unfalls ist noch nicht abgeschlossen; es scheint indessen, daß falsche Weichenstellung vor- licgt. Das Befinden der verletzten Per­sonen gibt zu Besorgnissen nicht Anlaß.

Eine verhängnisvollere Katastrophe ereig­nete sich gestern abend bei Fort Mayne in In­diana (Vereinigte Staaten). Wie uns ein Pri­vattelegramm meldet, stieß kurz vor der Station Fort Mayne der Expreßzug Chicago - Newhork, während er mit einer Geschwindigkeit von siebzig Meilen in der Stunde fuhr, mit einem Frachtzug zusam­men. Beide Lokomotiven wurden zertrümmert, und vier Paffagierwagen stürzten um. Vier Lokomotivführer und ein Heizer wurden ge­tötet, über dreißig Passagiere erlitten zum Teil schwere Verletzungen. Die Rettung der übrigen Passagiere ist nur dem Widerstand der starken Stahlwagen zu verdanken. Unter den Passagieren entstand eine furchtbare Panik. Männer stießen Frauen zu Boden, nm dem ausströmenden heißen Dampf zu ent­fliehen. Die Ursache der Katastrophe wird in der geringen Widerstandskraft einer provi­sorischen Weiche gesehen, die der wegen einer einstündigen Verspätung erhöhten Schnelligkeit des Zuges, dessen Ankuft in New- vork garantiert ist, nicht standhalten konnte. Daß das Unglück nicht noch mehr Opfer gefor- bcrt hat, ist dem Umstand zu danken, daß die stark gebauten Expreßzugwagen dem Anprall erfolgreichen Widerstand entgegenzusctzen ver­mochten. In dem Expreßzug befanden sich etwa zwcihundett Reisende, darunter viele Frauen und Kinder. Die Verletzten sind in der Mehrzahl bei der nach dem Zusammenstoß ensstandenen furchtbaren Panik zu Bo­den getreten worden und haben zum Teil schwere innere Verletzungen erlitten.

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Höchst a. M.. 15. August. (P r i v a t t e l e - gramm.) Gestern abend stießen aus dem

hiesigen Bahnhof fünf abgestotzene Güterwa­gen auf einen Königssteiner Personenzug auf, fechs Personen erlitten Verletzun­gen, die jedoch durchweg leichterer Natur sind. Wie es scheint, ist das Unglück auf Un­vorsichtigkeit beim Abstoßen der Güter­wagen zurückzuführen. Die Bahnverwaltung hat sofort eine diesbezügliche Untersuchung ein» geleitet.

bnglands sozialer Riesenkamps.

Rach derSchlacht von Liverpool".

Nach den gestern abend in London aus den verschiedenen Teilen des Landes einge­laufenen Meldungen sind hundert Mann in den Ausstand getreten, aber der Bahndienst wird dadurch nicht ernstlich in Mitleidenschaft gezogen. Der Ausstand der Schienenleger im Bezirk Glasgow hat gestern nachmittag schnell an Ausdehnung gewonnen. Die ausständigen Straßenbahner in Glasgow haben das Ange- -bot, den Streik dem Handelsamt zur schieds­gerichtlichen Entscheidung zu unterbreiten, a b- gelehnt. In Bristol sind sechshundert Ei­senbahner ausständig. Ueber den Kampf in Liverpool wird noch berichtet:

s London. 15. August. .

(Telegraphische Meldungen.)

Es bestätigt sich, daß die Truppen in Li­verpool gegen den Mob von der Schuß­waffe Gebrauch gewacht haben. Die Auf­rührer versuchten, Privathäufer zu zerstören und zu plündern. In den Höfen verborgen, bewarfen sie die Soldaten mit Flaschen und Steinen und verwundeten mehrere von ihnen. Darauf gaben die Trup­pen eine Anzahl Salven ab und rückten mit aufgepflanztem Bajonett gegen die Aufrührer vor. Die Zahl der Verwunde­ten ist noch nicht bekannt. Sechsundsechzig Ber- haftungen wurden vorgenommen. ES heißt, daß die Verhafteten nicht zu den Ausständigen gehören. Gestern nachmittag und abends er­eigneten sich in Liverpool eine Anzahl Feu­ersbrünste, deren gefährlichste im Ge- schästsviertcl der Schiffahrtsvereinigung auS- brach, das auSgeplündert wurde. Man nimmt Brandstiftung an und es ist wahr­scheinlich, daß die Brände mit der S t r s k be­weg u n g in Zusammenhang zu bringen sind.

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London, 15. August, (Telegramm.) Die Behörden von Birkenhead haben um die Entsendung von Truppen gebeten. In London haben heute die Leiter der großen Eisenbahngesellschaften in einer Versammlung einstimmig beschlossen, allen Forderungen der Eisenbahner, die darauf abzielen, den Ver­trag, unter dem die Leute jetzt arbeiten, auf­zuheben, Wider st and zu leisten. Es herrscht die Meinung vor, daß auch das Han­delsamt nötigenfalls strengste Maßnah­men ergreifen müsse, um die Arbeiter zu zwingen, ihren Vertragspflichten nachzukom­men.

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Mannheim und Berlin.

(Privat-Telegramme.)

Aus Mannheim wird uns depeschiert: Eine Versammlung der im Metallarbeiterver- banbe organisierten Metallarbeiter der Badi­schen Anilin- nnd Sodafabrik be­schloß. die Fabrikleituna noch einmal wegen Unterhandlungen zur Beilegung des Stteiks anzugehen. Sollte die Firma bis heute keine oder eine ablehnende Antwort geben, dann sollen die etwa tausend Metallarbei­ter ihre Kündigung einreichen, denen die an­deren Verbände folgen werden, sodaß dann der gegenwärtig im Abflauen begriffene Streik eine verschärfteForm annehmen würde.

Wie uns aus Berlin berichtet wird, droht in der Holz-Industrie ein scharfer Lohnkampf auszubrechen. Die Koffer- nnd Kistenmacher von Groß-Berlin, organisiert im Holzarbeiterverband, lehnten gestern abend das Angebot der Fabrikanten ab und erklär­ten, nur dann in Verbandlunaen eintreten zu wollen, wenn die Fabrikanten den Abschluß des neuen Vertrages bis zum ersten Septem­ber garantierten. Zu diesem Zugeständnis wer­den die Fabrikanten aber kaum bereit sein, so­daß ein Lohnkampf unvermeidlich cheint.

Kiderlen nah am Ziels

Stand der Marokko Verhandlungen.

k , Berlin wird uns depeschiert: Die neue Besprechung zwischen dem Staatssekretär von Kiderlen-Waechier und dem fran­zösischen Botschafter C a m b o n, die nach der vorgestrigen Rote derAgence Havas" im Laufe dieser Woche stattsinden sollte, ist der Zusammenkunft am Sonnabend nachmittag rasch gefolgt: Botschafter Cambon bat

gesternnachmittag gegen fünf Uhr Herrn von Kiderlen-Waechier einen Besuch abgeplat­tet und beide Herren hatten eine halbstündige Unterredung, über deren Resultat nur soviel verlautet, daß sie einen durchaus freundschaft­lichen Charakter getragen und den Fortgang der Verhandlungenin normaler Weise gefördert" habe. Ueber die Aussichten der Verhandlungen wird uns weiter berichtet:

gn; Berlin, 15. August.

(Telegramm unseres Korrespondenten.)

Wie mir soeben von durchaus zuvor- lässiger Seite mitgeteilt wird, werden die deutsch-französischen Marokko-Ver­handlungen schwerlich vor Anfang Sep­tember zu einem definitiven Abschlüsse kom­men. Eine prinzipielle Einigung übet die Hauptfragen ist erzielt, die weiteren Ver­handlungen beziehen sich auf die Einzelheiten, die noch einige Schwierigkeiten bereiten, den guten Fortgang der Verhandlungen aber nicht aufhalten werden. Daß die größten Schwie­rigkeiten überwunden sind, zeigt auch der Um­stand, daß Staatssekretär von Kiderlen dem­nächst auf Urlaub gehen wird. Man kann gewiß fein, daß bei diesen Verhandlungen stets ein Standpunkt eingenommen worden ist, der mit der Ehre Deutschlands bet« einbar war. Der abzuschließende Vertrag wird unter den Artikel vier der Reichsverfas­sung fallen und sowohl dem Bundesrat, wie dem Reichstage vorgelegt werden. Man nimmt an, daß der Vertrag dem Reichs- tag bereits bei feinem Zusammentritte am zehnten Oktober, nach erfolgter Genehmigung durch den Bundesrat (der Mitte September zusammentritt) vorgelegt werden wird.

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Berlin, 15. August. (Eigene Draht- Meldung.) Die porige Zusammenkunft zwischen Herrn von K werten und Botschafter Cambon erhielt eine gewiffe Bedeutung durch den Umstand, daß in dem Augenblicke, als ste stattfand, der Reichskanzler von Beth- mann-Hollweg in Berlin weilte. Herr von Bethmann-Hollwcg war gestern früh von Hohenfinow in Berlin eingetroffen und kehrte erst gegen abend nach dort zurück, von Kider- len-Wacchter begleitete den Reichskanzler zum Bahnhof. Nach derNationalzeitnng" steht übrigens eine Reise des Staatssekretärs von Kiderlen-Waechier nach Schloß Wil- helmshöhe zum Vortrag beim Kai­ser unmittelbar bevor.

Wilhelmstraßen-SÜnden.

Ein Blick hinter die Kulissen.

(Von unserm Korrespondenten.)

In der deutfch.französtfchen Marokko-AuSfprach« scheint jetzt endlich die Bast« gefunden worden zu fein, auf der sich eine Einvernahme der beiden Möchte über Marokko erzielen lassen kann. Jeden, falls deuten alle Anzeichen darauf hin, daß man in absehbarer Zett nach Einvernahme mit den ein. schlägtgen RessortS zu einem Abschluß kommen wird, der die ReibungSsiächen zwischen Deutschland und Frankreich ans der Welt schasst, von dem man aber zurzeit noch nicht weiß, ob er für Deutschland daS bietet, was man von ihm erwartete.

Im Zusammenhang mit den Marokko- Pourparlers ist es recht lehrreich, auf den Gang der Verhaudlugnen wichtiger Fragen der Auslandspolitik zurückzugreifen, um ich dabei offen zu bekennen, daß das Minus, das wir bei unsrer Auslandpolitik zwischen dem Erreichbaren und dem Erreichten oft er­zielen, zum großen Teile auf eine ganz fal- che Auffassung der notwendigen, den eigentlichen Verhandlungen nebenher laufen­den Schritten zurückzuführen ist. Die deutsche Regierung ist, (es muß an dieser Stelle zum wiederholten Male in aller Deutlichkeit gesagt werden) in punkto Bewertung der Pres- e rückständiger als selbst die Sommerleut­nantspräsidenten von Haitt. Ist es nicht eine (und schon so oft von wirklich ernsten Diplo­maten gerügte) betrübende Tatsache, daß wir wichtigere Nachrichten über den Stand der meisten Verhandlungen, die zwischen dem Deutschen Reiche und dem Ausland gepflogen werden, ans fremden Landen beziehen müssen? Ist es etwa höchste Ausgabe unserer offiziösen Publizistik, die hierbei falsch ein­kommenden Nachrichten zu dementieren, oder hat diese Stelle nicht vielmehr die erste Auf­gabe.

die deutsche Presse direkt zu bedienen, damit wir nicht erst ne­ben Tatsächlichem auf das Falsche aus engli- chen, französischen und wiener Quellen direkt angewiesen sind? Ist es wirllich so verwun­derlich, daß Zeitungen, wie diePost", die sich in dem Tohuwabohu der aus dem Ausland über unsre eigne Lage eintreffenden Nachrich­ten nicht mehr auskennt und bann aus ihrer Sorge (die ganz gut nationalen Gefühlen entspringen kann) keinen andern Ausweg mehr wissen, als den, selbst an die höchste Adresse ein offenes Wort gelangen zu lassen? DasSichaufregen" über falsche Nachrichten