Nummer 213. 1. Jahrgang.
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Sparen wird bestraft...!
«Ersparnis-Steuer" und „Ueberfluß-Steuer.
In der flimmernden Sonnenglut, die alle Früchte frühreif machen will, scheinen auch im Steuergarten des preußischen Finanzministeriums einig« Gewächse die Notreife erlangt zu haben, deren volle Entwicklung erst für den Herbst erwartet werden konnte: „Erspar- nissteuer" und „Ueberflußsteuer" sollen soweit ausgebrütet sein, daß die Tafel der Landtagsboten bereits zum Beginn der neuen Tagung mit diesen edlenGabenLentze'scher Zucht besetzt werden kann, und da sich die Fi- nanzpläne Preußens auch in sämtlichen Bundesstaaten desReichs freundlicherAufmerksamkeit erfreuen (weil nichts inhöherm Maße zur Nacheiferung reizt als das Sinnen auf Steuererhöhungen), fo wird es an Interesse für die den Steuerzahlern winkenden Genüsse sicher nicht fehlen. In erster Linie wird es natürlich auf die Zubereitung der Früchte ankommen, wenn sie den Abgeordneten schmackhaft sein sollen, und deshalb wird man die endgültige Stellungnahme zu den Steuervorlagen erst dann treffen können, wenn deren Inhalt bekannt geworden ist. Doch in allgemeinen Zügen haben wir schon soviel über die Pläne vernommen, daß es sich der Betrachtung Wohl verlohnt. Der Gedanke, den Vermögenzuwachs aus Einkommen noch einer besonder» Steuer zu unterwerfen, scheint in allen Bundesstaaten langsam aber stetig an Boden gewonnen zu haben. Bisher hatte das Wort „Ueberfluß" noch kein Bürgerrecht im Reich des Steuerwesens, aber durch die Ueber- flußsteuer will man jenen Begriff einführen.
Fassen wir das Wort Ueberfluß im Sinn des Lebens auf, so bedeutet es wohl den Zustand, daß jemand erheblich mehr Einkommen hat, als seine persönlichen Bedürfnisse erfordern. Es handelt sich also um den Teil des Einkommens, der nicht verbraucht, sondern nach Fertigstellung der Jahresrechnung dem Vermögen zugeschrieben wird. „Einkommen minus Verbrauch": So lautete die Formel der Steuertechniker. Die Ueberflußsteuer soll nach der Erläuterung ihrer Befürworter keine Zuwachssteuer üach dem Wesen der Reichswertzuwachssteuer sein, sondern nur eine Differenzierung der Einkommensteuer. Es wird im allgemeinen nicht bestritten werden können, daß eine Einkommensteuer, die nur die Rücklagen vermindert, die Lebenslage aber unberührt läßt, bedeutend leichter ertragen werden kann als eine Steuer, die uns zwingt, unsre täglichen Ausgaben einzuschränken und uns angenehme Gewohnheiten des Lebens zu versagen. Falls man aber daraus folgert, daß man von Denjenigen, die in der glücklichen Lage sind, Geld auf die Sparkasse tragen zu können, eine höhere Einkommensteuer erheben müßte als von Denen, die ihr ganzes Einkommen verbrauchen, so wird man zu der Frage veranlaßt, ob denn die Sparsamkeit bestraft werden soll, denn es wird sicher doch auch Herrn Lentze einleuchten, daß es höchst unsozial sein würde, wenn mit der Ueberflußsteuer auch der kleine Sparer getroffen werden soll e. Um diesem berechtigten Vorwurf zu begegnen, soll eine Grenze für die besonders zu besteuernden Beträge geschaffen und eine Summe von dreitausend Mark der Steuerfreiheit zugrunde gelegt werden.
Die „ökonomische Straft" soll den Maßstab der Besteuerung bilden, und die Faktoren der ökonomischen Kraft (so folgert man in den Kreisen der Finanzgesetzgrübler) sind nicht nur Vermögen und Einkommen, sondern auch (und zwar in hervorragendem Maße) Ueberfluß und Ersparnis. Tas Reich als Beherrscher der indirekten Steuern ist in der Lage, die nationale Kapitalbildung zu fördern, indem es zum Beispiel den übermäßigen Verbrauch von Alkohol und Tabak durch seine Steuerpolitik einschränkt. Für das System der direkten Steuern in den Einzelstaaten hat jedoch die Rücksicht auf die Kapitalbildung keine maßgebende Bedeutung. Hier darf nämlich nur die wirtschaftliche Leistungfähigkeit den Grad der Besteuerung bestimmen, denn eine Steuerpolitik, die aus Rücksicht aus die Kapitalbildung dir Schwachen übermäßig belasten wollte, wäre verwerflich. Daß gegen die bedrohlich heranschwebende „Uebcrslußsteuer" oder „Ersparnissteuer" große Bedenken bestes hen, kann man schon jetzt den erregten öffentlichen Auseinandersetzungen entnehmen. Es wird darauf hingewi^en, daß jedem die Lust zum Sparen vergehen werde, wenn das einmal erzielte und auch versteuerte Einkommen deshalb noch besonders versteuert werden soll, weil «s zumteil erspart ist, und wieder zinstragend angelest wird. Auch Erwägungen steuertech-
nischer Art werden geltend gemacht, weil die Möglichkeit vorliegt, die Ersparnissteuer leicht zu umgehen.
Es wird ferner auf die riesigen Veranlagungschwierigkeiten aufmerksam gemacht und auf die starken Belästigungen der Steuerzahler durch die „Verbrauchsdeklaration". Sollte eine Ueberflußsteuer tatsächlich aufs Tapet gebracht werden, so wird die Regierung auf einen gewaltigen Widerstand gefaßt sein müssen, denn so dringlich die Aufgaben der Finanzpolitik in Preußen und in allen übrigen Einzelstaaten auch sein mögen: Man soll sich doch sehr hüten, die Axt an die Wurzel des wirtschaftlichen Schaffens zu legen. Und etwas andres würde mit einem derartigen Besteuerung-System tatsächlich nicht bewirkt. Der nationale Wohlstand, überhaupt das Nationalvermögen in seinem ganzen Milliardenwert. wurde (und wird) erzeugt durch die unablässige Erwerb- und S p a r a r - beit weiter Schichten des deutschen Volks, durch eine größtmöglichste Steigerung der Einzeleinnahmen und die Beschränkung der Ausgaben auf das unumgänglich Notwendige. Der daraus sich ergebende Ueberschuß dient zur Sicherung und Festigung des Nationalwohlstands, zur Verbesserung der sozialen Wirtschaftlage der erwerbenden Volksklassen und zur Hebung der nationalen Wirtschaftlage überhaupt. Und wenn nun Herr Lentze kommt, über die Spargroschen seine Steuerhände breitet und kategorisch erklärt: „Den Zehnten von allem Ueberfluß her!" so kann das sicher nicht dazu beitragen, dem Volk die Freude am Sparen zu versüßen. Oder denkt der preußische Herr Finanzmintster etwa, das Sparen ■ (das manchmal nur durch Duldung von E nt b e h - rungen ermöglicht wird) geschehe aus „Haß gegen des Lebens lockende Sünhen" oder aus „Freude am Entsagen**
Ter FrarMrter Presse-Skandal.
Eine Erklärung des Beschuldeten.
Auf die (von uns in der Sonnabend- Nummer mitgeteilten) schweres Beschuldigungen der „F r a n k f u r t e r N a ch r i ch- ten" antwortet der „Frankfurter General-Anzeiger" mit folgenden Zeilen: „Gegenüber der von den „Frankfurter Nachrichten" heute „In eigner Sache" verbreiteten Broschüre haben wir lediglich folgendes zu erklären: Nachdem das gerichtliche Verfahren in der Angelegenheit eingeleitet ist, lehnen wir ein sachliches Eingehen auf die Angriffe ab. Wir beschränken uns darauf, zu erklären, daß wir vor Gericht den Beweis erbringen werden, daß die in der Broschüre erwähnten Artikel der „Fackel" keine von uns bestellte und bezahlte Arbeit gewesen sind . . ."
Angesichts der Schwere der Anklagen, die erhoben worden, besagen diese Entschuldungs- Zeilen zu wenig, als daß sie das düstre Bild freundlicher zu gestalten vermöchten, und da vom Beschuldeten ein Eingehen auf de» sachlichen Gehalt der vom Gegner sehr deutlich gekennzeichneten Dinge a b g e l e h n t wird, bleibt bis zum Tag des Gerichts der Fall ungeklärt. Als wir am Sonnabend von dem Unglaublichen Kenntnis nahmen, gaben wir per Annahme Ausdruck, daß der Skandal aus dem Sumpf der Winkelpresse heraus eingesä- delt und ohne Wissen und Kenntnis der eigentlichen verantwortlichen Personen zum verwerflichen Konkurrenzmanöver im geschäftlichen Wettbewerb gestaltet worden sei. Nach den eingehenden Mitteilungen in der von den „Frankfurter Nachrichten" herausgegebenen Broschüre über die Einzelheiten des Skandals scheint diese Annahme (die die einzige Entschuldigung zugunsten des Verlags des'beschul- detenBlattes hätte sein können) leider illusorisch zu sein, denn die „Franksurter Nachrichten" machen grade in erster Linie den V e r l a g des „Frankfurter General-Anzeigers" für das gegen sie aus dem Hinterhalt geführte Kesseltreiben verantwortlich. Zu der Erklärung des „General-Anzeigers" bemerken im übrigen die „Frankfurter Nachrichten":
Um ja keinen Zweifel aufkommcn zu lassen: Wir halten unsere Beschuldigungen Wort für Wort aufrecht! Jedermann erkennt in der Erklärung des „General-Anzeigers" den Versuch, mit Worten über die Richtigkeit und Unwidcrleglichkeit unserer Broschüre hinwegzutäuschen. Von keinem seriösen Menschen wird diese Erklärung als dem Ernst der Sache und der Schwere der Beschuldigung entsprechend gewürdigt werden.
Da die peinliche Affäre inzwischen den Gerichten zur Weitern Behandlung übergeben worden iit wird ia bald Gelegenheit gegeben
sein, hinter die Kulissen dieses Skandals zu leuchten, der in der deutschen Presse glücklicherweise nicht seinesgleichen bat. Entsprechen die Mitteilungen der „Frankfurter Nachrichten" den Tatsachen, dann ist in Frankfurt am Main ein Presse-Sumpf aufgedeckt worden, wie er schlimmer und gefährlicher gar nichts auszudenken ist. **
AmßeMMpfe in Liverpool.
Friede in London, Kämpfe in Liverpool!
Wie wir schon telegraphisch kurz berichtet haben, ist der Riesen st reik der Dockarbeiter in London beendet und die Arbeit ist heute früh fast überall wieder ausgenommen worden. Heute morgen bot London ein ganz verändertes Bild: In den Markthallen, Hafen- kais und Bahnhöfen herrschte großes Treiben und Fuhrwerke aller Art hatten sich wieder eingefunden. Auch am Hafen herrscht wieder das gewohnte Treiben. Der König richtete an das Handelsamt ein Telegramm, in dem er seiner Genugtuung darüber Ausdruck verleiht, daß der Streik in London zu Ende sei. und die zuversichtliche Hoffnung aussvricht, daß die Arbeit überall wieder ausgenommen werde. Während aber in London Friede herrscht, ist in Glasgow und Liverpool der Arbeitskampf umso erbitterter ansgebrochen. Wir erhalten darüber folgende Meldungen:
Liverpool, 14. August.
(Telegraphische Meldungen.)
Gestern nachmittag veranstalteten etwa hunderttausend Transportarbeiter eine Kundgebung, bei der eS zu w i l d e n Szenen kam. Alle Polizeireserven waren Aufgeboten worden, um die Straßen zu sau- bern, sie wurden aber heftig mit Steinen und Flaschen angegriffen. Erst nachdem berittene Polizei wiederholt gegen die Menge vorgegangen war, ließen die Unruhen nach. Die Rcd-Eionm der Zeitungen wurden von der Polizei bewacht. Ein Schutzmann wurde getötet, zwanzig Schutzleute und mehr als fünfzig Zivilpersonen haben Verletzungen davongetragen. Die Limestation und die St. Georgshall dienen als Hospitäler. Infolge des Streiks ruht der Straßenbahnverkehr vollständig und bei der großen Erregung der Streikenden werden für heute neue Unruhen befürchtet. In Glasgow ist es gestern abend ebenfalls zu schweren Streikausschreitungen gekommen, tyAKe» mehrere Schutzleute und Straßenbahnangestellte schwer verletzt und über hundert Personen verhaftet wurden.
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ArbettsKmpse auf HelMrmd.
(Privat-Telegram m.)
Aus Hamburg wird uns depeschiert: Nachdem vor einiger Zeit auf Helgoland die Maurer und Zimmerer der Baufirma Hagemann in den Streik getreten waren, haben jetzt auch sämtliche bei dem Kasernenneubau beschäftigten Arbeiter der Firma Rodik die Arbeit niedergelegt. Die Handwerker und Arbeiter, die am Hafenneubau beschäftigt sind, halten sich einstweilen vom Streik fern, weil sie nirgends mehr verdienen können, als gerade in Helgoland. Es werden dort auch nur inländische Arbeiter beschäftigt, hauptsächlich Ostfricsländer. Die Streikenden find zum grüßten Teil Ausländer, namentlich Italiener und Polen.
Gelbe Gefahr in Sicht?
„Die Genossenschaft der Spione."
Depeschen aus Brüssel zufolge veröffentlicht die dortige (als gut unterrichtet geltendes „Agence d'ExtrHme-Orient" im Wortlaut ein japanisches Geheimdokument, das die Gründung einer japanischen Genossen- schaft für Spionage enthüllt und einen vollständigen Organisations-Plan für diese ..Spionage-Genossenschaft" mitteilt. Die Veröffentlichung erregt das höchste Aufsehen, denn sie bestätigt alle Gerüchte, die über die internationale Spionage Japans in Umlauf sind und waren, Neber den Inhalt des Dokuments wird berichtet:
K> Brüssel, 14. August.
kTelegraphische Meldung.)
Das von der „Agence d'Ertrc'me-Orient" veröffentlichte Schriftstück besagt in der Einleitung, daß mit der Annexion Formosas und Koreas die nationale Entwicklung Japans ihren Höhepunkt noch nicht erreicht habe. Japan müsse danach trachten, feinen Einfluß über den gesainten Kontinent aus- zubreiten: China, Indien, Siam, Jndochina, Birma böten ein weites Feld der Tätigkeit. Es heißt dann weiter: In allen wichtigen Städten dieser Länder sollen daher Bureaus der Genossenschaft errichtet werden. DaS Hauptbureau wird in Peking eingerichtet, und zwar vorerst in der japanischen Ge
sandtschaft. Zweigniederlassungen werden errichtet in der Mandschurei und der inneren und äußeren Mongolei, in Tibet, Setschwan, Jünnan, Kwantung, Birma, Siam, Jndochina und Indien. Die für die innere Mongolei bestimmte Niederlassung der Genossenschaft ist dem geheimen Dienst des Kriegsministeriums unterstellt. Dem Namen nach soll die Genossenschaft sich mit der Einleitung von Handelsbeziehungen und dem Studium der Gebräuche und Traditionen der Völker befassen, in Wirklichkeit aber soll sie dem Generalstab unterstehen und diesen mit Informationen über militärische, diplomatische, politische und strategische Einzelheiten in den Betreffenben Ländern versehen. Das Ministerium hebt infolge der Gründung der Genossenschaft die hierdurch überflüssig gewordenen sogenannten Touristen- agenten, die bisher als Spione dienten, auf. Die Offiziere des akttven Dienstes und der Reserve, Inspektoren und Personen, die bereits in der Fremde sich aufgehalten haben und die Länder und Sprachen kennen, werden als am geeignet ft en für die Dienste der neuen Genossenschaft angesehen. Die Militärper- fonen, die in die Genossenschaft eingereiht werden, legen ihre Uniform ab und lassen sich an den Stellen, wohin sie gewiesen worden sind, als Geschäftsleute nieder. Die Genossenschaft verfügt einstweilen über einen Betrag von einer Million Pen. Die „Agence d'Extreme-Orient" teilt mit, daß sie sich für die Authentizität des Dokuments, das allen japanischen Konsuln in den in Betracht kommenden Ländern zugestellt wurde, der- bürgen könne.
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Der SPkM von der Nordsee.
— (P r i v ä-i- T rsmaru)------------
Wie uns aus Bremen gemeldet wird, hatte der Londoner Rechtsanwalt Thomas Boston Bruce, der zur Wahrnehmung der Interessen des wegen Spionage verhafteten Londoner Rechtsanwalts Bertrand Stewart nach Deutschland gekommen ist, am Sonnabend nachmittag im Untersuchungsgefängnis im Beisein des Bremer Verteidigers Dr. Finke und des mit dem Ermittelungsverfahren betrauten Amtsrichters Dr. Siebers «ine längere Unterredung mit seinem Klienten. Boston Bruce begab sich noch abends auf die Heimreise nach England.
Warum schwMFmllToseM Vor und hinter den Kulissen.
(Von unferm Korrespondenten.) txi Dresden, 14. August.
Aus München wurde dieser Tage ein sonderbares Gerücht aus Frau Tosellis Umgebung verbreitet: Die ehemalige Kronprinzessin von Sachsen sei (so hieß es darin) durch die in der Presse veröffentlichten abfälligen Urteile über die bekannt gewordenen Kapitel ihrer Memoiren zu der Einsicht gelangt, daß die Veröffentlichung für sie keine Rechtfertigung ihres früheren Handelns in den Augen der Welt bedeute. Darum sei Frau Toselli auch bereit, das Memoiren-Manuskript von ihrem englischen Verleger zurückzufordern. Gleichzeitig wußte allerdings eine andere Post zu melden, daß Madames plötzlicher Gesinnungswechsel feinen Grund in der ihr vertraulich gewordenen Mitteilung habe, in Deutschland und Oesterreich gedenke der Staatsanwalt seine Hand auf die „kron- prinzeßlichen Erinnerungen" zu legen. Beide Erklärungen klangen Uneingeweihten ziemlich glaubhaft, und hier und da hörte man schon von Versuchen munkeln, die der säststsche Hof zur Unterdrückung ihm „höchst peinlicher Wahrheiten" gemacht habe. Indessen blieben dies Gerüchte, die durch keine Tatsachen belegt wurden. Und sie konnten auch nicht belegt werden, denn der Dresdner Hof hat lwas Gutunterrich- teten längst bekannt ist) im Ernst nie daran gedacht,
Frau Tosellis Memoiren durch ein staatsanwaltschastlickes Verbot zum buchhändlerischen Ereignis zu machen. Die G r ü n d e, die Frau Toselli bewogen, ihre „Geheimnisse" auch in Zukunst sorglich zu hüten, sind also ganz anderer Art, als sie der Welt glauben machen möchte. Noch'rechtzeitig genug erfuhr nämlich Madame von„vertrauter Seite", daß der sächsische Hof (schon mit Rücksicht auf die Heranwachsenden Königskinder) keinen neuen Skandal der abenteuerlustigen Frau dulden werde. Und sie blieb nicht im Zweifel darüber, daß man in Dresden (da sie in ihren Erinnerungen die Wahrheit auf den Kopf stellte) auch vor einer Veröffentlichung jenes Urteils nicht zurückschrecken werde, das am elften Februar neunzehnhundertdrei sieben Lberlandesgerichtsräte über Luise von Toskana fafften. Dieses Urteil hätte dann aber doch einen fo eigenartigen Kommentar zu Frau To- leflis Memoiren abgegeben, daß ihr schon des-