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Nummer 211,

1. Zayrgang.

Hessische Menchritung

Csflrler Mendzritung

ffermtirecber 951 «ad 952.

Sonnabend, den 12. August 1911

Sernffrtecfcer 951 «ad 952.

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Wegener und Hamann.

Die Hamburger Reichsbank-Defraudanten.

Die Deutsche Reichsbank betrauert eine unrettbar verlorne Viertelmillion Silberlinge, zwei Familien die jähe Hinwegnahme der Er­nährer und die Hamburger Buchmacher und Renn-Wettbureaux den schmerzlichen Verlust zweier unternehmungfroher und immergold- beschlagner" Kunden: Das ist die Affäre W e - gener-Hamann, die Geschichte der Ham­burger Reich sb ank-D efr aud anten, deren Sündeu-Einfalt nun bald den Strafrich­ter beschäftigen wird. Die beiden Uebeltäter sind leine »Typs- im eigentlichen Verbrecher­sinn des Worts; sie genossen bis vor wenig Ta­gen noch das ungeminderte Vertrauen der ihnen Vorgesetzten, lebten schlicht und einfach nach der Art zufriedner Durchschnittphilister, glänz­ten weder durch Luxus noch durchnoble Pas­sionen^ der Liebe, sondern gebärdeten sich ganz wie Leute, die sich im ungeschmälerten Genuß von jährlich rund viertausend Mark Arbeit- Sold sicher wähnen dürfen und sich damit ab­gefunden haben, des Daseins Enge und der Dienstpflicht ewig gleichgestellte Uhr als des Lebens natürliche Hemmung zu achten und zu schätzen. Nichts, das diese Musterbeispiele amt- stubenhaster Tüchtigkeit in ihrem bürgerlichen oder beruflichen Gehaben alsvom Instinkt des Verbrechens gestreift" kennzeichnete: Selbst Lombroso würde Mühe haben, im Bild ihrer Psyche Keime verbrecherischer Infektion zu ent­decken. Und trotzdem brachte die Tugendhaftig­keit der Herren Wegener und Hamann es zu­wege, in der knappen Zeitspanne von etwa zwei Jahren eine Viertelmillion Reichs­mark aus den Schatzkammern der Hamburger ^eiMs'ank-Hauptstelle in Vie eign« Tasche flie­ßen zu lassen. Eine runde Viertelmillion, nicht einmal gerechnet das bißchen Manmron, das aus den Quellen verwandtschaftlicher Liebe floß und (ebenso wie die Schätze der Reichs­bank) auf demgrünen Rasen" rasch versiegte.

Man war einigermaßen erstaunt, so Selt­sames' zu vernehmen; war's umsomehr, als man in Erfahrung bringen durfte, daß die bei­den ©entfernen Wegener und Hamann in der Riesenkanzlei der Reichsbankstelle an der Was­serkante verantwortungvolle Vertrauensposten innehatten, daß Beide sich im strahlenden Glanz obrigkeitlichen Wohlwollens sonnen konnten, und daß lediglich ein einfältiger Zufall dazu führte, den beiden Treu-Bewährten die kleid­same Biedermann-Maske vom Antlitz zu rei­ßen. Das Befremden ist berechtigt: Die Deuriche Reichsbank gilt als eins der bestverwaltetsten und straffst-organisierten Geld-Institute der Welt, wird von Kundigen hinsichtlich der Prä­zision des technischen und personalen Apparats sogar höher bewertet als die Bank von Eng-' land, und erfreut sich inner- und außerhalb der Reichgrenzen eines festgegründeten, in langer, erfolggekrönter Arbeit wurzelnden Ansehens. Bricht über den Mustergarten eines Ideal-In­stituts der Art nun plötzlich wie wildes Hagel­wetter die Heimsuchung durch Leichtsinn und Verbrechen herein, dann darf auch der Laie die bescheidne Frage wagen: Wo ist des Nebels Wurzel, und wo ist die Lücke im engen Ma­schennetz der Betrieb-Kontrolle, durch die in knapp zwei Jahren ungesehen und unbemerkt eine Viertelmillion Mark stümpernden Gaunern in den Schoß rollen konnte. Was darauf zu antworten wäre, ist bisher nicht gesagt wor­den, und es bleibt nur übrig, des Schweigens Gründe zu ergrübeln.

Das Einzige, das (als eine Art Erklärung­versuch) der Oeffentlichkeit ins Ohr gelispelt worden ist, bringt lediglich einen alten Ersah- rungsatz in peinliche Erinnerung: Wenn zwei Spitzbuben einander geschäftig in die Hände arbeiten, versagt selbst der Weisheit würdige Mutter, die Vorsicht! Und die Herren Wege­ner und Hamann haben (wie man hört) das ergiebige Geschäft als treue und gewissenhafte Kompagnons betrieben; das heißt: Herr We­gener (der in der Hamburger Reichsbank-Kanz­lei das wichtige Amt des Kalkulawrs versah) fälschte, unterschlug und betrog, und Herr Ha­mann tat ... das Nämliche! Daß die beiden Ehrenmänner, im Bewußtsein des Vertrauens, das ihren Eifer lohnte, sich gegenseitig unter­stützt haben, ist sicher, war nach Lage der Sache aber auch Zwanggebot, und kann deshalb nicht überraschen. Befremdlicher dünkt indessen die (in ihren Ursachen noch ungeklärte) Tatsache, daß bei den in mäßigen Intervallen regelmä­ßig stattfindenden Kaffen- und Depot-Revi­sionen, bei den vorschriftmäßigen Bücher-Be- stand- und Abschlußprüfungen keines kundigen Tbebaners forschendes Auge auf die Riefen-

Differenz zwischenSoll" undIst" aufmerk­sam wurde, weder in Buch noch Kaffe eine Spur der entschwundnen Hunderttausende entdeckte, und im Wertpapier- und Depotbestand nicht den kleinsten Fehl bemerkte. Wie inzwischen er­mittelt worden, haben Revisionen und Verwal­tung-Forschungen nach dienstordnungmäßigem Rezept zu den vorgeschriebnen Terminen statt­gefunden: Nichts ward versäumt, was irgend die Sorge gebot, und cs bleibt demnach nur eine Erklärung-Möglichkeit: Das Kontroll- shstem der Reichsbank ist unzulänglich und bedarf der Neuordnung!

Im modern organisierten privaten Bankbetrieb hat man als natürliche Ergänzung der technischen Kontrolle seit einiger Zeit das System des Zwangurlaubs eingeführt und zwar in der Weise, daß jeder Beamte, der eine Vertrauens-Stellung verwaltet, wäh­rend einer bestimmten Zeit int Betriebjahr von seinem Posten a b g e l ö st, beurlaubt und in seinen dienstlichen Funktionen durch irgend eine andre Kraft ersetzt wird. Diese Ablösung findet unter allen Umständen statt, gleichgil- tig, ob der Beamte Urlaub erbeten hat oder nicht. Die Einrichtung hat zweifellos außer­ordentlichen Wert, denn sie übt einerseits auf die Beamtenschaft eine starke moralische Wirkung aus (indem sie den Leichtsinn im Bann hält), und gibt auf der andern Sefte die Möglichkeit durchgreifender Kontrolle unter Zuhilfenahme einer neutralen, im eignen Interesse gewissenhaften Kraft. Seltsamer­weise ist die Hamburger Riesendefraudation auch erst ans Licht gekommen, als die beiden Uebeltäter in der Furcht vorm nahenden Ver­hängnis ihren Urlaub durchzitterten; leider nur zu spät und erst bann, als... nichts mehr zu ret­ten war. Haben die pflicht- und defraudation- eifrigen Herren Wegener und Hamann, die sich so überlang desunbeschränkten Vertrauens" ihrer Obern erfreuen durften, früher in schönem Eifer auf die Tage des Urlaubs und der Aus­spannung verzichtet und dafür vielleicht gar noch wohlwollende Anerkennung erfahren? Man würde nicht darüber staunen dürfen, denn die Hamburger Viertelmillion - Affäre birgt psychologisch und verwaltung-technisch eine Menge von Rätseln, die noch der Lösung har­ren, und bereit rasche Entwirrung sicher nicht unnütz sein würde! F. H.

Der Earlton-Mesenbrand.

Zwei Millionen Mark Brandschaden!

London, 11. August. (Eigene Drahtmeldung.) Nach dem offiziellen Bericht der Feuerwehr wurde beim Brand des Carlton-Hotels der dreißig Jahre alte Schauspieler Finney aus Newyork getötet. Die Hotelgäste Mr. Hall und Mr. David Harris erlitten schwere Brandwunden und ein Mann und eine Frau, deren Identität noch nicht seststeht, wurden infolge des Rauches bewußtlos aufgefunden. Das Königliche The­ater ist durch die Wasserstrahlen der Dampffpritzen schwer beschädigt worden. Der Gesamtschaden beziffert sich aufzweiMillionenMark.

Weitere Depeschen aus London berichten uns: Die eigentliche Ursache des Riesenbrait- des im Carlton-Hotel ist immer noch nicht auf­geklärt; man weiß nur, daß das Feuer in einem der Ausstiege ausbrach, der die Küche (die sich im sechsten Stockwerk befindet) mit dem großen Eßsaal im Erdgeschoß verbindet. Das Feuer dehnte sich mit großer Geschwindig­keit aus. Das Hotelpersonal benahm sich sehr tapfer und rettete so viel wie möglich vom Ge­päck der Reifenden. Zur Zeit des Ausbruches des Feuers befanden sich nach neueren Feststel­lungen ungefähr zwölf hundert Perso­nen in dem Gebäude. Das Dach stürzte ein und zerstörte viele Räumlichkeiten im vierten und fünften Stockwerk. In eine eigentümliche Situation kam der amerikanische General H u d d l e st o n, der leicht bekleidet in seinem Zimmer mit Schreibarbeiten beschäftigt war, als er plötzlich das Feuer bemerkte. Durch die Tür konnte er nicht mehr, da die Flammen schon durch den Korridor schlugen. Er stieg zum Fen st er hinaus und schrie um Hilfe. Zehn Minuten lang hing er schwebend am Fen­sterkreuz, bis endlich zwei Angestellte des Ho tels ihn aus seiner unbequemen Lage besreiien. Zahlreiche weibliche Hotelgäste wurden ange­sichts des Feuers von Schreikrämpfen befallen und fielen ohnmächtig zu Boden, so daß es als ein Wunder zu bezeichnen ist. daß Pie Rettung fast aller Hotelbewohner gelang. Staats­sekretär a. D. Dernburg, der sich (tote wir schon berichteten) zur Zeit des Brandaus­bruchs ebenfalls unter den Gästen des Earlton- Hotels befand, beteiligte sich energisch an den Reltunasarbeitrn und verließ die Brandstätte

erst, als alle Hotel-Insassen sich in Sicherheit befanden. Exzellenz Dernburg nahm dann in einem benachharten Hotel Wohnung. Er ist von der Brandkatastrophe insoweit schwer betroffen worden, als zahlreiche und wertvolle Stücke feines Gepäcks (darunter eine Tasche mit wichtigen Dokumenten) den Flammen zum Opfer gefallen sind. Die Aufräumungsar­beiten an der Brandstätte dauerten heute früh noch fort. Der durch das Feuer angerichtete Millionen-Schaden ist nur zu einem Teil durch Versicherung gedeckt, da die zahlreichen vernich­teten und zumteil sehr wertvollen Gepäck­stücke des vornehmen Reisepubli­kums in der Mehrzahl unversichert waren.

Rechtsanwalt Md... Spion!

Doktor Woolf aus London".

DasGeheimnis" des Spions von der Nordsee beginnt allmählich, sich zu entschleiern: Wie uns aus Bremen berichtet wird, ist der dort unter dringendem Spionageverdacht ver­haftete Engländer nunmehr bestimmt als der Rechtsanwalt Dr. Woolf aus Lon­don ermittelt worden. Die Verhaftung ist be­reits am zweiten August erfolgt, und zwar in dem Augenblick, als der Verdächtige abrei - fett wollte. Inzwischen ist auch festgestellt wor­ben, daß der Verhaftete bereits längere Zeit in Deutschland geweilt hat. Es wird uns darüber berichtet:

** Bremen, 11. August.

In der englischen Spionageaffäre werden jetzt weitere Einzelheiten bekannt: Danach weilte der verhaftete Rechtsanwalt Dr. Woolf schon seit etwa einem Vierteljahr an der deutschen Nordsecküste. Er hat hier anschei­nend alle Befestigungsanlagen aufgesucht und sich an verschiedenen Orten, wie Helgoland, Borkum und anscheinend auch in Wilhelmshaven längere Zeit aufgehalten. Es wurden Briefe beschlagnahmt, die von hohen Milttärpersonen abge- sandt und zum Teil in Geheimschrift a b g e f a ß t sind. In Geestemünde wurden Ge­päckstücke beschlagnahmt, und in diesen wurde wichtiges Kartenmaterial aufge­funden, das gleichfalls auf die Befestigun­gen an der Nordsee Bezug hat.. Es kann also keinem Zweifel mehr unterliegen, daß der eng­lische Rechtsanwalt als Spion außerordentlich erfolgreich" gearbeitet hat. Die Untersuchung in der Angelegenheit ist mittlerweile so weit gediehen, daß die Akten in den nächsten Tagen an das Reichsgericht in Leipzig zur Vorbereitung des Anklageverfahrens abgegeben werden können.

*

London, 11. August. (Telegramm un­seres Korrespondenten.) Die Mittei­lungen der Presse über die Affäre das Rechts­anwalts Dr. Woolf haben hier große E r- re g u n g hervorgerufen, umsomehr, als man immer noch geneigt ist, die ganze Geschichte le­diglich als einenpolizeilichen Miß­griff" zu betrachten, der in der deutschen Presse weit über Gebühr aufgebauscht worden sei. Die Verwandten des Verhafteten bieten alles auf, um die Entlastung Woolfs nachzu­weisen und der Rechtsbeistand des Verhafteten hat bereits Schritte unternommen, um die Un­schuld seines Klienten durch die Vorlage überzeugender Beweise (?) zu er­härten.

Hofburg-Kabalen?

Franz Joseph und Franz Ferdinand.

Das Rätselraten über den bevorstehenden Rücktritt des österreichischen Reichs.kliegs- ministers von Schönaich will nicht en­den: Wie die Wiener Zeit erfahren haben will, hält man es in informierten militärischen Kreisen sogar nicht für ausgeschlossen, daß statt des Kriegsministers Baron Schönaich der Chef des Generalstabs, Konrad von Höl­ze ndorf, zurücktreten wird. Hötzendorf ist der schärfste Gegner Schönaichs und gilt als der Vertraute des Thronfolgers Erzherzogs Franz Ferdinand, während Schön­aich der eigentliche Vertrauensmann des greisen Kaisers Fran, Josephs ist (ober doch war). Eine andere Version teilt soeben dieNeue Freie Presse" mit. Es wird uns darüber berichtet:

Wien, 11. August.

(Privat - Telegramm.)

DieNeue Freie Presse" bringt die Nach­richt, daß der bevorstehende Rücktritt des Reichskriegsministers Baron von Schönaich nicht die einzige größere Aenderung in der Armee-Verwaltung sein wird, sondern daß wahrscheinlich auch ein Wechsel an eineran­deren leitendes Stellung" (womit

der zur Disposition des Oberbefehlshabers der österreichisch-ungarischen Armee stehende Erz­herzog-Thronfolger Franz Ferdi­nand gemeint ist) eintreten wird.

Es sei bekannt, daß zwischen dem Reichskricgsminister von Schönaich und jener anderen Stelle" über das Ausmaß der für die Armee zu beanspruchenden Mittel leb­hafte Meinungsverschiedenhei­ten bestehen. Infolge dieser Gegensätze liege die Einheit in der Armeever­waltung darnieder. Man glaube, daß durch einen Wechsel im Reichskriegsmini­sterium allein die gestörte Einheit nicht wieder hergestellt werden könne, da auch jeder Nachfolger mit den gleichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben würde. Aus diesen Grün­den nehme man in gut informierten Kreisen an, daß bei dem bevorstehenden Rücktritt des Reichskriegsministers auch ein Wechsel an anderer militärischer Zentralstelle in ernst­hafte Erwägung gezogen werde.

Diese Ausführung behauptet also nichts weniger, als daß der Erzherzog-Thronfolger seine jetzige Stellung, die ihm in Wirklichkeit bei der passiven Haltung des Kaisers die aus­schlaggebende Stimme im Oberbe­fehl des Heeres gab, verlassen wird. Als Kandidaten für den Posten des neuen Chefs des Generalstabes, anstelle des ebenfallsfür den Abschied vorgemerkten" Grafen Konrad Hötzendorf werden in militärifchen Kreisen die Generäle Langer und Hordliczka ge­nannt.

*

Budapest, 11. August. (Telegramm unsers Korrespondenten.) Die Zei­tungA Nap" will in Erfahrung gebracht ha­ben, daß der Staatsminister des Aeußeren, Graf Aehrenthal, ebenfalls zurück - treten werde. Als seinen Nachfolger nennt das Blatt den Botschafter in Paris, Grafen Szeelfen, und den Botschafter in Peters­burg, Grafen Bechtold. Aehrenthals Rücktritt soll mit der bevorstehenden Verab­schiedung des Kricgsministers von Schönaich in Zusammenhang stehen.

Hungersnot in London?

Hafenarbeiterstreik und Teuerung.

(Telegraphische Meldungen.)

Depeschen aus London zufolge beträgt seit heute früh die Zahl der streikenden Ha­fen- und Dockarbeiter mindestens acht­zigtausend. Auf keinem einzige« Schiff wird gearbeitet. Gestern abend haben auch fünfzehnhundert Angestellte der Giiterab- ftrtigungsstelle der Great Western-Bahn die Arbeit niedergelegt. Dagegen ist heut« der Streik der Fuhrleute beigelegt worden. Da infolge des Riesenftreiks Unruhen drohen, sind starke Truppenabtei­lungen zusammengezogen worden, be­reit, auf den ersten Wink hin vorzugehen.

Wie aus London berichtet wird, geht die britische Hauptstadt infolge des Riesenftreiks der Hafenarbeiter einer Hungersnot ent­gegen, falls nicht innerhalb der nächsten Tage neue Lebensmittelvorräte herbeigefchafft werden können. Fleisch muß bereits mit dem dreifachen Preise bezahlt werden, wie zu normalen Zeiten. Gemüse ist nur noch schwer zu erhalten, selbst wenn man die dafür geforderten hohen Preise zahlen will. Früchte sind schon selten geworden. 70 000 Kisten und Körbe europäischen Obstes, 5000 Kisten Früchte aus Kalifornien, 24000 aus Australien und 15 000 Körbe mit Südfrüchten lagern feit Ta­gen in den Hafenhallen oder Schiffsräumen und können nicht befördert werden. Größten­teils sind die Früchte fchon in Fäulnis überge­gangen, sodaß ihre Vernichtung angeordnet werden mußte. Der den Händlern dadurch er­wachsene Schaden beläuft sich auf viele Hun- berttaufenbe. Milch und Butter sind äußerst knapp.

Bei der gegenwärtigen Hitz« und angesichts der in der heißen Jahreszeit an und für sich geringen Milchproduktion langen die aus Holland und Dänemark eingeführten Milch-, Butter- und Käfemengen kaum für den Bedarf. Jetzt muß ein großer Teil davon verderben, weil die Händler die Waren nicht in die Häuser der Kunden besör- dern können. Der Milchmangel macht sich in den Krankenhäusern und bei der Ernäh- rung der Kinder besonders schwer fühlbar. Angesichts der gewaltigen Agitation, die un­ter den Eisenbahnern, den Güterarbeitern der Bahnhöfe und den Drofchlenkutfckern eingesetzt hat, sind die Folgen, die der Ausstand zeitigen kann, noch gar nicht abzusehen. Dis Zahl der Ausständigen in London beziffert sich be­reits auf neunzigtaufend und wird im Laufe des heutigen Tages sicherlich die Hundert-