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1. Jahrgang.

Nummer 206.

hessische Abendzeitung

Casseler Abendzeitung

Fermvrecker 951 «nd 952.

Sonntag, den 6. August 1911

Fernsprecher 951 und 952*

am Steuer in diesen ereignisreichen Tagen

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Btt Basteler RtuefU Nachrichten- erscheinen wichentUch sechsmal und zwar «b end S. Der LbonnemenlSprctS beträgt monatlich 60 Pfg. bei freier Zu. stellung ins Han». Druckerei, Verlag u. MedaNton: «chlachthofstraße 28/30. Berliner Vertretung: SW, Friedrichstraße 18, Telephon: Amt IV, 676.

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Festigkeit und Entschlossenheit, und es Zeit, daß wir uns darauf besinnen!

-Inserti-nSpreise: DiesechSgespaüeneZeile für einhestnische Geschäfte 15Pfg, für auswärtige Inserate 25 Pf, Reklame,eile für einheimische Ge. schäste 40 Pf, für auswärtige 60 Pf. Geschäftsstelle: Kölnische Straße 6. Berliner Vertretung: SW. Friedrichstraße 16, Telephon: Amt IX~ 676.

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Wohin führt dieMnigung"?

Das offiziöse Depeschenbüreau, das gestern nachmittag hurtig die Meldung über die .prinzipielle Einigung" zwischen den Herren Kiderlen und Eambon verbreitete, hat die erste Freudenbotschaft rasch eingeschränkt, indem es verkündete, daß es sich bei den Ma­rokkoverhandlungennoch nicht um eine voll­ständige Einigung (wie die erste Meldung be­sagte), sondern erst um eine Annäherung des prinzipiellen Standpunkts handle ..." Das ist wichtig, denn es ist damit gesagt, daß, imgrunde genommen, Pra kti sch noch g a r nich t s er­reicht ist. Was heißt überbaupt Verständi­gung? Jst's ein "Wort von Wohlklang, das einen deutschen Sieg bedeutet, oder ist's ein schreiender Mißton über ein neues Zu­rückweichen? Das deutsche Volk hat ver­trauensvoll und zum Teil mit Jubel die^ Ent­sendung deutscher Kriegsschiffe nach Agadir be­grüßt. Das deutsche Volk war gewillt, alle Folgen auf sich zu nehmen. Was ist nun aber geschehen? Wir sind nach einigen dunk­len (zum Teil allerdings widersprochenen) An­zeichen seit einigen Tagen voll Sorge, und diese Sorge wird auch durch die gestrige ossi- ziöse Kundgabe nicht gemindert! Der Kai­ser ist zurückgekchrt und auf dem Kaiser ruht in diesen Tagen die Verantwortung. Wird er die Politik des Schwankens und des Zurück­weichens billigen und fortsetzen, oder wird er endlich mit einem Manne gehen, der den Ein­druck macht, als wenn er fest bleiben wollte? Man darf im Interesse des Reichs den dringenden Wunsch hegen, daß es den Männern

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Verschiedenheiten in der Marokkosrage ist unsres Wissens in der Presse nur andeutung­weise aufgetaucht, ist aber viel lebhafter und intensiver in Kreisen erörtert worden, von de­nen behauptet wird, daß fde her Wilhelmstraße nahestehen und ihreMhsttzttrn" mit der Ueber- legenheit von Leuten belächeln, denen am grü­nen Tisch nichts Menschliches fremd ist. Diese Tatsache und die (einigermaßen überraschende) Beteuerung, daß Herr von Kiderlenim Fall der Not entschlossen sei, sich selbst zu opfern" (um der von ihm vertretnen Sache tren zu bleiben), zwingen förmlich zu dem Schluß, daß hier eine Verteidigung gegen unsichtbare Kabalen geführt wird, deren Spitze sich gegen den Mann im Auswärtigen Amt richtet und deren Zweck nicht schwer zu erraten ist. Daß man damit Erfolg haben wird, ist zwar fürs erste nicht zu fürchten, aber wir leben in einer Zeit und in einem Land, in denen lieber» raschungen sich zum Hausgebrauch der Poli­tik entwickelt haben, und wir haben deshalb aufmerken gelernt.

Herr Alfred von Kiderlen-Waechter spürt den Widersinn der Tagesstimmung in seinen seltsamsten Ausschweifungen: Ohne daß über­haupt Verläßliches über die Basis der zwischen ihm und Herrn Eambon gepflogenen Pour­parlers bekannt geworden (die billigen Sen­sation-Märchen französischer Reporter-Phan­tasie sollte der nüchterne Deutsche unterdessen nach Gebühr einzuschätzen gelernt haben), reg- net's Argwohn und Mißtrauen, Scheltworte und harte Anklagen, und Herr Maximilian Harden erinnert bereits boshaft an ein Bridge- Anekdötchen, das von Kiderlen berichtet, er habe die freundliche Dedikation der Sevres- Vase durch die Franken-Republik (nach dem Abschluß des Marokko-Abkommens von neun­zehnhundertneun) im Freundekreis mit dem grimmigen Selbst-Hohn glossiert:Für die Verschacherung Marokkos an die Franzosen!" Der Kolonialpatriotismus erhebt lauten Ein­spruch gegen den Leichtsinntausch Togo gegen Kongosand und heischt mit starkem Nachdruck Kompensationen innerhalb der Grenzen des Maurenreichs: Fast könnte man wähnen, der wackre Schwabe Kiderlen wandle in den Fußtapfen Wilhelm von Schoens, ovfre der Limonade-Politik sentimentalen Eintracht- Sehnens dringende Reich-Interessen und habe sich von Eambons Basiliskenblick bestricken lassen. Soweit ist's (nach vierwöchtenlichem Meinung-Kampf) gekommen, nach vier Wochen plan- und zwecklosen Rätsel-Ratens, das bis­her nur so viel an Wirklichkeit-Kenntnis er­bracht hat. als man weiß, daß die Herren Ki­derlen und Eambon . . . weiter plau­dern! Es ist wirklich kein Genuß, im Irr­garten der Märchen und Anekdoten um Ent­wirrung sich zu mühen, und es wäre tragisch, wenn aus dem Chaos des Marokko-Handels Kabalen sich emporranken könnten, deren Erfolg die Misere unsrer Marokko-Politik zum G i p f e l des Unverstands emporführen würde.

F. H.

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Föhn Leishman.

Amerikas neuer Botschafter in Berlin.

Wie uns ein P riv attele a ramm meldet, teilt die amerikanische Botschaft offiziell mit, baß die Ernennung des neuen ameri­kanischen Botschafters am Berliner <5ofe nunmebr erfolgt ist: Der Nachfolger des scheidenden Botschafters Dr. Hill ist der be­reits mehrfach als ausüchtsreicher Kandidat genannte bisherige amerikanische Botschafter in Rom. Jobn G. A. Lei sh man. Der neue Botschafter ift am 28. März 1857 in Ptttsburg geboren. Er war lange Zeit einer der Haupt­mitarbeiter Carnegies und wurde als solcher vor vierzehn Jabren Praüdent der Carnegie-Steel-Comvanp. Wir erkalten über den Nachfolger Hills noch folgende Mittei­lungen: m

t Berlin, 5. August.

(Privat-Telegramm.)

Botschafter Leishman war stets ein außer­ordentlich eifriger republikanischer P a r t e i g ä n g e r, und Mc. Kinlev ernannte ihn zur Belohnung für die großen Dienste, die Leishman der republikanischen Pattei ibe- sonders finanziell) geleistet hatte, zum Ge­sandten in Bern. Vier Jahre später wurde Leishman Botschafter in Konstantinopel. Zur­zeit ftmgiert er als Botschafter in Rom. Er kennt die europäischen Verhältnisse sehr genau: in Paris und Biarritz besitzt er wunderbare Villen. Seit 1880 ist er verheiratet. Seine Gattin, eine geborene Crowford, ist gesell­schaftlich außerordentlich gewandt und hat es in Konstantinopel wie auch in Rom verstan­den, das Haus der amerikanischen Botschaft zum Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens der gesamten Diplomatte zu machen. Leishman entstammt einer alten schottischen Fa­milie, die vor nahezu hundert Jahren nach Pennsylvanien auswanderte. Die Erzählung, daß der neue Botschafter eine Waise sei und

nicht an Entschlußkraft und Tatmut mangeln möge! Die Zeit heischt Männer und Taten, - - - - wird

ArbettsMnHse iiberaA!

Zehntausend Metallarbeiter ausgesperrt.

Ein Privat-Telegramm berichtet uns aus N ü r n b e r g : Die Ausstandsbewegung in der Spielwarenindustrie droht große Ausdehnungen anzunehmen. Der Aus­stand, der fetzt zwölfhundett Arbeiter umfaßt, dauert bereits anderthalb Wochen. Die im Verband Baverischer Arbeitsindustrieller orga­nisierten Arbeitgeber haben nach erfolglosen, fortgesetzten Verhandlungen beschlossen, falls bis heute die Arbeit nicht wieder ausgenommen werde, vierzebnhundert weitere Arbeiter aus­zusperren. Ein Ende des Arbeitskampfes ist unter diesen Umständen noch nickt abzusehen und man befürchtet, daß schließlich die gesamte Spielwarenindustrie mit Aussverrnngen vor­gehen wird. Im Lobnkamvf der sächsisck- thüringischen Metallarbeiter ist heute ebenfalls eine Riesen-Aussper­rung beschlossen worden. Es wird uns darüber berichtet:

Leipzig, 5. August.

(Privat-Telegramm.)

Der Vorstand des Verbandes der Metallin- dustriellen beschloß gestern abend, den am 28. Juli gefaßten Beschluß auszufsthren, nach dem in Leipzig sechzig Prozent der Metallarbeiter anSgesperrt werden sollen. Es handelt sich nm zehntausend Arbeiter. Die Aus­sperrung soll heute in Kraft treten, sodaß van Montag an zahlreiche Fabriken ihren Btttteb einsteven. Der Kampf wird mit größter Er­bitterung auf beiden Seiten gefühtt und so­wohl Unternehmer wie Arbeiter sind entschlos­sen, biS zum äußersten auszuhalten. ES ist unter diesen Umständen wakttcheinlich. daß die Aussperrung in kurzer Zeit noch weiter ausgedehnt werden wird.

Mannheim. 5. August. (P r i v a t - Tele­gramm.) In der Badischen Anilin- und Sodafabrik sind insgesamt üb er zwei tau- send Arbeiter ausständig. Dreihundert­fünfzig sind wegen Lohnforderungen noch ent­lassen worden, während fünfzig andere die Ar­beit wieder ausgenommen haben. Augenblick­lich arbeiten noch sünfbundert Arbeiter in den Werken. Der Lobnkamvf verläuft ruhig und das Gendarmerie-Aufgebot, das seit einigen Tagen zusammenaezoaen war. um im Fall von Ausschreitungen die Ruhe aufrecht erhalten zu können, ist abkommandiett worden. Nerstandi- gunasversncke zwischen den Streikenden und der Fabrikleitung sind bisher erfolglos geblie­ben, da die Fabrikverwaltung keinerlei Konzessionen macken will.

seine Erziehung im Waisenhaus von Pttts- burg genossen habe, ist nichts weiter als amerikanische Reporter-Phantasie. Leishman entstammt einer sehr wohlhabenden Familieund feine Eltern haben bereits eine große gesellschaftliche Rolle in Ptttsburg ge­spielt. Er wird von Seltnem der Persönlich­keiten in der amerikanischen Diplomatie für einen der fähig st en Köpfe des gesam­ten diplomatischen Korps der Der- einigten Staaten gehalten. Während der sech­zehn Jahre, die er .im diplomatischen Dienst tätig ist, Hai er mit viel Geschick und viel diplo­matischem Takt sein Heimatland bei den ver­schiedenen Regierungen vertreten, bei denen er akkreditiert war.

Schwindet unsere Bolkskaft?

Die Geburtenziffer in Deutschland geht zurück!

Zur selben Zeit, da das Statistische Jahr­buch des Deutschen Reichs für neunzehnhun- dertelf die B ev ö lk erung s ziffer für Mitte dieses Jahres auf 65,4 Millionen Ein­wohner angibt, weisen ernsthafte Nationalöko­nomen auf den bedrohlichen Gebur­tenrückgang in uitferm Volke hin. Es kamen jährlich im Deutschen Reiche auf je tausend Einwohner einschließlich der Totge-

Diese Zisfern reden eine sehr deutliche Spra­che.. Daß wir unsere erfreuliche BevöllerungS- vermehmng mehr der weickenden Sterblichkeit als der steigenden Fruchtbarkeit verdanken, war längst bekannt. Aber die ziffernmäßige Feststellung des ftarte-.i Geburtenrück­gangs seit Beginn dieses Jahrhundetts ist weniger bekannt gewesen. Die sinkende Ten­denz des Ueberschusses drückt sich noch beson­ders deutlich in folgenden Ziffern für die Jahre 1906 bis 1909 aus: 14,9 14,2 14.0 13,8. Kein Zweifel, daß bei gleichartiger Weiter­entwicklung der frühere Jubel über das Wachsen unseres Volkes in absehbarer Zeit verstummen muß. Die Kunst der Aerzte und die heilsame Wirkung der sozialen Gesetzgebung haben ihre Grenzen, und wenn der Geburten- überschuß weiter zurückgeht, wird der Zeit­punkt kommen, da die Prozentziffem der Ge­borenen und Gestorbenen sich immer mehr nähern, denn es ist nicht abzusehen, wann und wo die gegenwättige sinkende Tendenz der Ge- burtenbäufigkeit ein Ende nehmen wird. Mag der Geburtenrückgang in Deutschland auch jetzt noch keine allzu große praktische Bedeutung ha­ben, so meldet et sich dock bereits als ein volkswittsckastlickes und polittsches Zukuntts- Problem von ernster Bedeutung an. Das Bei­spiel Frankreichs lehtt uns, wie es einer Natton ergeht, die kein nennenswettes Bevol- kerungswachstum mehr hat. »as«

wundett.

Bor wenig Tagen war an dieser Stelle davon die Rede, daß es dem Reick nur from­men könne, wenn man beim Swinemünder Rendezvous sich darüber klar geworden sei, daß eS im Marokkohandel nicht als des Deut­schen Reiches Aufgabe gelten dürfe,im In­teresse der Friedenpolitik" wichtige und berech­tigte Interessen in den Hintergrund drängen zu lassen, möchten immerhin auch die Fran­zosen von der oft bewiesnen Friedenliebe des Kaisers Wunderdinge erto arten. Was in Swinemünde zwischen Kaiser, Kanzler und Staatssekretär verhandelt worden ist, blieb bis heut der Oeftentlickkeit Geheimnis; man hat nur vernommen, daß der Kanzellar auf eiliger Autofahrt dem vom Nordmeer eben heimge- kehtten Kaiser in einstündigem Vottrag das ganze Marokko-Probelm unterbreitet, zerglie­dert und erläutert habe, und halb-offiziös wurde bald darauf zur Beruhigung bangender Seelen erzählt, Kaiser und Kanzler seien im Marokko-Handel vollkommen einig: Die von der Regierung betriebne Politik und die Taktik Kiderlens fänden die vorbehaltlose Bil­ligung des Monarchen, und das Kanzlerge­plauder auf der Autofahrt habe Wilhelm den Zweiten vollkommen von der Notwendigkeit überzeugt, die Entschiedenheit deutscher Sprache in den Berliner Verhandlungen mit Herrn Cambon um keinen Ton zu mindern. Ange­sichts dieser erfreulichen Feststellung durfte uns das Unken-Konzert englischer und französischer Hetz-Organe kühl lassen und selbst der Versuch heimischer Drahtzieher, Zwietracht zu säen, brauchte nicht zu beunruhigen.

Umsomehr befremdet's, daß nun, wenig Tage nach dem Swinemünder Rendezvous, Herr Hamann, der Meinung-Macker der Wilhelmstraße. mit dem ganzen Aufgebot offi­ziöser Lungenkrast in den Blätterwald hinein­schreien läßt: Alle Gerüchte über angebliche Verstimmungen zwischen Kaiser, Kanzler und Kiderlen entbehren der Grundlage, be­

ruhen auf böswilliger Erfindung und enthal­ten nichts, das auch nur entfernt an Tatsachen oder berechenbare Möglichkeiten heranreicken könnte. Was bot zwingenden Anlaß zu die­ser (infolge der nahen Anreihung an die Swinemünder Aussprache befremdlicken) Kundgabe, die man müßigen Schwätzern doch sicher nicht so eilig auf den Weg nachgeschickt hätte? Das Gerückt über angebliche Meinung-

borenen:

Durchschnittlich

1886 biS 1890

1891 1895

1896 1900

1901 1905

1906 1909

MMonen-Sumvs.

Amerikanische Millionär-Söhne als Verbrecher (Von unferm Korrefpondenten.) Wie uns aus R e w v o r k gefchrieben wird, ist die Anklage gegen den jungen amerikani­schen Millionärssohn Henrv Clay Seattle aus Rickmond, der seine junge Frau während einer Automobilfahrt ermor­dete, nunmehr abgeschlossen und bringt einen neuen furchtbaren Einblick in die Entartung, die man gerade bei den Söhnen amerikanischer Multimillionäre so ost beobachten muß. Die Polizei und die Staatsanwaltickast zählen den sechsundzwanzigläkrigen Ange­klagten jedenfalls zu jenen Milllonärssöbnen, die von Kindheit an mit fchrankenloser Frei­heit und märchenhaften Tafchengeldern ver­wöhnt werden, und die in dem Gefühle lener Allmacht, die fo oft mit riesigem Reichtum verbunden ist, alle Sckranken der Ethik ver­gessen und dermoral infanitti" anheimfallen. Seit den aufregenden Tagen des Thaw-Pro- zesses bilden diese Erscheinungen für Amerika eine Quelle wackfender Besorgnis, und in der Oeffentlickkelt mehren sich die Stimmen gegen die Multimillionäre, die in ihrem Eifer nach Vermehrung ihres Besitzes in ihren Gefchaften völlig aufgehen und sich

um ihre Kinder nicht kümmern.

Die Geistlichkeit hat von den Kanzeln gegen die Eltern aewettett, die ihre Kinder ohne Er- iiehung auswachsen lassen, und so Verschwen­der zückten, die sckließlich eine Gefahr für die Mitw elt werden. Die Nachforschungen nach dem Vorleben des jungen Beattie zeigen das gleiche tvplsche Bild: Seitdem er als Kind Geld in die Finger bekam, begann er ein w i l- des, ungeregeltes und im Grunde sinnloses Verschwenderleben. Die Verheiratung Beatties kam nur zustande, weil man durch die Ebe den zügellosen Charakter

Kabalen...?

Bor «nd hinter den Kulissen des Marokko-Handels.

Offiziös wurde gestern (offenbar von Herrn von Kiderlen-Waechter aus­gehend) bekannt gegeben: In den Unter­redungen zwischen dem französtscken Bot­schafter Cambon und dem Staatssekretär des auswärtigen Amts, von Kiderlen- Waechter, hat eine Annäherung über den prinzipiellen Standpunkt stattgefunden; die Ausarbeitung im einzel­nen erfordert jedoch eine eingehende Prüfung, mit der zurzeit die zustän­digen RelchSreffottS befaßt find. Das Er­gebnis wird bann durch den Reickskanzler dem Äaifer zu unterbreiten fein.

Ein Berliner Abendblatt hat uns Herrn von Kiderlen-Waechter nun auch in der tra- gifch en Heldenrolle gezeigt: Er werde lieber feilte eigne Person (soll offenbar heißen: Das ihm llebgewordne Amt) opfern, als sich vom Weg der einmal als richtig erkannten Politik im Marokkofpiel abdrängen lassen! Pflegt man fo von Einem zu sprechen, der in der Stunde naher Gefahr voll Zuversicht am Steuer steht, aus dessen unbewegten Mienen die Volkgenossenschaft Beruhigung und Selbst- vettrauen lesen darf, und von dem die Nation erwattet, daß er, ein in der Fährnis diploma- ttschen Würfelspiels oft Erprobter, die ihm kraft Amts überkommene Mission zum glück­lichen Ende führen werde? Was zwang zu der düstern Verkündigung, daß der Mann im Auswärtigen Amt entschlossen fei, Glück und Schicksal auf die eine Karte des Marokko­spiels zu setzen? Doch wohl kaum die sichre Gewißheit entschlußkräftiger Einheit in den Regionen der bei uns Maßgeblichen; ebenso­wenig die verläßliche Erkenntnis, daß Kider- lenS Taktik im (allmählich langweilenden) Wotte- und Silbenhandel mit Cambon vom Wunsch, oder doch zumindest von der Sympa­thie der Entscheidung-Stelle getragen werde, sondern offenbar die natürliche Furcht vor den Unberechenbarkeiten des hierzuland heimbe- rechtigten politischen Kurses, der mor­gen voll Inbrunst Das verdammen lehtt, was er heut noch ehrfürchtig bestaunt und be-