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Mrnrrrne» 205.

t. Jahrgang.

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Neue Komplikationen und Kabalen; keine Aussicht aus brsolg!

(Depeschen der Caffeler Neuesten Nachrichten.)

Lutherbries und Adlerorden.

Morgan, Luther, Jatho und der Deutsche Kaiser.

Der amerilantsche Multimillionär Pterpont Morgan hat bekanntlich vor einiger Zeit auf einer Versteigerung den Lutherbrief an Kaiser Karl er- standen, der ursprünglich für die Königliche Bibliothek in Berlin erworben werden sollte Pterpont Morgan hat dann den um mehr als hunderttausend Mark erstandenen Brief dem Kaiser jum Geschenk gemacht, der ihn seinerseUS der WMenberger Schloßktche überwies. Herr Morgan aber wurde Mitglied des Kaiserlichen Jachtklub» und erhtell den Roten Adler Srfter Klasse...

Verramschte da neulich der bekannte Leip­ziger Antiquar Börner, wie's so üblich ist, alte Pergamente. Darunter auch eine Epistel der Dr. MartiuuS Luther an Herrn Ca­rolus Quintus, weiland des Heiligen Römi­schen Reiches deutscher Nation Kaiser. Exzel­lenz Harnack, der Direktor der Königlichen Bibliothek zu Berlin, hätte sie gern erstanden, diese Epistel. Aber als seine Sendboten ihr Stimmlein in der Auktionstube an der Pleiße erhoben, übertönte sie ein gediegener Baß aus Amerika: Herr Morgan! Herr Pierpont Mor­gan erhielt den Bries. Fürhundertzwei- tansend Mark. Weinend sah die Berliner Exzellenz Luthers Schreiben an Carolus Quintus schon über den Großen Ozean, den United Staates entgegentreiben. Aber da in jenen Tagen (das Ereignis ist etwa fünf Wochen alt) der Deutsche Kaiser grade in Kiel Hof hielt, reiste Herr Morgan zunächst an die Ostsee. An «inen Kaiser war Luthers treffliches Pergament gerichtet... ein Kaiser nur durste es besitzen! Sprachs, begab sich an Bord der »Hohenzollern", die im Kieler Hafen schaukelte, und überreichte dem Kaiser Luthers historisches. Schreiben. Am selben Tage ward Herr Morgan Mitglied des Kaiserlichen Jacht- ÜubS. Am andern auch noch Ritter des Roten Adlerordens Erster Klaffe . . .

Ob Herr Morgan gewußt hat, was in Luthers Epistel stand? Las sie der deutsche Kaiser, da sie in seine Hände kam? Denn hier fetzt die große Ironie der Begebnifle ein: Da­tiert ist Luthers Schreiben vom acbtundzwan- zigstrn Apriltag fünszehnhundertein- undzwanzig. Aber seinem Sinn nach könnt' er auch im Sommer neunzehn- hundertelf geschrieben sein. In demsel­ben Sommer, da Herr Morgan Mitglied des Kaiserlichen Jachtklubs ward und fast zur sel­ben Stunde, da der Kölner Pfarrer Karl Jatho seinem Gericht entgegenging. Statt Luther könnte nämlich auch der Name Jatho unter der Epistel vom April fünfzehnhundert­einundzwanzig stehen. DaS ist sie, die Ironie des Schicksals: In demselben Augenblick, da ein geistlich Spruchkollegtum Einen, der in des großen Vorkämpfers der Freiheit, in Luthers Name» und Geist predigte und wirkte, auS der Landeskirche wies, ihn des Amts und der Würde entkleidete, empfing der aummus epia copus dieser Kirche aus der Hand eines ameri­kanischen Milliardärs als Geschenk einen Brief, in dem der deutsche Reformator in seiner de­mütig-großen Art um die Freiheit des Gewissens kämvft, die man Jatho (dem Buchstaben des Gesetzes nach zu Recht) als Verbrechen anrechnete. Man höre Luthers Worte an CaroluS Quintus! Höre sie .. . mit den Ohren von neunzehnhundertelf:

,. . . Und bitte Euere Kayserliche Majestät noch einmal um Christi Willen aufs allerunter- thänigste, Sie wollten mich von den Wider­sachern nicht unterdrücken, noch Ge­walt leiden und verdammen lasten. Denn ich bin noch ganz willig und bereit, mich unter Eurer Kaiserlichen Majestät Geleite vor unverdächtigen, gelehrten, freien und un­parteiischen Richtern, weltlichen oder g e i-st - lichen, zu stellen und meine Büchlein und Lehren allen gerne zu untergeben, ihr Examen, Erkenntnis und Urtheil zu dulden und anzu­nehmen: gar nichts ausgenommen, denn allein das öffentliche, klare und freye Wort Gottes, welches billig über alles sehn und aller Menschen Richter bleiben soll . . ."

Hat der Kaiser den Brief gelesen? Dir Stimme gehört, die darin fleht? Die Stimme des um die Freiheit seines Gewissens bangen­den Pfarrrers ... Jatho? Fast möcht' man auch wünschen, die Berliner Exzellenz hätte aus der Leipziger Auktion mehr Glück gehabt: Sitzt doch der Geheime Rat Harnack auch in dem Oberkirchenrat, dessen Spruchkollegtum eines lutherischen Privatissimums über »unpar­teiische Richter- und das »freye Wort Gottes" das »aller Menschen Richter bleiben soll", so bedürftig wäre. Sie war wieder einmal eine der kleinen Ironien des Zeitgeschehens, diese Mor-

Berlin, 4. August. (Telegramm unseres Korrespondenten.) Von zuverläffiger Seite wird bestätigt, daß eine sehr bedauerliche Stockung in den Verhand­lungen über die Ma rokkokompensa- t i o n e n zu bemerken sei. Es wird aber hinzugcfügt, daß der Staatssekretär von Kiderlen-Waechter, der übrigens sich des vollen Vertrauens und der Unterstützung des Reichskanzlers erfreue, nicht gewillt fei, von dem einmal betrete­nen und für richtig erkannten Wege in die­ser für Deutschland so bedeutsamen Stunde zurückzuweichen. Kiderlen würde lieber die eigene Person, als die großen nationalen Intereffen opfern, für die er eintritt.

Diese Nachricht wurde in Andeutungssorm bereits einmal von der National-Zeitung gebracht, und es war hinzugesügt, daß offen­sichtlich Kabalen gegen Herrn von Kiderlen- Waechter gesponnen würden, zu dem sehr nahe­liegenden Zweck, Gegensätze zwischen dem Kai­ser und der vom Staatssekretär des Auswärti­gen Amts betriebenen Politik zu schaffen. Was an diesen Meldungen zutreffend ist, läßt sich im Moment nicht beurteilen: Hebet die Ma­rokkofrage ist in den letzten Tagen so viel dis­kutiert worden, daß die Grenze zwischen Wahr­heit und Dichtung längst verwischt ist. Die einen wollten bereits wissen, daß die Ver­handlungen zwischen dem Staatssekretär von Kiderlen und dem französischen Botschafter Cambon voraussichtlich zu keinem Ergeb­nis führen würden, andere waren dagegen optimistisch. Eine in den letzten Tagen häufig von konservativen und anderen rechts stehen­den Blättern zitierte Korrespondenz verbreitete gestern eine Nachricht, die sie mit der Ueber- schrift »Die Krisis in den Marokkoverhandlun­gen" versah, und in der sehr ernstlich mit der Möglichkeit eines Scheiterns der Ver­handlungen gerechnet ^vurde. Günstigere Nachrichten kommen dagegen aus London und die »Times" hat sich von ihrem Berliner Kor­respondenten eine sehr optimistisch gehaltene Information geben lassen. Sie rechnet sogar mit einem baldigen definitiven Er­gebnis. Wir möchten annehmen, daß die Wahrheit in der Mitte dieser beiden ertre- men Meldungen liegt. Die Verhandlungen sind in den letzten Tagen eifrig fortgesetzt wor­den. Wenn auch ein definitives Ergebnis noch nicht so bald zu erwarten sein wird (wie die .Times" glaubt), so ist doch nicht aus­geschlossen. daß man in der nächsten Zeit eine endgültige Basis finden wird. Dann wird natürlich die Diskussion über Einzelheiten noch längere Zeit dauern. Jedenfalls liegt aber zurzeit kein Grund zu einer pessimistischen Beurteilung vor. wie man sie in der genann­ten Berliner Korrespondenz findet.

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Wahrheit und Dichtung.

(Eigene Drahtmeldung.)

<? Berlin, 4. August.

Einer Berliner Meldung derTimes" zu­folge sollten die zwischen Deutschland und Frankreich gepskoomien Besprechungen einen großen Schritt vorwärts gelangt sein, sodaß anzunehmen sei. daß die persönli­chen Unterredungen zwischen Herrn von Ki­derlen-Waechter und dem französischen Botschaf­ter Cambon bereits die praktische Grund­lage für weitere Verhandlungen ergeben hät­ten. Nach guten Informationen entspricht in­dessen die optimistische Auffassung des engli­schen Blattes über den gegenwärtigen Stand der deutsch-französischen Aussprache nicht ganz der gegenwärfigen Lage. Wenn auch in hie­sigen politischen Kreisen die Möglichkeit durchaus nickt in Abrede gestellt wird, daß in Kurzem die Grundlinien für eine deutsck- französiscke Verständigung gefunden wird, die geeignet sein dürste, den Abschluß der Bespre­chungen einem baldigen Ende näher zu brin­gen, so muß doch jede Meldung, die über einen bereits erfolgten Eintrist eines soweit vorge- sckrittenen Stadiums der Berliner Besprechun­gen zu berichten weiß, als den Tatsachen vorauseilend und somit als ver­früht bezeichnet werden. Ebenso begründet

gangabe. Sie ist hunderzweitausend Mark und einen Roten Adlerorden wert. Und man hofft, daß die preußische Ordenskanzlei noch etliche andre hohe Auszeichnungen für Herrn Morgan reserviere. Denn es sind da in der deutschen Vergangenheit noch mehr Pergamente, die

erscheint aber der Pessimismus, mit dem hie­sige Blätter über einen bereits erfolgten Ab­bruch der Marokkoverhandlungen oder aber eine angeblich damit in Zusammen­hang stehende deutsche Ministerkrisis zu melden wissen. Wie an zuständiger Stelle bestätigt wird, befinden sich die Berliner Be­sprechungen in einem normalen Zustan- d e und alle gegenteiligen Kommentare beru­hen auf freier Erfindung. Ein heller Unsinn ist es, von einer Krise zu sprechen und es ist nur bedauerlich, daß derartige Alarmnachrich­ten überhaupt den Weg in die Presse gefunden haben-

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Englische llnkeu-Rufe.

Eigene Drahtmeldung?

London, 4. August.

Der »Pall Mall-Gazette" kommt das Schweigen der Diplomaten über die Ma­rokko-Angelegenheit höchst verdäch­tig vor. Sie schreibt unter Bezugnahme auf die Nachricht, daß Kaiser Wilhelm wäh­rend der Swinemünder Tage an Bord der Hohenzollern" die Matrosen-Kapelle dirigiest habe: »Wir hören aus Swinemünde, daß der Kaiser wieder den T a k t st o ck als Orchester- Distgent in die Hand genommen hat; aber wir glauben, daß sich dieses Dirigieren auf die musikalischen Zerstreuungen an Bord der Hobenzollern" bezieht. Denn Wilhelm der Zweite scheint der Ansicht zu sein, daß er sich noch in den Ferien befindet; doch versucht man hinter feinem lächelnden Stillschweigen an irgend eine neue Absicht zu den­ken . . ." Bei der gestrigen Eröffnung der Sommerkurse an der Universität Oxford, die die Stellung Deutschlands in der Welt behandeln sollen, hielt Kriegs- m i n i ft e i Haldane die Festrede über das Thema: »Großbritannien und Deutschland, eine ethnologische Studie". Haldane sagte, es würde außerordentlich bedauerlich sein, wen« das friedliche Nebeneinanderwirken der beiden Völker für die Zivilisation zerstört, oder auch nur behindest würde durch einseitigen Argwohn. Wie vortrefflich würde es für den Frieden der Welt sein, wenn gerade so, wie die Engländer, Franzosen, Russen und Amerikaner nur das Beste von einander glau­ben, dieselbe Tendenz auch zwischen Eng­ländern und Deutschen bestehen würde. Wenige Dinge seien wünschenswerter, als daß Deutschland und England einander verstehen lernten. .

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Der Kanzler bleibt daheim!

(Privat-Telegramme.)

V Paris, 4. August.

Die Nachricht, daß der deutsche Reichs­kanzler, Herr von Beckmann Hollweg. seine Ankunft zum Kurgebrauch in Bad Gastein auf unbestimmt« Zeit verschoben hat, wird in hiesigen politischen Kreisen als ein sicherer Be­weis für die Zuspitzung der Marokko- Verhandlungen gedeutet, und als ein Zeichen dafür, daß der Ernst der augenblick­lichen Lage die Anwesenheit des ersten Reicks­beamten in Berlin erforderlich mache. Im Ge­gensatz hierzu gibt der der Regierung nahe­stehende »T e m p s" heute vom Stand der Ber­liner Besprechungen folgende Darstellung: Ob­gleich die deutschen Ansprüche noch immer das Maß übersteigen, scheinen die Verhandlungen doch wieder Aussicht aus Verständi­gung zu bieten. Eine offiziöse Rote des Ministerpräsidenten meldet, daß die Verhand­lungen einen normalen Verlauf neh­men. Auch in Berlin scheint man beruhigen­dere Symptome festgestellt zu haben, sodaß die Eventualität einer neuen Marokkokon­ferenz (die übrigens Deutschland wenig er­wünscht wäre) mehr in den Hintergrund trete. In London erwarte man nach wie vor eine Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich. Man glaube am Themseufer sogar, daß diese Verständigung aus der Grundlage von Gebietsabtretungen in der französischen Kongokolonie erfolgen könnte, falls dabei nicht viel Küstengebiet abgetreten, und falls Frank­reich nickt die Verbindung mit dem Tschadsee abgeschnitten werde.

... der Deutsche Kaiser einmal lesen dürfte! -ei-

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Bedanre sehr...!

Vom dritten Augusttag berichtet ein Tele­gramm aus Berlin: »Das Konsistorium der

Provinz Brandenburg l e h n t e e S a b, bei der Militärbehörde die Namen der Offiziere zu ermitteln, die die viel erörterte Störung des Gottesdienstes in der Luisenkirche zu Charlottenlmrg veranlaßten ..." Mit an­dern Worten heißt das: Die vorgesetzte Kir­chenbehörde, die zur Wahrung der Ruhe und Ordnung innerhalb der Landeskirche ebenso be­rufen ist, wie zur Reinhaltung des Bekennt­nisses und der Lehre, die Behörde, die dir Autorität der Kirche gegen alle Angriffe zu schirmen hat, lehnt es ab, die Untersuchung über einen Vorgang zu führen, der sich nach dem bürgerlichen Strafgesetz als Stö­rung eines Gottesdienstes qualifi­ziert, und mit Gefängnisstrafe bedroht wird. Tut das Konsistorium damit seine Pflicht, oder entlastet es sich nur von einer Bürde, die drük- kend empfunden ward? Die Frage bleibt noch zu beantworten. Die Andächtigen der Char­lottenburger Luisengemeinde, die an dem kriti­schen Sonntag sich gläubig erbauen wollten, haben den Abmarsch der militärischen Dienst­frömmigkeit mitten aus der Predigt heraus peinlich empfunden, verlangen Maßregeln zur Verhütung von Wiederholungen ähnlicher Vorgänge, und heiscken vom Gemeinde-Kir­chenrat, daß er bei Militärbehörde das Gast­recht im Gotteshaus kündige. Dir Erregung offenbart sich also überzeugend genug. Jst's da unbescheiden, ans Gewissen der Gerech­tigkeit zu pochen, und der Uebeltat ziemende Sühne zu fordern? Es scheint so. Das Brandenburger Konsistorium erklärt: Wir bedauern sehr ... Und schließt übet dem Intermezzo mit mildem Lächeln die Akten. Di« Liebe verzeiht alles. Und man braucht nur noch eins zu betrauern: Daß diese Liebe, diese a ll e s verstehende und a lle s ver­zeihende Christenliebe leider am Erscheinen ver­hindert war, als man den Kölner Pfarrer Karl Jatho mit dem Besen der Paragraphengerech- tigkett stäupte ... -an.

Fleischnot und Mißernte.

Mißernte und Fleischnot: Folge der Hitzewelle?

Schwere Besorgniffe verursacht zurzeit der Ausfall der diesjährigen Ernte. Die letzthin veröffentlichten Saatenstandsberichte des Kaiserlichen Statistischen Amtes sowie des Deutschen Landwirtschaftsrates stellten sür Wintergetreide noch eine Mtttelernt« in Aussicht; die nachfolgenden Witternngsverhält- niffe, besonders die andauernde tropische Hitze, haben indessen den Stand der Felder so nach- teilig beeinflußt, daß beim Gesamterträge von einer Mittelernte kaum noch dis Rede sein kann; höchstens in Flußniederun­gen, auf schweren Bodensorten und einigen durch Regenfall bevorzugten Landstrichen. DaS Getreide ist vielfach zur Notreife gelangt und hat unter Befall stark zu leiden gehabt, sodaß die Erdruscherträge hinter den Erwartungen zurückbleiben werden. Jedenfalls kann schon heute mit Sicherheit behauptet werden, daß der diesjährige Ernteertrag hinter dem der Vor­jahre erheblich zurückbleiben wird, und zwar für alle Getreidesorten; und diese Tatsache erscheint um so bedauerlicher, als der durch die Bevölkerungsvermehrung bedingte Mehrbedarf an Getreide

starke Ansprüche an die Einfuhr stellt. Von den anderen wichtigen Getreide- Produktionsländern verheißt zurzeit ledig­lich Argentinien einen guten Ernteer­trag: wohl aber werden sich auch die Vereinig­ten Staaten von Amerika sowie Australien an der Versorgung des deutschen Marktes beteili­gen. Ueberaus ungünstig lauten (infolge der Dürre) die Mitteilungen von de« europäischen Getreideländern, namentlich Rußland, das nach wie vor dazu ausersehen ist, Deutschland in ansehnlichem Umfange mit Getreide zu ver­sorgen. Nach russischen Meldungen mutz man annehmen, daß in weiten Landesgebieten Rußlands Mißernten verzeichnet werden. Auch die Balkanländer' dürsten Ausfälle zu verzeichnen haben und nur geringfügige Men­gen nach Deutschland ansführen können. Wenn auch Befürchtungen etwa wegen einer Hun­gersnot nickt am Platze sind, so kann doch mit Sicherheit darauf gerechnet werden, daß die Getreidepreise bettächtlich steigen, möglichen­falls fogar

einen besorgniserregenden Hochstand annehmen werden. Fast gewinnt es den An­schein, als ob bezüglich der Preisbildung die Verhältnisse des Jahres 1891 :92 wiederkeh­ren sollten, als infolge der Dürre die Ernte- aussälle gegen das Vorjahr 20 bis 35 vom Hundert erreicht hatten. Selbstverständlich wird die Spekulation zunächst noch die Er- brufebenräge während der nächsten Wochen ab- tvaricn müssen, bevor sie die Versorgung des deutschen Getreidemarktes auf lange Fristen ernsthaft in Angriff nimmt. An dieser Stelle