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matt deshalb seiner Erkrankung ernste Bedeu- tun« bei.

schäft ließ denn auch die Anklage wegen .Mit- täterschaft beim Betteln" fallen, beantragte aber Bestrafung wegen . . . Vergehen gegen die Armrnordnung. Auch hierauf ging indessen daS Gericht verständigerweise nicht, ein, sondern erkannte auf Freisprechung.

DerArchimandrit von Nazareth"

Wie wir kürzlich berichteten, wurde vor ei­niger -seit in Memmingen ein falscher .Bischof von Syrien" mit seinem Diakon verhaftet und ins Amtsgericht zu Monheim übergeführt. Am nächsten Tage wurden beide wieder freige« lassen, da ihre Papiere in Ordnung sein sollen. Der angebliche Bischof legte sich den Namen .Malek Benjamin Verbal, Archimandrit von Nazareth und Threnne in Asten" bei. Auch führte er in seinem Besitz Urkunden, nach denen es ihm angeblich gestattet war, Messen zu lesen und Meßgelder einzunehmen. Bei der Untersuchung wurde festgestellt, daß Verbal sie. den verschiedene Kleider übereinander trug; ferner fand man in feinem Besitz über 2000 Mark bares Geld und Karten des bayerischen Regierungsbezirks Schwaben und Neuenburg, dessen Klöster der Bischof mit seiner Gegen- wart beehren wollte. Als er in Monheim freigelassen wurde, begab er sich nach Donau- Wörth. Auf dem Bahnhof in Monheim for­derte er die anwesende Menge auf, nieder- tuknien und seinen Segen zu empsan- gen. Die Leute weigerten sich aber. Als er in Donauwörth verhaftet wurde, verlangte er, in ein Krankenhaus gebracht zu werden. Wie festgestellt wurde, beträgt die Summ« der bis- her erschwindelten Meßgelder über si e - bentausend Mark. Zwischen dem Deckel eines Gebetbuches sand man Scheine über Beträge, die er an ein Pariser Bankhaus ge­sandt hatte. Hieraus geht hervor, daß seine Angabe, er sammle das Geld für syrische Klö- ster, falsch ist. Der .Diakon", der bei der Ver- Haftung des .Bischofs" plötzlich verschwand, oll, wie der .Archimandrit" behauptet, nach der Schweiz gefahren sein, um dort sein Amt weiter auszuüben. Erst fetzt wird bekannt, daß der Pseudoarchimandrit in Anwesenheit des Bischofs Keppler im Dom zu Rottenburg die Messe in Bischofskleidern gelt« brierte. Auch aus Oesterreich kommen fetzt Nachrichten über daS Treiben de» falschen Bi. chofS. Go hat er schon im Jahre 1907 Vorarl- berg und den Bregenzer Wald unsicher ge» macht. Damals gab er an, er sammle für ein Waisenhaus in Speyer. GS sielen ihm bet dieser Gelegenheit über zehntausend Mark in die Hände. Der .Bischof" hat morgenländi- chen TvpuS und führt fyrische Gebetbücher und Schriften mit sich.

1. Beilage.

Donnerstag, 27. Juli 191!

Nr. 197.

Lrster Jahrgang.

tQs Die Welt im Kotzte des Sextaner» Der .Guck-Kasten" veröffentlichtKurze Nieder- schristen des Sextaners Fritz Wippke: in deutscher Ortographie und Interpunktion, herausqegeben von seinem unglücklichen Ober­lehrer."

Tie Bewohner des Geestlandes sind sehr arme Leute, welche Buchweizen und Kartoffeln anbauen, täglich auch Heringe.

Weimar ist eine künstliche Stadt: deshalb sieben Schiller und Goethe auf einem Postagent nebeneinander und verteilen einen Lorbeer­kran,.

Vom Niederwalddenkmal. Mtt der eine« Hand hebt sie die Kaiserkrone hoch empor, mit der andern singt sie gleichsam die Wacht am Rhern.

Der Main macht ein viereckiges Quadrat um den «Spessart mit drei Seiten, die oben offen sind.

Wenn man nicht weiß, wo Norden ist, braucht man sich bloß mit dem Rücken an die Sonne ju stellen. Aber es muß gerade zwölf schlagen, wenn sie scheint.

i . K. H.

Aur aller Welt.

Stambul, die Stadt des Schreckens.

(Telegraphische Meldungen.)

Konstantinopel, 26. Juli. (Pxi- vattelegramm.) I« welcher Höhe die Versicherungsgesellschaften von den Bränden in S t a m b u l in Mitleidenschaft gezogen werden, läßt sich vorläufig nur schätznngSweifr angeben. Wegen der ge­waltigen Ausdehnung des Brandherdes ist eine genaue Feststellung nicht vor Sonn­tag zu erwarten. Uebcr die Hälfte der von dem Unglück betroffenen Objette ist je­denfalls ganz unversichert. Von deutschen Gesellschaften sind beteiligt: Aachen, Mün­chen und Stettin, aber nur mit geringen Beträgen.

Die Stambnler Brände der letzten beiden Tage haben eine nicht zu unterschätzende p o - litische Bedeutung. Alles, was dem neuen Regime feindlich gesinnt ist, redet dem Volke ein, daß die Katastrophe eine Strafe des Himmels sei für die Verletzung der geheiligten islamitischen Sittenlehre und die gottlosen fremdländischen Neuerungen. Die Feinde der Negierung finden bei den abergläu- bifchen Orientalen williges Gehör, und die Er­regung im Volke wächst mit jeder Stunde. Auf der andern Seite sind die Anhänger des fetzi­gen Regimes fest überzeugt, daß eine von reak­tionärer Seite planmäßig vorbereitete und durchgeführte Reihe von Brandstiftun­gen vorliege, deren Zweck es fei, die Regieren­den einzuschüchtern und das Volk gegen sie aufzuwiegeln. Es sind bereits zahlreiche Ver­haftungen vorgenommen worden. Gegen­wärtig fahndet die Polizei auf die Individuen, die an beiden Enden der Galatabrücke unweit der Stützpfeiler brennende Zündstoffe niedergclegt hatten. Die Kerle wurden von mehreren Polizisten gesehen; da diese jedoch sich beeilen mußten, die Zündstoffe zu löfchen, um eine furchtbare Katastrophe zu verhüten, gelang es den Verbrechern, zu entkommen. Bei dem unaufhörlich slutenden riefigen Verkehr, der auf der Brücke herrscht, und angesichts der unmittelbaren Nähe der Hunderte von Schiffen und Nachen im Golde­nen Horn" und der großen Dampfer der.Mach- sussö- und Schirket-i-Hairie-Gesellschaft", deren Landungsplätze sich dicht an der Brücke befin­den. hätte die von den Verbrechern geplante Explosion ganz unzweifelhaft Hunderte von Menschen le ben gefordert. Die Stätte des Brandes, die sich unweit vom Goldenen Horn bis dicht an das Marmara-Meer aus- debnt, bietet einen schrecklichen Anblick: Soweit daS Auge reicht, sind nur rauchende Trümmerhaufen sichtbar. Die Obdachlosen, de­ren Zahl auf hunderttausend geschätzt wird, lagern im Freien, und unter der Maste der Armen herrscht unbeschreibliches Elend. Fast die ganze Bevölkerung durch­wachte in furchtbarster Auftegung die von allen Seiten durch Feuersbrünste erhellte Nacht. Die Lage ist unhaltbar und dürfte fehr bald eine vielleicht nicht unblutige Lösung finden. Sultan Mehmed. dessen Ge­sundheit schon seit seiner albanischen Reise zu wünschen übrig ließ, ist infolge der furchtbaren Auftegung, in die ihn die Stambuler Kata- strophe warf, nicht unbedenklich erkrantt. Die ' Aerzte haben ihm die äußerste Schonung ver- 1 ordnet. Der Sultan steht im siebenundsechzig- sten Lebensjahr, und im Mdiz-Kiosk mißt i

Konstantinopel, 26. Juli. (Privat««» leg ramm.) In Jedikuhle brach gestern ein «euer kleinerer Brand aus, der jedoch rasch lokalisiert werden konnte. Bet dem Bran­de im Balet wurden drei Synagogen und eine Schule vernichtet. Die Deputier­ten von Konstantinopel begaben sich gestern in corpore zum Großwesir, um ihm Vorschläge für eine großzügige Hilfsattion zu machen. Die Regierung hat der Presse bei strenger Strafe verboten, die Brände, die .ein ele­mentares Ereignis seien," als das Werk von Brandstiftern zu bezeichnen.

( Am Grabe desRadau-Barons".

So viel echte und falsche Brillanten und . auffallende Toiletten, Hüte von wahnsinniger Größe haben die biederen Berliner Nord­ender sicherlich noch nicht gesehen, als vorge­stern bei der Beerdigung einer im Nachtleben Berlins allbekannten Persönlichkeit. Der .Ra­daubaron" wurde begraben. Es war eher eine Tragödie denn eine Komödie mtt diesem bedauernswerten Menschen. Konstantin v o n Z. war der Sohn eines Posenschen Ober- appellationsgerichtsrates, der ihn auf feinen Wunfch MlM in Berlin studieren ließ. In ei­nem Lokal mit Damenbedienung fervierte fei« nerzeit eine junge Polin. Valeska, die der jun- ge Baron aus feiner Heimatstadt her kannte, und die ebenso schön wie liederlich war. Der Sohn eines reichen mecklenburgischen Ritter­gutsbesitzers beleidigte eines Tages das junge Mädchen in gemeiner Weise und ihr Lands­mann schlug ihm dafür das Deckelglas auf fei­nem Kopf entzwei. Mit den dafür erhaltenen fechs Monaten Gefängnis war die Karriere des jungen Mannes beendet, der nun zu sinken begann und bald ein ständiger Be­sucher aller Nachtlokale Berlins wurde. Die Mädchen baten ihm seine Heldentat nicht ver­gessen. Wenn er später kein Geld mehr hatte (was sehr häufig der Fall war, denn der Vater hatte ihn fallen lasten), wurde ihm ausgehol­fen. Als eine der Varieteedonnen auf den Ein­fall verfiel, bei seinem Einftitt ehern Tusch blasen zu lasten und er Gefallen daran fand, wurde dies allenthalben nachgeahmt und er hatte seinen Spitzüämen weg. Zuletzt fristete der durch sein Bummelleben früh Gealterte durch Klavierstimmen und Musikreparaturen sein Leben. Zu feiner Beerdigung wurde in den Kreisen der Halbwelt gesammelt und ein reicher Beitrag kam zustande,

*

Gerechtigkeit muß sein!"

Ein mehr als sonderbares Strafmandat gegen einen verantwortlichen Redakteur be­schäftigte das Schöffengericht Dresden- Kötschenbroda. Im Avril dieses Jahres erschien in dem Coswiger Tageblatt eine An­zeige folgenden Inhalts: .Welch edle Seele hilft einer alleinstehenden .gebildeten, jungen Frau und Mutter dreier Kinder, die durch langjährige Krankhett ihres Gatten gänzlich zugrunde gerichtet und verarmt ist, sosott mit einem Scherflein aus bitterster Rot?" (Folgt Namensunterschrift der Einsenderin.) Der verantwortliche Redatteur des Tageblatt hatte keinerlei Bedenken gegen die Ausnahme dieses Inserats. Unmittelbar nach dem Er­scheinen dieses Inserats erschien nun in der Redaktion des Coswiger Tageblatts ein Po- IUeibeamtet, um den verantwortlichen Redatteur nach seinen persönlichen Verhältnis, sen zu beftagen, und wenige Tage später er- hielt er . . . wegen Betteln» einen S» fbefehl über einen Tag Haft!

Redatteur hätte durch die obige Annonce in bewußtem und gewolltem Zusammenwirken mit der Einsenderin und Auftraggeberin frem« de Personen um milde Gaben angesprochen! Der nicht wenig überraschte Cbeftedatteur be­antragte gegen diesen Strafbefehl sosott ge- richtliche Entscheidung. Die Staatsanwalt-

erschütterungsepidemie unter den Beamten ausgebrochen war."

»Ich begreife nichts wie man humoristisch fein kann, das wäre nichts für meine Herrin," nuschte sich eine schmelzende Stimme ins Ge­spräch.

.So, die macht wohl in Tragik?"

»Ja, sie ist lyrische Dichterin. Hochmodern und sehr produttiv. Täglich verfertigt sie fünf­undzwanzig Gedichte, jebeS eine Perle in dem Meere der Poesie."

.Wohl auch so wässettg," konnte es sich die Humoreske nicht enthalten zu witzeln.

.Sie liebt uns wie ihre Kinder. Wenn sie uns in die Welt hinaus schickt, geschieht es blu­tenden Herzens. Und kehren wir wieder, und wir kehren wieder, denn wir sind treu und an­hänglich, so zerdrückt sie stets eine Träne der Rührung in ihren schönen Augen."

Vom andern Ende des TjscheS ertönte jetzt ein empörter Aufschrei:

.DaS ist unerhört^ mein Herr, wie können Sie es wagen, mich zu belästigen." Nun ein cynisches Lachen. .Sie scheinen nicht zu wis­sen, mit wem Sie es zu tun haben, ich bin ein frauenrecktlettscher Artikel, und ich verabscheue die Männer, hören Sie mein Herr, ich verab­scheue sie. Lassen Sie mich los, oder ich rufe die Polizei."

Das cynische Lachen erschallte wieder, aber in verstärktem Maße. .Die Polizei, auf die pfeife ich. Na ja, meine Damen, ich und meine Brüder, wir ftisten unser Leben überhaupt nur von polizeilichen Beschlagnahmungen, und ich versichere Sie, wir stehen uns nicht schlecht da­bei. Fragen Sie mal meinen Verfasser und feine Abnehmer. Haut goßt, soviel, daß die Polizei sich schließlich die Rase zuhält, das macht lebensfähig, glauben Sie mir, meine Herrschaften."

»Es ist empörend, mit welchem Gesindel man hier zufammengeworfen wird," entsetzte sich die adlige Novelle.

»Da pflichte ich Ihnen vollkommen bei, mein gnädigstes Fräulein." Es war eine tiefe, «tortiee Stimme, die jetzt da» Wott ergriff,

Mann ihrer Sehnsucht!Wenn meine Arbeit genommen und veröffentlicht wird, mein Lieb," so hatte er zu ihr gesprochen, .dann mieten wir uns ein kleines, trauliches Nest, und bann bleibst Du bei mir als mein geliebtes Weib." Und nun lag das weiße Manuskript so träume­risch und versonnen da. es mußte nur Immer an die beiden denken, die ihr Glück von ihm erhofften . . .

Der Lärm und daS Geschwätz das Kichern und Erzählen ging noch eine ganze Weile fort, bis plötzlich ein schwerer, dumvfer Schlag dem allen ein Ende bereitete. Nun ist die Geister- stunde vorüber, die graue Nüchternheit ist wie­der in ihre Rechte getreten. Was da noch eben Leben und Seele zu haben schien, was da ge­lacht, geprahlt, geschwärmt und gejauchzt hat . . . das liegt jetzt wieder da. stumm und tot , ein einfaches, gefühlloses Stück Papier.

Ende.

Wie einWunder" entsteht.

In einem galizischen Dörfchen bei Sam» hör bemerkten vor einigen Tagen zwei junge Hittinnen, die das Vieh der Bauern hüteten, über dem nicht weit entfernten Dorfbrunnen ein geheimnisvolles Licht, das sich hob und senkte. Voll abergläubsscher Furcht eilten sie nach dem Dorfe und benachrichtigten von dem .Wunder" die Bauern, die in Scharen herbeieilten und vor dem Brunnen auf die Knie fielen. Die Kunde von dem wunderbaren Licht verbreitete sich mit unglaublicher Schnel­ligkeit in der ganzen Umgebung. Zahlreiche Prozessionen aus d!n benachbarten Dör­fern kamen singend und betend und bestaunten die seltsame Erscheinung. Natürlich dauerte es nicht lange, bis sie alles Mögliche und Unmög­liche in ihrem abergläubischen Wahn zu sehen vermeinten. Der ruthenische Pope ließ die er­wünschte Gelegenheit nicht vorübergehen und benutzte die Wunder dazu, für den Kirchen- bau Gelder zu sammeln. Di« Behörden, die sich mit dieser Angelehenheit befassen zu müssen glaubten, ließen die Sache untersuchen und fanden die ebenso einfache wie natürliche Ettlärung des vermeintlichenWunders". Irgend ein Spaßvogel hatte nämlich in eine Spalte der Brunnenfassung eine . . . Spie­gelscheibe gelegt, die in dem grellen Son­nenlicht dasheilige Licht" verursachte.

kam nach Ihnen." Ich erschrak gewaltig; vol­ler Angst und Schlaftrunkenheit begriff ich gar nichts. Ich kleidete mich an. Man fetzte mich, den Knecht Gottes, auf ein Wägelchen und wir rollten davon. Im Palais angelangt, wurde ich in den Empfangssaal gefiihrt und dem Kammerdiener übergeben. Dieser ging, um mich zu melden. Ich stand da. weder tot noch lebendig Da erschien der Kaiser Paul Petrowitsch, übergibt mir ein versiegeltes Schreiben und geruht zu befehlen:Begebt Euch in di« Peter-Paul-Festung. händigt die­sen Brief dem Kommandanten ein und bringt Mix Antwott." Wieder setzten wir uns in das Wägelchen und fuhren zur Festung. Wir kom­men an, man führt mich zu dem Kommandan­ten. Dieser wird geweckt und erscheint. Ich reiche ihm das Schreiben. Er öffnete es, sagte dem diensthabenden Offtzier etwas und dieser entfernte sich. . .Kommen Sie," wendet der Kommandant sich an mich. Nun, denke ich mir,

Kalserhos-Seheimnissr.

Ei« düstere Episode rnsfischer Selbstherrschaft. (Von nnferm Korrespondenten.) £ Petersburg, 24. Juli.

Ei« dichter Schleier des Geheimnisses schwebt um eine Episode aus der Zeit des Kaiser» Paul, die der russische Publizist Stachowitsch nach der Erzählung des be­kannten Slawophilen Kirejewski in dem .Russtt Archiv" soeben einem weiteren Leser­kreis weitergibt. Ein Freund ober Ver­wandter von Kirejewski fand bei einer Reise durch entlegene Strecken des Gouvernements Kaluga im Spätherbst Rachtunterkunst bei einem greifen Gutsbesitzer. Der ehrwür­dige Alte erzählte bei dieser Gelegenheit zur Unterhaltung seines Gastes, auf welch unge­wöhnliche Art er zu seinem recht ansehnlichen Besitztum gelangt war. Der Gutsbesitzer hatte in feiner Jugend in den Truppen des Cäsare- witsch Paul gedient und war diesem persönlich bekannt. Später wurde er in das Preobra- shenskische Gardexegimeni versetzt. Einst (be­gann der Greis) wurde ich in der Nacht plötz­lich von meinem Burschen geweckt:Euer Hoch­wohlgeboren, geruhen Sie aufzustehen,

ein Feldjäger aus dem Palais

bete ich für den Märtyrer, »seinen Namen kennst Du, o Gott" . . . Und noch heute denke ich mit Grauen daran, welchem Umstand ich mein Glück verdanke ... Der alte Gutsbesitzer brach in Tränen au8 . . . Auch andere Memo­iren aus der Zeit des Kaisers Paul erwähnen diese geheimnisvolle Episode, doch der N a m e des also Hingerichteten ist bis heute noch nicht bekannt und die Tragödie am Newa-Ufer deckt für ewige Zeiten das Geheimnis der Geschichte.

War der Schreibtisch rauscht!

Bon Anna Julia Wolff.

Acht, neun, zehn, elf, zwölf, erschallte es von dem großen Regulator in dem Redaktions- zimmer der Deutschen Tagespost. Auf dem Schreibttsch des Redakteurs fing es an, leben­dig zu werden. War das ein Raunen und Wispern, ein Zischeln und Tuscheln da unter den weißen Blättern. Ei, da gab es was zu erzählen. Rur immer näher, meine Damen und Herren, .spitzen Sie gefälligst die Obren, es verlohnt sich schon, da mal ein Stündchen zuzuhören.

...Ach, Sie verzeihen, meine Herrschaften," ertönte eine feine, etwas hochmütige Stimme. Sie haben wohl die Freundlichkeit, mich ein wenig über das Milieu- bier aus,uttären, Ich fürchte nämlich, ich bin hier vollkommen de­plaziert."Was meinen Sie, dies wäre eine Zeitung mit liberaler Gesinnung? Fi donc, fi donc! Und ich bin eine Novelle, die in den adligsten Kreisen spielt. Ein junger Reichsgraf mtt fünfbundertjährigem Stammbaum verliebt sich bei mir in eine verirable. bvverblaublütige Prinzessin. O, mon dieu, wie komme ich von hier fort?"

Ra, dis wird schneller geschehen, als Sie denken, Fräuleinchen," meinte ein etwas nase­weises. zwei Bogen starkes Manuskript,glau­ben Sie mir, ich habe Erfahrungen auf diesem

Wer sind Sie denn?" fragte die Novelle indigniert.

»Ich? Ich bin eine Humoreske, urkomisch, sage ick Ihnen, der olle Bendix ist ein Waisen­knabe gegen mich. Feiner Witz, was, auch von mir. Sie haben ja gar keine Ahnung. Fräu­leinchen, wie humoristisch ich bin. Mein Ver­fasser, ein Ministerialdirettor. hat mich allen seinen Unterbeamten vorgelesen. Ich sage Ihnen, auf dem Bauch haben sie sich gewälzt vor Lachen. Da- Bureau mußte am nächsten Tage geschlossen werden, weil eine Zwerchfell-

jetzt bin ich verloren!

Wir gehen aus dem Hause über den Platz und nähern uns den K ä f e m a 11 e n. Die Wache erscheint: Aufseher mit Laternen eilen heran. Wir bleiben vor einer Tür stehen; der Kom­mandant weist auf das Schloß. Ein Schlüssel­bund wird ihm gereicht, das Schloß springt auf, die Tür knarrt in ihren Angel« und gebt auf . . . In der Mitte der Kasematte lag ein ehrwürdiger .Greis mit langem weißem Bart auf den Knien und betete. Er wurde hinausgeführt. Wir alle folgten ihm fchweigend und näherten uns der Newa. An dem Ufer stand ein Boot mit zwei Bootsleu­ten. Der Kommandant, zwei Soldaten, der Greis und ich fliegen ein. Dem Alten wurden Ketten »n Händen und Füßen ange­legt und wir fuhren ab. Das allgemeine Schweigen dauert fott, der Greis betet, wendet sich zur Kathedrale und schlägt das Zeichen des Kreuzes. Wir hätten das Meer erreicht. Plötz­lich packen die Soldaten. den Alten und werfen ihn in das Wasser.

Wie ein Stein sank er zu Grunde ...!

Als die Kreise auf dem Wasser sich geglättet hatten, kehrten wir um. Ich blickte in einem fort hinter mich und betete. Wir kehrten in die Festung zurück.Begeben Sie sich zu Seiner Majestät," gebot mir der Kommandant,und übergebe« Sie ihm. was Sie gesehen haben." Ich tat, wie mir befohlen war und wartete im PalaiS. Der Kaiser erschien und ich berich­tete. »Ihr könnt gehen," geruhte Seine Ma­jestät zu sagen und entfernte sich. Am folgen­den Tage erijieft ich meinen Abschied mit einer Schenkung von hunde.tt Leibeigenen int Gou­vernement Kaluga, und den Befehl, beständig dort zu leben . . . Run sind es schon übet vierzig Jahre, daß ich hier lebe (schloß der Greis seine Erzählung): Morgens und abends

und sie rührte von einem ühetlebenSdicken Ma- nustript her, das fast die ganze Mitte deS Schreibtisches in Beschlag nahm.

»Ich glaube, meine Gnädige, wir gehören wohl beide nicht hierher, und nur die tiefst« Unkenntnis unseres Wertes konnte un» an die­sen zweifelhaften Ott verweisen."

Mit wem habe ich denn die Ebre?" fragte die Novelle mit kokettem Augenaufschlag.

»Ah, Pardon, meine Gnädigste, ich habe mich Ihnen wohl noch gar nicht vorgestellt. Sie gestatten: Alarich, der Gothenkönig, Ro­man in vier Bänden."

O, wie interessant," hauchte di« Adlige verzückt.

»Nun ja, meine Gnädige, ich darf mich wohl rühmen, so ganz uninteressant ist mein bisheriges Leben ja nicht verlaufen. Gott, was habe ich alles erlebt und gesehen. Ich bin eben keine Alltagsnatur und kann nicht an der Scholle kleben. Ich habe mir die Welt ange­sehen und Länder und Menschen kennen ge­lernt."

Sind Sie denn auch schon einmal zurück- geschickt worden?"

Zurückgeschickt! Welch' greulich profanes Wott. Können Sie es denn nicht begreifen, daß jemand von meiner markanten Individu­alität sich nicht in jeden engen Rahmen hinein­zwängen läßt? Natürlich hat man mich zu­rücksenden müssen; aber niemals ist es ge- ichehen, ohne daß man auf das lebhafteste be­dauert hat, von einer Veröffentlichung meiner­seits Abstand nehmen zu müssen. Dreiund- vierzigmal hat mein Herr dieses lebhafte Be­dauern schwarz auf weiß zu verzeichnen."

Wenig beachtet von den andern lag da ein ziemlich umfangreiches Manuskript von bluten« haftet Weiße. Es wat mit einer feinen, senfi- riven Frauenhand geschrieben, in jeden Buch­staben schien die Schreiberin eine Welt von Liebe bineingelegt zu haben. Und so war es die diese glühenden, gewitterschwü­len Liebesworte uiedergeschrieben, war ein heiß begehrcndes Weib, und er, au» dessen In- nerßem Hera»» sas Werk geboren, er war her