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Nummer 197.

1. Jahrgang.

Csffrkr Abendzeitung

Frrasprrcher 951 und 952.

Donnerstag, den 27. Juli 1911

Fernsprecher 951 und 952.

direkt auszusprechen, formell verständigt wor-

bnsfland im Marotto-Spiel.

(Privat-Telegram m.)

Wie uns weiter aus London berichtet wird, erklärte Premierminister Asquith ge­stern im Unterhaus in Beantwortung einer Krane Balfours, am Donnerstag werde gele­gentlich der Beratung des Etats für das Aus­wärtige Amt von der Regierung eine Er- klärung über die auswärtigen An­gelegenheiten abgegeben werden. Die internationale politische Konstellation hält den König in London zurück. Der gestrige Vormit­tag war für den König sehr arbeitsreich. Nach einer Desvrechung mit Llohd George und As- auitb fuhr der Staatssekretär des Aeußeren, Sir Edward Grev. nach dem Buckingham-Pa­last, wo er eine längere Unterredung mit dem Könige hatte. Bei der Vorbesvrechung der Minister war der englische Botschafter in Pa­ris, Sir Francis Bertie, im Auswärtigen Amt anwesend. Die Porbelprechung dauerte meh­rere Stunden und in politischen Kreisen wird ihr große Bedeutung beigemessen.

einließ. Er erkundigte stch nach ihren Verhält­nissen und half nicht selten mit ansehnlichen Geldspenden. Indessen die Anfechtungen, die ibm. wahrlich nicht erspart blieben, der hart­näckige Widerstand seiner Gegner und seine eigene geistige Vertiefung habe» itubaS. schöne volle Antlitz Giovanni Sartos strenge, harte

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Menschen fände, dem es in der Sprache seines Herzens sein Leid, seine Kämpfe und Röte klagen könnte! Man muß sich in die verzwei- elnde Seele des Kindes hineindenken können, wenn in ihren tiefsten Tiefen aus einem Meer

dem deutschen Botschafter in London in be- timmter Form die Zusicherung gegeben, dost fit stch, solange die Berhandlungen in Ber­lin dauern würden, vollkommen zurück- halten werde. Danach stelle also daß Vor­gehen des britischen Schatzkanzlers einen gro­ben Bruch internationaler diplo­matischer Sitte dar.

den, auftaucht; wenn Lebensebnsucht und Verzweiflung im empfänglichen Hirn kindlicher Vorstellungwelt einen furchtbaren Kampf kämpfen und dann srWeßlich die Furcht, der

Es scheint sich also am maurischen Himmel, der in den letzten Sommertagen noch im tiefsten Blau der Hoffnungsfreudigkeit erstrahlte, ein Ungewitter zusammenzuziehen. Daß die Situation im Augenblick wenig vertrauener­weckend ist, dafür sind mancherlei Anzeichen vorhanden: man weiß nur noch nicht, wo die Ursachen der möglichen Komplikationen zu su­chen sind. Die in Berlin zwischen den Herren Cambon und von Kiderlen-Waechter gepfloge­nen Verhandlungen lassen zwar noch keinen sichtbaren Fortschritt erkennen, es ist aber trotz­dem anzunehmen daß sich diese Prälimina­rien ohne Konfliktgefahr abwickeln werden. Bleibt also nur die Annahme, daß die fortdau­ernden Reibungen zwischen Frankreich und Spanien im Marokkohandel, das Miß­trauen zwischen den beiden Mächten und die wiederholten ernsten Zwischenfälle in' Elksar die Situation verschlimmert und die Gefahr eines Konflikts heraufbeschworen haben. Da­mit dürfte auch die unvermittelte Reise des Königs von Spanien nach London in Zusammenhang zu bringen sein: Wie Lon­doner Blätter berichten, trifft König Alphons früher als zuerst beabsichtigt gewesen, in London ein. Er wird bereits in den ersten Ta­gen der nächsten Woche London besuchen und istan glaubt in englischen politischen Kreisen, daß der frühere Termin des Besuchs im Zu­sammenhang mit den marokkanischen Ereignis- sen steht. Inzwischen hat nun gestern abend in London ein Kabinettsrat stattgefunden, und da gerade in Verbindung mit der gestrigen M i- nisterbesprechung die Marokko-Situation als kritisch betrachtet wird, darf man auf die weitere Gestaltung der Dinge gespannt sein.

Das KrlkM-NWo vergrößert!

(Privat-Telegram m.)

Es erregt in Londoner nolitischen Kreisen großes Aufsehen, daß die Versicherungsgesell­schaftLloyd" erklär, vom neun en August ab werde sie keine Versicherung gegen Kriegsrifiko mehr übernehmen. Dieser Entschluß desLloyd" wird auf die mnrokkani- so'cn Schwierigkeiten zurückgeftihrt und in po­litischen Kreisen lebhaft kvmmenttert. Man erblickt darin eine Bestätigung der Meldungen über die kritische Zusvitzung der maroftanischen Situation und die Möglichkeit von Konflikten. Im Gegensatz dazu wird als beruhigendes Zeichen die Nachricht bekannt, daß die in Eng­land lebenden deutschen Reservisten, die zu den Herbstmanövern einberufen waren, auf ihr Gesuch von der Teilnahme an den Ma- növern dispensiert worden sind.

(Depeschen der Casseler

London, 26. Juli. (Privatte­legramm.) Wie von hiesiger wohlin­formierter und zuverlässiger Seite verlau­tet, wird in maßgebenden Kreisen Eng­lands der augenblickliche Stand der M a - rokkofrage als ziemlich kritisch erachtet. Gestern abend fand ein außeror­dentlicher KabinettSrat statt, der sich einge­hend mit der gesamten politischen Konstel­lation befaßte. Beschlüsse des Kabinetts­rats sind noch nicht bekannt geworden. Bei der Vorbesprechung der Minister war der englische Botschafter in Paris, Ber­tie, anwesend.

Wir rühmen unS deS Vorzugs, daß unser nationales Erziehungwesen daS vollendetste der modernen Kulturwelt, sei, und haben auch (was den tein schulmä ß i g-w issen- schaftltchen Charakter der Erziehung an- belangt) ein Recht dazu. Daß unser hochent­wickeltes Erziehung-System aber nicht gleich­zeitig auch die sittlichen Kräfte der Heran­wachsenden Generation gefestigt hat, beweist die Statistik der Jugend-Tragödien, und es ist deshalb wirklich kein Anlaß zu stolzer Befrie­digung gegeben, denn ein betrüblicheres und erschütternderes Zeugnis für die Schwächen unsrer Kultur kennt die Geschichte kaum. In jüngster Zeit ist (als die Tragödien der Jugend sich förmlich epidemisch häuften) über daS Thema der Schüler-Selbstmorde mancherlei ge­sprochen und geschrieben worden, und es hat schließlich die Annahme Geltung gefunden, daß beim Durchschnitt dieser Katastrophen jungen Lebens psychische Defette, erbliche Belastung und andre, im Seelenleben der Unglücklichen wurzelnde krankhafte Erscheinungen die Ursache der Flucht vorm Leben seien. Daß diese An­nahme der TageSmeinung so rasch geläufig ge­worden, bat seinen Grund offenbar in ihrer nahen Anlehnung an die Gewöhnung unsrer Zeit, alles Befremdende unterm Gesichts­winkel psychologischer Degeneration zu betrach­ten. Die Statistik beweist indessen das-Gegen­teil: Von hundertsiebzig Jugend-Tra­gödien, die in ihren Tatumständen und Moti­ven untersucht wurden, entfielen nur ein- u n d d r e i ß i g ans Krankheiten des Gebirns. Störungen der Geistestätigkeit oder erbliche Belastung: mehr als Vierfünftel aller Selbstmorde aber waren auf äußere Einwir­kungen, mts (erwiesnen) Lebensüberdruß und auf Furcht vorm Elternbaus zurückzufübren!

Professor Gerhardt (der neben Gurlitt sich eingehend mit dem Wesen und den Ursachen der Kinderselbstmorde beschäftigt hat) mißt die Hauptschuld an demBrandmal unsrer Kul­tur* der Familie und dem Elternhaus bei und klagt die moderne Kinder-Erziehung im Schoß der Familie der Verständnis­losigkeit gegenüber dem Empfinden des Kindes an: Kein Kind würde seinem Leben

durchbebt die schreckliche Stunde innern Kampfs mit den gleichen Empfindungen wie der in deS Schicksals und der Leidenschaften Schule Ge­reifte, und wenn sie den verhängnisvollen Schritt ins Land der Schatten tut, fällt über dem Drama einer Menschenseele der Vorhang, ehe noch des Lebens Schicksal-Mittag über di«» fern Dasein aufgestiegen.

Schule und Haus! Gurlitt klagt die Schu» l e an, daß sie über dem Schemawerk pädago­gischer Taawe'-kelei die Erziehung der Jugend zu gesundem, kräftigem Menschen- tum vernachlässige: Es fehle der Heranwach­senden Generation des zwanzigsten Jahrhun­derts im Zwinger der Schule an Licht und Luft, an Freiheit und Entwickkunqmöglichkeit, und die Freude am Dasein und Leben werde snstematisch erstickt unter einem Wust öder ..Wissenschaftlichkeit", der die jugendlichen Hirne erdrücke und allen Frohsinn natürlicher Jugendlust scheuche. In keinem Land der Welt behandle man die Kinder so brutal tote bet uns: Man raube ihnen die Jugend, um sie des Lebens Härten auszuliefern, ehe Körper und Geist notdürftig zur Reife gekommen, und es fei deshalb eine harte, aber durch fchwere Schuld begründete Anklage, wenn von einsicht- vollen Volkerziehern die moderne Jugendbil­dungmethode als ein unverzeihliches und un­entschuldbares Verbrechen an der Zukunft der Nation verdammt werde. Edle Menschlichkeit (ruft Gurlitt aus) fördert als Gebot natür­lichster Humanität den Tierschutz in jeder Form; wo aber sind die Schirmer und Be­schützer unsrer Jugend, die das kostbarste Gut nationalen Besitzes, die Zukunft deS Volks, vor bett Schäden eines auf das Dressurprsyzip gestimmten Erziebung-Soll-'mS und vor dem Vedbängnis früher Verztoeif- lungtat bewahren...? Manches an diesen Wor­ten mag unS hart und schrill ins Ohr Mngen, manches wie ein ftüchtiger Hauch aus prunken­dem Glanz über den glitzernden Schild unsre- Kultur-Ruhms hinweghuschen: Die ellbundert- zwssttndfünfzig Jugend-Tragödien aber, die das Gewissen des zwanzigsten Jahrhunderts wie eine schwere Anklage belasten, sind eine ernste Mahnung an Schule und Haus, und GurlittS bitttes Wort über die Humani­tät, diedas Tier schützt, die knospende Menschheit aber mitleidlos dem Verderben überläüt-, gewinnt angesichts der Riesenzahl der Opfer inhaltschwere Bedeutung...! F.EL

gegenüber in feiner letzten Rede angeschlagen hat, konnte den hiesigen Eingeweihten Kreisen keine Ueberraschung bereiten. Man wußte in diesen Kreisen, daß die britische Diplo­matie in den letzten acht Tagen in ihrem Verhalten gegenüber der deutschen Marokko­politik eine große Umwandlung hat

Durch Md Murr mit Frankreich?

(Privat-Telegram m.)

Aus London wird uns weiter berichtet:

Wilhelmftraße und Luah d'Srsay.

(Privat-Telegram m.)

DieKölnische Zeitung^ hält dem Pariser Temps" (dem Organ deS französischen Mini­steriums des Aeußeren) an leitender Stelle den schrosfen Gegensatz der französischen und der englischen Auffassung der Marokkoan­gelegenheit (welch letztere imDaily Tele- uravb" gekennzeichnet ist) entgegen. Sie schreibt: Will Frankreich die Dinge in Marokko nicht auf den Stand zurückführen, der in Alge­ciras festgelegt wurde, so möge es stch nicht wundern, daß man in Deutschland mit der eng­lischen Auffassung sein Verfahren als die Ein­verleibung Marokkos in das fran­zösische Kolonialreich auffaßt und stch einer solchen Verschiebung deS Status quo vor den Toren Europas widersetzt. Hierbei han­delt es stch nicht mehr um koloniale Angelegen­heiten, sondern um eine M a ch t f r a g e. die in Europa zum Austrag kommen muß. Das hat man in Deutschland allgemein verstanden; ob das au» in Frankreich der Fall ist, wissen wir nicht, aber wir meinen, wenn zwischen zwei Völkern von einer derartig empfindlichen Vergangenheit, wie die deuisch-franzö- stsche. solche Dinge auf dem Spiele stehen, dann dürfte die Mahnung nach hüben wie drüben, nicht mit Steinen zu werfen, am Platze fein.

Berlin. 26. Juli. (Privattele - aratnm.) In hiesigen diplomatischen Krei­en wird z« der sennsotionellen ..Mahnungs­rede" Lloyd Georges erftärt, England fei von den Plänen Frankreichs und Deutschlands, stch über die marokkanische Frage zunächst

Neuesten Nachrichten.)

eintreten lassen. Während bis zur jüngsten Zeit die englische Regierung der deutschen Aktion in Marokko ziemlich gleichgültig zugeschaut hatte, ja sogar eine Verschiebung der Besitzverhält­nisse der europäischen Mächte in Afrika nicht ungern gesehen hätte, sieht man nunmehr das Vorgehen Deutschlands in Ma­rokko mit andern Augen an. In der Hauptsache dürste dies wohl auf die Bemühun­gen Sir Francis Berties, des engli­schen Botschafters in Paris (der sich zurzeit in London aufhält) zurückzuführen fein. Bertie war von jeher neben dem verstorbenen König Eduard einer der wärmsten Befürworter der englisch-französischen Entente Sollte dieser Umschwung von Dauer sein, so kann man wohl erwarten, daß das englische Kabinett in der Maroklosrage mit Frank­reich durchDickundDünn gehen wird.

Marokko-Komplikation

Die Situation wird in London als kritisch betrachtet!

von Tränen der Gedanke gn den Abschied vom ------ Leben, an das ewige Scheiden von allem, das ein Ende machen, wenn «s nur einen liebendem Empfinden der juvaen Seele teuer gewor»

Den herausfordernden Ton, den der englische »en. Die englische Regierung habe daraufhin Schatzkanzler Lloyd George Deutschland^

Kinder unserer zeit.

Elfhundertzweiundfünfzig Kinderfelbstmorde A, in zwanzig Jahren!

toifi dem Briefe eines Pädagogen:... Und wäre unsere Schule daS Ideal deS nationalen BildttugSmUtel«: Tie Anklage, daß sie die Jugend überlastet und infolgedessen ihre Entwickelung einerseits überhastet, auf der anderen Seite aber mit gewaltigem Truck'hemmt, kann nicht von ihr genommen werden. Die besten und einstchtigsten unter unfern Jugendbildnern predigen seit Jahren die Dringlichkeit einer (Reform unserer Schule mit dem Ziel, die Schulerziehung der natürlichen Entwickelung unserer Jugend anzupaffen. Mer unser« Schul - Wiffenschaft mag offenbar nicht vom Denkmal. Sockel deS Rekords herabfteigen. Lieber opfert st« die Statur, um der Wissenschaft- lichkeit de» Ruhm zu stchern .. .1"

Ein greifet Lehret froher Jugendjahre, Hessen Ehrentag jüngst die Kulturwelt in rau­schenden Dithyramben feierte, schickte mit gestern ein (schon vergilbtes) Zeitungblatt, daS in dürren Worten eine furchtbare Tra­gödie unfrer Zeit kündete. Das Blatt enthielt den Bericht über einen von Professor Gurlitt im Deutschen Monistenbund in Ber­lin gehaltnen Vortrag, in dem bet Gelehrte das Thema ,det Kinder-Selbstmorde behandelte, und die zitternde Hand des alten LehrerS hatte an den Rand des Blattes die Worte gekritzelt:Schreit hier nicht mehr Menschen-Schicksal, nicht düsterere Lebens- ttagödie zum Himmel, als aus dem Diploma­tenhandel und dem politischen Gezänk vieler Jahrzehnte . . Wer Gurlitt gehört und seine Anklagen gegen daS Erziehung-System unsrer Tage vernommen bat, wird die Frage nicht verneinen wollen: Innerhalb zweier De­zennien, in der Zeit von achtzehnhundertein- undachtzig bis neunzehnhunderteins, waren innerhalb der Reichsgrenzen nicht weniger als elshundertzw eiundsünf zig Schü­ler- und Kinderselbstmorde zu be­trauern und achthundertzwölf dieser Jugend- Tragödien entfielen davon allein auf die nie» bem Schulen, also auf biejenigen Erziebung- anstalten, in benen bie Stinber der breiten 3Raffe des Volks für den Kampf mit dem Leben herangebildet werden. Achtundfünfzig Jugend-Tragödien in jedem Jahr: Die Ziffer des Verhängnisses redet eine einbring« liebere Sprache als die überzeugendste Beweis­führung volk-pfchologischer Erkenntnis über das Wesen dersittlichen Jugend-Entkräf- tung', und mahnt zu ernster Einkehr.

Ekel vorm Sein, »der das bleiche Gespenst der Not den Willen zum Leben im letzten Auf­bäumen nieberingen: Auch bie Jugend opfert ....Ullt

«icht ihr Leben einem flüchtigen Impuls; sie Falten gegraben, sie haben feinem Hang zu

Rach acht Fahre».

Pius der Zehnte und fein Pontifikat. (Son unferm Korrespondenten.)

Ä Rom, 25. Juli.

Als Giovanni Sarto vor acht Jah­ren (am einunddreißigsten Juli neunzehnhun- bertbrei) bazu berufen wurde, die Tiara zu tiagen, da bemächtigte stch des einfach-liebens­würdigen Mannes ein ehrlicher Schauder. In den ersten Monaten nach seiner Erhöhung schien er sich zu schwach für solche Ehre zu fühlen und von jedermann Verzeihung für fein unerwartetes Glück zu begebren. Sein un­gewöhnliches Gebahren erreate Aufsehen. Man hatte noch nie von einem Papst gehört, der seine Besucher durch Umarmungen und Kusse auSieirfmete, sie höchstselbst zur Tür geleitete. Sein Vorgänger, der prunkliebende Leo der Dreizehnte, kultivierte das feierliche fpanifche Zeremoniell mit unerbittlicher Festigkeit an seinem Hoflager. Er ließ fogar die ältesten Kardinale vor sich stehen und veissäumte es nie, Prälaten. Monsignori, kirchlichen und welt­lichen Würdenträgern den Fuß zum Kuß ent­gegen zu batten. Statt dessen streckte Pius febetjt auf die natürliche Weife die Rechte ent­gegen. Gerade wegen des starken Geaenfatzes wurde diefe Schlichtheit lebhaft empfunden. Mit dem Patriarchen von Venedig schien ein neuer, in vielen Dingen revolutionärer Geist seinen

Einzug rn den Vatikan gehalten «n haben. Ohne die in denVorzimmern und Korridoren diensttuenden Beamten zu be» nachrichti"»n. obne bie übliche Eskorte der Guardie Nobili und der traditionellen Schwei» »et, nur von seinem vertrauten Vrivatlekretär, Monsignore Brefsan, begleitet, ver­ließ er häufig seine Privataemächer. um das Labvrinib des vaiikanifchen Palasts zu ent­rätseln. Oft tauchte et plötzlich in den Loggien, den Museen, den vatikanischen Garten auf wo­bei er sich mit Vorliebe in vertrauliche Gespräche mit den Handwerkern